Kommentare zu den eingescannten CV-Ausgaben

CV 59

"Für die WTG hier in 'Deutschlandbericht 1974' geht es nur darum, um jeden Preis zu verschweigen, daß sie schon immer, in jeder Situation, wie so landläufig gesagt wird, mit 'gezinkten Karten' die ihr anvertrauten Menschen begaukelt hat."

Mit diesen Worten wird in der CV 59 die Rolle der führenden ZJ Balzereit und Harbeck im Krisenjahr 1933 eingeschätzt. Die diesbezügliche Auseinandersetzung mit dem Deutschlandbericht der WTG in ihrem Jahrbuch 1974 ist die Grundlage dafür. Wie man weiß sind WTG-Geschichtsklitterungen (respektive solche von Autoren die der WTG nahestehen) bis in die Gegenwart zu beklagen. Ein solches Beispiel nimmt diese CV-Ausgabe mit aufs Korn.

Zeugen Jehovas kann man offenbar in zwei Klassen einteilen. 1. in die aktiv Endzeitgläubigen und zweitens in deren Kinder und Kindeskinder. Letztere nehmen es denn schon mal nicht so wörtlich mit solchen Thesen. Vielfach anders hingegen die Situation bei gewissen Neuangeworbenen. Ein Familien-Erlebnisbericht in dieser Ausgabe belegt das auch.


CV Christliche Verantwortung

Informationen zu christlichem Wandel und vermehrtem Verständnisvermögen
- 1. Thess. 4:12, 1. Kor. 14: 20 -
Begründet von Willy Müller, GD, Gera/Thür., DDR

Nr. 59 Gera Mai 1974

DER ZWECK DIESER ZEITSCHRIFT
ist freie, christlich und menschlich verantwortungsbewußte Information zu Verkündigung und Organisation der Zeugen Jehovas und ihrer Leitenden Körperschaft, der Wachtturm-, Bibel- und Traktat-Gesellschaft, (WTG) und WTG-bedingten Konfliktlage der Zeugen Jehovas in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung. Die Vielseitigkeit der Darlegungen in CV widerspiegelt diese Situation und weist Wege zu ihrer Lösung. -
Wir rufen zur Mitverantwortung und Mitarbeit.

Nr. 59 Gera Mai 1974

MIT DEM WTG-FEHLSCHLAG VON 1975 WIRD CV
IMMER WICHTIGER!
Liebe Leser!
Als die WTG 1966/67 in dem Buch "Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes" als zuverlässige Bibelchronologie" (S. 30 dt.) verkündigte, (1. Auflage in Englisch allein 2 000 000) daß "im Herbst des Jahres 1975 u. Z. 6000 Jahre enden und die siebente Periode von eintausend Jahren", also die Tausendjahrherrschaft Christi auf Erden, beginne, wurden sogar Wetten abgeschlossen! Wetten um die Zuverlässigkeit dieses Termins! "So sicher, wie Jehova die Sonne aufgehen läßt, so sicher ist es, wenn sein 'treuer und kluger Knecht' sagt: Herbst 1975!", sagten sie, wenn jemand seinen Zweifel anmeldete und entgegnete: Wer weiß! Mit Sicherheit sind alle diese Wetten verloren. Der Jahrestext 1974 bringt das deutlich zum Ausdruck, wenn es heißt: "mag auch der Feigenbaum nicht blühen . . ., mag sich das Werk des Olivenbaumes als Fehlschlag erweisen …"

Die damaligen Zweifler haben schon jetzt damit ihre Bestätigung gefunden. Auch CV hatte sofort vor dieser "zuverlässigen Bibelchronlogie" gewarnt (CV 9/1967). Doch wer hatte diese Warnung ernst genommen? Immer deutlicher drängt sich nun der WTG-1975-Fehlschlag ins Bewußtsein CV hatte recht.

Vielleicht ist es schwierig, sich das einzugestehen. Etliche fangen nämlich an, Ausreden zu suchen. Die WTG habe überhaupt nicht von Zuverlässigkeit gesprochen (natürlich doch!), oder vielleicht müsse man den Beginn des Menschengeschlechts erst ansetzen, als auch Eva geschaffen war. Das gebe die Bibel nicht an. Oder vielleicht spiele es auch eine Rolle, daß das jüdische Zeitrechnen oder Jahr im Herbst endet. Vielleicht sei überhaupt der jüdische Kalender der einzig richtige u. a. m. Auf jeden Fall käme noch etwas Zeit hinzu, sodaß man es vielleicht auf 1976 verschieben müsse oder noch ein bißchen später. Die WTG kann sich durchaus über soviel Einfalt freuen. Solchen Brüdern und Schwestern kann sie heute dieses und morgen ein anderes Datum predigen, sie glauben alles. Eher sind alle anderen Lügner, eher läßt man Gott seine Pläne ändern, als daß sie es wagen, der WTG entgegenzutreten, was sie auch predigt und wohin sie auch führt.

Der Kreis derer wird jedoch immer größer, die erkennen, daß mit dem Fehlschlag von 1975 die gesamte Endzeitverkündigung der WTG erledigt ist. Das erscheint ihnen jedoch so ungeheuerlich, daß sie es kaum fassen können. Sie wagen nicht, sich völlig durchzuringen und schieben alle sich daraus ergebenden Entscheidungen zögernd vor sich her. Wir sind überzeugt, daß sie jedoch mit jeder CV-Ausgabe ihr Unterscheidungs- und damit Entscheidungsvermögen weiter schärfen.

Was sind die Hauptfragen, die mit dem 1975-Fehlschlag auf der Tagesordnung stehen? Solche etwa: Besinnung auf die einzige biblische, christliche Hoffnung. Überprüfung des Verhältnisses zu allen Brüdern und Schwestern, die sich in der Vergangenheit von der WTG abwandten, weil sie die Fehlerhaftigkeit der WTG, die heute wieder offenbar wird, schon seinerzeit erkannten. Überprüfung des Verhältnisses zur "Obrigkeit von Gott" und zur gesellschaftlichen - hier sozialistischen - "Ordnung um der Menschen willen", Überwindung der unchristlichen "theokratischen Kriegslist" und der damit verbundenen Torheit des Antikommunismus. Untersuchung der sozialen Mitverantwortung der Christen und Verwirklichung eines ehrbaren Wandelns mit den Nichtchristen Denn 1975 kommt nicht, und das Leben muß und wird weitergehen.

CV ist die einzige Form, die einzige Schrift, die diese Probleme wegweisend behandelt. In dieser Ausgabe erscheinen wieder ganz wichtige Themen dazu. Macht CV freimütig zum Gegenstand des Gesprächs und des Studiums in allen Versammlungen und Studiengruppen. Warum damit heimlich tun? Warum Furcht haben? Jeder Älteste und Aufseher weiß, daß CV kursiert und gelesen wird. Jeder weiß, wie aktuell die Fragen sind, die CV behandelt. Legt CV auf den Tisch. Laßt euch CV nicht wie unmündigen Kindern fortnehmen. Ihr lasst euch doch auch keine andere Zeitung fortnehmen Sagt freimütig, hier in der CV steht das und das, stimmt das, wie ist es damit, schließlich stoßen wir ja in unseren Familien, in unseren Verwandten-, Bekannten- und Interessiertenkreisen auf diese CV-Argumente. Warum sie also nicht offen und frei in den Studiengruppen behandeln? Wenn wir in der Wahrheit sind, was haben wir da zu fürchten?

Wir wünschen allen Lesern auch mit dieser CV-Ausgabe von Herzen weitere Mehrung der Erkenntnis und des Unterscheidungsvermögens angesichts dessen, was nach 1975 kommt.
In christlicher Verbundenheit
Der Herausgeber und alle Mitarbeiter

MAG DAS WERK DES OLIVENBAUMES SICH TATSÄCHLICH
ALS FEHLSCHLAG ERWEISEN …
N. H. Knorr auf der WTG-Jahresversammlung 1973/74 in Pittsburgh zum Jahrestext 1974
- HAUPTGESICHTSPUNKTE -
Zum Jahrestext 1974 wurden bekanntlich folgende Teile aus Habakuk 3: 17, 18 bestimmt: "Mag der Feigenbaum selbst nicht blühen - dennoch will ich frohlocken in Jehova" (NW).

Strategie und Taktik der WTG sind damit unverkennbar: Es geht darum, die Katastrophe der Fehlvoraussage von 1975 im voraus zu unterlaufen und abzufangen und auf diese Weise so viele wie möglich zu halten, um mit ihnen dann irgendwie weiterzumachen.

