Zu besagtem Marko Martin seien aus dem Netz zwei Beiträge bzw. Hinweise entnommen. Der erste Beitrag entstammt der Tageszeitung "Die Welt" vom 13. 3. 1999
Die Selbstverstümmelung des Geistes
Bücher, die das Jahrhundert verändert
haben (Teil 5): George Orwells Roman "1984"
"Das Buch ,1984' ist weit mehr als ein utopischer Roman. Es ist das Phantasiegebilde eines Schriftstellers, der den Kalten Krieg zum System erhebt und seinen Haß gegen die Sowjetunion, gegen die Partei der Arbeiterklasse zum Ausdruck bringt, um mit Hilfe von Hirngespinsten jedes Bestreben, den Frieden zu erhalten und die Koexistenz zu unterstützen, zu vernichten. Das Buch ist nicht nur staatsgefährdend, sondern stellt in der Hand seines Lesers staatsfeindliches Hetzmaterial dar. Die Verbreitung und jeder Vertrieb sollten unter allen Umständen beobachtet und mit allen staatlichen Mitteln verhindert werden."
Diese Expertise aus dem Aktenfundus des Ministeriums für Staatssicherheit hätte auch einer jener Beamten des "Wahrheitsministeriums" der Partei verfassen können, der mit der permanenten Verbesserung der "Neusprache" befaßt war. "Krieg bedeutet Frieden/Freiheit ist Sklaverei/Unwissenheit ist Stärke."
George Orwells "1984" - 1949 und damit ein Jahr vor dem Tod seines tuberkulosekranken Autors erschienen - ist zweifellos zu einem der prägendsten Romane dieses Jahrhunderts geworden. Die Frage ist nur: Wer hat ihn wirklich gelesen außer einer Handvoll antitotalitärer Intellektueller und Dissidenten sowie der Heerschar hauptamtlicher Schnüffler und Dikatoren-Büttel?
Gewiß, Orwell war einer der geistigen Väter von Melvin Laskys Zeitschrift "Der Monat", in dessen Heften der Roman als deutsche Erstveröffentlichung 1950 erschien. Auf Orwells düstere Vision vom Großen Bruder und der Allmacht von Partei und Gedankenpolizei beriefen sich von Arthur Koestler über Ignazio Silone bis hin zu Willy Brandt und Ernst Reuter all jene, die nach dem Ende des Nazionalsozialismus nun das diktatorische Sowjetsystem als Hauptgefahr für die westlichen Demokratien erkannten.
Aber all das ist lang her. Zwar gibt es in freiheitlichen Gesellschaften keine amtlichen "Gedächtnislöcher", in denen alle schriftlichen Belege aus der Vergangenheit verschwinden, damit man Platz hat für die Umschreibung der Geschichte. Die Möglichkeit zur Manipulation besteht indessen auch hier. Man muß ja nicht gleich fälschen, es genügt bereits, vermeintlich witzig loszuplappern. Wenn Fernsehkorrespondenten bei Aufnahmen von Empfängen und diplomatischen shakehands nichts mehr einfällt, kommt regelmäßig die Floskel vom "Gruppenbild mit Dame". Mit der Kenntnis von Heinrich Bölls Roman hat dies allerdings ebensowenig zu schaffen wie die forsche Rede von "Big brother is watching you", die zumeist eher Harmloses zur Gefahr aufplustert. "Nineteen-eighty-four" etwa war der Titel eines der ersten Hits in der aufkommenden Techno-Welle Anfang der Neunziger.
Als Winston Smith, der Protagonist von Orwells Roman, am Ende doch noch verhaftet, von seiner Geliebten Julia getrennt und mannigfaltiger Verbrechen gegen die Partei angeklagt wird, sagt ihm sein Vernehmer O' Brien: "Die Nachwelt wird nie von Ihnen hören. Sie werden ganz einfach aus dem Lauf der Geschichte gestrichen sein. Wir verwandeln Sie in Gas und lassen Sie in die Stratosphäre verströmen. Nichts von Ihnen wird übrigbleiben; kein Name in einem Verzeichnis, keine Erinnerung in einem lebenden Gehirn.
