Noch so ein USA-Export
Franz Stuhlhofer veröffentlichte im Jahre 1992 ein interessantes Buch.
Schon einleitend sieht sich Stuhlhofer, dem man ein durchaus wohlwollendes Verhältnis zu evangelikalen Kreisen unterstellen kann, ja die ihm persönlich auch sehr nahestehen. Schon einleitend sieht sich Stuhlhofer in seinem den Irrtümern der Endzeitspzialisten gewidmeten Buch "Das Ende naht!" zu dem Ausruf genötigt:
"Wie reagieren wir jedoch, wenn in unseren eigenen Reihen Ähnliches vorkommt? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß wir hier oft mit zweierlei Maß messen. Was bei anderen - etwa Zeugen Jehovas - scharf verurteilt wird, wird bei uns selbst wesentlich nachsichtiger beurteilt." Und an anderer Stelle äußert er:
"Ich konnte die Zeugen Jehovas dieses Verhaltens wegen kritisieren - ohne mir dessen voll bewußt zu sein, daß ähnliche Verhaltensweisen auch in meiner eigenen Bewegung verbreitet sind". Und weiter:
"Wenn ich hier einen Vergleich mit den Zeugen Jehovas anstelle, so würde ich mich nun gerne beeilen hinzuzufügen, daß man diese ZJ natürlich in keiner Weise mit evangelikalen Endzeitautoren vergleichen kann. Leider kann ich das nicht hinzufügen, denn es gibt eine ganze Reihe von Parallelen zu manchen Evangelikalen".
Ferner:
"Daß oft mit zweierlei Maß gemessen wird, läßt sich etwa im Buch von William Goetz erkennen. Einerseits wird darin das Buch Alter Planet Erde wohin von Hal Lindsey empfohlen (S.47) - ein Buch mit vielen falschen Vorhersagen. Andererseits werden die Zeugen Jehovas und andere ihrer falschen Vorhersagen wegen als "Endzeit-Wirrköpfe" bezeichnet (S.19).
Wie es so schön heißt, soll man ja zuerst vor der eigenen Tür kehren. Ich habe diese Reihenfolge, wie ich gestehe, nicht ganz eingehalten. Aber nachdem ich bereits ausgiebig vor der Tür der Zeugen Jehovas gekehrt habe (mit meinem Buch Charles T. Russell und die Zeugen Jehovas. Der unbelehrbare Prophet, 1990), beeile ich mich nun, auch vor der Tür der Evangelikalen einen Frühjahrsputz vorzunehmen."
Die Autoren Hal Lindsey, David Wilkerson, Wim Malgo nimmt Stuhlhofer besonders unter die Lupe. Er fügt aber gleich hinzu:
"Die genannten Autoren sind aber nicht die einzigen - und schon gar nicht die ersten -, die sich bei der Auslegung der biblischen Endzeitaussagen zu weit vorgewagt haben."
Nachdem er auch Martin Luther mit in die Reihe der falschen Endzeitpropheten eingereiht hat, bemüht er sich zu ihm entschuldigend anzufügen:
"Wir können für Martin Luthers Erwartung durchaus Verständnis aufbringen. Wenn wir Jesu Endzeitrede betrachten und uns in Luthers Zeit zurückversetzen - gewisse Parallelen zwischen Jesu Aussagen und Luthers Zeitereignissen waren damals schon zu erkennen. Die Parallelen waren jedoch nicht zwingend, nicht so eindeutig, daß man hätte mit Sicherheit sagen können: 'Dies ist das'. Was lernen wir aus diesem Fehler? Wenn wir in unserer Gegenwart gewisse Parallelen erkennen, wenn wir Anhaltspunkte beobachten, die mit Endzeitaussagen Jesu in Verbindung stehen könnten, so dürfen wir nicht vorschnell schlußfolgern, daß nun unbedingt das Ende vor der Tür stehen muß."
Bezüglich einiger neuzeitlicher Fehldeuter äußert er:
"Ob 1981 oder 1953 oder 1930: Immer konnte man den Eindruck haben, unmittelbar vor den allerletzten Ereignissen zu stehen. Immer konnte man davon überzeugt sein, der letzten Generation anzugehören. Diese Überzeugung führt dann dazu, daß alle Gegenwartserscheinungen mit den biblischen Endzeitaussagen verknüpft werden - und siehe da, es scheint immer zu passen! Man wird dabei an die Worte des Predigers 1,9 erinnert: "Was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne." Diesen Ausspruch könnte man hier auf das Schema anwenden. Was Subjekte - also Endzeitautoren - betrifft, sowie Objekte - also die Schauspieler auf der Bühne des Endzeitdramas -, so gibt es durchaus Neues. Neue Namen treten auf, und neue Kombinationen. Aber das Schema bleibt gleich:
Die Voraussetzung: Die heutige politische Konstellation ist die unmittelbare Ausgangsbasis für die Endzeitereignisse; bis dahin gibt es keine größeren politischen Veränderungen mehr, sondern bloß ein Fortschreiten auf den absehbaren Bahnen.
Die Aufgabenstellung: Die heutige politische Konstellation muß mit den biblischen Endzeitaussagen kombiniert werden."
Und diesen Spekulanten schreibt er ins Stammbuch:
"Die permanenten Mißerfolge jener, die das versuchen, zeigen doch deutlich, daß wir nicht die biblische Prophetie auf unsere jeweilige Gegenwart anwenden sollen, um unsere Anwendungen dann alle paar Jahre wieder ändern zu müssen."
Jene Endzeitpropheten sind keineswegs blos "harmlose Spinner". In nicht wenigen Fällen erweist sich ein anderer Aspekt als keineswegs "unterrepräsentiert".
Dazu Stuhlhofer:
"Wenn jemand vor 20 Jahren dahingehend beeinflußt wurde, mit der Wiederkunft Jesu und Entrückung in den nächsten Jahren zu rechnen, so besaß er wenig Motivation, für eine längere Zukunft vorzusorgen. Es kann ihm dann passieren, daß er schließlich ohne Pension oder ohne Ersparnisse dasteht. Das umso mehr, als manche Endzeitautoren den finanziellen Bereich direkt ansprechen. So beobachtet Malgo entsetzt: "gibt es noch immer Gotteskinder, die es wagen, auf ihrem Bankkonto Geld anzuhäufen; sie leben von ihren Zinsen und Zinseszinsen. [er verweist auf Matthäus 6,19] Was geschieht denn mit deinem Sparguthaben, wenn heute die Entrückung stattfindet? Diese Mittel, die du für die Sache Jesu Christi hättest investieren können, gehen dann in den Besitz des Antichristen über."
