Kommentar zu den eingescannten CV-Ausgaben
CV 31

Es verstand sich für den SED-Staat von selbst, dass ein staatlich ausgehaltenes Blatt, auch wenn es sich "Christliche Verantwortung" nannte, auch die Interessen des SED-Staates zu vertreten hat. Wie man weiß war eine seiner Achillesfersen die sogenannten "Wahlen". Zwar wähnte man 98 oder gar mehr Prozent der DDR-Bürgern vor den Wahlurnen versammelt zu haben. Aber die restlichen zwei Prozent wünschte man natürlich auch noch auszumerzen. Wie man wusste, waren ein wesentlicher Bestandteil von ihnen die Zeugen Jehovas. So ist denn diese CV-Ausgabe auch mit einem Artikel "gesegnet" in dem lang und breit versucht wurde, dieses Problem anzugehen. Mir indes erscheint nur eine ganz spezielle Passage daraus zitierenswert, und zwar die nachfolgende:

"Ein weiteres, von der WTG gebrauchtes Bibelzitat gegen jede Wahlbeteiligung ist Jesaja 41:24, wo es heißt: 'Siehe, ihr seid nichts und euer Tun ist Nichtigkeit, ein Greuel ist, wer euch erwählt'".

Die CV fragt dann: "Hat das etwa mit politischen Wahlen zu tun? Kann man sich zu recht hinter solchem Bibelvers verschanzen?" Nun sicherlich kann man diese Frage verneinen. Aber etwas anderes spricht dieser Artikel nicht mit an. Das wäre dann die subjektive Befindlichkeit jener, die dieser Artikel doch auch an die Wahlurnen locken möchte. Ein großer Kommentar dazu erübrigt sich eigentlich. Die genannte Bibelstelle gab schon selbst die Antwort darauf: "Euch zu wählen ist ein Greuel!"

Seit 1955 war der 1909 geborene Konrad Franke deutscher Zweigdiener der Zeugen Jehovas.
Am 1. 10. 1969 wurde er klammheimlich von seinem Posten abgelöst. Ein Info, etwa in der internen Zeugen Jehovas-Zeitschrift "Unser Königreichsdienst" gab es dazu nicht. Setzt man in Rechnung, dass es für WTG-Funktionäre keine reguläre Pensionierung gibt, so ist es schon verständlich, dass dieser Fall Anlass zu Spekulationen gab. Es wäre fast verwunderlich, sollten die sich nicht auch in der CV finden. Und in der Tat war dem so. Dieser CV-Ausgabe war ein zusätzliches Blatt beigelegt, dass mit der Überschrift aufmachte: "WTG-Zweigdiener Konrad Franke … wegen 1975 Dienstamts enthoben". Der Substanzkern dieses Artikels ist, bezogen auf seine Überschrift, mager. Aber aus anderen Quellen ist in der Tat belegt, dass Franke sich bezüglich der 1975-These als Hardliner erwies. Offenbar hielt man es in Brooklyn für angebracht, ihn durch einen Ami (Richard Kelsey) zu ersetzen, den man solch dezidierte öffentliche Aussagen zu 1975, wie Franke sie getätigt hatte, nicht nachweisen konnte.
 


CV Christliche Verantwortung

Informationen der Studiengruppe Christliche Verantwortung
Konto-Nr. 4564-49-20156 Bank für Handel und Gewerbe 65 Gera Straße des 7. Oktober

CV - ihr Zweck
Christliche Verantwortung leitet an zu rechtem Forschen in der Heiligen Schrift und zu verantwortungsbewußtem Verhalten als Christ und Bürger. Übereinstimmend damit befaßt sich CV mit Verkündigung und Organisation der Wachtturmgesellschaft. CV ist hier die erste Schrift verantwortungsvoller freier Diskussion für alle Versammlungen der WTG und ihrer einzelnen Glieder. Ehemalige möchten ihre Erfahrungen in CV kundtun, um zu helfen.

Nr. 31 Gera März 1970

Ein liebes, mahnendes Wort zur Wachsamkeit
Liebe Brüder und Schwestern!
Niemals sollten die Brüder und Schwestern auch nur für einen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß die Bereitschaft und Wachsamkeit in bezug auf geistige Dinge nachlassen dürfe.

Auch, wenn es von der "göttlichen Organisation" unterbreitet wird, ist absolute Nüchternheit, Besonnenheit und Wachsamkeit nötig. Leider war es schon immer so, daß sich die Brüder und Schwestern selbst mancher Segnungen beraubten, nur weil sie nicht wachsam waren und ihrer Prüfungspflicht nicht nachkamen, Sie schliefen und schwiegen, wo sie hätten wachen und reden, ja laut hätten schreien sollen. (Jes. 58:1,2) Freilich ist es bequemer, tatenlos zuzusehen, wenn Irrlehren verbreitet werden, wodurch viele geschädigt werden. Einfacher und bei weitem angenehmer ist es, stille zu sein und Verleumdungen, Lieblosigkeiten, Haß usw. aus dem Wege gehend, andere den Kampf gegen die Irrlehrer führen zu lassen. Andere können das tun - so denken viele - und schauen dem Kampfe der anderen nur zurückgezogen zu. Aber wird dem Herrn dies wohlgefällig sein? Jakobus 5:19,20 gibt Antwort auf diese Frage. Auch sollten wir nicht so viel Furcht und Ehrfurcht vor Menschen und ihren Organisationen haben. (2. Tim. 1:7) Es wäre gut, wenn alle Brüder und Schwestern deutlich und klar ihren Herrn, sich selbst, ihre Vorrechte und aber auch ihre Verantwortlichkeiten erblicken möchten. Wie tief ist erneut der Schlaf, hervorgerufen durch das dargereichte Wasser des Wachtturms - durch Irrlehren - die immer wieder geschickt unterbreitet werden. Jeder einzelne sollte die Notwendigkeit erkennen, aufzuwachen, zu sehen, zu entscheiden und ohne Zögern und zweifelnde Überlegung handeln, und durchdrungen von der Liebe zu Gott und unserem Herrn Jesus Christus. (Siehe CV Nr. 22 "Ist die Zeit des Endes gegenwärtig?", CV Nr. 25: "Warum die Wachtturm-Botschaft kein Wasser des Lebens ist.")

Wenn wir die falschen Methoden und Lehren oder angemaßte Autorität bloßstellen (WT 15. 1. 51, S. 18 u. 23), so geschieht das nicht aus eitler Oppositionslust oder der Sucht um zu verleumden, sondern aus Liebe zum Herrn und zu den Brüdern. Das Bloßstellen falscher Lehren ist unter Umständen eine unumgängliche Pflicht und wir würden uns einer Unterlassungssünde schuldig machen, wenn wir schweigen würden und ruhig zusehen würden, wie unsere Brüder und Schwestern Schaden erlitten. Natürlich hat das Bloßstellen der Irrtümer (nicht der Menschen) immer viel Schmach im Gefolge, aber das weiß jeder, der für die Wahrheit eintritt, längst im voraus. Im WT von 1910, Seite 40, schreibt Russel: "Zu sagen, was ein gewisser Bruder jetzt leugnet, was er früher glaubte, ist nicht Verleumdung, wenn es wahr ist." Paulus sprach ganz frei über falsche Lehren und erwähnte besonders die Namen derer, deren verkehrte Lehren der Sache schädlich gewesen waren und die "den Glauben vieler umgestürzt" hatten. Unser Herr Jesus kritisierte das verkehrte Betragen einiger seiner Zeitgenossen und gebrauchte Namen für einige Heuchler, weil sie nicht taten, was sie lehrten. Aber weder der Herr, noch die Apostel machten persönliche Angriffe, indem sie andere verleumdeten Von dem Glauben eines anderen sprechen und beweisen, daß er verkehrt ist, ist fern von Verleumdung. Das heißt die Wahrheit reden, die immer in Liebe gesagt werden sollte. In vielen Fällen ist es Pflicht, so zu reden. Ist es also Verleumdung, wenn Brüder und Schwestern für die Reinerhaltung der von Gott gegebenen Güter, der Wahrheit eintreten und den Wahrheitsverdrehungen und dem Wahrheitsraub entgegentreten? Wäre es Treue gegen Jehova Gott, wenn man in solchen Situationen schwiegen nur um irgendeiner menschlichen Organisation zu gefallen, und wenn es auch die WTG ist, um deren Führer nicht zu mißfallen Obgleich sie sich einbildend sagen "im Lichte große Fortschritte gemacht zu haben", steht wiederum die große Frage an jeden einzelnen, ob wir bereit sind, die Wahrheit trotz aller Schmähungen zu verteidigen oder ob wir sie "um der sonst unvermeidlichen Schmach zu entgehen" verunglimpfen lassen? (WT 1911:10/01) Dreifache Schwierigkeiten stehen hier im Wege:

1. Ein selbstsüchtiger Geist. Ein Bestreben, etwa das Beste von den Dingen, welche Gottes Wort verurteilt, für uns zu behalten.
2. Einen Geist der Menschenfurcht, der einen Fallstrick bildet (Spr. 20:25). Die Gefahr mehr auf Menschenmeinung zu achten als auf das Wort des Herrn. (Joh. 5:44)
3. Nachlässigkeit in der Wertschätzung des Wortes Gottes.

Der WT von 1916, S. 27-29 spricht: "Wir müssen geprüft werden durch den Haß, die Bosheit, das Übelreden und Übeldenken derer, welche mit uns teilhatten … am Tische des Herrn, der geistigen Speise. (Ps. 55:12-14) … Wir schreiben so eindringlich, weil wir von verschiedenen Seiten Mitteilungen von den Brüdern haben, Mißverständnisse und in vielen Fällen über die Kundgebungen eines lieblosen Geistes, eines überstrengen, unbrüderlichen Geistes. Eines Geistes, der im Widerspruch zu der goldenen Regel und den Weisungen des Herrn steht, allein zu ihm zu gehen, zu suchen den Bruder zu gewinnen und nicht ihn auszuschließen, noch zu exkommunizieren". Bereits 1916 waren diese lieblosen Zustände in der Organisation, was sich bis heute noch verschlechtert hat.

Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo alle Brüder und Schwestern frei und guten Willens sind, die Dinge so zu sehen und so zu nehmen, wie sie wirklich sind. Zur Zeit sehen es die meisten noch nicht oder wollen es nicht sehen Das Gefühl der Unsicherheit und der Unbehaglichkeit ist ziemlich allgemein. Man glaubt an die verkehrte Auffassung, daß Zugehörigkeit zu einer sichtbaren menschlichen Organisation, dem Herrn wohlgefällig und zum ewigen Leben nötig sei. Fast unbewußt wird die Gliedschaft in der Organisation als Versicherungsgesellschaft für ewiges Leben gehalten. Man entrichtet dafür regelmäßig seinen Beitrag an Zeit, Geld, Ehrfurcht usw. Nach dieser falschen Meinung handelnd, sind diese Brüder und Schwestern gerade so nervös und ängstlich, durch eine andere christliche Gemeinschaft gebunden zu werden, wenn sie sich von ihrer jetzigen lösen. Sie müßten dann ihren Versicherungsschein dieser Organisation wieder zurückgeben, was ihnen schwer fällt, denn alle Beiträge wären da umsonst gewesen. Auch muß man manche liebgewordene Gewohnheit aufgeben, Gemeinsamkeit mit Brüdern usw. Dies ist eine Behinderung, aber nicht unüberwindbar. Was bindet mich noch an die Organisation, wenn ich erkannt habe, daß sie mir nicht das Wasser darreichen kann, was ich benötige? Es gibt nach der Schrift keinen Versicherungsschein, sondern jeder wird persönlich geprüft. Nicht Zugehörigkeit zu einer Organisation kann Dich retten, sondern Deine eigene Entscheidung und Dein eigenes Verhalten. Dein persönlicher Stand vor und zu Jehova Gott wird dies bestimmen. Wenn Dir die WTG die Last des Denkens, Entscheidens und ernsten Bibelforschens abnehmen will und sich Dir als Mittler zwischen Dir und Gott empfiehlt, dann erkenne diese Erleichterung als ein Verderben. Oft haben wir schon hören müssen, wie ängstlich Brüder und Schwestern sind, wenn sie aufgefordert werden die Augen zu öffnen, um biblische Beweise zu sehen. Standen diese mit den Wachttumdarlegungen im Widerspruch, so wagte man aus Furcht nicht die Bibel zu öffnen, um sich darin belehren zu lassen. Man war und ist heute noch darauf bedacht, die Ehre des Wachtturms zu retten Man will nicht eingestehen, daß der WT sich irrt, das würde ihren Glauben beeinträchtigen, und man wäre in der "Organisation des Herrn" nicht mehr tragbar.

Was widerfährt nun jenen protestierenden Brüdern und Schwestern, die auf jenen entgegengesetzten Bahnen, aber den richtigen wandeln? Sie wurden ausgeschlossen oder sonderten sich selbst ab. (Luk. 6:22; Joh. 16:2) Es ist aber doch so, daß diese ja gar nicht mehr dorthin gehörten, wo die göttlichen und unsere eigenen Interessen schon in den Schraubzwingen einer menschlichen, dazu ehrgeizigen Organisation mit dem auf Täuschung berechneten Ehrenschild "Organisation Gottes" und "Werk des Herrn" gespannt waren Wieviele Versammlungen und einzelne Brüder haben schon protestiert und zogen sich deshalb den Bannstrahl von Brooklyn zu. Heute ist, wie es scheint, schon in jeder Versammlung etwas von den "entgegengesetzten Bahnen" zu spüren. Ja, die Bewegung tritt ganz allgemein auf der ganzen Erde in Erscheinung. Viele uns bekannte offene Briefe von Brüdern und Schwestern, ja sogar von Versammlungen an die WTG-Leitung klingen wie Notschreie ob der rücksichtslosen Geistesversklavung und der Drohung mit ewiger Vernichtung. Diese Notschreie verhallten, weil die Leitung nie einen Irrtum zugibt.

Da nun die Bibel Irrtümer schlecht stützt, muß man den Brüdern und Schwestern eine Bibel mit einer "reinen Sprache" vorsetzen, eine "Neue Welt Übersetzung". Ja, es müssen neue Irrtümer fabriziert werden, um die ersteren zu befestigen. Darum werden weitere Schriftworte auf die Folterbank gelegt, im Laboratorium der Gesellschaft solange bearbeitet, bis sie dem Zwecke gefügig sind. Manchmal aber wird, da gar kein Schriftwort vorhanden ist, das auch nur entfernt den Irrtum zu stützen geeignet scheint, die eigene Behauptung des "Kanals des Herrn" als Wahrheit ausgegeben. Es ist leider wahr, wie der WT 1925/142 sagt, daß "kein Mensch es liebt, in einer Beweisführung geschlagen zu werden." Aber die Demütigen werden sich durch biblische Beweisführungen gern schlagen lassen und ihre Behauptung dann gern aufgeben. Wenn die WTG-Leitung behauptet, daß ihre Botschaft nicht die ihrige, sondern die des Herrn sei, so steht das Wort des Herrn dem entgegen, wie jeder nachprüfen kann. Das ändert auch nicht das 100-malige Hervorheben nach 1945, daß sie "der Kanal des Herrn" seien. Anmaßung und Irrtum auf der ganzen Linie. Wie ist es denn mit den Kreis-, Bezirks- und Intereuropäischen Kongressen, die alljährlich überall in der Welt stattfinden Sind dieselben nicht, um einen achtunggebietenden, respekteinflößenden Eindruck auf die Außenwelt zu machen? Um der Öffentlichkeit groß zu erscheinen? Das ist der Zweck! Und die Wirkung bleibt nicht aus. Man liebt es von der Öffentlichkeit bewundert zu werden. Schreiben doch die Zeitungen, welche von Seite einiger leitender Brüder als des "Teufels Mundstück" bezeichnet werden, glänzende Artikel über diese Kongresse. Wahrlich die Leitung der WTG versteht es vorzüglich ihre Brüder und Schwestern zu fesseln und ihnen die Freiheit zu nehmen. Sie versteht es auch, sie zu bewegen sich nach den Richtlinien ihres "Präsidenten" zu richten. Das zeigt sich ganz besonders bei diesen großen internationalen Kongressen, wo ja auch mit Vorliebe "Resolutionen" gefaßt und dafür Abstimmungen vorgenommen werden. Es imponiert natürlich der Leitung, wenn bei der Aufforderung "a u f s t e h e n" alles wie ein Mann sich von den Plätzen erhebt. Dies alles ist auf Effekt berechnet und Geschwister, die aus Furcht vor der "Ächtung" mitaufstehen, haben damit schon sozusagen die Verpflichtung übernommen, für die WTG einzutreten. Andere wiederum werden durch die "Massensuggestion" mitgerissen und in einen Begeisterungsrausch versetzt. Diese künstliche Begeisterung wird dann nach Rückkehr auf die Versammlungen übertragen. Dies alles ist der Hauptzweck dieser Kongresse. Ja, nach menschlicher, weltlicher Art ist diese "Gottesorganisation" ganz hervorragend.

Liebe Brüder und Schwestern, vieles gibt es zu beachten um nicht in Irrtum zu verfallen. Wer auch immer mit der Wahrheit in Berührung kommt und sie als solche erkennt, dem wird damit eine Verantwortung ihr gegenüber auferlegt Man muß dieselbe annehmen und danach handeln oder man muß sie verwerfen. Sie unbeachtet zu lassen befreit nicht von der Verantwortlichkeit. Es ist dringend erforderlich, wachsam zu sein und alles was uns dargelegt wird zu überprüfen, bevor wir es als wahr annehmen.

Nur die Wahrheit wird frei machen. (Joh. 8:32) Es geht nicht darum, anderen wehe zu tun oder selbst Recht zu haben, sondern es geht allein darum, daß wir alle Gottes Worte recht kennen und verstehen lernen. Deshalb müssen wir wachsam und nüchtern sein, alles prüfen und das Gute behalten. (l. Thessl. 5:6,21). "Deshalb ermuntert einander und erbauet einer den anderen" (l. Thessl. 5:11)
Mit christlichen Grüßen
Bruder Willy Müller
65 Gera, Lutherstraße Nr. 16 und Mitverbundene

Die Vorgänge im Bethel in Wiesbaden!
Aus den bei "CV" eingegangenen Mitteilungen über die Vorgänge in Wiesbaden bringt "CV" auf Seite … (in dieser Texteinscannung am Textende angeordnet) einen ersten ausführlichen Bericht.
Auf diesem Wege sei allen für ihre Mitteilungen gedankt

Erwartungsvolles Hoffen - in bezug auf 1975 - ist dies biblisch begründet?
(4. Fortsetzung)
Liebe Brüder!
Eurer Aufforderung, die Lehre der Wachtturm-Gesellschaft über 1975 zu prüfen, möchte ich nicht mehr grundsätzlich widerstehen, zumal "Erwachet" auch dazu auffordert. Ich sehe ein, daß ich als Zeuge Jehovas nicht von anderen die Bereitschaft zur kritischen Prüfung verlangen kann, wenn ich nicht auch selbst dazu bereit bin. Die von Euch zitierten Wachtturm-Stellen und Bibelworte behalten natürlich auch für uns als Zeugen Jehovas die volle Gültigkeit. Aber an dieser Stelle stehe ich vor einer mir fast unüberwindbar erscheinenden Schwierigkeit: Wie soll ich als schlichtes Glied der theokratischen Organisation auch nur annähernd in der Lage sein, die Prophezeiung der Gesellschaft für 1975 auf ihre Stichhaltigkeit nachzuprüfen? Man vertraut ihr einfach, weil man sich sagt, daß sie der "kollektive Prophet" ist und sie es daher wissen muß. Gibt es denn überhaupt einen Maßstab, mit dessen Hilfe ein "Prophet" und seine Prognosen daraufhin überprüft worden können, ob sie von Gott sind? Ich bin gespannt, wie Ihr darüber denkt. Was den Hinweis auf Seite 2 von "Erwachet" betrifft, so habe ich mich davon überzeugt, daß es dort wirklich heißt: "Sie ist politisch ungebunden". Ihr habt recht, die meisten Zeugen Jehovas und auch ich, verwerfen alle die politischen Angriffe im besonderen die auf die sozialistischen Staaten gerichtet sind. Dies ist eines Christen unwürdig. Kurz gesagt, da diese Artikel den Glauben nicht fördern, lesen wir diese gar nicht, zumal sie nur Unzufriedenheit erregen. In unserer Gruppe ist dies schon öfter kritisiert worden, leider ohne Erfolg. Man will dies wohl von oben herunter so, da ist eben nichts zu machen. Ob da etwas dahinter steckt, vermag ich nicht zu sagen. Einige sagen, es bestanden da irgendwelche Abmachungen, aber was genaues weiß man nicht. Weshalb man alle anderen Christengemeinschaften als teuflisch bezeichnet, kommt wohl daher, daß sie im Laufe ihrer Entwicklung manche Fehler gemacht haben, die sich mit der Bibel nicht vereinbaren lassen. Jedoch, daß diese Glieder nun alle umkommen müßten, halte ich für absurd, denn auch bei den Zeugen Jehovas sind Fehler gemacht worden und werden noch gemacht.

Daß es auch einige bei uns gibt, die Zweifel daran haben, daß mit 1975 das Weltende da ist, ist kein Geheimnis, jedoch man überhört es gern. Der Hinweis auf CV Nr. 22 mit dem Artikel "Ist die Zeit des Endes gegenwärtig" ist gut und ich finde den Artikel sehr aufschlußreich, möchte aber erst mal Eure Antwort haben, bevor ich darauf eingehe Will nur sagen, daß er viele zum Nachdenken angeregt hat. Was die Chronologietabelle anbelangt in CV Nr. 26 ist daraus ersichtlich, wie unzuverlässig die biblische Chronologie ist. Ich muß aufrichtig sagen, daß Ihr Euch viel Mühe macht, um uns aufzuklären. Es ist nun aber so, daß alles gut überdacht werden muß und dazu gehört Zeit. Auch ist es nicht so leicht, bisher Geglaubtes gleich wegzuwerfen Ihr werdet das verstehen, aber wir sind bereit, Euer CV weiter in Empfang zu nehmen. Dadurch bekommt man das zu wissen, was man sonst von den Dienern nicht erfährt, aber doch eine Hilfe sein kann. Wünsche Euch weiter gutes Gelingen. . . .
Euer Bruder
Werner Gründlich.

