Annotationen zu den Zeugen Jehovas
Atheist oder Deist

Vorab erst zur Definition. Georges Minois berichtet in seiner „Geschichte des Atheismus":
„Eine sehr viel längere Geschichte hat das Wort 'Deist', auf dessen Auftauchen Pastor Viret im Jahre 1563 hinweist und es dem Wort 'Atheist' entgegenstellt:
Es gibt mehrere [Freigeister], die zwar bekennen, es gebe irgendeinen Gott und irgendeine Gottheit, wie die Türken und die Juden, aber alles, was Jesus Christus und die Lehre der Evangelisten und Apostel angeht, halten sie für Fabeln und Träumereien. Ich habe gehört, dass es in dieser Bande welche gibt, die sich Deisten nennen, ein ganz neues Wort, das sie dem Wort 'Atheist' entgegensetzen. Da Atheist jemanden bezeichnet, der ohne Gott ist, wollen sie damit zu verstehen geben, dass sie keineswegs ohne Gott sind, weil sie ja glauben, dass irgendein Gott ist, den sie sogar als Schöpfer des Himmels und der Erde anerkennen, aber wer Jesus Christus ist, wissen sie nicht und halten nichts von ihm und seiner Lehre."

Es wurde zum Ausdruck gebracht, dass gewisse Vertreter von christlichen Religionsgemeinschaften, alle die ihrer Weltsicht nicht zu folgen vermögen in das Raster „Atheist" einordnen. Meines Erachtens ist dies eine zu grobe Vereinfachung.

Für meine Begriffe ist ein Atheist auch eine Art Gläubiger. Er glaubt („felsenfest") es gebe keinen Gott, die Welt, das Leben habe sich selbst erschaffen usw. usf. Diese vollmundigen Thesen unterschreibe ich so nicht. Es gibt Fragen z. B. der vorgenannten Art, auf die es keine letztendlichen Antworten derzeit gibt. Es kann so oder auch anders gewesen sein. Auch Christen haben keine verbindliche Antwort darauf - Ihre Antwort heißt Glauben. Glauben ausgelegt auf biblischer Basis. Auch andere (Nichtatheisten) glauben, dann aber beispielsweise auf der Basis des Koran oder anderem vergleichbaren.

Ich unterschreibe allerdings den Bibelsatz, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt. Er braucht auch einen geistigen Halt. Ich respektiere, wenn Christen meinen, ihn in ihrer Form der (unterschiedlichen) Bibelauslegung gefunden zu haben. Wogegen ich mich allerdings vehement wende ist, wenn Christen diese Art von Bibelauslegungen dazu benutzen um sich als „Propheten" zu fabrizieren. Christen wissen genauso viel oder genausowenig über die Zukunft wie Nichtchristen. Ihre Prophezeiungen sind Spekulationen, mit einem mehr oder weniger rationalem Kern. Ich verweise beispielsweise in der "Geschichte der Zeugen Jehovas", auf die Ausführungen über den Fall Walter Küppers oder im Abschnitt „Das Jahr 1933 nähert sich" über den Paul Neef.

Dies gilt es auch noch zu sehen. Friedrich Nietzsche, wie immer man auch zu ihm stehen mag, prägte mal das Bonmot „dass Gott tot sei". Viel wichtiger indes erscheint mir seine Aussage zu sein, dass die Christen eigentlich viel erlöster aussehen müssten, wenn er ihre Weltsicht teilen solle. Nun ist Nietzsche eine äußerst umstrittene Person. Obwohl einem Pastorenhaushalt entstammend, entwickelte er Thesen, die diametral zum Christentum stehen. Es gilt auch die Auswirkungen zu sehen. Die Nazis waren geistesgeschichtlich gesehen, vom Sozialdarwinismus beeinflusst. Überleben des Stärkeren auf Kosten des Schwachen. Humanität ein Fremdwort. Letztendlich konnten sie sich wieder von Nietzsche ableiten, der aus seiner These das „Gott tot sei", schlussfolgerte, nunmehr müsse der „Übermensch" oder bei den Nazis der „Herrenmensch" her. Am Fall des von mir auch referierten Alfred Rosenberg lässt sich das durchaus im Detail aufzeigen.

