Kommentar zu den eingescannten CV-Ausgaben
CV 29

Für die Heutigen ist das Datum 1975 eines aus der Vergangenheit. Für etliche genauso weit entfernt wie 1925 oder 1914. Alles Daten von denen man weiß: Sie wurden von der WTG im endzeitlichem Sinne strapaziert. Die Generationen "lösen sich ab". Einige vermögen sich noch darüber aufzuregen, dass beispielsweise in der Wachtturmausgabe vom 1. 11. 1995 die These zum alten Eisen gelegt wurde (wie immer bei der WTG bei solch heiklen Dingen - in einem Wortschwall sonstiger, nichtssagender Worte eingebettet). Also 1995 wurde die These endgültig zu den Akten gelegt, "die Generation von 1914 werde nicht vergehen", die davor zum Standardrepertoir der Zeugen Jehovas gehörte.

An diese geschichtliche Zäsur mag so manch einer sich noch persönlich erinnern, denn 1995 liegt ja noch nicht so übermäßig lange zurück. Aber 1975? Sicher etliche erinnern sich auch daran. Aber es gibt auch inzwischen eine neue Generation, die das so nicht bewusst miterlebt hat. Da kann es nicht verkehrt sein, einmal einen Rückblick zu tun, auf die Zeit vor 1975. Just auf jenem Zeitpunkt, wo diese These damals "neu auf dem Markt" war. Dies ist in dieser CV-Ausgabe möglich.

 


CV Christliche Verantwortung

Informationen der Studiengruppe Christliche Verantwortung
Konto-Nr. 4564-49-20156 Bank für Handel und Gewerbe 65 Gera Straße des 7. Oktober

Nr. 29 Gera Januar 1970

CV - ihr Zweck
Christliche Verantwortung leitet an zu rechtem Forschen in der Heiligen Schrift und zu verantwortungsbewußtem Verhalten als Christ und Bürger. Übereinstimmend damit befaßt sich CV mit Verkündigung und Organisation der Wachtturmgesellschaft. CV ist hier die erste Schrift verantwortungsvoller freier Diskussion für alle Versammlungen der WTG und ihrer einzelnen Glieder. Ehemalige möchten ihre Erfahrungen in CV kundtun, um zu helfen.

Was geht im Bethel in Wiesbaden vor?
Durch zur Zeit noch unvollständige Mitteilungen von Brüdern aus Westdeutschland, wurde "Christlicher Verantwortung" bekannt, daß im Bethel Dinge geschehen, die nicht mit der Einheit und Liebe im Vertrauen auf Jehova zu vereinbaren sind.
Wir bitten alle Brüder, denen diese Dinge bekannt sind, uns ausführlich zu informieren, um allen Lesern eine sachliche Auskunft geben zu können.

Reichtum zum Segen verwenden - nach den Worten des Jakobus
Liebe Brüder und Schwestern!
"Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde". Jakobus 4:17 (Elbf. B.).
In letzter Zeit haben wir in "Christlicher Verantwortung" des öfteren auf den "ungeheuren materiellen Reichtum" der Wachtturmgesellschaft hingewiesen. Es soll uns nun nicht wundern, daß der Apostel Jakobus uns auch über den Reichtum etwas Besonderes zu sagen hat. Jakobus tut dies in einer besonderen Weise, ihm ist es um die Reichen bange. Es ist bekannt, daß die leitenden Männer der WTG auf Jahre hinaus ihre Pläne fertig haben und wissen, wo und wie sie den finanziellen Gewinn erhaschen werden, hier sind sie emsig tätig. Jedoch werden sie träge, schlaff, unwillig, irgend etwas zu tun, stumpfsinnig und unbeweglich, dann nämlich, wenn es gilt, materiell "Gutes zu tun", etwa in sozialer Hinsicht. Da ist ihre Tatkraft plötzlich verbraucht und dieser schlaffe Unwille macht sie vor Gott schuldig. Darum sagt die Schrift in gut deutsch ausgedrückt:

"Darum, weil du tausenderlei mit Eifer tust und in deiner energischen Arbeitsamkeit hoch einherfährst, wo es deinen Vorteil gilt, darum liegt es als Sünde auf dir, wenn du Gutes siehst, das im Bereich deines Vermögens liegt und recht gut von dir getan werden könnte, und es doch nicht tust." Gerade die Emsigkeit im Dienste des eigenen Vorteils macht uns die Trägheit in vielem Guten zur Sünde, die uns Gott als Schuld anrechnen wird.

Hier tritt der Grund zutage, warum Jakobus dem gewinnsüchtigen Übermut die Nichtigkeit der natürlichen Existenz entgegenhält. Das Zuviel an Arbeitsamkeit und Tatkraft hat ein Zuwenig Gutestun neben sich. Es sind uns damit zwei gänzlich verschiedene Lebenshaltungen vergegenwärtigt Die eine zielt auf das Gute, zu dem wir dadurch ausgerüstet werden, daß uns Gott den Blick dafür schenkt und uns zeigt, wie es zu verwirklichen ist. Ist uns ein solcher Blick geschenkt, der wahrnimmt, wie das für die anderen Wohltätige und Heilsame hergestellt werden kann, so liegt darin die Berufung zum entschlossenen Fleiß und zur rüstigen Tat. Damit ist uns der Weg gewiesen, auf dem unsere Kraft für die anderen und für uns selbst fruchtbar wird. Leider wird dieser Blick bei der WTG-Führung weitgehend vermißt. Der andere Weg fährt in das selbstsüchtige Begehren. Da bewegen sich unsere Pläne und unsere Arbeit nur um den eigenen Vorteil und Gewinn, um das eigene Werk. Das bringt zuerst eine rege Anspannung unserer Kräfte und eine emsige Ausnützung unserer Zeit hervor. Aber so stellen wir den ganzen Lebensbau in die Luft. Wir haben dann uns selbst gedient und sind nicht mehr als ein flüchtiger Hauch und haben die Hand, die uns hält, vergessen und was Gott uns auch tun heißt, nicht getan. Darum endet solch eine Regsamkeit und Tatkraft beim Nichts. Dieser letztere Weg dürfte genau auf die Leitung der WTG hinweisen, sie geht diesen Weg seit Jahrzehnten. Es dürfte uns nun nicht verwundern, wenn der Apostel Jakobus noch ganz was Besonderes dazu zu sagen hat. Lesen wir Jak. 5:1-3.
"Wohlan nun ihr Reichen, weinet und heulet über euer Elend, das über euch kommt! Euer Reichtum ist verfault . . . . ; ihr habt Schätze gesammelt in den letzten Tagen". (Elbf. B.).

Um die Reichen ist es Jakobus bange; er fürchtet für sie das schwerste Elend, das für sie an derselben Stelle entsteht, an der sie sich nach ihrer Meinung ihr Glück geschaffen hatten. Denn das, was sie aus ihren Schätzen machten, bringt das Elend über sie, sie häuften sie auf. Sie brauchten sie nur, um sie zu besitzen. Sie brauchten sie für sich selbst nicht, noch weniger für andere. Dieser angehäufte Reichtum wird als Verkläger gegen sie zeugen, denn er überführt sie, daß die Mittel, die ihnen Gott gab, ungenutzt zum Guten liegen ließen, weil sie nur ihnen selbst dienen sollten. Sie wußten Gutes zu tun und taten es nicht.

Jedoch Jakobus heißt die Reichen nicht deshalb jammern, weil sie soviel Geld haben, sondern zeigt auf diese Weise hin, wie sie ihr Geld anwenden und verbrauchen. Er wußte damals genau so gut wie wir heute, daß Reichtum ein großer Vorteil sein kann. Er bietet die Mittel zum Großen, nicht nur für selbstsüchtige Zwecke, sondern auch zu großem Werk mit reicher Frucht, die er als ein edler und reiner Gottesdienst preist und dem Bruder sozial hilft. (Jakobus Kap. 2). Jakobus warnt aber vor dem Betrug des Reichtums, vor dem Wahn, als sei er uns dazu gegeben, damit wir ihn haben, als sei er der Zweck und nicht das Mittel, als sei er uns nur für uns selbst gegeben. Die Reichen, die Jakobus jammern heißt, haben nicht verstanden, warum Jesus uns den ungerechten Haushalter als Vorbild hinstellt (Lukas 16:1 ff), sie haben vielmehr überlegt und emsig nach dem Gewinn von Geld gelebt. Was tun andere christliche Gemeinschaften und Kirchen doch mit ihrem Geld dagegen für wohltätige und soziale Werke. Ohne dies machen wir uns freilich aus unserem Besitz einen Strick, der uns erwürgt. Der Rost am Golde zeigte, daß es unbenutzt in der Schatzkammer des Reichen lag. Es ist das Wahrzeichen seiner Schuld, die in ein scharfes Gericht Gottes kommt. Möchte das Direktorium die Worte des Jakobus beherzigen. Man kann den Vergleich mit Jakobus auch noch weiter ziehen. Er sagte, die Schuld des Reichen wird dadurch besonders schwer, weil er die letzte ihm gegebene Frist nur dazu zu verwenden weiß, um sich noch mehr Reichtum zu verschaffen. Die WTG-Leitung hat sich mit der Verkündigung von 1975 möglicherweise selbst ein Ende gesetzt, so daß die noch verbleibenden sechs Jahre bis dahin ihre letzte Frist sind.