Wir erinnern an die Bekanntgabe von 1975 auf den Kongressen 1966: "Die Ausgabebestände wurden von vielen umringt, und der Vorrat an Büchern (Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes, CV) war bald erschöpft. Sofort wurde der Inhalt untersucht … die Tabelle . . . die zeigt, daß 6000 Jahre … im Jahre 1975 enden. Erörterungen über dieses Jahr 1975 überschatteten nahezu alles (WT 1. 1. 67, S. 20). Wir stehen 1974 nun unmittelbar davor. Nicht nur die Erörterungen, sondern auch die Erwartungen stehen damit vor dem Höhepunkt! Jedem Einsichtigen war von Anfang an klar, daß auch 1975 ein Fehlschlag sein muß, wie 1799, 1843, 1872, 1874, 1878, 1914, 1918, 1925, 1939, 1945 und 1972.

Warum wurde der Jahrestext 1974 für den ersten Blick verstümmelt?
Auf der WTG-Jahresversammlung 1973/74 in Pittsburgh, USA, hielt WTG-Präsident N. H. Knorr eine ausführliche Ansprache zum jetzigen Jahrestext. Für den Text selbst, wie man ihn auf den ersten Blick immer vor Augen haben soll, wurden jedoch ganz bestimmte Bibeltexte  weggelassen, was sorgfältige Beachtung finden muß, weil das nicht ohne Grund ist. Der vollständige Text von Habakuk 3:17,18 lautet indessen wie folgt:

"Mag der Feigenbaum selbst n i c h t b l ü h e n und mag k e i n E r t r a g an den Weinstöcken sein, mag das Werk des Olivenbaumes sich t a t s ä c h 1 i c h a l s Fehlschlag erweisen, und mögen die Terrassen selbst w i r k l i c h k e i n e S p e i s e hervorbringen, mag das Kleinvieh i n d e r T a t v o n d e r H ü r d e a b g e t r e n n t sein, mag kein Großvieh in den Gehegen sein, dennoch, was mich betrifft, will ich frohlocken in Jehova selbst, ich will jubeln in dem Gott meiner Rettung". (NW)

Dieser Text für 1974 macht unzweideutig klar: Das gesamte jetzt auf 1975 orientierte Endzeitwerk der WTG ist wieder ein Fehlschlag! Welchen anderen Sinn sollte solcher Text ausgerechnet ein Jahr vor 1975 sonst haben? Die WTG könnte auch gar nicht anders. Sie hat das Jahr 1975 in die Welt gesetzt. Nun ist es soweit. Es bleibt ihr nur noch die "Flucht noch vorn". Hinwegreißen über 1975 was irgend geht und alle anderen schon jetzt als "untreu" verteufeln bzw. verschrecken. Denn gefährliche Fragen erheben sich nun in den Versammlungen: Soll alles vergeblich gewesen sein? Unser ganzes generationslanges Opfer an Zeit, Arbeit, Geld, Familie, Freizeit, sozialen Bedürfnissen, Freiheit und Leben, Gesundheit und Nerven - alles umsonst? Alles Mühen und Ausharren auf das "Ende", alles verfehlt und vergeblich? Verzweiflung greift besonders in solchen Familien um sich, die ihre Kinder den von der WTG erst 1945 aufgestellten Bluttransfusionsdogmen, auf dem Altar des WTG-Blutkultes geopfert haben!

Ja, es war alles umsonst und vergeblich! Der WTG-Jahrestext 1974 läßt daran keinen Zweifel: Mit 1975 "blüht" nichts, die Endzeithoffnung ist tatsächlich wieder ein Fehlschlag, die "Speise" war falsch!

Man stelle sich vor, wenn alle ständig den vollen Text von Habakuk 3:17,18 vor Augen hätten! Viele rahmen sich die Jahrestexte sogar für ihre Wohnung ein! Darum nur die bildhafte Andeutung, um sie sofort durch "frohlocken und jubeln in Gott" überlagern und verdrängen zu lassen, alles andere weg!

N. H. Knorrs dritte Endzeit-Verscheuchung
"Wir glauben, daß diese Prophezeiung inspiriert und zuverlässig ist und erwarten ihre Erfüllung noch in unserer Generation", sagte N. H. Knorr in Pittsburgh. N o c h in unserer Generation? Was soll denn das heißen? Und 1975? N o c h in unserer Generation? Das sind nicht nur weitere Jahrzehnte des "Ausharrens", das ist der Sanktnimmerleinstag! Es leben nämlich immer mehrere Generationen miteinander! Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, Kinder' und Kindeskinder mindestens. Da sind immer einige, die darauf hoffen können, immer wieder, und man kann es immer wieder verschieben und immer wieder einigen sagen,
n o c h in dieser Generation! So ist das schon seit dem Datum 1799!

Darum ist ein Schwerpunkt der Rede von N. H. Knorr wieder das Ausharren. Und er zitiert Habakuk 2:3,4, gemäß Hebr. 10:36-39 Habakuk hervorhebend: "Denn ihr bedürfet des Ausharrens, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Erfüllung der Verheißungen empfangen möget. Denn noch 'eine ganz kleine Weile' und der 'Kommende wird eintreffen und wird nicht ausbleiben'… Wir sind nun nicht von denen, die zur Vernichtung zurückweichen, sondern von denen, die Glauben zum Lebendigerhalten der Seele". - Ausharren, ausharren, ausharren! Noch eine "ganz kleine Weile"! Es wird "nicht ausbleiben"! Es wird "nicht verziehen"! Immer verbunden mit Vernichtungsdrohung! - Das wird doch schon seit 1799 so gepredigt und zitiert! Bruder Knorr, du machst doch diese HabakukVerschiebung selbst schon das drittemal mit!

Bitte: Als z. B. Wiederkunft Christi auf 1874 und Harmagedon auf 1914 angesetzt worden waren (Schriftstudien I, 1886, S. 103) und in den zwanziger Jahren wieder verscheucht wurden, warst du dabei. Meinst du, jene Generation ist tot, es beunruhigt niemanden mehr?

Dann hattest du mit Bruder Rutherford u. a. das Harmagedon-Ende auf 1939/45 angesetzt, was du sofort nach dem Tode von J. F. Rutherford 1942 wieder zu "verscheuchen" begannst! (Buch "Dein Name werde geheiligt", S. 329. Abs. 14, WTG 1963) Um diese "Verscheuchung" auch in Europa durchzusetzen, wurde Pfingsten 1945 der große Kongreß in Zürich/Schweiz veranstaltet! Wieder wurden Habakuk und die "Nicht verziehen"-Taktik angewandt! Es heißt im Kongreßbericht: "In einem Gespräch … wurde die Frage besprochen: 'Ist Harmagedon nahe?' . . . Selbst wenn die Schlußabrechnung von Harmagedon n o c h um zehn oder zwanzig Jahre v e r z i e h e n sollte - es wurde nicht gesagt, daß es wirklich so sein wird - so muß doch das Evangelium mit aller Kraft … verkündigt werden. Es wurde Habakuk 2:3 genannt, wo es heißt: 'Wenn es verzieht, so harre sein, denn kommen wird es, es wird nicht ausbleiben' … Hat es etwas Beängstigendes, wenn die Möglichkeit besprechen wird, bis zur Schlacht von Harmagedon könnten n o c h 10 oder 20 Jahre vergehen? Ganz gewiß nicht. Von den Kongreßteilnehmern jedenfalls wird eine solche Möglichkeit nicht als tragisch empfunden … Dauert es jemand zu lange, dann sei daran erinnert, daß Zeit niemals lang wird, wenn man alle Hände voll zu tun hat. Haben wir etwa nichts mehr zu tun? Die Errichtung der Theokratie ist etwas so Wunderbares, daß man leicht ein ganzes Leben lang darauf warten kann . . . Bist du im Königreichsdienst vielleicht über deine Kräfte gegangen, weil du die Zeitspanne zu knapp, eingeschätzt hast?" (Trost/Erwachet, 1. Juni 1945, S. 10f WTG, Bern, Schweiz).

Nicht nur erneutes jahrzehntelanges Hinhalten, frech wird sogar der Spieß gegen die Königreichsverkündiger umgedreht, als ob sie es wären, die Zeitspannen und Termine ansetzen.

Lieber Bruder Knorr, so wurden unter deiner Führung alle seit 1945 um weitere 10 bis 20 Jahre hingehalten, obwohl "es wirklich nicht so sein" sollte! Aber nicht nur 1955 und 1965 vergingen, die Zeitrechnung in "Die Wahrheit wird euch freimachen" setzte sogar schon 1972 fest! Auch das ist alles wieder "verscheucht".

1972 war noch nicht, einmal da, da wurde auf den 1966-Kongressen - ein Jahr noch 1965! - das Jahr 1975 festgesetzt Ein Jahr vor 1975 wird mit dem Jahrestext 1974 nun auch diesem Termin wieder der Todesstoß versetzte Und wieder wird Habakuk zitiert, um den "Verzug" oder das "Ausbleiben" zu rechtfertigen und sich selbst reinzuwaschen Da kann doch nur noch folgen, wer völlig die Übersicht verloren hat!

