Annotationen zu den Zeugen Jehovas

1177 Regeln

Die Raymond Franz-Krise plastisch dargestellt

Im Jahre 1971 (englisch) (Deutsch 1980 - 1987) veröffentlichte die WTG erstmals in ihrer Geschichte ein auf acht Bände angelegtes Bibellexikon unter dem Titel „Hilfe zum Verständnis der Bibel". Im deutschen „Wachtturm" vom 15. Mai 1970 wurde eigens in einem Studienartikel dieses Buchprojekt über alle Maßen gelobt und selbst Schulkindern empfohlen; obwohl es damals überhaupt noch nicht in Deutsch erschienen war.

Offenbar in den Jahren 1990-92 wurde dieses dann durch ein zweibändiges Buch mit dem Titel „Einsichten über die Heilige Schrift" abgelöst. Während letzteres auch auf der deutschen WTG CD-ROM mit enthalten ist, sucht man das achtbändige Werk dort vergeblich. Und dies trotz des Umstandes, dass es im regulären Veröffentlichungszeitraum ab 1970 liegt. Es ist wohl in der Sicht der verantwortlichen WTG-Manager, die für diese Ausgrenzung die Verantwortung tragen, inzwischen „veraltet". Weniger wohl inhaltlich. Ernsthafte Dissenzen zur heutigen Zeugen Jehovas-Lehre lassen sich zwischen diesen beiden Bibellexikas kaum nachweisen.

Der Grund liegt eher (unausgesprochenerweise) im Personellen begründet; dieweil einige daran mit Beteiligte Vertreter des WTG-Schreibkomitees, im Gefolge der Raymond Franz-Krise, auch ihre Posten in der WTG-Zentrale verlassen mussten, und zu Unpersonen wurden.

Die Zeitschrift „Brücke zum Menschen" stellte in ihrer Nr. 73/74 (1983) einige Interviews jener vor, die von diesem personellen Aderlaß mitbetroffen waren und davor maßgeblichen Anteil an den genannten Publikationen hatten.

Auszugsweise, etwas überarbeitet übernimmt die CV auf zwei Folgen aufgeteilt (Nr. 172 und 173) auch einige wesentliche Aussagen aus diesen Interviews für ihre Leserschaft.

Ein charakteristischer Satz über die Konsequenzen der Franz-Krise:

„Es gab ein gespanntes Klima. Bei den Kommentaren der Glieder der LK zum Tagestext beim gemeinsamen Frühstück im Bethel wurden nun plötzlich über die, welche die Organisation verließen, Erörterungen angestellt. Sie nannten es den „großen Abfall". Jeden Morgen tischten sie eine Menge Verleumdungen auf über Menschen, die ich meistens persönlich kannte. Angst verbreitete sich daher, über die letzten Ereignisse zu sprechen. Nach dem Ausschluß … kamen auch andere an die Reihe.

Die Dienstabteilung hatte sogar ein Komitee gegründet unter Harald Jackson, das wie eine Geheimpolizei alles untersuchte. Sie gingen umher und verhörten Brüder und überprüften solche, die eventuell mit der WTG nicht übereinstimmten."

Liest man die Details des Berichtes, wie da Angst und Schrecken verbreitet wurde, fühlt derjenige, der historischen Analphabetismus nicht zu seiner Maxime erkoren hat, sich unwillkürlich an die Stalin'schen Säuberungsaktionen in den dreißiger Jahren in der Sowjetunion erinnert. Selbst, wie schon zitiert, das Faktum einer Angst und Furcht verbreitenden Geheimpolizei ist bei diesen Vorgängen nachweisbar!

AUFSTAND DES GEWISSENS IN DER WELTZENTRALE DER ZEUGEN JEHOVAS, NEW YORK

WAS GESCHAH HINTER DEM KULISSEN IM BETHEL BROOKLYN?

Interview mit den früheren Bethelmitarbeitern Randall Watters und Robert Sullivan

Der Aufstand im WTG-Schreibkomitee

Was geschah in der Weltzentrale der Zeugen Jehovas (ZJ) im Frühjahr 1980? Unruhen gab es in der Wachtturmgesellschaft (WTG) schon seit Jahren. Doch im Frühjahr 1980 traten sie an die Oberfläche, auch wenn alles getan wurde, sie vor ihren Anhängern zu verheimlichen. Ein prominentes Mitglied der Leitenden Körperschaft (LK), der Neffe des Präsidenten der WTG, wurde aus der LK entlassen und kürzlich ausgeschlossen. Dieser Mann war fast sein ganzes Leben hindurch ein ZJ. Er wurde als einer von der „Gesalbten Klasse „ betrachtet und trug für das Schreiben der WT-Publikationen, wie Jakobus-Kommentar und Jugend- und Familienbuch die Verantwortung.

Auch andere angesehene Mitglieder der Schreibabteilung wurden einer strengen Befragung unterzogen und schließlich ausgeschlossen oder sie verließen freiwillig die 'Organisation der ZJ. Diese Männer waren für das Schreiben eigener WT-Artikel und WT-Publikationen, etwa „Wähle den besten Lebensweg", „Das Leben hat doch einen Sinn", „Des Wahrheitsbuch" und das vielverwendete Bibellexikon „Hilfe zum Verständnis der Bibel" verantwortlich. Diese Bücher wurden von Jehovas Zeugen weit und breit gelesen und als „feste Speise zur rechten Zeit" anerkannt, herausgegeben von „Gottes Organisation", wie sie sie nennen.

Heute glauben die Schreiber dieser Bücher nicht mehr, daß die WTG der „alleinige Kanal der Wahrheit" ist Was veranlaßte so viele Mitarbeiter des Hauptbüros zum Gehen? Warum zogen sich so viele ZJ auf der ganzen Welt von der WT-Organisation zurück? Was war der Kernpunkt des Meinungsstreit? Warum sind nicht alle Tatsachen darüber den ZJ zugänglich?

Das folgende Interview mit Randall Watters und Robert Sullivan gibt darauf Antwort:

Warum sie die Zentrale verließen

TOM: Randy, würdest Du sagen, daß Du über das, was im Bethel geschah, gestrauchelt bist, also über das Verhalten von Menschen?

RANDY: Nein, das wars nicht, obwohl ich dazu Gelegenheit gehabt hätte. Wenn man nämlich im Bethel ist, merkt man, daß Menschen miteinander Probleme haben. Personalprobleme, besonders wenn's um Aufsichtsstellungen geht. Da gibt es immer Leute, die jemanden auf die Füße treten. Wenn man eine Zeit im Bethel ist, gewöhnt man sich daran. Ich habe es wirklich nur verlassen wegen der falschen Lehren der WTG.

TOM: Und wie stehts mit Dir, Robert?