Die Worte des Jakobus sollten darum sehr anregen, die Handlungsweise zu überprüfen. Wenn dies im Auge behalten wird, sollten sich da nicht Stimmen gegen das WT-Direktorium erheben in Anbetracht dieser kurzen noch verbleibenden Zeit von sechs Jahren schnellstens dazu übergehen, ihre Statuten zu ändern, um einen Weg zu öffnen, ihre Milliarden an die Notleidenden, besonders unter den Brüdern und Schwestern, zu verteilen. In diesen sechs Jahren würde sie sowieso die Milliarden Menschen nicht mehr erreichen, die sie bisher nicht erreicht hat, weil dafür alle Voraussetzungen fehlen. (Siehe CV Nr. 28). Wozu braucht sie also noch ihren Riesenapparat? Er ist umsonst. Die schnelle Aufteilung des Reichtums wäre tatsächlich eine gute Nutzanwendung, besonders für alle, die für das Werk Leben, Hab und Gut hingaben, um ihnen nun endlich etwas Gutes zu erweisen (Matth. 25:40).
Oder wird sie so handeln, wie es in Matthäus 19:16-24 aufgezeichnet ist: Als er durch Jesu aufgefordert wurde, seinen Reichtum den Armen zu geben er betrübt hinwegging??

Wir möchten aber auch der Brüder und Schwestern gedenken, die ihre Arbeitskraft der Wachtturm-Gesellschaft zur Verfügung stellen und dafür nur geringes Entgelt erhalten, was den Reichtum des Direktoriums noch vergrößern hilft, ganz gleich, ob sie als Pionier oder Arbeiter im Bethel (d. h. Haus Gottes) tätig sind. Lassen wir wieder Jakobus sprechen: "Sieh! Der Lohn der Arbeiter, die eure Felder ernteten, den ihr zurückbehalten habt, schreit, und die Rufe der Schnitter sind zu den Ohren des Herrn Zebaoth gelangt …" Jak. 5:4-6.

Nicht nur kein Segen für viele, sondern ein Fluch ist ihr Reichtum geworden. Die Macht, die er ihnen gab, haben sie zur Bedrückung und Benachteiligung derer benutzt, die ihnen dienen mußten. Warum in einer "göttlichen Organisation" Unterschiede unter den Arbeitern gemacht werden, ist unverständlich. Wenn man schon göttliche Grundsätze ausleben will, so muß man auch danach handeln, denn einer sollte soviel gelten als der andere, da wohl jeder sein Bestes gibt. (Rö, 12:9, 10). Wenn man schon einige Tarife oder Grundsätze aufstellt, dann sollten sie den biblischen Lehren entsprechen, dies nur kann Segen bringen. Die Bibel sagt: "Des Wohltuns aber und Mitteilens vergesset nicht, denn an solchen Opfern hat Gott Wohlgefallen." (Hebr. 13:16; 3. Mose 19:13; 5. Mose 24:14).

Aber noch eine Schuld hat Jakobus ihnen vorzuhalten. Die Macht, die ihnen das Geld gibt, hat sie auch zu Verwaltern des Rechts bestellt. Sie haben aber dieses Amt mißbraucht, um den, dessen Sache gerecht war, zu vernichten. Das heißt, alle, die sich nicht ihrer Autorität beugten, wurden dem Tode überliefert. Treten diese unrechten Machtanmaßungen nicht auch in der WTG in Erscheinung? Auf Grund ihrer angemaßten Autorität fordern sie unbedingten Gehorsam. Wer sich nicht beugt, wird mit Fluchsprüchen dem 2. Tod überliefert. Niemand hat ein Recht, irgendwie etwas beanstanden zu wollen, er ist dann ein Verdammter.

Wir sollten uns nun die Frage stellen: Haben uns die Worte des Jakobus heute nichts mehr zu sagen? Die Formen und Verhältnisse haben sich im Laufe der Zeit geändert Wir würden heute wahrscheinlich andere Bilder wählen. Aber nicht um die Bilder geht es, sondern um das, was sie zeigen wollen. Jakobus zeigt uns deutlich, daß der, welcher sozial verantwortungslos handelt, die Liebe verleugnet und damit auch den Glauben.

Möchte deshalb das WT-Direktorium Worte und Mahnung des Jakobus beherzigen und dadurch ein bewußtes soziales Handeln zutage treten lassen. Soll man sich wundern, wenn im Blick auf das von dem WT-Direktorium selbst auf 1975 neu festgesetzte Weltende Stimmen aufkommen, die fordern, nun das Geld, das von den Brüdern und Schwestern der Organisation gegeben wurde, zurückzugeben, besonders denen, die bedürftig sind? Würde das WT-Direktorium im Einklang mit den Worten von Jakobus (2:14-26) auch soziale Werke vollbringen, so könnte mancher Vorwurf erspart bleiben. Aber sie denken nur an ihr eigenes unsoziales Werk.
Die WT-Führung würde gut tun, wenn sie sich die Worte des Jakobus zu Herzen nehmen würde, um weiteren Gefahren zu entgehen.
Es grüßt Euch, liebe Brüder, mit Sprüche 11:28, 29
Euer Bruder Willy Müller und Mitverbundene
65 Gera, Lutherstraße Nr. 16

Erwartungsvolles Hoffen - in bezug auf 1975 - ist dies biblisch begründet?
(Fortsetzung)
Zur Aktion 1975!
Wir haben uns entschlossen, diesen Artikel in Gestalt eines Briefwechsels zu bringen. Nicht, um etwa das Modell zu liefern für einen "idealen Dialog" mit den Brüdern und Schwestern der WTG, sondern weil wir hoffen, auf diese Weise eine lebendigere Gestaltung und klarere Abstufung zu schaffen.

Liebe Freunde!
Vor einiger Zeit sandte ich Dir und Deinen Mitarbeitern Ausführungen über einige der neuesten Erkenntnisse, die uns die Gesellschaft in ihren Schriften darlegt. Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr einmal ausführlich Stellung nehmen könntet. Natürlich interessiert mich in besonderer Weise, was Ihr über die neue Erkenntnis bezüglich 1975 und über die Versuche zur Rückgewinnung früherer Königreichsverkündiger denkt. Oder seid Ihr grundsätzlich gegen Jehovas Zeugen?
Mit freundlichem Gruß
Werner Gründlich

Lieber Werner!
Wir sind gern bereit, zu den ausgesprochenen Fragen Stellung zu nehmen. Es ist doch sehr erfreulich, daß Du im Gegensatz zu manchen anderen an einem sachlichen Gespräch interessiert bist. - Natürlich sind wir nicht gegen Jehovas Zeugen. Wir gehörten ihnen selbst ja viele Jahre an und kennen die Lehren und Gepflogenheiten in Euren Reihen genau. Wir sind grundsätzlich weder gegen die Katholiken, noch gegen Adventisten, noch gegen irgendeinen anderrn Menschen oder Gruppe Menschen an sich. Eine ganz andere Frage ist die, ob wir eure Überzeugung teilen können, nach unserer Erfahrung, ob sie im ganzen oder in einzelnen Stücken einer Überprüfung am allein maßgeblichen (den Maßstab gebenden) Worte Gottes standhält.

Vielleicht ist es gut, daß wir das gleich am Anfang festhalten und im weiteren Verlauf unseres Gespräches uns stets daran erinnern, auch ohne daß wir es immer neu aussprechen. Wir unterscheiden und müssen unterscheiden zwischen der zu untersuchenden Sache und der Person dessen, der sie vertritt. Die Liebe und Achtung Euch gegenüber ist für uns Christen unaufgebbar und geradezu selbstverständlich. Sie darf uns nicht dazu verleiten, zu verschleiern und zu beschönigen, wo ein klares und ernstes Wort um der Wahrheit willen nötig ist. Denn nur damit ist doch - und das gilt für jede Diskussion - dem Gesprächspartner wirklich gedient. Darum: In der Sache klar und wahr, wenn es sein muß auch "glashart" und das nicht trotz, sondern wegen der Liebe zu Euch, denn mit weniger als dem redlichen Bemühen um die Wahrheit ein Gespräch zu führen, wäre unehrlich, verantwortungslos und lieblos.

Doch nun zur Sache selbst: Ist der neue Termin 1975 von Gott? Zunächst erscheint es uns wichtig zu sein zu fragen, was bisher denn überhaupt offiziell über 1975 gesagt ist, und daran muß abzulesen sein:
Wie ernst nimmt die Wachtturm-Gesellschaft dies neue Datum? Da fällt uns zunächst auf, daß sie die 1975 Vorhersage nicht etwa in einem Hauptartikel des Wachtturms - und damit für das gewohnte Studium - vorgelegt hat, sondern in der freundlichen Verpackung interessanter Kongreßberichte, und zwar in einer Zusammenfassung von "begeisternden Ansprachen" (WT vom 1. 1. 1967 Seite 18-23).