Harte Kost für den westlichen Leser, der, auch wenn er Arbeiter sein sollte, in einem bürgerlichen Gesellschaftsgefüge großgeworden ist: Familienalben und Stammbäume, die Konsistenz und Verläßlichkeit sozialer Milieus und Codes, und der Staat eher im Hintergrund. Trotz aller Schrecken des Blitzkrieges blieben da für die Briten nicht nur Hitlers Menschheitsverbrechen unvorstellbar. Auch Stalin war weit weg oder wurde von der "gefühlsseichten Linken" (Orwell) gar als Retter glorifiziert. "Bruder Nr. 1" alias Pol Pot war noch ein namenloser marxistischer Student in Paris, und auch von Mao und dem "Großen Führer" Kim II Sung hatte man wahrscheinlich noch nichts vernommen. Wie sollte man sich also 1949 vorstellen, daß "1984" jemals eintreten würde und sich die Teilung der Welt in drei gleich totalitäre Machtblöcke vollziehen könnte, wobei dann die britische Insel nichts weiter wäre als der Luftflottenstützpunkt Nr. 1 mit London als schäbigem, Tag und Nacht von der Gedankenpolizei durchkämmtem Zentrum?
Hatte die englische Öffentlichkeit nicht schon Arthur Koestlers 1940 erschienenen Roman "Sonnenfinsternis", der sich mit Stalins Säuberungen und den Moskauer Prozessen beschäftigte, als "ziemlich weit hergeholt" abgelehnt? Die jahrhundertlange Tradition eines Laissez-faire-Liberalismus zeigte hier ihre Schattenseite: Sie war unfähig geworden, ihre totalitären Feinde noch zu erkennen.
Hier setzte nun Orwell an, weniger psychologisch ausgefeilt als Koestler, grobschlächtiger, stärker auf den Effekt setzend. Auf den Klotz der seligen Ignoranz mußte ein Keil, der tatsächlich schockte. Nach eigenem Bekunden hat es Orwell stets gereizt, eines Tages so ins kollektive Gedächtnis seines Landes einzugehen wie Charles Dickens, dessen Bücher sich ja in nahezu jedem englischen Haushalt fanden. Und er hatte zumindest auf den ersten Blick Erfolg.
Neben der "Farm der Tiere" wurde "1984" zu seinem berühmtesten Buch; Begriffe wie "Newspeak", "Doublethink" und "Big Brother" gingen in den Sprachgebrauch ein. Wurden populär, wurden banal. Wurden Gegenstand von Schulaufsätzen, wurden zu Huxleys "Brave New World" in Beziehung gesetzt und verloren so letztlich alles Beunruhigende, Gefährliche.
Literaturwissenschaftler schrieben sich die Finger wund, und übrig blieb schließlich nur die westliche Angst vor den Resulaten der eigenen Gesellschaft: Von "Konsumterror" ging und geht die Rede, vom angeblichen Sinnverlust im Computer- und Internet-Zeitalter, und wohl nicht zufällig lautete der Titel eines der einschlägigen Bestseller "Wir amüsieren uns zu Tode".
Daß, historisch und geographisch betrachtet, in der Mehrzahl aller Länder die Menschen keineswegs durch Wohlstandsfrustration und Amüsement zu Tode kommen, sondern aufgrund von Krieg, Folter, Armut oder organisierten Hungersnöten, kümmert westliche Kulturkritiker linker wie rechter Provenienz bis heute kaum. Demokratie, Diktatur - nur austauschbare Wörter?
"1984", in aller Munde und dennoch ignoriert, Steinbruch für Ideologen aller Coleur. Während man im Ostblock, "Orwell der Lüge zeihend und doch in der Verbotspraxis seine Voraussagen genau umsetzend", das Buch kurzerhand zum Feindobjekt erklärte, versuchten konservative Kreise im Westen bis in die achtziger Jahre Maggy Thatchers Orwell als Kronzeugen der eigenen Thesen zu instrumentalisieren: Wer für den Sozialstaat eintritt, landet zwangsläufig beim Großen Bruder, und damit basta.
Gegen derlei Verfälschungen hatte sich der Spanienkämpfer Orwell, der sich einst selbst als Tellerwäscher in London und Paris durchschlagen mußte, noch fünf Monate vor seinem Tod entschieden gewehrt: "Mein jüngster Roman ist nicht als Angriff auf den Sozialismus oder auf die britische Labour Party (auf deren Seite ich stehe) gedacht, sondern als Bloßstellung der Perversionen, zu denen zentralisierte Wirtschaftssysteme neigen, und die im Kommunismus und im Faschismus teilweise schon verwirklicht wurden."
