Jehovas Zeugen in der Nazizeit: Zusammengefasst. Teil II

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Dies ist der Teil II

Jehovas Zeugen in der Nazizieit. Zusammengefasst. Teil I

Er nannte sich „Oberlehrer"

Es ist ein makabres Dokument. Zugleich aber doch bezeichnend, für die Geisteshaltung, die da im NS-Regime dominant war. Hat man von Himmler's Schergen auch nicht viel anderes erwarten können als wie Brutaliät als Weltanschauung. So ist man doch einigermaßen geschockt, einmal das Weltbild jener zur Kenntnis zu nehmen, die sich da Lehrer oder gar Oberlehrer nannten und mit Zeugen Jehovas zu tun bekamen. Zwei berüchtigte Exemplare dieser Gattung sind ja bereits aus der Weimarer Republikzeit bekannt. Einmal der August Fetz, der es bis zum Schulrektor brachte und dann der Karl Weinländer alias „Hans Lienhardt" und noch einer Reihe anderer Aliasse. Sie hatten auch schon Furore gemacht mit wüsten Hetzparolen und mit der Unfähigkeit wirkliches Verständnis entwickeln zu können. Zu diesen Namen muss man noch einen Dritten hinzufügen: K. Herr aus Ichtershauen, der sich in einer Zeitschrift namens: „Monatsblätter für Straffälligenbetreuung und Ermittlungshilfe" (15 Jg. Heft 11/12; August-Septembr 1940) über „Die Bibelforscher in Strafhaft" zu verbreiten wusste. In seinem Erguss konnte man unter anderem lesen:

„Rassische Unterschiede gibt es nicht, da nach Auffassung der Bibelforscher alle Menschen gleichen Blutes und also gleich sind. Gegebenenfalls steht ein Neger oder ein Jude, sofern er Zeuge Jehovas ist, einem Bibelforscher näher als seine eigenen Angehörigen, erst recht näher als Angehörige seines Volkes. Die staats- und volksfeindlichen Bestrebungen der im Ausland sitzenden geistigen Zentralen der IVB gingen in Deutschland im wesentlichen auf folgende Ziele hinaus:

1. Verhinderung der Verbreitung und Anerkennung der Rassengesetze, d. h. Sabotierung der judenfeindlichen Tendenz unserer Weltanschauung durch den Gedanken der Menschengleichheit.

2. Sabotierung unserer Wehrfreiheit, indem dem Zeugen Jehovas aufgegeben wurde, die Wehrpflicht zu verweigern.

3. Unterhöhlung des Vertrauens des Volkes zur Volksführung, insbesondere zur Person des Führers, durch Ablehnung des deutschen Grußes, angeblich, weil das Heil nur von Jehova kommen kann.

Das Wesentliche, was bei ihrer Einlieferung in die Strafvollzugsanstalt auffällt, ist zunächst einmal ihre Unberührtheit durch die Strafe. Sie fühlen sich als Märtyrer und nehmen größtenteils als treue Zeugen Jehovas die Strafe auf sich. Zunächst sind sie allen Versuchen gegenüber, an sie heranzutreten, unzugänglich.

Es muss hier festgestellt werden, dass von aller weltanschaulichen Schulungsarbeit an politischen Gefangenen, die an den Bibelforschern zu den schwierigsten, langwierigsten und undankbarsten gehört.

Zum anderen machte sich eine Furcht vor einer Gottlosigkeit bemerkbar, indem Einzelne der Ansicht waren, dann, wenn sie nicht mehr Zeugen Jehovas wären, gottlos sein zu müssen.

Zur Frage der Rückkehr der Bibelforscher in die Volksgemeinschaft kann nach den hier gemachten Erfahrungen folgendes gesagt werden. Die unbelehrbar bleibenden Bibelforscher sind, soweit sich nicht wie in einem Fall wegen eintretender Geistesstörung die Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt notwendig macht, als gemeinschaftsunfähig grundsätzlich an einer Rückkehr in die Volksgemeinschaft zu hindern. Das geschieht durch ihre Unterbringung in den Konzentrationslagern."

Gleichfalls im betont negativem Sinne äußerte sich auch der Strafanstaltsleiter Liesche in seinem Aufsatz "Der Bibelforscher im Strafvollzuge" der in der Nummer 6/1937 der Zeitschrift "Der Deutsche Justizbeamte" erschien. Auch Liesche konstatiert, dass "bei fast allen 'Zeugen Jehovas' (es) sich um Gefangene handelt, die als Fanatiker ihrer Idee zu betrachten sind und sich als Märtyrer bezeichnen. Wenige sind nur unter ihnen, die durch die Strafverbüßung zur Einsicht gelangen. Darum muss der Strafvollzugsbeamte sie in erster Linie als Staatsfeinde betrachten und die Strafe in unerbittlicher Strenge gegen sie zur Anwendung bringen. Irgendwelche Lockerungen würden den Staat nur schädigen."

Liesche setzt sich auch mit der Sachlage auseinander: "Der § 112 Ziffer 5 der Dienst- und Vollzugsordnung besagt: 'Den christlichen Gefangenen sind die von den kirchlichen Behörden eingeführten Gebet- und Gesangbücher zu verabreichen; evangelische Gefangene erhalten ferner ein Neues Testament mit Psalmen, katholische Gefangene den Diözesankatechismus und ein Neues Testament oder die Biblische Geschichte. Jüdische Gefangene erhalten ein Gebetbuch.'"

Sein Kommentar dazu: "Diesen Zeugen Jehovas liegt bei ihren Einlieferungen in die Gefängnisse daran, die Bibel zu bekommen, damit sie ihre staatsfeindliche Einstellung durch planvoll zusammengesetzte Bibelstellen weiter verfolgen und wenn möglich auf andere Insassen der Gefängnisse übertragen können. Sache der Vollzugsbehörden soll es sein, zu verhindern, dass das Studium der Bibel zu Aufzeichnungen führt, die in staatsgefährlicher Weise verwendet werden können. Es ist somit dem pflichtgemäßen Ermessen der Vollzugsbehörden überlassen, wie sie das verhindern; die Hauptsache ist, dass sie es verhindern."

Eine analoge Feststellung wird man zu dem Aufsatz von H. Brandstätter, seines Zeichens Vorstand der Gefängnisse, Eisenach, treffen müssen. Unter der Überschrift „Erfahrungen im Strafvollzug an Gefangenen, die gegen das Verbot der Internationalen Bibelforscher bestraft worden sind", erschienen in den „Blätter für Gefängniskunde" Heft 1/1939, klagt er gleichfalls, dass versuchte Überzeugungsarbeit im Sande verlief:

„Bei der ersten Vorführung, genau wie bei den ersten Zellenrevisionen waren diese Gefangenen ganz ablehnend. Sie taten erhaben. Man spürte ihr inneres Hochgefühl als 'Zeuge Jehovas' gegenüber dem ungläubigen Satansdiener, der an dem demnächst kommenden besseren Zeiten des Tausendjährigen Reich Gottes nicht teilnehmen darf."

Auch Brandstätter klagt: „Nur teilweise, zum Teil gar nicht, gelang es mir, sie zu Überzeugen, dass der Bibelsatz (Du sollst nicht töten) in unserem heutigen Sprachgebrauch richtiger übersetzt sein müsse mit: Du sollst nicht morden."

Seine abschließende Klage kleidet er in die Worte:

„So optimistisch ich bei dem Blick auf die Gefangenen bin, so wenig bin ich es mit Rücksicht auf ihre Familien bei der Rückkehr nach der Entlassung.

Wer im Strafvollzug nicht zu einer Bejahung des Dritten Reiches oder wenigstens von der Bibelforscheridee abgekommen ist, gehört ins Konzentrationslager. Er wird von seiner Idee geleitet weiter ein Staatsfeind bleiben. Hier darf es keinerlei Rücksicht geben."

Ziel erreicht …

In die Rubrik Überblicksdarstellungen die Zeit 1933-45 betreffend, gehört auch das im Jahre 2000 in deutscher Übersetzung erschienene Buch von Eric A. Johnson unter dem Titel „Der nationalsozialistische Terror". Johnson stützt sich insbesondere auf eine Auswertung einschlägiger Aktenbestände der Gestapo aus dem Bereich Köln und Krefeld. Auch die Zeugen Jehovas kommen in seiner Betrachtung mit vor. Man kann sie diesen Aspekt betreffend, als weitgehend sachgerecht ansehen. Jedenfalls ist Johnson nicht der Gefahr erliegen, die man von einigen WTG-Gefälligkeitschreibern zur Genüge kennt, nur einen geschönten Bericht abzugeben. Er benennt sowohl Pro als auch Contra und als Resumee bleibt das Ergebnis zurück, dass das Ausmaß der tatsächlich eingetretenen Verfolgungsmaßnahmen, nur durch das „Singen" der davon mitbetroffenen möglich wurde. Jedenfalls erweist sich auch anhand dieser Darstellung, dass z. B. de Frost'schen Thesen „geschwiegen" zu haben in der Praxis nicht haltbar ist.

Symptomatisch ist dafür auch der wertende Satz von Johnson (S. 262):

„Diese Dokumente belegen, dass die Gestapo selbst bei den Zeugen Jehovas, die den Foltermethoden lange standhielten, schließlich doch ihr Ziel erreichte und die Informationen erhielt, nach denen sie suchte."

Nachstehend ein paar Auszüge aus den diesbezüglichen Ausführungen von Johnson:

Die Nachsicht, mit der die Polizei und die Gerichte die meisten Fälle von religiöser Opposition behandelten, zeigt einmal mehr, daß die Nationalsozialisten unterscheiden konnten zwischen geringfügigen Akten der Missbilligung, die sich gegen einige politische Maßnahmen und Führer des Regimes richteten, und ernsthaften Versuchen, die Autorität des NS-Staates zu untergraben. … Erinnern uns daran, dass das Regime gnadenlos reagieren konnte, wenn es sich bedroht fühlte. Eine Gruppe, die vermutlich wie keine andere den Mut fand, dem NS-Regime die Stirn zu bieten, waren die Zeugen Jehovas, die nach Juden und „Zigeunern" am meisten unter dem nationalsozialistischen Terror zu leiden hatten. … waren die Zeugen Jehovas in Deutschland eine vergleichsweise kleine religiöse Minderheit … Tief religiös, aufrecht, nüchtern und arbeitsam, stammten die Mitglieder dieser Gemeinschaft der „Ernsten Bibelforscher", wie sie auch genannt wurden, überwiegend aus den unteren Gesellschaftsschichten. …

Während einige nationalsozialistische Hardliner wie der Ideologe Alfred Rosenberg die Zeugen Jehovas ständig mit Bolschewisten, Freimaurern und Juden in Verbindung brachten, hatten andere NSDAP-Führer richtig erkannt, dass solche Vergleiche völlig unangebracht waren, denn die Zeugen Jehovas hatten für diese Gruppen wenig Sympathie und im Allgemeinen mit ihnen nichts zu tun. Wären sie bereit gewesen, mit der neuen Ordnung Kompromisse einzugehen, und hätten sie ihre Aktivitäten auf den religiösen Bereich beschränkt, wie die meisten anderen religiösen Minderheiten taten, dann hätte das Regime in ihnen lediglich eine unbedeutende Belästigung gesehen und sie weitgehend in Ruhe gelassen. Doch die Zeugen Jehovas waren unbeugsam.

Da sie in dem neuen Regime zunehmend die Inkarnation des Teufels sahen, verweigerten die Mitglieder dieser winzigen Glaubensgemeinschaft nicht nur jeden Kompromiss, sondern gingen mutig und häufig fanatisch in die Offensive. Obwohl ihre Gemeinschaft im Frühjahr 1933 verboten wurde, hielten sie weiterhin ihre Versammlungen ab, organisierten sich und warben neue Mitglieder an, zunächst ganz offen, später im Untergrund. Sie lehnten den Deutschen Gruß und jede Beteiligung an politischen Zeremonien oder politischen und betrieblichen Organisationen der NSDAP ab selbst wenn diese Haltung sie häufig die Stelle kostete, und sie weigerten sich auch dann noch, Militärdienst zu leisten, als das NS-Regime im Frühjahr 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt hatte. Wenn man ihnen anbot, eine Erklärung zu unterschreiben, sich jeglicher illegaler Tätigkeit zu enthalten und ihrem religiösen Glauben zu entsagen, um aus der KZ-Haft entlassen zu werden, langen Freiheitsstrafen oder sogar einem Todesurteil zu entgehen, ließen die wenigsten sich darauf ein. Aus Sicht des Regimes am schlimmsten war jedoch die Tatsache, dass die Mehrzahl der Zeugen Jehovas unverhohlen ihre Gegnerschaft zum NS-Regime demonstrierte, indem sie Flugblätter und Broschüren in Briefkästen steckten und vor Haustüren legten, die einzelne Beispiele für die nationalsozialistischen Grausamkeiten anprangerten, Folterer in der Partei, der Polizei oder Gestapo namentlich nannten und die Bevölkerung aufriefen, sich vom falschen Propheten Adolf Hitler abzuwenden und ihr Vertrauen in den wahren Erlöser Jesus Christus zu setzen.

Die Zeugen Jehovas mussten für ihre Unnachgiebigkeit und ihren Mut teuer bezahlen.

Vor dem „Röhmputsch« im Juni 1934 ging die SA mit ungezügeltem Terror gegen die Zeugen Jehovas vor; sie organisierte Boykotte ihrer Geschäfte, verwüstete ihre Wohnungen und Werkstätten hei Durchsuchungen und misshandelte sie gnadenlos in den Kellern der SASturmlokale. Nach der Ausschaltung Ernst Röhms setzten die Gerichte und die Gestapo den Terror fort. Das Maß an Sadismus allerdings blieb dasselbe. Wenn die Sondergerichte, die für die meisten dieser Fälle zuständig waren, in ihren Urteilen Milde walten ließen, »korrigierte« die Gestapo die gerichtlichen Entscheidungen und überstellte die Verurteilten unmittelbar nach Verbüßung ihrer Haft in ein Konzentrationslager. In der Regel beauftragten die Leiter der Gestapostellen jeweils einen besonders eifrigen Beamten, den Kampf gegen die Ernsten Bibelforscher zu führen, jemanden, der vor nichts zurückschreckte, um an Informationen zu kommen; manche Zeugen Jehovas überlebten ihre »Vernehmungen" nicht.

Der in Krefeld für die Zeugen Jehovas zuständige Gestapobeamte war Otto Dihr.

Aus den Akten eines Ermittlungsverfahrens wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das am 30. Januar 1948 auf Grund der Klage einer Zeugin Jehovas gegen ihn eröffnet wurde, gewinnt man einen Eindruck von der Brutalität seines Vorgehens und der Mittel, die auch von vielen anderen Gestapobeamten angewandt wurden. Als Dihr sechs Monate später, im Juli 1948, zu der Sache gehört wurde, bestritt er sämtliche Vorwürfe. Er war damals 46 Jahre alt, verheiratet und hatte eine zwölfjährige Tochter. Obwohl er zu dieser Zeit nicht mehr bei der Kripo beschäftigt war und von der öffentlichen Fürsorge lebte, gab er als Beruf Kriminalobersekretär an, seinen letzten Rang. Dihr war 1902 in Krefeld als Sohn einer Kleinbauernfamilie geboren und hatte noch acht Geschwister. Nach Verlassen der Volksschule hatte er bei der Feldarbeit mithelfen und sich mit um die jüngeren Geschwister kümmern müssen. Mit zwanzig Jahren war er in den Polizeidienst gegangen, zunächst zur Brandenburger Schutzpolizei, und hatte bis 1926 in Berlin als Verkehrspolizist gearbeitet. Im April desselben Jahres wurde er nach Krefeld versetzt, wo er bald darauf zur Kripo ging. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung kam er zur Krefelder Gestapo, und im Mai 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.