Lieber Werner!
Wir wollen Dir gern behilflich sein, die Schwierigkeiten zu überwinden. Als schlichtes Glied der Zeugen Jehovas wird es Dir gar nicht so schwer fallen mit Hilfe des Maßstabes das Richtige zu erkennen. Wie Du weißt, ist der Maßstab sein Wort. Woran erkennt man einen Propheten? Die Bibel antwortet: "Der Prophet, der von Frieden weissagt, wird, wenn das Wort des Propheten eintrifft (!), als der Prophet erkannt werden, welchen Jehova in Wahrheit gesandt hat". Jer, 28:9.

Auf diese Weise hat Jehova alle wahren Propheten bezeichnet. (Ausnahmen bestätigen die Regel. Z. B. der Fall Jona, wie Jehova auf Grund einer veränderten Sachlage eine andere Entscheidung traf.) Jehova ließ eintreffen, was er durch seine Knechte ankündigen ließ. Dadurch konnte das Volk wissen, daß auch die noch unerfüllten Aussagen des Propheten Erfüllung finden würden. Einem solchen Propheten konnte und sollte das Volk trauen. Wenn das wahr ist, gilt es auch umgekehrt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht! Was dieses Sprichwort etwas banal sagt, bezeugt die Bibel mit großem, feierlichen Ernst:

"Und wenn du in deinem Herzen sprichst: Wie sollen wir das Wort erkennen, das Jehova nicht geredet hat? Wenn der Prophet im Namen Jehovas redet und das Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist das, das Wort, welches Jehova nicht geredet hat; mit Vermessenheit hat der Prophet es geredet; du sollst dich nicht vor ihm fürchten" (5. Mose 18:21,22)

Wer also wissen möchte, ob eine Zukunftsprognose wirklich von Gott ist, der soll nach beiden Aussagen der Schrift nicht etwa auf den "Berg des Propheten" klettern, um sich näher mit ihm zu beschäftigen, der soll auch nicht seine mehr oder minder tiefen Gründe durchwaten und seine sog. "Beweise" durchzubuchstabieren suchen. Er soll sich die bisherigen Ergebnisse seiner "Prophezeiungen" anschauen: Traf es ein, was der Prophet verkündete, dann ist er von Gott, sagt Jeremia. Traf es nicht ein, was er im "Namen Jehovas" prophezeite, so ist er nicht von Gott, sagt 5. Mose 18. Dann hat der Prophet mit Vermessenheit geredet, aus seinem eigenen religiösen Denken, Dünken und Dünkel! Daher muß er nach Gottes Urteil sterben. (Vers 20) Jetzt, lieber Bruder Werner, kommt etwas, was ganz besonders die Zeugen Jehovas beachten sollten, es ist ein klares Gebot: "Du sollst dich nicht vor ihm fürchten"! Nicht: Du brauchst nicht, - Nein, Du sollst ihn nicht fürchten! Du würdest ihn sonst in seinem Dünkel nur noch bestätigen und das Maß seiner Schuld vermehren! Dies sollte Euch alle ermutigen und Ihr solltet Euch von jetzt an nicht mehr vor den Bann- und Fluchsprüchen der Leitung und ihren Dienern fürchten. Wir geben Euch anschließend Beweise in die Hand, daß die Leitung der WTG unter die falschen Propheten gerechnet werden muß.

Nachdem wir den biblischen Maßstab haben, die "Prophetengeister" zu prüfen, kommen wir auf die eigentliche Frage: Ist die Prognose der Wachtturm-Gesellschaft für 1975 glaubwürdig? Aber noch mehr ist festzustellen: Ist die Organisationsleitung selbst als "kollektiver Prophet" glaubwürdig" Ist sie, was sie behauptet, "Gottes bewährtes Werkzeug"? Das hängt also nach unserem Maßstab ganz davon ab, ob in ihrer Vergangenheit eingetroffen ist, was sie "prophetisch" und im "Namen Jehovas" geredet hat. Alles Meinen und Denken, Voreingenommenheit und Vorurteil können wir hier aufgeben. Was jetzt zählt, lieber Werner, sind allein die geschichtlichen Tatsachen.

Wir befragen die alte Literatur der WTG selbst:
Im Buche "Rechtfertigung" muß ihr früherer Präsident Rutherford zugeben: "Jehovas Getreue auf der Erde (gemeint sind die damaligen Bibelforscher) wurden in ihren Erwartungen für die Jahre 1914, 1918 und 1925 in e t w a enttäuscht. . . . Später lernten die Treuen, daß. . . . sie . . . . keine Daten mehr für die Zukunft festsetzen und nicht voraussagen sollten" (Rechtfertigung Bd. 1, 1931 Seite 332).

Wir stellen hiermit fest: Dreimal in ihrer damals erst rund 50-jährigen Geschichte wurden die Mitverbundenen der ."Wachtturm-Gesellschaft "in e t w a enttäuscht": 1914, 1918 und 1925. Ob es nur "in etwa" war, ob es nicht vielmehr gründlichst war, werden wir noch zu klären haben. Damals hatte man sogar daraus "gelernt" wenigstens keine Daten mehr für die Zukunft festzusetzen. Doch mit der Zeit vergißt, der Mensch, was er einst "lernte" und man ist nun wieder dabei Daten festzusetzen. Dreimal "enttäusch," hatte Rutherford gesagt. Was hatte denn die Gesellschaft für diese Jahre "im Namen Jehovas" prophezeit?

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Wir befragen ihr eigenes Werk "Die Zeit ist herbeigekommen", Bd. 2 der Schriftstudien, Seite 73, das ihr erster Präsident 1889 schrieb. Dort heißt es:
"In diesem Kapitel liefern wir den biblischen Nachweis, daß das völlige Ende der Zeiten der Heiden (Nationen) da ist, das volle Ende ihrer Herrschaft mit dem Jahre 1914 erreicht sein wird und daß dieses Datum die Auflösung der Herrschaft unvollkommener Menschen bringen wird." Und wem diese als eine in der Schrift fest begründete Tatsache nachgewiesen ist, der wird auch erkennen, daß dadurch folgendes bewiesen ist:

Erstens, daß dann das Königreich Gottes, für das unser Herr uns beten lehrte: "Dein Reich komme", anfangen wird, die Herrschaft an sich zu nehmen und "aufgerichtet" oder auf Erden fest gegründet zu werden.

Zweitens beweist es, daß der, dem das Recht, diese Herrschaft an sich zu nehmen, gebührt, dann als der neue Herrscher gegenwärtig sein wird. . . .

Drittens beweist es, daß einige Zeit vor dem Ende des Sturzes das letzte Glied der göttlich anerkannten Kirche Christi, das königliche Priestertum, der "Leib Christi", mit dem Haupt verherrlicht sein wird. . . .

Viertens beweist es, daß von jener Zeit an Jerusalem nicht länger von den Nationen zertreten sein, sondern sich aus dem Staube der göttlichen Ungnade zur Ehre erheben wird. . . .

Fünftens beweist es, daß mit jenem Datum (1914) oder auch früher Israels Blindheit angefangen wird sich wegzuwenden. . . .

Sechstens beweist es, daß die große Drangsal, dergleichen nicht gewesen ist … ihren schließlichen Höhepunkt erreichen und an jenem Zeitpunkt (1914) enden wird...."
(Bd. 2, Schriftstud. Seite 73, 74)

Das Jahr 1914 aber brachte weder "die Auflösung unvollkommener Menschen" noch das Königreich Gottes auf Erden, noch die Vollendung und Verherrlichung des Leibes Christi, noch die Wiederherstellung Israels, noch ein Ende der großen Drangsal. Also nicht "in etwa" wurden die Bibelforscher 1914 enttäuscht, sondern total. Trotzdem behauptet die WTG: Sie hatte recht. Die von ihr erwarteten, aber nicht eingetroffenen Ereignisse legt sie ihren Anhängern zur Last den "einzelnen" und "vielen". Dazu schreibt der WT vom 15. 5. 1955, S 302:

"Die Watch Tower Society der Zeugen Jehovas hatte recht in ihrem dreißigjährigen öffentlichen Feldzug, durch den sie die Heiden Nationen vor dem verhängnisvollen Jahr 1914 warnte. Einzelne jedoch, die am Geben jener Warnung teilgenommen hatten, waren enttäuscht, da sie unrichtigerweise von sich gedacht hatten, sie kämen im Jahre 1914 in den Himmel. . . . Viele hatten ebenfalls den ungenauen Gedanken, daß der Weltkrieg, der im Jahre 1914 begann, in die Schlacht des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, in Harmagedon münden und so die Erde von allem Widerstand gegen Gerechtigkeit reinigen werde."

Solche Versuche, sich zu rechtfertigen oder "das Schicksal zu korrigieren" müssen jedoch an den Tatsachen, die sich aus der Wachtturm-Literatur selbst nachweisen lassen, erbärmlich scheitern. Auch, wenn sie Millionen Tonnen Druckerschwärze dazu verkonsumieren würde, kann die Gesellschaft mit ihren heutigen Erklärungen die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß es 1914 offenbar wurde: Ihre 1914-Botschaft war ein Wort, "das Jehova nicht geredet hat".

Die 2. "in etwa" Enttäuschung war nach Rutherfords Rechtfertigung - 1918 -
Da sollte das 1914 Ausgebliebene endlich kommen: Die Verherrlichung der Gemeinde, das Ende der bösen Welt und das sichtbare Königreich auf Erden. Einer der 1918 Enttäuschten, der Zweigdiener der WTG in Südafrika, berichtete darüber im WT vom 1. 3. 1957, Seite 139:

"Im September oder Oktober 1917 brachte ein Neuankömmling die Nachricht ins Gefängnis, das Buch "Das vollendete Geheimnis" sei herausgekommen und die Kirche werde im Frühjahr 1918 hinweggenommen werden. - Ob ich wohl hierzu als würdig erachtet werde? Und meine Leute daheim in Glasgow? Und die anderen Brüder überall? - Am 11. November 1918 um 11 Uhr. . . . kündeten die Sirenen das Ende des ersten Weltkrieges an. Was nun. Ich war im April nicht in den Himmel gekommen".

