Gespräche und Kommentare der Studiengruppe Christliche Verantwortung"
Nr. 10 (1973)


"Der Fragenkomplex 'Endzeitlehren' war ohne Zweifel auch schon im Urchristentum besonders stark ausgeprägt. Er erwies sich aber schon dort in seiner zeitlich begrenzten Hauptaussage als Irrtum. Die nachfolgenden Ausführungen über Albert Schweitzer sind als Diskussionsbeitrag gedacht, da sie in bemerkenswerter Weise das genannte Problem mit ansprechen.


EINIGE ASPEKTE AUS DEM LEBEN DES ALBERT SCHWEITZER
'Die höchste Ehre, die man einem Denksystem erweisen kann ist, es unbarmherzig auf seinen Wahrheitsgehalt zu untersuchen, wie der Stahl auf seine Härte geprüft wird' (II/426)
Albert Schweitzer, der diese Worte im Zusammenhang mit seiner Untersuchung über 'Die Weltanschauung der indischen Denker' gebrauchte, hat sie, dass steht außer Zweifel, auch in gleicher Weise mit auf das Christentum angewandt.

Es ist sicher nicht jedermanns Sache, sich durch 3816 Seiten einer fünfbändigen Werkausgabe 'durchzulesen'. Dennoch, wer die Energie dazu aufbringt, wird es im Anschluss daran als einen wertvollen Gewinn betrachten. Es ist in der Tat ein verdienstvolles Ereignis, dass sich der Berliner UNION-VERLAG entschlossen hatte, als erster deutschsprachiger Verlag diese G e s a m t - Ausgabe vorzulegen (Jedenfalls was die wichtigsten Werke betrifft 1971 erschienen, 68.- Mark).

Wenn auch erst am 14. Januar 1975 der 100-jährige Geburtstag Albert Schweitzers weiteren Anlass zu entsprechender Würdigung seines Wirkens in der Öffentlichkeit bilden wird, so dürfte unabhängig davon sein wissenschaftliches Vermächtnis zu den einschlägigen 'Standardwerken' zu zählen sein.

'Stein des Anstoßes'.
Als Albert Schweitzer 1954 den ihm für das Vorjahr verliehenen Friedensnobelpreis erhielt, konnte man sicherlich bei oberflächlicher Betrachtung meinen, dass sein Lebensweg im großen und ganzen vorgeebnet war. Indes das Gegenteil war der Fall. So berichtet er z.B., dass man auf seine Bemühungen, als Missionsarzt in die Kongo-Mission eintreten zu wollen, man ihm dies verweigern wollte mit der Begründung, dass er 'nur die rechte christliche Liebe, nicht aber auch den rechten Glauben hätte' (I/111). Erst als er sich ausdrücklich verpflichtete, 'nur Arzt sein zu wollen' und im übrigen in theologischer Beziehung 'stumm wie ein Karpfen' im Missionsgebiet zu sein, war man bereit, ihn zu akzeptieren. (I/129)

Weshalb diese schroffe Ablehnung? Was hatte Albert Schweitzer denn 'verbrochen', dass man ihm eine Aufgabe, die andere bürgerlich Situierte eindeutig als 'Strafarbeit' überhaupt nicht in Erwägung ziehen würden, meinte verweigern zu müssen? Ein Blick in die Erarbeitung seines theologischen Standpunktes kann hierauf nur die Antwort geben.

Kein vergeistigtes 'Reich Gottes'.
Worum ging es Albert Schweitzer? Er fasst seine Erkenntnisse in die Worte zusammen: 'Es stand mir fest, dass Jesus nicht ein von ihm und den Gläubigen in der natürlichen Welt zu gründendes und zu verwirklichendes Reich verkündet, sondern eines, das mit dem baldigen Anbruch der übernatürlichen Weltzeit zu erwarten sei' (I/30).
Er begründete seine Ansicht damit: 'Nach den Worten, die Markus und Matthäus von ihm überlieferten, lebt Jesus in der auf die alten Propheten und das um 165 vor Christus entstandene Buch Daniel zurückgehenden messianischen Erwartung des Spätjudentums, wie wir sie durch das Buch Henoch (etwa 100 vor Christus, die Psalmen Salomos (63 vor Christus) und die Apokalypsen des Baruch und des Esra (etwa 80 nach Christus) kennen. Wie seine Zeitgenossen identifiziert er den Messias mit dem 'Menschensohn', von dem im Buche Daniel die Rede ist, und redet von seinem Kommen auf den Wolken des Himmels. Das Reich Gottes, dass er predigt. ist das himmlische, messianische Reich, dass bei der Ankunft des Menschensohnes am Ende der natürlichen Weltzeit auf Erden anbrechen wird. Ständig heißt er seine Hörer für alsbald des Gerichts gewärtig zu sein, durch das die einen zur Herrlichkeit des messianischen Reiches und die anderen zur Verdammnis eingehen werden. Seinen Jüngern stellt er sogar in Aussicht, dass sie bei diesem Gericht auf zwölf Stühlen um seinen Thron herum die zwölf Stämme Israels richten werden.
Jesus lässt also die spätjüdische messianische Erwartung in allen ihren Äußerlichkeiten gelten. In keiner Weise unternimmt er es sie zu vergeistigen'. (I/55)

Albert Schweitzer stellt weiter fest: 'Zu einer bestimmten Zeit - ob dies Wochen oder Monate nach seinem Auftreten war, wissen wir nicht - hat Jesus die Gewissheit, dass die Stunde des Anbruchs des Reiches gekommen sei. Eilends entsendet er seine Jünger zu zweienundzweien in die Städte Israels, dass sie diese Kunde verbreiten. In der Rede (Matthäus 10), mit der er sie entlässt, bereitet er sie auf die messianische Drangsal vor die jetzt alsbald anbrechen soll, und indes sie, wie die anderen Erwählten, schwere Verfolgungen, ja vielleicht den Tod erleiden werden. Er erwartet nicht, dass sie wieder zurückkehren worden, sondern verkündet ihnen, dass die 'Erscheinung des Menschensohnes' (welche gleichzeitig mit dem Anbrechen des Reiches erwartet wird), stattfinden werde, ehe sie nur mit den Städten Israels zu Ende sein würden.
Seine Erwartung verwirklicht sich aber nicht' (I/56,57).