Während seines Prozesses kamen zahlreiche Beispiele für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Sprache. Die 26-jährige Frau, die gegen ihn geklagt hatte, war immer noch Mitglied der Zeugen Jehovas und arbeitete als Büroangestellte in Düsseldorf. Nachdem sie vor Gericht ausgesagt hatte, sie habe von vielen Menschen gehört, dass sie von Dihr misshandelt und ohne Gerichtsurteil ins Konzentrationslager geschickt worden seien, schilderte sie ihre eigenen bedrückenden Erfahrungen, als sie 1943 selbst von Dihr verhört wurde:

»Als ich demselben auf seine Fragen nicht die gewünschte Auskunft gab, verabfolgte er mir eine kräftige Ohrfeige. Dann rief er telefonisch zwei weitere Gestapobeamte, die mich in den Keller führten. Dort traf nach kurzer Zeit Dihr ein. Auf Veranlassung von Dihr zogen mich die beiden Beamten über einen stehenden Tisch. Nach Aufhebung des Kleiderrockes schlugen dann die beiden Beamten mit einem Stock oder etwas ähnlichem auf mein Hinterteil. Nach mehreren Schlägen hielten die Schläger [inne] und Dihr befragte mich erneut. Als ich dann noch keine befriedigende Antwort gab, wurde erneut auf mich eingeschlagen, bis ich erklärte, daß ich aussagen wolle. Darauf wurde ich wieder nach oben gebracht, wo Dihr dann wieder mit der Vernehmung begann. Ich habe meine Straftat, die in illegaler Arbeit gegen die Hitler-Regierung bestand, zugegeben, weil ich es vorzog, eher ein Todesurteil zu erhalten als zu Tode gequält zu werden. Durch die Mißhandlungen war ich einige Tage kaum in der Lage zu gehen, da die Stellen, wo die Schläge hingekommen waren blutunterlaufen waren […] Wegen Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat wurde ich am 1.8. 1944 zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt […1 Wegen meiner Glaubensüberzeugung, die auf biblische Lehren sich stützt, kann ich keinen Eid ablegen.«

Weitere Zeugen Jehovas aus Krefeld sagten in ähnlicher Weise darüber aus, wie Dihr ihnen durch Misshandlungen ein Geständnis abgepresst hatte. Andere Zeugen, die nicht zu den Ernsten Bibelforschern gehörten, berichteten ebenfalls über Schläge, und sie sagten unter Eid gegen Dihr aus. Es gehörte zu den Ironien dieses und ähnlicher Prozesse, dass die Zeugen Jehovas zwar häufig die Einzigen waren, die wirklich die Wahrheit sagten, ihre Aussagen aus religiösen Gründen nicht beeideten. Am Ende verurteilte das Krefelder Landgericht Dihr zu zwei Jahren Zuchthaus, wobei ihm sieben Monate seiner Internierungszeit direkt nach dem Krieg angerechnet wurden.

Diese Dokumente belegen, dass die Gestapo selbst bei den Zeugen Jehovas, die den Foltermethoden lange standhielten, schließlich doch ihr Ziel erreichte und die Informationen erhielt, nach denen sie suchte. Dafür mussten die Mitglieder dieser tapferen Religionsgemeinschaft lange Freiheitsstrafen in Gefängnissen und Zuchthäusern verbüßen und wurden häufig anschließend sofort in ein Konzentrationslager verbracht, wo sie barbarische »Willkommenszeremonien« erdulden mussten: Sie wurden wiederholt mit Stahlpeitschen geschlagen oder gezwungen, stundenlang mit im Nacken gefalteten Händen Kniebeugen zu machen. Ihnen wurden in der Regel die schrecklichsten Aufgaben wie das Reinigen der Krematorien und Kloaken zugeteilt, und sie mussten sieben statt der üblichen sechs Tage in der Woche arbeiten. Trotz alledem blieben die meisten Zeugen Jehovas standhaft und ungebrochen. Am Ende trug ihnen ihr Martyrium sogar den widerwilligen Respekt vieler ihrer schlimmsten Peiniger ein. Himmler hatte im Sommer 1944 an Kaltenbrunner geschrieben, »er wolle die Verfolgung der Sekte nach dem Kriege beenden und alle Sektenmitglieder als Pioniere der nationalsozialistischen Herrschaft im Osten gebrauchen«. Dort sollten sie die religiöse Betreuung der »Wehrbauern« vor dem noch zu schaffenden deutschen »Ostwall" übernehmen.

Eine groß angelegte Flugblattaktion vom Juni 1937 ist eines der besten Beispiele für die unerschütterliche Hingabe der Zeugen Jehovas an ihre Sache und die nicht minder fanatische Entschlossenheit des NS-Regimes, ihren Einfluss nachhaltig auszuschalten. Am 20. Juni 1937 exakt um zwölf Uhr mittags begannen Zeugen Jehovas in ganz Deutschland von Tür zu Tür zu gehen und ein zweiseitiges großes Flugblatt mit der Überschrift »Offener Brief: An das bibelgläubige und Christus liebende Volk Deutschlands!« zu verteilen.

In diesem »Offenen Brief« wurde die Staats- und Parteiführung mit starken Worten beschuldigt, gegen die Zeugen Jehovas eine brutale Politik der Verfolgung zu betreiben. Das Flugblatt zählte dafür mehrere konkrete Beispiele auf, auch Fälle von Folterungen, die manchmal tödliche Folgen hatten, durch Gestapobeamte, die in dem Brief namentlich genannt wurden. Es beklagte die Versuche der Nationalsozialisten, die Zeugen Jehovas als Staatsfeinde. Kommunisten und Juden zu brandmarken. Es enthielt den exakten Wortlaut einer eidesstattlichen Versicherung, die nach dem Willen der Nationalsozialisten von den Zeugen Jehovas unterschrieben werden und mit der diese ihrem Glauben abschwören sollten. Und das Flugblatt enthielt die mutige Erklärung der Ernsten Bibelforscher, dass sie weder gebrochen noch eingeschüchtert werden könnten und dass sie im Notfall sogar bereit seien, für ihren Glauben in den Tod zu gehen. …

Zwar gelangten anscheinend 100 000 oder mehr Exemplare des »Offenen Briefs« in die Briefkästen und in die Hauseingänge von Menschen in ganz Deutschland, doch zahlreiche Zeugen Jehovas, die an der Aktion mitwirkten, mussten dafür teuer bezahlen. Die Art und Weise, wie Gestapobeamte Jagd auf die Beteiligten machten, war typisch dafür, wie sie auch in anderen Fällen gegen die Zeugen Jehovas vorgingen. Hatten sie erst einmal einen von ihnen gefasst, misshandelten sie ihn so lange, bis er die Namen von einigen Glaubensgenossen preisgab, die ihrerseits verhaftet und gefoltert und anschließend in ein Konzentrationslager verbracht wurden, wo viele von ihnen umkamen.

Der erste, der wegen dieser Flugblattaktion verhaftet wurde, war ein 55 Jahre alter Krefelder Arbeiter, Kriegsveteran und Vater von sechs Kindern namens Hubert H., der im Jahr zuvor bereits eine sechsmonatige Gefängnisstrafe wegen seiner Aktivitäten als Ernster Bibelforscher verbüßt hatte. Hubert H. wurde von einem Zellenleiter namens Ludwig W. ertappt, als er gerade in der Prinz-Ferdinand-Straße in Krefeld die letzten Exemplare des »Offenen Briefs« verteilte. Ludwig W. nahm ihn fest und brachte ihn unverzüglich ins Polizeipräsidium, wo Kriminalassistent Otto Dihr den Fall übernahm. Während seiner Vernehmungen, die sich über mehrere Tage erstreckten, bemühte sich Hubert H. tapfer, keine Informationen preiszugeben, die andere belasten konnten. In seiner ersten Aussage vom 22. Juni gab er zu, Mitglied der Zeugen Jehovas zu sein und Exemplare des »Offenen Briefs« verteilt zu haben. Im Übrigen versuchte er, Dihr auf eine falsche Fährte zu locken. In seiner ersten Darstellung der Ereignisse erklärte er, er habe am 20. Juni um 11.30 Uhr seine Krefelder Wohnung verlassen, um seine entlaufene Katze zu suchen. An der Haustür des Mietshauses, in dem er wohnte, begegnete ihm eine junge Frau, die ihn fragte, ob er Hubert H. sei, was er bejahte. Daraufhin gab sie ihm einen zusammengefalteten, handgeschriebenen Brief mit dem Briefkopf der Zeugen Jehovas, den er anschließend auf der Toilette in seiner Wohnung las. Das Schreiben enthielt die Anweisung, um zwölf Uhr mittags zum Krefelder Hauptbahnhof zu gehen. Dort würde eine Frau in dunkler Kleidung mit einem weißen Taschentuch in der linken Hand auf ihn warten. Er selbst solle als Erkennungszeichen ein weißes Taschentuch in der rechten Hand halten. Sie würde ihm 25 Exemplare eines Briefes aushändigen, die er in verschiedene Briefkästen in Krefeld werfen sollte. Als Ludwig W. Ihn festnahm, hatte Hubert H. nur noch drei Exemplare des Flugblattes bei sich.

Dihr gab sich mit dieser Geschichte keineswegs zufrieden und vernahm Hubert H. am selben Tag noch einmal. Dieser beteuerte erneut, er kenne weder die Namen noch den Aufenthaltsort der beiden Frauen, von denen er den Brief und die Flugblätter erhalten habe. Auch könne er ihr Äußeres nicht beschreiben, da er sie nur kurz gesehen habe. Er räumte ein, ihm sei bekannt, dass das Verteilen der Flugblätter eine unerlaubte Handlung gewesen sei, aber er habe es trotzdem gemacht, um den [sic!] großen Schöpfer Jehova seinen Willen auszuführen«. Und schließlich behauptete er, ansonsten sei ihm über die Bewegung der Zeugen Jehovas oder die Flugblattkampagne nichts bekannt.

Zwei Tage später vernahm Dihr Hubert H. erneut. Diesmal war er erfolgreicher und bekam heraus, was er von ihm erfahren wollte - Informationen, die zur Verhaftung von acht weiteren Personen führten, fünf Männern und drei Frauen, zumeist Bergleute, einfache Arbeiter und Hausfrauen. Hubert H. begann seine neue Aussage mit den Worten: »Nachdem ich eingehend zur Wahrheit ermahnt worden bin und mir auch die Vorteile eines Geständnisses vor Augen geführt worden sind, erkläre ich hiermit, daß ich jetzt die Wahrheit sagen will.« Offenbar war Hubert H. Nachdrücklich vor den Konsequenzen für ihn selbst und seine Familie gewarnt worden, falls er sich weiterhin weigern sollte, auszupacken. Nach allem was wir über die Vernehmungsmethoden Dihrs in anderen Fällen wissen, dürfen wir davon ausgehen, dass Hubert H. in den vorangegangenen Tagen körperlich und seelisch brutal misshandelt wurde. In Dihrs eigenem Bericht über den Fall, den er knapp einen Monat später, am 16. Juli, verfasste, erklärte er, seine Vernehmung von Hubert H. sei zwangsläufig »eingehend« gewesen und habe »sich zunächst infolge seines hartnäckigen Leugnens über einige Tage erstreckt«.

In seiner neuen Schilderung der Vorgänge, die zu seiner Verhaftung geführt hatten, gab Hubert H. zu, dass seine ursprüngliche Geschichte eine Erfindung war. In Wirklichkeit wusste er seit längerem von der bevorstehenden Flugblattaktion. Nachdem er im Dezember 1936 aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte der Führer der Sekte in Rheinberg und Moers, ein 46-jähriger Lokomotivführer namens Johann C., Verbindung mit ihm aufgenommen und ihn gebeten, sich auch weiterhin an den illegalen Unternehmungen der Glaubensgemeinschaft zu beteiligen. Im Frühjahr 1937 kam Hubert H. mit einem anderen Mann, einem 54 Jahre alten Bergmann namens Heinrich T., zusammen, der ihm nähere Einzelheiten über die bevorstehende Flugblattaktion mitteilte, die „in ganz Deutschland« durchgeführt werden sollte. Heinrich T. sagte ihm, die Aktion werde überall genau um zwölf Uhr mittags beginnen und exakt eine halbe Stunde dauern. Die Geschichte, die Hubert H. ursprünglich zur Irreführung Dihrs erzählt hatte, sei dieselbe Geschichte, die alle Zeugen Jehovas in ganz Deutschland erzählen sollten, falls sie verhaftet würden.

Nach diesem Geständnis nahm Kriminalassistent Dihr Hubert H. in »Schutzhaft«, verhaftete alle acht Personen, deren Namen dieser ihm genannt hatte, und vernahm sie ebenfalls. Dihrs Bericht vom 16. Juli zufolge weigerten sich alle Verhafteten zunächst hartnäckig, die Wahrheit zu sagen, doch auch sie legten letztlich alle ein Geständnis ab. Als Ersten verhörte er einen 28-jährigen ledigen Maschinisten namens Karl H. aus Krefeld. Nachdem Dihr ihn entsprechend unter Druck gesetzt hatte, sagte Karl H. schließlich aus, er gehöre seit 1933 den Zeugen Jehovas an und habe an der Flugblattaktion vom 20. Juni teilgenommen. Nachdem er die Namen von mehreren Personen genannt hatte, die ebenfalls beteiligt waren, wurde seine Vernehmung abgebrochen. Später setzte er seine Aussage mit den einleitenden Worten fort: »Ich muss zugeben«, was darauf hindeutet, dass Dihr ihm schwer zugesetzt hatte. Er nannte die Namen von etlichen weiteren Beteiligten und setzte hinzu, dass Hubert H. die Aktion in Krefeld geleitet habe. Außerdem gestand er, selbst mehrere Personen für das Verteilen der Flugblätter angeworben zu haben, darunter seine eigene Mutter.

Diese Frau war eine 48-jährige Witwe. Sie wurde verhaftet und wie die anderen erheblich unter Druck gesetzt. Am Ende schilderte sie ausführlich, wie die ganze Aktion abgelaufen war, und nannte sogar ihre beiden Söhne als Mitbeteiligte. Sie und ihr bereits vernommener Sohn waren nicht die Einzigen, die im Verlauf ihrer ng Familienmitglieder belasteten. Bevor die Vernehmungen der beschuldigten Zeugen Jehovas in Krefeld abgeschlossen waren, hatten sich auch noch zwei Ehepartner gegenseitig belastet, und ein Mann hatte eine Aussage gemacht, die zur Verhaftung seines Sohnes führte.

Wie brutal diese Vernehmungen geführt wurden, zeigt auch die ,Akte eines damals 38-jährigen Färbereiarbeiters namens Karl W. Der Vater von zwei Kindern und Träger des Eisernen Kreuzes aus dem Ersten Weltkrieg war einer der Zeugen, die 1948 in dem Prozess gegen Otto Dihr aussagten. Bei seiner ersten Vernehmung durch Dihr 1937 hatte W. sofort zugegeben, den Zeugen Jehovas anzugehören und an früheren Flugblattaktionen beteiligt gewesen zu sein.

Er bestritt jedoch entschieden, bei der jüngsten Aktion mitgemacht zu haben. Als Dihr ihn ein zweites Mal verhörte, stritt er seine Beteiligung immer noch ab und gab auch sonst keine Informationen oder Namen von Beteiligten preis. Während seiner dritten Vernehmung wurde Hubert H. ins Vernehmungszimmer gebracht. Im Beisein von Karl W. sagte Hubert H. aus, er habe Karl persönlich zwei Pakete mit den Flugblättern ausgehändigt, die dieser sehr wohl verteilt habe. Bei seiner vierten Vernehmung W.s Widerstand schließlich gebrochen, und er sagte alles aus, was er wusste. Nach seiner Aussage in dem Prozess gegen Dihr nach dem Krieg hatte dieser ihn von Anfang an brutal behandelt. Als Dihr bei bei Karl W.s erster Vernehmung nichts aus ihm herausbringen konnte, habe er ihn zweimal ins Gesicht geschlagen, »sodaß das Zahnfleisch blutete und die Zähne schmerzten«. Es war ein Wunder, dass er überhaupt so lange durchhielt.

Die Informationen, die Dihr aus diesen Leuten herauspresste, ermöglichten ihm die Verhaftung von 25 Personen in Krefeld, die ein Prozess vor dem Düsseldorfer Sondergericht am 6. August 1937 alle zu Gefängnisstrafen zwischen vier Monaten und zwei Jahren verurteilt wurden. Mehr noch: Die Gestapo konnte auch in anderen Städten zahlreiche Verhaftungen vornehmen.