Es sei ernstlich die Frage gestattet: Muß man im Blick auf 5. Mose 18:20-22 nicht zu der Erkenntnis kommen, daß Jehova euch dort in Brooklyn nicht gerufen hat, eine Endzeit zu verkündigen? Daß ihr euch vielmehr selber gerufen habt, soetwas zu tun? Es bestätigt sich doch immer wieder: Habakuk wird manipuliert, gebraucht und zitiert, um eine Endzeit immer wieder zu verschieben, die es überhaupt nicht gibt, seit 1799 schon über eine Zeitspanne von fast 200 Jahren Da müssen sie in Brooklyn jetzt wahrhaftig wieder in Bedrängnis kommen.

Die Stimmung in Brooklyn ist sehr ernst
Habakuk verschiebend, sagte N. H. Knorr weiter in Pittsburgh: "Die Gewißheit, daß Schwierigkeiten über uns kommen werden, nimmt immer mehr zu und stimmt uns sehr ernst". Und: "Allein über das nachzudenken, was der 'Tag der Bedrängnis' nüchtern betrachtet, bedeuten würde, erweckte in dem Propheten (Habakuk) das Gefühl, einem  Z u s a m m e n b r u c h
n a h e zu sein. Seine Knochen schienen zu zerfallen und seinem Körper keinen Halt mehr zu geben, sodaß er kaum noch auf den Füßen stehen konnte, sein ganzer Körper erbebte, seine Lippen brachten kein Wort mehr hervor, sondern zitterten nur. Er bebte tatsächlich schon, bevor der furchterregende 'Tag der Bedrängnis' herankam. Wählte er aber den Selbstmord als Ausweg aus seinem Zustand, oder griff er zu Drogen, um seine Sinne gegenüber der Wirklichkeit abzutöten?"

Wenn sie in Brooklyn wirklich nüchtern über die Lage nachdenken, die sie mit 1975 geschaffen haben, dann mögen sie in der Tat zittern und beben, keinen Halt mehr haben, in den Knochen zerfallen und kein Wort mehr über die Lippen bringen. Das Werk ist tatsächlich ein Fehlschlag, wie im Jahrestext 1974 eingestanden wird. Es steht tatsächlich vor der Möglichkeit eines Zusammenbruchs. Wenn die WTG sogar Selbstmordgedanken und Betäubung vor der Wirklichkeit ins Spiel bringt, dann muß sie eine Katastrophe kommen sehen.
Insofern ist alles sehr ernst. Aber man täusche sich nicht! Diesen Habakuk-Totenklagelied stimmt die WTG nicht um ihretwillen an!

Die WTG folgt nunmehr ihrem eigenen ökonomischen Gesetz
Wenn die WTG jetzt auf das Totenklagelied von Habakuk orientiert, dann nur um all derer willen, die ihr bis 1975 ehrlich und gutgläubig gefolgt sind und das alles nun zusammenbrechen sehen. Sollen sie klagen und sich ausweinen können. Menschlich hilft das sogar. Die Leitende Körperschaft in Brooklyn braucht solches Ventil selbst nicht.

Natürlich ist die Stimmung ernst. Aber sie haben genügend Erfahrung, Weltenden festzusetzen, wieder zu verscheuchen und dennoch wieder weiterzumachen. Natürlich muß man dazu immer die Ärmel hochkrempeln, hart durchgreifen. Der erste Aufstand wurde inzwischen schon niedergeworfen. Noch bisherigen Informationen wurden 1972 ca. ein Viertel der ganzen Bethelfamilie, 312 Bethelmitarbeiter, die sich gegen die 1975-Politik der WTG erhoben hatten, als "abgefallene Brüder im Bethel Brooklyn" ausgeschlossen. (Konrad Franke, Wiesbaden, am 1. Nov. 1972 in Westberlin, Kongreßhalle der WTG. Siehe auch CV 48/73, 50/73 und 56/74.)

Doch selbst steht die WTG weder vor Zusammenbruch noch zerfallen ihre Knochen, noch bebt und zittert sie, noch bringt sie nichts mehr über die Lippen. Diese Asche streut man nur den Gutgläubigen in den Versammlungen aufs Haupt. Nur für sie wird das Habakuk-Sacktuch angezogen. Sie selbst haben in Brooklyn ein festes Fundament errichtet aus Grundeigentum, Fabrikbesitz, Landwirtschaft, Transportunternehmen, Viehzucht, Haus- und Gebäudebesitz, einem internationalen Druckereisystem und eigenem Bankkapital. Das geht auch mit 1975 nicht unter. Das will und muß im Gegenteil immer weiter in Betrieb gehalten sein! Mit 1975 bricht allein die Weltendeorientierung zusammen, die bisher mit diesem Apparat oder Unternehmen produziert wurde. Man wird also neue Lehren entwickeln.

Auf den Kongressen 1973 wurde das unter dem Stichwort "wesentliche fortschreitende Änderungen" (A. Letonja, R. Lengtat) schon angekündigt! Habakuks Totenklagelied ist nur für die, die gutgläubig bisher gefolgt und auch ihr Scherflein zum WTG-Kapital beigetragen haben, und nun vor dem Scherbenhaufen ihre "irdischen" Hoffnungen stehen, die wieder "verziehen". Die WTG dagegen baut ihr reales Fundament, ihren ökonomischen Besitz, ihr Kapital, immer weiter aus. Es wiederholt sich in noch größerem Maße, was 1925 geschah, als J. F. Rutherford den auf des 1925-Weltende wartenden Brüdern im Zweigbüro Magdeburg z. B. mit einer Riesendollarsumme einen neuen Druckereibetrieb hinstellte und ein neues Bethelheim dazu, damit es nach 1925 statt Weltende mit veränderten Lehren weitergehe! Einmal errichtet, muß man solchen Kapital-, Fabrik- und Grundbesitz immer weiterarbeiten lassen. Das ist nun ein Eigengesetz. Es ist ein Wirtschaftsunternehmen geworden. Es werden neue Lehren produziert.

Wie geht es nach 1975 weiter? Wohin?
Zittern und Beben, kein Wort mehr über die Lippen bringen, an Drogen und Selbstmord denken werden allenfalls, die einfältig an 1975 geglaubt und so "die Zeit zu knapp eingeschätzt haben", wie die WTG 1945 höhnte. Ist es 1799 bis l975 gelungen, alles immer wieder zu verschieben und trotz dem Willige dafür zu finden, warum sollte das nach 1975 nicht mehr möglich sein? An einfältigem "Menschenmaterial" für ein solches "Werk" fehlt es also nicht, das haben die bisherigen 200 Jahre bewiesen. Die Termine wie 1799, 1843, 1872, 1874, 1878, 1914, 1918, 1925, 1939, 1945, 1955, 1965, 1972, 1975, 1996 und vielleicht auch (jüd. Kalender) 2040 oder 2120 sind dabei die "Ankurbelungen", um ständig alles auf Höchstleistung und Hochtouren zu halten oder wieder zu bringen. Mit Habakuk werden dabei die Tiefpunkte abgefangen, wenn bestimmte Daten wieder verworfen werden müssen, trotzdem einen Stamm Williger zu halten, die man "frohlocken", "jubeln" und "wie Hindinnen springen" lassen kann, damit es wieder weitergeht. Wie der Neubau von großen Produktions- und Druckereianlagen in Japan, Brasilien, Philippinen, Ghana und Nigeria zeigt (Erw. 22. 1. 1974), sieht die WTG ihre weitere Zukunft in der Hauptsache in der "dritten Welt", in den Entwicklungsländern in Asien, Lateinamerika und Afrika. Nigeria/Afrika hat mit 92 000 Verkündigern die alten europäischen WTG-Bollwerke fast überflügelt!

Dort ist nicht nur "Neuland", indem es Millionen "Jammernde und Seufzende" gibt, "Strandgut" des Kapitalismus und Kolonialismus, wo noch jeder Strohhalm ergriffen wird, und wo so mancher "neue Herr" auch den Antikommunismus der WTG begrüßt.

Es ist "Neuland", auch in dem Sinne, daß die WTG dort weitgehend auch wirklich neu anfangen kann, weil man ihre haltlose Vergangenheit nicht kennt.

Mögen dann die alten Zweige, die alten Bollwerke "mit 1975 zum Teufel gehen", wenn sie sich nicht weiter hinhalten lassen! Die nächsten "Generationen" liegen auf alle Fälle in der "dritten Welt". - Was sagst du zu all diesem?
C. W.

SCHMACH und SCHANDE noch über die Toten
Jahrbuch 1974
Nachträge zum "Deutschlandbericht"
Oft will es so scheinen, als ob die Zeit wirklich Wunden heilen könnte. Zumal sich Menschen dann dieser Hoffnung hingeben, wenn 40 Jahre nach 1933 vergangen sind. Zeit ist verflossen, dem Überdenken Abstand eingeräumt - Vergangenes könnte geistig bewältigt werden, um "gerade Bahnen für unsere Füße zu machen". Vergangene Zeit will auch endlich Früchte der Gerechtigkeit reifen lassen, irdische, aber selbst ohne diese vermöchten wir Menschen nur mit mattem Herz zu leben.