Mit dieser nüchternen Erkenntnis - ohne fragwürdige Umdeutungen und 'Wegerklärungen' - hatte Albert Schweitzer offensichtlich empfindlich den Nerv eines nicht nur pietistisch geprägten Christentums seiner Zeit getroffen, was sich auch in seiner Bemerkung widerspiegelt:

'Anstoß bereitet vielen, dass der historische Jesus irrtumsfähig gelten müsse, weil das übernatürliche Reich Gottes dessen Erscheinen er für alsbald verkündigte, ausgeblieben ist' (I/74).

Dass Schweitzer die Konsequenzen, die daraus resultieren, nicht leicht gefallen sind, macht auch seine Aussage deutlich: 'Ich selber habe darunter gelitten, an der Zerstörung des Christusbildes, auf das sich das freisinnige Christentum berief, mitarbeiten zu müssen. Zugleich aber war ich der Überzeugung, dass dieses nicht darauf angewiesen sei, von einer geschichtlichen Illusion zu leben, sondern sich auch auf den geschichtlichen Jesus berufen könne und zudem sein Recht in sich selber trüge … Überdies ist Jesu Religion der Liebe durch das Hinfälligwerden der spätjüdisch-eschatologischen Weltanschauung von dem Dogmatischen das sie an sich hatte, frei geworden. Die Form in der der Guss stattfand, ist zerbrochen. Nun sind wir berechtigt, die Religion Jesu ihrem unmittelbaren geistigen ethischen Wesen nach in unserem Denken lebendig werden zu lassen' (I/75).

Ethische Postulate.
Seinen aus diesen Positionen erwachsenen Standpunkt formulierte er wohl einigermaßen deutlich mit den Worten: 'Wer erkannt hat, dass die Idee der Liebe der geistige Lichtstrahl ist, der aus der Unendlichkeit zu uns gelangt, der hört auf, von der Religion zu verlangen, dass sie ihm ein vollständiges Wissen von dem Übersinnlichen biete.' (I/247)

Und: 'Nach meiner Ansicht nach gibt es kein anderes Schicksal der Menschheit als dasjenige, das sie sich durch ihre Gesinnung selber bereite' (I/250).
Ferner: 'Das höchste Wissen ist also, zu wissen, dass ich dem Willen zum Leben treu sein muss. Dieses reicht mir den Kompass für die Fahrt dar die ich in der Nacht ohne Karte unternehmen muss. Das Leben in der Richtung seines Laufes auszuleben, zu steigern, zu veredeln, ist natürlich. Jede Herabminderung des Willens zum Leben ist eine Tat der Unwahrhaftigkeit mit sich selbst oder eine Erscheinung von Krankhaftigkeit.'
Das Wesen des Willens zum Leben ist, dass er sich ausleben will. Er trägt den Drang in sich in höchst möglicher Vollkommenheit zu verwirklichen. Im blühenden Baum, im den Wunderformen der Qualle, im Grashalm, im Kristall: Überall strebt es danach, Vollkommenheit die in ihm angelegt ist, zu erreichen. In allem was ist, ist durch Ideale bestimmte, vorstellende Kraft am Werke. In uns freibeweglichen, eines überlegten, zweckmäßigen Wirkens fähigen Wesens ist der Drang nach Vollendung in der Art gegeben, dass wir uns selber und alles von uns aus beeinflussbare Sein auf den höchsten materiellen und geistigen Wert bringen wollen' (II/354, 346).

Historische Wahrheit kontra Dogma.
In seinem theologischen Standardwerk, der 'Geschichte der Leben Jesu-Forschung', hat er seine Grunderkenntnisse weiter präzisiert, indem er die schon damals umfangreich angeschwollene einschlägige Literatur näher untersucht, Er gelangt dabei zu einigen bemerkenswerten Aussagen, die auch heute noch einigen Leuten ein Dorn im Auge sind, auch wenn man es nicht wagt, das immer so d i r e k t auszusprechen Es wird da mehr die 'Methode' gewählt, nebensächliche Ungenauigkeiten stark herauszustellen, um so indirekt eine Pauschalverneinung auszusprechen. 'Wer kennt die - Namen - wer zählt die Beispiele?'

Schweitzer kristallisiert seinen Standpunkt im Vorwort mit den Worten: 'Die Forschung, die von der Eschatologie absehen will, muss große Partien der Berichte der zwei ältesten Evangelien als spätere Zutat ausscheiden und behält zuletzt nur noch einen ganz zerfetzten Text übrig, mit dem nichts Rechtes mehr anzufangen ist' (III/23).
Die Situation, wie andere Theologen der jüngeren Neuzeit darauf reagieren, verdeutlicht er mit der Feststellung: 'Dennoch aber hat sich die eschatologische Lösung in der neuesten Leben-Jesu-Literatur nicht allgemein durchgesetzt und hat keine Aussicht, dies bald zu erreichen. Sie befindet sich in der merkwürdigen Lage, dass sie nicht widerlegt, aber auch nicht ohne weiteres anerkannt werden kann. Das letztere hat seinen Grund darin, dass das, was sie historisch leistet, in Schatten gestellt wird durch die Schwierigkeiten, die sie der überlieferten Glaubensanschauung schaft' (III/33).