Otto Dihrs Abschlussbericht zu dem Fall lässt sich einiges über den Ursprung und den weiteren Verlauf der gesamten Flugblattaktion sowie über die wichtige Rolle entnehmen, die Dihr persönlich beim Vorgehen der Gestapo gegen die Zeugen Jehovas in einem Großteil von Mittel- und Norddeutschland gespielt hat. Während der Vernehmung der Verdächtigen in Krefeld erfuhr Dihr, Johann C. (dessen Namen Hubert H. ihm genannt hatte) habe die Aktion in der gesamten Region Niederrhein geleitet. Johann C. und ein weiteres führendes Gemeindemitglied namens Albert W., der zum Zeitpunkt von Johann C.s Verhaftung geflohen und unauffindbar war, hatten einen Bauern und ehemaligen Lkw-Fahrer namens Peter L. aus Moers beauftragt, mehrere große Pakete mit den Flugblättern auf seinen Lkw zu laden und in verschiedenen deutschen Städten auszuliefern.

Peter L.s lange Reise begann am 9. Juni. Um elf Uhr abends traf er Albert W. vor dem Krefelder Hauptbahnhof. Albert W. gab ihm die Hälfte eines in der Mitte durchgerissenen Zehnmarkscheins und wies ihn an, bei jedem der folgenden Treffs als Erkennungszeichen einen Kunstblumenstrauß hinter den Scheibenwischer zu klemmen. Zunächst solle er nach Herford fahren, wo ein Mann auf ihn warten und ihm die andere Hälfte des Zehnmarkscheins sowie weitere Instruktionen geben werde. Von dort sollte er weiter nach Hannover fahren, wo ihn wiederum ein Mann erwarten und ihn fragen werde, ob er zehn Mark wechseln könne. Danach sollte er verschiedene andere Städte anfahren und bei bestimmten Kontaktpersonen, die ihn alle fragen würden, ob er einen Zehnmarkschein wechseln könne, die Pakete abladen. Als Peter L. seine Kontaktperson in Herford traf, gab diese einem Dritten ein Zeichen, und beide stiegen zu ihm in den Wagen. Die beiden Männer wiesen ihn an, durch eine dunkle und ihm unbekannte Gegend zu fahren. Etwa 20 bis 30 Kilometer außerhalb Herfords fuhren sie an einer unbeleuchteten Tankstelle vorbei. Das Einzige, was er unterwegs erkannt habe, sei ein Straßenschild mit der Aufschrift »Lemgo« gewesen. Nach einer weiteren Fahrt von einigen Kilometern bogen sie auf einen unbefestigten Feldweg ein. Kurz danach musste Peter L. vor einem Haus anhalten, vor dem zwei Männer warteten. Diese Männer brauchten etwa zehn Minuten, um Pakete einzuladen, die vielleicht dein Gewicht von fünf erwachsenen Personen entsprachen. Von da an fuhr er ohne Begleitung zu einem bestimmten Treffpunkt in Hannover. Seine dortige Kontaktperson fuhr mit einem Fahrrad vor ihm her und führte ihn zu einem leeren Lagerschuppen, wo er zehn bis zwölf Pakete ahlud, in denen sich seiner Schätzung nach 60 000 Flugblätter befanden. Von dort fuhr er nach Dortmund, wo er weitere sechs Pakete mit schätzungsweise 30 000 Flugblättern entlud. Dort traf er Albert W., der mit ihm nach Duisburg fuhr. In Duisburg packte Albert W. einen großen Koffer mit den Flugblättern voll und verließ Peter L., der nach Moers zurückfuhr und die letzten 1500 Flugblätter seinemVater übergab.

Die meisten dieser Details verriet der 32 Jahre alte Peter L. der Gestapo während seiner Vernehmung in Krefeld. Später fuhr er mit zwei Krefelder Gestapobeamten, Dihr und van der Rheydt, und einem Düsseldorfer Beamten namens Heinzelmann zu den einzelnen Stellen, an denen er die Pakete mit den Flugblättern aufgeladen und später wieder abgeladen hatte, und zeigte ihnen genau, wo er gewesen war. Das führte zu zahlreichen weiteren Verhaftungen in den Städten, die er angefahren hatte. Am Ende war die Gestapo in der Lage, fast alle zu verhaften, die an der Aktion beteiligt waren. Zur »Belohnung« für seine Aussagebereitschaft empfahl Dihr dem Gericht »eine entsprechend milde Beurteilung« von Peter L. L. erhielt sechs Monate Gefängnis. Sein Vater, ein 58-jähriger Bauer aus Moers, kam nicht so glimpflich davon. Nachdem er seine Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten verbüßt hatte, nahm die Gestapo ihn erneut fest und schickte ihn in ein Konzentrationslager, aus dem er nicht mehr lebend herauskam.

Es ist wichtig festzuhalten, dass Denunziationen bei der Verfolgung der Zeugen Jehovas ebenso wenig eine Rolle gespielt haben wie bei der Verfolgung von Geistlichen der beiden christlichen Kirchen in Deutschland, die den Mut fanden, gegen das NS-Regime und dessen Vorgehen gegen die linke Opposition aufzustehen. Die Beweise, auf deren Grundlage die Gestapo die religiösen Gegner des Regimes vor Gericht brachte, stammten zum größten Teil aus erzwungenen Geständnissen oder aus Informationen von Gestapospitzeln.

Julius Engelhard

Manfred Koch schreibt:

"Julius Engelhard gehört mit großer Wahrscheinlichkeit ... zu den ... Bibelforschern, die in den Gefängnissen und Konzentrationslagern im Dritten Reich wegen ihres Glaubensbekenntnisses den Tod fanden oder hingerichtet wurden." (Sein Hinrichtungsdatum ist höchstwahrscheinlich der 14. 8. 1944).

Koch der für seine Ausführungen sich auf die im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf verwahrten Gestapoakten über Julius Engelhard stützt, berichtet weiter, dass er über dreizehn Monate sich in Gestapo-Untersuchungshaft befand, bevor er letztendlich vom 6. Senat des faschistischen "Volksgerichtshofes" am 2. Juni 1944 zusammen mit sieben weiteren Zeugen Jehovas aus dem Ruhrgebiet wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung zum Tode verurteilt wurde. Aus der diesbezüglichen Urteilsbegründung zitiert Koch:

"Der Inhalt der Schriften geht ... öffentlich darauf aus, den Wehrwillen des deutschen Volkes zu zersetzen ... und zugleich der Kriegsmacht des Reiches Schaden zuzufügen."

Zu seiner Biographie führt obiger Autor weiter aus:

"Im Jahre 1899 geboren, gehörte er zu der Generation, die die deutsche Oberste Heeresleitung noch in jugendlichem Alter im Ersten Weltkrieg an die Front schickte. ... Eine kaufmännische Lehre mußte wegen der kriegsbedingten Schließung der Lehrfirma abgebrochen werden. "

Im Juni 1917 erhielt er seine Einberufung zum Militär, aus dem er erst 1919 wieder entlassen wurde. "Es folgten Versuche, in verschiedenen Berufen Fuß zu fassen, u. a. auch als selbständiger Gewerbetreibender, die im April 1930 mit einer vier Jahre andauernden Arbeitslosigkeit endeten. Bis zum Jahre 1930 hat Engelhard aus Rücksicht auf seine katholischen Eltern und seine katholische Ehefrau - er hatte im Dezember 1928 geheiratet - den Austritt aus der katholischen Kirche nicht vollzogen. Daß er dies 1930, als er arbeitslos wurde, tat, macht den Zusammenhang von religiöser Radikalisierung und wirtschaftlicher Notlage augenscheinlich."

In Übereinstimmung mit dem Historiker Friedrich Zipfel, schätzt auch Koch ein, und dabei stützt er sich auf die ihm zugänglichen biographischen Daten von Mannheimer Zeugen Jehovas: "bestätigen die Feststellung, daß es sich bei der Lehre der Bibelforscher um eine 'Arme-Leute-Religion' (Zipfel, 1965, S. 203) handelte. Der Anteil von Invaliden, Rentnern, Hausfrauen, Arbeitslosen und einfachen Arbeitern lag deutlich über den Durchschnittswerten der Gesamtbevölkerung. Von den arbeitsfähigen Mannheimer Zeugen Jehovas z. B. waren 1933 36 Prozent arbeitslos."

Über die Substanz der Gestapovernehmungen berichtet und kommentiert Koch:

"Unter Hinweis auf das Bibelwort 'Wer ein Freund dieser Welt ist, ist ein Feind Gottes' erklärte Engelhard, er könne nicht Mitglied der NSDAP sein. In der NS-Volkswohlfahrt sehe er die Gliederung einer Partei, 'die ich aus meiner christlichen Lebensauffassung heraus ablehne'. Den Gruß 'Heil Hitler' könne er nicht anwenden, da das Heil allein von Gott komme. Am Wehrdienst könne er weder im Krieg noch im Frieden teilnehmen, denn das fünfte Gebot heiße: 'Du sollst nicht töten.' Außerdem müßte er als Soldat einen Eid auf den Führer leisten, was unmöglich sei, da er seinem 'Gott die Treue gelobt habe, und ... letzten Endes nicht zwei Herren dienen' könne.

Die Verweigerungshaltung der Bibelforscher gegenüber dem Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus konnte von den Machthabern selbstverständlich nicht toleriert werden. Nationalsozialisten wie Bibelforscher folgten einer autoritär geprägten Doktrin, die ihre Anhänger jeweils in eine strenge Herrschaftshierarchie - einerseits den 'Führerstaat', andererseits die 'Theokratie' Jehovas - einspannte. Beide vertraten einen Anspruch auf Ausschließlichkeit, so daß der Konflikt unvermeidlich war."

Bereits im Dezember 1936 wurde Engelhard beim Verteilen von Bibelforscherschriften, ein erstes Mal verhaftet. "Seine Gefängnisstrafe von sechs Monaten blieb im Rahmen der damals üblichen Strafen für die Delikte der Bibelforscher. Eine anschließende Inschutzhaftnahme und Überführung in ein KZ, die den Zeugen Jehovas damals drohte, blieb ihm erspart."

Zu seinen familiären Verhältnissen ist anzumerken, dass er damals bereits vierfacher Familienvater war, zu dem im Jahre 1938 noch ein fünftes Kind hinzukam.

Die besondere Tragik für Engelhard begann sich etwa ab Februar/März 1939 zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt erhielt er Besuch von Ludwig Cyranek, der kurz zuvor eine Haftstrafe wegen Betätigung für die IBV verbüßt hatte und sich nun bemühte, die 1937/38 zerschlagene illegale Organisation wieder aufzubauen. Cyranek gelang es den Engelhard dahingehend zu motivieren, dass letzterer mit Vervielfältigungsarbeiten der WTG-Literatur begann. Begünstigend kam hinzu, dass Engelhard im Büro seines Chefs, Zugang zu einem Verfielfältigungsapparat hatte. Als die Dachdeckerfirma, wo er zu jener Zeit tätig war, kriegsbedingt ihre Geschäftstätigkeit einstellte, gelang es Engelhard gar, jene Verfielfältigungstechnik an sich zu nehmen.

Zum Thema Motivation des Engelhard ist noch anzumerken. Er verließ just zu diesem Zeitpunkt seine sechsköpfige Familie, die nach wie vor der katholischen Kirche angehörte und lebte fortan im Untergrund bei verschiedenen anderen Zeugen Jehovas. Nachdem Cyranek seinerseits verhaftet und im März 1941 zum Tode verurteilt wurde, war Engelhard faktisch eine Art hauptamtlicher Zeuge Jehovas, der von den Spendengeldern seiner Glaubensgeschwister lebte und sich im süddeutschen Raum nach Kräften bemühte, die Zeugenorganisation am "laufen" zu halten.

Im April 1943 schlug dann allerdings auch für Engelhard "die Stunde". Kurz zuvor hatte die Gestapo eine Essener Gruppe von Zeugen Jehovas "hochgenommen". Bei deren Detailvernehmung gelang es ihr die genaue Anschrift des von Engelhard derzeit benutzten illegalen Quartiers zu erpressen. Als Engelhard gegen 21 Uhr des 3. April 1943 seine Schlafstätte aufsuchte, wurde er dort schon von der Gestapo erwartet und in "Empfang" genommen.

Seinem instruktiven 1984 veröffentlichten Bericht (Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs Band 10 "Der Widerstand im deutschen Südwesten 1933-1945") hat Manfred Koch dann noch ein Foto des Julius Engelhard beigefügt, dass er aus den Gestapoakten entnommen hat.

In einer anderen, gleichfalls 1984 veröffentlichten Studie, beschäftigt sich Manfred Koch besonders mit den Zeugen Jehovas, regional in Mannheim. Aus seiner Mannheim-Studie sei noch eine Aussage zitiert, die durchaus grundsätzliche Bedeutung zur Einschätzung der zeitgenössischen Zeugen Jehovas hat. Dort schreibt er:

"Die Konfrontation der Zeugen Jehovas mit dem Nationalsozialismus, die sich in dieser Verweigerungshaltung manifestierte, findet sich ausgeprägt auch im nationalen wie übernationalen Traktatschrifttum der Sekte. Die angebliche 'Neutralität' in aktuellen politischen Fragen mußte angesichts des Totalitätsanspruchs des Nationalsozialismus, der die eigene Existenz bedrohte, zur Fiktion werden. Die Brooklyner Zentrale der Ernsten Bibelforscher erklärte schon früh ihre Gegnerschaft zu den faschistischen Bewegungen in Europa und stellte sich während des Spanischen Bürgerkriegs auf die Seite der Republik. Nach 1933 wurde der Hitler-Staat zunehmend schärfer attackiert. Hitler erschien dabei als ein "Sprößling Satans" dessen Herrschaft Jehova Gott als erste zerstören werde. Nach dem Verbot der Sekte wurde der Vorwurf, sie sei kommunistenfreundlich und ein Wegbereiter der jüdisch-bolschewistischen Weltrevolution, zurückgewiesen. Im Gegenzug behaupteten die Zeugen Jehovas, Hitler sei vom Papst abhängig, der Nationalsozialismus und insbesondere die Gestapo arbeite mit dem Papsttum zusammen. Nach Kriegsbeginn erklärten die Zeugen Jehovas in ihren Schriften, sie seien 'für die Demokratie', und prophezeiten Hitler, er sei zu 'ewiger Vernichtung' verurteilt."

Bezüglich der Gestapo-Vernehmungen verwendet Manfred Koch (in "Aufstieg der NSDAP und Widerstand", Karlsruhe 1993), die Formulierung, das in den Verhören, diese "ihn physisch und psychisch überforderten". Er bescheinigt ihm zwar weiter, er gab nur das zu "was ihm die Polizei nachweisen konnte. Zudem behielt er ungebrochen seine Glaubensüberzeugung, die die verhörenden Beamten als religiöse Überspanntheit ansahen."
Lässt man sich diese Formulierung "auf der Zunge zergehen" (physisch und psychisch überfordert), so besagt sie doch wohl nicht mehr und weniger als dies. Letztendlich war die Gestapo Herr des Verfahrens. Letztere nahm sich ausreichend Zeit, um ihr Opfer "weichzukochen". Auch anderen Zeugen Jehovas, denen man einschlägige Vorhalte machen muss (etwa Erich Frost, Konrad Franke, Fritz Winkler) sagten nicht aus "Lust am Verrat" aus. Auch sie waren nur "physisch und psychisch überfordert".
Er hielt ungebrochen an seiner Glaubensüberzeugung fest. Auch das ist glaubwürdig. Was war das für eine Überzeugung? Doch zeitgenössisch die: Harmagedon sei nah! Davon lebten doch die Zeugen Jehovas. Hätten sie diese Überzeugung nicht gehabt. Ihre Widerständigkeit im Hitlerregime hätte wohl nicht jenes Ausmaß erreicht, wie es im Hitlerregime tatsächlich der Fall war.
Auch dazu äußert Manfred Koch klar und das kann man nur unterstreichen:
"Die Kraft dieses Widerstandes, der hartnäckig war und mit dem Bekennermut stets auch die eigene Existenz aufs Spiel setzte, wurzelte letztlich im religiösen Bekenntnis und nicht in freiheitlich-demokratischen Zielsetzungen." Die Zeugen Jehovas verweigerten aufgrund ihrer Bibelauslegung jeder weltlichen Autorität die Gefolgschaft.