"Die Erwartung des nahen Endes hat nicht nur individuelle Folgen, sondern auch politische. Wer glaubt, daß in einigen Jahren das Ende da ist, wird sich kaum besonders für Anliegen engagieren, die bloß langfristig zu verwirklichen sind. Also etwa für eine Änderung sozialer Strukturen, für Entwicklungshilfe, für Umweltschutz Engagement für Projekte, die erst im Laufe von Jahren wirksam werden, scheint unangebracht zu sein, wenn doch bis dahin ohnehin die Gemeinde entrückt ist und totales Chaos über die Welt hereinbrechen wird."
Bedenkenswert auch der Satz von Stuhlhofer:
"Positiv an der Beschäftigung mit diesen Endzeit-Fragen finde ich das politische Interesse. Dadurch verfolgen Christen, die sonst vielfach zu politischem Desinteresse neigen, das Zeitgeschehen sehr intensiv.
Allerdings handelt es sich hierbei um ein passives Beobachten. Einerseits sehen die Christen bei dem, was geschieht, intellektuell interessiert zu - andererseits tun sie nichts, um irgendwo unterstützend einzugreifen. Das Endzeitinteresse fördert also eine "Zuschauermentalität"; eine Haltung, wie sie unserer Generation ohnehin schon durch das Fernsehen stark anhaftet."
"Ein weiteres Problem liegt darin, daß politische Ereignisse aufgrund von Endzeiterwartungen verzerrt wahrgenommen werden. Manche Autoren sehen alles in Verbindung mit Israel: "Alles in der Welt hängt entweder direkt oder indirekt mit Israel zusammen." (Malgo: Israel 70)
Während Jesus die Friedensstifter selig preist (Mt 5,9), wischt Malgo alle menschlichen Friedensbemühungen mit einem Handstreich vom Tisch und bezeichnet sie - Psalm 2 aufgreifend - als gegen Gott gerichtet: "Wozu denn heute all die Konferenzen und Gipfeltreffen, die Helsinki-Friedenskonferenz und so weiter? Das wird nicht ausgesprochen, aber ich sage aufgrund der Schrift: Es ist letztlich alles wider den Herrn und Seinen Gesalbten. Aber der im Himmel sitzt, lacht ihrer." Wäre es also besser, die Konfliktparteien würden mit ihren Armeen aufeinander losgehen, anstatt sich an den Verhandlungstisch zu setzen? Auch hier wird wieder Malgos Überlegenheitsbewußtsein sichtbar: Mit der Bibel in der Hand, ist es ihm ein Leichtes, alle politischen Vorgänge zu be(ver)urteilen.
Allgemein läßt sich bei den verbreiteten Endzeitautoren eine stark prowestliche Haltung feststellen. In erster Linie pro Israel, dann auch für die USA, für Westeuropa, gegen die Sowjetunion Diese Sympathie ist mitunter so einseitig, daß sie die tatsächliche Situation schief einschätzt - wie sich im nachhinein manchmal feststellen läßt
Viele evangelikale Christen stehen entschlossen auf der Seite des Staates Israel, ganz gleich, was dieser tut. Da solche Evangelikale in den USA einen beträchtlichen Anteil an der Bevölkerung darstellen, sieht ein auf seine Wähler bedachter US-Präsident sich auch von dieser Seite einem gewissen Druck ausgesetzt, Israel finanziell und militärisch zu unterstützen. Die amerikanische Unterstützung wiederum kann dazu führen, daß israelische Politiker sich sicher fühlen und auf arabische Forderungen überhaupt nicht eingehen. So kritisiert Clouse: "die Neigung, die Sache Gottes mit dem Zionismus und dem Staate Israel gleichzusetzen, führt zu einer 'christlichen' Politik, die dem 'Frieden auf Erden' nicht förderlich ist." Was ist, wenn auf diese Art Konflikte verschärft und bewaffnete Auseinandersetzungen provoziert werden? Clouse: "dann wären viele evangelikale Christen für die vorherrschende Einstellung mitverantwortlich, die zu einem solchen Konflikt führen könnte." (S.169
Israelbegeisterung wird auch darin sichtbar, daß den Juden - einfach aufgrund ihrer rassischen Zugehörigkeit - eine besondere Nähe zu Gott zugeschrieben wird. Auch wenn sie Jesus ablehnen und somit keine Christen sind, werden sie mitunter wie Christen betrachtet: wiedergeboren, voll Geistes, gerettet.
Manche Evangelikale haben Kontakt zu wichtigen Politikern. Das wohl prominenteste Beispiel ist Billy Graham, der enge Kontakte zu mehreren US-Präsidenten (inklusive George Bush) hatte. In einem solchen Fall ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß ein Evangelikaler Einfluß auf die Politik hat, wobei dann natürlich auch seine spezielle Endzeitsicht mitspielt
Wenn man solche vor Jahrzehnten erschienene Endzeitbücher zur Hand nimmt, wundert man sich über die Risikobereitschaft dieser Autoren. Es muß ihnen doch bewußt gewesen sein, daß sie sich hier auf ein sehr glitschiges Terrain begeben, wo ein Ausrutschen beinahe unvermeidlich ist? Und man wundert sich auch über die große Zahl der Leser, die weiterhin Literatur dieser Art verschlingen. Beim Betrachten der älteren Literatur müßten sie doch sehen, wieviel danebengegangen ist!