ROBERT: Auch ich bin nicht über Menschen gestolpert. Einige waren meine besten Freunde, und obwohl sie heute nicht mehr mit mir sprechen dürfen, betrachte ich sie immer noch so. Ihr Lebenswandel hat, in ganzen gesehen, ein höheres Niveau als das des Bevölkerungsdurchschnitts. Nein, nicht über Menschen bin ich gestolpert. Es war nur die Tatsache, daß sie falsche Lehren verkünden.

Selbständige Bibelstudien im Bethel neben den WT-Studien

TOM: Hast Du einmal mit anderen Bethelmitarbeitern gesprochen, Randy?

RANDY: Ja, das habe ich. Neben meinen persönlichen Römer- und Galaterbrief-Studien - so entdeckte ich - gab es noch private Studien, zu denen eine ganze Anzahl - von Bethelmitarbeitern Montagabends nach dem offiziellen WT-Studium der Bethelfamilie zusammenkamen. „Private" Bibelstudiengruppen im Bethel. Sie trafen sich in ihren Zimmern und besprachen die Bibel Abschnitt für Abschnitt. Im Unterschied zu den offiziellen Zusammenkünften der ZJ verwandten sie nicht die WT-Publikationen, sondern nur die Bibel, und sie konnten offen darüber sprechen. Erstaunlich, daß so viele Bethelmitarbeiter an diesen selbständigen Studien teilnehmen, Wenn man in einem Studium war, wußte man manchmal nicht, daß auf der anderen Seite des Flurs noch ein Studium stattfand. Dies geschah fast geheim.

Erste Entdeckungen des Schreibkomitees

TOM: Wie viele Mitarbeiter des WT-Hauptbüros gehören eigentlich zur „Leitenden Körperschaft"?

RANDY: Als ich dort arbeitete, waren es 17. Durch die Absetzung von Ray Franz und den Tod von William Jackson verringerte sich die Anzahl auf 15.

TOM: Hat auch jemand von der LK die WT-Lehre über „Glauben und Werke" in Frage gestellt?

RANDY: Ja, das kann man bis in die frühen 60er Jahre zurückverfolgen. Damals ernannte Nathan Knorr, der damalige Präsident der WTG, ein besonderes Schreibkomitee. Diese Männer sollten das Buch „Hilfe zum Verständnis der Bibel" schreiben, ein Lexikon, das alle biblischen Begriffe in alphabetischer Reihenfolge behandelt. Es enthält einen Abschnitt über Chronologie und darin einen Passus über die Wichtigkeit der Jahre 607 und 1914 zur Bestimmung der „Zeiten der Nationen" sowie einen Hinweis auf das Jahr 1975 als das Ende von 6000 Jahren menschlicher Existenz. N. Knorr und der damalige Vizepräsident Fred Franz sagten ihnen, sie könnten die Bibel unabhängig von dem, was die WTG lehrt, erforschen und, sollten sie etwas finden, was die WTG nicht lehrt, dann sollten sie das die LK wissen lassen. Sie würden dann Schritte unternehmen zu einer Korrektur.

Die Brüder des Schreibkomitees entdeckten dann z.B., daß die Christenversammlungen des 1. Jahrhunderts eine Ältestenschaft hatten, und deshalb kam es Anfang der 70er Jahre zu der Regelung der turnusmäßig wechselnden Altesten.

Nach der Enttäuschung von 1975

Wachtturm-Schreibkomitee entdeckt Widersprüche zwischen WT und Bibel.

Nach der Enttäuschung von 1975 wandten sie sich wiederum dem Studium der Chronologie zu, weil zu ihrer Verwunderung das Ende nicht gekommen war. Die meisten Zeugen erwarteten es in diesem Jahr.

Nebenbei bemerkt hatte die WTG dieses Datum ziemlich hochgespielt, so daß in Erwartung des Endes viele sogar ihre Häuser und ihren Besitz verkauften.

Bei der Überprüfung der chronologischen Berechnungen stieß die Schreibabteilung auch darauf, daß es für die Jahre 607 und 1914 überhaupt keinen Schriftgrund gibt. Das Jahr 607 ist nicht das korrekte Datum des Endes des israelitischen Königtums. Doch wenn 1914 als zuverlässiges Datum entfällt, werden auch weitere Lehren fragwürdig, gibt es z.B. auch keine Gruppe, die sich selbst „treuer und verständiger Sklave" nennen kann und mit der Versorgung der Christen mit „geistiger Speise" betraut wäre. Der WT selbst räumt ein, daß der Gedanke von einem „treuen und verständigen Sklaven" von der Wiederkunft Christi im Jahre 1914 abhängig ist.

Auch „andere Schafe„-Lehre des WT mit Bibel unvereinbar!

Auch andere Lehren hängen mit Daten zusammen, etwa die WT-Lehre von den „zwei Klassen" von Christen, nämlich der „Gesalbten-Klasse" und der „großen Volksmenge". Diese Aufteilung in Klassen wird mit dem Jahre 1935 verbunden. Liest man aber die alten Wachttürme, dann merkt man, daß diese Zweiklasseneinteilung mit dem Jahr 1935 überhaupt nichts zu tun hat.

Zwei Brüder aus der LK, Ray Franz und Lymann Swingl erkannten, daß sich diese Lehren der Gesellschaft überhaupt nicht mit der Bibel in Einklang bringen lassen. Auch das Komitee, daß das Buch „Hilfe zum Verständnis der Bibel" schrieb, erkannte damals, daß alles, was sie über die Chronologie geschrieben haben, inkorrekt war. In diesem Komitee waren Ray Franz, Edward Dunlap und Reinhard Lingtadt.

Konflikt zwischen LK und Schreib-Komitee bahnt sich an

TOM: Es scheint ja, daß sich daraufhin innerhalb der LK Konflikte anbahnten.

Robert. Hast Du denn Lehrunterschiede bemerkt zwischen den einzelnen Gliedern der LK?

ROBERT: Ja, bei ihren täglichen Kommentaren vor dem Frühstück fiel mir auf, daß die von Ray Franz anders waren. Wie oft sprach er von der christlichen Freiheit, während die meisten anderen fast nur von der Organisation sprachen. Tatsächlich unterschieden sich seine Kommentare sehr von den üblichen, so daß ich mir oft Notizen machte. Sie bestätigten das, was wir im Römer- und Galaterbrief „entdeckt" hatten, wo von der christlichen Freiheit und Gott dienen aus dem Herzen gesprochen wird.

TOM: Du sagtest etwas von einem Untersuchungskomitee, Randy. Wie reagierte nun die LK auf dessen Entdeckungen?