Die "gerade Bahn den Füßen" will dem "Deutschlandbericht" im Jahrbuch 1974 der WTG nicht gelingen. Angeblich so nahe bei Gott, aber so fern in der Liebe, denn welch anderer Geist wohl könnte schreiben, der nicht die Preisgabe der Brüder im Sinn hätte: "Bruder Balzereit, der e s s i c h e r w ä h 1 t h a t t e , aus Sicherheitsgründen in die Tschechoslowakei zu ziehen . . ." (Jahrbuch 1974, S. 131) Allein dieser Satz spricht ein Urteil aus sich selbst, wie ignorantisch und lieblos in seiner Selbstgerechtigkeit er einen Bruder zum flüchtenden Feigling stempelt.

Unser Gewissen ist aufgerufen und unsere Phantasie, sofern wir nicht Zeitgenossen jener schrecklichen Zeit des Jahres 1933 sind. Seit Januar 1933 herrschten die Nazis in Deutschland, Mord und Terror waren angesagt und schon grausam praktiziert. Von fernen Schreibtischen ist gut richten und raten, also schrieb Bruder Präsident Rutherford an Br. Balzereit wie folgt: ". . . Es wäre bestimmt nicht nötig gewesen, mich um die Erlaubnis zu bitten, noch Deutschland zurückkehren zu dürfen … Du hast mich glauben gemacht, (ja, der Satz heißt wirklich, Du hast mich g l a u b e n gemacht, d. Vf.) Deine persönliche Sicherheit sei davon abhängig, Dich außerhalb des Landes aufzuhalten." (Jahrbuch 1974, S. 131) Das Jahrbuch 1974 berichtet nicht, wann Br. Balzereit ins Ausland flüchtete, ob vor dem Verbot der WTG oder noch dem 24. 6. 1933.

Balzereit war im höchsten Dienstamt der WTG in Deutschland Ist es abwegig anzunehmen, daß er in dieser Stellung besonders gefährdet war? Balzereit war doch nicht namenlos in Deutschland, schon gar nicht für die Gestapo. Er war der höchste Repräsentant der WTG, des Werkes.

Aber wir schreiben keine Rechtfertigung für Br. Balzereit, denn an seiner statt könnten wir mit gleichem Recht über Br. M. C. Harbeck oder Br. Gammenthaler, Schweiz, berichten Sie alle wurden verraten und schnöde in Stich gelassen, wenn es der Nimbus der "Leitenden Körperschaft" erheischte Dann mußten nämlich Sündenböcke für jegliche falsche Lagebeurteilung bzw. veränderte Situation in der Organisation gefunden werden. Wenn dem Präsidium der WTG hier Fehler unterlaufen wären, wer wollte seine Beamten deshalb verklagen und sich zum Richter aufwerfen? Zwischen Balzereits Entscheidungen und dem Präsidium der WTG lag und liegt, auch heute noch, der große Ozean. Br. M. C. Harbeck saß in der Schweiz, weit weg vom Brennpunkt der Geschehnisse in Deutschland. Zwangsläufig waren seine Entschlüsse bezüglich der Organisation in Deutschland oft einsam, denn ein "rotes Telefon" noch Brooklyn gab es für ihn nicht.

Und was tat ein Bruder Balzereit: "Er hatte es sich e r w ä h l t , in die Tschechoslowakei zu ziehen". So kann man es auch nennen, noch 40 Jahren! Gerechtigkeit fordert die Frage heraus, ob er das n u r tat, um seine eigene Haut zu retten. Eine solche Unterstellung wäre einfach lächerlich. Weil er die Verhältnisse in Deutschland aus eigenem Erleben kannte, aus unmittelbarer Tuchfühlung mit der Naziherrschaft, deshalb ergaben sich mitunter Differenzen zum Präsidium in Brooklyn, unterschiedliche Auffassungen bezüglich notwendiger Maßnahmen in Deutschland unter der Naziherrschaft 1933.

Im Fall von Br. M. C. Harbeck, Schweiz, wird uns diese Situation erst richtig deutlich. Noch krasser tritt hier hervor, daß Br. Harbeck trotz aller Bemühungen um das Werk der Zeugen in Deutschland ein vom Präsidium der WTG verratenes und verleumdetes Opfer ist. Im "Jahrbuch 1974" darf Br. Hans P o d d i g , dieser Situation sozusagen stellvertretend für das Präsidium der WTG, folgende Leseart geben: "So entstanden zwei Klassen, die Furchtsamen sagten uns, wir seien ungehorsam und brächten das ganze Werk Jehovas in Gefahr". Der Jahrbuchbericht kommentiert dann: "Ein Brief, den Bruder Harbeck im August 1933 schrieb, wurde unter den deutschen Brüdern weit verbreitet, und die Furchtsamen benutzten ihn in ihren Diskussionen als B e w e i s dafür, daß sie sich richtig verhielten.

U N T E R D E S S E N (das ist genau das richtige Wort, wenn die WTG n i c h t schreiben will, w a n n ! d. Vf.)
veröffentlichte die Gesellschaft im ""W a c h t t u r m" einen Artikel unter der Überschrift "Fürchtet euch nicht!" in dem die Handlungsweise derer unterstützt wurde, die trotz zunehmender Verfolgung und Mißhandlung der Stimme ihres Gewissens gefolgt waren … und das Predigtwerk im U n t e r g r u n d fortgesetzt hatten". (gesperrte Schrift v. Vf.)

Der logische Zwang, dem der Leser hier erliegen soll, ist der, daß Br. Harbeck mit seinem Brief vom "August 1933" praktisch bewirkt haben soll, "daß 2 Klassen entstanden", die "Furchtsamen" und "Untergrundzeugen".

Die traurige Wirklichkeit dieser Vorgänge sah u n t e r d e s s e n ganz anders aus: Das WTG-Präsidium billigte ohne Einschränkung insgeheim den Brief von Br. Harbeck vom "August 193"" nur eben nicht offiziell, selbst im Jahre 1974 noch nicht. Denn die geistliche Unversehrtheit und christliche Würde von Br. Harbeck bedeutet dem Präsidium offensichtlich nichts.

Am 20. September 1933 geschah nämlich etwas in Nazideutschland Der amerikanische Botschafter in Berlin überreichte dem Auswärtigen Amt der deutschen Regierung eine Protestnote zum Verbot der WTG vom 24. 6. 1933. Aus dieser Sicht, (den nur Br. Harbeck wußte das) kommender diplomatischer Schritte seiner Regierung, schrieb der USA-Bürger und Zeuge Jehovas M. C. Harbeck diesen " b e w u ß t e n B r i e f " an die Brüder in Deutschland, der ihm noch 40 Jahren immer noch als Sündenlast angehängt wird.

Was stand nun in dem beklagten Brief von Br. Harbeck? Unter anderem auch dies: "Vorerst das Verbot vom Juni 1933 zu respektieren und keine Versammlungen abzuhalten, den Vertrieb der Schriften vorerst einzustellen". Da sich das WTG-Präsidium diplomatisch-politischer Kanäle der USA Regierung bedient hatte, siehe Protestnote an die Naziregierung, es diesen Tatbestand aber nicht eingestehen will, bleibt Br. Harbeck einer der Sündenböcke der WTG. Obwohl Br. Harbeck "seinen Brief vom August 1933" in Abstimmung mit dem Präsidium der WTG schrieb.

Im "Jahrbuch 1974" wirst du die Protestnote der USA-Regierung vergeblich suchen, sie fehlt ganz einfach, sie wurde nicht in "Erwägung gezogen" u n t e r d e s s e n. Wenn doch, dann würde ja allen Brüdern klar werden, daß die diplomatische Intervention der USA-Regierung ein Ersuchen des WTG-Präsidiums notwendig zur Voraussetzung hatte. Wäre diese Protestnote sachlich im "Jahrbuch 1974" gewürdigt worden, dann würden letztlich alle Brüder verstehen, w a r u m Br. M. C. Harbeck " s e i n e n B r i e f " an die Versammlungen in Deutschland schreiben mußte, denn er führte getreulich eine Weisung seines Präsidenten aus, Dieser Brief entstand als eine kooperative Handlung Rutherford-Harbeck Das ist die Wahrheit. Deshalb muß die WTG den "Briefmakel" von Br. Harbeck nehmen.