Vielleicht ist es Dir recht, wenn wir Dir erst einmal schildern, was wir beim Lesen dieses Artikels empfunden haben. Wir hatten den Eindruck, als ob die ganze "NeueWelt-Gesellschaft" mit neuem Schwung erfüllt werden soll: "Hört zu! Hört zu! Hört zu! Jehova Gott hat für sein Volk gesorgt und es zusammengerufen. Da er ein Gott des Vorhabens ist, hat er etwas zu sagen. Deshalb hört zu!" So zitiert der WT-Artikel die Worte des Vorsitzenden auf den rollenden Bezirksversammlungen der ZJ in den USA, Kanada, Großbritannien und auf dem europäischen Festland. Und das Echo der Zuhörer? "Begeisternd", "spannend", "aufregend", so berichtet der WT. Doch was war denn so begeisternd auf den Bezirksversammlungen 1966? Dies frugen wir uns. Etwa das neue englischsprachige Liederbuch, dessen "leuchtende Farbe den Eindruck eines Meeres von purpurschillernden Blüten" erweckte? Die "unvergeßlichen Szenen", in denen mit "Kostümen und Tonuntermalung" biblische Begebenheiten vorgeführt wurden? Oder die Ansprache von Präsident N. H. Knorr, unter dem Thema: "Mit feuerbeständigem Material auf den rechten Grund bauen?" Oder die Herausgabe des neuen Buches in englischer Sprache: "Life Everlasting - in Freedom of the Sons of God" (Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes)? Nein, erst beim Weiterlesen wurde uns dann das eigentlich Aufregende enthüllt. Wir zitieren den Wachtturm: ". . . der Vorrat an Büchern war bald erschöpft. Sofort wurde der Inhalt untersucht Es dauerte nicht sehr lange, bis man die Tabelle fand, die auf Seite 31 beginnt, und die zeigt, daß 6000 Jahre des Daseins des Menschen im Jahre 1975 enden. Erörterungen über dieses Jahr 1975 überschatteten nahezu alles andere. Das neue Buch zwingt uns zu erkennen, daß Harmagedon wirklich sehr nahe ist, sagte ein Kongreßbesucher Das war bestimmt eine der hervorragenden Segnungen, die wir mit nach Hause nehmen konnten!"

Dies war also tatsächlich das eigentlich "Aufregende"! Wir verstehen das gut, könnte es "hervorragendere Segnungen mit nach Hause zu nehmen geben - für die Brüder und Schwestern, die seit Jahren und Jahrzehnten nichts sehnlicher erwarten und treppauf und treppab verkündigen - als dies, das Harmagedon sehr nahe ist"?

Noch vor 1975? - Brd. Franz: "Es könnte das bedeuten … Doch wir sagen das nicht"! Es mußte uns auffallen, lieber Werner, daß der Vizepräsident der Gesellschaft, F. W. Franz, sich nicht festlegen will. Die WTG und ihre Glieder sollen schließlich auch noch in dem Fall ihr Gesicht behalten, daß "Harmagedon" doch nicht so nahe war, wie man 1966 dachte und wie man in dem Buche "Life Everlasting" nahelegte . . . Wirst Du nicht auch das Empfinden haben, wenn Du den folgenden Absatz aus dem WT liest, das Brd. Franz sich ein Meisterstück an Scheinwissen geleistet hat, so daß, wer Freude an rednerischer Spiegelfechterei hat, hier auf seine Kosten kommen kann. Jedenfalls versucht er mühsam zu balancieren zwischen linientreuem Bekenntnis zum "neuen Licht" des Buches "Life Everlasting" auf der einen Seite und dem offensichtlichen Bemühen, für sich nach 1975 einen Ausweg offen zu halten. Auf der anderen Seite: "Das Jahr 1975".

Auf der Versammlung in Baltimore gab Brd. Franz in seinen Schlußworten einige interessante Kommentare Über das Jahr 1975. Er begann beiläufig damit, indem er sagte: "Gerade, bevor ich auf das Podium ging, kam ein junger Mann zu mir und sagte: 'Sag, was bedeutet dieses Jahr 1975' Bedeutet es dieses oder jenes oder noch irgend etwas anderes?" Auszugsweise wiedergegeben fuhr Brd. Franz fort zu sagen: Ihr werdet die Tabelle (auf den Seiten 31-35 im Buche Life Everlasting) gesehen haben. Sie zeigt, daß 6000 Jahre menschlicher Geschichte im Jahre 1975, in ungefähr neun Jahren enden werden. Was bedeutet das? Bedeutet es, das Gottes Ruhetag 4026 v. u. Z. begann? Es könnte so gewesen sein! Das Buch L. E. sagt nicht, daß es nicht so war. Das Buch gibt lediglich die Chronologie an. Ihr könnt sie annehmen oder ablehnen. Wenn es sich jedoch so verhält, was bedeutet das für uns?' (Er ging ausführlich auf Einzelheiten ein und zeigte, wie begründet das Jahr 4026 v. u. Z. als Datum für den Anfang des Ruhetages Gottes ist.).

"Was ist nun mit dem Jahr 1975? Was wird es bedeuten, liebe Freunde?", fragte Brd. Franz. "Bedeutet es, daß Harmagedon dann vorüber und Satan bis zum Jahre 1975 gebunden ist? Es könnte das bedeuten! Es könnte das bedeuten! Alle Dinge sind bei Gott möglich. Bedeutet es, daß Babylon die Große bis 1975 beseitigt ist! Es könnte das bedeuten. Bedeutet es, daß der Angriff Gogs von Magog auf Jehovas Zeugen stattfinden wird, um sie zu vernichten, und daß Gog dann selbst außer Tätigkeit gesetzt wird? Es könnte das bedeuten! Doch wir sagen das nicht. Alle Dinge sind bei Gott möglich. Doch wir sagen das nicht! Und möge auch niemand von euch sich irgendwie bestimmt äußern und etwas sagen, was zwischen der Gegenwart und dem Jahr 1975 vor sich gehen soll. Doch der wichtige Gedanke bei all diesem, liebe Freunde, ist der: Die Zeit ist kurz. Die Zeit läuft ab, darüber besteht keine Frage."

Brd. Franz wollte, nach seinen Eingangsworten zu urteilen, auf die ihm gestellten Fragen der Brüder eingehen. Hast Du etwa den Eindruck, daß er ihnen eine wirklich klärende Antwort gab? Was er sagte, ist doch unverkennbar:

eindeutig zweideutig.

Ist bis 1975 das Endgericht von Harmagedon vollzogen? Das ist und war die Kernfrage, um die sich das Rätselraten der Brüder drehte. Brd. Franz antwortete weder "JA" noch "NEIN" oder besser: beinahe JA und zugleich fast NEIN: "Es könnte das bedeuten" (viermal sagte er das) und "Doch wir sagen das nicht" (zweimal in einem Absatz). Ist das nicht eine merkwürdige Sache: Man legt ein Datum vor mit mathematisch genauem "chronologischen Nachweis", sagt, was das bedeuten könnte, und erklärt zugleich, man sage es nicht? Doch schon beim Kommentar zur Chronologie des neuen Buches waren die Erklärungen von Franz so widerspruchsvoll. Zunächst ist alles sehr sicher. "Ihr werdet die Tabelle in dem Buche … gesehen haben. Sie zeigt, daß 6000 Jahre menschlicher Geschichte im Jahre 1975, in ungefähr neun Jahren enden werden." Dann stellt Franz das Ausgangsjahr der Berechnung in Frage: "Bedeutet es, daß Gottes Ruhetag 4026 v. u. Z. begann? Es könnte so gewesen sein. Das Buch sagt nicht, daß es nicht so war". (Es sagt doch, daß es so war). Schließlich ist die Sache aber wieder sehr gewiß Der WT-Bericht fährt fort: "Er (Franz) ging ausführlich auf Einzelheiten ein und zeigte, wie begründet das Jahr 4026 v. u. Z. als Datum für den Anfang des Ruhetages Gottes ist".

Lieber Werner, in dieser Rede ist doch tatsächlich nur eins eindeutig, ihre Zweideutigkeit. Du und alle lieben Brüder und Schwestern in der WTG möchtet Ihr doch erkennen, welch ein Versteckspiel wird da wieder mit Euch getrieben! Wenn das Jahr 1975 und seine chronologische Herleitung so "begründet" ist, warum macht da der WT-Vizepräsident so viele Winkelzüge? Kann aber für die Datierung von Anfang und Ende dieses "Ruhetages Gottes" nur gelten: "Es könnte so gewesen sein", warum wird dann so eine Tabelle überhaupt vorgelegt?

Wenn man darüber, was der Endtermin bedeutet, nichts gesagt haben will ("Doch wir sagen das nicht"), warum sagt man es dann doch: "Es könnte das bedeuten?" Warum überhaupt chronologische Aufstellungen vorlegen, wenn man nicht weiß und wissen kann? Jesus, unser Herr, dem wir doch Gehorsam schulden, hat uns gesagt: "Es gebührt euch nicht, Zeiten und Zeitpunkte zu wissen". (Apg. 1:7). Das Reden in Zweideutigkeiten hat er uns auch nicht gestattet. Euer Wort soll eindeutig sein: Ein JA ist ein JA, ein NEIN ist ein NEIN. Jedes Mehr und Darumherum ist vom Teufel" (Matth. 5:37; Riethmüller, vergl. Jak, 5:12; 2. Kor. 1:19).