Ludwig Cyranek

Er wurde am 1. 9. 1907 geboren. Circa mit 17 Jahren (1924) schloss er sich den Bibelforschern an. Er hatte zwar eine kaufmännische Lehre absolviert, aber offenbar nicht allzu lange in diesem Beruf verbracht. Denn schon ab 5. Mai 1927 trat er in den hauptamtlichen Dienst der WTG, zunächst in Magdeburg. Ab 24. 10. 1931 gar, war er für sie als sogenannter Missionsarbeiter in Frankreich, Jugoslawien, Österreich und der Schweiz tätig und dies immerhin bis 1934. Die Rede ist von Ludwig Cyranek.

Musste der in die Tschechoslowakei emigrierte Paul Balzereit zum Jahreswechsel 1934/35 auf Geheiß der WTG nach Deutschland wieder zurückkehren, so erging es Cyranek ähnlich. Auch in seinem Fall war die WTG nicht gewillt, einen weiteren Auslandsaufenthalt zu gewährleisten. Cyraneks deutsche Ankunftsstelle war die Wohnung seiner Eltern in einem kleinen Dörfchen im heutigen Nordrhein-Westfalen. Er lag also wieder seinen Eltern "auf der Tasche" und dies obwohl er bereits seit 1927 "flügge" geworden war.

Allzu lange dauerte die für alle Beteiligten missliche Situation allerdings nicht. Schon am 17. April 1935 wurde er ein erstes mal verhaftet, kam aber noch lediglich mit einer bloßen Verwarnung, relativ glimpflich davon. Aber schon am 11. 9.1935 erwischte ihn es erneut. Der Haftrichter, dem er vorgeführt wurde, war nochmals "milde". Er setzte die Hauptverhandlung für den 20. 9. 35 an, verzichtete aber darauf, bis dahin Cyranek schon zu inhaftieren. Diese Chance nutzte er und setzte sich in den Untergrund ab. Anstelle der vorgesehenen Hauptverhandlung wurde jedoch am 20. 11. 35 ein steckbrieflicher Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Wie erging es seinen Eltern in dieser Situation? Karl Schröder, auf dessen Studie dieses Referat fußt vermerkt dazu:

"Ludwig Cyraneks Eltern müssen sehr unter den polizeilichen Ermittlungen gegen ihren Sohn und den damit verbundenen öffentlichen Aufsehen gelitten haben. Vielleicht erklärt sich so Vater Johann Cyraneks Antrag, seinen polnischen Namen durch einen deutsch klingenden ersetzen zu dürfen. Am 29. Mai 1936 wurde seinem Antrag stattgegeben. Er und seine Frau Katharina, sein Sohn Alois und seine Tochter Anna nahmen den Familiennamen Emter an."

Auch die aktuelle Untergrundtätigkeit Cyraneks (er war inzwischen zum Bezirksdiener für Baden, Hessen und das Maingebiet bei den Zeugen Jehovas avanciert), währte nicht allzu lange. Schon am 5. 11. 1936 wurde er von der Gestapo erneut festgenommen. Am 9. 4. 1937 fand dann seine Gerichtsverhandlung statt, bei der er über den Strafantrag des Staatsanwaltes hinausgehend, zu 18 Monate Gefängnis verurteilt wurde, wobei die bereits erlittene Untersuchungshaft dabei nicht mit angerechnet wurde.

Der Nazigazette "Westdeutscher Beobachter" war seine Gerichtsverhandlung eine kurze Notiz wert unter der Überschrift: "Ein Staatsfeind wurde abgeurteilt" (10. 4. 37).

Die nächste Phase der Biographie von Cyranek beschreibt Schröder mit den Worten:

"Er gab später vor der Gestapo zu Protokoll: 'Kurz vor Beendigung meiner Strafhaft wurde ich der Lagerleitung vorgeführt und hier wurde mir eröffnet, dass ich entlassen werden sollte und mich in die Volksgemeinschaft einzureihen habe. Ich antwortete doppelsinnig. Ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe. Vom Sekretär wurde mir eröffnet, dass ich wahrscheinlich nicht in Freiheit käme, bin aber dann ohne jede Formalität am 9. 10. 38 aus dem Lager entlassen worden."

Erneut taucht Cyranek in die illegale Zeugenorganisation ein. Dazu Schröder:

"Seine Anweisungen bekam er vom Reichsdiener Arthur Winkler, der in Holland untergetaucht war um von dort die Arbeit im Reichsgebiet neu zu organisieren.

Die eingenommenen Summen - manchmal bis zu 2500 RM - mussten in unregelmäßigen Abständen dem Reichsdiener Arthur Winkler in Holland abgeliefert werden. Winkler verlangte auch, dass in Deutschland Wertgegenstände gekauft werden sollten, die statt des Geldes zu übergeben waren."

Weiter vermerkt Schröder:

"Ende März/Anfang April 1939 suchte Ludwig Cyranek Arthur Winkler in Holland auf. Bei dieser Gelegenheit erhielt er einen falschen holländischen Pass auf den Namen Arie Tol. Im Bibelhaus Heemstede besprach er mit Winkler organisatorische Fragen."

Weiter kommentiert Schröder:

"All diese Überlegungen trugen den Stempel des Dilettantismus, denn sowohl Ludwig Cyranek als auch die übrigen 'Diener' waren aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer psychischen Disposition für eine konspirative Tätigkeit denkbar ungeeignet. Hinzu kam noch, dass ihre religiöse Tätigkeit immer eine missionarische war, die nie unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden konnte. Der hierarchisch gegliederte Funktionärsapparat der IBV war daher sehr gefährdet. Sobald die Gestapo einen Funktionär gefasst und zur Aussage gezwungen hatte, konnte die gesamte Organisation aufgerollt werden.

Als Ludwig Cyranek Ende Juli 1939 mit seinem falschen Pass nach Deutschland zurückkehrte, wurde ihm sein dilettantisches Verhalten fast zum Verhängnis. Bei der Befragung über Woher und Wohin verwickelte er sich in Widersprüche, so dass der misstrauische deutsche Grenzbeamte ihm eine Aufenthaltsgenehmigung für nur einen Tag ausstellte und das in Cyraneks falschem Pass vermerkte. Damit war der Pass für ihn unbrauchbar geworden."

Die nächste Phase seinen abenteuerlichen Lebens beschreibt Schröder mit den Worten:

"Cyranek ließ Anfang 1940 Briefe von inhaftierten und zum Tode verurteilten Wehrdienstverweigerern in der Schrift 'Fürchtet euch nicht' veröffentlichen. Damit war der Tatbestand der Wehrkraftzersetzung gegeben. Die Gestapo fahndete nun verstärkt nach ihm und seinen Helfern. Ende 1939/Anfang 1940 konnte sie zahlreiche Funktionäre verhaften. Als Cyranek im Februar 1940 bei einem Glaubensbruder übernachtete, führte die Gestapo eine Haussuchung durch und verhaftete den Gastgeber. Cyranek selbst konnte nur mit knapper Not entkommen. Er trug noch die Pyjamajacke unter seinem Anzug, als er seine Glaubensgenossen in Magdeburg warnte. Von Magdeburg fuhr er nach Dresden, wo er einen Tag später in einer Gastwirtschaft festgenommen wurde. Wahrscheinlich hatte ihn ein von der Gestapo in die IBV eingeschleuster V-Mann denunziert."

Die WTG meint diesen Dresdner V-Mann näher verifizieren zu können und nennt seinen Namen als Hans Müller und lastet ihm noch eine Reihe anderer Judassdienste an. Laut Garbe (3,. Auflage S. 328) war besagter Müller als WTG-Funktionär für den Osten Deutschlands zuständig. Auch Garbe schließt sich der These an, dass Müller für das "Hochgehen" von Cyranek die Verantwortung trägt (S. 336).

Weiter vermerkt Schröder:

"Bei der Aufdeckung der IBV im Reichsgebiet kam der Gestapo zugute, dass bereits zahlreiche Funktionäre verhaftet waren. Widersprüchliche Aussagen konnten deshalb bei den bekanntlich brutalen Verhörmethoden der Gestapo schnell geklärt werden. Ludwig Cyranek legte dann auch ein 33 Schreibmaschinenseiten umfassendes Geständnis ab, in welchem er auch über seine Tätigkeit zwischen dem 11. September 1935 (seinem Untertauchen) und dem 5. November 1936 (seiner Verhaftung) Auskunft gab. Das Protokoll beginnt mit den Worten:

'Ich bin bereit über meine illegale Betätigung umfassend Auskunft zu geben, nachdem mir nachgewiesen worden ist, dass ich nichts mehr verraten kann.'"

Die Gestapo nutzte die Verhaftung des Cyranek auch zu Gegenüberstellungen, um so hartnäckige Leugner in die Knie zu zwingen. So der Fall Cyranek/Stanislaus Smok (Vgl. "Geschichte der ZJ" S. 316, 317)

Die Auswirkungen der Cyranek-Verhaftung werden vom genannten Autor mit den Worten skizziert:

"Am 25. Mai 1940 sandte die Gestapo-Leitstelle Dresden die Vernehmungsprotokolle Cyraneks und eines weiteren Angeklagten an alle übrigen Gestapo-Leitstellen im Reich 'zur Kenntnisnahme und weiteren Auswertung.' Von einer örtlichen Aufrollung der IBV bat sie aber abzusehen, da das Reichssicherheitshauptamt den Termin zur 'schlagartigen Durchführung der Aktion im gesamten Reichsgebiet' festsetzen werde. Ein Funkspruch aus Berlin setzte diese Aktion dann auf Mittwoch den 12. Juni 1940 fest."

Schröder schätzt ein, dass damit vorerst das endgültige Ende der organisierten Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Hitlerdeutschland eingeläutet worden sei.

Am 20. 3. 1941 erfolgte die gerichtliche Verurteilung zur Todesstrafe wegen Wehrkraftzersetzung. Den Nazis war der Fall Cyranek dann noch eine Propagandakampagne in ihrer Presse wert. Dazu der Autor:

"In gleichlautenden Texten, aber mit verschiedenen Balkenüberschriften berichtet die nationalsozialistische Presse über dieses Terrorurteil und versuchte, es propagandistisch auszuschlachten.

'Bibelforscher als Saboteure des Luftschutzes' - 'Haupträdelsführer mit dem Tode bestraft' schrieb die Rheinische Landeszeitung vom 21. März 1941, und der im Siegkreis erscheinende Westdeutsche Beobachter vom 22. März 1941 setzte als Schlagzeile: 'Saboteure des Luftschutzes - Zuchthaus für Ernste Bibelforscher.'

Abschließend hieß es in beiden Artikeln: 'Die verbotene Vereinigung verneint nicht nur den Wehrdienst, sondern hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Maßnahmen von Organisationen der Volksgemeinschaft, darunter auch des Reichsluftschutzbundes, zu sabotieren. Sie bringt damit Gut und Leben deutscher Volksgenossen in größte Gefahr. Das darum der Haupträdelsführer Cyranek mit dem Tode bestraft wurde, entspricht voll und ganz dem Empfinden des Volkes, das vor solchem frevelhaftem Treiben geschützt werden muss.'"

Am 4. Juni 1941 endete das Leben von Ludwig Cyranek.

Zu seinen familiären Umfeld vermerkt der Autor noch, der sich für seine Studie unter anderem auf die entsprechenden Gestapoakten im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf stützt, dass diese Familie ursprünglich mal 13 Kinder hatte, von denen einige aber verstarben. Nicht alle sind wohl Zeugen Jehovas geworden. Einige aber wohl doch. Genannt werden diesbezüglich seine Brüder Karl und Alois.

Weiter dass vier seiner leiblichen Brüder Wehrdienst leisteten. Diesbezüglich genannt werden: Toni, Wilhelm, Johann und Alois. Einer wird als "vermisst" (Wilhelm Felix) eingestuft. Einer als gefallen (Toni). Letzterer hatte sich davor schon in einer Eingabe an die Nazibehörden, anlässlich des Todesurteiles, für Ludwig Cyranek verwandt. Namentlich der auch als Zeuge Jehovas ausgewiesene Alois, der zugleich auch als Wehrdienstleistender bezeichnet wird, verdient diesbezüglich der Beachtung.

An relativ entlegener Stelle ist die Studie von Karl Schröder veröffentlicht worden. In der außerhalb des Buchhandels erschienenen Publikation. "Die Vierziger Jahre. Der Siegburger Raum zwischen Kriegsanfang und Währungsreform. Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung des Stadtmuseums Siegburg im Torhausmuseum des Siegwerks (11. 9. 1988 - 16. 10. 1988)"

Im wissenschaftlichen Bibliothekswesen ist mir derzeit nur ein Exemplar davon in der Universitätsbibliothek Dortmund bekannt.

Schon frühzeitig wurde in der Literatur auch des Ludwig Cyranek gedacht. Neben etlichen regionalgeschichtlichen Studien ist da insbesondere der 1955 erschienene Band, der von dem Theologen Helmut Gollwitzer herausgegeben wurde zu nennen, unter dem Titel:

"Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933 - 1945", worin auch ein solcher von Cyranek an seine Angehörigen, mit abgedruckt ist. Wenn die WTG ihn erstmals in ihrem 1974-er Jahrbuch mit abdruckte, so ist festzuhalten. Gollwitzer war diesbezüglich schon weit früher tätig!

Fallbeispiel Georg Bär

In dem Buch "Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte" liest man zum Fall Georg Bär:

Die Tragik der Zeugen Jehovas, die in der illegalen Organisation im Hitlerregime aktiv waren, lässt sich auch am Fall des Georg Bär verdeutlichen. Bär, geboren 1900, war seit 1921 Bibelforscher. Von 1930 an war er bis zu seiner Verhaftung Ende August 1936 als Dienstleiter für die Bibelforscherorganisation tätig. Nach 1933 emigrierte er in die Tschechoslowakei. Im Zuge der von der Zeugenleitung angeordneten Aktivierung der Tätigkeit in Deutschland bekam er den Auftrag nach Deutschland zurückzukehren, was Mitte April 1936 der Fall war.

Er wurde von der Zeugenleitung beauftragt, den Bereich Schleswig-Holstein zu aktivieren. Dazu suchte er etliche dortige Zeugen Jehovas auf. Teilweise lehnten sie es ab, sich in der illegalen Organisation zu aktivieren, teilweise entsprachen sie diesem Ansinnen. Nachdem es der Gestapo gelungen war Fritz Winkler festzunehmen und aufgrund seiner Aussagen die Zeugenorganisation „aufzurollen", konnte sie am 31. 8. 1936 auch Bär festnehmen. Seine Verhörung fand am 8. und 9. 9. 1936 statt.

Bär selbst schreibt dazu: „Jeden Abend gegen 10 Uhr hörte ich, wie aus verschiedenen Zellen Gefangene geholt wurden. Kurz danach hörte ich, wie sie unten im Keller geschlagen wurden; ich hörte auch ihr Schreien und Weinen." [52] Als Bär nach einigen Tagen abends auch zum Verhör gebracht wurde, war er in gewisser Hinsicht überrascht, dass dies nicht mit Schlägen begann wie er befürchtet hatte.

Er beschreibt die Situation mit den Worten: „Diesmal war es ein SS-Mann, der mich in sein Zimmer führte und mich aufforderte, dort Platz zu nehmen. Dann sagte er zu mir: 'Wir wissen, dass Sie uns mehr erzählen können, als Sie wollen. … Ich will es Ihnen nicht schwermachen, kommen Sie einmal her.' Er forderte mich auf, an seinen Schreibtisch zu treten, zeigte mir einige maschinengeschriebene Blätter und ließ sie mich lesen. Da standen all die Namen der Brüder, die in Deutschland reisten, als letzter auch meiner. Dann konnte ich die Namen der Versammlungen lesen, die wir besucht hatten. und auch die Namen der Brüder.