Für Präsident Rutherford war Diplomatie kein Buch mit sieben Siegeln, wohl aber für die große Schar der Zeugen Jehovas in Deutschland. Wohlgemerkt, es war ein ganz legitimes Recht der WTG, einer amerikanischen Gesellschaft, sich des Beistandes ihrer Regierung zu versichern, um Leben, Rechte und Eigentum ihrer Mitglieder im Ausland (Nazideutschland) zu schützen. Daran ist gar kein Anstoß zu nehmen. Es war ja auch ein Akt brüderlicher Liebe. Aber um diesen Aspekt geht es der WTG ja überhaupt nicht. Für die WTG hier in "Deutschlandbericht 1974" geht es nur darum, um jeden Preis zu verschweigen, daß sie schon immer, in jeder Situation, wie so landläufig gesagt wird, mit "gezinkten Karten" die ihr anvertrauten Menschen begaukelt hat. Br. Harbeck ist dafür auch nur ein Beweis mehr aber Christus wird Rechenschaft fordern.

Die WTG hat jegliches Empfinden dafür verloren, was sie gerade noch tun darf und was nicht mehr. Mit leichter Hand läßt sie deshalb im Jahrbuch 1974 schreiben: " U n t e r d e s s e n veröffentlichte die Gesellschaft im "Wachtturm" einen Artikel unter der Überschrift 'Fürchtet euch nichts"'. (Vom 1. Dezember 1933!) Wann schrieb Bruder Harbeck "s e i n e n B r i e f "? Das war im August des Jahres 1933. Die amerikanische Protestnote wurde am 20. 9. 1933 in Berlin der Naziregierung überreicht. Der WT-Artikel "Fürchtet euch nicht!" erschien am 1. 12. 1933, wohlwissend inzwischen, daß die Protestnote der USA-Regierung den Brüdern in Nazideutschland keine Hilfe gebracht hatte.

Also, zwei Monate wurde erst die politische Landschaft in Nazideutschland beobachtet, seit dem 20. 9. 1933, die Wirkung der Protestnote abgewartet, dann kam "Fürchtet euch nicht!". Als die diplomatische Aktion wirkungslos verpufft, an den Nazis abgeprallt war, dann - danach erst wurde die Organisation auf "Fürchtet euch nicht!", auf Weitermachen im Untergrund eingestellt. Wer diese Chronologie der Geschehnisse damals in Deutschland nicht kennt oder nicht alles genau nachprüft, kann gar nicht ermessen, wie übel Br. Harbeck mitgespielt, wie zynisch er verraten und geopfert wurde, so geschehen anno 1974.

Und folgende Logik aus dieser Chronologie der Geschehnisse sollten wir im Sinn behalten:
Das Präsidium der WTG sah sich natürlich außerstande, der diplomatischen Aktion der USA-Regierung in den Rücken zu fallen. Das wäre unzweifelhaft dann geschehen, wenn der WT-Artikel "Fürchtet euch nicht!", gleichzeitig, durch Aufrufe zum "Weitermachen im Untergrund", jene diplomatische Aktion unterlaufen und den Nazis damit "belastende Beweise" direkt in die Hände gespielt hätte.

Wie hätte dann die USA-Regierung dagestanden, und wie erst das Präsidium der WTG. Ein solcher "Diplomat" war denn Präsident Rutherford doch nicht, daß er von vornherein seine eigenen Absichten, der Organisation in Deutschland zu helfen, durch sinnlose, absolut dumme Entscheidungen und Aktionen vernichtet hätte. Schließlich war er ein Rechtsanwalt und Präsident der WTG. In dieser Eigenschaft war er verpflichtet, sich an diplomatisch-politische Spielregeln zu halten, nachdem er sich einmal entschlossen hatte, eine Protestaktion der USA-Regierung in Nazideutschland sachlich zu unterstützen.

Den Brüdern in Deutschland sollen die Erwägungen auch solcher Absichten, das Denken in diesen Kategorien verschwiegen werden. Deshalb wurde Br. Harbeck zum Kompromißler gestempelt und schnöde verraten.
Dieser Bericht wird fortgesetzt in CV Nr. 60.
W. D.

DER WACHTTURM - ab 1. APRIL 1974 in VERÄNDERTER AUFMACHUNG
Weitere Veränderungen der WT-Lehren
Mit der deutschen Ausgabe vom 1. April 1974, Nr. 7, bietet der WT einen veränderten äußeren Anblick. Neben den bisherigen Lehrveränderungen ist dies die erste drastische optische Veränderung im Hinblick auf die notwendigen generellen Änderungen, die mit dem Fehlschlag von 1975 fällig werden. Was verändert sich in der WT-Aussage durch das neue WT-Titelbild? Wie wir sehen werden, ist anzunehmen, daß auch dies nicht ein baldiges Ende, sondern die WTG-Absicht noch jahrzehntelanger Weiterarbeit sichtbar macht.

Aus dem Titelbild wurde vor allem das Panorama des paradiesischen Berges Gottes mit den Quellen der Wasser des Lebens entfernt. Das Titelbild macht keine diesbezüglich verbindliche Aussage mehr. Warum wurde diese Veränderung vorgenommen? Soll das zum Ausdruck bringen, über kurz oder lang überhaupt keine endzeitliche paradiesische Naherwartung mehr verkündigen zu wollen? Soll 1975 wirklich der letzte Termin gewesen sein? Aber kann man überhaupt mit den Terminsetzungen Schluß machen, wenn man einmal damit angefangen hat?

Wie wenig die WTG in allen diesen Dingen einen christlichen Standpunkt des Dienens gegenüber allen Brüdern und Schwestern einnimmt, ist daraus ersichtlich, daß sie es überhaupt nicht für nötig hält, diese jetzige äußere Veränderung des WT auch nur mit einer einzigen Zeile zu erklären. Kein Zeuge ist in der Lage, diese Veränderung jetzt im letzten Jahr vor 1975 einem Interessierten etwa zu erläutern Er müßte sich selbst etwas zusammenreimen. Es wäre das Mindeste, was die bisherigen verantwortlichen Redakteure Günter Künz, Wiesbaden, und Franz Zürcher, Thun/ Schweiz, mußten, daß sie den Lesern in der erstmals veränderten Ausgabe ein Wort zur Erklärung sagen, wenn sie überhaupt etwas zu sagen haben. Aber nicht einmal diese Pflicht und Verantwortung vor den Brüdern, denen sie dienen sollen, empfinden sie.

Auch Jesaja 43:2 mit dem Namen "Jehovas Zeugen" wurde von der Titelseite entfernt. Warum? Auch hierfür wird jede Erklärung der Hintergründe unterlassen. Alles ein Jahr vor 1975. Auch das ist nicht nur für ein Jahr.

"Jehovas Zeugen" ist eine alttestamentliche Formulierung, die überhaupt nicht als Name für eine heutige Gemeinschaft gemeint war. WTG-Präsident Rutherford hat erst 1931 daraus eine Namensgebung gemacht. Unchristlich war das auch insofern, als Christus selbst seine Nachfolger niemals als "Zeugen Jehovas" betitelt aussandte. Er sagte eher:
"… und werdet Z e u g e n für m i c h sein (Apg. 1:8), ohne auch das jedoch zu einem Titel oder offiziellen Namen zu erheben.

Der WTG ist offensichtlich seit einiger Zeit klar geworden, daß sie die Versammlungen seit 1931 mit dem Namen "Jehovas Zeugen" wohl doch nicht richtig bezeichnet hat. Sie schiebt in der Literatur nämlich immer mehr und öfter die Bezeichnung "Jehovas christliche Zeugen" oder "die christlichen Zeugen Jehovas" in den Blickpunkt. Die Entfernung des offiziellen Namens "Zeugen Jehovas" (mit Bibeltext) jetzt von der WT-Titelseite ist der zweite Schritt darin, auch den Namen des ganzen Werkes systematisch in die 1975 Veränderungen einzubeziehen.

Das jetzt veränderte WT-Titelbild wurde 1950/51 eingeführt, war also auf lange Sicht gemacht, für ein Vierteljahrhundert, bis 1974/75. Das jetzige neue Titelbild ist deshalb auch nicht nur für kurze Zeit gemacht, sondern ähnlich, auf lange Sicht. Für ein Jahr nur wäre das nicht nötig gewesen, sondern eher hinderlich durch die Fragen und Zweifel, die so etwas unter prüfenden Christen auslöst. Es geht also um eine weitere lange Zeitperiode, auf die sich die WTG einrichtet.

Desgleichen mit dem alttestamentlichen Namen "Jehovas Zeugen". 40 Jahre lang galt er in dieser Form unangetastet. Wenn jetzt begonnen wird, auch an diesem Namen herumzubasteln, dann geschieht das ebenfalls nicht nur für das letzte Jahr vor 1975. Dann geht es auch hier um weitere Jahrzehnte. Bemerkenswert ist auch eine ganz bestimmte Veränderung in der neuen WT-Zweckerklärung, die nun nicht mehr so genannt wird.

Die faktische Unfehlbarkeitserklärung des WT als Zeitschrift, die sich auf "Vorhersagen" stütze, die sich "bis heute als untrüglich und unfehlbar erwiesen" hätten, ist gestrichen! Dies war einer der Gründe für "Rebellion"!