Wir meinen, lieber Werner, die leitenden Brüder der Gesellschaft müßten selbst ihren neuen Endzeittermin ernster nehmen, wenn Ihr ihn als biblische Erkenntnis annehmen und wir ihn einer gründlicheren Untersuchung wert erachten sollen. Wir erwarten Deine Antwort und es grüßen Dich Dein
Brd. D. u. W. M.
und alle Ehemaligen in CV.
Fortsetzung folgt.

Zwölf Jahre meines Lebens
von Gerhard Peters (3. Teil)
Zum Schluß des 2. Teiles:
Es wurde geschildert, wie Gerhard Peters ein Zeuge Jehovas wurde, und es waren in der Hauptsache die Verheißungen von irdischem Glück und Frieden, die ihn aufmerksam machten und schließlich zur eigenen Hingabe führten. Der WT trägt das zwar alles im Namen Jehovas und Christi vor -, wenn es aber genau auf den Inhalt betrachtet wird, so ist es ein Appell an das realistische, natürliche und damit materialistische Verlangen des Menschen, das der WT andererseits so verurteilt. Es ist ein Verlangen, aus dem normalerweise die sozialen Bedürfnisse des Menschen hervorgehen. Damit ist das Hauptmotiv fast aller Zeugen Jehovas ein rein natürliches Sinnen und Trachten, gerichtet auf das Irdische. "Kannst du ewig in Glück und Frieden leben?" war das öffentliche Hauptthema von WTG-Präsident N. H. Knorr auf dem "Mehrung-der-Theokratie-Kongreß" 1950 in New York, USA, um Menschen in großer Zahl zu gewinnen. "So wurde auch ich gepackt", bemerkte Bruder Peters. Dieser Eingriff der WTG in die soziale Sphäre des Lebens wurde als eine Ursache der politischen Reibungen genannt, in denen sich die WTG befindet. Das stellte sich damals natürlich noch nicht so deutlich dar. Der 2. Teil endete dann mit einem neuen Problem:

Dann aber entwickelte sich zwischen meiner Frau und dem Wachtturmstudienleiter der Versammlung mehr als christliche Nächstenliebe.

Eines Tages trat eine Frau an mich heran - sie wohnte bei uns in der Straße, und sagte: "Herr Peters, sind Sie Herr Peters?" - Ich sage "ja, Sie wünschen?"
"Sagen Sie mal, Herr Peters, ich gucke mir das schon eine ganze Weile mit an. Sind Sie eigentlich auch ein Zeuge Jehovas, wie dieser Herr Neumann?" -
Ich sage wieder "ja".
"Ach", sagt sie, dann ist das, glaube ich, etwas anderes." Ich sage wieso? - warum fragen Sie denn?" -
"Ich sah neulich Ihre Frau mit diesem Herrn Neumann noch abends spät auf der Straße gehen." -
Ich fühlte in diesem Moment förmlich, wie mir das Blut ins Gesicht stieg, und ich konnte den Gedanken, daß mir da jemand Hörner aufsetzt, einfach nicht unterdrücken.

Ein WT-Studienleiter setzt mir Hörner auf.
Plötzlich glaubte ich nun auch die Vorgänge des vorhergegangenen Sonntags zu verstehen. An diesem Tage war nämlich nach dem WT-Studium folgendes geschehen:
Ich hatte aus dem Nebenraum unsere Garderobe geholt, und als ich nun mit unseren Sachen den Königreichssaal betrat, da sah ich gerade noch, wie der Bruder Neumann meiner Frau etwas sagte und dann weg ging, um seine Sachen, die er zum WT-Studium benötigt hatte, wegzuräumen. Nichtsahnend half ich meiner Frau in den Mantel, und ich war doch sehr überrascht, als sie mir nun plötzlich erklärte:

"Ich gehe noch nicht mit - ich möchte noch so lange warten, bis Sylvi fertig ist."
Auf meinen Einwand, daß das aber noch eine ganze Weile dauern kann, und daß ich doch mit ihr noch gerne einen Schaufensterbummel gemacht hätte, erwiderte sie mir nur ganz schnippisch-. "Was nützt mir schon Dein Schaufensterbumrnel - Du kannst mir ja doch nichts kaufen. Ich warte jedenfalls, bis Sylvi fertig ist und auch mitgeht, und wenn Dir das nicht paßt, dann kannst Du ja schon losgehen und Deinen Schaufensterbummel allein machen!"

Ich kannte meine Frau ja bereits gut genug, und ich wußte daher auch ganz genau, daß es zwecklos ist, sie von einem einmal gefaßten Entschluß abzubringen, und so wartete ich eben auch so lange, bis der "Bruder Sylvi" endlich kam.
Der Zorn, der damals in mir rumorte, war keine Eifersucht; sondern ich fühlte mich einfach tief gekränkt, daß meine Frau so wenig Rücksicht auf mich nahm.

Die ganze Woche hatte ich 800 m unter der Erde geschuftet und wenn ich zu Hause war, dann war für mich noch lange kein Feierabend; dann hieß es für die Weiterbildung lernen, um es später einmal besser und leichter zu haben. Der Sonntag war also der einzige Tag in der Woche, an dem man auch mal ein wenig mehr an die Familie und an sich denken konnte.

In Gegenwart von dem Sylvi war dann meine Frau später auf dem Heimweg wie umgewandelt, und ein stiller Beobachter, der uns nicht kennt, hätte gewiß annehmen müssen, das die beiden miteinander verheiratet sind, und daß ich nur so ein lästiges Anhängsel bin.
Von diesem Sonntag an habe ich kaum noch einmal einen Spaziergang mit meiner Frau gemacht; denn sie entdeckte nun plötzlich ihr Herz für den Felddienst.
Dieser Eifer hatte aber einen Haken. Sie ging nämlich nicht, wie es so üblich ist, mit einer anderen Schwester in den Dienst, sondern, wie kann es schon anders sein, mit diesem Sylvi, weil sie, wie sie mir so schön erklärte, bei ihm so viel lernen konnte.

Obwohl in meinem tiefsten Inneren eine leise Stimme immerzu warnte, verließ ich mich doch ganz auf meinen Verstand, und dieser sagte mir: "Laß sie ruhig gehen. Die augenblickliche Schwärmerei wird schon bald vergehen, wenn sie bemerkt, daß dieser Sylvi auch nur ein Mensch ist."

Ich habe mir weiterhin gesagt: "Dieser Mann ist verheiratet und ist noch dazu ein leitender Bruder - was kann da schon groß passieren."
Was ich zuerst für ein Strohfeuer gehalten hatte, wurde dann aber doch immer mehr, und es verging nun kaum noch ein Tag, an dem nicht dieser Sylvi zu uns kam, und ich habe in meiner damaligen Verblendung auch dann noch immer gedacht, daß dies alles nur reine brüderliche Zuneigung zu uns ist.

Eines Tages, als ich aus der Schule kam, lag, wie in letzter Zeit so oft, mal weder ein Zettel auf dem Tisch mit dem üblichen Wortlaut:
"Bin in den Felddienst gegangen. Mache Dir das Essen warm, das von gestern übriggeblieben ist. - Hannelore - "
Verstimmt murmelte ich für mich hin: "Na, Essen hättest Du wenigstens noch vorher kochen können", und damit wäre eigentlich die Angelegenheit für mich erledigt gewesen, wenn dieser "Felddienst" nicht bis mitten in die Nacht gedauert hätte.

Es verging Stunde um Stunde, und meine Unruhe wurde immer größer. Kurz nach 24 Uhr kam sie dann endlich, und als ich ihr dann sagte: "Dein Diensteifer in allen Ehren" aber das geht ein wenig zu weit", da sagte sie:
"Na ja, es ist heute ein wenig spät geworden, weil ich mit Sylvi noch bei seiner Tante - die wohnt in Neumühl - war."

Am anderen Morgen, als ich mich von meiner Frau verabschiedete, kam mir plötzlich folgender Gedanke: "Du müßtest eigentlich in Zukunft auch mal etwas mehr Felddienst tun", und so machte ich ihr spontan den Vorschlag: "Du, wollen wir nicht beide mal zusammen am nächsten Sonntag in den Dienst gehen? Durch die dauernde Überbelastung bin ich während der letzten Zeit sehr wenig dazu gekommen, und gewiß würde uns dieser gemeinsame Dienst mal ganz gut tun."
Ich habe meiner Frau in der folgenden Zeit noch mehrmals denselben Vorschlag gemacht; aber immer wieder die Antwort erhalten: "Nein, das geht leider nicht, ich bin bereits mit Sylvi verabredet." -

Jeder, der sich in meine Lage versetzen kann, wird es verstehen können, daß ich nun langsam anfing, ein wenig ungehalten zu werden, und als dann eines Tages noch diese Frau aus der Nachbarschaft an mich herantrat und mir berichtete, daß sie meine Frau mit diesem Sylvi wie ein Liebespärchen spät abends auf der Straße gehen gesehen hätte, da platzte mir doch endgültig der Kragen, obwohl ich mir immer wieder einzureden versuchte: "Na, die Leute machen gewiß mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten."