Wurde nicht wieder die Quelle dieser Prognosen offenbar als ein Prophet, zu dem Gott sich nicht bekannte? Hatte nicht selbst Anfang des Jahres 1918 der WT noch im üblichen Ton der Sicherheit geschrieben: "Was wird das Jahr 1918 bringen? . . . Der Christ erwartet, daß ihm das Jahr die schließ1iche Vollendung der Kirche bringt" (WT 1918, S. 33). Am 1. August 1915 hatte er verkündet: "Wir sehen das Vorspiel zur großen Schlacht von Harmagedon!" Vierunddreißig Jahre später gesteht der Wachtturm: "Während die Jahre des ersten Weltkrieges gegen 1918 vorrückten, dachten Jehovas Zeugen auf Erden, der Weltkrieg werde direkt in die Schlacht von Harmagedon münden. …" (WT 1. 8. 1949, S. 227)

Jehovas Zeugen dachten . . . . ? Der Wachtturm hatte doch gedacht - nicht die Brüder und Schwestern! Aber sein Wort blieb unerfülllt, deshalb sollten andere gedacht haben. Muß hier nicht wieder der biblische Maßstab gelten, das ist das Wort, "das Jehova nicht geredet hat. Mit Vermessenheit hat der Prophet es geredet. Du sollst dich nicht vor ihm fürchten".

Über die dritte Enttäuschung: 1925 werden wir Dir im nächsten Brief einige Tatsachen übermitteln. Gedulde Dich bitte bis dahin. Wir möchten Dir am Schluß noch über einiges andere Aufklärung geben.

Daß viele Brüder und Schwestern nicht wissen, was hinter der WTG steckt, ist uns bekannt, denn zu wenig ist darüber berichtet worden. Wir haben aber fast in jedem CV einige Hinweise gebracht. Wir wollen heute gar nicht allzuweit zurückgreifen. Von 1945-1947 verlief in der ZJ-Organisation alles reibungslos. Mit 1947 begann dann eine Artikelserie nach der anderen gegen die sozialistischen Staaten, siehe die Wachttürme und Erwachet bis zum Verbot 1950. Dann der Brief vom 24. Dezember 1947 von Erich Frost, der zur Mitarbeit in "Erwachet" aufforderte, indem die Brüder Spionagedienste leisten sollten, indem sie über Politik, Handel, Wissenschaften, Truppenbewegungen, Flugplätze usw., kurz alles, was dem Westen irgendwie dienlich sei, zu berichten. Am Schlusse des Briefes heißt es dann -. ". . . . Brooklyn hat großes Interesse an allen Vorgängen und Berichten aus Deutschland. Das ist begreiflich, weil die Augen aller auf Deutschland gerichtet sind. Überlege, welchen großen Wert gute Berichte aus unserem Lande haben." Alle diese eingegangenen Berichte wurden dem Militärfunk übergeben, welche diese Berichte nach Amerika durchgaben. Darüber gibt es Beweise, lieber Bruder. Tut dies eine christliche Gemeinschaft, die sich als politisch neutral ausgibt, frage ich Dich, lieber Werner? Verstehst Du nun auch die noch heute erscheinenden politischen Artikel gegen die sozialistischen Staaten? Man ist also gar nicht so neutral als man sich hinstellt. Ihr solltet in Euren Gruppen diese Dinge immer wieder zur Sprache bringen, damit dies aufhört und ein jeder ein ruhiges Leben zu führen vermag. Denke mal gut darüber nach und unterhalte Dich mit Brüdern darüber, warum man wohl diese Politik immer wieder anwendet und schreibt dazu.
Es grüßen Dich Brd. D. und W. M.

Zwölf Jahre meines Lebens
von Gerhard Peters (5. Teil)
Zum Schluß des 4. Teiles:
Wieder und wieder. Kein Geist Gottes, alles nur menschlich, allzumenschlich - war die praktische Erfahrung von Gerhard Peters bisher in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas gewesen. Es waren persönliche Verhältnisse, wie sie unter vielen "Weltmenschen" nicht vorkommen.

Der letzte Teil schloß mit den Worten:
Meine Lebenserfahrungen in der Organisation der Zeugen Jehovas haben mir bewiesen, daß es dort nichts Übernatürliches gibt. Ich glaube, bei einer ehrlichen Selbstprüfung kann das jeder auch für sich bestätigen. Was mich betrifft, so schließen meine bitteren und bösen Erlebnisse, die ich weiter schildern werde, jedes Wirken eines Geistes Gottes, wie es nach der Bibel sein müßte, völlig aus. Nicht einmal Bruder Franke, der Zweigdiener in Wiesbaden, fand auch nur eine Minute Zeit, meine Probleme wenigstens anzuhören Erbarmungslos schritt er über alles hinweg. Wirkliche Diener Gottes können so nicht handeln.

Meine Frau ist wieder weg
Eines Mittags komme ich gut gelaunt und pfeifend heim. Ich komme in die Küche - ich schaue in die Stube - niemand ist da. Ich denke: "Nanu, was ist denn hier los?" Die Kartoffeln stehen noch roh auf dem Herd im Wasser, und das Gemüse liegt geschnitten auf dem Tisch. Ich schaue mich um und bemerke auf dem Tisch einen Zettel, und als ich ihn mir anschaue, da schwimmt es mir plötzlich vor den Augen, und ich bringe die Sätze zuerst gar nicht zusammen; denn was da steht ist für mich einfach unfaßbar.

Gerhard! Ich kann mit dir nicht mehr zusammen leben und bin daher zu meinen Eltern gezogen. - Hannelore. Ich muß mich erst einmal hinsetzen, weil mir die Knie anfangen weich zu werden, und wie ich da nun so sitze und auf den Zettel starre, kommen mir immer wieder die Bilder in den Sinn, wie ich mich morgens noch von ihr in bestem Einvernehmen verabschiedet habe, und wie wir am Abend zuvor noch miteinander gescherzt und geschmust haben.

Ich glaube immer noch zu träumen, doch als ich meine Blicke umherschweifen lasse, da wird es mir endgültig zur Gewißheit, daß alles grausame Wirklichkeit ist. Sämtliche Schubfächer, Schränke und Vitrinen sind leer - es ist aber auch nicht mehr ein Teller vorhanden. ja, nicht mal eine Tasse ist mehr da. Ich ziehe das Schubfach auf, in dem die Bestecke liegen - leer. Ich schaue nach dem Tauchsieder weg. Bis auf den Topf, in dem noch die rohen Kartoffeln lagen, war aber alles weg, und ich konnte mir weder Essen noch Kaffee kochen. Weiterhin hatte meine Frau auch alles Geld mitgenommen und bis zum nächsten Lohntag waren es immerhin noch sechs Tage.

Wenn das damals geschehen wäre, als der Streit mit meinem Schwiegervater war, dann hätte ich das noch eher begreifen können; denn das wäre Anlaß zum Aufbauschen gewesen - aber jetzt? -

Später habe ich dann alles erfahren, wie es an jenem Tage zugegangen war. Meine Frau hatte gar nicht die Absicht gehabt, mich zu verlassen und sie hatte ja bereits begonnen, das Mittagessen zu kochen, als meine Schwiegereltern plötzlich mit einem gemieteten Lieferwagen vorgefahren kamen.

Monatelang vorher hatten meine Schwiegereltern bereits ihr Gift versprüht und immer wieder auf meine Frau eingeredet: "Du hast den größten Fehler gemacht, als Du diesen Mann geheiratet hast. Was hättest Du doch bei Deinem Aussehen und bei der Position Deines Vaters jetzt für eine Partie machen können."

Und jetzt waren sie da und stellten meine Frau einfach vor die vollendete Tatsache. Selbstverständlich hatten sie auch eine Perspektive bereit für die Zukunft, und die bestand darin, (und jetzt kommt das Teuflischste, was ich jemals erlebt habe) mich nun in der Organisation unmöglich zu machen oder, wenn das nicht klappt, mich durch eine längere Trennung zu unbedachten Handlungen, Ehebruch oder sogar Selbstmord zu treiben.

Liebe und Gerechtigkeit hatte ich in der Organisation gesucht, und begegnet war mir nun der Teufel persönlich.
Eine einzige unbedachte Handlung, aus Verzweiflung oder Zorn begangen, hätte also genügt, und meine Frau hätte ihr Ziel erreicht gehabt.
Ich glaubte damals noch fest an den Teufel, und das war gut so; denn nur so konnte ich mir immer wieder einreden: "Jetzt nicht schwach werden, durchhalten, bis Luzifer besiegt ist!" -

Heute, wo ich die wahren Zusammenhänge kenne, frage ich mich immer wieder: "Wo war da ein Geist Gottes?" Gibt es nicht "Weltmenschen", die besser, verständnisvoller und liebevoller zusammenleben? Was hilft uns da die Organisation der Zeugen Jehovas? Jehovas Zeugen haben Probleme, wie alle anderen Menschen in der Welt - oft sogar noch schlimmer. Sie müssen damit fertig werden oder daran zerbrechen. Im Gegenteil - ist mal eine Sache ein wenig verzwickt, dann sagt man: "Bruder, das ist eine Prüfung, die Dir Jehova auferlegt hat und mit der Du fertig werden mußt!" Wird der Bruder aber nicht damit fertig, nun, dann spricht man eben einen Gemeinschaftsentzug aus und ist die Sache los. Mag doch die "Welt" nun sehen, wie sie damit fertig wird und zurechtkommt. Die Organisation schlägt sich dann an die Brust und dankt Gott, daß sie nicht so ist wie die "Welt". -

Was sollte ich nun machen. Ich ging zunächts zu meiner Schwester, denn ich war ja auch hungrig und konnte mir nicht einmal mehr Kaffee kochen, weil man ja sogar auch den Tauchsieder mitgenommen hatte und außerdem war ich arm wie eine Kirchenmaus und konnte mir nicht einmal etwas zum Essen kaufen. Und das waren Zeugen Jehovas, die diese "ganze Arbeit" geleistet hatten.

Meine Schwester, die nun auch Zeugin Jehovas war, und meine familiären Verhältnisse sehr genau kannte, war einfach sprachlos, als sie von dem plötzlichen Verschwinden meiner Frau erfuhr. "Gerhard", sagte sie, "gehe noch heute zum Versammlungsdiener, damit diese Angelegenheit sobald wie möglich vor dem Brüderkomitee geregelt wird, denn was Hannelore sich da geleistet hat, verstößt gegen alle theokratischen Grundsätze. Hier haben Hannelore und ihre Eltern einmal ihr wahres Gesicht gezeigt."

Natürlich war ich noch ein wenig skeptisch, denn ich wußte ja, wie das Komitee über mich dachte und ich wußte auch, daß meine Frau und meine Schwiegereltern keine Gelegenheit scheuen würden, um mich reinzulegen.
Um mir wieder etwas Mut zu machen, las mir meine Schwester aus 1. Kor, 7:10-16 vor und darin steht folgendes geschrieben:

"Den Verheirateten gebietet der Herr, nicht ich allein: Die Frau soll sich von ihrem Manne nicht trennen. - Tut sie es doch, soll sie unverheiratet bleiben oder sich mit ihrem Manne wieder aussöhnen. - Und der Mann soll die Frau nicht entlassen. . . .
Hat ein Bruder eine ungläubige Frau und sie ist damit einverstanden, mit ihm zusammenzuleben, so soll er sie nicht entlassen. Ferner: Hat eine Frau einen ungläubigen Mann und er ist damit einverstanden, mit ihr zusammenzuleben, so soll sie ihren Mann nicht verlassen. -

Ich ging noch am gleichen Tage zum Versammlungsdiener Werner Kolpatzek und da er gerade im Begriff war wegzugehen, erzählt ich ihm ganz kurz, was vorgefallen war. "Gut", sagte er, bleibe am Sonntag nach der Versammlung noch da. Wir werden auch Deiner Frau Bescheid geben, und dann werden wir die Probleme zusammen erörtern und besprechen und dann werden wir sehen."

