Annotationen zu den Zeugen Jehovas
Von Bräunlich bis braun
Die Farbe braun wird im politischen Sprachgebrauch bekanntlich mit den Nazis in Verbindung gebracht. Selbige entstanden Anfang der zwanziger Jahren als eine Splittergruppe und konnten ein Jahrzehnt später schon die Macht an sich reißen. Nun gehörte nicht jeder, der mit wesentlichen Naziaussagen sympathisierte, schon in den zwanziger Jahren ihnen auch organisatorisch an. Einige haben diesen Schritt nie vollzogen, insbesondere auch jene nicht, die schon lange Jahre vor den Nazis ihre jeweilige Position in deutlich akzentuierter Weise zum Ausdruck gebracht hatten.
Man muss es klar aussprechen: Auch
der seinerzeitige Generalsekretär des Evangelischen Bundes, Paul Bräunlich, gehörte den
Nazis organisatorisch nicht an. Das war's dann aber auch fast schon, was zu seiner
Entlastung gesagt werden kann.
Ein Hauptthema des Evangelischen
Bundes, im Prinzip sein Gründungsanliegen, war der Kampf gegen einen sich übermächtig
gebärdenden Katholizismus. Dieser Kampf sollte in den zwanziger Jahren zugunsten einer
neuen Front zurücktreten und das war der Kampf gegen die Bibelforscher. Protagonist
diesbezüglich war insbesondere Paul Bräunlich.
Ausgehend von seiner
Anti-Katholizismus-Strategie, dem man insbesondere den sogenannten Ultramontanismus
vorwarf, sinngemäß die Abhängigkeit von auswärtigen Mächten, war auch Bräunlich
betont deutschnationalistisch eingestellt. Desweiteren hatte Bräunlich in seinem Kampf
gegen den Katholizismus, insbesondere dem Fall Leo Taxil, der die katholische Kirche in
ein schiefes Licht rückte, besondere Aufmerksamkeit gewidmet und schon zur
Jahrhundertwende darüber publiziert. Er beschäftigte sich aber weiter mit Taxil und eben
auch mit den Bibelforschern in den zwanziger Jahren.
Als Frucht dieser Beschäftigung legte
er dann in den Jahren 1924/25 sogar ein dreibändiges Werk vor, dass vom Titel her zwar
vorgab Taxil zu behandeln, zugleich aber inhaltlich scharfe Breitseiten gegen die
Bibelforscher enthielt. Es war ein dickes, voluminöses Werk. Dicke Bücher laufen oftmals
Gefahr, nicht gelesen zu werden, obwohl dies im Einzelfall durchaus ein kardinaler Fehler
sein kann. Jedenfalls hat Bräunlich seine relevanten Thesen gegen die Bibelforscher, dann
noch in einer mehr Broschürenform tragenden kleineren Veröffentlichung vorgetragen.

Man ahnt es schon, bei wem er da glaubt fündig zu werden. Eben die Bibelforscher. Seine krude "Religionsspötter"-Schrift erweist sich denn auch bei näherem Hinsehen als eine Komprimierung des 3. Bandes seiner Taxil-Trilogie. Letzterer war keine sonderliche Verbreitung vergönnt. Mit Ach und Krach kann man sie heute noch in einigen wenigen wissenschaftlichen Bibliotheken eruieren. Zeitgenössisch nicht sonderlich beachtet, ein Stiefmütterchendasein fristend. Nun hoffte Bräunlich nochmal, mit seiner Religionsspötterschrift, ein größeres Publikum zu erreichen. Vielleicht hat er es zeitgenössisch auch.
Er fand für sie auch
Beifallsklatscher, was weiter unten noch dokumentiert wird, und zwar aus jüdischen
Kreisen. Die klatschten aber Bräunlich nur deshalb Beifall, weil er die antisemitische
Unterstellung, die Bibelforscher würden von den Juden finanziert, gleichfalls
zurückwies, um sie durch eine eigene, nicht minder dubiose Theorie zu ersetzen.