Zu Hause angekommen, sprach ich natürlich sofort mit meiner Frau über diesen Vorfall, und im Laufe des nun folgenden Wortgeplänkels sagte ich dann zu ihr:
"Hör zu, ich möchte das nicht mehr, daß Du noch weiterhin mit dem Sylvi in den Felddienst gehst; denn man spricht schon in der ganzen Siedlung über uns, und es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit als Zeugen Jehovas, so etwas zu verhindern - auch wenn es, wie in Deinem Fall, harmlos ist. Auch möchte ich hier in der Siedlung nicht als Hanswurst gelten, und was noch schlimmer ist, es fällt auch ein schlechtes Licht auf die Organisation."

Die Reaktion meiner Frau kann ich nicht beschreiben; denn das muß man schon selbst erlebt haben. Sie bekam einen richtigen hysterischen Anfall, und dabei fielen von ihrer Seite die übelsten Schimpfworte, die ich hier nicht anführen möchte, weil sie einfach zu gemein waren. Auf alle Fälle schrie sie mir unter anderem immer wieder ins Gesicht: "Du hast mir gar nichts zu verbieten, und ich gehe in den Felddienst mit wem ich will und wie lange ich will!'

Die viele Arbeit und meine angebotene Gutmütigkeit ließen auch diesmal wieder Gras über alles wachsen, und außerdem war ich fest davon überzeugt, daß der gemeinsame Glaube ganz gewiß stärker sein würde als alle bestehenden Mißstimmigkeiten. Trotzdem war es deprimierend zu sehen, was mit dem Gottesdienst - dem Felddienst der Zeugen Jehovas - alles verbunden sein kann. Allein die Nachsicht von mir - dem man später die Gemeinschaft entzog - hat die Sache aber immer wieder so einigermaßen im Lot gehalten.

Heute wundere ich mich darüber nicht mehr, daß es vielen widerstrebt, alles Persönliche im Leben immer mit Jehova in Verbindung zu bringen.
Obwohl mir das damals nicht bewußt war, waren dies alles Erlebnisse, die mir die Illusion einer göttlichen Führung der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas am eigenen Leibe offenbarten, als das Maß voll war. -

Wo ist der Geist Gottes im täglichen Leben?
Es war dann 1953 die Zeit gekommen, wo unser erstes Kind zur Welt kommen sollte. Meine Frau hatte sich während der Schwangerschaft grundlegend geändert und glücklich sahen wir dem für uns großen Ereignis entgegen.

Doch da erhielten wir plötzlich eines Tages ein Telegramm aus Bayern, aus dem ersichtlich war, daß meine Schwiegereltern aus der DDR geflüchtet waren und sich nun dort in einem Flüchtlingslager befanden.
Nun teilten sie uns mit, daß sie in absehbarer Zeit zu uns kommen wollten. Selbstverständlich stimmte ich dem zu; denn ich dachte mir, daß es gewiß für Frau meine große Hilfe sei, wenn ihre Mutter ihr während der letzten Zeit der Schwangerschaft und auch bei der Entbindung zur Seite stehen wurde. Ja, und dann kamen sie auch einige Tage später bei uns an. Wegen Wohnraummangel konnten sie natürlich nicht bei uns wohnen; aber sie hielten sich doch während der Tageszeit bei uns auf und gingen nur abends zum Schlafen in das nicht weit von uns entfernte Flüchtlingslager.

Was ich erhofft hatte, trat leider nicht ein; denn von Stund an ging es mit meiner Ehe unaufhaltsam bergab. Ich war nur noch der Geldverdiener, der den Lohn abzuliefern und dann wieder zur Arbeit zu verschwinden hat. Zu sagen hatte ich bei dem Regiment, das meine Schwiegermutter führte nichts mehr, und für jeden Groschen, den ich ausgab, sollte ich Rechenschaft ablegen.

Ich bin bestimmt kein Mensch, der das Geld vergeudet, und Biertrinken und in Kneipen sitzen, hat es bei mir nie gegeben. Trotzdem rechnete man es mir als Verschwendung an, wenn ich nach Schichtende mal eine Flasche Brause getrunken habe.

Endlich war eines Tages das Kind da - ein kleines Mädchen - und ich konnte es vor Freude gar nicht fassen, daß dieses kleine Bündel Mensch da vor mir nun in unser Leben getreten war. Aber schon wenige Tage später gab es die ersten Schwierigkeiten; denn bei dem Kind traten plötzlich Verdauungsstörungen auf, und ich machte mir natürlich die größten Sorgen, zumal meine Schwiegermutter sich auch keinen Rat wußte, und so frug ich dann meine Schwester um Rat. Sie hatte schon mehrere Kinder gehabt und hatte darum auch schon etwas mehr Erfahrung, und sie sagte mir, daß man bei Verdauungsstörungen dies und jenes tun müsse; denn das habe ihr der Kinderarzt einmal verordnet und das habe gut geholfen.

Zu Hause angekommen war es natürlich das erste, daß ich das, was mir meine Schwester geraten hatte, erzählte; doch da fuhr mich meine Schwiegermutter gleich mit den Worten an: "Was Deine Schwester sagt, geht uns überhaupt nichts an, und sie soll man ihre "guten Ratschläge" für sich behalten."

Natürlich war ich von diesem Ton meiner Schwiegermutter ein wenig aufgebracht und so erwiderte ich: "Ich kann doch mal einen gutgemeinten Rat geben - egal, ob er von meiner Schwester stammt oder nicht - und außerdem habe ich als Vater wohl noch das gute Recht, mir Sorgen um mein Kind zu machen."
Doch da fuhr meine Schwiegermutter wie von einer Natter gebissen herum und schrie mich an: "Was, Du der Vater? jetzt willst Du auf einmal der Vater sein? - Vor so viel Unverfrorenheit kann man nur mit dem Kopf schütteln; denn vor ein paar Tagen hast Du doch noch hier im Hause erklärt, daß Du gar nicht der Vater bist!" -

Ich glaube kaum, daß es mir jemand verdenken kann, daß mir damals der Geduldfaden riß und ich in ziemlich energischer Form Auskunft verlangte, wer diese ungeheure Verleumdung über mich verbreitet hatte.
Zuerst wollte meine Schwiegermutter nicht mit der Sprache heraus, und erst, als sie merkte, daß sie den Bogen doch zu sehr überspannt hatte, nannte sie mir den Namen.

Ich stellte natürlich diese Frau sofort zur Rede, und dabei stellte sich dann eindeutig heraus, daß meine Schwiegermutter die Wortverdreherin gewesen war. In Wirklichkeit war nämlich am Tage der Geburt meiner Tochter folgendes geschehen:
Ich traf im Treppenhaus eine gewisse Frau Krenn - diese Frau wohnte direkt unter uns -, und als sie mir zur Geburt meiner Tochter gratulierte, sagte ich folgendes:

"Recht herzlichen Dank, Frau Krenn; aber eigentlich gebührt doch meiner Frau die Ehre; denn sie hat ja die meiste Arbeit dabei gehabt, und die meiste Last und Sorge. Ich persönlich habe eigentlich herzlich wenig dabei tun können."
Genau in demselben Sinn hatte es diese Frau auch meiner Schwiegermutter erzählt, und die hatte natürlich nichts Eiligeres zu tun, als alles nach ihrem Sinne umzudrehen. Aber so etwas bringt nur ein Mensch fertig, der mit Gift und Galle erfüllt ist. Und das waren Zeugen Jehovas, die sich gegenseitig mit "Bruder" ansprechen und bei denen die Liebe zu ihrem Nächsten an erster Stelle stehen soll. -

Ich war in diesen Tagen unglücklich wie nie zuvor in meinem Leben, und unter diesem seelischen Druck kam es nun immer häufiger vor, das ich oftmals die Gefahren, die unter Tage überall lauern, nicht mehr bemerkte, und so kam es dann auch, daß ich eines Tages die Schrämmaschine nicht bemerkte, die sich durch den Riß des Haspelseils selbständig gemacht hatte, und nun wie eine Lokomotive den Streb heruntergeschossen kam. Nur eine Reflexbewegung im letzten Augenblick rettete mir das Leben, und so kam ich mit einer zerquetschten Hand und aufgerissenem Rücken noch einmal mit dem blauen Auge davon.

Selbstverständlich wurde ich sofort ins Krankenhaus geschafft, und man hatte auch sofort meine Frau von dem Unfall unterrichtet. Doch wer nicht kam, um nach mir zu sehen, war meine Frau - nur meine Schwiegermutter kam und schaute kurz herein, um zu sehen, ob sie mich nun endlich los sind oder nicht.

Ich hatte wahnsinnige Schmerzen, und darum hatte mir ein Bettnachbar eine Zigarette angeboten, um mir etwas Linderung zu schaffen, und das sah nun ausgerechnet meine Schwiegermutter, die in Moment gerade das Krankenzimmer betrat.
Ohne erst einmal zu fragen, was mir fehlt, legte sie gleich vor all den anderen Kranken los: "Du willst ein Zeuge Jehovas sein, der genau weiß, daß Rauchen ein von Jehova verpöntes Laster ist!? Aber so bist Du eben und denkst nur an Dich. Du solltest Dich schämen, das Du als Zeuge Jehovas so wenig Beherrschung aufbringst!"