Vorwärtsführende Kritik.
In seinem Bemühen, die Aussagen aus der ältesten Literatur, die zum Teil bewusst in Vergessenheit geraten waren, wieder neu zu sichten, vermittelt Schweitzer auch dem Leser der Jetztzeit interessante Einblicke, die auch dadurch ihren Wert haben, dass es ja nicht immer so einfach ist, heute noch an diese Veröffentlichungen heranzukommen (wenn man von Spezialbibliotheken einmal absieht).
Er beginnt seine Darstellung mit der interessanten Information:
'Denn auch mit Hass kann man Leben-Jesu schreiben - und die großartigsten sind mit Hass geschrieben: das des Reimarus, des Wolfenbüttler Fragmentisten, und das von David Friedrich Strauß.- Es war nicht so sehr ein Hass gegen die Person als gegen den übernatürlichen Nimbus, mit dem sie sich umgeben ließ und mit dem sie umgeben wurde. Sie wollten ihn darstellen als einen einfachen Menschen, ihm die Prachtgewänder, mit denen er angetan war, herunterreißen und ihm die Lumpen wieder umwerfen, in denen er in Galiläa gewandelt hatte. Weil sie hassten, sahen sie am klarsten in der Geschichte. Sie haben die Forschung mehr vorwärtsgebracht, als alle anderen zusammen' (III/48).

Albert Schweitzer versäumt es aber auch nicht zu verdeutlichen, welche - oftmals bitteren - Konsequenzen das für diese Exponenten, indem Ringen nach der historischen Wahrheit mit sich brachte. So berichtet er z.B.:
'Aber an Strauß, der als Siebenundzwanzigjähriger das Ärgernis der Welt preisgab erfüllte sich der Fluch. Er ging zugrunde an seinem Leben-Jesu, aber er hörte nicht auf, stolz darauf zu sein, trotzdem alles Unglück von dorther kam. 'Ich könnte meinem Buche grollen', schreibt er 25 Jahre später in der Vorrede zu den Gesprächen von Ulrich von Hutten, 'denn es hat mir (von Rechts wegen rufen die Frommen) viel Böses getan. Es hat mich von der öffentlichen Lehrtätigkeit ausgeschlossen, zu der ich Lust, vielleicht auch Talent besaß, es hat mich aus natürlichen Verhältnissen herausgerissen und in unnatürliche hineingetrieben, es hat meinen Lebensgang einsam gemacht. Und doch bedenke ich, was aus mir geworden wäre, wenn ich das Wort, das mir auf die Seele gelegt war, verschwiegen, wenn ich, die Zweifel, die in mir arbeiteten, unterdrückt hätte - dann segne ich das Buch, dass mich zwar äußerlich schwer geschädigt, aber die innere Gesundheit des Geistes und Gemüts mir, und ich darf mich dessen getrösten, auch manchem anderen noch, erhalten hat' (III/ 489,449).

Hermann Samuel Reimarus.
Über das von Gotthold Ephraim Lessing herausgegebene Werk von Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) berichtet Schweitzer unter anderem: 'Dann ist aber das Grundproblem der alten Dogmatik, die Verzögerung der Parusie. Schon Paulus musste sich da an die Arbeit machen und im II. Thessalonicherbrief alle möglichen und unmöglichen Gründe finden. warum die Wiederkunft sich hinauszog. Reimarus beleuchtet mitleidlos die Lage des Apostels, der die Leute hinhalten muss. Der Autor des II. Petrusbriefes geht schon zielbewusster vor und richtet sich ein, die Christenheit definitiv mit dem Sophisma von den tausend Jahren die vor Gott wie ein Tag sind, zu vertrösten, wo doch bei der Verheißung nicht mit Gottes- sondern Menschenjahren gerechnet wurde.

'Unterdessen haben die Apostel bei der ersten einfältigen Christenheit so viel damit gewonnen, dass, nachdem einmal die Gläubigen damit eingeschläfert wurden, und der eigentliche Termin ganz verstrichen war, die folgenden Christen und Kirchenväter sich durch eitle Hoffnungen bis in alle Ewigkeit halten konnten' (III/72).

Albert Schweitzer fügt noch hinzu: Reimarus war der erste, der nach achtzehnJahrhunderten wieder ahnte was Eschatologie sei… Mag die Lösung bei Reimarus falsch sein - die Beobachtungen, von denen er ausgeht, sind unfehlbar richtig, weil die Grundbeobachtung eben historisch ist' (III/75).
Reimarus selbst hatte es vorgezogen, angesichts der herrschenden Umstände Vorsorge dafür zu treffen, dass sein Werk erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Welch ungeheurer 'Sprengstoff' damit gezündet wurde, verdeutlicht Schweitzer mit seiner Information: 'Reimarus hatte die fortschrittliche Theologie diskreditiert. Studenten - Semler erzählt es in seiner Vorrede - wurden irre und suchten sich einen anderen Beruf' (III/77).

'Rationalisierte' Orthodoxie.
Natürlich gibt es zur gleichen Zeit auch allerlei anders orientierte Tendenzen, von denen z.B. auch der folgende Bericht kündet: 'Wir sehen hier in demselben Bewusstsein Orthodoxie und Rationalismus schichtweise übereinandergelagert…
Die dogmatische Vorstellung von Jesus soll nicht angetastet werden, oder wenigstens glaubt man sie nicht anzutasten …
Bei alledem versteht es sich ebenfalls von selbst, dass die Gelegenheit die Zahl der Wunder zu vermindern, nicht vorübergehen lassen darf. Wo eines natürlich erklärt werden kann wird keinen Augenblick gezögert' (III/80,81).

Immer wieder gelangt Schweitzer bei seinen Darstellungen der verschiedensten 'Lösungsversuche' doch indirekt, wenn auch verschieden artikuliert, zu der Erkenntnis: 'Es ist ein merkwürdiges Phänomen in der Leben-Jesu-Forschung, dass eine gewisse Halbwissenschaft die entscheidenden Probleme erfassen und zu lösen versucht, ehe die gemessen einherschreitende Zunftheologie an jenem Punkte angekommen ist' (III/95).