Am Abend des folgenden Tages - ich war gerade dabei, meine Schulaufgaben für den nächsten Tag zu erledigen, klingelt es plötzlich, bei mir an der Tür, und als ich öffnete steht Bruder Bernhard Josefowski vor mir. Dieser Bruder gehörte auch zum Brüderkomitee der Hamborner Versammlung und wohnte gleich in der Nachbarschaft von mir, in der Papiermühlenstraße.

Bei dem nun folgenden Gespräch bemerkte ich sofort, daß er bereits ins Vertrauen gezogen war - allerdings gegen mich, und er machte auch gar keinen Hehl daraus, mich als den schuldigen Teil hinzustellen. "Du bist ganz allein daran schuld, daß Deine Frau von Dir weggegangen ist", sagte er, "und hättest Du Dich mehr um sie gekümmert und mehr Glauben und Demut gezeigt, dann hätte Dir Jehova gewiß nicht seinen Segen verwehrt, und der Organisation wäre Schande erspart geblieben."

Ich sagte ihm: "Hör mal zu, meine Frau und ich sind eines Glaubens, und wir dienen beide der Wahrheit, und es sind somit gute geistige Grundlagen für unsere Ehe vorhanden. Es ist daher nur eine Frage der Liebe und des menschlichen Verständnisses.

Natürlich bin ich noch in der beruflichen Ausbildung, und es mangelt mir daher oft an der nötigen Zeit. Doch was ist eine Liebe, die keine Opfer bringen will! Und was die nötigen materiellen Dinge betrifft, so kann meine Frau nicht klagen, denn sie ist hinreichend versorgt - wenn auch nicht im Überfluß. Ich tue jedenfalls in dieser Hinsicht alles, was in meiner Kraft steht, um ihre Wünsche zu erfüllen, aber sie möchte am liebsten jeden Monat ein neues Kleid haben und dann macht sie mir laufend Vorhaltungen, daß wir noch nicht, im Gegensatz zu Sylvi Neumann, soweit sind, uns ein Auto anzuschaffen. Ja, sie spricht sogar schon von einem Dienstmädchen.

Alles das kann ich mir aber zur Zeit noch nicht leisten und darum muß ich schon mein Studium beenden. Begreift sie denn nicht, daß ich alles hauptsächlich nur für sie tue, wenn ich oft bis spät in die Nacht sitze und arbeite?"

Aber der liebe Bruder lies sich nichts sagen und wußte alles besser. Für ihn war ich schlecht und egoistisch. Wir haben uns zwar nicht ernsthaft gestritten, aber es blieben die Meinungsverschiedenheiten, und im weiteren Gespräch kam ich gar nicht aus dem Staunen heraus, was meine Frau und meine Schwiegereltern alles gegen mich erfunden hatten, um ihr schändliches Verhalten zu rechtfertigen. Es waren die reinsten Greuelmärchen.

Hätte meine Frau mir offen gesagt: "Hör mal zu, meine Liebe zu Dir war ein Irrtum, und Du bist nicht der Mann, den ich mir vorgestellt habe", dann hätte sie wenigstens noch Charakter gezeigt. Ihr und vor allen Dingen ihren Eltern ging es aber in erster Linie nur um Äußerlichkeiten, und sie streckten daher nicht einmal davor zurück, sich der gemeinsten Lügen zu gebrauchen, um mich in den Abgrund zu stoßen. Den Brüdern hatten sie nämlich erzählt, daß ich laufend meine Frau und mein Kind mißhandele, alles Geld für mich verbrauche, und das ich sogar nicht einmal davor zurückschrecke, dem kleinen Kind die letzte Milch wegzutrinken. Man muß sich das einmal vorstellen, solche Gemeinheiten unter Zeugen Jehovas.

Wieder vor dem Brüderkomitee in Hamborn
Ich wußte genau, was mir blüht, wenn es mir nicht gelingt, diese abscheulichen Lügen, die man gegen mich aufgebracht hatte, zu widerlegen. Aber was sollte ich allein gegen drei Zeugen ausrichten? Sollen die Dinge nicht immer mindestens durch zwei oder drei Zeugen entschieden werden? Was aber, wenn die zwei oder drei Zeugen falsche Zeugen sind und der eine im Recht ist? Dann wird dieser "eine" zu Unrecht auch in Jehovas Organisation verurteilt und in die "Welt" zurückgestoßen, was seinen Tod bedeuten kann, wie uns gelehrt wurde. Wenn ich heute zurückdenke - in der Tat, es hat schon Tausende solcher ungerechten Entscheidungen in den Brüderkomitees der Zeugen Jehovas gegeben. Fanden sich später Gegenbeweise, und die Organisation wurde dadurch nicht zu sehr kompromittiert, oder die Brüder konnten sich durchsetzen, die Recht hatten, dann wurden solche Entscheidungen in "Einzelfällen" auch wieder rückgängig gemacht. Mitunter griff der Zweigdiener als letzte und höchste Instanz ein. Aber der deutsche Zweigdiener Konrad Franke, den ich erlebte . . . .' nun, wir werden es sehen. Jedenfalls, wenn sich die nicht früher oder später durchsetzen können, die trotz allem recht haben, dann werden auch in Jehovas Organisation Unrecht auf falsche Anklage zum Recht erhoben, ohne Rücksicht auf das Schicksal der Betroffenen. Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt, obwohl Christus mahnt, sich auch um den Geringsten seiner Brüder zu kümmern. Entscheidend sind allein die Interessen und jeweils vorherrschenden Bibelauslegungen derjenigen, die gerade die Ämter in der Organisation aus "Vertreter Gottes" innehaben. Ob Recht oder Unrecht - die Interessen der Organisation sind allein maßgebend. Jedes weltliche Gericht prüft sorgfältiger als die zu Gericht sitzenden Brüder der Komitees. In den meisten Fällen kann man ihnen gar nicht einmal Böswilligkeit vorwerfen, denn sie sind ebenfalls auf Gedeih und Verderb an die höheren Interessen der Organisation gebunden. Dramatischer als ich hat das wohl kaum einer erlebt. Oder vielleicht doch? -

Noch am selben Abend der Bruder Josefowski war bereits wieder gegangen kam mir eine unerwartete Hilfe. Ich benötige für den nächsten Schultag noch einige Bücher und so zog ich das Fach auf, in dem meine Bücher lagen. Alles hatte meine Frau mitgenommen, was nicht niet- und nageltest war, und doch hatte sie das Wichtigste vergessen, nämlich ihr Haushaltsbuch, das sie immer recht säuberlich und genau geführt hatte. Sie hatte jeden Tag eingetragen, was sie ausgegeben hatte, was sie von mir für Wirtschaftsgeld erhielt und auch, was sie mir für Taschengeld gegeben hatte. Ja, und dieses Buch fiel mir nun in die Hände. Scheinbar hatte meine Frau in der Eile gar nicht mehr daran gedacht.

Mir dagegen kam es wie ein Wunder vor, daß ausgerechnet dieses Buch mir geblieben war, denn mit diesem Buch konnte ich sämtliche Lügen, die man über mich verbreitet hatte, widerlegen. War diese Hoffnung unberechtigt? Wenn ich heute darüber nachdenke - ist es nicht depremierend und peinlich, wie ein Zeuge Jehovas um Recht vor solchen Komitees ringen muß - selbst in intimsten Angelegenheiten Und ist es nicht schändlich wie er dabei von Zufällen abhängig ist, die Rettung oder Verderb bringen können? Denn was wissen die Brüder, die zu entscheiden haben? Nichts! Außer dem, was ihnen gesagt oder zugetragen wird. Mir fiel jedenfalls an jenem Abend ein zentnerschwerer Stein vom Herzen, denn ich glaubte nun, endlich meinen Schwiegereltern die entsprechende Lehre erteilen zu können, daß Lügen eben kurze Beine haben.

Ja, und dann kam der Sonntagnachmittag, und als ich das Zimmer betrete, in dem sich das Komitee zusammengefunden hatte, sind meine Frau und meine Schwiegereltern bereits anwesend. Leider fehlen aber die Zeugen, die ich benannt hatte, z. B. meine Schwester und einen Bruder Bretzke. (Wie ich später erfuhr, hatte das Komitee diese Zeugen gar nicht vorgeladen).

Als ich meiner Frau die Hand geben will, schaut sie weg, obwohl wir doch nicht im Streit auseinandergegangen waren Aber dieses Benehmen sollte eben bei den Brüdern den Eindruck erwecken, wie tief ich in ihrer Schuld stand.

Bis zu diesem Moment hatte ich mir noch vorgenommen, meine Frau vor dem Schlimmsten zu bewahren, denn ihre Lügen waren groß genug, um ihr dafür die Gemeinschaft zu entziehen. ich flüsterte ihr also zu: "Hannelore, komme doch bitte mal einen Moment mit raus, ich möchte mit Dir noch einiges besprechen." Doch da dreht sie sich um und sagt mir so ganz von oben herab: "Ich wüßte nicht, was wir beide noch zu besprechen haben." Das muß man sich einmal vorstellen! Drei Jahre war ich mit dieser Frau verheiratet, und ich war kein Dieb und kein Ehebrecher, sondern ich arbeitete hart für meine Familie. Es war also nichts vorgefallen, was ihr Verhalten gerechtfertigt hätte. Und ich war nun gekommen, um sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Kalter Haß schlug mir hier entgegen, und ich stand nun mit ausgestreckter Hand da wie ein begossener Pudel.

"Gut", dachte ich, wenn Du es nicht anders willst, dann sollst Du sehen, wie Du die Geister wieder los wirst, die Du gerufen hast!"

Ich setzte mich also hin und die Komiteesitzung begann. Der Versammlungsleiter trug die Angelegenheit vor und dann sagte er: "Also Schwester Peters, äußere Dich bitte dazu. Ist es so, wie wir es vorgetragen haben und erzähle noch mal." Meine Frau log, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, das Blaue vom Himmel herunter. Es war unglaublich, und da ist in mir etwas zerbrochen. Das ist schlimmer, als wenn man einen lieben Menschen durch den Tod verliert. Man liebt diesen Menschen, die eigene Frau, über alles, und man hatte sich nichts mehr gewünscht, als mit diesem geliebten Menschen einmal in die neue Welt zu kommen, und dieser geliebte Mensch versucht nun alles, um einem das Genick zu brechen. Alle schweren Tage in Krieg und Gefangenschaft waren hiergegen nur Nichtigkeiten, denn nichts ist schlimmer, als von dem liebsten Menschen, den man zu haben glaubt, in so abscheulicher Weise verraten zu werden.