Mir war der Auftritt meiner Schwiegermutter natürlich sehr peinlich, und ich habe darum auch nichts auf ihre Vorhaltungen erwidert; denn ich wollte auf keinen Fall noch mehr Öl aufs Feuer gießen. Nicht den geringsten Geist von Verständnis, Mitgefühl oder Nachsicht - von Takt ganz zu schweigen - brachte sie auf, und das als Frau eines Versammlungsdieners.

Meine Frau kam erst am dritten oder vierten Tag zu Besuch, trotzdem das Krankenhaus nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung entfernt war.
Ich habe das alles damals noch nicht auf die Goldwaage gelegt; denn ich war noch jung, und als junger Mensch verliert man eben nicht so schnell den Glauben und die Hoffnung, und man besitzt auch noch das Gespür, Intrigen, die gegen einem gesponnen werden, zu bemerken. Böse Gedanken kamen mir darum gar nicht in den Sinn; denn ich war fest überzeugt, daß Menschen, die zum "Volke Gottes" gehören, gar keine schlechten Absichten im Schilde führen können. -

Zum ersten Mal vor dem Brüderkomitee
An einem Sonntagnachmittag kommt der Versammlungsdiener Werner Kolpatzek nach der Versammlung auf mich zu und spricht mich an: "Bruder Peters, willst Du vielleicht noch eine Weile hierbleiben? - Wir haben mit Dir noch etwas zu besprechen."

Ich wartete völlig ahnungslos, und nach einer Viertelstunde wurde ich dann in ein Zimmer gebeten. Dort war das Brüderkomitee zusammengetreten - der Versammlungsdiener, Gruppendiener, Hilfsgruppendiener und Bibelstudiendiener.
"Wir müssen mit Dir einmal ernsthaft sprechen", begannen sie. Von Deiner Frau ist bei uns eine Eingabe gemacht worden, daß Du sie an der Ausübung des Felddienstes hinderst."
Wie vom Donner gerührt konnte ich nur noch fassungslos stammeln: "Was, ich hindere meine Frau am Felddienst?"
"Ja, Du hast gesagt, sie soll lieber zu Hause bleiben und sich um das Essen kümmern, anstatt in den Felddienst zu gehen." -

Natürlich versuchte ich nun, die Sache so hinzustellen, wie sie sich wirklich zugetragen hatte, und ich erwähnte dabei auch die Angelegenheit mit dem Sylvi und dem Gerücht, das in der Siedlung im Umlauf war, und daß ich meine Frau mehrmals gebeten hatte, mit mir oder mit einer Schwester in den Dienst zu gehen.
Ich konnte reden, was ich wollte, aber man glaubte mir nicht so richtig; denn da waren ja auch noch meine Schwiegereltern, die genau so ausgesagt hatten, wie meine Frau, und außerdem zeigte meine Verkündigerkarte so einige Lücken in bezug auf die Erfüllung meiner Quote. Ja, und das Letztere war auch wohl der Ausschlag dafür, daß man mich einfach zum Lügner stempelte, indem man sagte:

"Denke bitte immer daran, daß Du wohl Menschen, aber niemals Gott täuschen kannst, und wir möchten Dich darum heute noch einmal ernsthaft ermahnen, in Zukunft mehr an das Gleichnis von dem Baum, der keine Fruchte trägt und ins Feuer geworfen wird, zu denken, und außerdem solltest Du mehr daran denken, daß eine Frau nun mal das schwächere Gefäß ist, dem man mit aller Feinfühligkeit zur Seite stehen muß."

Diese Worte waren deutlich genug, und ich glaube, in diesem Moment, als es für mich darum ging, schon im Interesse der Wahrheit und auch im Interesse meiner Ehe standhaft zu bleiben, fühlte ich plötzlich bittere Reue in, mir aufsteigen; denn ich erinnerte mich daran, einmal in einem Wachtturm gelesen zu haben, daß jeder aufrichtige Diener Gottes - auch wenn ihm von seiten der leitenden Brüder Unrecht zugefügt wird -, sich nicht dagegen auflehnen soll; sondern er soll dieses Unrecht als eine Prüfung Gottes betrachten und alles in Demut tragen.

"Du hast Deinen Dienst für Jehova wirklich in letzter Zeit sehr vernachlässigt", dachte ich, "und Du kannst darum auch keine Hilfe von ihm erwarten, wenn Du auch in Zukunft den weltlichen Dingen den Vorzug gibst."
Je mehr ich in den folgenden Tagen darüber nachdachte, um so mehr stieg in mir die Angst auf, nicht nur meine Frau, sondern auch Gottes Gnade für immer verloren zu haben.

Von dieser Angst getrieben, bei dem Wettlauf auf Leben und Tod bereits ein ganzes Stück zurückgeblieben zu sein, nutzte ich nun in der Folgezeit jede freie Stunde, um in den Felddienst zu gehen. Über jedes Buch und jede Zeitschrift, die ich verkaufen konnte, freute ich mich wie ein kleines Kind; doch nachts, wenn ich abgespannt und übermüdet über meinen Schularbeiten saß und kaum noch fähig war, etwas in mir aufzunehmen, kam mir immer häufiger der Gedanke: "Warum quälst Du Dich eigentlich noch mit diesem unnützen Kram ab, wo doch in wenigen Jahren schon Harmagedon kommt."
Fortsetzung folgt.

Wer nicht wider uns ist, ist für uns
Belehrung Jesu über Duldsamkeit, Markus 9: 38-41, nach Dr. Hermann Menge
Eine falsche Form der Gottesanbetung
"Ich denke auch noch an die Zeit . . . von Bruder Rutherford . . . (wo) wir mit Plakaten und einem Banner mit der Aufschrift 'Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang' durch den New Yorker Broadway zogen. Die Passanten schauten uns zwar kopfschüttelnd nach, aber das wichtigste war, daß die Aufmerksamkeit auf die Botschaft gelenkt wurde". So beschreibt Mary Hannan, Bethelmitarbeiterin und Korrekturleserin bei der NW-Bibelübersetzung, Brooklyn, New York, USA, in ihrer "Geschichte" im WT vom 1. Juli 1968 (deutsch) eine folgenschwere Lehre der WTG, von Präsident J. F. Rutherford aufgestellt, der von 1917 bis 1942 die WTG leitete.

Schüttelten die Passanten zu Recht den Kopf über diese WTG-Verkündigung? Die "theokratische" Antwort vom "treuen und klugen Knecht" aus Brooklyn, der leitenden Körperschaft der WTG, lautete bis 1950: "Religion ist jedes Tun" das Jehovas Willen widerspricht. Für Ohren, die auf die Begriffe der religiösen Christenheit abgestimmt sind, klingt diese Worterklärung zweifellos höchst seltsam . . . Letzten Endes wird Jehova Gott durch seine völlige Rechtfertigung über die Religion siegen". (Theokratische Hilfe, für Königreichsverkündiger, S. 303, WTG Wiesbaden 1950). Danach war das Verächtlichste, was es für einen Zeugen Jehovas geben konnte, ein Religionist' zu sein und Religion auszuüben.

Und doch schüttelten nicht nur die Passanten in New York zu Recht den Kopf über die Verkündigung, denn sie war von Anfang an in höchstem Maße falsch, provokatorisch und verleumderisch. Mit der Freigabe der NW-Übersetzung auf dem internationalen WTG-Kongreß im Juli 1950 im Yankee-Stadion in New York wurde das stillschweigend eingestanden und eine entsprechende Wende vollzogen. Jetzt wurde der Grundsatz aufgestellt, nicht jedes religiöse Tun widerspreche dem Willen Jehovas. Das war eine völlige Umkehrung der bisher diesbezüglich gelehrten "Grundwahrheit". Nun ging es nicht mehr gegen die Religion, sondern nur noch um die Form der Gottesanbetung oder Religion. Auch die Zeugen Jehovas übten nun eine Religion aus. (Was hat die Religion der Menschheit gebracht? Kapitel 1, WTG Wiesbaden 1953).

Es sei hier die Frage an Schwester Mary Hannan und Redakteur Günter Künz in Wiesbaden erlaubt, die die "Geschichte" im WT vom 1. Juli l968 verantworten: War nicht die bis 1950 weltweit betriebene Abstempelung aller anderen Christen als "Religionisten" eine Diffamierung? Wurde dadurch die "Botschaft" der WTG nicht eher abstoßend und unglaubwürdig als "bekannt"? Müßte sich die WTG nicht gemäß 2. Tim. 2:15 dieser Dinge schämen? Hat hier nicht Religion über angeblich Theokratisches gesiegt Ist es angesichts dessen nicht sehr bedenklich zu behaupten, die WTG vertrete immer die richtige Form der Gottesanbetung? Es zeigte sich jedenfalls, daß die "Passanten", die anderen Christen, eine richtige Form der Anbetung, einen richtigen Standpunkt bezüglich des Begriffes Religion hatten, die WTG dagegen nicht.

Eine wirkliche Schlinge
Auf dem New Yorker Kongreß von 1950 verkehrte der "treue und kluge Knecht" nicht nur den bis dahin geltenden "theokratischen" Begriff von Religion ins Gegenteil. Damit war auch eine religiöse Sanktionierung des seit 1879 im WT gleichzeitig geführten Kampfes gegen Sozialismus und Kommunismus verbunden. Das geschah, indem in den neuen Grundsatz, Religion könne falsche oder richtige Anbetung sein, einfach der Kommunismus als falsche "rote Religion" einrangiert wurde. (Was hat die Religion der Menschheit gebracht? Kapitel 1 und 25, WTG Wiesbaden 1953).