Ozeanien - der totale Staat, der entweder mit Eurasien oder Ostasien im Kriege liegt - ist bei Orwell eine perfekt funktionierende Überwachungsgesellschaft, in der sogar noch in allen privaten Wohnräumen ein sogenannter Televisor oder Hörsehschirm installiert ist, der sich zwar leiser drehen, aber nie abschalten läßt und ununterbrochen Anweisungen oder Siegesmeldungen (eine gewonnene Schlacht, eine hundertprozentige Steigerung in der Produktion von Schnürsenkeln) von sich gibt.
Gleichzeitig kann er seine Hörer sehen und überwachen, so daß stets sichergestellt ist, daß die unaufhörliche Propaganda nicht etwa durch ein gleichgültiges Achselzucken um einen Gutteil ihrer Wirkung gebracht wird. Die alleinherrschende Partei hat es nicht nur auf die Körper, sondern vor allem auf die Seelen ihrer Untertanen abgesehen; dem Großen Bruder, als Plakat überall präsent, soll nicht nur gehorcht, sondern auch absolute Liebe entgegengebracht werden.
Schon dadurch wird jedoch die Liebe zum eigenen Ehepartner und zu den Kindern zu einem Verdachtsmoment, während vor- und außerehelicher Sex ohnehin verboten ist. In dieser Atmosphäre begeht Winston Smith ein zweifaches Verbrechen: Er beginnt ein Tagebuch zu führen und stürzt sich in eine Affäre mit seiner Arbeitskollegin Julia, die ihm bis dahin immer als besonders eifrige Mitläuferin erschienen war.
Beide arbeiten im Wahrheitsministerium und sind damit beauftragt, die Schriften aus der Vergangenheit - die "Times" vom gestrigen Tag ebenso wie Bücher und Broschüren - so umzufälschen, daß sie mit der aktuellen Beschlußlage identisch werden. Pausenlos wird neu- und umgedruckt, während das alte Papier, das von den wechselnden Lügen des Regimes hätte Kunde geben können, in den "Gedächtnislöchern" verschwindet: "Einen Tag um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht."
Doch ihre Körper rebelllieren. Wenn man Orwell oft zu Recht vorgeworfen hat, daß all seine Frauenfiguren immer blaß bleiben und sich die Liebesszenen hart am Rande des Kitsches bewegen, so zeigte er in "1984" mit wenigen Sätzen, welche Sprengkraft der Erotik innewohnt - und wie sie in einem totalitären Staat dennoch hoffnungslos politisch determiniert bleibt.
"Winstons Herz jubelte. Julia hatte es schon so oft getan. Alles, was auf ihre Verderbtheit hinwies, erfüllte ihn immer wieder mit einer wilden Hoffnung. Früher, mußte er denken, sah ein Mann den Leib eines Mädchens und fand ihn begehrenswert, und damit Schluß! Aber heutzutage gab es so etwas wie reine Liebe oder reine Lust überhaupt nicht mehr. Keine Gefühlsregung war ungebrochen, denn alles war mit Angst und Haß durchsetzt. Ihre Umarmung war ein Kampf gewesen, der Höhepunkt ein Sieg. Es war ein gegen die Partei geführter Schlag. Ein politischer Akt."
In O'Brien, seinem späteren Vernehmer und Folterer, vermutet Winston einen Verbündeten. Er nimmt mit ihm, dem privilegierten Mitglied des inneren Parteizirkels, Kontakt auf und bekommt "das Buch" ausgehändigt, eine Sammlung von Schriften des dissidenten und deshalb in Ozeanien Tag und Nacht als Verräter beschimpften Immanuel Goldstein. Orwells Vorbild ist hier unverkennbar Leo Trotzki.
Winston und Julia versenken sich in einem in den Außenbezirken Londons gemieteten Zimmer in die Lektüre, lieben sich, lesen weiter und finden so erstmals ein schrifttliches Zeugnis des Widerstands, das ihrem Akt des individuellen Aufruhrs gleichsam die historische Berechtigung gibt. Ein paar Wochen später werden sie beide verhaftet; auch in ihrem Refugium waren sie rund um die Uhr observiert worden.
Goldsteins Buch stellt sich als Fälschung der Gedankenpolizei heraus, deren hoher Mitarbeiter O'Brien dann sowohl Julia wie Winston schnell dazu bringt, einander zu verraten. Am Schluß steht die totale Niederlage Winstons: "Aber nun war es gut, war alles gut, der Kampf beendet. Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den Großen Bruder."