Ja, ich konnte es kaum glauben, unsere ganze Untergrundorganisation war hier aufgeführt und lag ausgebreitet in den Händen der Gestapo. Wahrlich, ich brauchte eine Weile, bis ich die Situation begriffen hatte. … Ich hätte an der Echtheit des Berichtes noch gezweifelt, wenn nicht auch meine eigene Tätigkeit genau aufgezeichnet gewesen wäre. Der mich verhörende SS-Gestapo-Mann mit Namen Bauch aus Dresden ließ mir Zeit, meine Gedanken zu sammeln. Ich glaube, ich habe ein ziemlich dummes Gesicht gemacht, als ich mich wieder auf meinen Platz setzte. Dann sagte er zu mir: 'Nun hat es doch keinen Zweck mehr zu schweigen.'" [53]

Die Vernehmungsprotokolle des Gestapo-Mannes Bauch sind noch erhalten. Unter dem Datum des 8. 9. 1936 kann man darin von Bär auch lesen: „Adressen sind mir zur Zeit nicht gewärtig. Falls sie mir noch ins Gedächtnis kommen, gebe ich sie noch nachträglich bekannt." [54]

Dennoch nannte Bär schon am 8. 9. einige konkrete Namen und Adressen:

„Bruder Klug, Schrebergasse 10, Flensburg.

Steinbeck, Gärtnergasse, Lübeck.

Starke, Brüggemannstr. 31, Husum.

Reimers, Brückenstr. 13, Itzehoe.

Eidelstadt, Elbgaustr. 110."

Das Protokoll vom 9. 9. 36 notiert noch: „Bär, der nach Vorhalt bereit ist, ein volles Geständnis abzulegen, erklärte weiterhin. … Ergänzend möchte ich bemerken, dass der Bruder Wiese in Rendsburg, Fockbecken-Chaussee 54 wohnt. Der zweite Bruder in Altona heißt Helmut Brembach, Eidelstadt, Elbgaustr. 100. Von Rubau (falsche Schreibweise, richtig: Ruhnau) ist mir bekannt, dass er zwischen Bruder Harbeck, Bern und Winkler die Verbindung aufrecht erhielt." [55]

Bär wurde daraufhin am 13. 7. 1937 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. [56]

Über das Resultat dessen, notiert Elke Imberger noch:

"Am 31. August 1936 wurde Georg Bär ... festgenommen - Resultat der kurz vorher erfolgten Verhaftung des damaligen IBV-Reichsleiters, der im Verhör die Namen der Bezirksleiter preisgegeben hatte. Aufgrund von Bärs Aussagen kam es am 5. November 1936 zur Festnahme von Georg Paulsen, Conrad Klug und Gustav Bressem. Damit waren die Flensburger Bibelforscher ihrer führenden Funktionäre beraubt."

Nachdem die weitgehend zerschlagene Zeugenorganisation mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sich zu reorganisieren begann, wobei die Zeitverhältnisse für die Zeugen Jehovas offensichtlich einen Motivationsschub darstellten, sind solche Reorganisierungsbemühungen auch im Raum Dresden feststellbar. Bär wurde offensichtlich nach seiner Haftentlassung nicht in ein KZ überführt, wobei sicherlich seine seinerzeitige Aussagebereitschaft eine gewichtige Rolle spielte, für dieses gemessen an anderen Fällen von Zeugen Jehovas, relative „Privileg". Er spielt erneut eine Rolle in der Zeugenorganisation.

Circa 1944 erfolgte im Dresdner Raum eine erneute Verhaftungswelle. Unter den Verhafteten befindet sich auch Georg Bär und seine Ehefrau. Der Hauptangeklagte Buchhalter Paul Otto Grützner, der die Funktion eines Bezirksdieners wahrnahm, wird vom berüchtigten Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Urteil für andere in diesem Prozess gleichfalls Mitangeklagte Zeugen Jehovas lautet fünf Jahre Zuchthaus. Am unteren Ende bewegt sich in diesem Verfahren das Strafmaß für das Ehepaar Bär. Georg Bär wird zu vier, seine Frau zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. [57]

Nach 1945 wurde Georg Bär unter anderem Mitglied des Landesschiedsausschußes für Opfer des Faschismus. Im Zuge der sich anbahnenden Verbotsentwicklung der Zeugen Jehovas in der DDR, gehört Bär erneut zu denen, die schon im ersten großen Schauprozess gegen die Zeugen Jehovas in der DDR verhaftet wurden. In diesem Prozess werden extrem drastische Urteile verhängt. [58] Das Urteil für Georg Bär lautet auf 15 Jahre Zuchthaus!

In diesem Prozess hatte der Generalstaatsanwalt Melsheimer die Behauptung aufgestellt, dass die Filiale der Wachtturmgesellschaft in Magdeburg „nichts anderes ist als eine Filiale des amerikanischen Geheimdienstes." [59]

Auf dieser Linie lagen auch die Anklagevorwürfe gegen Bär: „Der Angeklagte Bär gab zu, über Wiesbaden den Auftrag erhalten zu haben, Berichte über alle 'Vorkommnisse, politische Aufstände, Wahlen, Auseinandersetzungen, Revolutionen, Katastrophen, Flugzeuge, Fliegerei, Berge und Landschaften, Verfolgungen und Opposition' anzufertigen. Dem Auftrag entsprechend hat Bär u. a. Berichte über Polizeimaßnahmen, Vorkommnisse in volkseigenen Betrieben und beim Landessender Dresden den Amerikanern ausgeliefert." [60]

Soweit die Buchzitate.

Ergänzend sei noch die zitierte Anmerkungsnummer 56 mit zitiert:

Von dem im Protokoll auch genannten Helmut Brembach berichtet auch die Zeugenleitung, dass er daraufhin Besuch von der Gestapo bekam. Brembach war insofern eine wichtige Person, als er mit der illegalen Wachtturmvervielfältigung befasst war. Es wurde eine gründliche Hausdurchsuchung bei ihm durchgeführt. Erst die Wohnung, dann den Keller. Da man in der Wohnung nichts fand und offenbar schon etwas frustriert darüber war, wurden bei der Kellerdurchsuchung auch nicht alle potentiellen Möglichkeiten ausgeschöpft. Bei der anschließenden Dachbodendurchsuchung fand man jedoch einige ältere Bibelforscherschriften und schloss mit diesem „Erfolg" die Hausdurchsuchung ab. Vgl. Jahrbuch 1974 S. 139-141.

Anzumerken ist auch noch, dass die von Bär auch genannten Diedrich Hübner und Hermann Wiese nebst anderen von der Gestapo verhaftet wurden. In einem Massenprozeß vom 26. 2. 1937 wurden auch sie mit abgeurteilt. Vgl. „Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung" Band 7, Frankfurt/M. 1993 S. 35.

Immerhin belegt auch dieser Fall, wie es um das Ausmaß der "Aussageverweigerung" inhaftierter Zeugen Jehovas in der Praxis bestellt war.

Die Archivarin Elke Immberger, die bei Aktenstudien sich sowohl mit dem Widerstand politisch motivierter Gruppen im "Dritten Reich" als auch mit dem passiven Widerstand (Dissens) der Zeugen Jehovas befaßte, kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Im Vergleich zu dem Widerstand politisch motivierter Gruppen fiel ihr auf, daß die Vernehmungsprotokolle von Zeugen Jehovas ein unverhältnismäßig hohes Maß an Aussagebereitschaft gegenüber der Gestapo offenbaren.

Es steht außer Frage, daß die Gestapo in der Wahl ihrer Mittel - um zum Ziel zu kommen - nicht "wählerisch" war. Immerhin ist sie aber in sehr vielen Fällen zum Ziel gelangt.

Frau Imberger stellt dazu die Frage, ob diese ungewöhnlich hohe Aussagebereitschaft nicht "auch im Zusammenhang mit der Weltabgewandheit der Bibelforscher gesehen werden (muß), die an ein in Kürze anbrechendes Königreich Gottes auf Erden und ein göttliches Strafgericht über die Feinde der Zeugen Jehovas glaubten und daher der weltlichen Justiz kaum Bedeutung zumaßen."

Exemplarisch ist dafür eben auch der Fall Georg Bär.

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung im NS-Regime war er 36 Jahre alt und als Bezirksdienstleiter für den Bereich Schleswig-Holstein eingesetzt. Wenn man sich das Vernehmungsprotokoll ansieht, dann springt einem sofort ins Auge, wie präzise und umfänglich dort die Namen und Anschriften anderer Zeugen Jehovas, mit denen er in Berührung kam, mitgeteilt wurden. Die Gestapo hatte bei ihm offenbar ein leichtes Heimspiel!

In ihrem Gesichtsbericht über Deutschland, zitiert die WTG ihrerseits Georg Bär und wie der ihn vernehmende Gestapobeamte Bauch ihm gut zuredet mit den Worten: "Nun hat es doch keinen Zweck mehr zu schweigen". Es ist offensichtlich, dass auch Bär in der Tat nicht geschwiegen hat.

Es soll keineswegs beschönigt werden, dass Bär zum Kreis der Doppeltverfolgten gehörte (NS-Regime und DDR). Er gehörte mit zu denjenigen die im ersten großen DDR-Schauprozess in Sachen Zeugen Jehovas, sich erneut auf der Anklagebank wiederfanden. Diese persönliche Tragik ist unbestritten. Emotionen sind das eine. Die nüchterne Einschätzung dessen was gewesen ist, dass andere.

Und zur nüchternen Einschätzung gehört auch dies. Es gab Zeugen Jehovas die die Folterungen ihrer Peiniger im NS-Regime nicht überlebten, bzw. nur als Krüppel. Das waren die wirklich Standhaften. Dann gab es die, die da auch mehr oder weniger gefoltert wurden. Wie zum Beispiel die Herren Frost, Franke, Bär und andere. Sie hingegen überlebten; dieweil sie den dafür fälligen Preis gezahlt hatten!

Horst Schmidt

Von dem in der DDR-Geschichte der Zeugen Jehovas (Mitangeklagter im ersten großen Zeugen Jehovas-Schauprozeß der DDR) eine Rolle spielenden Georg Bär, ist auch in der WTG-Literatur überliefert, wie er seine vorangegangenen Verhaftungen und Vernehmungen in der NS-Zeit beschrieb. Wie er schilderte, dass der Gestapo-Vernehmer es "ganz auf die Ruhige versuchte"; dergestalt, dass er Bär Gestapo-Protokoll-teile lesen ließ. Und der beabsichtigte Effekt trat ein. Bär war "fassungslos" was er da alles lesen konnte. Welche Detailkenntnis die Gestapo doch hatte, einschließlich der über seine eigene Rolle. Und wie der Gestapo-Vernehmer seinen "Trumpf" ausspielte. "Nun Herr Bär; Sie sehen doch; Schweigen hat keinen Sinn".

Über den weiteren Ablauf hüllt sich die WTG-Veröffentlichung dann in Schweigen. Indirekt und aus einigen anderen Indizien ist aber ersichtlich. Bär redete dann im Anschluss.

Vom gleichfalls eine bedeutende Rolle in der Endphase des "Dritten Reiches" spielenden WTG-Funktionär Hans Fritsche, ist bekannt, dass er der zum Tode verurteilt, dennoch auf "wunderbare" Weise überlebte. Das "Wunder" klärt sich dergestalt auf, dass die Gestapo ihn als Belastungszeugen in weiteren Zeugen Jehovas-Prozessen einzusetzen gedachte und nur das "Pech" hatte, dass inzwischen der Mai 1945 herangekommen war, und damit alle ihre Pläne zur Makulatur sich verflüchtigten.

Emmy Zehden, eine gleichfalls Berliner Zeugin Jehovas, hatte etwas weniger Glück. In ihrem Fall wurde das Todesurteil der Nazijustiz gnadenlos vollstreckt. Sie hatte drei Wehrdienstverweigernden Zeugen Jehovas Unterschlupf gewährt in der Illegalität. Auch das aufzudecken gelang der Gestapo. Zwei dieser drei ( Gerhard Liebold und Werner Gasser) bezahlten gleichfalls mit ihrem Leben. Sie wurden bereits am 28. 12. 1942 verhaftet. Schmidt schätzt es so ein; er selbst entging dieser Verhaftung nur dadurch, dass er zum fraglichen Zeitpunkt auf Reisen war.

Der dritte, Stiefsohn der Emmy Zehden, indes überlebte. Man wird letzterem Horst Schmidt nicht unterstellen können, sich mit einer unbotmäßigen "Widerstandskämpfer-Aura" umgeben zu haben. Ganz im Gegensatz zu den Herren Frost und Franke, für die das zutraf und die sich die gleichen Vorhalte machen lassen müssen wie Bär und Fritsche. Horst Schmidt blieb lange Jahre seines Lebens nach 1945 zurückgezogen "im zweiten Glied". Erst im Rahmen der "Standhaft"-Kampagne gelangte auch sein Fall ins Rampenlicht. Man wird ihm weiter bescheinigen können, dass er auch noch da "zögerte"; oder anders gesehen, seine intellektuellen Fähigkeiten nicht ausreichten, um für sich eine herausgehobene Rolle zu reklamieren.

Es liegen etliche Videoaufzeichnungen von "Standhaft"-Veranstaltungen vor, mit Schmidt als Zeitzeugen, wo er dennoch sehr zurückhaltend, ja fast nichtssagend, auf sein eigenes Schicksal mit einging. Und so verwundert es eigentlich auch nicht, dass sein Plan auch einmal eine Autobiographie vorzulegen, lange sich hinauszögerte. Das sie erst dann konkrete Gestalt annahm, als der Historiker Hans Hesse ihn mal "diesbezüglich bei der Hand nahm" und das ganze in eine lesbare Form zu gießen versuchte.

Frost und Franke, waren sowohl in der NS-Zeit als auch danach, höhere WTG-Funktionäre. Was war Schmidt? Er war meines Erachtens ein "getriebener" der Umstände, der vielleicht gar nicht immer verstand, was denn da passiert und warum es denn da passiert ist. Schmidt 1920 geboren, war nicht bei seinen leiblichen Eltern aufgewachsen; sondern bei zur Verwandtschaft gehörenden Stiefeltern. Sein Stiefvater war zudem noch Jude. Was das im Naziregime bedeutete, braucht wohl nicht näher beschrieben zu werden. Schmidt selbst umschreibt es so. Emmy Zehden erhielt eine volle Lebensmittelkarte. Ihr Mann die halbe. Er Schmidt, schon in der Illegalität, gar keine. Schon relativ früh wurde sein Stiefvater verhaftet. Und die gesamte Last der Familienernährung fiel somit Emmy Zehden zu; soweit nicht auch weitere Zeugen Jehovas halfen.

Die Stiefeltern des Schmidt nahmen erst in der Nazizeit den Bibelforscherglauben an und Horst Schmidt mit ihnen. Wie das Geburtsjahr 1920 deutlich macht, wurde alsbald die Wehrgesetzgebung des Naziregimes auch für ihn zum Problem. Es wurde dahingehend gelöst, dass er in die Illegalität mit abtauchte. Als Wehrdienstverweigerer war er zugleich auch als WTG-Kurier tätig. Nun um von der der WTG als Kurier eingesetzt zu werden; dazu bedurfte und bedarf es auch heute noch nicht, "höhererer Weihen". Je Unwissender der Kurier, umso besser (im WTG-Sinne); wenn es denn eines Tages mal "schief geht".

Dieser Tag sollte für Schmidt der 13. Juni 1943 sein. Sein Kurierauftrag führte ihn ins etwa 600 km von Berlin entfernte Danzig. Dort wo er auch seine spätere Ehefrau kennenlernte. Zwei Tage war er schon in Danzig als die Gestapo zuschlug. Nicht die örtliche. Nein, eigens auch von Berlin aus angereiste Gestapo-Beamte. Sinnierend meint Schmidt rückblickend:

"Noch heute denke ich darüber nach, wie es zu dieser Verhaftung gekommen ist. Manchmal denke ich, dass die Staatspolizei in Berlin einen Tipp bekommen hat. ..."

Ich fürchte, Schmidt hat mit dieser Vermutung recht.

Deutlich wird dies auch daran, wie er dann seine Vernehmung in der Berliner Gestapo-Zentrale beschreibt. Da liest man denn:

"Empfangen wurde ich mit den Worten: 'Versuche erst gar nicht die Antworten zu verweigern, versuche nicht, uns zu belügen. Du weißt, dass wir nicht zimperlich sind, du kannst dir vieles ersparen. Also, was wir wissen wollen ist: Wer hat dir die 'Wachttürme' gegeben?' ...

