Anstelle eines "großartigen" Kommentars zum Franz-Buch; zwei "Kommentare" der Zeugen Jehovas dazu. Welch große Angst muss man doch vor seinen Ausführungen haben, wenn man zu solchen Praktiken greift!

 

 

Der geschmähte Autor Raymond Franz in einem Filminterview

„Der Tag, an dem der Anruf kam, war sehr passend. Am l. Januar 1939 habe ich mich taufen lassen, und genau 43 Jahre später, am 31. Dezember 1981 wurde ich exkommuniziert, allein deswegen, weil ich mit jemand, der von sich aus die Gemeinschaft verlassen hatte, eine Mahlzeit eingenommen hatte."

Der diese bittere Bilanz zieht heißt Raymond Franz. Noch einmal hatte er in einem „letzten Aufbäumen" versucht, gegen einen bereits ausgesprochenen Gemeinschaftsentzug Widerspruch einzulegen. Allerdings, auch das ist offenkundig. Er war bereits am Ende seiner diesbezüglichen Nervenkraft. Das äußerte sich dann dergestalt, dass er einen Widerspruch gegen ein Ausschlußverfahren einlegte, dann aber einsah: Es ist sinnlos; und in dieser Konsequenz offiziell seinen bereits eingelegten Widerspruch zurückzog.

Dabei fing alles einmal ganz anders an. Sein Onkel, Fred W. Franz, brachte es in späteren Jahren gar noch zum Präsidenten der Wachtturmgesellschaft. Neffe Raymond nach langen Jahren des verdienens der „Sporen" auf Auslandsmissionarsposten, in die Brooklyner Zentrale berufen, schien nun gemächlicheren Zeiten entgegenzugehen.

Die ideologischen Widersprüche, die auch anderen in diesen Kreisen zu schaffen machten, sollten sich perspektivisch, auch auf für ihn verhängnisvoll auswirken.

Während „Säuberungsaktionen" denen des Stalin in der Sowjetunion vergleichbar, fiel immer wieder in den erpressten Geständnissen auch der Name des Raymond Franz, als eines vermeintlichen ideologischen Abweichlers. Das „Beweismaterial" aber reicht nicht aus, ihm schon damals den WTG-Prozeß zu machen. Dennoch die Falken beharrten darauf. Dieser Franz muss von hier weg. Man setzt ihm die Pistole auf die Brust.

Tritt freiwillig von Deinem Posten in der leitenden Körperschaft zurück. So die Forderung und dem übermächtig werdenden Druck beugt er sich.

Er zieht von der Weltstadt New York zu einem früheren Bekannten nach Alabama. Wirtschaftlich mehr oder weniger bei Null anfangen müssend. Seine Bekannter gab ihm Arbeit und Unterkunft, denn die wirtschaftliche „Übergangshilfe" die Franz von Brooklyn erhielt, war mal gemessen am Kostenniveau der USA, sehr, sehr bescheiden. Der örtlichen Zeugen Jehovas-Versammlung schloss er sich auch wieder an. Die wollten ihn gar nach einiger Zeit sogar wieder zu einem ihrer Ältesten befördern. Brooklyn winkt ab. Der Rücktritt des Franz aus der LK sei noch zu frisch.

Es kam was kommen musste. Franz dokumentiert in seinen Ausführungen umfänglich, wie die Falken in Folge ihres Aderlasses, ihre Ausschlußpraxis verschärften. Weiterer Schachzug. Ein neuer Kreisaufseher wird im Bereich des Raymond Franz tätig. Im vorauseilenden Gehorsam müht er sich nun, den Fall Franz auf seine Art zum Abschluss zu bringen und weiß sich dabei des Augurenlächelns aus Brooklyner Gefilden sicher. Der materielle Wohltäter des Franz wird nun in die Enge getrieben. Ihm wird unterstellt auch nicht mehr Brooklyn-Linientreu zu sein. Anonyme Gerüchte sind dabei „Beweis" genug. Jener Peter Gregerson, über umfängliche familiäre Beziehungen verfügend, alle Zeugen Jehovas geprägt, sieht sich in die Enge getrieben.