Der Sozialdarwinismus hat letztendlich auch bei den Zeugen Jehovas (aber nicht nur bei Ihnen) dergestalt Einzug gehalten, dass sie die faktische These ausgegeben haben, Konkurrenz „bis aufs Messer" gegenüber anderen religiösen Strömungen oder sonstigen geistesgeschichtlichen Erscheinungen. Eine partielle Zusammenarbeit mit diesen Konkurrenten? Für die Zeugen Jehovas der Rutherford-Ära aber auch der Knorr-Ära, ein Unding. Erst in letzter Zeit gibt es einige vorsichtige Aufweichungen dieses festgefügten Feindbildes. Dann aber auch nur unter dem Gesichtspunkt einer Kampfgemeinschaft gegen „gemeinsame Feinde", bzw. einer Kampfgemeinschaft zwecks Erringung bzw. Ausweitung staatlicher Privilegien. Im Prinzip ist also der Sozialdarwinismus in der Ausprägung durch die Zeugen Jehovas nach wie vor latent.

Also, indem festgestellt wurde, dass die vollmundigen Thesen der Atheisten nicht unterschrieben werden, beinhaltet dies noch lange nicht, die kritiklose Übernahme gewisser christlichen Weltsichten. Es gilt hierbei auch auszusprechen, was Ludwig Feuerbach in seinem berühmten Werke „Das Wesen des Christentums" einmal in die Worte kleidete:

„Der Glaube an die Vorsehung ist der Glaube an den eigenen Wert - daher die wohltätigen Folgen dieses Glaubens, aber auch die falsche Demut, der religiöse Hochmut, der sich zwar nicht auf sich verlässt, aber dafür dem lieben Gott die Sorge für sich überlässt -, der Glaube des Menschen an sich selbst, Gott bekümmert sich um mich; er beabsichtigt mein Glück, mein Heil; er will, dass ich selig werde; aber dasselbe will ich auch; mein eigenes Interesse ist also das Interesse Gottes, mein eigener Wille Gottes Wille, mein eigener Endzweck Gottes Zweck - die Liebe Gottes zu mir nichts als meine vergötterte Selbstliebe. Woran glaube ich also in der Vorsehung als an die göttliche Realität und Bedeutung meines eignen Wesens?

Aber wo die Vorsehung geglaubt wird, da wird der Glaube an Gott von dem Glauben an die Vorsehung abhängig gemacht. Wer leugnet, dass eine Vorsehung ist, leugnet, dass Gott ist oder - was dasselbe - Gott Gott ist; denn ein Gott, der nicht die Vorsehung des Menschen, ist ein lächerlicher Gott, ein Gott, dem die göttlichste, anbetungswürdigste Wesenseigenschaft fehlt. Folglich ist der Glaube an Gott nichts anderes als der Glaube an die menschliche Würde, der Glaube des Menschen an die absolute Realität und Bedeutung seines Wesens."

Zu sehen gilt es auch die Außenwirkung gewisser christlicher Strömungen. Sie lassen sich treffend mit dem berühmten, in die Weltliteratur eingegangenen Lehrstück von Gotthold Ephraim Lessing veranschaulichen. In seinem „Nathan der Weise" lässt er auch sagen:

„Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen. Ihr Stolz ist Christen sein, nicht Menschen. Denn selbst das, was noch von ihrem Stifter her mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt, dass lieben sie, nicht weil es menschlich ist: Weil's Christus lehrt; weils Christus hat getan. Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend auf Treu und Glauben nehmen können! Doch was Tugend - seine Tugend nicht; sein Name soll überall verbreitet werden; soll die Namen aller guten Menschen schänden, verschlingen. Um den Namen um den Namen ist ihnen nur zu tun."