RANDY: Nun, es ist schon ein paar Jahre her, als dieses Komitee und einige andere aus dem Schreibbüro die Bibel studierten und sahen: es gibt vieles, was sie wirklich dem Gewissen des einzelnen überläßt, z. b. für welchen Arbeitsplatz wir uns entscheiden, wie wir über das Rauchen denken, das ja in der Bibel nicht ausdrücklich verboten ist. Darum vertraten einige Brüder aus dem Schreibkomitee in ihren Artikeln den Standpunkt, wir sollten unser Gewissen gebrauchen.

Aus den ZJ-Versammlungen aber kamen Zuschriften, die meinten, man könne dies und jenes nicht dem Gewissen überlassen, denn sonst könnte jeder tun und lassen, was er wollte. Das aber beunruhigte die LK, und sie ließ Artikel schreiben, die für bestimmte Dinge nun doch wieder Regeln aufstellten.

Dies hin und her kann man bis in die 60er und frühen 70er Jahre zurückverfolgen. Auch in anderen Dingen weigerte sich die LK, auf die Brüder des Schreibkomitees zu hören.

Was die LK verheimlichen wollte, kam nun ans Licht

TOM: Kam es nun bezüglich dieser Unstimmigkeiten in der LK zu einer Lösung?

ROBERT: Nun, wie Randy schon sagte, es gab viele Gruppen, die unabhängig voneinander und ohne Verwendung der WT-Schriften die Bibel erforschten. Unter ihnen waren auch Chris und Norma Sanchez und Nestor Kuilan. Es kam dann schnell heraus, daß sie Ansichten hatten, die nicht mit dem WT konform gingen. Sie wurden prompt ausgeschlossen. Da Chris, Norma und Nestor als alte und beliebte Bethel-Mitglieder sehr viele Bekannte im Bethel hatten, zeigte ihr Ausschluß Folgen. Viele stellten Fragen, und was die LK verheimlichen wollte, kam nun ans Licht. Daran konnte sie nichts ändern.

TOM: Wie lange war Chris im Bethel?

ROBERT: 13 Jahre, seine Frau genauso lange

Sie war ihr ganzes Leben lang eine Zeugin.

Große Volksmenge des WT ohne biblische Grundlage

TOM: Wie kam Chris dazu, die WT-Lehren in Frage zu stellen?

ROBERT: Er arbeitete für die WTG als Übersetzer ins Spanische, und während sie an der spanischen Großdruckausgabe der „Neuen Welt" - Übersetzung tätig waren, stießen sie auf biblische Texte, die im Widerspruch zur Lehre der WTG standen, z.B. Offb. 7,15. Liest man den griechischen Grundtext zu dieser Stelle, so wird klar, daß die hier erwähnte große Volksmenge im Himmel ist. Chris wollte über diese Sache Klarheit finden. Niemand gab ihm schriftgemäße Antwort. Alle Befragten verwiesen nur auf die Schriften der Gesellschaft. Unbefriedigt wandte er sich an Fred Franz, den jetzigen Präsidenten. Der aber sagte ihm praktisch dasselbe; „Die Gesellschaft lehrt, die 'große Volksmenge' ist auf Erden. So ist es nun mal."

Darum begann Chris, noch mehr in der Bibel zu lesen. Er stieß dabei u.a. auf 1. Joh. 5,1: „Jeder, der glaubt, daß Jesus der Christus ist, ist von Gott geboren." Das paßt überhaupt nicht zur WT-Theologie, denn sie erklärt, „von Gott geboren" seien nur 144 000, also nicht alle, die an Jesus glauben.

Stundenlange Vernehmungen durch LK und Dienstabteilung

Sie zeigten sich sehr mißtrauisch gegenüber den Äußerungen anderer, sobald es nur ein bißchen von der Linie abwich.

Zuerst wurde ein Zweier-Komitee gebildet, danach ein größeres Komitee, das sich je nach der „Gefechtslage" aus 5 bis 7 Männern zusammensetzte. Da gab es stundenlange Vernehmungen.

TOM: Warum reagierte denn die LK und die Dienstabteilung so?

RANDY: Vergiß nicht, daß die ganze WT-Ideologie auf dem Einheitsideal basiert:

EINHEIT AUF KOSTEN DER WAHRHEIT UND DER FREIHEIT.

Wie oft wurde zum Ausdruck gebracht:

Selbst wenn es sich später herausstellt, daß die offizielle Lehre falsch war, sollte man nicht vorauseilen und eigene Gedanken aussprechen, so biblisch legitim und richtig sie sein mögen. Denn das würde Zwietracht in die Organisation hineintragen und den Gleichschritt stören. Die Führung sagt, jeder habe mitzumarschieren.

Sie verhalten sich wirklich wie Päpste

Russell, der Gründer der WTG, wandte sich in seinen alten Schriften gegen solche Einheit, um deren willen der persönliche Glaube geopfert und das Zeugnis der Bibel ignoriert werden muß. Mit anderen Worten, ist etwas umstritten, sollte es Raum geben für Aussprachen, statt den Dialog „um des Friedens willen" abzuwürgen oder um die Organisation zusammenzuhalten.

Seine Nachfolger verhalten sich wie wirkliche Päpste, so, als wären sie unfehlbar, nur, daß sie zugeben: Heute ist dies richtig, aber später mag es sich ändern, und was immer sie morgen sagen, wirst du morgen als Wahrheit annehmen.

Daher sagen die ZJ, wenn wir der LK nicht vertrauen können, wem dann? Sie setzen ihren ganzen Glauben, ihr ganzes Vertrauen in die LK, die sie unterweist.

Schockierende gemeine Taktik

Interessant, wie sie ausgeschlossen wurden.

Das Komitee, welches sie verhörte, stellte ihnen viele Fragen und wollte wissen, warum sie anders dachten als der WT. Chris und Norma hatten aber Schriftbeweise, auf die sie sich stützten. Das Komitee konnte ihnen nichts entgegnen und nahm daher zu gemeinen Taktiken Zuflucht.

Chris wurde ein „Dummkopf", „Lügner", „Schmarotzer" und „Krebsgeschwür" genannt. Schockierend, so etwas von Männern zu hören, die als „würdige Glieder der LK" galten.

Auf Chris Frage, was l. Joh. 5,1 bedeute, ein Wort, das offensichtlich nicht mit der WT-Lehre übereinstimmt, konnte Dan Sydlik nur antworten: „Wir sind nicht hier, um Deine biblischen Fragen zu beantworten." Chris und Norma wurden sehr schlecht behandelt. Man schloß sie aus, obwohl sie sogar erklärten, sie würden ihre abweichenden Glaubensansichten nicht verbreiten.