Wenn man sich Bräunlichs
Argumentationsbasis in Sachen Bibelforscher näher ansieht, kommt man nicht umhin (wenn
man den von ihm mit eingewobenen Fall Taxil beiseite lässt) sie in Abwandlung seines
Namens auch als politisch braun einzuschätzen. Ob dies kirchlichen Kreisen heute passt
oder nicht - es muss so ausgesprochen werden.
Zitat:
"In der Galerie der speziellen Antibibelforscher"koryphäen" sollte man einen Namen nicht vergessen. Und dieser Name heißt: Paul Braeunlich, seinerzeit Generalsekretär des Evangelischen Bundes. Letzterer bemühte sich neben der Apologetischen Centrale im besonderem Maße um die apologetische Verteidigung der evangelischen Kirche.
Braeunlich führt eine scharfe Klinge. Er bedauert, dass völkische Kreise "mit Erbitterung auf die fast erznationalen deutschen Freimaurer schauen." Er weiß einen anderen Buhmann zu benennen: "Pseudoreligiöse Unterminierung stelle sich mit Geschick auf den Geschmack eines buchstabengläubigen Publikums evang. Grundrichtung ein. Ihr ganzes Christentum läuft darauf hinaus, von den Kirchen losgelöste Massen zusammenzutreiben, die - stündlich des Augenblicks harren, wo der Erzengel Michael erscheinen wird. Dieser wird dann als neuer Christus Weltgericht abhalten, dass einer bolschewistischen Revolution zum Verwechseln ähnlich sieht.
Das gerade in dem Jahre, für das sie große Dinge voraussagten, der Weltkrieg ausbrach, gibt zu denken.
Waren es die Bibelforscher vielleicht selber gewesen, die mit ihren Hintermännern die geistige Atmosphäre dermaßen erhitzen halfen dass das große Blutvergießen unvermeidlich wurde?
Das würde eine treffliche Illustration zu der Anklageschrift bilden, mit der sie jetzt die Diener der christlichen Kirchen für den Krieg und seine Schrecken haftbar machen!
Das Flugblatt Anklage gegen die Geistlichkeit ergießt über letztere die ganze Schimpfflut der Revolutions- und Desertationshetze von 1918." [187]
An anderer Stelle kommentiert Braeunlich im gleichem Sinne:
"Als der Gründer der Ernsten Bibelforscher besonders fromm gestimmte christliche Kreise von den christlichen Kirchen losreißen und sie politisch revolutionärer Denkweise zuführen wollte, da bot er ihnen seine scheinbar erzchristlichen Schriftstudien dar. Darin hat er in Augenblicken des Übermutes sich und die Seinen mit Schlupfwespen verglichen. Denn diese Tiere, so sagt er, legen ihre Eier auf den Rücken anderer, feindlich gesinnter Insekten, deren Körperwärme sie ausbrütet. Seien sie aber erst einmal ausgekrochen, so machten sie sich alsbald daran, den Leib ihrer Pfleger zu zerfressen." [188]
In seiner Kampfschrift: "Die ernsten Bibelforscher als Opfer bolschewistischer Religionsspötter", geißelt er gleichfalls die allegorischen Bibelauslegungen der Bibelforscher als "mit frommer Sauce übergossenes Antichristentum", als "Förderungsmittel gottlosestem Bolschewistentums." [189]
Er meint vollmundig verkünden zu können:
"Das ganze Verhalten der Bibelforscher-Gesellschaft entspricht dem geheimen Bunde ihrer religiösen mit den politischen Führern der Weltrevolution. Den Beginn des Tages der Rache, hatte Russell, wie gesagt, auf Oktober 1914 angesetzt. Und merkwürdig - am 26. Juni dieses Jahres fielen in Sarajevo die Schüsse, die den Völkerkrieg entfesselten, ohne die der Traum einer Weltrevolution sich kaum so bald erfüllen konnte." [190]
Über Rutherfords Endzeitdatum 1925 orakelt er:
"Das für das genannte Jahr - spätestens für Oktober 1925 - vom Bolschewismus ein großer Schlag geplant war, verrieten viele Anzeichen. So die Sprengung der Kathedrale von Sophia und zahllose Aufstände von Marokko bis China. Abermals wetteiferten dabei mit den politischen, die religiös vermummten Emissäre von Moskau." [191]
Bräunlichs Apologie liegt letztendlich auf einer parallelen Ebene zu der eines Ludendorffs, der gleichfalls meinte, für die Kriegsniederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg "Freimaurer und überstaatliche Mächte" reklamieren zu können.