Er gibt sich der Illusion hin: Kommt es auch für ihn zu einem förmlichen Ausschlussverfahren, steht die Kappung dieser Beziehungen an. Er glaubt das unterlaufen zu können, indem er von sich, mit einem höflich abgefassten Austrittsschreiben, die Gemeinschaft verlässt. Seiner Meinung nach wäre er dann ja kein „Ausgeschlossener" im strengen Sinne, könnte also die Kontakte zu seinen Kindern, Enkeln und leiblichen Brüdern, weiter pflegen, ohne wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Seine Kalkül berücksichtigte aber nicht, die inzwischen eingetretene Verschärfung der Ausschlußpraxis, indem auch „blos Ausgetretene" ähnlich wie die tatsächlich Ausgeschlossenen behandelt werden.

Jetzt hatten die Brooklyner Falken den Zustand erreicht, wo sie eigentlich hinwollten. Den Sack zu schlagen, um den Esel eigentlich zu treffen.

Jetzt setzte man Franz erneut die Pistole auf die Brust. Er pflege ja nun noch engen Kontakt zu einem faktisch Ausgeschlossenen (wenn auch de jure nur Ausgetretenen). Wie er sich denn dazu stelle, begehrte man nun von ihm Franz zu wissen.

Das er beispielsweise auch aus wirtschaftlichen Gründen (von den moralischen erst gar nicht zu reden), sich nicht so mir nichts dir nichts von seinem Wohltäter trenne könne, interessierte die Brooklyner Hardliner und ihre Erfüllungsgehilfen nicht. Dieser Franz pflegt weiter Kontakt zu einem faktisch Ausgeschlossenen. Also so ihr Urteil müsse er auch selbst ausgeschlossen werden.

Wenn man der Frage nachgeht, was zum Schisma des Raymond Franz mit der WTG beigetragen hat, dann muss man meines Erachtens zwischen aktuellen Anlässen und tiefer liegenden Ursachen unterscheiden. Letzterer ist besonders seine Berufung in die sogenannte „Leitende Körperschaft" und seiner dortigen Erfahrung eben nichts zu „leiten" zu haben, zuzuordnen. Dafür stehen auch seine Aussagen in seinem „Der Gewissenskonflikt" (S. 45f.):

"Die ersten der wöchentlichen Sitzungen, an denen ich teilnahm, entsprachen jedoch ganz und gar nicht meinen Erwartungen ...Was auf die Tagesordnung kam, das entschied der Präsident der Gesellschaft, Nathan Knorr. Alle Angelegenheiten, deren Beratung er für geeignet erachtete, brachte er... mit, und das war gewöhnlich das erste Mal, daß wir von dem Diskussionsgegenstand überhaupt erst erfuhren. Manchmal erschöpfte sich die ganze Sitzung einfach in der Besprechung einer Liste von Empfehlungen für die Ernennung reisender Beauftragter in verschiedenen Ländern ... Die ganze Sitzung war manchmal schon nach wenigen Minuten vorbei. Eine hat nur sieben Minuten gedauert (inklusive Gebet zu Beginn)."

Offenbar im Zusammenhang mit dem WTG-Buch „Organisation zum Predigen des Königreiches und zum Jüngermachen" an dem auch Franz mitbeteiligt war, kam es dann wohl zu einem ersten Zusammenprall, der sich nach der Darstellung von Franz wie folgt abgespielt hatte:

„Präsident Knorr sagte klipp und klar, er habe das Gefühl, man wolle ihm seine Verantwortung und seine Arbeit wegnehmen. Er betonte, die leitende Körperschaft habe sich ganz auf die ,rein geistigen Belange' zu beschränken; den Rest würde die Gesellschaft erledigen. Alle Mitglieder des Gremiums wußten aber, daß die 'geistigen Angelegenheiten', die ihnen zugestanden wurden, damals fast gänzlich aus dem so gut wie leeren Ritual der Zustimmung zur Ernennung weitgehend unbekannter Personen zu reisenden Beauftragten und der Besprechung der ständig eingehenden Briefflut zum Thema, Gemeinschaftsentzug bestand.