In der Zeitschrift MIZ (Heft 4/2000), veröffentlichte der dort presserechtlich verantwortliche Redakteur, unter der Überschrift: "Sind AtheistInnen die besseren Menschen? Anmerkungen zur Kriminalgeschichte des Christentums" auch einen bemerkenswerten Aufsatz. Daraus nachstehend einige Sätze:


Es gibt sicherlich nicht wenige AtheistInnen, die die "moralische Überlegenheit" ihres Denkansatzes mit einem schlichten Verweis auf Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" begründen. Doch: So richtig es auch ist, die frohe Botschaft des Christentums an ihren wenig erfreulichen Früchten zu messen, ein solcher Schuss kann durchaus nach hinten losgehen: Viele AtheistInnen übersehen nämlich allzu gerne, dass zahlreiche "Staatsatheisten" in der Vergangenheit kaum ein besseres Bild abgaben als z.B. der Initiator des ersten Kreuzzugs, Papst Urban II.

Joseph Stalin beispielsweise, der sich bekanntlich im Theologischen Seminar von Tiflis zum überzeugten Atheisten mauserte (2), ging als einer der größten Schreibtisch-Massenmörder in die Geschichte ein. In der Zeit des "Großen Terrors" (1936-38) ließ er breit angelegte "Säuberungsaktionen" durchführen, die u.a. auch das Ziel hatten, die "letzten Reste der Geistlichkeit zu liquidieren". ...

Im Laufe der letzten Jahre traf ich aber im freigeistigen Spektrum eine beachtliche Anzahl von Menschen, auf die der Satz dummerweise doch erschreckend zutraf: Atheisten, die so religiös fanatisiert über Atheismus sprachen, dass sie auf mich den Eindruck missionierender Wanderprediger machten, freigeistige Märtyrer, die das Misslingen ihres eigenen Lebens ausschließlich auf das Wirken klerikaler Seilschaften zurückführten, Menschen, die alle Katastrophen der letzten 2000 Jahre der katholischen Kirche anlasteten und deren Kirchenhass das Einzige zu sein schien, was ihrem Leben noch Halt zu geben vermochte.

Ich hatte den Eindruck, dass diese Menschen, die in der Regel der christlichen Religion entflohen waren, zwar ihren Gottesglauben verloren, das entscheidende Problem aber nicht gelöst hatten: Sie waren religiös geblieben, überzeugt von der unumstößlichen Wahrheit ihrer Glaubenssätze. So fest sie zuvor glaubten, Gott existiere, so waren sie nun davon überzeugt, dass er (sie oder es) nie existiert habe. Ihre Propheten der Wahrheit hießen nun nicht mehr Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, sondern Nietzsche, Marx und Feuerbach. Widerrede war verpönt wie eh und je, die Schwarz auf Weiß gedruckte Wahrheit durfte nicht in Frage gestellt werden.

Wenn wir die Kriminalgeschichte des Atheismus Revue passieren lassen, wird deutlich, dass die anfangs gestellte naive Frage, ob Atheisten die besseren Menschen sind, in dieser Generalisierung sicherlich nicht positiv zu beantworten ist. Wohl gemerkt: Dies bedeutet nicht, dass nicht doch einige gute Argumente für den Atheismus sprechen. Hier sind vor allem die Widersprüche zu nennen, in die sich die Vertreter personaler Gottesbilder beinahe zwangsläufig verstricken müssen


Aber - um dies noch einmal zu wiederholen: Die erkenntnistheoretischen Vorteile des Atheismus sind nicht notwendigerweise mit einem Zuwachs an Humanität verbunden. Das entscheidende Problem ist nicht die Frage, ob Götter oder Göttinnen existieren. Das entscheidende Problem ist die weitgehend anerzogene Unfähigkeit vieler Menschen, sich der eigenen Vernunft zu bedienen, ihr fehlender Mut, vermeintlich unantastbare Behauptungen in Frage zu stellen. ...