Als dann die Aufforderung in mich erging, mich dazu zu äußern, da konnte ich zuerst gar nicht sprechen, denn es drückte mir einfach die Kehle zu. Stockend brachte ich nur hervor: Brüder, ich habe meine Familie weder vernachlässigt, noch Not leiden lassen - es stimmt alles nicht. Bitte, hier ist das Haushaltsbuch meiner Frau. Schaut es Euch bitte an und dann werdet Ihr sehen, ob es stimmt, was sie ausgesagt hat. Bruder Kolpatzek nahm das Buch, überprüfte es, gab es dem nächsten Bruder des Komitees, und der gab es wieder dem nächsten. Der Gegenbeweis war erbracht und meine Frau der Lüge überführt Die Brüder sahen, daß meine Frau immer das Nötige bekommen hatte, und daß ich nur sehr Geringes verbraucht hatte. Natürlich mußten wir uns einrichten. Wenn man studiert und Bücher braucht usw., kann man manches nicht machen. So war unser Leben, an anderen gemessen, bescheiden ohne allen Komfort und Luxus.

Aber diese zwei Jahre war das bestimmt erträglich. Heute hätte ich zu meiner Frau gesagt: "Gut, bist jung, und wenn Du die Zeit nicht abwarten kannst, dann mußt Du eben etwas mit zuverdienen, bis ich mit der Schule fertig bin." Meine Klassenkameraden z. B. hatten immer reichlich Taschengeld, und darüber habe ich mich anfangs immer gewundert, denn sie verdienten ja auch nicht mehr als ich. Ich dachte immer: Wo haben die bloß das viele Geld her?" Aber da waren die Frauen nicht zu fein, um zu arbeiten, und sie haben auf diese Weise eben ihre Männer unterstützt, damit die Familie über die Studienzeit leichter hinwegkommt Sie haben eben eine Halbtagsbeschäftigung angenommen Das hat meine Frau aber nie nötig gehabt, und so mußte alles von meiner Hände Arbeit kommen. Ich bin auch nie auf die Idee gekommen, ihr den Vorschlag zu machen, auch arbeiten zu gehen. Ich habe immer gedacht, daß ich das auch alleine schaffe. Aber ein bißchen dankbar hätte meine Frau dafür sein können, und vor allem verständnisvoller Sicher hat sie nie über diese Seite unseres Lebens nachgedacht. -

Die Brüder vom Komitee hatten nun das Haushaltsbuch meiner Frau durchgesehen. Dann sagten sie: "Stimmt das, Schwester Peters, hast Du das Buch geschrieben, ist das Deine Schrift?" Meine Frau konnte natürlich nicht leugnen, denn als sie das Haushaltsbuch gesehen hatte, machte sie ein völlig entsetztes Gesicht. Das war nicht einkalkuliert. Die Brüder fragten noch einmal: "Hast Du das geschrieben?" Statt einer Antwort fing sie heftig an zu weinen. "Wir sehen nun, daß Du Deinen Mann nicht nur böswillig verlassen und verleugnet hast, sondern Du hast auch uns gegenüber wissentlich die Unwahrheit gesagt. Wir möchten Dir noch eine Chance geben. Wenn Du nicht innerhalb von zwei Tagen zu Deinem Mann zurückgehst und Dir nicht alle Mühe gibst, eine anständige Ehefrau zu sein, müssen wir Dir die Gemeinschaft entziehen."

Dies war die Entscheidung des Brüderkomitees.
Das Haushaltsbuch meiner Frau behielt das Komitee zurück, und der Versammlungsdiener nahm es an sich.
Froh über den Ausgang der Sache und im guten Glauben überließ ich ihnen das Beweismaterial. Sollte ich den Dienern der Organisation Jehovas nicht vertrauen? Doch diese meine Gutgläubigkeit sollte sich bald als ein verhängnisvoller Fehler erweisen.
Fortsetzung folgt

Biblischer Rat im Rückblick auf die Kommunalwahlen vom 22. März 1970 in der DDR
Es war bisher immer wieder ähnlich. Einige Brüder und Schwestern verdrücken sich auf alle mögliche Art und Weise. Wie aufgescheuchte Hühner gingen sie irgendwo spazieren oder hielten sich irgendwo auf, um die Wahl zu umgehen. Manche schlossen sich ein, als ob niemand daheim wäre. Andere nahmen Diskussionen auf, um zu versuchen "Zeugnis" zu geben oder ihre ablehnende Haltung zu rechtfertigen. Einige gingen auch hin, steckten leere Zettel in die Wahlurnen. Etliche aber wählten in richtiger Weise als Bürger und Christ, wenn auch in Furcht vor den leitenden Brüdern der Gesellschaft und ihren Sanktionen. Denn nach den Wahlen begann dann die Untersuchung, wer teilgenommen hat. Wer überführt wurde, gewählt zu haben, galt als "Neutralitätsverletzer", den der Bannstrahl der Verachtung, zumindest der Isolierung traf. Nun waren wieder Wahlen. Angesichts der bestehenden Forderungen des WT, sich grundsätzlich ablehnend zu verhalten, die Wahlen von sich aus also zu boykottieren, gab es wieder die verschiedensten Verhaltensweisen in den Versammlungen, die im Grunde genommen alles andere als "genaue Erkenntnis" waren. Man kann sogar mit Sicherheit sagen, daß die wenigsten Brüder und Schwestern bisher über ihre Aufgaben, Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeiten als Christ und Bürger wirklich klare Vorstellungen haben. Hinzu kommt, daß das Wahlboykott-Verhalten Bestandteil eines allgemeinen christlichen Verhaltens sein soll, und insofern auch Gegenstand der Verkündigung ist. Mit anderen Worten, die Verkündigung hat auch andere Menschen zu einem solchen politischen Verhalten anzuleiten, wie das Verhalten der Neugewonnenen dann immer wieder bestätigt. So ist das alles zu einem Politikum geworden, das zu gesellschaftlichen Konflikten führt. Die vergangenen Wahlen machen da ein offenes Wort notwendig.

Vertrauet nicht auf Fürsten?
Im Zusammenhang mit der Antwort auf die Hauptargumente der WTG, an keiner Wahl teilzunehmen, also zu boykottieren, wollen wird das rechte biblische Verhalten in Fragen der Mitverantwortung des Christen als Bürger in der politischen Gesellschaft, in der er lebt und zu der er gehört, erörtern.

Die Worte in Psalm 146:3, "Vertrauet nicht auf Fürsten", sind eines der gängigsten Zitate, die von vielen Zeugen ins Feld geführt werden, um die Nichtteilnahme an jeglichen Wahlen biblisch zu begründen.

Die Psalmen wurden unter den Bedingungen des Alten Bundes geschrieben, das heißt unter den Bedingungen der Existenz des damaligen israelitischen Staates, der ein Königtum war. Zum Beispiel schrieb der israelitische König David viele der Psalmen. Aber war David nicht selbst ein Fürst in diesem Sinne. Nach WT-Auslegung müßte der Psalm 143 auch bedeutet haben, daß niemand im Volke Israel auf den König David vertrauen durfte. Es müßte sogar bedeuten, daß sich das Volk Israel keine Regenten, Fürsten oder Könige mehr erwählen durfte. Dem Volk Israel aber war von Jehova das ausdrückliche Recht zuerkannt, sich selbst irdische Herrscher erwählen zu können. Lies 1. Samuel 8: 1-9.

Die WT-Deutung von Psalm 143:3 steht daher mit den von Gott selbst verliehenen Rechten, Regenten und Herrscher erwählen zu dürfen, in Widerspruch. Genau gesehen hatte der Psalm 143:3 nie eine solche politische Bedeutung, wie die WTG heute glauben macht. In Wahrheit ist der Psalm ein Ausdruck unerschütterlichen Gottvertrauens, ohne dabei die politischen Wahlrechte des Volkes zu verneinen. Jehova hatte bezüglich dieses Wahlrechtes zu Samuel gesagt: "Komm der Forderung des Volkes in allem nach, was sie von dir verlangen." Aus Psalm 143:3 ein biblisches Wahlverbot zu machen, ist daher ein politischer Bibelmißbrauch. Die WTG wird einwenden, ja damals war es ein theokratischer Staat, heute aber ist es ein weltlicher Staat. Auch dieser Einwand ist haltlos. Wenn dieser Psalm damals nicht im Widerspruch stand zum Wahlrecht des Volkes, wieso legt die WTG dann heute einen anderen Sinn hinein? Steht es nicht deutlich genug geschrieben, "nicht über das hinaus, was geschrieben steht"? 1. Kor. 4:6.

Euch zu wählen ist mir ein Greuel?
Ein weiteres, von der WTG gebrauchtes Bibelzitat gegen jede Wahlbeteiligung ist Jesaja 41:24, wo es heißt: "Siehe, ihr seid nichts und euer Tun ist Nichtigkeit, ein Greuel ist, wer euch erwählt". Hat das etwa mit politischen Wahlen zu tun? Kann man sich zu recht hinter solchem Bibelvers verschanzen? Ein Blick in den biblischen Zusammenhang zeigt, daß Jesaja hier überhaupt keine politischen Regierungen im Sinne hatte. Er wendet sich allein gegen religiöse Götzen, gegen eine andere Religion, gegen eine heidnische Religion, nicht gegen irdische politische Regenten eines Staates Sollte man solche Unterschiede wirklich einfach übersehen können?

Jesaja weissagte zur Zeit der israelitischen "Fürsten" oder Könige Ussija, Jotham, Ahas und Hiskia. (Ausgerüstet für jedes gute Werk, S. 199) Auch er predigte nicht, das Volk dürfe sich keine irdischen Regenten erwählen, da würde er ja in Gegensatz zu Jehovas Gebot an Samuel geraten sein (l. Samuel 8:1-9), das dem Volk das Recht gewährte, zu wählen. Jesaja 41:24 auf heutige politische Wahlen anzuwenden heißt darum ebenfalls, die Bibel politisch zu mißbrauchen. Wo bleibt das verantwortungsbewußte Bibellesen bei dem, der solche Anwendung praktiziert oder gar zur Wahl vorbringt?

Gottes Königreich wählen?
Es kommt darauf an, wie das gemeint ist. Jeder Christ hat Gottes Königreich oder das Reich Gottes oder Christus irgendwie erwählt oder zu erwählen, sonst könnte er kein Christ sein. Das ist zunächst gar keine Frage. Hier wird doch mindestens einiges durcheinander gebracht, wenn nicht andere Absichten dahinterstehen.

Der WT sagte, man sollte die Stimme ungültig machen. Natürlich boykottiert man auf diese Weise auch die Wahl. Aber man muß doch einmal darüber nachdenken, was es bedeutet. Das nehmen doch die zu wählenden anderen Bürger zur Kenntnis und das sollen sie ja auch, man will sie ja auf diese Weise "belehren", ihnen "Zeugnis geben", zu dem Zweck, daß sie auch so handeln mögen.