Ich beteiligte mich mehrfach an der Diskussion und vertrat die Ansicht, gemäß der Bibel müßten auch andere Angelegenheiten geistlicher Art in die Zuständigkeit des Gremiums fallen. (Nach meiner Meinung paßten Jesu Worte ,ihr alle seid Brüder' und ,einer ist euer Führer, der Christus' nicht zu dem herrschenden Ein-Mann-Führungssystem, genausowenig wie seine Äußerung, daß ,die Herrscher der Nationen den Herrn über sie spielen und die Großen Gewalt über sie ausüben, [doch] unter euch ist es nicht so'. Ich fand es einfach nicht redlich, in den 'Wachtturm-Ausgaben von 1971 erst etwas zu sagen und es dann nicht auch zu tun.

Doch jedes Mal, wenn ich etwas sagte, faßte der Präsident meine Worte als gegen ihn persönlich gerichtet auf und antwortete wortreich und mit energischer, gespannter Stimme. Er meinte, manche seien wohl nicht zufrieden mit der Art, wie er seine Arbeit tue. Bis ins einzelne beschrieb er dann, was er alles tue, und sagte dann: ,Und jetzt wollen anscheinend einige, daß ich das nicht mehr mache. Womöglich soll ich alle Unterlagen herholen und sie Ray Franz übergeben, damit er den ganzen Kram übernimmt.' Es war kaum zu glauben: Er hatte gar nicht begriffen, um was es ging, daß ich mich dafür ausgesprochen hatte, die Aufgaben auf ein mehrköpfiges Kollegium zu verteilen, und gar nichts davon gesagt hatte, die Macht von einer Einzelperson auf eine andere zu übertragen. Diesen Punkt wiederholte ich immer wieder und stellte klar, daß meine Worte nicht als ein persönlicher Angriff gegen ihn gemeint waren ... Doch all dies machte offensichtlich keinerlei Eindruck auf ihn, und als ich nach mehreren Anläufen gemerkt hatte, daß jedes zusätzliche Wort zu diesem Thema den Zorn nur noch verstärkte, gab ich auf. Die anderen saßen alle daneben und sagten kein Wort. Sie guckten nur zu."

Wenn man sich diesen Disput vergegenwärtigt, wird man unwillkürlich an George Orwells „1984" erinnert, der da seinen Helden Winston Smith über einen ähnlichen Konflikt berichten lässt:

Gelegentlich, vielleicht zweimal die Woche, ging er (Winston Smith) in ein staubiges, vernachlässigt wirkendes Büro im Ministerium für Wahrheit und erledigte ein wenig Arbeit oder das, was so genannt wurde. Man hatte ihn in ein Unterkomitee eines Unterkomitees berufen, das einem der zahllosen Komitees entsprossen war, die sich mit den kleinen Problemen befaßten, die bei der Erstellung der elften Auflage des Neusprechwörterbuchs auftauchten. Sie waren mit der Abfassung eines sogenannten Zwischenberichts beschäftigt, doch worüber sie da eigentlich Bericht erstatteten, hatte er nie herausgefunden.

Es ging irgendwie um die Frage, ob Kommas innerhalb oder außerhalb der Klammern gesetzt werden sollten. Zum Komitee gehörten noch vier andere Mitglieder, die ihm ähnlich waren. Es gab Tage, da versammelten sie sich und zerstreuten sich dann gleich wieder, weil sie voreinander offen eingestanden, daß für sie eigentlich nichts zu tun war. Es gab jedoch andere Tage, da gingen sie beinahe mit Feuereifer an die Arbeit und machten viel Aufhebens davon, ihre Sitzungsprotokolle zu erstellen und lange Memoranden abzufassen, die sie nie zu Ende brachten - da wurde die Debatte darüber, worüber sie eigentlich debattierten, außerordentlich verwickelt und abstrus, mit subtilen Streitereien über Definitionen, ungeheuren Abschweifungen, Zänkereien, ja sogar mit Drohungen, sich an eine höhere Autorität zu wenden. Und ganz plötzlich wich dann alles Leben aus ihnen, und sie saßen um den Tisch und blickten einander mit erloschenen Augen an, wie Gespenster, die beim ersten Hahnenschrei verblassen. ...

Die Raymond Franz-Krise plastisch dargestellt

Parsimony.19181

Parsimony.16690

CV 210

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