„Verschwörung gegen die Organisation"

Das Komitee hatte eine derartige Angst, diese schriftgemäße Erkenntnis könnte: nach außen dringen, und andere anstecken, daß sie einen anderen Grund erfanden:

„Verschwörung gegen die Organisation". Sie verlangten von ihnen, die Namen derer herauszurücken, die so wie sie dachten. Sie unterstellten nämlich, es müsse eine Verbindung geben zwischen den einzelnen Kritikern , und daß auch das Glied der LK, Ray Franz und die Glieder der Schreibabteilung alle in die Sache verwickelt wären.

Ja, daß alle gemeinsam die Organisation niederreißen wollten.

Nichts aber lag uns ferner als das.

Sie aber bestanden auf die Herausgabe aller Namen, damit die ganze Geschichte bereinigt würde. Chris und Norma wußten jedoch nichts und konnten ihnen keine Namen nennen. Die Folge: Ausschluß wegen Verschwörung gegen die Organisation.

Wie die Geheimpolizei

ROBERT: Es war eine totale Überraschung, daß Leute, die so lange, so treu und loyal im Bethel gedient hatten, plötzlich als „Ausgeschlossene" galten. Viele ihnen nahestehende Freunde stellten Fragen. Viele weinten. Nun gab es keine Möglichkeit mehr für die LK, die ganze Sache zu vertuschen. Jetzt mußte darüber gesprochen werden.

Es gab ein gespanntes Klima. Bei den Kommentaren der Glieder der LK zum Tagestext beim gemeinsamen Frühstück im Bethel wurden nun plötzlich über die, welche die Organisation verließen, Erörterungen angestellt. Sie nannten es den „großen Abfall". Jeden Morgen tischten sie eine Menge Verleumdungen auf über Menschen, die ich meistens persönlich kannte. Angst verbreitete sich daher, über die letzten Ereignisse zu sprechen. Nach dem Ausschluß von Chris und Norma kamen auch andere an die Reihe.

Die Dienstabteilung hatte sogar ein Komitee gegründet unter Harald Jackson, das wie eine Geheimpolizei alles untersuchte. Sie gingen umher und verhörten Brüder und überprüften solche, die eventuell mit der WTG nicht übereinstimmten.

Was geschah mit Ray Franz

TOM: So gab es doch ein ziemliches Durcheinander? Waren Ray Franz und die anderen aus der Schreibabteilung der wahre Grund dafür?

RANDY: Nein, durchaus nicht. Natürlich nicht. Ray, Ed Dunlap und ein anderer aus dem Komitee, das das „Hilfebuch" schrieb, waren natürlich die ersten, die den Irrtum der Datenberechnungen durchschauten. Doch gleichzeitig gab es ja andere innerhalb und außerhalb des Bethel, die durch eigenes Bibelstudium und besonders des Römer- und Galaterbriefes erkannten; nicht durch Gesetzeswerke und Befolgung von Vorschriften einer Organisation werden wir gerettet, sondern durch den Glauben an Christus, Es gab also ganze Gruppen im Bethel, die Widersprüche zwischen Bibellehre und WT-Lehre entdeckten. Ray Franz war nur deswegen ein besonderes Ziel der Angriffe, weil er der LK angehörte.

Ray Franz hielten sie für die Wurzel des Übels. Deshalb wollten sie ihn fassen und aus der LK und dem Bethel hinaushaben in der Meinung, dann wäre die ganze Unruhe behoben. Daher nahm dieses Komitee unter Harald Jackson und der Dienstabteilung einige Tonbandgeräte und gingen herum, um Ray und Cynthias nächsten Freunden Geständnisse zu entlocken, was Ray ihnen persönlich gesagt habe, irgend etwas, das den Eindruck erweckte, als wäre er gegen die Organisation.

Angst und Geständnisse

ROBERT: Jeder hatte Angst, er könnte nun auch wegen „Verschwörung" angeklagt werden sobald er nicht mit der Dienstabteilung zusammenarbeiten wollte oder nicht alles sagen würde, was er wußte. Überall war Angst im Spiel.

RANDY: Daher waren die Befragten oft mehr als willig, jede gewünschte Information zu geben, um nicht selbst in Schwierigkeiten zu kommen. Die Dienstabteilung brauchte zwei Wochen, um all diese Geständnisse von Rays nächsten Freunden aufzuzeichnen.

Sie entschlossen sich dann, ihn ins Bethel zu rufen und ihm alle diese Aufnahmen vorzuspielen, um zu sehen, was er zu seiner Verteidigung sagen würde, Ray war natürlich über ihr Vorgehen unterrichtet durch Freunde im Bethel, mit denen er Verbindung hielt. Außer ihm gab es noch ein anderes Glied der LK, das mit Rays Meinungen und Glauben sympathisierte. Ray bat ihn, sich mit ihm im Bethel zu treffen und er hoffte, er würde sich für ihn einsetzen und die LK von dem Ausschluß abhalten können. Ray wollte also offenbar nicht ausgeschlossen werden. Er hatte ja nicht die Absicht, die Gesellschaft zu stürzen, sondern sie zum Nachdenken zu veranlassen. Tatsächlich schloß die LK ihn zu jenem Zeitpunkt nicht aus. Man nahm ihm jedoch alle Dienstvorrechte und sagte ihm, er müsse sofort gehen (aus der LK).

Später fanden sie dann doch Gründe zum Ausschluß, und zwar, als er mit seinem Nachbarn, einem ehemaligen ZJ, zum Essen ging .

Ed Dunlap und Reinhard Lingtadt

Ed und Reinhard gehörten wie gesagt zum Komitee, das das „Hilfebuch" und auch die meisten der in den letzten Jahren erschienenen Bücher der Gesellschaft geschrieben hat. Daher wußten sie, daß Ed und Reinhard möglicherweise wie Ray dachten, was die Organisation betrifft und über „Glauben und Werke".

Diesen beiden und anderen aus der Schreibabteilung wurden eine Reihe Vertrauensfragen gestellt, die die Dienstabteilung erarbeitet hatte. Ed Dunlap sagte offen seine Meinung über die Lehren der WTG und ließ sich nicht durch das Komitee einschüchtern. Ergebnis; Ausschluß. Für das Bethel; eine aufregende Sache, denn viele von uns kannten Ed seit Jahren als sehr guten Lehrer und langjährigen Mitarbeiter der Organisation.

Reinhard war ein ganz anderer Menschentyp. Er erklärte, er habe gelernt, über bestimmte biblische Dinge nicht dogmatisch zu denken, und daher legte er sich nicht endgültig fest. Dennoch wurde er häufig vernommen und verließ später das Bethel auf eigenen Wunsch.