Es ist an der Zeit, nicht nur aus der Kriminalgeschichte des Christentums, sondern auch aus der Kriminalgeschichte des Atheismus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Im Jahre 1958 glaubten die Kommunisten einmal in Euphorie verfallen zu können. Gelang es ihnen doch, mit dem Weltraumstart des "Sputniks" eine neue Phase der wissenschaftlich-technischen Entwicklung zur eröffnen. Prompt zögerten sie auch nicht, diese günstige Gelegenheit zu nutzen, um damit zugleich ein paar Breitseiten gegen die Religion im allgemeinen, abzufeuern. Die in der DDR erschienene Propagandaschrift "Der Sputnik und der liebe Gott" ist ein Beispiel dafür. Auch die WTG sah sich genötigt auf das Thema Sputnik einzugehen. In ihrem eilends veröffentlichten Buch "Dein Wille geschehe" (parallel schon mal als Vorabdruck auch im Wachtturm zu lesen) konnte man beispielsweise lesen:

"Weniger als zwei Monate später, am 4. Oktober, bereitete er (der vorgebliche Nordkönig) dem amerikanischen Mitglied des Königs des Südens eine große Demütigung, wodurch dieser in Bestürzung und Aufregung geriet, als er nämlich den 83,6 kg schweren Sputnik I in eine Kreisbahn um die Erde schoß."

Die WTG meinte sich auf die "überlegene" Position zurückziehen zu können, dass die "letzte Stellung" schon besetzt sei. Inzwischen sind einige weitere Jahrzehnte vergangen. Genug Anlass eine "Zwischenbilanz" zu ziehen. Die seinerzeitige sowjetische Euphorie ist Vergangenheit. Im wissenschaftlich-technischen Wettlauf wurde sie abgehängt. Trotz des Sarkasmus der zitierten atheistischen Propagandisten existiert die Religion weiter. Sowohl in Ost, West, Nord, Süd. Was lehrt dies? Es lehrt dass die Kommunisten mit ihrer atheistischen Argumentation "Schaumschläge" machten. Das sie es einfach nicht wahrhaben wollten, dass die Probleme auf einer ganz anderen Ebene liegen. Und diese Ebene ist nach wie vor. Das Religion tiefe soziale Ursachen hat (die sie allerdings in irrationaler Form reflektiert). Solange diese sozialen Ursachen nicht beseitigt sind, wird immer ein diesbezüglicher Nährboden bestehen, denn vermeintliche Sinnanbieter zu nutzen sich bemühen.

Allerdings auch dies sei noch gesagt. Werden politische Inhalte über das Medium Religion transportiert (lasst mal alles schön so wie es ist - Verändern "darf nur Gott") wird immer auch Anlass bestehen, Religion kritisch zu bewerten. Auch in der Gegenwart. Auch und besonders im Falle der Zeugen Jehovas.


In einer Diskussinsabfolge bei Infolink kamen diese Aspekte auch mit zum tragen. Einige Auszüge daraus:

 

Von Drahbeck am Dienstag, den 2. April, 2002 - 15:06:

Es wird Christel nicht "trösten". Zu dem Thema: "Die besseren Christen" äußerte sich schon mal einer, der allerdings zugegebenermaßen auch nicht zu den von Christel "Geschätzten" gehört. Besagter Herr pflegte seine Ausfü hrungen noch in einen weiteren Wortschwall einzubetten. Dieser ist nun nicht mehr so "interessant". Daher sei aus diesem Wortschwall nur eine Passage hier wieder gegeben. Entnommen der Webseite: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_191.htm

"Auch das ohnehin langweilige Gerede über den Kommunismus kann man sparen", meint unser beobachtender Herr Konsistorialrat. "Wenn nur diejenigen, die den Beruf dazu haben, die sozialen Prinzipien des Christentums entwickeln, dann werden die Kommunisten bald verstummen."