Einige wenige andere theologische Kritiker der Bibelforscher erkannten durchaus an, dass Braeunlich mit seinen Thesen übers Ziel hinausgeschossen ist. Namentlich zu nennen wäre hier Rohkohl, der da äußerte:
"Das maßvolle Urteil Loofs, dass Bräunlich unverständlich findet, muss für den objektiven Kritiker zunächst maßgebend bleiben, bis der Gegenbeweis geliefert ist." [192]
Weiter äußert er:
"Es kommt hinzu, dass das Gros der Bibelforscher aus Leuten einfältigen Gemütes besteht, die selbst wenn die Behauptungen (Bräunlichs) zu recht bestünden, nicht in der Lage wären, in die Tiefen dieses komplizierten Fragenkomplexes einzudringen."
Trotzdem meint Rohkohl auch Bräunlich zu verstehen, wenn er äußert:
"Ein Merkmal der Ausführungen Bräunlichs wird sich trotzdem auch jeder objektive Kritiker zu eigen machen. Hier ist das Endergebnis der Bibelforscherarbeit herausgestellt worden: Die Massen werden zunächst der Kirche sowie jeder nur religiösen Gemeinschaft entfremdet und mit glühendem Hass gegen sie erfüllt. Bricht dann eines Tages ihr religiöses Gebäude zusammen, so wird ein großer Prozentsatz getrieben durch bittere Enttäuschung, sich vollends dem Atheismus verschreiben, zumal ihre bisherige religiöse Gedankenwelt nichts anderes ist, als religiös übertünchter Materialismus.
Der Unterschied der Auffassung besteht lediglich darin, dass Bräunlich der Ansicht ist, Schimpfflut der Revolutions- und Desertationshetze von 1918 glaubhaft nachweisen zu können, dass diese Entwicklung seitens der Führerschaft gewollt ist, während andere das als eine ungewollte Wirkung ansehen." [193]
Man beachte aus vorstehenden Voten nochmals ausdrücklich die von Braeunlich geprägte Vokabel: "Schimpfflut der Revolutions- und Desertationshetze von 1918."
Damit hat er seine eigene Position klar umschrieben. Die Position
des Deutschnationalen bis auf die Knochen. Es war Braeunlich vom
Alter her, nicht mehr vergönnt, noch im Naziregime eine Rolle zu
spielen. Aber das Deutschnationale und Nazis zwei Früchte desselben
geistigen Stammes darstellen, ist jedem Sachkenner geläufig.
Bräunlich war auch kein "Außenseiter". Deutschnationale feierten in
der Evang. Kirche auf breitester Basis fröhlichsten Urstand. Es gab
nicht wenige Exemplare unter ihnen, bei denen man sich ernstlich
fragen muss. Was ist denen eigentlich wichtiger. Die Tünche
angeblichen "Christentums", oder tatkräftige nazistische Politik im
Alltag umzusetzen. Spätestens mit dem erstarken in organisatorischer
Form, als sogenannte "Deutsche Christen", wurde dieser Dissenz vor
aller Welt sichtbar.
Wie gesagt; spielte Bräunlich - altersbedingt - im Naziregime keine
Rolle mehr, so haben andere durchaus seinen Part fortgeführt; etwa
Julius Kuptsch.
Bräunlich repräsentierte die ältere Generation dieser Linie. Es ist
nicht uninteressant auch zu registrieren, wie zwei
Verschwörungstheoretische Wurzeln, sich nach dem ersten Weltkrieg im
besonderen auf die Bibelforscher "einschossen". Die eine mit
katholischen Wurzeln, bis zur Gegenwart, wofür der Name
Robin de Ruiter im besonderen steht, will die Freimaurer
zu Buhmännern hochstilisieren. Hier mag Bräunlich nicht folgen. Und
seine Ablehnung der Freimaurerhetze ist nur zu berechtigt.