Von den eigenen Zimmerkollegen verraten

RANDY: Auch die restlichen Brüder der Schreibabteilung wurden daraufhin befragt, ob sie - auch nur geringfügig - von den Lehren der WTG-Gesellschaft abwichen. Darüber hinaus wurden weitere Personen, die in Verdacht standen, kritische Gedanken zu haben, verhört. Bei einem Mitarbeiter, Randy Mangels, ging es so weit, daß für ihn bestimmte Telefongespräche in die Dienstabteilung umgeleitet wurden, um erst rückfragen zu können, warum man ihn anrufe. Er konnte also ohne vorherige Kenntnis der Dienstabteilung keinen Anruf empfangen. Dieses Komitee löste dann auch einige private Bibelstudien auf aus Besorgnis, daß viele Mitarbeiter der Bethel-Familie einfach die Bibel lasen unabhängig von der Gesellschaft und ihrer Literatur. Als Ergebnis dieser Maßnahmen wurden einige Zeugen doch sehr kritisch der Gesellschaft gegenüber.

Meinen Freund, Mark Neverjohns, auch ein Bethel-Ältester, hat man deswegen ausgeschlossen. Viele wurden von ihren eigenen Zimmerkollegen verraten, weil sie etwas gesagt hatten, was gegen sie verwendet werden konnte. Ein starkes Misstrauen untereinander machte sich breit.

Die Erklärung der LK

TOM: Wie erklärte die LK dem Rest der Bethel-Familie, was da vor sich ging?

ROBERT: Du weißt ja, die WTG lehrt, ihre Anhänger seien die einzigen wahren Christen. Niemand auf Erden könne ein wahrer Christ sein, es sei denn, er käme in ihre Organisation. Es ist für sie daher peinlich, wenn plötzlich ein angesehener und loyaler ZJ ausgeschlossen wird.

Man glaubt, ihn schlecht machen zu müssen, um den Vorgang zu rechtfertigen.

Man erfand daher eine Reihe von Namen wie „geistige Hurer" und „Geisteskranker" usw. Albert Schröder äußerte in einem Vortrag über Abfall sich so, daß jeder Angst bekommen mußte, sich mit den freien Bibelgruppen einzulassen und in die Sache hineinzugeraten, die sie „Abfall" nennen. Er stellte es als etwas ganz Schreckliches hin, ausgeschlossen zu werden.

Eine besondere Ironie war es, daß er dazu ausgerechnet einen Artikel über „Abfall" verwendete aus der Feder von Ray Franz im „Hilfebuch". So suchte er Ray und die anderen madig zu machen, die unabhängig von der WTG die Bibel studierten.

Karl Klein, ein anderes Glied, der LK, ging noch weiter in einer Äußerung am Frühstückstisch. Statt so die Bibel zu lesen und zu verstehen, sollte man sich lieber ein Hobby zulegen und das andere vergessen. Unabhängiges Bibelstudium ist eben unerwünscht.

RANDY: Unglaublich, was manche so vom Stapel lassen, um eine Trennung von der Organisation als etwas sehr Schlimmes darzustellen.

Das „Verbrechen"

Die LK versuchte den Eindruck zu erwecken. bei den Abgegangenen handele es sich um Schwache, die Angst davor hätten, in den Dienst zu gehen und zu predigen oder die eine Ausrede suchten, aus der Organisation herauszukommen. Doch nichts könnte unzutreffender sein als das. Denn die meisten Ausgeschlossenen bzw. die, sich selbst von der Gemeinschaft der ZJ trennten, waren einmal sehr treue und sehr eifrige Zeugen. Ihr einziges Verbrechen war, die Bibel allein - ohne die WT-Schriften - zu lesen.

RANDY: Es kam bald zu einer Zusammenkunft mit den Bethel-Ältesten. Albert Schröder, der damalige Leiter des Lehrkomitees, erhob sich und wies mit harter Stimme auf ein Buch hin, betitelt, „Zweigorganisations-Vorschriften", ausschließlich für den internen Gebrauch in den Zweigbüros der WTG. „In diesem Buch sind 1177 Regeln und Anweisungen für uns und dies ist eine vorzüglich abgestimmte Organisation." Dann aber fügte er hinzu:

„Das was jetzt vor sich geht, ist Abfall von der Organisation, nicht von der Bibel." Diese einmalige Bemerkung wurde später im „Königreichsdienst" erwähnt. Ein anderer von der LK, Lloyd Barry, sagte vor Bethelältesten in einer Ansprache, daß wir der Organisation gehorchen müssen.

Wie ein Esel an der Krippe sollten wir sein, der demütig an der Krippe bleibt. Das waren seine Worte! Die Krippe ist in ihren Augen natürlich die Organisation, so, meinte er, würden wir keine Lebensmittelvergiftung bekommen.

Erstaunlich, was sie in dieser Bethelältestenbesprechung so alles von sich gaben. Ein Ältester schlug vor: „Bruder Schröder, meinst Du nicht, wir alle sollten jetzt gegenüber der Organisation einen Treue-Eid ablegen?" Ich wäre fast im Sitz versunken, denn ich würde niemals einer Organisation gegenüber Treue geloben, nur Jehova Gott.

Bespitzelung, Kälte und Haß

RANDY; Viele meiner Freunde hatten das Bethel wegen ihrer Erlebnisse und wegen der Irreführung durch die LK verlassen. Die meisten freiwillig, andere wurden ausgeschlossen. Hauptsächlich Ehepaare, die schon viele Jahre dort waren. Infolge der Bespitzelungsatmosphäre kamen Freunde auseinander. So etwas hatte ich in der Organisation vorher noch nicht erlebt. Ich spürte richtig, wie kalt Menschen sein können, und wie geringfügige Lehrunterschiede Menschen dazu bringen, einarider zu hassen. Unglaublich!

Es war für mich erschütternd. Aber ich entschloß mich, wirklich die Wahrheit zu suchen und mich an sie zu halten. Lange Zeit hatte ich gemeint, das würde sich alles schon wieder einrenken, so wie es früher auch Unruhen gab, die sich gelegt haben. Ich wollte doch nicht an Menschen Anstoß nehmen. Im Laufe der Zeit aber erkannte ich, wie unbiblisch die Gesellschaft lehrt, wie sie die Wahrheit unterdrückt und überhaupt nicht auf sie eingeht. Ich begann mich schließlich zu fragen, ob sie überhaupt an der Wahrheit interessiert sei.

„…dann ist die ganze Sache Menschenwerk"

RANDY: Nun, ich sagte mir, wenn die Lehren der WTG sich nicht auf die Bibel gründen, ist die ganze Sache Menschenwerk. In der sehr umfangreichen Gilead-Bibliothek stellte ich dann gründliche Nachforschungen an, was die WTG in ihren Wachttürmen von 1879 an .in den letzten 100 Jahren gelehrt hat. Es ging mir besonders um folgende Themen: Die Chronologie der Bibel, die Einteilung in zwei Klassen - 144 000 für den Himmel, der Rest für die neue Erde. sowie die Lehren vom „treuen und verständigen Sklaven".