Bei dieser Wahl ging es um irdische sozialpolitische Entscheidungen, um die Bestellung oder Einsetzung der notwendigen kommunalen politischen Verwaltung. Es ist höchstwahrscheinlich anzunehmen, daß kaum jemand von denen, die so etwas zum Ausdruck bringen, über den Sinn dessen nachgedacht hat. Sie bringen Gott und Christus auf diese Weise faktisch als möglichen Kandidaten in den Wahlkampf Genau das bedeutet es. Als ob es möglich wäre, durch Stimmabgabe im Wahllokal für Gott oder Christus die Aufgaben der Gemeinde-, Stadt- oder Landesverwaltung lösen zu können. Das würde heißen, man stimmt dafür, Gott und Christus die staatlichen Angelegenheiten und Verantwortlichkeiten aufzubürden. Weil das in Wirklichkeit doch aber nicht geht, da Gottes Königreich jetzt gar nicht dazu da ist, Staatsorgane zu ersetzen, ist das alles ein völlig widersinniges "Zeugnisgeben", das niemand ernst nehmen kann, obwohl es ernst genommen werden soll. Andere Menschen oder gar die Öffentlichkeit in diesem Widersinn belehren zu wollen, muß darum politischen Widerspruch herausfordern. Denn die vom WT gepredigte und damit verlangte politische Verhaltensweise ist angesichts der Notwendigkeit der Aufrechterhaltung kommunaler und staatlicher Ordnung und Verwaltung für alle Menschen unannehmbar.

Nicht über das hinaus, was geschrieben steht
Schon in CV 1 wurde das urchristliche Verhalten in Fragen der Mitverantwortung des Christen als Bürger in staatlichen Verwaltungsangelegenheiten erörtert. Es wurde ausgeführt:

Zwar wurden zur Zeit des Urchristentums die Obrigkeiten nur von einer Minderheit eingesetzt, nicht von einer demokratischen Mehrheit des Volkes. Doch waren auch damals die Christen an der Regierungsbildung und politischen Mitverantwortung in der Landesverwaltung beteiligt. Der Schatzmeister, wir würden sagen Finanzminister, der Königin von Äthiopien war getaufter Christ. Apg. 8: 27-39. Christen waren auch der römische Militärkommandeur Cornelius und der politische Statthalter Sergius. Apg. 10:1-48, 13:12. Und es wurde nicht verlangt, den Stand, indem man berufen wurde, zu verlassen. 1. Kor. 7:20. Daraus folgt, daß Christen auch heute politische Mitverantwortung übernehmen müssen, wählen und gewählt werden können. Die Hoffnung auf das "Königreich Gottes" war für die biblischen Urchristen kein Hindernis für politische Mitverantwortung und kann es folglich auch heute nicht sein. Spr. 30:5,6. Wenn wir bei der urchristlichen Hoffnung auf das Königreich Gottes bleiben und nicht über die Schrift hinausgehen, so können wir guten Gewissens in den notwendigen irdischen Angelegenheiten, Staat und Gesellschaft in menschlicher Ordnung zu halten, unsere Stimme bei den dazu nötigen Wahlen, Menschen geben, die das tun sollen, weil es getan werden muß. Wir müssen klar unterscheiden zwischen den Interessen des Königreiches Gottes, das erst im Himmel aufgerichtet sein soll, und den irdischen gesellschaftlichen Interessen, die auch unsere physische und soziale Existenz als Christen beinhalten. Das Königreich im Himmel kann die Menschen auf Erden nicht der Pflicht entheben, dort unter sich für ordentliche Verwaltung in Stadt und Land zu sorgen. Das nicht anzuerkennen grenzt an Nihilismus und Anarchie, die nur dadurch nicht umsichgreifen kann, weil die anderen Menschen bzw. Christen vernünftig sind, was die gesellschaftspolitische Mitverantwortung oder Verantwortung überhaupt betrifft und die WTG-Lehren in dieser Frage zurückweisen.

Ist das nicht zu begreifen? Alle wollen essen und trinken, arbeiten, wohnen, sich kleiden, kaufen, soziale Ordnung haben, verdienen und in gesicherter Rechtsordnung leben, auch Jehovas Zeugen. Aber sie verneinen, daß man dafür die Voraussetzungen schaffen darf, nämlich Männer und Frauen zu wählen, um das alles im örtlichen, nationalen oder internationalen Rahmen zu gewährleisten!

Wird es nicht höchste Zeit, sich über seine Verantwortung als Christ und Staatsbürger endlich klar zu werden?
Christus gebot, dem "Cäsar" zu geben, was ihm gebührt. Dies war der sichtbare Ausdruck der direkten Unterstützung der Urchristen für die politische Regierung oder Obrigkeit Es war eine "Zurückzahlung" für obrigkeitliche Dienste, eine Anerkennung dieser Dienste. Christen dürfen sich also dessen nicht entziehen, die politische Regierung mit zu unterhalten. Mit dieser Unterstützung taten die Christen ihren Teil, der Regierung die materiellen Mittel für die praktische politische Machtausübung zukommen zu lassen. Wir sehen dann auch Christen selbst an dieser politischen Machtausübung beteiligt, wie Cornelius, Sergius der Schatzmeister. So sehen wir wie unrichtig es ist, heute als Christ zu erklären, man zahle zwar materiell dem "Cäsar", aber man weigere sich, einen Menschen zur Ausübung und Wahrnehmung der notwendigen Staatsämter zu wählen. Sollen sich die materiellen Mittel in der Regierungs- oder Staatskasse zu Bergen türmen? Man hilft, die Mittel für die notwendige politische Verwaltung bereitzustellen, verweigert aber grundsätzlich jedes Recht, politische Verwaltung auszuüben, und die es trotzdem tun, werden obendrein noch als "Feinde Gottes" angegriffen und verleumdet. (WT 1. 1. 1957 Christen - Politik).

Es ist nützlich daran zu erinnern, daß sich die WTG unter Präsident C. T. Russel (1916 gestorben) bis in die zwanziger Jahre nicht in derartige politische Extreme verstieg. Es bestand da noch Übereinstimmung mit urchristlichem Verhalten. Russel schrieb über die "Irdischen Verpflichtungen" der Christen, sie sollten den Umständen entsprechend "an den Abstimmungen und Wahlen teilnehmen und von ihrem Stimmrecht den gewissenhaftesten Gebrauch machen, denen die Stimme gebend, welche sie als die besten Kandidaten betrachten." (Schriftstudien Band 6, S. 590, Magdeburg 1926). Die unverfälschte biblische d. h. urchristliche Königreichshoffnung war und ist in der Tat kein Hindernis für gewissenhafte politische Mitverantwortung.

Wir können sehen, daß die WTG unter Russels Nachfolger, unter WTG-Präsident Rutherford - von WTG-Präsident Knorr fortgesetzt - vom urchristlichen politischen Verhalten abgewichen ist, über das geschriebene Wort hinausgehend. 1. Kor. 4:6. Das muß Ursachen haben. Das ist ein ganzes Kapitel für sich. Diese Änderung des politischen Verhaltens hängt mit der großen politischen Wende zusammen, die sich im I. Weltkrieg vollzog, mit der weltgeschichtlichen Zäsur, die die Oktoberrevolution 1917 in Rußland darstellt. Es wurde jetzt die Lösung der sozialen Fragen der Menschen auf sozalistische bzw. kommunistische, d. h. antikapitalistische Weise auf die Tagesordnung gesetzt Um dem entgegen zu wirken, begann man amerikanischerseits auch alle möglichen Kirchen und Religionsgemeinschaften antikommunistisch und im Sinne des Kampfes gegen echtes soziales Engagement, das zum Sozialismus führt, auszurichten. Im Fall der WTG wurde das mit WTG-Präsident Rutherford bewerkstelligt, der ein Mann der amerikanischen Regierung war. Er begann seine Tätigkeit für die WTG und in der WTG unter direkter Überwachung und Protektion durch Abgeordnete des USA-Kongresses und USA-Senats, wie der USA-Reporter Marley Cole in seinem Buch Jehovas Zeugen' (WTG-Vertrieb 1956) S. 220 beweist Mit Rutherford zog in die WTG die politische Linie ein, in Zukunft grundsätzlich jede sozialpolitische Mitverantwortung abzulehnen. Fortan würden die Zeugen Jehovas also in politischer Hinsicht eine Gemeinschaft sein, die man überall dort fördern, unterstützen oder tolerieren würde, wo es darauf ankommt, echte soziale Verantwortung und damit sozialistisches Denken und Handeln zu verhindern. Ein Ausdruck dessen ist die Umänderung der WT-Bibeldeutung dahingehend, Teilnahme an Wahlen zu verbieten.

Man muß auch folgende allgemeine Erscheinung sehen. Das Urchristentum hat einen unverkennbaren Zug der Hinwendung zu den Armen, Unterdrückten, Ausgebeuteten, Entrechteten, also einen guten sozialen Aspekt. Es sei an die christlichen Zustände in den urchristlichen Versammlungen erinnert, wie Gütergemeinschaft, kein Privatbesitz, laut Apg. 4:32-37 und 5:1-11.

Auch heute neigen echte Christen zu den Ausgebeuteten und Entrechteten. Politisch würde sich das so auswirken, dar Christen jene Bewegungen unterstützten, die für soziale Gerechtigkeit wirken, also sozialistische, kommunistische Alle Kirchen und Gemeinschaften konnten nicht entsprechend politisch umgekrempelt werden oder wenigstens zum Teil nicht. Die WTG aber ist zum schärfsten antisozialen und damit antisozialistischen und antikommunistischen geistigen Schwert unter den kleinen Religionsgemeinschaften geworden. Die Zeit ist herbeigekommen, dem entgegenzutreten.

Die Wahlen waren ein guter Anlaß für alle Brüder und Schwestern, über alle diese Dinge wirklich nachzudenken, sie kamen ohnehin auf sie zu. Die Lösung der Fragen besteht in der Rückkehr zu urchristlichem Verhalten eingedenk dessen, daß es Gott selbst war, der mit der Schöpfung des Menschen seine sozialen Bedürfnisse und ihre Befriedigung begründet hat. Die biblische Königreichshoffnung enthebt nicht der sozialen Aufgabe, Pflicht und Verantwortung, die sich für jeden Menschen daraus ergibt. - 0. L.

Aus eingegangenen Briefen
Aus dem Bezirk Rostock schreibt ein Bruder zum Artikel "Erwartung - Hoffnung" (Römer 8:24, 25):
Sinngemäß hatte diese schon alles, Bruder Russel, der Gründer der Organisation, um die Jahrhundertwende vorausgesehen, wenngleich er hier und da damals noch verständlichen Irrtümern unterlag, besonders der Vollerfüllung im Jahre 1914.
Was ist aber, im Ganzen gesehen, aus dem Werk Russels nach seinem Tode gemacht worden? Eine überhebliche, überhitzte, lieblose, religiöse Fanatikerorganisation, beginnend mit dem Präsidenten Richter Rutherford. Die Leiter der Organisation maßen sich mit ihren Lehren, Aussprüchen und Erwartungen etwas an, was ihnen niemals zusteht, z. B. die Erfüllung von Hesekiel Kapitel 38 und 39. Darum ist es hohe Zeit, sich von ihr radikal zu trennen und ihre Irrlehren und Machenschaften, die unter der Leitung der Wachtturm-Gesellschaft üblich sind, bestimmt und beharrlich bloßzustellen, hier und überall in der Welt.