Will die WTG Kritik nun nicht mehr unterdrücken? Sollen die Versammlungen nun nicht mehr wie Kindergärten bevormundet und bis in den letzten privaten Winkel hinein gegängelt werden? Werden die Ältesten diese Streichung als Anzeichen dafür erkennen, nun endlich als mündige Christen und Diener Gottes zu handeln? Laßt uns das hoffen.
F. F.

Die gegenwärtige WTG-Führung will alle weiter in antikommunistischer
Untergrundtätigkeit halten - was nun?
Erste politische Fakten 1974
Ein Überblick über die WTG-Zeitschriften der ersten Monate 1974 zeigt, daß die gegenwärtige WTG-Führung die Politik der antikommunistischen, antisozialistischen, antidemokratischen und antimarxistischen Entstellungen und Verleumdungen in der Verkündigung fortsetzt. Auch was hier in der Vergangenheit betrieben wurde, soll weiter gelten. Diese politischen Gegnerschaften und Feindschaften erweisen die laufenden Beteuerungen "politischer Neutralität" als "Kriegslist", Doppelspiel und Täuschung. Die gegenwärtige WTG-Führungsgruppe will offenbar nicht, daß sich Jehovas Zeugen von der antikommunistischen Verleumdungstätigkeit und Staatsfeindschaft freimachen, zu der sie "im Namen Jehovas" - also unter religiösem Gewissenszwang - durch die WTG seit den fünfziger Jahren gebracht wurden, als die WTG in die allgemeine imperialistische psychologische Kriegführung auch auf religiösem Gebiet gegen Sozialismus und Kommunismus einbezogen wurde.

Sehen wir die ersten weiteren typischen politischen Äußerungen der WTG 1974.
In "Erwachet" vom 22. 1. 74, S. 30f, wird die Schürung antikommunistischer Feindschaft, wie sie u. a. 1955 mit der falschen politischen Alternative "Christentum oder Kommunismus" betrieben wurde (Erw. 8. 6. 55), mit einer neuen Variante fortgesetzt.

Den Weltkirchenrat angreifend, weil er Befreiungsbewegungen in Afrika unterstützte, kolportiert die WTG jetzt die antikommunistische Feindschaft schürende Frage, ob die Kirchen "wirklich von Christus zu Marx wollen". Die Verkündiger werden damit wieder ideologisch vergewaltigt, weil sie völlig überfordert sind, diese Zusammenhänge zu verstehen, geschweige denn, solche WTG-Politik zu verantworten.

Im WT vom 1. 3. 74 wird unter dem Titel "Warum ist die Religion um Frieden mit dem Kommunismus bemüht?" weiter schärfster antikommunistischer Glaubenshaß gegen alle verbreitet, die "mit Gotteshassern ins Bett' gehen" (S. 132), in völliger Mißachtung der schriftgemäßen Forderung, "mit den Nichtchristen ehrbar zu wandeln". (1. Thess. 4:12 Me) Das ist die Fortsetzung des WTG-Krieges zur Durchkreuzung der sozialistischen Bündnispolitik mit allen Christen.

Im WT vom 1. 4. 74 wird der Jahresbericht 1973 veröffentlicht Einige Bemerkungen darin sind wieder dem WTG-Werk "hinter dem Eisernen Vorhang" gewidmet, das um 5,5 Prozent zugenommen habe, und nun 150 448 umfasse. Hier wird der in den fünfziger Jahren von der WTG übernommene imperialistische antikommunistische "Eiserne Vorhang"-Jargon weiter den Verkündigern aufgezwungen. Es hat nie einen solchen "Eisernen Vorhang" gegeben, immer ging es hin und her, raus und rein, heute mehr denn je zuvor. Doch die WTG entstellt und verleumdet mit solchen politischen Schlagworten unchristlicher Schmähungen skrupellos weiter. Lies dazu Titus 3:1,2. Der vom Ostbüro der WTG in Wiesbaden herausgegebene Untergrund-Königreichsdienst (III/74) greift diese Schmähungen weiter auf, übersetzt mit "Nordkönig", damit die ganze antikommunistische Nordkönig-Hetze der fünfziger Jahre fortfahrend, die als dritte Daniel-Auslegung längst laut 5. Mose 18:20-22 als haltlos erwiesen ist.

Antikommunistische WTG-"Sicherheitsvorkehrungen"
Mit den jüngsten Anweisungen des Ostbüros (III/74), bei dieser Art Verkündigung "natürlich die Sicherheitsvorkehrungen nicht außer acht zu lassen", wird der religiöse Gewissenszwang fortgesetzt, im Widerspruch zu 2. Kor. 4:2 NW, weiter gegen Gesetz und sozialistische Ordnung, gegen Staat und Regierung vorzugehen, angebliche politische Neutralität vorgebend. Neue sollen so gewonnen werden: Außerhalb der Wohnung, in Autos, in Geschäften Parkanlagen, an Fahrkartenschaltern der U-Bahn, bei einem Taxifahrer in Restaurants, ja selbst nachts um 3.30 Uhr oder auch zwischen 2 und 4 Uhr morgens (IV/74). Auch soll man sich bei Bekannten nach weiteren Personen geschickt erkundigen, auch Personen mit mangelhafter Schulbildung, die nicht gut lesen können. Kinder, die sich freuen, wenn man mit ihnen spricht. Alte, gebrechliche oder behinderte Menschen. Und wenn man ihnen nur vorliest, um sie durch "Studien" zu gewinnen. (V/74) Dabei jedoch nicht die "Umsicht aufgeben" und "alle erwähnten Vorsichtsmaßnahmen beibehalten" (II/74). "Unter Umständen mag es in vielen Fällen sogar von Vorteil sein, ein Zeitlang nur die Bibel zu benutzen" (III/74), d. h. die antikommunistisch durchsetzte WTG-Literatur zunächst zurückzuhalten, bis man "sicher" sein kann. Erst dann sollen die "gedruckten Predigten" benutzt werden, wie diese Literatur "listig" bezeichnet wird.

Eine ausgedehnte Misere
Die Einrichtung von "Studien" ihrer Schriften betrachtet die WTG als das "wirkungsvollste Mittel" (II/74). Es gibt allerdings zuviele "unproduktive Studien", die zu beenden seien. Aber dann haben viele nichts mehr zu berichten. So werden diese "Studien" dennoch fortgesetzt, um überhaupt etwas im Monatsbericht zu haben. Es wird mit Personen "studiert", die gar nicht mehr als solche gezählt werden dürfen. Auch verdrängen "Freizeit, Reisen und Hobbys" immer mehr die "Dringlichkeit" aus dem Sinn, für die WTG zu arbeiten.

Der Ältestenwechsel erweist sich zunehmend als ungeeignet und schädlich. Kaum eingearbeitet, kommen schon andere an die Reihe. Ein Kräfte-, Zeit- und Nervenverschleiß, unter den "Kriegslist"-Bedingungen völlig absurd. So muß das Problem der "reibungslosen Übertragung der Aufsicht" immer öfter angesprochen werden (V/74). Immer mehr unterlassen das Wechseln, um die Betreffenden "in dieser Aufgabe zu belassen" (V/74). Die inneren Widersprüche werden hier auch insofern größer, als das Wechseln sich auf diese Weise als eine Fehlmaßnahme, als Fehlschlag erweist, wodurch alle "Sicherheitsvorkehrungen" selbst illusorisch werden.

So stößt das "Ostbüro in Wiesbaden" tatsächlich auf zunehmenden Widerstand. Älteste und Aufseher seien "auf den falschen Gedanken verfallen", die "Anregungen" des Ostbüros "von vornherein als unbrauchbar zu betrachten". Sie würden "gleich von (sich) aus sagen, es geht nicht" (II/74) So wächst der Geist christlicher Mündigkeit. 1. Kor. 14:20, 13:11. Möge doch W. C. Pohl vom WTG-Ostbüro in Wiesbaden selbst einmal versuchen, hier in U-Bahnschaltern, bei Taxifahrern oder gar des Nachts "Studien" einzurichten Unbrauchbar ist eine viel zu bescheidene Bezeichnung für solche "Anregungen".

Aber die WTG redet nicht nur so über die Köpfe hinweg und an der Wirklichkeit vorbei. Sie klagt, daß auch "die Überwindung der ablehnenden Haltung, der Gegnerschaft gegen alles Religiöse schwieriger geworden" sei. (II/74). Was unsere Verhältnisse hier betrifft, so könnte ihr für ihren Teil so geraten werden: Soll sie aufhören, die Situation in moralischer und sozialer Hinsicht hier den Menschen durch die Brille der sozialen Misere der kapitalistischen Welt, speziell der USA, predigen und "erklären" zu wollen. Soll sie aufhören, im Namen Gottes gegen das schöpfungsbedingte Menschenrecht auf Schaffung und Erhaltung menschenwürdiger Lebensverhältnisse zu predigen. Soll sie aufhören, alle diese sozialpolitische Verantwortung an Christus im Himmel zu verweisen, während Millionen Menschen auf Erden hungern, ausgebeutet werden und verelenden.