Besonders enttäuschend war es für mich. daß alle von der Gesellschaft vertretenen Endzeitdaten zurückzuführen sind auf frühere Prophezeiungen der WTG, die nicht in Erfüllung gegangen sind.

Es fing damit an, daß man 1874 als Termin der unsichtbaren Wiederkunft Christi verkündete, und als die auf dieses Datum aufgebauten Enderwartungen sich nicht erfüllten, verlegten sie den Termin der Wiederkunft Christi im nachhinein auf 1914. Dieses Jahr sollte ursprünglich den Abschluß der Heidenzeiten bedeuten und das Erde der Welt bringen. Doch auch das erfüllte sich nicht, und darum verließen 1914 so viele die Organisation. Diese aber setzte kurzerhand ein neues Datum für das Ende der Welt fest und erwartete die Heimholung der Braut Christi für 1918/19 und schließlich für 1915, das Jahr, in dem Abraham, Isaak und Jakob und all die treuen Propheten buchstäblich auferstehen sollten. Offensichtlich hat auch diese Prophezeiung sich nicht erfüllt, 1975 war dann noch einmal wieder ein solch großes Datum.

Ich erkannte auch, daß die Einteilung in zwei Klassen, die eine für den Himmel, die andere für die Erde, eine Lehre war. die man vor 1935 erfand, weil die vielen Menschen, die man erreichen wollte, gar nicht in die kleine Schar von 144 000 hineinpassen würden. Und deshalb brauchte man eine Bezeichnung für den großen Rest der Menschen. So nannte man sie die „große Volksmenge". Hatte man früher gemeint, es handele sich um eine untergeordnete himmlische Klasse, so fing man jetzt an zu erklären, diese große Volksmenge sei für die Erde bestimmt.

Mit dieser Organisation stimmt etwas nicht

Wichtig war mir die Erkenntnis, daß die Bibel nicht für eine irdische Klasse geschrieben wurde, denn im NT, besonders in den Briefen des Paulus, wird ausschließlich von der himmlischen Hoffnung gesprochen. Wenn also die ZJ den Menschen sagen, sie seien für die Erde bestimmt, dann sind das jedenfalls nicht Christen wie die, an die Paulus schreibt. Sie müssen dann schon zu einer anderen Gruppe von Menschen gehören.

ROBERT: Was Randy da auf ungefähr 9 Schreibmaschinenseiten aus Zitaten von WT-Artikeln zusammengestellt hatte, brachte ich ihm, nachdem ich eine halbe Seite davon gelesen hatte, verärgert zurück. Es machte mich ärgerlich, all die Fehler, die die WTG machte, zu sehen» Denn .es waren ja keine kleinen Fehler, wie sie gern behaupten. Sie beanspruchen, Gottes Propheten zu sein, und doch blieben all ihre Prophezeiungen vollständig unerfüllt. Es erschütterte mich, die Organisation meines Vertrauens durch ihre eigenen Bücher bloßgestellt zu sehen. Ich konnte nicht alles sofort lesen, aber schließlich las ich es doch, denn ich wollte wissen, was los war. Ich kam zu der Oberzeugung, mit dieser Organisation stimmt etwas nicht

Auch die Morgenkommentare der „Leitenden Körperschaft" bestätigten es.

TOM: Bedeutete es für Dich nicht eine mißliche Lage, als Du erkanntest, die WT-Bewegung ist nicht Gottes Organisation, sondern ein falscher Prophet?

Auch Verantwortlicher für Druck der NW-Übersetzung in Opposition

RANDY: Ja, es war ein zwiespältiger Gefühl. Ich stand auf dem Höhepunkt meiner Bethel-Karriere, trug viel Verantwortung. Mir war die Leitung für den Druck der „Neue Welt Übersetzung" übertragen. Und nun durch ein Studium des Wortes Gottes die Erkenntnis: Ich und Millionen anderer wurden durch diese Organisation verführt! Sie will Gottes Vertreter sein und setzt sich über viele Aussagen der Bibel einfach hinweg.

Nun war das Ende meiner Karriere im Bethel in Sicht, es sei denn, ich würde ignorieren, was ich nun wußte, würde zum Heuchler. Ich konnte mir nicht vorstellen, unter diesen Umständen im Bethel zu bleiben.

Schreckliche Bespitzelungs-Atmosphäre im Bethel

ROBERT: Ich war vorher immer so sicher, was die Organisation angeht. Fast alle meine Entscheidungen hatten ihren Grund in der Treue zu ihr. So brach ich einst mein Studium ab und wurde Pionier. Nun aber :galt es, ganz von vorne anzufangen. Meine Glaubensgrundlage war erschüttert und ich mußte mein Leben neu überdenken. Dennoch wollte ich in der Organisation noch bleiben, mit Rücksicht auf meine Freunde, die alle ihr angehörten. Und ich wußte auch nicht, wohin ich sonst gehen sollte.

TOM; Randy, hast Du mit Deinen Freunden im Bethel darüber gesprochen?

RANDY: Nein, das hatte keinen Zwecke Im Bethel herrschte eine so schreckliche Bespitzelungs-Atmosphäre, daß man mich sicher gemeldet hätte. Ich hielt also besser meinen Mund über meine Ansichten. Selbst als ich das Bethel verließ, ahnte niemand, daß ich auch so dachte wie die, die schon gegangen waren.

Brief an alle 16 Mitglieder der LK

TOM: Hast Du zu diesem Zeitpunkt die Gemeinschaft der Zeugen von Dir aus verlassen?

RANDY: Nein, zunächst noch nicht. Ich ging nach Kalifornien, wo ich aufgewachsen bin. Nach zweimonatigem Bibelstudium besuchte ich wieder den Königreichssaal, wurde sogar wieder als Ältester und Lehrer eingesetzt. Doch schon nach einem. Monat sah ich ein, ich kann nicht heucheln, ich kann nicht falsche, unbiblische Lehren vertreten.

Ich schrieb einen Brief an alle 16 Mitglieder der LK und sagte ihnen dann meine Meinung über ihr Verhalten. Kopien sandte ich an meine Bekannten und an meine zuständige Versammlung. Ein paar Tage später teilte ich mit, die Gemeinschaft und Organisation der ZJ nun offiziell verlassen zu, wollen.

Wohin nach dem Bruch mit der WTG

TOM; So hast Du also die Organisation verlassen, die Du einst für die Organisation Gottes gehalten hast. Wohin aber konntest Du nun gehen?