David Friedrich Strauß.
Über den schon vorher erwähnten David Friedrich Strauß (1806-74) berichtet Schweitzer noch: 'Man muss Strauß lieben um ihn zu verstehen. Er war nicht der größte und nicht der tiefste unter den Theologen, aber der wahrhaftigste' (III/137).
'Die Angst vor Strauß zeitigte überhaupt katholisierende Gedanken in der protestantischen Theologie. Einer seiner verständigsten Rezensenten, Dr. Ullmann, in den Studien und Kritiken, hätte gewünscht, dasss er sein Werk lateinisch verfasst hätte, damit es unter dem Volke keinen Schaden anrichtete. In einem anonymen Dialog sehen wir den Schulmeister zum Pfarrer kommen. Er hat sich von seinem Stammtischgenossen, dem Herrn Major, verleiten lassen, Straußens Werk zu lesen, und möchte nun die Zweifel, die es in ihm angeregt hat, wieder loswerden. Nach glücklich beendeter Kur entlässt ihn Hochwürden mit folgender Vermahnung: 'Übrigens hoffe ich, nach der Erfahrung, die Sie gemacht haben, dass sie sich für die Zukunft des Lesens solcher Schriften enthalten werden, die nicht für sie geschrieben sind, zu deren Beachtung Sie keinen Beruf und zu deren Bestreitung sie keine Waffen haben. Leben Sie der Überzeugung, dass das, was aus solchen Schriften für Sie nützlich und brauchbar bewähren kann, Ihnen bald genug auf geeignetem Wege und auf die rechte Weise dargeboten werden wird, wobei Sie nichts von Ihrer Ruhe der Gefahr des Zufalls auszusetzen genötigt sind' (III/181,182). Ein auch für die Gegenwart noch aktueller Dialog, der verdeutlicht, wie die im Besitz eines organisatorischen Instrumentariums befindlichen geistig Unterlegenen versuchen, ihre Selbsterhaltung mit allen Mitteln - wenn auch recht fraglichen - zu 'sichern'.

Albert Kalthoff.
Ein weiterer Forscher aus der weitgespannten Galerie (bei der nur ausgewählte Beispiele erwähnt werden konnten), war Albert Kalthoff (1850-1906). Über ihn schreibt Schweitzer: 'Nach Albert Kalthoff entstand das Christentum durch Selbstentzündung, als die religiösen und sozialen Zündstoffe, die sich im römischen Imperium angesammelt hatten, mit den jüdischen Messiaserwartungen in Berührung kamen. Jesus von Nazareth hat nie existiert, und wenn er einer der zahlreichen Judenmessiasse war, die den Tod am Kreuz fanden, hat er das Christentum dennoch nicht gegründet. Die in den Evangelien niedergelegte Geschichte Jesu ist in Wirklichkeit nur die Entstehungsgeschichte des Christusbildes, das heißt Geschichte der werdenden Gemeinde. Es gibt also kein Problem des Lebens Jesu, sondern nur ein Christusproblem …
Die Kritik, die Kalthof an den historisch-positiven Darstellungen übt, ist zum Teil sehr treffend. 'Jesus', sagte er einmal, ist für die protestantische Theologie das Gefäß geworden, in welches jeder Theologe seinen eigenen Gedankeninhalt hineingießt' (III/502, 503).

Gemeinsames Wollen.
Zur Zusammenfassung kommend fasst Schweitzer seine Gesamterkenntnis noch einmal in die Worte: 'Die konsequente Eschatologie ist besser daran. Sie erkennt in der Tatsache des Nichteintreffens der Mt 10,23 verheißenen Parusie das im Sinne Jesu 'historische Faktum' … Die ganze 'Geschichte des Christentums' bis auf den heutigen Tag, die innere, wirkliche Geschichte desselben beruht auf der 'Parusieverzögerung', dass heißt auf dem Nichteintreffen der Parusie, dem Aufgeben der Eschatologie, der damit verbundenen fortschreitenden und sich auswirkenden Enteschatologisierung der Religion' (III/586).

Und als persönliches Bekenntnis am Ausgang seiner Studie wählt Schweitzer die Worte: 'Im letzten Grunde ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art. Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn wir in der Erkenntnis eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden, eine Klärung, Bereicherung und Belebung unseres Willens in dem ihrigen erfahren und uns selbst in ihr wiederfinden' (III/886).

Das für Albert Schweitzer seine Einsichten und Erkenntnisse keine leeren Floskeln waren, davon hat sein integrer Lebenslauf beredtes Zeugnis abgelegt. Vieles wäre für die Darstellung seines Lebens, Denkens und Wirkens noch zu sagen. Es konnte nur ein begrenzter Detailausschnitt sichtbar gemacht werden. Das bei einer vielfach anderweitig praktizierten Würdigung seiner verdienstvollen Tätigkeit in und für Lambarene oftmals seine geistigen Auseinandersetzungen grundsätzlicher Art mit dem herkömmlichen Christentum faktisch überspielt und aus dem Bewusstsein verdrängt wurden, ist ebenso ein Faktum, dass durch die Lektüre dieser Albert-Schweitzer-Werkausgabe notwendigerweise korrigiert werden kann.

Ebenfalls auch, dass jene, die, wie z. B. Jehovas Zeugen, versuchen, historische Irrtümer der Vergangenheit durch Neuanwendung auf die Gegenwart nicht zur Kenntnis nehmen, ebenfalls Zeit und Energie für einen Irrweg vergeuden."


Eine Zusammenfassung, teilweise auch Ergänzung, der vorstehend angesprochenen "Grundfragen"; auch noch im nachfolgenden Text, der einiges verstreutes, etwas mehr bündelt:

Schon Albert Schweitzer hatte in seiner theologischen Phase ("Geschichte der Leben Jesu-Forschung") herausgearbeitet. Im Urchristentum war die Endzeit-Naherwartung latent ("Ihr werdet mit den Häusern Israels nicht zu Ende kommen" bevor das alles geschieht). Das Urchristentum, ursprünglich als jüdische Sekte in Erscheinung getreten, erlebte danach noch eine gewaltige Akzentverschiebung. Begünstigt auch dadurch, dass seine Klientel sich zunehmend aus "Heidenchristen" zusammen setzte: Solche also die keine geborene Juden mehr wahren. Schon anderthalb Jahrhunderte später, etwa zu Zeiten Tertullians, gab es in Nordafrika (Karthago) blühende Christengemeinden, deren missionarische Ursprünge wiederum auf Christen in Rom basierten. Die Ursprungsgemeinde in Jerusalem hingegen, versank in die zunehmende Bedeutungslosigkeit.