Meine Verwunderung resultiert wohl daraus, daß ich von einer nicht zutreffenden Voraussetzung ausgehe. Die Leser solcher Literatur leben in der Gegenwart; die ältere Literatur interessiert sie nicht so sehr, gibt es doch mittlerweile neuere! So wird vielen Lesern gar nicht bewußt, wieviele der Vorhersagen danebengingen. (Übrigens reagieren ZJ ähnlich, wenn sie von einem Informierten - den sie mit verharmlosenden Antworten nicht zufriedenstellen können - auf Falschvorhersagen der Vergangenheit hingewiesen werden: Wichtig ist die neuere Literatur der ZJ, nicht die ältere )
Soweit eine Zusammenfassung einiger Hauptkerngedanken des Buches von Stuhlhofer, dass auch Online zugänglich ist Franz Stuhlhofer Das Ende naht. Zu den mit genannten Herren Lindsey und Malgo siehe unter anderem auch Forumsarchiv14. Bezüglich Lindsey auch "Geschichte der ZJ".
Stuhlhofer hat zwar die Grundlinien zu benennender einschlägiger Kritik klar benannt. Er nennt auch den Verlag Schulte & Gerth, (respektive den Vorgängerverlag Hermann Schulte) als einen besonders kritikwürdigen üblen Geschäftemacher. Dieweil vieles vom kritisierten (sieht man vom Selbstverleger Malgo einmal ab), gerade dort verlegt und vertrieben wurde. Ein Buch aus dieser unseligen Verlagsgiftküche, der WTG durchaus ebenbürtig, hat Stuhlhofer allerdings nicht mit vorgestellt. Das Buch des Herrn Unger. Wie so vieles anderes dieses Genres in den USA geschrieben, in deutscher Übersetzung dann bei Schulte & Gerth verlegt. Das Unger-Buch erschien in Deutsch im Jahre 1976. Alle einschlägigen Kritikpunkte erfüllt es auch. Das Zaubermittel heisst auch für Unger "Entrückung", nachdem er schwarz in grau die Weltlage skizziert hatte. Die gleiche Entrückungsthese kennt man übrigens schon von Lindsey.
Für Unger ist der sowjetische Kommunismus der "König des Nordens". Wie gehabt. Kennt man auch schon von der WTG. In seiner Diktion werde die Sowjetunion aber Israel angreifen und dass wiederum hätte die völlige Niederlage und den Untergang der Sowjetunion zur Folge. Soweit die "Weisheit" von 1976. Inzwischen ist die Sowjetunion tatsächlich untergegangen. Aber nicht aufgrund eines direkten militärischen Angriffes Israels, wie er prophezeit wurde.
Aber sicherlich wird es den Unger und Nachfolgern nicht schwerfallen, auch dafür noch eine neue Auslegung zu kreieren.
Man darf wirklich gespannt sein, wenn man die Politik der Staaten Nordkorea und Irak und verwandtes, demnächst als schon "vor Jahrtausenden in der Bibel vorherhersagt" als neuesten und letzten Schrei, kreiert bekommt.
Wer agiert da wohl schneller? Die Schulte und Gerths? Oder die WTG?
Die Pharisäer die sich da auf den Standpunkt stellen, nur" die Zeugen Jehovas seien wüste Endzeitspekulanten, irren grundsätzlich. Dasselbe gibt es unter anderem Firmenschild auch andernorts. Besonders beliebt dabei der Staat Israel als vermeintliches Gotteszeichen. Markant zum Ausdruck kommend auch in einem in der evangelikalen Zeitschrift IDEA veröffentlichten Leserbrief im Jahre 1999. Liest man den nachfolgenden Text könnte man in der Tat den Eindruck haben, die Zeugen Jehovas haben da Pate gestanden. Ist aber in direkter Form nicht der Fall. Indes eine gewisse Geistesverwandschaft ist nicht zu übersehen. Der Spekulant, Scharlatan den genannte Zeitschrift das Wort gab äußerte:
Israel ist in der Tat der Zeiger an der Weltenuhr Gottes! Über 40 Prophezeiungen der Rückkehr der Juden nach Israel im AT sprechen eine deutliche Sprache! Die Wiederherstellung des Staates Israel im Jahre 1948 ist das .Zeichen der (End)Zeit«! Denn 1948 sind die »7 Zeiten der Nationen« (Dan 4/ Luk 21,22), die »Heidenzeiten«, die 609 v.Chr. mit dem Toddes letzten unabhängigen Königs Josia 12 bei der Schlacht von Megiddo (Harmagedon) begonnen haben, abgelaufen. Diese 7 Zeiten dauerten 2.557 Jahre, denn nach Hes 4,6 gilt 1 Tag = 1 Jahr; 7 Zeiten sind also 7 x 365,2422 Jahre (genaue astronomische Jahreslänge) = 2.557 Jahre. 609 v.Chr. verlor Israel seine staatliche Souveränität und Unabhängigkeit, seitdem hatten fremde Herrscher die Oberhoheit über Israel (2. Kön 23,33-35 + 24,1/2. Chr 36,3f + 10). Erst nach 2.557 Jahren wurde Israel am 14. Mai 1948 wieder neu geboren, womit sich alle Vorhersagen des AT bzgl. Israel (= der Feigenbaum lt. Luk 21,29f) erfüllten! (z.B. Jes 66,8/ Hes 37,12 -14; 21) Auch Jerusalems Befreiung am 7. Juni 1967 passierte 2.557 Jahre nach der Belagerung Nebukadnezars im Jahre 590 v.Chr. Damit steht fest: Mit der Staatsgründung Israels 1948 begann die eigentliche Endzeit!!! Wie lange sollte die »letzte Zeit« vor dein Kommen Jesu sein? Der Herr gibt dazu selbst in Luk 21,32 die Antwort: »Dies Geschlecht/diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht.« 1 Generation ist 1 Menschenalter und dürfte wohl zwischen 70-80 Jahre (gem. ist Psalm 90,1) dauern. Die Generation, die Jesus gemeint hat, ist die, welche die Wiedererstehung Israels erlebte! Somit steht fest: Unser Herr kommt bald!"
Hier hat man ein exemplarisches Beispiel wie bis in die Unendlichkeit weiter spekuliert wird. Weltgeschichtliche Ereignisse wird es auch weiterhin geben; und die Spekulanten-Scharlatane der vor zitierten Art werden es nicht versäumen sie in das Prokrustesbett ihres Wunschdenkens einzuordnen. Und vor allem. Die derzeitigen Zeugen Jehovas lassen ihren Endzeitkalender bei 1914 beginnen. Hier aber sagt man 1948. Man hat also erst mal Zeit gewonnen fürs weitere spekulieren. Selbstverständlich immer so, als träfe alles nur für die eigene Generation zu.