Die sozialen Prinzipien des Christentums haben jetzt achtzehnhundert Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln, und bedürfen keiner ferneren Entwicklung durch preußische Konsistorialräte.
Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen.
Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die letztere nur den frommen Wunsch, die erstere möge wohltätig sein.
Die sozialen Prinzipien des Christentums setzen die konsistorialrätliche Ausgleichung aller Infamien in den Himmel und rechtfertigen dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde.
Die sozialen Prinzipien des Christentums erklären alle Niederträchtigkeiten der Unterdrücker gegen die Unterdrückten entweder für gerechte Strafe der Erbsünde und sonstigen Sünden oder für Prüfungen, die der Herr über die Erlösten nach seiner unendlichen Weisheit verhängt.
Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille, und das Proletariat, das sich nicht als Kanaille behandeln lassen will, hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seinen Unabhängigkeitssinn noch viel nötiger als sein Brot.
Die sozialen Prinzipien des Christentums sind duckmäuserisch, und das Proletariat ist revolutionär.
Soviel über die sozialen Prinzipien des Christentums.

Von Drahbeck am Mittwoch, den 3. April, 2002 - 08:06:

Zu dem von Christel auch mit angesprochenen Thema. Umwälzung 1989 in Ostdeutschland und die Rolle der Kirchen dabei.
"Streicheln, bis der Maulkorb fertig ist. Die DDR-Kirche zwischen Kanzel und Konspiration". So betitelte Dietmar Linke ein 1993 erschienenes, durchaus lesenswertes Buch. Einleitend (S. 11) schreibt er schon:

"Die Geschichte der DDR und auch der Kirche in diesem Land wird noch einmal neu geschrieben werden müssen. Die Zeit der Konspiration, der Geheimniskrämerei ist vorbei. Wir müssen es der Öffentlichkeit zumuten, daß wir ans Licht bringen, was bisher verborgen war. Alte Bilder, wie das von der Kirche als Träger der Revolution des Herbstes 1989, werden dabei zerbrechen."

Auch Linke räumt ein, dass es sehr wohl kirchliche Kreise gab, die maßgeblich zum November 1989 beigetragen haben. Aber dabei macht er eine wesentliche Differenzierung. Dazu schreibt er (S. 74):

"Nicht zu übersehen ist auch, daß inzwischen eine neue Generation herangewachsen war, die nicht durch die Erfahrungen des Kirchenkampfes der fünfziger Jahre, durch den 17. Juni 1953 oder andere Einschnitte der Geschichte verängstigt war. Diese Generation war in der DDR aufgewachsen, nahm ihre Gegebenheiten als Voraussetzungen, aber nicht um sie als 'Errungenschaften' zu preisen, sondern um sie zu verändern. Der Konflikt zwischen Basis und Leitung der Kirche war in diesen Jahren auch ein Generationskonflikt. Während die Älteren erst gelernt hatten, den Sozialismus zu akzeptieren und anzunehmen, ihre Loyalität zu bekunden, ging es den Jüngeren um dessen Reform. Sie hielten nichts von faulen Kompromissen. Sie benannten die Missstände der Gesellschaft und brachten so manchen Kirchenfürsten in Konflikt, der aus Rücksichtnahme vor dem Staat sich selbst die Hände gebunden und Schweigen verordnet hatte."

Ehrhart Neubert, Verfasser einer voluminösen "Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989" und inzwischen bei der "Gauckbehörde" hauptamtlich angestellt, schrieb auch ein 1993 erschienenes Buch "Vergebung oder Weißwäscherei. Zur Aufarbeitung des Stasiproblems in den Kirchen":
Schon gleich einleitend kommt er auf einen Fall zu sprechen, der etwa dem Fall Wolfgang Kirchhoff bei den Zeugen Jehovas vergleichbar ist. Nur, dass der von Neubert zitierte Fall eben sich in den Gefilden der evangelischen Kirche abspielte.
Über in schreibt Neubert (S. 10):

"Schließlich bekommt die Kirchenleitung den offiziellen Bericht aus der Gauck-Behörde: (Detlef) Hammer war ein eingeschleuster Agent des MfS, seit 1977 sogar Offizier im besonderen Einsatz (OibE). Eine Presseerklärung der Kirchenprovinz (Magdeburg) vom 3. August 1992 stellt nun nüchtern diesen Tatbestand fest: "Er hat über viele Personen und Dienstbereiche im Evangelischen Konsistorium und in der Kirchenleitung berichtet und selbst strategische Vorschläge zur Durchdringung des Konsistoriums der Kirchenleitung durch das MfS gemacht. Er ist für seinen Einsatz ausgezeichnet worden und hat auch finanzielle Zuwendungen erhalten.' Das also blieb vom Bruder Hammer und seinen positiven Wirkungen in der Kirche übrig."