Mit dieser soziologischen, ging auch die ideologische Wandlung einher. Die ursprüngliche Naherwartung konnte so nicht mehr länger aufrecht erhalten werden. Abgesehen von einigen Sektenkreisen; sagte der Hauptstrom des Christentums ihm Ade.

Aber schon bei Tertullian kann man es nachlesen. "Heilige Schriften" waren für ihn nicht nur die des heutigen Bibelkanons. Tertullian beispielsweise berief sich auch ausdrücklich auf das "Henoch"-Buch, dass er hochschätzte. Gleichwohl wissend. Es fand nicht Eingang in den jüdischen Kanon des Alten Testaments. Gerade aber in diesem Schrifttum außerhalb der heutigen Bibel, begegnet man solchen Endzeiterwartungen die auch auf bestimmten Chronologien basieren. Letztendlich hat der Petrusbrief mit der entsprechenden Aussage, dass bei Gott ein Tag wie bei Menschen tausend Jahre seien, nur diesen "Ball" mit aufgenommen, um auch die "Kurve zu kriegen". Weg von der akuten Naherwartung - hin zu nebulösen Formulierungen, die sich als Gummiband in allerlei Richtungen hinziehen lassen.

Albert Schweitzer stellt weiter fest: 'Zu einer bestimmten Zeit - ob dies Wochen oder Monate nach seinem Auftreten war, wissen wir nicht - hat Jesus die Gewissheit, dass die Stunde des Anbruchs des Reiches gekommen sei. Eilends entsendet er seine Jünger zu zweienundzweien in die Städte Israels, dass sie diese Kunde verbreiten. In der Rede (Matthäus 10), mit der er sie entlässt, bereitet er sie auf die messianische Drangsal vor die jetzt alsbald anbrechen soll, und indes sie, wie die anderen Erwählten, schwere Verfolgungen, ja vielleicht den Tod erleiden werden. Er erwartet nicht, dass sie wieder zurückkehren worden, sondern verkündet ihnen, dass die 'Erscheinung des Menschensohnes' (welche gleichzeitig mit dem Anbrechen des Reiches erwartet wird), stattfinden werde, ehe sie nur mit den Städten Israels zu Ende sein würden.
Seine Erwartung verwirklicht sich aber nicht' (I/56,57).

Mit dieser nüchternen Erkenntnis - ohne fragwürdige Umdeutungen und 'Wegerklärungen' - hatte Albert Schweitzer offensichtlich empfindlich den Nerv eines nicht nur pietistisch geprägten Christentums seiner Zeit getroffen, was sich auch in seiner Bemerkung widerspiegelt:

'Anstoß bereitet vielen, dass der historische Jesus irrtumsfähig gelten müsse, weil das übernatürliche Reich Gottes dessen Erscheinen er für alsbald verkündigte, ausgeblieben ist' (I/74).

Schweitzer bezieht sich bei seiner Wertung insbesondere auf Matthäus 10: 23 wo es auch nach der NW-Übersetzung heisst:
"Denn wahrlich , ich sage euch: Ihr werdet mit dem Kreis der Städte Israels keinesfalls zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist."

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Einige weitere Auszüge aus dem Theologischen Werk Albert Schweitzers noch:

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Bekannt ist aber auch, dass die von Schweitzer vertretene sogenannte "konsequente Eschatologie" bei dem vom Christentum materiell lebenden Funktionären, keine sonderliche Begeisterung ausgelöst hat. Das Gegenteil war der Fall. Schweitzer erfuhr es noch am eigenen Leibe. Der erste Weltkrieg leitete auch eine theologische Zäsur ein. Schon die katholische Kirche hatte mit ihrem Syllabus, den Schweitzer'ischen Denkansatz Anathematisiert. Der frannzösische katholische Theologe Alfred Loisy, der sich da besonders hervortat, musste es auch bitter erfahren.
Im deutschen Protestantismus war es dann Karl Barth mit seiner sogenant "dialektischen Theologie", welcher der liberalen Theologie generell (zu der auch Schweitzer zugerechnet werden darf), den einstweiligen "Garaus" machte.

Dazu stellte Heinrich Ackermann, durchaus zutreffend , fest:
"Vor einigen Jahren sprach ein angesehener Theologe der Universität Zürich aus, die Kirche lebe davon, daß die Ergebnisse der 'Leben-Jesu-Forschung' in ihren Gemeinden unbekannt seien.
Seit dem 'Siege' der Katholischen Kirche über den Modernismus oder Reformkatholizismus, der der wissenschaftlichen Forschung folgen wollte, seit der Einführung des Antimodernisteneides im Jahre 1910, hat in der Katholischen Kirche das mittelalterliche Dogma sich völlig gegen die Forschung durchgesetzt. Schon im Jahre 1907 war es den katholischen Theologen verboten worden, den in den Neunzigerjahren wiederentdeckten Endglauben Jesu, die im Spätjudentum verbreitete Eschatologie, den Glauben an das bevorstehewnde Ende 'dieser Welt' und den Einbruch eines Gottesreiches ... zum Kernbestand des Evangeliums zu zählen.
Im Protestantismus - der heute diesen Namen kaum noch verdient - hat im Jahre 1945 der seit den Zwanzigerjahren vorbereitete 'Sieg' des 'Bekenntnisses' und der dialektischen Theologie über die - doch einzig wissenschaftliche liberale Forschung die völlige Wiederherstellung des Dogmas und damit auch der mittelalterlichen Christologien gebracht."

Zum Thema Seele noch:
In der theologischen Auseinandersetzung zwischen den Bibelforschern und ihren kirchlichen Kritikern spielte die Bibelstelle in Lukas 23 Vers 43 eine dominante Rolle. Es geht in diesem Text darum das Jesus einen mit ihm gekreuzigten [1] Übeltäter versprochen habe, er werde mit ihm im Paradies sein. Die theologische Streitfrage dabei war die Interpunktion dieses Textes.