Aus Polen:
Möge Dir der Herr Deine Glieder stärken und Deine Lebenstage segnen, damit Du uns dienen kannst, mit Aufklärungen und Berichten über die WTG. Freue mich, daß Ihr über so viel Material verfügt, welches uns zum Nachdenken anregt und uns vieles erkennen läßt, was uns bisher verschlossen war … Übermittle bitte meine herzlichsten brüderlichen Grüße allen Mitarbeitern von CV. Ich grüße Euch mit Epheser 6:19; Philipper 4:7 und Kolosser 2:3. Euer Bruder und Mitkämpfer
P. St.

Aus Schweden:
Besten Dank für CV und Brief. Ich lese CV sehr gern, trotzdem mir das Deutsch sehr schwer fällt. Muß eben das Wörterbuch gebrauchen. Ich verstehe aber die Abhandlungen vollkommen und besonders interessieren mich die beiden ersten Artikel von Nr. 24. Ich habe alle Literatur von Brd. Goodrich und Schnell gelesen, aber es scheint, daß Deine Zeitung bis jetzt die beste ist . . .

Aus dem Bezirk Gera:
Die Nr. 24 ist wieder ganz vorzüglich. Außerordentlich gut gefällt mir Dein Leitartikel: "Bringen Jehovas Zeugen die biblische Wahrheit?" Wenn jemand aus der Wahrheit ist, dann müssen diese Wahrheiten wirken . . . Sende bitte CV an die angeführten Adressen . . .

A 6069-70 V 7 1 512

Zusätzliche Beilage:
WTG-Zweigdiener Konrad Franke, Wiesbaden, wegen 1975 Dienstamts enthoben
Als im Jahre 1966 bemerkbar wurde, daß viele derer, die sich einst mit der WTG verbanden, in ihr nicht mehr tätig waren, (Jahrbuch 1967, S. 42) setzte die WTG mit dem Jahre 1975 ein recht greifbares neues Datum für das gepredigte "Weltende" fest. Viele begannen sich aber zu fragen, warum das? Sagte Christus nicht, "euch gebührt es nicht, Zeiten und Zeitpunkte zu wissen"? Apg. 1:7. Man ist geneigt, als einen Hauptgrund anzunehmen, den zahlenmäßigen Rückgang des Werkes aufhalten oder wieder umkehren zu wollen, der sich 1966 zeigte. Dieses Vorhaben hat bis jetzt offenbar Erfolg gehabt. Die Teilnehmerzahlen vom Gedächtnismahl zeigen das unter anderem. Waren es 1966 noch ca. 1,9 Millionen, so waren es 1968 rund 2,4 Millionen Die Zahl der Heimbibelstudien stieg gegenüber dem Vorjahr sogar um 24 Prozent an. (Jahrbuch 1967, Königreichsdienst 1968, Nr. 8, 10)

Die neue Jahreszahl 1975 veranlaßt zunächst, um 50 Jahre zurückzublicken auf das Jahr 1925. Auch dieses Jahr wurde einst nach der vergeblichen Hoffnung, 1914 käme Harmagedon, als ein neues Enddatum festgesetzt. Auch damals war daraufhin ein zahlenmäßiges Ansteigen des Werkes bis 1925 zu erkennen. 1914 sammelte die WTG z. B. mit dem "Photodrama der-Schöpfung", einer Art Diapositiv-Bildserie mit Kommentar, täglich ca. 35 000 Zuschauer. Beim ersten öffentlichen Kongreß 1919 waren nur noch 7 500 zusamrnenzubringen. Zum Gedächtnismahl im Frühjahr 1925 waren jedoch wieder 90 000 beisammen. Im Herbst 1995 wurde das Ende erwartet. (Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben, S. 54, 88, 110)

Auch ein weiterer Vergleich zwischen 1925 und 1975 ist interessant Bezüglich 1925 wurde verkündigt, dieses Jahr sei sogar noch schärfer von der Schrift gekennzeichnet als das Jahr 1914. Das Jahr 1925 bringe einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, indem dann "vorbildliche Geschehnisse" ihre Enderfüllung erreicht haben sollen. Es würde 1925 eine Auferstehung von Abraham, Isaak, Jakob und anderer Treuer des Alten Bundes stattfinden. (WT 1923, S. 15, Goldenes Zeitalter 1924, Brosch. Millionen jetzt Lebender werden nie sterben, S. 53, 69. Siehe auch "Vom Zeugen Jehovas zum Zeugen Jesu Christi, S. 98-100, H. J. Twisselmann) Der langjährige Mitarbeiter des Bethel in Magdeburg und Brooklyn, William Schnell, berichtete später über die Erfahrungen von 1925: "So begingen wir den Jahresanfang 1925 mit langen Gebeten, weil wir in jenem Jahr auf das Erscheinen des Königreiches hofften und gleichzeitig bauten wir den materiellen Besitz der Gesellschaft immer mehr aus". (Falsche Zeugen stehen wider mich, S. 48, 51, Konstanz 1959) Wie werden Jehovas Zeugen den Jahresanfang von 1975 begehen?

Schon jetzt kracht es im Gebälk. Einerseits wird eine ausdrücklich als zuverlässig dargestellte Chronologie für 1975 gepredigt. Es wird gesagt, 1975 sei das Ende von "sechstausend Jahren der Existenz des Menschen" und "daß die Herrschaft Jesu Christi, des "Herrn über den Sabbat", parallel mit dein siebenten Millennium der Existenz des Menschen läuft".

Andererseits aber verkündigte WTG-Vizepräsident F. W. Franz hierzu in eigenartiger Weise: "Doch wir sagen das nicht!" Er meint, nicht mit Bestimmtheit. (Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes, S. 27-36, WT 1. 1. 1957, S. 23)

Einerseits sagt die WTG zu 1975: "Einige Personen, die zu dieser Generation gehören, werden das Ende dieses bösen Systems erleben. Es gilt sorgfältiger zu beachten, daß diejenigen, die im Jahre 1914 so alt waren, daß sie begriffen, was vor sich ging. . . jetzt weit über sechzig Jahre alt sind. Der größte Teil derjenigen, die damals erwachsen waren, ist bereits gestorben. Die Zeit, die noch verbleibt, ist demnach begrenzt, sie ist sehr kurz."

Andererseits aber verkündet die WTG im gleichen Zusammenhang: "Nach Ussher wurde Adam im Jahre 4004 v. u. Z. erschaffen. Nach dieser Berechnung wäre die Menschheit im Herbst des Jahres 1996 u. Z. sechstausend Jahre oder sechs Millennien alt, und nach diesem Jahr würde für die Menschheit das siebente Millennium ihres Daseins beginnen". (Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt, S. 95. - Hat sich der Mensch entwickelt . . . . ? S. 169 - Tausend Jahre Frieden nahen, S. 24, 25)

Ist die Frage nicht angebracht, warum zitiert die WTG noch vor dem Hinweis auf 1975 die Zeitrechnung von Ussher, die auf 1966 hinweist? Wenn 1996 nichts bedeutet, warum wird das dann überhaupt zitiert? Erweckt das nicht Fragen und Schwierigkeiten? Es muß aber einen Sinn haben, wenn es zitiert wird. Auf jeden Fall 1äßt dieses erkennen, daß sich der "große Bruder" in Brooklyn nicht unabänderlich auf 1975 festlegen will.

Diese Widersprüche fordern offenbar schon ihren Tribut, ihre Opfer, auch unter den höchsten Dienern! Es zeichnen sich neue Erscheinungen zwischen den leitenden Brüdern, zwischen denen, die fest auf 1975 setzen und damit auf die bisherigen Versprechungen von Brooklyn und nichts anderes gelten lassen wollen ab, sowie denen, die ihre Bedenken gegenüber 1975 haben und sich sehr gern nun plötzlich auf neue Berechnungen, wie dies Brooklyn z. Z. mit dem vorsichtigen Zitat Usshers von 1966 tut, stützen möchten. Die Sache hat inzwischen dramatische Formen angenommen Schließlich müßte es 1975 um Leben und Tod gehen, um den Beginn des ewigen Lebens auf Erden oder um einen Irrtum, der das ganze Werk der WTG erschüttern würde.

Wie aus Kreisen der WTG-Organisation in Westdeutschland bekannt wird, wurde Zweigdiener Konrad Franke, Wiesbaden, am 1. 10. 1969 im Zusammenhang mit 1975 seines Dienstamtes enthoben. Franke habe sich nicht an die Sprachregelung von WTG-Vizepräsident F. W. Franz, Brooklyn, gehalten, bezüglich 1975 im Grunde unverbindlich zu bleiben. Er habe im Gegenteil bei verschiedenen Anlässen immer wieder erklärt, und zwar im Namen der WTG, 1975 sei endgültig, unumstößlich, 1975 sei alles vorbei. Franke sei wiederholt ermahnt worden, die bisherigen Versprechungen fallen zu lassen, aber er sei bei seiner Überzeugung geblieben.

Mit der Amtsenthebung Frankes will das Hauptbüro in Brooklyn nun den westdeutschen Zweig wieder vollkommen in die Hand bekommen und ihre bisherige einheitliche Linie wahren. Daß Franke mit seiner Meinung nicht allein steht, zeigen die weiteren Vorgänge im westdeutschen Zweigbüro selbst. Bisher fest auf das gebaut, was Brooklyn erklärte, verlangen sie jetzt, daß Brooklyn zu dem bisher Gesagten steht. Wie einst 1949 ein Uhlig u. a. fest an die "unmittelbar bevorstehenden Ereignisse" glaubten, jedoch ihren Standpunkt sehr schnell durch die Realitäten wieder verließen, hält Franke und seine Glaubensbrüder fest an die bisherigen Versprechungen von Brooklyn.

Die Katastrophe von 1925 konnte unter anderem dadurch abgefangen und die Verluste an Gliedern vor einem Total dadurch gerettet werden, daß 1925 noch nicht die äußerste Grenze "dieser Generation" erreicht war. Das ist aber 1975 der Fall. In CV Nr. 21 unter dem Thema: "N. H. Knorr mißachtet die Warnung von J. F. Rutherford", wurde auf folgende Äußerung von WTG-Präsident Rutherford hingewiesen: "Jehovas Getreue wurden in ihren Erwartungen für die Jahre 1914, 1918 und 1925 enttäuscht. Später lernten die Treuen, daß sie keine Daten mehr festsetzen sollten". (Rechtfertigung I, S. 332, Magdeburg 1932) WTG-Zweigdiener Konrad Franke ist mit Sicherheit erst der Anfang der Kette interner Dramen, die im Blick auf 1975 beginnen.

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