Ist die Generation dann vergangen", veranstalten nachfolgende dass wieder für die ihrige.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spekulieren sie noch übermorgen!
In dem1981 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch
von Charles Berlitz (auch so ein USA-Import) liest man auch den Satz:
"Nostradamus, der französische Gelehrte und Seher
jüdischer Abstammung des 16. Jahrhunderts, der sonst eher vage und verschleierte
Andeutungen machte, nannte ein ganz präzises Datum, als er diesbezüglich vorhersagte:
Im siebten Monat neunzehnneunzigneun kommt vom Himm'l ein
großer Schreckenskönig
Diejenigen unter uns, die das Jahr 1999 noch erleben,
werden ja, wenn es soweit ist, die Zuverlässigkeit dieser so genau datierten Prophezeiung
des Nostradamus beurteilen können."
Berlitz, 1913 geboren, beruft sich da zwar
ausnahmsweise mal nicht auf die Bibel. Das macht aber seine versalzene Suppe auch nicht
besser. Mit oder ohne Bibel, wird Irrationalismus in den Vordergrund gestellt. Traurig ist
nur, dass es offensichtlich nach wie vor Leute gibt, die nach so etwas
"dürsten". Und noch trauriger sind die Geschäftemacher anzusehen, die da
dieses offenbar unausrottbare "Bedürfnis" glauben befriedigen zu können oder
sollen. Ob jener Herr Berlitz sein Jahr 1999 noch erlebte ist mir nicht bekannt. Er darf
sich einreihen in das Heer jener, die da einen anderen "Charles" ebenfalls zum
Propheten hochstilisierten, nebst Nachfolgern.
Windige Scharlatane sind sie allesamt!
Rutherford bekannt auch für seine Meinung, dass Radio,
für das er eine bemerkenswerte Begehrlichkeit entwickelte. Das Radio sei nach Rutherford
in der "Bibel vorhergesagt".
Die heutigen Zeugen Jehovas möchten aber von dieser Kapriole ihres
einstigen Idols lieber nichts mehr wissen. Peinliches schweigen ist so ziemlich ihre
einzige Antwort, spricht man sie einmal darauf an.
Rutherford ist ein "Waisenknabe". Andere
können es noch "besser". Wer, nun zum Beispiel ein Herr der sich laut
Verlagsklappentext seit 1964 "evangelistischer Mitarbeiter und wissenschaftlicher
Berater von Billy Graham" nennt. Besagter Herr veröffentlichte ein Buch mit dem
Titel "Der grosse Exodus". Darunter versteht er die wundersame
"Entrückung" seinesgleichen von dieser Welt; während dort alles drunter und
drüber geht. Im Prinzip ein modifizierter Abklatsch der Harmagedontheorie der Zeugen.
Es verwundert auch nicht, dieses Buch als deutsche Übersetzung in dem
berüchtigten Verlagsprogramm des Verlages Hermann Schulte (jetzt Schulte&Gerth)
vorzufinden. Dortselbst im Jahre 1973 erschienen.
Nun bleibt immer noch die Frage offen, was denn das
ganze nun mit dem Fernsehen zu tun hätte? Nun dies. Das White aufgrund seiner
"grundstürzenden Bibelstudien" glaubt es dort prophezeit, vorzufinden.
Brauchte man für Rutherford's Radiotheorie eine gehörige Portion von
Naivität und Ausschaltung rationalen Denkens. So verhält es sich bei Herrn White
ähnlich.
Zum Thema Fernsehen verlautbart sich John Wesley White
wie folgt (S. 16):
"Viele Leute fragen: 'Gibt es in der Bibel
Andeutungen über das Fernsehen?' Ich bin mir nicht ganz klar darüber. Aber seit einigen
Jahrzehnten und besonders seit der Veröffentlichung des Buches 'Die roten Lichter der
Apokalypse' von Professor Urey
Steht das 11. Kapitel der Offenbarung im Mittelpunkt
des Interesses. Dort lesen wir: 'Wenn sie (die beiden Zeugen) ihr Zeugnis vollendet haben,
wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, mit ihnen Krieg führen und sie
überwinden und sie töten. Und ihre Leichname werden auf der Gasse der großen Stadt
liegen, welche im geistlichen Sinne Sodom und Ägypten heißt, wo auch ihr Herr gekreuzigt
worden ist. Und viele von den Völkern und Stämmen und Zungen werden ihre Leichname
sehen, drei Tage lang und einen halben, und werden ihre Leichname nicht in ein Grab legen
lassen. Und die auf Erden wohnen, werden sich über sie freuen
' (Offenbarung 11,
7-10). Diese Aussage kam den Menschen komisch und lächerlich vor, bis sie durch das
Auftreten des Fernsehens, insbesondere aufgrund der Pionierarbeit der Weltraumsatelliten
'Early Bird' und 'Telstar', eines Besseren belehrt wurden."
Übrigens, wer Rutherford's "Harfe Gottes" kennt, dem ist vielleicht noch jene euphorische Liste in Erinnerung, in der Rutherford aufzählt, was da so für seine Generation alles an staunenswerten Erfindungen zu registrieren war. Selbstredend als "Endzeitbeweis". Auf demselben "Klavier" spielt auch White. Nur dass er etwas später anfängt und die Liste der wunderbaren Erfindungen erst nach 1945 beginnen lässt. Rutherford's "Konzert eines eingequetschten Katzenschwanzes" ist unsereins zur Genüge bekannt. Wesley White darf für sich den "Ruhm" in Anspruch nehmen, mit seinem Katzengejaule es ihm gleich zu tun.
Ach ja. Eine Frage noch. Wie ortet sich der Verlag "Schulte & Gerth"? Doch wohl so im weiteren Sinne zum Spektrum der evangelischen Kirche zu gehören. Seine überwiegende Kundschaft entstammt diesem Bereich. Er will also nicht etwa als Sektenverlag der Zeugen Jehovas oder der Neuapostolischen Kirche usw. verstanden wissen.