Hieß es nun richtig: "Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein."
Oder trifft die Variante zu: "Wahrlich ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein."
Die Kirchen entschieden sich im allgemeinen für die erste Variation, während die Bibelforscher eindeutig der zweiten Variante den Vorzug geben. Dieser Streit hat grundsätzliche Bedeutung. Würde es zutreffen, dass die Interpretation: "ich sage dir heute" zutreffend ist, beinhaltet dies, dass Paradies als zukünftige Möglichkeit. So deuten es auch die Zeugen Jehovas. Hingegen: "Heute wirst du mit mir im Paradies sein" beinhaltet die Himmel-Hölle Lehre, von der nach dieser Lesart alle beim Tode betroffen sein würden.

Die Auslegung der Zeugen Jehovas fand bei den Kirchen nur wenig Gegenliebe, wie überhaupt dort eine "Aktualisierung" von Endzeiterwartungen (wie bei den Zeugen Jehovas) nicht die Regel ist. Folglich wurde auch ihre Darstellung abgelehnt.
Es gibt aber auch Ausnahmen. Das wären dann kirchliche Kreise, die Endzeiterwartungen des Urchristentums positiv bewerten und einer "Aktualisierung" nicht unbedingt grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen.

Ein solcher Fall liegt bei Ludwig Reinhardt vor. Im Jahre 1878 hatte er eine eigene Bibelübersetzung vorgelegt. [2] Reinhardt vertrat Positionen, wie sie auch von den Bibelforschern vertreten werden:
"Für uns und unsere Zeit ist aber die Erkenntnis von höchster Wichtigkeit, dass die der ganzen Bibel zugrundeliegende Welt- und Lebensanschauung eine der kirchlichen Orthodoxie nicht nur völlig fremde, sondern ihr geradezu entgegengesetzte ist. Der einseitige und verkehrte Spiritualismus unserer Kirchen, gegen welche sich eine immer gewaltigere und teilweise berechtigte materialistische Bewegung erhoben hat, ist nicht biblisch, sondern stammt aus der platonischen Philosophie, welche von den Kirchenvätern der Bibel und kirchlichen Orthodoxie unbewusst untergeschoben und auch die Reformatoren noch völlig beherrschte." [3]

Zu dem fraglichen Bibeltext äußert er: "Die jetzt übliche Interpunktion dieser Stelle ist ohne allen Zweifel falsch und konnte nur darum aufkommen und zur Herrschaft gelangen, weil die katholische Theologie der platonischen Welt- und Lebensanschauung huldigte." [4]
Es lag in der Konsequenz von Reinhardts Auffassung, dass er sich dazu durchrang die Sozialdemokratie unbefangener zu beurteilen, als dies bei anderen kirchlichen Kreisen der Fall war: "Das wahre Christentum und die ideale Sozialdemokratie sind also an sich keine unversöhnlichen Gegensätze, sondern sie sind vielmehr, wie Ursache und Wirkung, Seele und Leib usw. die beiden einander bedingenden Seiten einer und derselben Sache, nämlich der gerechten und göttlich gewollten Gesellschaftsordnung." [5]

Genau diese Auffassung vertrat auch die frühe Bibelforscherbewegung, angereichert mit Endzeitdatenspekulationen. Letzteres ist bei Reinhardt nicht der Fall.
Reinhardt erlangte nicht die Breitenwirkung wie die Bibelforscher. Aber die konservativen Gegner verschiedener Couleur registrierten aufmerksam, dass beide Bibelforscher wie Reinhardt, den politischen Bestrebungen der Sozialdemokratie nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden. Da die Bibelforscher Öffentlichkeitswirkung erzielten, lag es in der Konsequenz, dass die Konservativen innerhalb und außerhalb der Kirchen sich auf die Bibelforscher einschossen.

Es ist interessant festzustellen, dass Reinhardt auch in Korrespondenz zu einigen Bibelforschern stand. In dem Schreiben vom 16. 1. 1908 an einen amerikanischen Bibelforscher teilt er mit, dass er von Russells "Schriftstudien" zu diesem Zeitpunkt schon die Bände 1 bis 5 (in Englisch) zur Kenntnis genommen habe.
Es war sicher "Balsam für die Seele" der Bibelforscher, wenn Reinhardt sein Schreiben mit den Worten ausklingen ließ: "Die mir zugesandten Zeitungsabschnitte sende ich Ihnen anbei zurück. Sie haben mich recht interessiert, besonders diejenigen, worin sich die Katholiken für ihre Hölle wehren. Ohne Hölle hat die katholische Priesterschaft verlorenes Spiel, darum fahren Sie nur fort, tapfer gegen diese altheidnische Irrlehre zu kämpfen; mit ihr steht und fällt alle widergöttliche Priesterherrschaft. … Bitte, grüßen Sie Br. Russell recht herzlich von mir und seien Sie mit ihm und Ihrem ganzen Werke der reichen Gnade unseres Gottes und Heilandes empfohlen. In brüderlicher Liebe. L. Reinhardt." [6]

Wesentliches Element der Russellbewegung ist, dass sie zwar für den kirchlichen Sakramentalismus wenig Verwendung hat, dass sie aber andererseits dafür "Gott auf den Thron" wieder erheben möchte. Oder um es mit Feuerbach zu formulieren:"Wo aber die Vorsehung geglaubt wird, da wird der Glaube an Gott von dem Glauben an die Vorsehung abhängig. Wer leugnet, dass eine Vorsehung ist, leugnet, dass Gott ist oder - was dasselbe - Gott Gott ist; denn ein Gott, der nicht die Vorsehung des Menschen, ist ein lächerlicher Gott, ein Gott, dem die göttlichste, anbetungswürdigste Wesenseigenschaft fehlt." [7]
Was den Glauben an eine göttliche Vorsehung oder Weltregierung anbelangt, so begegnet man ihm nicht "nur" in christlichen Kreisen. Abgesehen von einem Hitler, der seine politischen Entscheidungen auch als von der "Vorsehung" inspiriert darzustellen beliebte, sind auch andere Beispiele außerhalb des Christentums belegt.