Dieweil auch 1975 nicht stimmt, jawohl, deshalb auch!
Diese politischen, moralischen und religiösen Absurditäten sind es, die es für die Verkündigung immer "schwieriger" machen. Jeder normale Mensch muß das doch bemerken, wenn er alles prüft. Wenn das so weitergeht, wird die WTG niemandem mehr etwas zu sagen haben, außer sich selbst. Der ständig größer werdende Druck des WTG-Ostbüros, mehr "Neuarbeit" zu leisten, bestätigt nur, wie sich alles auf diese Weise zunehmend "unproduktiv" im Kreise dreht und in Selbstmissionierung erschöpft. Auch die Lichtbildervorträge wie z. B. "Versammelt euch - und das um so mehr, als das Ende näher rückt" (Dias), sind mit ihrer Selbstdarstellung und Selbstbetrachtung ein zunehmendes Drehen im eigenen Kreise. Wirklich, was für eine Misere.

Was müßte mit 1975 alles beachtet werden?
Die WTG malt einen Teufel an die Wand, der überhaupt nicht existiert, wenn sie immer wieder einen "drohenden Angriff" von irgend jemandem "zur Vernichtung der Zeugen Jehova" beschwört. Das ist nichts anderes als ein künstliches Mittel, erfunden, um die Herde eingeschüchtert und willig beisammenzuhalten, wohin es auch gehen mag. Es wird keine solche Vernichtung geben, weder durch die Vereinten Nationen noch durch den "Kommunismus", die alles andere im Sinn haben angesichts der weltweiten sozialen Aufgaben, als die WTG mit ihren Fehlschlägen ernst zu nehmen, um den Zeugen Jehovas deswegen eine "Märtyrerkrone" aufzusetzen. Die WTG wird vielmehr an ihren eigenen Sinnlosigkeiten, Absurditäten, Widersprüchen, Fehlschlägen und Mißachtungen der schöpfungsbedingten sozialen Lebensbedürfnisse der Mitmenschen, Christen wie Nichtchristen scheitern, wenn sie sich nicht bald entsprechend ändert. 1975 wäre in diesem Fall der Anfang vom endgültigen Ende.

Man kann hier nicht die Menschen durch die Brille der amerikanischen sozialen Misere belehren, wenn man nicht über die Köpfe hinwegreden will. Die kapitalistischen und sozialistischen Verhältnisse lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Das muß besonders für das Weltverständnis noch 1975 begriffen und erkannt werden.

Die aus dem inneren Konkurrenzkampf und Profitstreben entspringenden Widersprüche, Pluralismen, Machtkonstellationen, Krisen und Elendserscheinungen der kapitalistischen Welt lassen eine menschenwürdige soziale Perspektive nicht zu, sie ist unter solchen Bedingungen nicht einmal denkbar. Das ist ein Hauptgrund, warum die WTG unter denen, die deswegen "seufzen und jammern", immer wieder "fischen und jagen" kann. Es gibt immer wieder neue Opfer dieser Verhältnisse. Die WTG wird da auch immer wieder den Versuchungen der Torheit des Antikommunismus ausgesetzt sein, weil man immer wieder versuchen wird, auch die WTG weiter zur Niederhaltung oder Verhinderung revolutionärer Entwicklungen in ihrem Einflußbereich geistig zu mißbrauchen. Trotzdem wird sich die Endzeitunglaubwürdigkeit der WTG nicht mehr ganz vertuschen lassen, so daß es auch dort ohne Lehren aus 1975 nicht weitergehen kann. Ganz anders liegen die Dinge in den sozialistischen Ländern Die ökonomischen Grundlagen machen es möglich, eine Perspektive menschenwürdiger sozialer Verhältnisse zu eröffnen, die soziale Not und soziales Elend versiegen läßt. So verschwanden z. B. die Elendsviertel der Großstädte und vieles andere mehr aus dem kapitalistischen Erbe. Die soziale Sicherheit wird auch den letzten bewußt, und verändert ihr Denken. In der DDR soll z. B. bis 1990 das Wohnungsproblem als soziales Hauptproblem gelöst werden. Man wird verstehen, daß man dabei nicht auf die WTG hören kann, wie ihr 1975-Fehlschlag erneut beweist. Was nun die Christen betrifft, Jehovas Zeugen inbegriffen, so wurde auf der Weltkonferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien 1969 in Moskau die Generallinie dokumentiert, mit allen im Interesse des Friedens und sozialer Gerechtigkeit zusammenzuarbeiten, egal welcher Konfession. Von Vernichtung keine Rede. Die Perspektive für Jehovas Zeugen noch 1975 kann darum nur sein, daß sie diese unaufgebbare soziale Aufgabenstellung begreifen, sich als Christen stellen, sie als schöpfungsbedingt, als mit den sozialen Bedürfnissen des Menschen gottgegeben, voll anerkennen und sich entsprechend verhalten, was die "irdischen" Fragen betrifft.

Vor den verantwortlichen Brüdern mit Bezug auf die DDR und die anderen sozialistischen Länder liegt damit eine großartige und wunderbare Aufgabe. Mit der sozialen Weiterentwicklung hier verliert die WTG auch den Rest jener für sie notwendigen Verelendeten, Verzweifelten und Hoffnungslosen, die in der Übergangszeit und Konsolidierung dieser Länder angesichts der kapitalistischen Vergangenheit durchaus noch zu finden sind bzw. waren. Die WTG selbst dagegen mit ihrem Zentrum in Brooklyn, USA, bleibt in erster Linie den kapitalistischen sozialen Elendsbedingungen verhaftet, von ihnen lebend, was die Anhängerschaft betrifft, was man hier nicht mehr zugrunde legen kann. Verfehlen die verantwortlichen Brüder hier - der 1975-Fehlschlag ist der gegebene Anlaß - sich entsprechend der gezeigten Unterschiede um- und neuzuorientieren, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie in ihrer "Unproduktivität' völlig erstarrt und festgefahren sind, um gefährlich kopfüber aus den Wolken vergangener Zeiten und Verhältnisse in die Realitäten zu stürzen.

Wer wird es sein, der mit der Leitenden Körperschaft der WTG versucht, liebevoll aber standhaft und unerbittlich in brüderlichen Dialog zu treten, ihr die Lage hier klar zu machen, und angesichts des 1975-Fehlschlages die Dinge energisch in die Hand zu nehmen, die erforderlich sind? Es sollte zu einem brüderlichen Einvernehmen kommen, denn die Verhältnisse sind verschieden, um die man letztlich jedoch nicht herum kommt. Wer wird den entschlossenen Brüdern helfen und in diesem Glaubenskampf treu zur Seite stehen? K. 0.

WAS WIRD, WENN 1975 NICHTS WIRD?
EIN BRIEF AN CV
Liebe Brüder!
Es ist eigentlich nicht leicht für mich, wenn ich mich heute an Euch wende und diesen Brief als eine Erlebnisdarstellung verfasse. Ich möchte eingangs vermerken, daß in diesem Brief alles den Verlauf der Ereignisse widerspiegelt und nichts erfunden ist.

Mein Mann war Versammlungsdiener. Bis zu seinem Tode vor einem halben Jahr hat er sich für die Organisation geschunden Er war sehr krank, und besonders in den letzten beiden Jahren hat er Raubbau mit seiner Gesundheit geführt Er kannte einfach keine Ruhe. Wenn er doch einmal zu Hause war und sich entspannen wollte, dann mußten wir damit rechnen, daß es an der Tür klingelte und Brüder meinen Mann besuchten. Nichts gegen Besuche, vor allem nicht von Brüdern. Aber wenn man dann hörte, Du mußt kommen, Du mußt das machen, Du mußt die Literatur holen usw., dann wurde mir das zuviel. Mein Mann hat nie abgelehnt, er ging dann immer mit.

Was war nun, wenn er zu Hause war? Meine Tochter ist sehr sportlich, vielseitig interessiert und gewiß auch hübsch, dazu sehr häuslich und vertrauensvoll gegenüber den Eltern Ich weiß, daß sie mein Vertrauen jedoch mehr suchte als das ihres Vaters. Ich möchte versuchen, Euch das zu erklären Mein Mann war - bitte versteht das ganz unvoreingenommen - nicht mit beiden Beinen im Leben. Er war fanatisch. Sein ganzes Streben galt dieser Organisation, dann kam - wie man so sagt - lange, lange nichts. Mehrfach war es so, daß meine Tochter von ihm förmlich zu Hause aufgelauert wurde, als sie vom Training bei einer hiesigen Sportgruppe der Leichtathleten zurückkehrte. Schlage waren sein Empfang für sie.