Zur katholischen Kirche merkt Neubert an (S. 85):
"Kardinal Meisner, der damals Bischof von Berlin war, hatte schon während der Unruhen im Januar und Februar 1988 aus Anlaß der Verhaftung und Ausweisung von Bürgerrechtlern in Berlin die politisch geprägten Fürbittengottesdienste in evangelischen Kirchen und die sich damit anbahnenden Massenproteste in einem Rundbrief an die katholischen Mitarbeiter diskreditiert, indem er den Veranstaltungen absprach, als Gottesdienste gelten zu können.
Das machte die katholische Kirche zu einem unkritischen Partner des Staates, der wohlwollend zur Kenntnis nahm, daß in ihr keine oppositionellen Haltungen reproduziert wurden. In Berlin ging damals auch das Wort eines Mitarbeiters des Staatssekretariates für Kirchenfragen um, wonach die katholische Kirche einen 'Preis für Loyalität' gegenüber dem Staat verdient hätte."

Weiter Neubert (S. 84f.)
"Aufgrund dieser Haltung blieben, bis auf wenige Ausnahmen, die katholischen Kirchen während der Herbstrevolution 1989 solange geschlossen, bis praktisch die SED-Macht gebrochen war."

Fast überflüssig anzumerken, dass auch Jehovas Zeugen keine aktive Rolle diesbezüglich gespielt haben. Gleichwohl sich aber heute als Trittbrettfahrer gebärden.
Zu dem auch genannten Wolfgang Kirchhoff. Siehe auch:
http://www.manfred-gebhard.de/Y....htm
(Ziemlich am Schluss bei der Besprechung des "Im Visier der Stasi") Da dies ein sehr umfänglicher Text ist, der noch diverse andere Themen mit anreißt, so die entsprechende Kirchhoff-Passage daraus hier noch kopiert:

In dem neuen Y...-Buch findet sich allerdings auch die Erwähnung des Falles Wolfgang Kirchhoff, ausgezeichnet im Jahre 1977 mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Bronze der DDR. Wofür war der DDR-Staat wohl bereit eine solch hohe Auszeichnung zu gewähren? Die Antwort bleibt das Y...-Buch (wenn auch an versteckter Stelle) nicht schuldig. Er lieferte der Stasi unter anderem die Namen die DDR-Leitung der Zeugen Jehovas, was letzterer wiederum die letzte größere Verhaftungsaktion in den 60-er Jahren ermöglichte. Eine solche "Heldenleistung" war dem DDR-Staat schon mal eine hohe Auszeichnung wert.

Es ist zu registrieren, dass im Y...-Buch jener Fall knapp erwähnt wird, obwohl man sich die gleiche Ausführlichkeit gewünscht hätte, die dort der Kritikerszene zuteil wurde. Nur eines sollte man noch hinzufügen. Jener Messerlieferer konnte seine Tat nur vollbringen, weil es ihm zuvor gelungen war, in höchste Führungspositionen innerhalb der DDR Zeugen
Jehovas-Organisation aufzusteigen!