Die Grundlage der Tyrannei, so Orwells Botschaft, ist nicht, wie Marx behauptet hatte, ökonomischer, sondern psychologischer Natur. Die Dominanz des Tristen, Unästhetischen, die Verteuflung des Eros schaffen einen Triebstau, der gegen angebliche innere oder äußere Feinde gelenkt werden kann. Zu rasch hatten Kritiker Orwells Visionen - etwa die Schilderung der "Zwei-Minuten-Haßsendung", die für alle Pflichtpogramm ist - ins Reich der Fabel verwiesen. Dem gegenüber heißt es in dem 1985 erschienenem "Wörterbuch der Staatssicherheit" unter dem Stichwort "Haß: "Der moralische Inhalt des H. ist abhängig vom Gegenstand, auf den er gerichtet ist. H. ist ein wesentlicher Bestandteil der tschekistischen Gefühle, einer der entscheidenden Grundlagen für den leidenschaftlichen und unversöhnlichen Kampf gegen den Feind."
Doublethink als letzte Konsequenz der marxistischen Dialektik, hohe Schule des Aufpeitschens und Sich-in-die-Tasche-Lügens. Der demokratische Linke George Orwell, der bereits im Spanienkrieg erlebte, wie man im Westen die stalinistischen Säuberungen hinter der Front ignorierte, schrieb "1984" hauptsächlich als Warnung vor der Selbstverstümmlung des Geistes, der Sklaverei dann tatsächlich als Freiheit buchstabiert.
In einem eiskalten Haus auf den Hebriden sitzend, lungenkrank und fiebernd, aber Tag und Nacht schreibend, rang Orwell dieses Buch dem Tod ab. Ehe er am 22. Januar 1950 starb, beschwor er seine Freunde noch, "the great conversation of mankind" nie zu vergessen, den roten Faden der Erinnerung niemals abreißen zu lassen.
Das war mehr als ein frommer Wunsch. Wie auch immer man "1984" in die verschiedensten Diskurse einzuquirlen versuchte, Orwell fand Nachfolger. Jürgen Fuchs in seiner Stasi-Zelle, die Drohworte seiner Vernehmer im Gedächtnis speichernd, um sie später publik zu machen. Reinaldo Arenas, sich auf einem Baum in einem Havannaer Park vor Castros Häschern versteckend, um an seinem Buch "Bevor es Nacht wird" weiterzuarbeiten. Die Mütter von der Plaza del Mayor, den argentinischen Militärs die Namen ihrer "verschwundenen" Kinder entgegenschreiend. Eine Traditionslinie, die bis in unsere Tage führt, hin zur Einsamkeit der chinesischen Dissidenten und der Courage einer amerikanischen Außenministerin, die mit nahezu alttestamentarischem Freiheitspathos den Mächtigen in Peking sagt: "Natürlich gehören diese Menschen sofort freigelassen." Man sieht: "1948" ist noch immer nicht vergangen.
Bild entnommen, aus: Marko Martin "Orwell, Koestler und all die anderen. Melviv Lasky und 'Der Monat'", Asendorf 1999.
2. Buchlesung mit Marko Martin
Marko Martin, geb. 1970 in Burgstädt/Sachsen,
verließ aus politischen Gründen im Mai 1989 die DDR. Es folgten
das Studium an der Freien Universität Berlin, ein langjähriger
Aufenthalt in Paris und 1994 ein Arthur F. Burns-Stipendium in San Francisco.
Zahlreiche Veröffentlichungen u. a. in ZEIT, TAZ, Tempo, Kursbuch, Tagesspiegel
und DIE WELT. Bisher erschienen folgende Bücher: "Mit dem Taxi nach
Karthago, Reiseprosa, Gedichte und Essays. Mit einem Vorwort von Hans Christoph
Buch" (1994), "Orwell, Koestler und all die anderen. Melvin J. Lasky und
Der Monat" (1999) sowie als Herausgeber "Ein Fenster zur Welt. 70 Essays
aus vier Jahrzehnten Der Monat".
Während der Lesung lädt die Konrad-Adenauer-Stiftung zu einem
Getränk ein.
Mi, 25.10.2000, 19.00-21.00 Uhr
Ort: Bürgerhaus (Berlin)-Grünau
entgeltfrei
3. Wer weiteres zu "1984" wissen möchte, der beachte vielleicht auch noch:
Man vergleiche zu dem genannten Roman von Martin auch: MartinRoman