Das aber bedeutet noch lange nicht, dass Bräunlich deshalb nun
"grundlegend" besser wäre. Er ersetzt die katholischen (und
Nachfolger)-Buhmann lediglich durch den Buhmann "Bolschewismus".
Sachlich verfehlen beide Buhmänner grundlegend ihr Ziel
Zitat:
"Merk trennte sich dann wenig später von den Zeugen Jehovas. Womöglich hat hierbei eine Rolle gespielt, daß sein Sohn Edgar, der Mitte der dreißiger Jahre in Prag als Missionsgehilfe arbeitete, mit der Tochter von Paul Balzereit, dem früheren »Zweigdiener« der Zeugen Jehovas in Deutschland, verheiratet war. Balzereit wurde 1936 wegen seines Anpassungskurses 1933/34 aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen."
Zeitgenössischer Nachfolger in der WTG-Hierarchie für Franz Merk wurde
der nicht unbekannte Konrad Franke.
1926 war es noch nicht soweit. Da fungierte Merk (offenbar Merk Junior) noch
als Sprachrohr für Balzereit in Sachen Bräunlich.
In der genannten GZ-Ausgabe liest man in seiner Replik, dass
Zitat:
"ein neuerdings von Lic. theol. Bräunlich herausgebenes Machwerk, das, dem Ton und der geübten Methode der Ehrabschneiderei und der Kunst der Verdrehung von Tatsachen nach zu urteilen, fast den verkappten Jesuiten vermuten läßt."
Da schon geht Merk in seinem Frust zuweit. Man kann Bräunlich sicherlich
vieles anlasten. Nur eines nicht "verkappter Jesuit". Ist doch der
Evangelische Bund, dessen Funktionär Bräunlich ist, gerade als
Kampfinstrument gegen einen erstarkenden Katholizismus gegründet worden.
Weiter unterstellt Merk:
Zitat:
"In den antisemitischen 'Abwehrblättern' wurde in übelster Weise gegen den Leiter der Bibelforscherbewegung Propgaganda gemacht und die Behauptung aufgestellt, er sei bei Ausbruch der Revolution Mitglied des Soldatenrates in Kiel gewesen."
Auch hier desavoiert sich Merk selbst, indem er die "Abwehrblätter" als
"antisemitisch" erklärt. Nichts weniger als das! Sie sind zur Bekämpfung des
Antisemitismus ins Leben gerufen, aber kein antisemitisches Organ. Dieser
Lapsus offenbart eines besonders, die Oberflächlichkeit, mit der Merk
vorgeht. Hätte er sich intensiv damit befasst, hätte ihm solch ein Lapsus
nicht passieren dürfen.
Zudem besteht in Sachen "Abwehrblätter" der mehr als seltene Glücksfall,
dass man sich heutzutage via Internet, selber ein eigenes Bild anhand der
Quellen, der damaligen Kontroversen verschaffen kann.
Siehe dazu
Extern
wo unter der Jahreszahl 1925 die einschlägigen Links genannt sind.
Sachlichkeit kann man Herrn Merk sicherlich nicht unterstellen. Davon zeugt
auch seine gereizte Bemerkung:
Zitat:
"Liegt nicht die Vermutung nahe, daß Herr Bräunlich selbst nach der Methode des Taxil-Schwindels sich in die evangelischen Reihen hineindrängte, um dort für den Katholizismus verborgene Propaganda gegen den Protestantismus zu treiben?"
Weiter meint Merk:
Zitat:
"Das unschöne Geschrei des Herrn Bräunlich und seiner ihm verwandten Geistesgenossen und ihr Versuch, diese durch die Verfassung des Deutschen Reiches geschützte Missionsarbeit der Bibelforscher zu diskreditieren und zu verleumden, ist nur ein Ehrenzeugnis für ihre Arbeit."
Man kommt bei diesem Merk'schen Votum nicht umhin zu konstatieren. Er bietet auch nur Polemik. Zur Substanz dringt er in keiner Weise vor. Mag Bräunlich auch anfechtbares gesagt haben. Merk tut es in der Sache gleichfalls!