Danke, das war's dann. Welche Sekte da die schlimmere Ausgeburt menschlichen Wahn's ist. Darüber wäre in der Tat noch treffllich zu streiten.
Ein gewisser Gerhard Salomon, offenbar den "Landeskirchlichen Gemeinschaften" im Bereich der evangelischen Kirche zuzuordnen, und dort als eine Art Wanderprediger wohl mal aktiv, veröffentlichte 1978 mal ein Buch mit dem Titel "Die Gefahren der Endzeit für die Gläubigen".
Es stellt sich wirklich die Frage, beim lesen selbiges, welche "Sektensorte" schlimmer ist. Die, die von den Großkirchen als Sekten klassifiziert werden. Oder die, welche in ihren eigenen Reihen ihr geduldetes, wenn auch nicht geliebtes Dasein, als "landeskirchliche Gemeinschaften" fristen. Will man eine Art Stammbaum skizzieren, ist es doch so, dass sogenannte Freikirchen, letztendlich aus dem Bereich der Großkirchen, als ihrer Wurzel, entstammen. Die "landeskirchlichen Gemeinschaften" hingegen nehmen eine Art Zwitterstellung ein. Inhaltlich auf demselben Level wie die Freikirchen stehend, haben sie die Nabelschnur zu den Großkirchen noch nicht völlig getrennt. Führen aber doch ein weitgehendes Sonderleben.
Und vor allem ihre große Klage. Die Großkirchen seien zu verweltlicht. Das sind sie in der Tat. Nur, was da als Alternative angepriesen wird, da kann einem in der Tat der kalte Schüttelfrost ereilen. Konservatismus hoch zehn, unter dem Firmenschild "Bibeltreue".
So polemisiert Salomon etwa (S. 49):
"Statt Verkündigung nun Dialog, statt Diakonie
Sozialarbeit, statt Mission gar nur Entwicklungshilfe".
Alles was irgendwie nur ansatzweise nach Ökumene riecht, wird in den
schrecklichsten Farben verteufelt.
Konservatismus auch in der wie er es nennt, "Frauenfrage". Ein symptomatischer Satz (S. 81) dazu: "Muß die Gepflogenheit dieser Welt angepaßte Redeform 'Liebe Schwestern und Brüder' in gläubigen Gemeinden nicht als Abfallserscheinung gedeutet werden?"
Noch so ein Satz diesbezüglich (S. 82):
"Ganz erschütternd ist aber, wenn selbst aus der
Erweckung hervorgegangene Kreise zumindest die Möglichkeit diskutieren, Predigerinnen
anzustellen. Merkt man denn gar nicht, welch tiefen Fall es bedeuten würde, gegen Gottes
klares Wort vom Satan inspirierte Entwicklungen der Welt zu übernehmen?"
Mit Zitaten vorstehender Art ist jenes Buch en mass
"gesegnet". Genannte Kostproben mögen erst mal genügen.
Salomon hatte auch die Vokabel "erschütternd" mit verwandt. In
der Tat, erschütternd ist hier einiges. Insonderheit die eine Frage: Welche Sektensorte
denn wohl schlimmer ist. Die von den Großkirchen als Sekten bezeichneten? Oder die Sekten
innerhalb der Großkirchen
Neben den bereits kritisierten Herren, sollte man einen weiteren nicht vergessen. Er weilt zwar auch nicht mehr unter den Lebenden. Seine von ihm geschaffene Organisation indes ist nach wie vor aktiv. Die Rede ist von Herrn Werner Heukelbach. Bekannt geworden auch durch seinen Slogan: "Gerade Du brauchst Jesus!"
Seine Organisation rühmt sich, beispielsweise seine Broschüre "Das harrt ihrer!" in der er auch auf dem Endzeitklavier spielt, in mehr als 4,5 Millionen Exemplare abgesetzt zu haben. Also "fast" schon an die Auflagenzahlen der Zeugen Jehovas heranzukommen. Mit letzteren trifft er sich übrigens in der Ausmalung der auch von Russell beschworenen "gelben Gefahr". So hat jeder dieser Endzeitpropheten so seine eigenen Schwerpunkte.
Der eine stiert wie das hypnotisierte Kaninchen auf die
Schlange, nach Israel. Der andere lässt diesen Aspekt zwar auch nicht unberücksichtigt,
will aber das volkreiche Land China auch noch mit in seinem Konzert der Schaffung von
Ängsten, integriert sehen.
Wie schon sein genannter Slogan deutlich macht, will Heukelbach
"rüberbringen", dass die Menschen die da Jesus als ihren Erretter akzeptieren,
einen anderen Lebensstil befolgen würden als die "böse Welt".
Für die Beschreibung der "bösen Welt" hat er denn auch eine "zugkräftige" Schilderung parat, die da besagen will: Seht von denen unterscheiden wir uns positiv (und ich Heukelbach habe das auch gelehrt - deshalb spendet mal schön für mein "Missionswerk"). Letzteres sagt er zwar nicht so unverblümt. Wer sich aber auf dieses "Missionswerk" tatsächlich einlässt - wird sehr wohl, früher oder später, auch noch mit diesem Aspekt konfrontiert.
Um es vorweg zu sagen. Religion vermag dem säkularen Zeitgenossen manchmal befremdlich erscheinen. Beispiel. Die Kleiderordnung die islamisch geprägte Frauen zu praktizieren pflegen, erscheint manchem säkularen Zeitgenossen (das heisst einem der keine persönliche Beziehung zur Religion hat) doch etwas befremdlich. Derselbe Typ von Zeitgenosse mag vielleicht auch den Kopf schütteln, registriert er christliche Kreise wo man in der "Kleiderordnung", namentlich bei den Frauen, auch gewissen betont konservativen Aspekten begegnet. Damit wird der säkulare Zeitgenosse leben müssen; dass es eben auch Menschen gibt, die seine Wertvorstellungen nicht reflektieren.
Wie soll man nun Heukelbach einschätzen? Mit
Sicherheit auch als einen Typ, dem das Konservative im genannten Bereich mehr zusagt als
das Gegenteil.