Anstatt mit väterlicher Liebe zu versuchen, die Tochter zu überzeugen. Nein, er schlug einfach zu, das ist ja auch viel einfacher und erspart das Nachdenken. Dazu kommt, daß er damit die Gewohnheiten anderer Aufseher kopierte und glaubte, auch auf diesem Gebiet ein nachahmenswertes Verhalten zu zeigen. Wer nicht will, wie die Gesellschaft es diktiert, muß eben die Rute spüren.

Wie sah es in der Schule aus? Hier hatte sich mein Mann in ein Labyrinth von Ansichten verstrickt. Einerseits, wenn die Tochter zu Hause gewissenhaft und sorgfältig die Hausaufgaben erledigte, dann sagte er: Mach nicht soviel Zeug um dieses weltliche Geschwätz, leg das Geschreibe in die Ecke, hier hast du einen Wachtturm, und hier ist die Bibel. Kam sie der Aufforderung des Vaters noch, so war für den betreffenden Tag alles bestens. Aber wehe, wenn der Lehrer dann die fehlenden Hausaufgaben mit einer 5 belegte, dann gab es vom Vater wieder Schläge. Versetzt Euch mal in die Lage der Tochter! Sie wußte manchmal nicht aus noch ein. Hier kann nur mit mütterlicher Liebe geholfen werden. Wie ist es mir ergangen?

Ohne nun Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, möchte ich einige Beispiele, von denen ich glaube, daß sie bezeichnend sind, besonders nennen: Vor ca. vier Jahren hatte ich mir bei einen recht unglücklichen Sturz den Fuß gebrochen. Es war ein komplizierter Bruch und zudem schmerzhaft. Ich konnte nicht auftreten und jede Gehbewegung fiel mir sehr schwer. In dieser Zeit konnte ich für den Haushalt sehr wenig tun. Was meine Tochter irgendwie bewältigen konnte, hat sie getan. Mein Mann hat keinen Finger gerührt Er hätte ja auch nur und ausschließlich die Organisation im Kopf. Aber wehe er kam nach Hause und das Essen war nicht fertig. Dann mußten wir uns Schimpfworte bieten lassen, die ich hier nicht erwähne, weil sie CV ja doch nicht abdrucken kann.

Mir hat das sehr weh getan. Gewiß, es ist mitunter für einen hungrig nach Hause kommenden Mann eine - nun sagen wir einmal kleine - Enttäuschung, wenn eben das Essen nicht auf dem Tisch steht. Aber sollte man sich da so gehen lassen? Hinzu kommt, daß er selbst eben zu Hause nichts, aber auch gar nichts tat.

Gerade als ich mir das Bein gebrochen hatte, stellte ich fest, daß alle anderen - ob Interessierte oder Geschwister - vorrangig waren. Sie lernten ihn von einer wesentlich besseren Seite kennen. Für andere hat er sich abgerackert, für die Familie blieb keine Zeit. Das Ärgerliche, das noch hinzukommt, ist, daß die anderen Zeugen sich heimlich darüber amüsiert haben, daß sie untereinander boshaft geschwatzt und dazu noch reichlich gemeine Bemerkungen gemacht haben Die Weltmenschen meiner Arbeitsstelle haben mich besucht und mir geholfen, ja, die taten das!

Eine ältere Schwester war einmal zu einem Kongreß in Hamburg Das muß so 1968 gewesen sein. Als sie wiederkehrte, erzählte sie meinem Mann, daß dort der Bruder Franke gesagt hatte: 1975 kommt Harmagedon, da ist alles vorbei! Mein Mann strahlte! Daß es eine Freude war, ihn zu sehen! Er ging förmlich in seinem Studium auf. Er erzählte uns von der neuen Welt, von den Vorrechten der Zeugen Jehovas, durchaus im Königreich leben zu können. Doch plötzlich erschien im Wachtturm, so wie er hoffte, nicht das Jahr 1975 als solche Zahl, wie sie von Bruder Franke deklariert war. Er aber stürzte sich weiter auf das Jahr. Sein Streben galt nur noch 1975.

Jeder Zeuge Jehovas hier ist aber genauso. Für sie kann dieses Jahr nicht schnell genug näher kommen: 1975 - ja auch wir hängen an diesen vier Zahlen.

Aber was wird, wenn 1975 ein 1925 wird? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ja, es ist so, daß 1975 eine große Wegkreuzung im Leben der Zeugen Jehovas wird. Auch wenn man im Buch der Gesellschaft "Organisation zum Predigen des Königreiches und zum Jüngermachen" immer wieder schreibt: Ausharren, ausharren, ausharren. Ist das nicht der deutliche Fingerzeig auf das Haltlose der WT-Versprechung, durch den Mund von Bruder Franke? Wißt Ihr, ich glaube, die große Drangsal wird wohl erst später einsetzen, weil es wohl noch nicht genügend Menschen geben wird, denen die gute Botschaft des Königreiches gepredigt wurde. Mir scheint, daß wird ein Grund der WTG sein, mit dem sie die Massen zu halten versucht.

Abschließend möchte ich Euch auch im Namen meiner Tochter herzliche Grüße übermitteln. Gegen eine Veröffentlichung haben wir nichts einzuwenden, aber bitte ohne Angabe meines vollen Namens.
In christlicher Verbundenheit
Familie Z.
P. S.: Anbei noch einige Adressen für CV.

GEDANKEN
nach 1. Mose 1:28, Hohelied 8:6, Römer 2:15, 1. Thess. 4:12, 2. Thess. 3:10
ZUM INHALT DIESER AUSGABE
Mit dem, was hier lyrisch empfunden wird, können wir uns durchaus als Schlußwort dieser CV-Ausgabe verabschieden. Wir sind der Meinung, daß in diesen Versen gesehen wird, worauf es ankommt, wenn sich "das Werk des Olivenbaumes tatsächlich als Fehlschlag erweist" und "kein Ertrag an den Weinstöcken sein mag", wofür niemand Gott verantwortlich machen möge:

Sollten wir gestern und heute und morgen
nicht mit für die sozialen Bedürfnisse sorgen?
Sollte niemand es wagen,
diese Verantwortung mitzutragen?
Wie kannst du mit dem WT nur so etwas sagen?
Gehe hin durch Dorf und Stadt!
Jedermann nur Arbeit hat,
trinkt und ißt sich täglich satt, hat sein Heim, seine Ruhestatt,
weil n i c h t beachtet der WT-Lehren Winde,
alle diese Verantwortung sei Sünde,
man müsse sie meiden voll List!

Du selbst lebst, liebst, arbeitest, trinkst und ißt,
ohne zu merken, wie diese List
Verbrechen vor Gott und Menschen ist?
"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen".
Ist der WT da nicht vermessen,
auf ein Hirngespinst versessen,
die da für aller Arbeit und Brot regieren,
deswegen als vernichtungswürdig zu apostrophieren?
Und überall dazu Mißtrauen zu schüren?
Wohin muß das führen?

Soziale Verantwortung ist Gesetzmäßigkeit,
von Gott begründet vor langer Zeit,
unüberwindlich in jedem Herz
trotz Sünde und Schmerz.
Ja, stark wie der Tod
ist, was er gebot,
fruchtbar zu sein.
Flamme Gottes in jedem Gebein.
Ein unbezwingliche Leidenschaft
aus des Ewigen Lebenskraft.
Jeder Entbindungsschrei
beweist das neu,
weltweit Tausende von Jahren schon,
Generation auf Generation,
ob rot, ob gelb, ob schwarz, ob weiß.
Auf des Ewigen Geheiß.

Wie kann man da Lehren erfinden,
die 1975 sowieso wieder verschwinden,
die jeden entbinden,
seinen Teil soziale Verantwortung mitzutragen,
die, ohne zu fragen,
des Lebens Gesetze selbst erzwingt,
schöpfungsbedingt!

Dein Bruder, deine Schwester, deine Frau, deine Kinder,
alle anderen Lieben nicht minder,
auch die da anders glauben oder nicht,
aus jedem Menschen dieses Lebensgesetz spricht, das jeden Widerstand bricht!
Warum begreifst du das nicht?

Eure Brüder
CV-Leitung Gera/Thür.
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Berichtigung
In CV Nr. 57 vom März 1974 ist ein bedauerlicher Druckfehler unterlaufen. Im Artikel "Vor wesentlichen fortschreitenden Änderungen' " muß es im Abschnitt "Aufstehen und handeln" richtig heißen: " . . . urchristlich in Glaube, Hoffnung und Liebe". Wir bitten um Verzeihung. - Der Herausgeber.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------"Christliche Verantwortung": Monatsschrift der Studiengruppe Christliche Verantwortung. Herausgeber Wolfgang Daum, DDR 65 Gera, Böttchergasse 1. Preis: M 0,20. Jahresabonnement M 2,00. Versand auch kostenlos. A 1 1 92/74 V 7 1 1058
Kto.-Nr: 4562-43-8015 bei Kreis- und Stadtsparkasse Gera

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