RANDY: Als ich den Brief an die LK schrieb, hatte ich noch vor, selber eine kleine Studiengruppe zu gründen für das Bibelgespräch ohne WT-Hilfsmittel und andere Publikationen. Doch dann fand ich in einer Zeitung die Anzeige einer christlichen Gemeinschaf t. Es war von Gottes Liebe die Rede, die man für sich annehmen müsse. Ich dachte o.k., geh mal hin und hör dir das an, was da gesagt wird und sieh, wie weit das mit der biblischen Lehre übereinstimmte Das tat ich dann auch.

TOM: Wie hätten die Zeugen reagiert, hätten sie von Deinem Kirchenbesuch erfahren?

RANDY: Nun, zu dem Zeitpunkt Hatte ich ihre Gemeinschaft ja schon mehr oder weniger verlassen. Aber hätten sie's gewußt, ich wäre schon deswegen ausgeschlossen worden, auch nur einen Fuß in eine Kirchentür gesetzt zu haben - für sie , eine sehr große Sünde!

… regen sich furchtbar auf und antworten mit Haß

TOM.; Du hast doch einige WT-Artikel, in denen die WT-Gesellschaft die Christenheit verurteilt und verspottet, nicht wahr?

RANDY: Ja, es ist schon eine Ironie. Sie verurteilt aufs schärfste die Kirche, weil sie nicht nach der Bibel lehrte. Legt man aber den Finger auf die unbiblischen Lehren des Wachtturms, regen sie sich furchtbar auf und antworten mit Haß.

TOM: Robert, war nicht Randy Dein Zimmerkollege und Freund? Wie reagiertest Du nun auf seine Handlungsweise?

ROBERT: Anfangs meinte ich, er handle überstürzt. Ehrlich, es schien mir schon ein bißchen ketzerisch. Randy zeigte-mir aber auf schriftlichem Wege. an Hand der Bibel, daß sein Handeln schriftgemäß war. Und die Kommentare der LK bewiesen es mir au f ihre Weise

Sie beanspruchten, als Gottes Vertreter auf Erden der einzige Weg zu Gott zu sein. Wir aber wußten aus der Bibel, das kann nur einer von sich sagen; Jesus (Johannes 14,6)! So konnte ich schließlich seinen Bruch mit dieser Organisation verstehen.

Nach meinem Glauben an Gott und die Bibel fragten sie nicht

TOM: Hattest Du Kenntnis von seinem Brief an die LK?

ROBERT: Randy hatte eine Kopie davon an einen Ältesten unserer Versammlung geschickt, der sofort anderer: davon erzählte und weil sie wußten, daß ich Randys Freund war, selber manche Fragen hatte und erwog, das Bethel zu verlassen, waren sie natürlich mißtrauisch. Sie wollten wissen, was los sei, und forderten mich auf zu einer Besprechung.

Nun, sie wollten als erstes wissen, ob das alles stimmte, was Randy über die Handlungsweise der LK geschrieben hatte. Sie zeigten sich bestürzt darüber und wußten nicht, wes sie davon halten sollten. Sie fragten mich, und ich erzählte ihnen genau, was geschehen war. Sie waren schockiert und in ihrem Glauben an die Organisation erschüttert. Für eine Weile schien ich für sie gar nicht mehr dazusein.

Dann aber versuchten sie, ihr Vertrauen auf die Organisation wieder zu festigen, indem sie deren „Vorzüge" aufzählten. Man könne ja doch sonst nirgends hingehen. Alle anderen hätten nur falsche Lehren. Die Christenheit sei voll Lug und Trug. Was also bliebe anderes übrig als - trotz allem - in der Organisation zu bleiben.

So waren sie eine Zeitlang, damit beschäftigt, ihren eigenen Glauben wieder aufzurichten. Dann wandten sie sich erneut mir zu mit der Frage, ob sich das auch auf m e i n e n Glauben ausgewirkt habe. Dabei fiel mir auf, sie sprachen mehr über den Glauben an die Organisation als über irgend etwas anderes. Ist die Organisation die Hauptsache?

Nach meinem Glauben an Gott und an die Bibel fragten sie nicht. Für- sie war nur mein Glaube an die Organisation von Interesse. Das werde ich nie vergessen. Das war typisch. Die Hauptsache am ZJ-Glauben ist die Organisation.

In New York:

Alle hatten Angst, etwas zu sagen

TOM: Wie reagierte nun Randys frühere Versammlung in New York?

ROBERT: Interessant ist schon mal, wie sie über Randy informiert wurde. Eines Abends sollte ich gerade eine Ansprache halten, im Königreichssaal. Da klopfte mir einer der Ältesten auf die Schulter zum Zeichen, ich sollte warten. Er wollte zuerst noch eine Ansprache halten. Etwa 20 Minuten sprach er dann über Randys Handlungsweise. Er sei nur, ein Abtrünniger. Wir sollten von ihm keine Post annehmen und nicht mit ihm sprechen. Man verglich ihn dann mit Mirjam, die einst gegen Mose gesprochen hatte. Denn wie einst Mose, so sei heute die ZJ-Organisation Gottes Vertreter.

Was für eine Bibelverdrehung! Denn Mose ist ein prophetisches Vorbild, das auf Christus hinweist, niemals auf eine menschliche Organisation. Viele Bibelstellen zeigen das ganz deutlich.

Interessant war die Reaktion der Versammlung. Alle hatten Angst, etwas zu sagen, obwohl sie Randy seit 6 Jahren kannten und sehr schätzten. Als Ältester hatte er vielen bei persönlichen Problemen beigestanden. Man sollte doch meinen, nun seien sie um ihn besorgt und würden versuchen, ihm zu helfen. Doch sie hatten Angst, sich dazu zu äußern und schwiegen lieber die ganze Sache tot.

Eigentlich radikale Wandlung

TOM: Nun, Randy Du hast ja nun eine ziemlich radikale Wandlung durchgemacht. Kennst Du darüber noch etwas erzählen?

RANDY: Wie schon gesagt, ging ich in eine christliche Gemeinschaft. Ich hab sogar 2 oder 3 Gemeinschaften besucht, um zu sehen, was andere wirklich lehren. Weißt Du, dank der Wachtturm-Gehirnwäsche sind die ZJ ja gegen jede andere christliche Gruppe und könnten sich nicht im Traum vorstellen, einen Fuß in eine andere christliche Gemeinschaft oder Kirche zu setzen. Ich aber tat es, denn mein privates Bibelstudium im Bethel hatte mich zu der Einsicht geführt, daß es auch anderswo noch Christen gibt.

Dabei fühlte ich mich in anderen Gruppen von Christen nicht unwohl. Christsein ist bestimmt nicht eine Frage kleinlicher Erklärungen von christlichen Lehrpunkten, wie die ZJ glauben. Ich bin als Baptist aufgewachsen und habe immer gewußt, daß diese Kirche anders war, als es der WT behauptete. So besuchte ich nun diese Gemeinde. Hier wurde die Bibel Kapitel für Kapitel durchgegangen, wie wirs im Bethel in unseren privaten Studien auch .getan hatten. Der Pastor lehrte wirklich die Bibel. Ich .war echt erstaunt über die Menschen, die dorthin gingen und so überzeugt den Vater und den Herrn Jesus Christus anbeteten.