So kamen sie mit einer Anzahl von Namen und fragten: 'Kennst du diese?' Ich war verblüfft, sie kannten wirklich viele meiner Glaubensbrüder, viele, die ich nun gar nicht persönlich kannte. Aber auch viele, die schon im Gefängnis und Konzentrationslager waren. Ich versuchte, diesen Ausweg zu nehmen und nannte einige von ihnen. Sie fielen darauf nicht rein, natürlich nicht. 'Lügen tust du also auch, von denen kannst du die Schriften nicht haben', und so wurde ich wieder zum Spielball der beiden."

Meines Erachtens macht auch dieser Bericht deutlich, dass die Gestapo sehr wohl ihr "Geschäft" verstand. Es war wirklich nur eine Frage der Zeit, wann und wie sie ihre Kunden letztendlich doch zum Sprechen brachte. Einige wenige haben in der Tat auf Dauer nicht "gesungen". Das sind die, die seitens der Gestapo wirklich zum Krüppel geschlagen wurden, oder noch schlimmer nicht lebend die Vernehmungen überstanden. Einige wenige solcher Fälle gab es auch. Zürcher nennt in "Kreuzzug gegen das Christentum" solche Beispiele. Für etliche andere die Bär's und Co gilt jedoch. Unbeschadet schlimmen was sie erdulden mussten. Letztendlich (und nur das zählt) kam die Gestapo ans Ziel.

In einem Massenprozeß gegen insgesamt 11 Zeugen Jehovas, wird dann Schmidt vom Volksgerichtshof in Berlin mit verurteilt. Der war am 30. November 1944. Auch diese Datumszahl macht deutlich. "Viel" Zeit hat das Hitlerregime danach nicht mehr.

Über seinen Pflichtverteidiger, den er vor Verhandlungsbeginn nicht zu Gesicht bekam, berichtet Schmidt:

"Geärgert habe ich mich über meinen Pflichtverteidiger, den ich nun doch noch zu sehen, bekam. Und seine sogenannte Verteidigung ist das Einzige, was mir bewusst in Erinnerung geblieben ist. Er sagte nämlich, dass es für mein Handeln keine Rechtfertigung geben könne, er möchte aber sagen dass mein Handeln nur im Sinne des Paragraphen 51 Absatz 2 gesehen werden könne. Das heißt, dass ich zwar nicht verrückt, aber doch einem religiösen Wahn erlegen sei. Mehr hatte er nicht zu sagen und es wäre ohnehin sinnlos gewesen. Wenn ich so darüber nachdenke, hat die ganze Verhandlung 30 Minuten gedauert, es kann nicht länger gewesen sein."

Fünf Todesurteile wurden anlässlich dieser Verhandlung ausgesprochen. Eines davon auch für Schmidt. Er betont auch noch, dass er keinen der Mitangeklagten Zeugen Jehovas zuvor gekannt hatte. Da wurde per Rasenmäher abgeurteilt was gerade so in Sachen Zeugen Jehovas sich in den Justizmühlen befand. Das seine Mutter bereits zuvor hingerichtet worden war, erfuhr Schmidt anlässlich dieser Verhandlung noch so "nebenbei". Auch ein Zeichen des Psychoterrors der da ausgeübt wurde.

Pikant auch Schmidt's Bericht dass er in der Endphase des Hitleregimes (das heisst der zweiten Aprilhälfte 1945) in einem Anflug vorher nicht gekannter Liberalität, weitere Zeugen Jehovas in seine Zelle in Brandenburg zugeteilt bekam. Einen Namen nennt er da auch, den es auch hier noch zu nennen gilt. Das ist der Name desjenigen den die Gestapo nachweislich als Belastungszeuge für weitere Verhaftungen aufgespart hatte (obwohl auch zum Tode verurteilt). Der Franz Fritzsche (S. 98f.) den es nun auch nach Brandenburg verschlagen hatte. Am 27. April 1945 sollte auch für Schmidt und Fritzsche diese Alptraumphase ihres Lebens ein Ende finden. Just an jenem Tage standen dann die sowjetischen Panzer vor der Gefängnistür.

Offenbar war es nun Fritzsche der die Initiative ergriff. Ziel war es sich nach Berlin durchzuschlagen, was angesichts fehlender Verkehrsmittel nicht so einfach war. Seine erste Unterkunft in Berlin fand Schmidt dann in einem Laubengrundstück des Fritzsche im Berliner Bezirk Reinickendorf. Für Schmidt kam das "Happyend" wohl dergestalt, dass seine Schwiegereltern in spee ihn dann aufgabelten und damit trennten sich dann wieder die Wege von Fritzsche und Schmidt.

An diese Schmidt'sche Autobiographie fügt Hesse dann noch ein eigenes Nachwort an. Schon in dessen ersten Sätzen, nachdem er seine eigenen Publikationen gebührend dem Publikum offeriert, verfällt er in eine altbekannte Legendenbildung. "Es gab und gibt keine Lobby für diese Minderheit" (der Zeugen Jehovas) so tönt er. Er muss offenbar mit Blindheit geschlagen sein, angesichts seiner nicht mehr zählbaren Auftritte vor Zeugen Jehovas. Angesichts seines wie er sagt "kommentiertes Internetadressenverzeichnisses" im Anhang. Selbstredend seine eigene Webseite erwähnt er. Die der WTG auch. Aber nicht eine einzige Kritikerseite in Sachen Zeugen Jehovas. Das Uraniabuch der DDR findet sich mit "Ach und Krach" noch im Literaturverzeichnisse. Weiteres von dessen Herausgeber natürlich prinzipiell nicht. Wenn man das nicht auch eine Form es Lobbyismus ist; Herr Lobbyist Hesse!

Friedrich Schlotterbeck's Bericht über den Zeugen Jehovas „Greiner"

(die unselige Zeit 33-45 betreffend)

Detlef Garbe erwähnt in seinem Buch („Zwischen Widerstand und Martyrium" S. 343) beiläufig auch den Kommunisten Friedrich Schlotterbeck. Bei Garbe liest man:

„Beispielsweise half der schwäbische Landwirt Karl Uhlmann, der nach über zweijähriger Inhaftierung aus dem KZ Welzheim entlassen worden war, seinem ehemaligen Mitgefangenen und Arbeitskollegen aus der KZ-Schreinerei Friedrich Schlotterbeck, als der frühere württembergische KJVD-Landesvorsitzende und aktive Widerständler Mitte des Krieges untertauchen mußte und ein Versteck suchte." Dazu muss man wissen, dass Schlotterbeck am 27. 8. 1943 aus dem KZ entlassen, gleichwohl wieder für die KPD aktiv wurde. Im Verlauf seines abenteuerlichen Lebens, auch nach diesem Datum, wurde die gesamte Familie Schlotterbeck von den Nazis in Sippenhaftmanier ermordet. Auch Schlotterbeck entging nur knapp nach diesem Datum, weiteren auch für ihn tödlich bedrohenden Situationen.

Als Quelle verweist Garbe auf das Buch von Schlotterbeck sowie auf einen Zeitzeugenbericht. Sieht man sich das Schlotterbeck-Buch näher an, findet man dort nirgends den Namen Karl Uhlmann. Allerdings kommt in Schlotterbecks Erzählung sehr wohl ein Bibelforscher vor. Den nennt indes Schlotterbeck „Greiner". Ist nun Greiner mit Uhlmann identisch? Vieles spricht dafür. Denn Schlotterbeck berichtet nur von einem Bibelforscher. Letztendlich kann diese Frage an dieser Stelle nicht geklärt werden. Denkbar ist auch, dass Schlotterbeck den Namen „Greiner" als Pseudonym benutzte, um dessen wahre Identität zu schützen. Auch ansonsten widerfuhr diesem Uhlmann (Greiner) schlimmes.

Dazu sei einmal aus dem Buch von Schlotterbeck zitiert:

„Als er gegangen war, eine neue Frage: Wo kann ich schnell und sicher untertauchen? Wo?

Vielleicht bei dem Bibelforscher, der den Eid verweigert hatte und nicht stehlen konnte? Er hatte mich eingeladen. Als er entlassen wurde.

Am Sonntagmorgen suchte ich seinen Hof. In einem abgelegenen Waldtal. Ihn fand ich im Stall".

Ach! Du bist's", sagte er und stellte die Mitstgabel weg, „ich habe oft an dich gedacht."

SA-Leute hatten sein Haus angezündet, die Feuerwehr durfte nicht löschen, und das Haus durfte nicht wieder aufgebaut werden. Jetzt wohnte er in der Ruine."

Weiter ist davon die Rede, dass dieser Bibelforscher Schlotterbeck im Rahmen des ihm möglichen Hilfe anbot. Insofern stimmt dies auch mit den Angaben von Garbe überein.

Ist das eigentlich alles, was über diesen Fall zu berichten ist? Liest man nur das Garbe-Buch; nicht aber auch das Buch von Schlotterbeck, dann stellt sich unwillkürlich dieser Eindruck ein. Sachgemäss ist dies allerdings nicht.

Wie ist denn die Situation heute, wenn seitens der Zeugen Jehovas in selbstdarstellender Weise über die Zeit 1933-45 gesprochen wird? Analog auch zu Garbe werden in der Regel die „Rosinen" herausgestellt. Wird betont wie standhaft man doch gewesen sei. Manchmal hat man dabei den Eindruck ein Hollywood-Filmregisseur steht dabei Pate. Nur standhafte Superhelden kommen in diesen Zeugen Jehovas-Epos vor. Schon beim Beispiel Erich Frost deutlich. Das war in Zeugen Jehovas-Sicht auch so ein Superheld. Seine unterschriebenen Gestapoprotokolle indes zeigen ihn in einem etwas anderem Licht. Sicherlich. Nicht freiwillig unterschrieben. Da bestand eine reale Nötigungssituation. Unbestritten. Nur auch diese Schattenseiten bedürfen der Erwähnung. Das macht sich dann aber wiederum für den „Hollywoodfilm" Made in Zeugen Jehovas schlecht. Also breitet man lieber den Mantel des Schweigens über solche Schattenseiten aus.

Um nicht mißverstanden zu werden „Greiner" (Uhlmann) lässt sich in keiner Weise mit Frost vergleichen. „Greiner" war als völlig anderem „Holz" geschnitten. Hochsensibel, der faktisch an der Gefangenensituation zerbrochen ist. Letztendlich auch an einem Selbstmordversuch wird dies deutlich.

Spätestens an dieser Stelle der Hinweis und Rat, mit dem lesen dieses Textes aufzuhören; besonders für auch gleichfalls sensible Naturen. Es gibt noch einiges hartes zu berichten, dass nicht jedem zugemutet werden kann und soll. Deshalb nochmals die nachdrückliche Aufforderung an sensible Naturen. Sofort mit dem weiterlesen dieses Textes aufhören!

Fakt ist aber auch, dass Schlotterbeck das diesbezügliche alles schon veröffentlicht hat. Es ist also in dem Sinne nicht „neu". Es sei nur deshalb dokumentiert; dieweil es sehr wohl Zeugen Jehovas-spezifisch ist.

Der Europa-Verlag in Zürich, bekannt auch als Verleger des Franz Zürcher-Buches „Kreuzzug gegen das Christentum" ist es gewesen, der zeitgenössisch als erster Verlag das Buch von Friedrich Schlotterbeck publizierte mit dem Titel „Je dunkler die Nacht …" Es gab nachfolgend noch weitere Auflagen dieses Buches. Auch in der DDR. Dort 1969 im „Mitteldeutschen Verlag" erschienen. Es ist eigentlich vorstehend schon genug kommentiert worden. Nachstehend soll nur noch unkommentiert zitiert werden, was Schlotterbeck über den Fall dieses Bibelforschers mit berichtet.

Er berichtet dass er und auch dieser Bibelforscher im KZ in einer Tischlereiwerkstatt beschäftigt war. Weiter geht es bei Schlotterbeck mit der Ausführung:

Sechs Häftlinge arbeiteten in der Tischlerei. Sie war noch neu und hatte doch schon eine Geschichte.

Der Kommandant gebärdete sich wie ein Wohltäter, weil er die verschuldete Werkstatt pachtete und ein Gefängnis daraus machte.

Sobald die Werkstatttüre geschlossen war, zeigte sich der SS-Posten von seiner besten Seite.

Unser Vorteil war, daß er vor seinen Vorgesetzten mehr Angst hatte als wir. Da er als wüster Schläger bekannt war, nannten wir ihn „Wildsau". Seine Geschwätzigkeit und die Vorteile, die wir daraus zogen, wogen vieles auf.

Sechs Jahre lebte ich mit ihm zusammen, und beide wußten wir, daß er „ein bißchen verrückt" war. Seine Gesichtszüge schwankten zwischen verbissener Streitsucht und jungenhaften Übermut. Er war stolz darauf, nie ein Buch zu lesen. Wie die meisten SS-Leute. Bis auf einen, der als Sonderling galt und viel gehänselt wurde.

Die Tischlerei war das Steckenpferd des Kommandanten. Mit ihr bewies er dem Reichssicherheitshauptamt die Rentabilität des Lagers. Ständig war er auf der Suche nach Arbeitskräften. Fiel irgendwo jemand auf, nahm ihn der Kommandant, auch wenn es zu keinem Gerichtsprozeß ausreichte, in Schutzhaft. Es genügte, daß er Tischler war. Schon Wochen zuvor kündigte er an, daß er wieder einen in Aussicht habe. …

Vor der Werkstatt quietschen Motorradbremsen. Der SS-Mann schrie durch die geschlossene Tür: „Tischlerei sofort einrücken! Der Kommandant ist da!"

Wir begannen unser Werkzeug aufzuräumen. Auch unsere Hosentaschen. „Alles liegenlassen! Antreten! Dalli, dalli! Im Gleichschritt - marsch!" Die Jacken knöpften wir im Gehen zu. Kärcher schielte zu mir herauf und fragte durch die Zähne: „Was kann los sein!" Alle schauten unsicher: der alte Bibelforscher, der nichts Verbotenes tat; Großvater Dehmel, der so gern schnupfte und nichts für die Winterhilfe spenden wollte; der Junge dem ein Arbeitsplatzwechsel zum Verhängnis geworden war; und schließlich der Radio-Moskau-Hörer.

Die Wildsau kommt strahlend und wichtig in den Hof gestürzt: „Sofort mitkommen! Viel Arbeit. Heute noch anfangen!"

Auch der Kommandant war bester Laune. „Kommt mal her!" sagte er leutselig und zeichnete auf ein Blatt Papier Betten. Viele Betten. Kärcher wagte Einwände. „Herr Kommandant! Bei zwei Metern Höhe können nicht vier, sondern höchstens drei Betten eingebaut werden. Wenn man noch den Strohsack berechnet …" „Quatsch" sagte der Kommandant. „Für die Juden ist es so gerade recht." Warum strahlte er so? Wegen der Juden? Oder weil sein alter Traum in Erfüllung ging? Er hatte das benachbarte ehemalige Landratsgebäude beschlagnahmt, wodurch sich die Kapazität seines Unternehmens verdoppelte.

„Die Fenster werden verschraubt und mit Maschendraht vernagelt. Die Fensterscheiben mit weißer Farbe zugestrichen", sagte er von Raum zu Raum humpelnd. Als Kärcher das Auftragsbuch in die Tasche steckte, rief er uns nach: „Und daß ihr es wißt, morgen abend ist alles fertig!"

Schließlich wurden die Juden in die fertigen Räume gesperrt … „Wie 1933", sagte Kärcher und versuchte die Nägel mit einem einzigen Hammerschlag in das Holz zu schmettern. Soll man hinsehen? Soll man wegsehen? Jeder hatte mit sich zu tun. Der Bibelfoscher drehte sich im Kreis und sagte seinen einzigen erlaubten Fluch: „Herrschaft, wo ist denn mein Hammer?" Er hatte ihn in der Hand. Ob er bereit sei, das Vaterland mit der Waffe zu verteidigen, hatten sie ihn gefragt. Und er hatte gesagt, daß er nicht bereit sei, denn: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." Großvater Dehmel arbeitete gar nicht mehr. Ruhig stand er am Fenster und starrte blicklos in die Ferne. Vergaß den Schnupftabak, das „beste Mittel gegen Herzleiden". …

„Übermorgen fahren wir in die Stadt", sagte die Wildsau. „Wen sollen wir mitnehmen?" „Vielleicht den Greiner?" Der Bibelforscher bereitet Sorgen. „Warum gerade ich?" „Weil ich dich vorgeschlagen habe. Freust du dich nicht?" „Nein. Die haben etwas vor!" „Du siehst Gespenster. Reiß dich zusammen!" Da auch die Gestapo Benzin sparen mußte, fuhren wir mit dem ersten Arbeiterzug. Und weil die Wildsau sich genierte, trugen wir Zivilkleider. Mühsam zwängten wir uns mit den Werkzeugkisten in den überfüllten Zug.