Ein klassisches Beispiel war das Orakel des Königs Krösus (letzter König von Lydien, 560-546 v. u. Z.). Er bekam durch die Phytia im Apollo-Tempel zu Delphi auf seine Anfrage hin die Auskunft, "wenn er den Halys (Fluss zwischen Lydien und Persien) überschreite, werde er ein großes Reich zerstören." Lukian von Samosta (120 bis 180 u. Z.) setzte sich mit diesem Fall auseinander:

"Sprich mir nicht von den Orakeln, mein Bester, oder ich werde dich fragen, an welches du dich am liebsten erinnern lassen willst: ob an das, dass der delphische Apollo dem Könige von Lydia gab und das so doppelgesichtig war wie gewisse Hermon, die einem das Gesicht zuwenden, man mag sie nun von vorn oder von hinten betrachten - denn wie wusste nun Krösus, ob er nach dem Übergang über den Fluss Halys das Reich des Cyrus oder sein eigenes zugrunde richten würde? Und gleichwohl bezahlte der unglückliche Fürst diesen doppelsinnigen Vers mit vielen Tausenden." Indem nach Anfangserfolgen sein eigenes Reich zerfiel und somit zerstört wurde. [8]Nicht nur Reinhardt stand dem konventionellen Christentum kritisch gegenüber. Auch für Albert Schweitzer beispielsweise, war die intensive Beschäftigung mit diesen Fragen, zu einer existentiellen Frage geworden. Im Gegensatz zur herrschenden Zeitmeinung hatte Schweitzer in einer "Geschichte der Leben Jesu Forschung" herausgearbeitet, dass bereits im Urchristentum starke Endzeiterwartungen kultiviert wurden, die sich schon damals als Irrtum erwiesen. [9] Mit solchen Thesen verbaute der Pastorensohn Schweitzer sich eine weitere theologische Laufbahn. Er vermochte diesen Konflikt nur dadurch zu lösen, dass er noch das Wagnis eines medizinischen Zusatzstudiums auf sich nahm um als Arzt in Afrika zu wirken. Auch dort war man, ob seiner theologischen Erkenntnisse, nicht gerade "erbaut" über ihn. [10] --------------------------------------------------------------

Er war mal maßgeblicher Mitarbeiter der "Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen", als die noch ihren Sitz in Stuttgart hatte. Dann fällte diese Kirche die Entscheidung, dieses Institut wird ins "heidnische Berlin" verlegt. Nicht jeder ihrer Mitarbeiter war über diese Entscheidung "glücklich". Weiß man doch, dass kleinere Religionsgemeinschaften (ein Hauptthema dieses Institutes) in Baden Württemberg, geschichtlich bedingt, in weit relevanterem Umfang anzutreffen sind, als wie im "halbheidnischen" Berlin, dessen Ostteil während der DDR-Zeit auch eine spürbare Entkirchlichung erfuhr.

Indes trotz Protestes einiger Mitarbeiter der EZW blieb es bei der Entscheidung. Maßgebliche Überlegung bei den Kirchenoberen, Berlin nimmt wieder Hauptstadtfunktionen war. Und auch aus lobbyistischen Gründen, wolle man doch lieber in der Nähe der politischen Entscheidungsträger sein. Des einen Freud, des anderen Leid. So auch in diesem Fall. Jedenfalls machte der zeitweilig für die Zeugen Jehovas in der EZW zuständige Werner Thiede den Umzug nicht mit. Er zog es vor, lieber seinen Dienst bei der EZW zu quittieren und sich in der Württembergischen Landeskirche nach einer ihm geeignet erscheinenden Stelle umzusehen. Damit ist die Phase, dass man Thiede als besondere "Kapazität" in Sachen Zeugen Jehovas anredete, mehr oder weniger zum Abschluss gekommen.

1994 war es noch nicht so weit. Da hatte er noch was in Sachen Zeugen Jehovas zu sagen. Einiges davon hat er so "lautstark", unter faktischem Ausschluss der relevanten Öffentlichkeit gesagt, dass man fast sicher sein kann, es wurde nicht gehört.

Denn wer tut es sich schon an, eine weitgehend außerhalb des Buchhandels erscheinende "Festschrift", die Querbeet viele Themen abhandelt, einmal zu sichten? Wohl kaum einer. Kaufen werden solch ein Exemplar die allerwenigsten. Und bestenfalls greift der eine oder andere "Experte" mal gelegentlich auf ein Bibliotheksexemplar davon zurück, sollte ihm der ihn interessierende Aufsatz, darin mal bekannt werden.

Also Thiede kann sicher sein. Zielstellung: Veröffentlichung unter weitgehenden Ausschluß der Öffentlichkeit - erreicht. Zudem die gewählte Überschrift: "Gnostisierende Fundamentalisten? Zur Mythologie der Zeugen Jehovas"
ist kaum geeignet, einen "Run" auf diesen Aufsatz auszulösen. Schon bezeichnend, dass er seine Überschrift einer anderen Theologenpublikation entnahm, und demjenigen, der dieses Wortungetüm kreierte Oberflächlichkeit bescheinigte. Das kann man nur bestätigen.

Wenn das oberflächlich ist; warum übernimmt es dann Thiede, muss man weiter fragen. Eine plausible Antwort darauf ist er jedenfalls schuldig geblieben. Offenbar erschien ihm das als geeigneter Aufhänger, um einmal zu zwei Kernthesen der Zeugen Jehovas etwas näher Stellung zu beziehen.
Bekanntlich hatte es Russell die Lehre von der "Feuerhölle" besonders angetan. Und er hielt sich auch viel darauf zugute, auf sie seinen "Wasserstrahl" gehalten zu haben. Gleichfalls schon seit Russells Tagen, die Ablehnung des Glaubens an eine "Seele".