Für mich war das etwas ganz Neues, denn als ZJ wurden wir gelehrt, Jesus nicht anzubeten. Ich bemerkte, wie ich innerlich anfing, überzeugt zu werden und erkannte, was mir als ZJ während der ganzen Zeit gefehlt hatte; das persönliche Verhältnis zu Jesus Christus.

WTG-Präsident F. W. Franz gab den letzten Anstoß

TOM: Robert, auch Du hast schließlich das Bethel verlassen. Was hat Dich dazu bewogen?

ROBERT: Es gab mehrere Veranlassungen. Am 6.10.1980 hielt der Präsident der WTG, Fred Franz, einen Vortrag über die Organisation. Er wollte Antwort geben auf die im Bethel aufgeworfene Frage, wie die WTG so viel von Organisation reden könne, obwohl doch dieses Wort in der Bibel überhaupt nicht vorkomme« Franz versuchte dann etwa eine Stunde lang, Bibeltexte anzuführen, die den Gedanken unterstützten, die Organisation sei der einzige Weg zu Gott. Aber dafür gab es einfach gar keine biblische Grundlage. Das war für jeden vorurteilslosen und aufmerksamen Zuhörer offensichtlich. Es lässt sich auch kein Schriftbeweis erbringen für die Behauptung, es gäbe nur eine einzige Organisation, und man müsse durch sie die Wahrheit erhalten. Nach diesen Vortrag stand für mich fest, das Bethel zu verlassen.

Die Organisation, die Organisation

TOM: Und wohin bist Du dann gegangen?

ROBERT: Zuerst ging ich einfach nach Hause und kehrte in die Versammlung zurück, durch die ich den ersten ZJ-Kontakt hatte. Bei meinem Versuch, auf all meine Fragen Antwort zu finden, sprach ich mit einigen Ältesten der Versammlung. Aber eine schriftgemäße Antwort bekam ich nicht. Statt dessen hörte ich auch hier immer wieder nur:

Die Organisation, die Organisation!

Das war die Grundlage ihres Glaubens. Davon sprachen sie mehr als von irgend etwas was anderem. Ich war ziemlich enttäuscht.

Randy hielt jedoch die Verbindung mit mir aufrecht und schickte mir ein Tonband mit einer Ansprache über Galater 3. Er erklärte, wir dürften in unserem Glauben nicht auf Menschen, menschliche Vorschriften oder auf eine Organisation setzen. Unser Glaube müsse vielmehr allein auf Jesus Christus gegründet sein. Das leuchtete mir ein, war logisch und auch schriftgemäß. Aber, so dachte ich, man braucht doch eine Gemeinschaft (ohne dabei Glauben und Vertrauen auf eine Organisation zu setzen). Daher entschloß ich mich, auch nach Kalifornien zu gehen.

Begegnungen mit Christen, die zu Jesus beten

Was mir bei der Begegnung mit diesen Christen auffiel, war ihr inniges Verhältnis zu Christus. TOM: Ihr sprecht über Glauben an Jesus, aber das tun doch auch die Zeugen?

Nun, kein heutiger Zeuge Jehovas würde Christus anbeten wie zu der Zeit, als die (WT-) 0rganisation begann. Vor nicht langer Zeit sagten sie sogar schwarz auf weiß, man dürfe ihn nicht anbeten. Sie glauben, er sei ein Geschöpf Gottes, der Hauptengel Gottes, aber nicht selber Gott. Daher halten sie auch die Lehre von der Dreieinigkeit für eine dämonische und völlig falsche Lehre. Bei meiner Betrachtung der Bibel jedoch stieß ich auf eine Anzahl Texte, die bezeugen: ich darf zu Christus sprechen, zu ihm beten. l. Kor. 1,2 und Apg. 7,59 sind dafür nur Beispiele. Auch Joh. 14,14 sagt, daß es Jesus ist, der unsere Gebete beantwortet und hört, wenn wir zu ihm beten. Mir fielen auch Texte auf, die aussagen, daß Jesus Gott ist. Jes. 9,6 sagt, daß er der „starke Gott" ist und Jes. 10,21 bezieht sich mit den gleichen Worten auf Jehova. Joh. 1,1 sagt, das Wort war Gott. Ich begann, darüber nachzudenken. Wenn Jesus „ein Gott" ist, wie ich das mal dachte, und die Bibel sagt, daß wir zu ihm beten und ihn anbeten können, dann beten wir in Wirklichkeit ja zwei Götter an. Jeder, der die Bibel liest, weiß, daß man nicht zwei Götter anbeten darf. Als ich darüber betete und die Bibel mehr und mehr las, begann ich zu erkennen, Jesus ist wirklich „Gott geoffenbart im Fleisch" (l. Tim. 3:16).

Entschlossen, Christus anzunehmen

Ich las auch Kol. 2,6, wo davon gesprochen wird, Jesus aufzunehmen. Joh. 14 spricht von ihm, daß er in uns lebt und wir in ihm. Dazu gibt es viele Texte. Off. 3,20 und Joh. 16 sind zwei weitere Beispiele. Ich begann also darüber nachzudenken. Ich hatte vorher Christus nicht wirklich angenommen und nie daran gedacht, daß er „in mir" sein könnte. Ich glaubte, das gelte nur für die 144 000. Doch bin ich jetzt zu einer anderen Überzeugung gekommen, und ich habe mich entschlossen, Christus anzunehmen.

Auch anderswo gibt es Christen

RANDY: Nun, ich hatte einmal meine Mutter, meine Schwester, meinen Schwager und sogar meine frühere Freundin zu den Zeugen gebracht. Als ich nun das Bethel verlassen hatte und mit ihnen über alles sprach, stellte sich heraus, daß meine Mutter schon davon überzeugt war, die Organisation sei zu sehr dogmatisch festgelegt. Sie wußte, daß es auch anderswo Christen gibt« Daher war sie bereit, herauszukommen und wir begannen mit meiner Schwester und meinem Schwager zu sprechen. Es dauerte eine Zeitlang, aber schließlich konnten sie die biblische Wahrheit erkennen.

Im Laufe der Zeit kam meine ganze Familie aus der WT-Organisation heraus. Mein Vater, der nie zu den Zeugen gehörte, war glücklich, uns herauskommen zu sehen.., und hat jetzt auch Christus angenommen.

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Zum Vergleich empfohlen:

Liedtext Die Partei hat immer recht

Kommentar zu Raymond Franz

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