Auf dem Weg zum Gestapogebäude fragte die Wildsau: „Na, was meist du?" „Die Leute sprechen recht herzhaft". „Du bist schon zu lange drin. Deshalb wundert dich das. Laß sie schimpfen. Das ist nicht das schlimmste." „Aber wir haben doch Leute im Lager, die auch nichts anderes sagten?" „Haben eben Pech gehabt." Auf der Treppe mußten wir einem entgegenkommenden Gestapomann ausweichen.

Greiner blieb fast wie gelähmt stehen und ließ seine Kiste fallen. „Hast du gesehen, wie der mich fixiert hat?!" „Mir ist nichts aufgefallen." „Doch, doch! Der hat mich damals verprügelt. Jetzt will er bestimmt wieder was von mir." „Der hat dich gar nicht erkannt! - Nimm dich zusammen!"

Im Fotoatelier des Erkennungsdienstes bauten wir Wandschränke ein und montierten über einer Badewanne einen Tisch. So wollte es der neue Fotograf.

Die Wildau sagte: „Langsam. Immer mit der Ruhe. Langsam." Wegen der Tagesspesen und des abendlichen Stadtbummels. Auch mir war es recht. Außer der Gefangenenkost im Polizeigefängnis bekamen wir Reisemarkenverpflegung. Vom Amtschef genehmigt. Am Nachmittag erschien dieser selbst. „Achtung!" Die Wildsau machte Meldung. „Weitermachen! Hm, das ist doch …" Sehr plump gemacht, dachte ich. „Schlotterbeck, Herr Regierungsrat" half die Wildsau. „Natürlich! Kennen wir uns nicht? Seitdem hat sich manches verändert, was? Damals sind Sie uns immer wieder durch die Finger gerutscht. Das waren noch Zeiten, wie!" „Jawoll!" sagte ich und dachte: Tu etwas! Und sei vorsichtig! Der ist nicht zufällig gekommen! So einer kommt nie zufällig. …

Die Wildsau schnitt hinter dem Rücken des Amtschefs ermahnende Grimassen. „Und - wie geht es Ihnen?" Ich zuckte die Schultern. „Reden Sie schon! Früher konnten Sie's doch auch. Gut geht es Ihnen nicht. Das seh' ich." „Nein, gut nicht."

Er sah angestrengt auf seine Stiefelspitzen. Steckte die Hände in die Rocktaschen. Theater! Alles Theater! Er will etwas. Seit zwanzig Jahren kenne ich ihn. In der Weimarer Zeit hat er die politische Polizei geleitet. 1934 wurde er abgesetzt. Dann brachte er das Mädchen Liselotte Herrmann unters Fallbeil. Und war wieder im Kommen. Jetzt sitzt er auf seinem alten Platz, nachdem der Vorgänger über Nacht nach Rumänien versetzt wurde und schon acht Tage später an Typhus starb. „Wie lange sind Sie noch in der Stadt?" „Bis morgen abend wird es schon dauern, Herr Regierungsrat." „Gut. Bringen Sie mir den Schlotterbeck für eine halbe Stunde." Nachdem er gegangen war, rasselte die Wildsau los: „Mensch, Glückspilz! Wissen Sie, daß Sie eine große Chance haben?" „Nana!" „Wenn ich Ihnen sage! Ich kenne doch den Chef. Der hat was vor mit Ihnen." „Kann mir's denken". „Ist doch egal. Versprechen Sie ihm das Blaue vom Himmel!"

Die schwerste Knochenarbeit wäre mir jetzt lieber gewesen … Greiner hatte sich in der ganzen Zeit nicht gerührt. Blieb auch jetzt schweigsam. Nur die Wildsau war hochbeschwingt und gebot Feierabend. Die Arbeit mußte gestreckt werden.

Im Polizeigefängnis erhielten wir mit dem Abendbrot auch das Mittagessen nachgereicht. Dann streckten wir uns satt auf die Holzpritschen. Greiner lag auf dem Rücken. Die Arme unter dem Kopf. Starrte zur Decke. Sein blondes Haar war zerwühlt. Sein rundes, rosiges Gesicht zerquält. „Jetzt kommst du vielleicht bald raus. Ich gönn es dir". Er sah mich treuherzig an. „In den vielen Jahren mußt du allerhand erlebt haben." „Das kann man sagen". „Ist dir eigentlich nie der Gedanke gekommen - Schluß zu machen?" Das war es also. Wütend fuhr ich auf. „Du!" Dann hatte ich mich wieder in der Gewalt. „Ich verstehe. Aber du hast es nicht nötig, dich damit zu beschäftigen." „Ich meine ja nur. Was du immer gleich denkst!" „Für euch Bibelforscher ist die Sache klar. Ihr dürft nicht! Bei uns ist das anders. Unter gewissen Umständen dürfen wir." „Und wann? Deiner Meinung nach?" „Ehe man zum Verräter wird. Aber das kommt für dich und mich nicht mehr in Frage. Wir haben's hinter uns." „Nun ja, ich wollte nur wissen, wie du darüber denkst. Und jetzt, wo wir allein sind, kann man ja darüber reden." „Du kannst mich doch gar nicht anschaun!" Er hockte sich auf. Bewegte den Kopf wie ein Hund. „Ich hab eben auch schon den deutschen Blick." „Gewöhn ihn dir ab, sonst nehmen sie dich noch in die Partei auf." „Mit dir rede ich kein Wort mehr!" Nachdrücklich zeigte er mir den Rücken.

Am späten Vormittag holte uns die Wildsau. „Beschäftigt euch irgendwie. Ich gehe einkaufen." Er schloß uns ein, und wir nützten die Zeit, um das Bildarchiv der gehenkten Polen zu durchstöbern. Auch die Wildsau war auf einigen Bildern verewigt. Als der SS-Mann leibhaftig wieder vor uns stand mit Brot, Butter, Wurst, Käse - und Seltersflaschen für sich - starrte ihn Greiner fassungslos an. Mit steifen Bewegungen suchte er die Säge, ohne sie zu finden. „Hier ist sie!" Er achtete nicht auf seine Finger. Ließ die Säge an der falschen Stelle auf dem Holz tanzen.

„Was machst du denn?!" Er hatte einen stumpfen, gläsernen Blick. „Ist Dir nicht gut? Du bist ja ganz heiß und zitterst?" Die Wildsau, übernächtigt und durstig am Fenster stehend drehte sich um: „Was ist?" Greiner wich zurück. Sein Gesicht sprühte Angst. Seine Lippen flatterten. Dann brach es kreischend aus ihm: „Ich kann nicht mehr!" Er schlug die Hände vors Gesicht, krümmte sich über einer Kiste und heulte wie ein Kind, schluchzend, immer unverständlicher: „Ich kann nicht mehr!" Die Wildsau, nicht weniger aufgeschreckt, wurde väterlich: Greiner! He Greiner! Machen Sie keine Geschichten! Es hat Ihnen doch niemand was getan!" Greiner glotzte verständnislos. Wimmerte wieder: „Ich kann nicht mehr."

Die Wildsau wich zur Tür zurück. „Schlotterbeck! Beruhige ihn doch! Wir sind ja blamiert. - Vielleicht ist es besser, wenn ich eine Weile verschwinde?" Ich wußte, warum er ging. „Wollen wir frühstücken?" „Ich habe keinen Hunger." „Dann los! Arbeit lenkt ab!"

Mit schlecht gespielter Fröhlichkeit kam die Wildsau zurück. „Na, er hat sich ja wieder beruhigt. Hier habt ihr mein Frühstück. Ich habe keinen Hunger. Und Sie, Greiner, machen mir keine Geschichten!"

„Jawoll!" Apathisch kroch Greiner in die Badewanne. Unter dem darüber montierten Tisch war es dunkel. Schweigend reichte ich ihm die nötigen Werkzeuge. Aber Greiner arbeitete nicht. Er weinte still und hemmungslos in der Geborgenheit der dunklen Wanne. Die Wildsau winkte mich nervös ans Fenster: „Paß auf, daß der keinen Unsinn macht. Die sperren mich glatt ein, wenn was passiert! Im gleichen Augenblick hechtete Greiner aus der Wanne. Sprang auf. Rannte mit dem Schädel gegen die Wand. Schlug um sich, sprang wieder auf und schrie: „Jetzt ist es aus! Ganz aus! Jetzt kann ich nicht mehr!" Sein tränennasses Gesicht glühte. Das Weiß seiner weit aufgerissenen Augen war rot. „He Greiner!" „Nichts! Nein! Nichts mehr! Aus! Ich kann nicht mehr!"

Und ebenso plötzlich, wie er zusammengebrochen war, verwandelte er sich. Hochaufgerichtet, mit flammenden Blick und großartiger Handbewegung rief er: „Fürchtet euch vor dem Tag, da ihr gerichtet werdet! Er ist nicht mehr fern!" Seine Stimme krächzte nicht mehr. Jauchzend, die Arme hochgetreckt, fuhr er fort: „Da Oben ist Einer, der all eure Sünden kennt! Er wird über euch richten! Oh! Welch Heulen und Zähneklappern wird dann sein! Aber der Herr erkennt die Seinen!" Die Wildsau machte nicht weniger große Augen. „Schreien Sie doch nicht so! Wenn das jemand hört! Sie sind ja verrückt!" „O nein! Ich bin nicht verrückt! Aber ich schweige nicht länger! Ich fürchte euch nicht!"

Dennoch fiel er wieder zusammen. Trat nahe an die zurückweichende Wildsau heran und krächzte: „Ich will auch zum Regierungsrat! Ich fürchte ihn nicht! Ich schweige nicht länger!" „Mensch Greiner! Halten Sie doch endlich die Schnauze! Sie reden uns ja um Kopf und Kragen! Wenn das jemand hört!" „Alle sollen es hören! Es wäre Sünde, noch länger schweigen! Ich kann nicht mehr. Ich - kann - nicht - mehr -". Seine Stimme verging im Schluchzen. Dafür redete die Wildsau. Pausenlos. Irgend etwas. Damit es nicht still wurde. Greiner ließ den Wortschwall stumpf über sich ergehen. Dann stand er auf. Erstaunlich gefaßt. Und entschuldigte sich:

„Verzeihen Sie, Herr Hauptwachtmeister!" Sie reichten sich sogar die Hände. „Ich habe Ihnen Ungelegenheiten gemacht. Aber - es ist einfach so über mich gekommen!" „Schon gut. Aber jetzt versprechen Sie mir, daß Sie sich zusammenreißen!" „Jawoll! Herr Hauptwachtmeister!" Sie schüttelten sich erneut die Hände und sahen sich mit übertriebener Festigkeit in die Augen. Dann wandte sich Greiner an mich: „Gib mir auch die Hand! Schau mich fest an! Nicht so! Richtig und fest. Und denke jetzt gar nichts anderes, als was ich dir sage!" Dann großartig: „Ich danke dir! Heute weiß ich es! Und morgen du es!" „Sag es mir doch schon heute!" „Nein, nein! Morgen!" Und er lachte zum ersten Mal. In der Mittagspause weinte er wieder still vor sich hin. Die Wildsau schaltete den Radioapparat ein.

Ehe wir ins KZ zurückfuhren, borgte uns die Wildsau das Rasierzeug. Als Greiner an der Reihe war, bekam ich Weisungen: „Ich habe schon oft ein Auge zugedrückt. Gerade bei dir. Jetzt mußt du mir helfen. Paß auf, daß er nicht abhaut. Dem traue ich nicht mehr."

Auf dem Bahnhof erhielten wir unsere Fahrkarten. Im Zug setzte sich der SS-Mann auf eine andere Bank. Greiner begann wieder zu weinen. Lautlos. Unbewegt. Bald hatten es auch die Passagiere entdeckt. Der Zusammenhang zwischen uns und dem SS-Mann blieb nicht verborgen. Alle schwiegen. Nur ein Arbeiter seufzte: „Ja, ja …" Bei der Kontrolle fand Greiner seine Fahrkarte nicht. Aufgeregt suchte er in seinen Taschen, sagte: „Der Herr dort ist Zeuge! Er hat sie mir selbst gegeben!" Die Wildsau setzte sich ärgerlich zu uns. „Jetzt hab ich's euch so leicht gemacht, damit man nicht auf den ersten Blick sieht, wer ihr seid." Aber Greiner wollte keine Gefälligkeit: „Das ist mir gleich. Alle Leute dürfen wissen, daß wir Schutzhäftlinge sind und wieder ins KZ fahren. Ich schäme mich nicht!" Er saß unnatürlich steif. Die Hände im Schoß gefaltet. Das verkrampfte Gesicht nach oben gewendet. Im Weiß der Augen quollen wieder rote Äderchen. Keine Anrede erreichte ihn. Plötzlich stand er auf. Nahm Haltung an: „Schutzhäftling Greiner bittet austreten zu dürfen!" Zwar hatte die Wildsau sofort genickt, aber Greiner sagte dennoch sein Sprüchlein zu Ende.

Jetzt passierte etwas. Flucht? Dazu war er nicht der Mann. Aber seine Frage in der Gefängniszelle. Die Wildsau sah mich beschwörend an. Das Klosett war im Nebenabteil. Nichtraucher, leer. Noch schlechter beleuchtet. Auf der letzten Bank saß eine Frau mit einem schlafenden Kind. Die Klosetttür war verschlossen. Nichts Besonderes. Ich klopfte. Keine Antwort. „Greiner? Mach auf! Ich bin's!" Da sich nichts rührte, öffnete ich das Waggonfenster und beugte mich weit in die Nacht hinaus. Das Klosettfenster war geschlossen. Also mußte er noch drin sein. Sollte er wirklich?

Ich riß die Tür zum Raucherabteil auf und blieb stehen. Die Wildsau wurde blaß. Sprang auf. Zischelte: „Ist er weg?" „Er macht die Tür nicht auf." Mit vereinten Kräften stemmten wir uns gegen die Tür. .. Endlich kam der Schaffner. Schloß auf und trat zurück. „Mehr will ich damit nicht zu tun haben." Die Tür ließ sich nur einen Spalt öffnen. Auch die Wildsau wollte nicht näher kommen … Endlich gab die Tür nach. Im trüben Lichtschein sah ich ihn. Auf den Boden liegend … Er hatte sich die Pulsadern durchgeschnitten! … Während ich ohne Kunstfertigkeit seine Arme abband, stöhnte er: „Du bist doch sonst ein guter Kamerad gewesen. Laß mich sterben." Die Wildsau schrie: „Ein Waschlappen bist du! Aber kein Mann! Noch heute morgen hast du versprochen … Und jetzt? Ich könnte dich in die Fresse schlagen!"

Greiner lächelte überlegen: „Das sind die rechten Worte an einen Sterbenden." … In einer Blutpfütze lag die Rasierklinge. „Woher hast du die Klinge?!" „Aus Ihrem Rasierzeug." Die Wildsau lachte irr. „Auch das noch! So ist es, wenn man gut zu euch ist! Na warte! … Auf der nächsten Station telefonierte er, begann zu rechnen. „Noch funfundzwanzig Minuten. Hoffentlich bring ich ihn lebend nach Hause. Was dann passiert, ist mir egal." In Welzheim wartete der Arzt mit einem Auto. Mich eskortierte ein Dienstverpflichteter ins Lager. „Machen Sie bloß keinen solchen Quatsch! Es kommen auch mal wieder andere Zeiten."