Dieser Konflikt ist meines Erachtens auch nicht das, was bei der Kritik an
den Evangelikalen ungebührlich herausgestellt werden müsste. Gleichwohl besteht aber
andererseits auch kein Grund es prinzipiell zu verschweigen.
Die konservative Weltsicht von Heukelbach kommt auch prägnant in nachfolgendem Zitat von ihm zum Ausdruck, mit dem er sehr wohl "rüberbringen" möchte. Die da Jesus angenommen hätten, unterschieden sich davon.
Heukelbach entwirft das folgende Bild (Zerrbild) von
der "bösen Welt"
"Es gibt verschiedene Erscheinungen, welche den
Verfall der heutigen Gesellschaftsordnung kennzeichnen. Bei den Griechen und Römern war
die Zeit vor ihrem Untergang gekennzeichnet durch Brot und Spiele. Der Staat mußte für
das Aufkommen jedes einzelnen sorgen, und daneben nahmen die Feste und Spiele das Volk
gefangen; dann kam der Zusammenbruch. Heute baut man wieder die gewaltigen Arenen und
Sportstadien für über 100 000 Menschen.
Bald hat man nicht mehr genug Sonntage, um der Festseuche
Genüge zu leisten. Eine Ausstellung jagt die andere. Musik-, Straßen- und Schützenfeste
müssen die Tage abzählen, um sich gegenseitig nicht im Wege zu stehen. In die Millionen
gehen die Besucher. Gewaltige Vermögen werden da verpraßt. Auto-, Rad- und Pferderennen
halten ganze Gegenden in Atem und füllen ganze Zeitungen mit ihren faszinierenden
Berichten.
Die Vergnügungssucht wird den Kindern schon eingeimpft.
Die Zahl der Vergnügungsstätten wird immer noch vermehrt. Die Fastnachtanlässe nehmen
Formen an, die jeden sittlich denkenden Menschen anekeln. Die Nachtlokale in den Städten
sind überfüllt, in der Mehrzahl von jungen Menschen. Ihre Augen werden dort geblendet
und die Herzen verhärtet gegen die ethische, sittliche Ordnung. Das alles soll über den
Ernst des Lebens hinwegtäuschen.
Das Strandbadleben stumpft alle Schamhaftigkeit ab, sie
wird erstickt, und die Abwehr gegen eine Unmenge sittlicher Verirrungen, welche die
Menschen in Not und Trübsal bringen, wird unterbunden. Die Sinneslust lodert auf, und das
Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse erstirbt. Damit wird der Sittenlosigkeit
Tür und Tor geöffnet. Man hat auch früher Wasser-, Luft- und Sonnenbäder benutzt, und
sie sind eine wertvolle Gesundheitspflege, doch eben in dem Rahmen einer sittlichen
Ordnung".
Konservatismus in möglichst vielen Bereichen, ist somit das Rezept der Heukelbach's und Co. Wer es befolgt, der ist auch heute noch bereit, alles zu Spenden, auf dass die Kirche sich mächtige Kathedralen bauen kann, während er selbst nur in einer minderwertigen Kate hausen mag. Krass gesprochen.
In einer auch über den Buchhandel vertriebenen
Dissertation hatte sich Holm-Dieter Roch einmal mit dem Fall Heukelbach näher
beschäftigt. Seiner Arbeit gab er den Titel: "Naive Frömmigkeit der
Gegenwart."
Sie ermöglicht durchaus einige interessante Einblicke. Und so seien denn
als Abschluss dieser Replik noch einige Sätze aus der Studie von Roch zitiert:
Heukelbach, 1898 geboren. Schließlich
trat er am 28. März 1928 um 22.00 beim Besuch einer Evangelisationsveranstaltung der
landeskirchlichen Gemeinschaft in Wiedenest seine Bekehrung ein.
Aufschlußreich ist das Urteil seiner Zuhörer, über das
Heukelbach berichtet: 'Man sagte: Heukelbach redet fast immer dasselbe, er kommt immer
wieder auf den einen Punkt, daß man sich bekehren muß.'
Wegen seines Herzleidens wurde Heukelbach 1934 aus dem
Dienst der Reichsbahn entlassen.
Der Erfüllung seines Wunsches, hauptberuflich als
Evangelist tätig zu sein, stand nun nichts mehr im Wege. Zunächst wirkte Heukelbach bei
einer anderen Zeltmission mit, dann ermöglichte ihm eine Spende von 2500 RM die
Anschaffung eines eigenen Zeltes.
Nach dem Krieg hat Heukelbach noch einige Male
Evangelisationsveranstaltungen abgehalten, bis sein Gesundheitszustand dies nicht mehr
zuließ.
Nun begann er mit dem Aufbau seiner Schriften- und
Rundfunkmission, die ihn zu einem weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Mann
machte. Innerhalb weniger Jahre wurde seine Schriftenmission zum größten Unternehmen
dieser Art in Deutschland.
Für die Sendungen über Radio Luxemburg wurden in einem Monat DM 31.000,-- aufgewandt und eine ganzseitige Anzeige in HÖR ZU kam auf DM 36.800,--. Jedem Freundesbrief liegt zu diesem Zweck eine Zahlkarte bei.
Die Isolation des Bekehrten von der
Welt äußert sich besonders auffällig in seiner völligen Passivität gegenüber dem
politischen und sozialen Geschehen. Er nimmt alles, was ihm widerfährt, als eine
Schickung Gottes geduldig auf sich und versucht in keiner Weise handelnd in das Geschehen
einzugreifen.
Heukelbachs Schriften sind von einer gesteigerten
apokalyptischen Naherwartung erfüllt.
Heukelbachs Schriften weisen erhebliche Gemeinsamkeiten
mit der Kitschliteratur auf. Die Sprache seiner Schriften zielt darauf ab, beim Leser
Gefühlswirkungen auszulösen. Heukelbach bevorzugt das Gefühl ansprechende Vokabeln,
putzt einfache Ausdrücke zu etwas Besonderem auf und verwendet sachlich nichtssagende
Wendungen als reine Gefühlsauslöser. Die meisten seiner Metaphern entstammen nicht der
Lebenswirklichkeit des heutigen Menschen. Die auf diese Weise erzeugten Gefühle
unterliegen keiner rationalen Kontrolle und verhindern darum ein realitätsgerechtes
Verhältnis zur Wirklichkeit. Der Leser wird in eine Scheinwelt versetzt, die ihn die
Realitäten des Alltags vergessen läßt.