Die Zeugen Jehovas meinen den Kritikern ihrer Organisation das Recht absprechen zu können, über "Verrat, Denunziation und Erpressung", die es in der Geschichte ihrer Organisation auch gegeben hat, zu sprechen. Nun ist ohne Zweifel einzuräumen, dass genannte Fakten in der Regel von Außenstehender Seite (sprich: staatlichen Repressionsorganen) initiiert wurden. Wie war das eigentlich bei den Kommunisten im NS-Regime. Wer sich mit dieser Frage näher beschäftigt, der wird eine überraschende
Entdeckung machen. Dem Naziregime ist es auch gelungen, bei "einzelnen" Kommunisten in der NS-Zeit Vorgänge auszulösen, die man durchaus mit den Vokabeln "Verrat, Denunziation und Erpressung" umschreiben kann. (Man vergleiche dazu beispielsweise: Marion Detjen "Zum Saatsfeind ernannt", München 1998 S. 36).

Die offizielle DDR-Geschichtsschreibung ist auf diese Vorgänge in der Regel nicht eingegangen. Und wenn doch, so in herunter spielenden Nebensätzen. Genau die gleiche Sachlage ist bei den Zeugen Jehovas zu registrieren. Das ihnen unbequeme wird heruntergespielt. Den Kritikern, die das dennoch thematisieren wird (wenn der Versuch ihnen einen "Maulkorb" zu verpassen nicht fruchtet), auf der persönlichen Ebene "geantwortet". Es ist offensichtlich, dass auch die Kritiker eine Biographie haben.
Die Frage ist jedoch, ob der Betreffende sich dazu bekennt oder sie abstreitet. Hierbei dürfte evident sein, dass das apologetische Bemühen bei den Zeugen Jehovas weit ausgeprägter ist.

 

Von Drahbeck am Mittwoch, den 3. April, 2002 - 12:38:

Moral hat auch etwas damit zu tun, in welche Richtung sie "programmiert" wird. Ein Computer (Hardware) läuft ohne Software bekanntlich nicht. So auch im übertragenem Sinne, beeinflussen Erziehung und Umwelteinflüsse auch den Menschen (und dies unabhängig davon, wie er die Gottesfrage bewertet). Lessing lässt in seinem "Nathan den Weisen" ausrufen: "Ihr Stolz ist Christen zu sein - nicht Menschen". Damit ist ausgesagt, dass auch die Moral von Christen kritisch bewertet werden kann.

Einer der schlimmsten Schreibtischtäter der jüngeren Vergangenheit (H. Himmler) unterschied sich von seinen "Mitgenossen" dadurch, dass er ein (relativ gesehen) nicht übermäßig anstößiges Privatleben führte. Ich sage bewusst relativ, weil mir klar ist dass dieser Vergleich hinkt. Jedenfalls war er im Privatleben weit anspruchsloser etwa als Göring, den schon zeitgenössisch die Kabarettistin Cläre Waldorf mit dem Spruch attackierte:
"Links Lametta, rechts Lametta und der Bauch wird immer fetter."

Himmler ließ seine Schergen mit dem Spruch bedenken. Unsere Ehre ist Treue. Was für eine "Ehre" mag man da nur rückfragen. Die "Ehre" für ein vermeintlich "höheres Ziel" auch über buchstäbliche Leichen zu gehen.

Christen sind nicht davor gefeit, für ein vermeintlich höheres Ziel "die Ehre Gottes", ihre wirkliche Moral, nämlich das naturgegebene Gewissen, an "der Garderobe abzugeben". Gleichwohl, wie die beiden unterschiedlichen Vergleiche verdeutlichen, ist dies kein "nur" christliches Spezifikum.

In diesem Punkt widerspreche ich Karlheinz Deschner, dessen Recherchenarbeiten ich durchaus zu schätzen weiß, der alles Übel dieser Welt auf den Faktor Religion subsumiert. Gleichwohl wenn ich mir das erdrückende Material ansehe, dass er in seinen bisher sieben Bänden der "Kriminalgeschichte des Christentums" vorgelegt hat, komme auch ich nicht umhin zuzugeben, dass sein von ihm gewählter Titel, durchaus Hand und Fuß hat.