Sichtet man einschlägige "Publikumsbücher" zum Thema Zeugen Jehovas, die von "gestandenen Theologen" verfasst wurden, fällt schon mal auf, dass um diese beiden Thesen ein großer Bogen des Schweigens gezogen wird. Ist das nicht der Fall, dann eher hilfloses Gestammel. Oder auch das gibt es. Ideologische Rückkehr ins Mittelalter, und von dieser Basis die ZJ "widerlegend". Letztere sind aber doch wohl eher eine Randgruppe. Dominierend drängt sich der Eindruck des "großen Schweigens" bei der Theologenzunft aus. Offenbar aber mit einer Ausnahme, besagtem Herrn Thiede. Der hat doch tatsächlich mal in einer Festschrift (die Otto Normalverbraucher nie lesen wird), dazu Stellung genommen. Welch "großer Fortschritt".

Wie aber "löst" Thiede das Problem? Nun er verkündet vollmundig:
"Diesen Widerspruch gegen eine in der Kirche zumindest noch im vorigen Jahrhundert verbreitete Höllenpredigt halten die ZJ bis heute aufrecht - wobei sie freilich bei vielen Theologen inzwischen offene Türen einrennen. In der Tat wird kaum jemand, der eine ewige Hölle theologisch auch nur für möglich hält, den Grausamkeiten der Harmagedon-Botschaft überzeugend entgegentreten können."

Hört, hört, kann man da nur sagen.
Er weiss weiter zu sagen:
"Kirchliche Eschatologie sollte sich durch die Botschaft von der größeren Liebe und nicht durch die vom größeren Zorn Gottes abgrenzen von den 'Propheten der Angst'"
.
Es liegt mir fern, die Höllenlehre "verteidigen" zu wollen. Mir drängt sich aber im Gegensatz zu Thiede der Eindruck auf, auch in Kenntnis der "Petrusapokalypse", die auch Thiede als Universitätstheologen nicht unbekannt sein dürfte (auch wenn sie in späteren Jahrhunderten den "Neutestamentlichen Apokryphen" zugeschlagen wurde). Mir drängt sich jedenfalls der Eindruck auf. Im Urchristentum wurde das durchaus real als Feuerhölle verstanden.

Davon setzen sich nun die "liberalen", die Universitätstheologen heutzutage mehr kleinlaut ab. Ihnen geht es ja nur um eines. Um die Aufrechterhaltung ihrer jeweiligen Organisationen. Der Wahrheitsgehalt einer Aussage, mutiert in diesem Kontext zum Spielball.

Interessant auch wie sich Thiede in Sachen Seelenlehre windet. Zitat:

"Gänzlich ungnostisch fällt hingegen die Haltung zur Frage der Unsterblichkeit aus. Die vor allem von katholischer Seite tradierte Lehre von der Unsterblichkeit der Seele wird hier in einer Weise korrigiert, die durchaus Luthers Beifall finden könnte: Zu reden sei vom bewußtlosen Schlaf der Seele bis zur Auferstehung. Der 'Wachtturm' … zitiert denn auch als Beleg die berühmte Studie des evangelischen Neutestamentlers Oscar Cullmann mit dem Titel 'Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten?' (1989), um allerdings sogleich wieder pauschal auf den Vorwurf zu verfallen: 'Die Kirchen der Christenheit glauben an die Unsterblichkeit der Seele …' (WT 1. 5. 1990, S. 26).

In Wahrheit gehören in den evangelischen Konfessionen unserer Zeit die Anhänger der Lehre von der Seelenunsterblichkeit, namentlich im Sinne eines wachen 'Zwischenzustandes', eher zur Minderheit."

Um nicht falsch verstanden zu werden. Es geht hier nicht um Verteidigung der Höllen- oder Seelenlehre. Die wird meinerseits nicht erfolgen. Stören tut mich eigentlich nur die "Kaltschnäuzigkeit", wie hier ein ideologischer Bankrott, als der "allerneueste Schrei" verkauft wird.

http://www.manfred-gebhard.de/Parsimony.7191.htm

Der 1999 verstorbene Theologieprofessor Oscar Cullmann hatte im Jahre 1962 (auch in Deutsch) einmal eine Schrift veröffentlicht mit dem Titel:
"Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten?"
Schon in seinem Vorwort erwähnt er:
"Keine einzige meiner Veröffentlichungen hat so lebhafte Reaktionen ausgelöst wie diese: auf der einen Seite Begeisterung, auf der anderen Seite schroffe Ablehnung.
Einen dieser Leser hat mein Artikel zu folgender bitteren Betrachtung veranlaßt: 'Unserem Volk, das stirbt, weil es das Lebensbrot nicht hat, bietet man Steine statt Brot an, sogar Skorpione.'"

Dieses harte Votum kam deshalb zustande, weil Cullmann zu dem Resultat gelangte:
"'Die Unsterblichkeit der Seele'. In dieser Form ist diese Meinung jedoch eines der größten Mißverständnisse des Christentums. Es hilft nichts, diese Tatsache zu verschweigen oder sie durch willkürliche Umdeutungen, die dem Text Gewalt antun, zu verschleiern."
Und weiter:

"Die Antwort auf die Frage. 'Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten?' im Neuen Testament ist somit eindeutig, Die Lehre des großen Sokrates, des großen Plato läßt sich mit derjenigen des Neuen Testaments nicht in Einklang bringen."
Auch Cullmann räumt de facto ein, dass schon die Urchristen wähnten, die ersten und zugleich letzten Christen zu sein. Weil diese Erwartung aber nicht eintraf, weil die Funktionäre der sich bildenden Kirche ihren "Laden am laufen halten wollten", gewann die Seelenlehre zunehmend an Bedeutung. Dies alles ändert nichts an der Tatsache, dass gemessen an den Aussagen des NT, eine Lehre einer "fortbestehenden" Seele nach dem Tode, nicht gedeckt ist. Dies sprach auch Cullmann aus und erntete, auf seiten der Gemeindetheologie einen Sturm der Entrüstung. Dieweil deren Erwartungshorizont eben nicht mit dem wissenschaftlichen Forschungsergebnis übereinstimmt

Cullmann.jpg (45754 Byte)

http://www.manfred-gebhard.de/Sakramentalismus.pdf

Geschicht der Leben Jesu-Forschung von Albert Schweitzer

Kahl, Das Elend des Christentums
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