Entsprechend dem dualistischen Grundcharakter der untersuchten Frömmigkeit sind die durch Heukelbachs Schriften hervorgerufenen und genährten Gefühlsbindungen nicht ambivalent, sondern nach einem "Freund-Feind-Schema" polarisiert. Auch hierin zeigt sich der kindlich-naive Charakter dieser Frömmigkeit, denn gerade die Fähigkeit zu ambivalenten Gefühlsbeziehungen unterscheidet den Erwachsenen vom Kinde.
Die Behauptung, Religion täusche die im Leben Benachteiligten über ihre tatsächliche Situation hinweg, gehört bekanntlich zu den Grundthesen der klassischen Religionskritik. Zweifellos gibt diese These, wo sie einseitig vertreten wird, zu berechtigter Kritik Anlaß. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß nicht bestimmte Formen von Frömmigkeit unter anderem die Funktion haben, über unbefriedigende Realitäten hinwegzutäuschen, sie zu kompensieren. Dies scheint auch bei Heukelbachs Frömmigkeit der Fall zu sein. Im übrigen ist es interessant, daß der Vorwurf, narkotisierend zu wirken, erstmals gegen eine Frömmigkeit erhoben wurde, die mit der Heukelbachs vieles gemein hat
Es muß aber noch ein weiterer Faktor
in Betracht gezogen werden. Die moderne Gesellschaft bietet in zunehmendem Maße
Möglichkeiten zur Bewältigung der Lebensproblematik an, die mit der naiven Frömmigkeit
in Konkurrenz treten. Sie ermöglichen ebenso wie diese Frömmigkeit eine Flucht aus der
Realität in Illusionen, verlangen jedoch ein wesentlich geringeres Maß an persönlichen
Opfern. Wir nennen nun einige Stichworte:
Werbung, Kitschliteratur. Comics, Schlager und Schnulze,
Readers Digest und Bild-Zeitung. Der Vorwurf, Opium des Volkes zu sein, der gegenüber
Heukelbachs Frömmigkeit - wie sich gezeigt hat - durchaus angebracht ist, muß ebenso
gegen diese Erscheinungen erhoben werden. Man könnte geradezu von Opiaten des modernen
Menschen sprechen.
Eine Wiederholung der Erweckungsbewegung des vorigen Jahrhunderts erscheint gänzlich ausgeschlossen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß die naive Frömmigkeit in absehbarer Zeit zum Aussterben verurteilt sein wird. Überall dort, wo die Anpassung an die kulturellen Gegebenheiten unserer Zeit aus welchen Gründen auch immer - nicht oder nur ungenügend erfolgt ist, wird sie weiterhin auf Resonanz stoßen. Ebenso wird sie da Erfolg haben, wo die von der Gesellschaft angebotenen Mittel zur Bewältigung der Lebensprobleme nicht ausreichen.
Auch das starke Echo das Heukelbachs Rundfunksendungen bei deutschen Volksgruppen im Ausland (Sowjetunion, Südamerika) gefunden hat, deutet darauf hin, daß Heukelbachs Frömmigkeit - sozialpsychologisch gesehen - eine "Frömmigkeit der Unangepaßten" darstellt.
Der im Jahre 1880 geborene Pfarrer Karl Stegemann
veröffentlichte im Jahre 1921 mal eine Schrift die betitelt war "Kennen die
Siebenten-Tag-Adventisten (Sabbatisten) das Evangelium?" Wie man wohl unschwer
erraten kann, war diese Broschüre in der Tendenz kritisch gegenüber den
"Siebenten-Tags-Adventisten" eingestellt. Ein Zitatbeispiel daraus, dass für
die Adventisten bedeutsame Jahr 1844 betreffend (S. 17, 18):
"So kam ihr (Ellen G. White) die 'wunderbare
Erleuchtung', daß der Herr Jesus im Jahre 1844 nicht habe kommen können, weil die
Christenheit das 4. in der Lade Gottes bewahrte Gebot übertreten: Du sollst den Sabbattag
heiligen!
Und weil Millers Rechnung zweifellos stimmte, so
verkündete Frau White nach 'schriftgemäßer Erleuchtung', daß Jesus Christus im Jahre
1844 nicht zum Vollzug des Gerichtes auf Erden, sondern zum Beginn eines reinigenden
Untersuchungsgerichtes in dem Allerheiligsten des himmlischen Tempels erschienen
sei!"
Auf die Bibelforscher kommt er auch beiläufig mit zu sprechen, indem er sie als "berüchtigte Millenium-Tagesanbruch-Leute" titutliert, ihnen und den Adventisten vorwirft, die Lehre vom Seelenschlaf zu vertreten und die Feuerhölle abzulehnen. Als "gestandener Pastor" konnte er dieses "Frevel" wohl nicht so recht "verkraften".
Mit der Rückendeckung des staatlichen
Kirchensteuereinzugssystems findet er auch kritische Worte zum Finanzgebaren der
Adventisten. Etwa wenn er festhält:
"Gefragt wird aber ausdrücklich jedes Glied vor der
Aufnahme, ob es auch den Zehnten geben wolle.
Den Predigern wird eingeschärft,
daß derjenige, welcher keinen oder nur wenig Zehnten entrichte, in der Gemeinde nichts zu
sagen habe
Die Regelmäßigkeit und Höhe der Gaben gelten als Gradmesser für die
Echtheit der Bekehrung und das Maß des Ansehens, das dem einzelnen einzuräumen ist.
In wie hohem Maße die Geldwirtschaft den Sabbatismus
beherrscht, ersieht man schon daran, daß keine einzige Nummer ihres Gemeindeblattes
'Zionswächter' ohne spaltenlange 'Finanzberichte' erscheint."