Von Drahbeck am Donnerstag, den 4. April, 2002 - 11:43:

Christel lässt immer wieder dezent durchblicken, dass Ihrer Meinung nach, jene die sich auf Gott berufen (von Einzelfällen abgesehen) eine höhere oder qualitativ bessere Moral haben. Nun erachte ich die Frage Gott ja oder nein nicht als diejenige auf die es ankommt. Ich würde aber sagen wollen, dass die Gottgläubigen in der Regel mehr Autoritativ orientiert sind.

Beispielsweise ist auch die katholische Kirche ein durchaus treffendes Beispiel dafür. Der Papst (bzw. die von ihm bestimmte Hierarchie bestimmt). Sofern auf der Gegenseite nicht auch solche Autoritätsgläubigkeit sich verfestigt hat (und dass gibt es auch dort: Führer Adolf Hitler. Oder der "geniale Stalin" und anderes mehr), besteht dort eben nicht solche gleichmacherische Konformität. Ob z. B. die seinerzeitige Papstenzyklika "Humanae vitae" eine angemessene Antwort auf die Fragen des 20. Jahrhunderts war, wage ich schlicht weg zu bestreiten.

Oder um die jüngste Ausgabe der Zeitschrift Focus zu zitieren.(30. 3. 2002). Darin eine Reportage über die Opus Dei-Niederlassung in München. Auch in diesem Orden herrscht strenges Zölibatgebot. Focus berichtet. Die Opus Dei-Männer lassen sich aber von weiblichen Mitgliedern der katholischen Kirche versorgen. Angefangen vom Mittagessen, bis über die Reinigung der Räume (in der dafür vorgesehenen Zeit verlassen die männlichen Opus Dei-Mitglieder das Gebäude) über das Wäschewaschen usw., alles dies besorgen für die männlichen Zölibatäre des Opus Dei Frauen, die übrigens im selben Haus (in getrennten Räumen) ihre Unterkunft haben.

Noch so ein diesbezügliches Schlaglicht. Besteht Bedarf irgendwelche Detailfragen zu klären, erfolgt das grundsätzlich nur übers Telefon. Weiter berichtet Focus z. B. zum Thema Mittagessen. Das fertigestellte Essen wird in eine Schleuse gestellt, die anschließend geschlossen wird. Erst wenn die tatsächlich zu ist, werden auf der männlichen Seite die Speisen entnommen um so jeglichen Blickkontakt zu unterbinden.
Sorry vielen "Dank" für solche Art von "Moral". Hat das auch Gott angeordnet???

Im Unterschied zu den Gottgläubigen sehen Atheisten (jedenfalls einige von ihnen) ihre Moralgrundlage in dem Satz:
Die Philosophen und Religionen haben die Welt nur verschieden interpretiert - es kommt aber darauf an sie zu verändern.

Damit ist keineswegs gesagt, dass diesbezügliche Veränderungsunmternehmen nicht auch kritisch hinterfragt werden können und müssen. Aber jedenfalls ist mir diese Art von Philosphie und Ethik auf jedenfall glaubwürdiger als die des (beispielsweise) Opus Dei.

Im übrigen. Ich persönlich bezeichne mich nicht als Atheist, sondern als Deist. In der Gottesfrage maße ich mir nicht an, ein "letztendliches" Votum abgeben zu können. Es kann so oder auch anders gewesen sein
Auch sollte man mal beachten, dass es selbst Atheisten gibt, die kritische Fragen zu ihresgleichen stellen. Man sehe sich beispielsweise mal einiges von Schmidt-Salomon an. Letzterer, presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Print-Zeitschrift "MIZ. Materialien und Informationen zur Zeit". Jene Zeitschrift wurde früher ganz offiziell vom sogenannten "Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten" (IBKA) herausgegeben. Letzterer ist zwar nicht mehr Herausgeber der MIZ, gleichwohl dominiert er sie nach wie vor.
http://home.t-online.de/home/M.S.Salomon/atheismus.htm
http://home.t-online.de/home/M.S.Salomon/zeigefing.htm
http://home.t-online.de/home/M.S.Salomon/gutboes.htm

Milton G. Henschel und Bertrand Russell

Kahl, Das Elend des Christentum

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