Damit gab es endlich eine Formel, den Zeugen Jehovas, die subjektiv mit Politik nichts zu tun haben wollen, das religiöse Gewissen zu beschwichtigen, wenn man sie in den Kampf gegen Sozialismus und Kommunismus führte. Ging die WTG in den 50-er Jahren doch zu schärfster antikommunistischer Politik über. So wurden z. B. auf der Grundlage der neuen Religionserklärung von 1950 die Kommunisten, die in Wahrheit als die entschiedensten Antifaschisten erwiesen sind, haßerfüllt und hemmungslos als "rote Faschisten" angegriffen und verleumdet. (Was hat die Religion der Menschheit gebracht? S. 10, Abschnitt 6, WTG Wiesbaden 1953). Auf der gleichen Grundlage verdrehte die WTG Sozialismus und Kommunismus für Christen aus einem sozialen und politischen System in eine "als soziales und politisches System getarnte Bona-fide-Religion" oder "falsche Religion". (WT 1. Okt. 1960, Wiesbaden). Offensichtlich war das seit 1950 verstärkte antikommunistische Vorgehen der WTG der politische Hauptgrund für die Beseitigung der bis dahin geltenden "theokratischen" Religionsdefinition.

Jetzt erst wurde Religion tatsächlich zu einer Schlinge und zu einem Gimpelfang in dem Sinne, daß die WTG ihren neuen Religionsbegriff mißbrauchte, um die Verkündiger damit "religiös begründet" zum Kampf gegen Sozialismus und Kommunismus einzufangen, die "unpolitischen" Verkündiger-Gewissen beschwichtigend. Das ist wirklich ein Gimpelfang, ein Einfangen Einfältiger. Die Bibel gebietet nämlich nicht, die Ordnung des Sozialismus zu bekämpfen und Antikommunismus zu betreiben, sondern sie gebietet dagegen, "aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen untertan sein". Sind Sozialismus und Kommunismus nicht auch Ordnungen von Menschen? (l. Petrus 2:13).

Auch sie wollen Gott und Christus dienen
Es gelang unter WTG-Präsident Rutherford und seinem Nachfolger Knorr bis 1950, alle Zeugen Jehovas mit der "theokratischen" Religionsdefinition, die 1950 verworfen wurde, in eine äußerst feindselige, intolerante und rechthaberische Position gegenüber allen anderen Christen zu manövrieren. In eine Einstellung zu glauben, alle anderen Christen dienten Satan, dem Teufel, und seien die "gegenbildlichen" Baalsanbeter. Schon die verworfene Religionsdefinition beweist doch aber, daß jene geschmähten "Religionisten" durchaus im Recht waren, wenn sie über die WT-Form der Anbetung, für die in New York mit Plakaten und Banner demonstriert wurde, den Kopf schüttelten.

Man muß zu der Einsicht kommen, daß auch andere Christen eine bestimmte Form der Gottesanbetung und Nachfolge Jesu vertreten, die zwar anders ist als die der Zeugen Jehovas, aber die auch eine Form der Anbetung des einen und einzigen Gottes und des Dienstes für seinen Christus ist. Man muß anderen einräumen, daß auch sie an die Bibel glauben und auf ihre Art Nachfolger Jesu sind oder sein wollen, und daß sie in diesem Sinne aufrichtige Christen sind. Es ist im Grunde genommen tatsächlich so, daß sie sogar den gleichen Gott anbeten und dem gleichen Christus nachfolgen, denen auch Jehovas Zeugen dienen wollen. Die Unterschiede bestehen nur in der Form Anbetung. Es ist ohne jeden stichhaltigen Grund, wenn behauptet wird, die Menschen in anderen religiösen Gemeinschaften und Kirchen beteten Gott nicht an und seine keine Nachfolger Jesu. Sie sind es, nur auf andere Weise, über die man allerdings verschiedener Meinung sein kann. Aber Glauben an Gott und Christus kann man ihnen grundsätzlich nicht streitig machen.

Sprich einmal sachlich mit einem evangelischen oder katholischen Christen. Du wirst feststellen, wie auch sie an Gott und Christus glauben. Auch sie anerkennen die Bibel. Natürlich in anderer Form. Doch es ist gerade dieser unterschiedliche Glaube an den einen Gott und Christus und an die Bibel als sein Wort, worauf z. B. die WTG sich stützt, woran sie anknüpft, wenn sie andere für ihre Form der Anbetung gewinnen will. So ist es. Es ist die gleiche Glaubensgrundlage, der gleiche Gott, der gleiche Christus, die gleiche Bibel, gleich welcher Übersetzung. Es steht somit fest, daß auch die anderen Christen nicht wider Christus sein wollen oder sind, obwohl sie nicht mit den Zeugen Jehovas oder der WTG Christus nachziehen, sondern getrennt von ihnen.

Es muß auch einmal gefragt werden, woher die WTG eigentlich kommt. Sie ist eigentlich ein Kind der Adventisten, die ihrerseits von den Protestanten und diese wiederum von der Katholischen Kirche herkommen. Der erste Präsident und Gründer der WTG, Charles Taze Russel, war ursprünglich ein Glied der amerikanischen presbyterianischen Kirche, einer protestantischen, bevor er Adventist und anschließend Gründer der WTG wurde. WTGPräsident Joseph Franklin Rutherford, Russels Nachfolger, kommt aus einer amerikanischen Baptistenkirche, die von den Wiedertäufern der Reformation herkommt. WTG-Präsident Nathan Homer Knorr, Rutherfords Nachfolger, gehörte der amerikanischen reformierten Kirche an. Was die Masse der Zeugen Jehovas selbst betrifft, so kommen sie aus den verschiedensten christlichen Kirchen und Gemeinschaften.

Könnte man nun aber sagen, daß sowohl die WTG-Führer wie die Zeugen Jehovas in ihren ursprünglichen christlichen Kirchen und Gemeinschaften nicht an Gott und Christus geglaubt haben? Waren sie dort Anbeter des Teufels gewesen? Nein, das könnte man nicht sagen, sie haben auch dort an Gott, Christus und die Bibel geglaubt. ja, sie haben ihren Gottesglauben aus ihren ursprünglichen Kirchen und Gemeinschaften mitgebracht. Die ganze WTGVerkündigung baut doch grundsätzlich auf dem schon vorhandenen Gottesglauben bei denen auf, die gewonnen werden sollen.

Es muß also völlig zu Recht gesagt werden, daß sich durch die christlichen Kirchen und Gemeinschaften hin bis zu den Zeugen Jehovas ein zwar in der Form unterschiedlicher Glaube zieht, der aber doch stets ein Glaube an den gleichen Gott und Christus ist. Das ist unanfechtbar. Das kann nur in Unkenntnis, Unverständnis oder Böswilligkeit geleugnet werden.

Um die richtige Form der Anbetung
Sinngemäß sagt die WTG: Die anderen ziehen nicht mit uns Jesus nach, darum ist ihre Form der Religion falsch, darum bekämpfen wir sie, und verbieten sie bei uns. Nur unsere Form der Anbetung ist wahre Nachfolge Christi. Wörtlich sagt die WTG: "Der Apostel Paulus schrieb: Laßt euch nicht in ein ungleiches Joch mit Ungläubigen spannen. 2. Kor. 6:14. (Dies) ist auch eine Warnung vor jeder Beteiligung an interkonfessionellen Bestrebungen Man könnte sich sogar schon dadurch der Zusammenarbeit mit anderen Religionen schuldig machen, daß man sich an einem Gebet beteiligt, das von jemandem gesprochen oder gesungen wird, der kein ergebener Diener Jehovas ist". (WT 15. Sept. 1968, S. 566, Abs. 9. Wiesbaden)

Es ist nicht wahr, was die WTG hier behauptet. Die Worte des Apostels Paulus sind keine Warnung vor Beteiligung an interkonfessionellen Bestrebungen, an gemeinsamen Bestrebungen mit anderen Christen. Denn die Christen anderer Konfession sind gar keine Ungläubigen, wie festgestellt ist. Sie glauben doch auch an den gleichen Gott und Christus. Wie leichtfertig und oberflächlich wendet die WTG doch die Aussprüche der Bibel an. Wurden einst Christen anderer Konfession verächtlich als "Religionisten" abgestempelt, so werden sie hier gar zu Ungläubigen gemacht! Nur weil sie nicht mit der WTG auf den gleichen Glaubenswege ziehen. Wie tief führt doch eine unbedingte Rechthaberei anderen gegenüber ins Unrecht!

Hat denn die WTG wirklich eine so unanfechtbare Form der Religion entwickelt, daß sie berechtigt wäre, über jede andere christliche Konfession derartig den Stab zu brechen? Es wurde schon erörtert, in welche extremen Formen der Anbetung sich die WTG bis 1950 in der Frage der Religion verstieg. Ein sinnloses Diffamieren und Beleidigen anderer Christen. Dann wurde gezeigt, was für eine Schlinge in der WTG-Anbetung 1950 in politischer Hinsicht in Mißachtung von 1. Petrus 2:13 gelegt worden ist.