Diesem Pfarrer, wie auch anderen seiner Generation, blieb es nicht erspart, neben dem ersten, dann auch noch den zweiten Weltkrieg miterleben zu müssen. Was für andere ein offenbar unabwendbarer Schicksalssschlag war, wusste er indes dann noch metaphysisch zu erhöhen. Bereits im Jahre 1947 konnte er mit Genehmigung der Nachrichtenkontrolle der US-Militärregierung in Deutschland, ein Produkt dieser metaphysischen Überhöhung vorlegen. Sein diesbezügliches Buch trug den Titel: "Die Zukunft der Menschheit. Allgemeinverständliche Auslegung der Offenbarung des Johannes."
Schon auf den ersten Seiten selbigen kann man entnehmen, dass er offenbar bei den Adventisten mal "in die Schule gegangen ist". Etwa wenn er das Jahr des Beginns der großen französischen Revolution von 1789, besonders hervorhebt. Nicht nur das. Er glaubt weiter dieses als Beginn der Endzeit auch aus der Offenbarung in der Bibel herauszulesen. Nun begann der zweite Weltkrieg formal im Jahre 1939, bekanntermaßen. Die selbstgestellte Aufgabe für ihn lautete nun. Wie bringe ich beide Daten unter einem Hut? Und wie kann ich dazu auch noch das Bibelbuch Offenbarung als Beleg bemühen?
Unmöglich, mag so mancher ungläubiger Thomas denken.
Fehlschluss der ungläubigen Thomasse. Für Bibelgläubige ist alles
möglich. Selbst die Quadratur des Kreises. Also ist die Verbindung beider Daten für
einen Bibelgläubigen ein klacks. Etwas was er ohne mit der Wimper zu zücken, so mir
nichts dir nichts, aus dem Ärmel schüttelt.
Bei Stegemann liest sich das dann so (S. 105):
"Zweimal findet sich in diesem Abschnitt (Vers 5 u.
10) eine Zeitangabe: '5 Monate lang war ihnen gegeben, die Menschen zu quälen und zu
beschädigen.' - Die Zeitangaben der Offenbarung sind im sog. prophetischen Zeitmaß
gegeben, das zurückgeht auf Hes. 4,5, wo Gott dem Hesekiel für ein Jahr der wirklichen
Belagerung Jerusalems in der sinnbildlichen Darstellung einen Tag anordnet. 5 Monate in
der prophetischen Bildersprache sind in Wirklichkeit nicht mal 5mal 30 Tage, sondern 5mal
30 Jahre.
Diese Zeitangabe ist für uns, die wir Zeitgenossen jener
großen Bewegung sind, insofern bedeutsam, als der Ausgangspunkt derselben klar zutage
liegt. Es ist die große französische Revolution von 1789. Rechnet man von da an 150
Jahre weiter, so kommt man an das Jahr 1939, in dem der zweite Weltkrieg ausbrach."
Damit hatte er seine Leser nun dorthin gebracht, wo er
sie gerne hinhaben wollte. Um sein Szenario noch weiter abzustützen, bedient er sich dann
auch noch der - altbekannt - "Anzeichenbeweise". Das liest sich dann bei ihm
etwa so (S. 127):
"Gegenwärtig steht die Welt der bibelgläubigen
Menschheit in der Erwartung des zweiten Kommens Christi. Wieder weiß man aus Gottes Wort
mancherlei Einzelheiten, die auf das Herannahen des Tages Christi schließen lassen. Und
wieder laufen unter den Menschen, die nicht an der Bibel allein sich orientieren, allerlei
merkwürdige Worte um. Mehrfach bezeugten mir glaubwürdig ältere Leute, schon ihre
Großeltern hätten gesagt: 'Die zweitausend Jahre werden nicht voll.' Oder: 'Wenn die
Frauen laufen wie die Pfauen, wenn die Wagen ohne Pferd fahren und die eisernen Vögel in
der Luft fliegen, dann ist das Ende der Welt da.'
Angemerkt werden soll auch, daß solch ein nüchterner,
verständiger Mann wie Vater Bodelschwingh bereits um die Wende des Jahrhunderts
anordnete, die Neubauten in Bethel sollten nicht mehr massiv sein, sondern nur aus
leichtem Fachwerk hergestellt werden, 'weil der Herr Jesus doch bald wiederkomme'. Die
Betheler nannten diese Bauten 'Hallelujah-Häuser.'"
Eine weitere Bestätigung für seine These sah
Stegemann auch in der Zunahme atheistischer Tendenzen. Er verwendet da einen ziemlich
anfechtbaren Vergleich. Etwa, wenn er schreibt (S. 183):
"Die lästernde Stimme, die 1939 in Deutschland
ausgerufen: 'Den vorigen Krieg haben wir - mit Gott - verloren! Diesen werden wir - ohne
Gott gewinnen!"
Angesichts dieses Vergleiches muss man doch rückfragen.
Hängt das "gewinnen" von Kriegen wirklich von Gott ab, wie er es da
unterschwellig suggeriert?
Auch bedenklich seine Interpretation
der Bibelforscher, auf die er am Ende seines Buches auch noch zu sprechen kommt (S. 267).
Über sie verbreitet er sich dann mit den Worten:
"Ihr Stifter, der amerikanische Kaufmann Russell, hat
eine Lehre vorgetragen, welche anklingt an die Predigt der Chiliasten (Künder des
tausendjährigen Reiches) der Reformationszeit. Dieselben waren der Meinung, die Frommen
hätten die Aufgabe, alle Gottlosen dieser Welt mit roher Gewalt zu vertilgen.
Russell hat den Sturz aller politischen und aller
kirchlichen Gewalten, die er für völlig satanisiert erklärte, mit großem Nachdruck
vorausgesagt. Er hat das in Ausdrücken getan, welche die Vermutung wecken konnten, seine
Anhänger seien religiös getarnte Umstürzler politischer Art. Das war die Ursache für
die Verfolgung der Bibelforscher durch die nationalsozialistische Regierung
Deutschlands."
Summa summarum. Wer die WTG-Lehre ablehnt, der kommt allerdings nicht umhin, ein gleich vernichtendes Urteil auch über jene auszusprechen, die sich da innerhalb der Kirchenmauern als besonders "Bibelgläubige" tummeln, wie zum Beispiel auch im Falle Karl Stegemann sichtbar.
Die Endzeit der Zeugen Jehovas