Dann beachte, was sich die WTG jahrzehntelang in der lebenswichtigen Frage der Obrigkeiten geleistet hat, im Verhalten zu Staat und Regierung. Auch hier griff sie sinnlos andere Christen an, die stets auf dem Standpunkt standen, daß die politischen Regierungen Obrigkeiten "von Gott" sind. Die WTG dagegen wollte bis 1962 selbst zu den Obrigkeiten gehören! Die Fälschung der Bedeutung von Römer 13:1-7 lag nicht bei anderen Christen sondern bei der WTG! 1963 war sie gezwungen, sich der Auffassung dieser anderen Christen in dieser Frage der Gottesanbetung anzuschließen. (WT Nr. 1-3, 1963, Wiesbaden)

Bescheidenheit angesichts der eigenen Irrwege, falschen Prophezeiungen und verworfenen Bibelauslegungen allein schon sollte es der WTG verbieten, anderen Christen hochmütig und selbstgerecht mit dem Anspruch entgegenzutreten, nur sie predige die einzige und endgültige rechte Form der Gottesanbetung, alle anderen hätten weder einen Geist Gottes oder Christi.

Einst waren die Jünger Jesu äußerst unduldsam und rechthaberisch in der Frage der Nachfolge Jesu. Es sollte unbedingt alles so gehen, wie sie es wollten. Der Bibelbericht darüber lautet: "Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben jemand, der nicht mit uns dir nachzieht, mit deinem Namen böse Geister austreiben sehen und es ihm untersagt. Jesus aber erwiderte: Untersagt es ihm nicht, denn so leicht wird niemand, der ein Wunder unter Benutzung meines Namens vollbringt, schlecht von mir reden. Wer nicht wider uns ist, ist für uns. Denn wenn jemand euch im Hinblick darauf, daß ihr Christus angehört, einen Becher Wasser zu trinken gibt, wahrlich ich sage euch, es soll ihm nicht unbelohnt bleiben". Markus 9: 39-41 Me.-

Aus eingegangenen Briefen
Aus Westdeutschland
Ich grüße Dich mit 1. Petr. 1:22, 23. - Liebet Euch alle mit Inbrunst aus reinem Herzen. Wie bitterböse sieht es in der Christenheit und unter den ehemaligen Bibelforschern aus? Man kann da genau so von einer Zerstreuung sprechen, wie bei den Israeliten. Wie wenig Grund haben gerade die Bibelforscher-Gruppen getrennt zu marschieren und tun es doch. Leider, lieber Bruder.
Da ich Dir unbekannt bin, zuerst einmal einige Hinweise. Ich war mit einem Bruder zusammen, der Dir gut bekannt ist. Er hat mir von Dir erzählt, wohl die halbe Nacht und ich wurde immer wieder wach. Sein Herz war voll - und eines muß man ihm lassen, er will jeden helfen, besonders, wenn er mit ehemaligen Zeugen zusammenkommt, zu denen ich bis 1960 gehörte. Ich konnte mit der Hilfe, ja ganz durch die Hilfe unseres geliebten Herrn entfliehn, es war ganz sein Werk!
Brd. St. gab mir 4 Nummern von CV und ich bin froh darüber und hätte natürlich Interesse dieses Blatt weiter beziehen zu können. Inzwischen habe ich die 4 CV einmal weiter verliehen. Der Artikel: "Ist die Zeit des Endes gegenwärtig?" in der Nummer 22, hat besonders Anklang gefunden, weil dieser Artikel genau auch unsere Gedanken darüber vertritt. Über die großen Superlativen des Unrechtes von seiten der WTG brauchen wir uns heute gar nicht zu unterhalten, da stimme ich voll und ganz zu und man ist erschüttert, wenn man nach Jahren wieder davon liest und mehr davon erfährt.

Ich bin ja wie viele andere ein Ausgestoßener, der zum 2. Tod Verdammter, weil ich gegen das Unrecht angekämpft hatte. So lebe ich als Verfemter mitten unter den sogenannten ZJ, weil ein Teil meiner Verwandten noch den ZJ angehört. Was ich schon litt und leide, will ich heute gar nicht zur Sprache bringen, einzig erst einmal den Bedarf anmelden, falls sich dieses bewerkstelligen läßt und es Dir keine Mühe macht, mich auch zu beliefern, wäre Dir zeitlebens sehr verbunden. Ich bin sicher, daß mehrere Brüder Dein Blatt ebenfalls lesen würden, doch liegt es mir nicht, Dir oder Euch lieben Brüdern Lasten aufzuerlegen. Vorläufig melde ich also nur meinen Bedarf an. Falls Du noch übrige CV mir senden würdest, wäre ich Dir sehr dankbar....

Brd. St. erzählte mir auch etwas über Malawi, wenn Du davon einen besonderen Bericht hast, sende ihn mir bitte. Hoffe, daß Du etwas darüber hast, ich hörte von 4 000 Konvertierten und ich freute mich zu lesen, daß diese nun zu einer freien Bibelgemeinde gehören, zu so einer, wie ich und Brd. St. auch gehöre.
Ich und andere Brüder freuen uns über den Stand der Wahrheit, die in Euch ist und sind in der Wahrheit mit Euch allezeit vor dem Thron der Gnade verbunden und schließen Euch warm in unsere Gebete ein. Möget Ihr bitte auch dasselbe für uns tun. Wenn es nun Dir und Euch nicht zu viel wird, will ich gern den Kreis der Leser unter meinen Brüdern vergrößern. Ich brauche nur Rat, wie der finanzielle Ausgleich geschaffen wird. Darüber konnte ich noch nichts erfahren.

Der Beitrag: "Ist die Zeit des Endes schon gegenwärtig?", wurde vervielfältigt und nach München und anderen Städten versandt, alles Brüder, die ein großes Auditorium haben und so die breitmöglichste Wirkung haben dürfte. Der Beitrag dient somit als Kriterium, daß noch andere Brüder so denken wie wir, den einen, die mit uns sind zur Freude, den anderen, die uns nicht beipflichten als Kriterium. Sicher wird dies Dich und Deine Brüder freuen und mit diesem Glauben möchte ich mich für heute verabschieden mit allen Segenswünschen, die jeder auf dem schmalen Pfad braucht, damit jeder das vorgesteckte Ziel, Zion erreicht zu des himmlischen Vaters Freuden; Ruhm, Ehre und Anbetung durch Jesum Christum! Amen. (Rö. 16:25)

Aus Westdeutschland:
Gott gebe Dir viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Gottes und Jesus Christus unseres Herrn!
Als ehemalige Zeugen Jehovas, wir verließen die WT-Gesellschaft 1960, unterhalten wir mit vielen Geschwistern regelmäßige Verbindung. Vor einiger Zeit besuchte uns ein Bruder, der ein paar Tage zuvor von einem anderen Bruder drei Exemplare Eures Blattes "Christliche Verantwortung" zum Lesen bekam. Uns allen war das Blatt neu und wir studierten es mit großem Interesse. Am besten gefiel uns der Artikel: "Ist die Zeit des Endes gegenwärtig?", unterzeichnet mit J. G. D. Auch wir sehen seit geraumer Zeit, daß die in Matth. 24 angegebenen Endzeiterscheinungen mit der Offenbarung parallel laufen und noch in der Zukunft liegen. Ich tippte den Vortag ab und schickte einen Durchschlag an eine süddeutsche Versammlung, die am vergangenen Sonnabend ihre Zusammenkunft hatte. Es kam gleich Antwort zurück und der dortige Versammlungsdiener äußerte, daß er sich sehr freue, daß die Geschwister nun endlich dahinter kommen, daß das, was die ZJ sagen, verkehrt ist. Er bemüht sich seit langem, Math. 24 und die Offenbarung in ihrem Verhältnis zueinander zu zeigen . . .

Gerade dieses Thema halten wir für "Speise zur rechten Zeit", zu dem Artikel "Ist die Zeit des Endes gegenwärtig?", wird darauf hingewiesen, daß in einem späteren CV noch weiter über die 3 ½ Jahre oder 3 ½ Zeiten gesprochen werden soll. Wenn Ihr uns diesen Vortrag zusenden könntet, sofern er schon veröffentlicht ist, würden wir uns freuen oder Ihr gebt uns die Anschrift von dem Bruder J. G. D.

Was nun die von den ZJ angegebenen Daten über Harmagedon betrifft, so haben sie viel Enttäuschung gebracht. Die Ereignisse, die sich 1975 einstellen sollen, stehen ja noch aus. Aber weiche Verwirrung wird bei den ZJ eintreten Vieles wird anders sein, als es die WTG lehrt! Der Herr holt die Seinen ja auch nicht bei der ersten Posaune, sondern bei der letzten, der 7. Posaune, heim … Was nun die "zwei Zeugen" aus Offenbarung 11 betrifft, so ist in vielen Versammlungen darüber auch großes Rätselraten. . . . Ein andermal mehr. Also, lieber Bruder, Dir und allen Lieben dort senden wir die herzlichsten Grübe und wünschen Euch Gottes reichsten Segen . . .

A 5188/69 V 7 1 2618

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