Greiner wurde in das Bett unter mir verlegt. Seine Hände waren geschient und dick verbunden. Er sang fromme Lieder. Lachte, weinte und jauchzte mit gläsernen Augen: „O Du Herrlicher! Du Strahlender! Ich sehe Dich! Endlich bin ich Dir nahe!" Uns beachtete er nicht. Iwan schrie er an: „Hebe dich hinweg, Satan!" Als er wieder aufstehen konnte, kniete er vor dem Wasserhahn, betete die elektrische Birne an, wollte meine Füße umschlingen und meine Schuhe küssen. Endlich wurde er versetzt. Sie ließen ihn hungern. Bei jeder Gelegenheit bekam er Fußtritte und Ohrfeigen. Geduldig nahm er es hin. Dann wurde er Kaninchenpfleger. Hockte stundenlang vor dem Stall. Sprach nur noch selten. Wirres Zeug. Aber er lächelte, lächelte … Nach eineinhalb Jahren unterschrieb er, lächelnd wie immer, daß er ein guter Staatsbürger sein wolle - und wurde entlassen.

Von Schwarzschlächtern und anderen Fertigkeiten

Es kann jetzt nicht darum gehen, den erhobenen Zeigefinger zu präsentieren. Es geht nur darum einen geschönten WTG-Bericht anhand der Quellenlage, etwas zu ergänzen.

In der "Wachtturm"-Ausgabe vom 15. 11. 1963 war auch ein Bericht über das ein Jahr zuvor erschienene Buch von Josef Kessel "Medizinalrat Kersten. Der Mann mit den magischen Händen" enthalten. Der WT wählte als Überschrift dafür "Ehrliche, sehr brave Leute".

So so, mag man dazu nur sagen, wenn man den Bericht selbst gelesen hat. Das mit der "Ehrlichkeit" muss wohl ein zweischneidiges Schwert gewesen sein. Das war die Ehrlichkeit von Kumpanen, die ihrem Wohltäter halfen.

Menschlich durchaus verständlich und keineswegs als Vorwurf gegen die Handelnden gemeint. Nur, die WTG macht wieder einmal eine Glorienrolle Made in Hollywood daraus, die überhaupt nicht so recht mit der tatsächlichen Faktenlage übereinstimmen will.

Im "Wachtturm" liest man diesbezüglich:

"In dem Buch 'Medizinalrat Kersten - Der Mann mit den magischen Händen' erzählt Joseph Kessel die Lebensgeschichte des finnischen Menschenfreundes Dr. Felix Kersten, eines hochbegabten Arztes für manuelle Theraphie, dessen einflußreichster Patient Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS war. Dr. Kersten verschaffte dem gefürchteten Chef der SS, der von entsetzlichen Magenkrämpfen gequält wurde, Erleichterung. Den starken Einfluß, den er dadurch gewann, benutzte er, um diesen Naziführer zu Konzessionen zu bewegen, durch die er Tausende, die die Gestapo umgebracht hätte, rettete. In dem Kapitel 'Die Zeugen Jehovas' heißt es in diesem Buch: '[Die Zeugen Jehovas wurden] verhaftet, in Konzentrationslager gesperrt und besonders unmenschlich behandelt. Kersten erfuhr davon und beschloß, ihnen nach bestem Vermögen zu helfen. Die inzwischen eingeführte Zwangsarbeit bot ihm dazu eine einfache Möglichkeit.

Tatsächlich war es infolge des Mangels an Arbeitskräften üblich geworden, die Häftlinge der Konzentrationslager für die Erfordernisse der Fabriken und der Bodenbestellung einzusetzen. Wachmannschaften und sogar abgerichtete Hunde begleiteten sie, um sie zu möglichst schneller Arbeit anzutreiben.

Eines Tages sagte Kersten zu Himmler, daß er in Hartzwalde nicht genügend Arbeitskräfte habe, und fragte ihn, ob er ihm nicht welche aus den Konzentrationslagern verschaffen könnte.

'Welche Art von Gefangenen möchten sie haben?' wollte Himmler wissen.

'Sie haben viele Zeugen Jehovas', sagte Kersten. 'Das sind ehrliche, sehr ´brave Leute.'

'Oho!' rief Himmler. 'Sie sind gegen den Krieg und gegen den Führer.'

'Aber ich bitte Sie', meinte Kersten lächelnd, 'ergehen wir uns doch nicht in allgemeine Betrachtungen - was ich brauche sind praktische Maßnahmen. Tun Sie mir den Gefallen: geben Sie mir Frauen von dieser Sekte. Sie sind richtiges Landvolk und vorzüglichere Arbeiterinnen.'

'Gut' sagte Himmler.

'Aber ohne Sklavenaufseher und Hunde', bat Kersten. Ich käme mir sonst selbst wie ein Gefangener vor. Ich werde sie besser überwachen als sonst jemand, das verspreche ich Ihnen.'

'Abgemacht', sagte Himmler.

Kurze Zeit darauf stiegen zehn Frauen in Hartzwalde aus einem Omnibus. Sie waren in Lumpen gehüllt und so mager, daß die Haut an den Knochen klebte. Aber sie baten nicht als erstes um ein Stück Brot oder um Kleidung. Sie wollten eine Bibel, denn im Lager durften sie keine haben … Kersten forderte bei Himmler noch mehr Zeugen Jehovas für Hartzwalde an. Schließlich waren es dreißig, darunter mehrere Männer."

Soweit das, was der "Wachtturm" dazu berichtete. Der diesbezügliche Bericht in dem Buch von Kessel ist aber noch umfangreicher; und so sei denn noch einiges von dem zitiert; was der "Wachtturm" für nicht erwähnenswert hielt:

Diese ausgehungerten, zerlumpten, mit Wunden bedeckten und von Peitschenhieben zerstriemten Menschen stürzten sich mit wahrhaft mystischem Eifer auf die Bibel, das Brot und die Arbeit. Für sie konnte der Arzt, der sie der Hölle entrissen hatte und ihnen nur Gutes widerfahren ließ, niemand anderes als ein Abgesandter des Himmels sein.

"Wissen Sie" sagten sie zu ihm, "wir beten jeden Tag für sie zu Gott und jedesmal sehen wir den goldenen Sessel, der bereits neben dem Thron des Herrn für Sie bereitsteht".

"Ich danke Ihnen, liebe Freunde", gab Kersten zur Antwort, "aber es eilt mir damit nicht". Viel mehr bedeutete für ihn die Ergebenheit, die ihm die Zeugen Jehovas zu erkennen gaben, und ihre grundlegende Feindschaft gegen das Nazi-Regime.

Sie bildeten um Kersten einen geschlossenen Block, eine einzige Familie, zu der er unbegrenztes Vertrauen haben konnte. Es stand ihm frei, offen und ehrlich mit den Seinen und seinen verläßlichen Freunden zu sprechen, ohne fürchten zu müssen, daß diese Gespräche denunziert wurden. Wenn er die deutschsprachigen Sendungen des Londoner Rundfunks abhörte, brauchte er das nicht vor den Zeugen Jehovas zu verheimlichen, vielmehr hörten sie mit ihm zu und teilten mit ihm dieselbe Hoffnung auf die Niederlage Hitlers.

Die Zuneigung und Mittäterschaft der Zeugen Jehovas erleichterten Kersten und seiner Familie auch die Lösung anderer, wenn auch harmloserer Probleme, die aber in jenen schwierigen Zeiten eine immer größere Bedeutung bekamen. Die unbestimmte Verlängerung des Krieges zwang Deutschland zu drakonischen Sparmaßnahmen. Durch strenge Anordnungen wurde genauestens die Stückzahl von Geflügel und Vieh festgesetzt, die man halten durfte. Nun aber besaß Kersten sehr viel mehr Kühe, Schweine, Hühner, Enten und Gänse, als er berechtigt war.

Und die Kontrollen wurden immer häufiger und strenger. Von den Zeugen Jehovas hatte Kersten jedoch nichts zu fürchten. Sie waren ständig auf der Hut und machten die Kontrollbeamten schon von weitem ausfindig. Wenn eine Nachprüfung des Bestandes an Hühnern stattfand, war der Hühnerhof wie auf einen Zauberschlag leer. Von den hundertzwanzig Hühnern blieben nie mehr als zehn zurück. Und da der erlaubte Bestand zehn betrug, war Kersten unter der Norm geblieben.

Die verschwundenen Hennen aber lagen gefesselt in Säcken unter den Büschen und Sträuchern in der Nähe. Handelte es sich um Kühe oder Schweine, so wurden andere Mittel angewandt, aber sie bewirkten dasselbe Wunder. Wenn hohe SS-Führer unerwartet bei Kersten zu Tisch oder zum Tee erschienen, kümmerten sich die Zeugen Jehovas mit einer erstaunlich liebenswürdigen Sorgfalt um die Chauffeure, Ordonnanzen, Soldaten und Polizisten ihres Gefolges. Sie gaben ihnen reichlich zu essen und überreichlich zu trinken. Die hübschesten Mädchen geizten dann nicht - obwohl die Anhänger der Sekte äußerst prüde waren - mit ihrem lächeln. Sie beugten so dem Wunsch vor, den die Besucher möglicherweise hatten, ein wenig zu weit durch den Wald spazieren zu gehen und so die Dinge aus zu großer Nähe und zu genau zu besehen.

Das Verbrechen, dessen Entdeckung Kersten fürchtete, war von alltäglicher Art. Es handelte sich um das Schwarzschlachten, das in Hartzwalde betrieben wurde. Dieser Verstoß gegen das Gesetz der Lebensmittelrationierung wurde mit dem Tode bestraft. Freilich schützte den Arzt die Ergebenheit und Schlauheit der auf seinem Gutshof arbeitenden Zeugen Jehovas....

Sorgerecht

Eine Tragödie für sich, stellt der Fakt dar, dass seitens des NS-Regimes, auch Sorgerechtsentzüge für Jehovas Zeugen ausgesprochen wurden. Bereits im Jahre 1936, sind diesbezügliche Berichte in der Nazipresse nachweisbar. Aus etlichen davon, sei der nachstehende ausgewählt. ("Zentralblatt für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt" 28. Jg. 1936/37 S. 281f.)

"Das Sorgerecht ist Eltern, die als fanatische Bibelforscher ihre Kinder nicht im Sinn des heutigen Staates erziehen können und wollen, wegen Gefährdung des geistigen Wohles der Kinder, denen dadurch die Eingliederung in die Volksgemeinschaft unmöglich gemacht wird, zu entziehen. Beschluss des L(and) G(ericht) Hamburg vom 5. Juni 1936.

Der Vater und die Stiefmutter der Kinder Alfred und Friedrich Z. sind fanatische Bibelforscher. Sie wurden wegen illegaler Betätigung am Wiederaufbau der verbotenen Internationalen Bibelforschervereinigung im Oktober 1935 zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Kinder Alfred und Friedrich besuchten die Volksschule. Sie haben dort trotz mehrfacher Verwarnung und Bestrafung durch den Schulleiter den Deutschen Gruß und das Singen der Nationallieder verweigert. Das J(ugend) A(mt) Hamburg hat daher - um die Kinder dem elterlichen Einfluss zu entziehen - beantragt, dem Vater das Recht der Sorge für die Person ihrer Kinder gemäß § 1666 BGB zu entziehen. In der Verhandlung vor dem Vorderrichter hat der Vater erklärt, er zöge seine Kinder im Sinne der Heiligen Schrift und könne die Kinder nicht anhalten, den Deutschen Gruß zu erwidern, da das Heil nur von Gott, nicht aber von einem Menschen kommen könne. Auf die Frage, ob er gegen den Nationalsozialismus eingenommen sei, hat der Vater die Antwort verweigert.

Das A(mts) G(ericht) hat daraufhin durch Beschluss vom 12. 3. 1936 dem Vater das Personensorgerecht entzogen. Hiergegen hat der Vater Beschwerde erhoben. Der Vater erklärte, die Kinder politisch nicht beeinflusst zu haben, diese seien schon vor der nationalsozialistischen Erhebung in der Jugendgruppe Jehovas gewesen. Auf Befragen des Gerichts, ob er als Deutscher nicht verpflichtet sei, die Kinder im deutschen Sinne zu erziehen, meinte er, Christus sei auch für Deutschland gestorben und man könne nicht zweien Herren dienen. Auf die Frage, ob er nicht bereit sei, die Kinder im Sinne des heutigen Deutschlands zu erziehen, erklärte er, Jehova - Gott belehre seine Kinder. Weitere Antworten wolle er auf diese Frage nicht geben. Die Gesetze des Staates erkenne er an, soweit sie mit der Schrift Gottes in Übereinstimmung stünden. Die Entziehung des Sorgerechts für die Kinder bezeichnete er mit Kinderraub und Christenverfolgung.

Der Vertreter des S(taats) A(nwalts) erklärte, dass auch im Waisenhaus alle Versuche den Alfred zum Erweisen des deutschen Grußes zu veranlassen, vergeblich gewesen seien. Da die Einstellung der Kinder sehr tief eingewurzelt sei, müssten diese den Eltern unbedingt entzogen werden um sie zu brauchbaren Mitgliedern der Volksgemeinschaft zu erziehen.

Der minderjährige Alfred erklärte auf Befragen, den Hitlergruß nicht erweisen zu können, da er Jehova diene. Auf alle weiteren Fragen antwortete er mit Bibelsprüchen.

Die vorgetragenen Verhältnisse und die Einstellung der Eltern ergeben ohne weiteres, dass dem Vater das Personensorgerecht für die Kinder gemäß § 1666 BGB mit Recht entzogen worden ist. Auch nachdem beide Eltern wegen Staatsfeindlicher Betätigung mit Gefängnis bestraft worden sind, stehen sie weiterhin fanatisch auf dem Boden der Anschauungen einer internationalen Religionsgemeinschaft. Sie betonen überzeugt, ernste Bibelforscher zu sein und ihre Kinder nicht im Sinne des heutigen Staates erziehen zu können. Dadurch wird das geistige Wohl der Kinder auf das schwerste gefährdet, denn durch abwegige Beeinflussung im Elternhaus werden sie seit Jahren in geistige Bahnen gelenkt, die ihnen das Leben in der Volksgemeinschaft des heutigen Staates fast unmöglich machen.

Es ist nach Auffassung des Gerichts höchste Zeit, dass die Kinder dieser Atmosphäre entzogen werden, denn auch ihrer hat sich schon ein derartiger religiöser Fanatismus bemächtigt, dass nur durch eine planmäßige Erziehung, wie sie durch Eingreifen des LG gewährleistet ist, eine Umstellung und Eingliederung in die Ideenwelt des völkischen Staates erreicht werden kann. Dass die Eltern eine derartige Erziehung, die heute unbedingt verlangt werden muss, nicht leisten werden, geht schon daraus hervor, dass sie wiederholt erklärt haben, nicht sie, sondern Jehova erziehe die Kinder. Die Eltern lehnen eine Erziehung der Kinder im Sinne des heutigen Deutschland nicht nur ab, sondern beeinflussen diese durch ihren frömmelnden Fanatismus derart, dass die Voraussetzungen des § 1666 BGB gegeben sind."

"Sittlich verwahrlost"

Die führende Juristenzeitschrift "Deutsche Justiz" brachte in ihrer Ausgabe vom 17. 6. 1938 auch einen Bericht, der auf einer Entscheidung des Oberlandesgerichtes München basiert. Ein Landwirtsehepaar, dass seit 1932 zu den Zeugen Jehovas gehört, geriet bezüglich seiner zwei Kinder in Konflikt mit dem Jugendamt. Letzteres hatte beantragt, dass seine Kinder der Fürsorgeerziehung unterworfen werden. Der Fall zog sich über mehrere Justizinstanzen bis zum Oberlandesgericht München hin. In der diesbezüglichen gerichtlichen Einschätzung wurde ausgeführt:

"Die Anhänger dieser Lehre stehen dem heutigen Staat und der von ihm vertretenen völkischen Lebensauffassung feindlich gegenüber; sie lehnen die völkischen und nationalen Ziele der Staatsführung ab, versagen den der Erreichung dieser Ziele dienenden Gesetzen und Anordnungen den Gehorsam, leugnen jedes nationale Zusammengehörigkeitsgefühl und stellen sich in ihrem ganzen Denken und Handeln bewusst außerhalb der Volksgemeinschaft. Ihre Anschauungen sind so noch in hohem Grade volkszersetzend und staatsgefährlich. Die Vereinigung der Ernsten Bibelforscher ist denn auch wegen ihrer Staatsgefährlichkeit in allen deutschen Ländern aufgelöst und verboten worden.

Bei dieser Sachlage steht außer Zweifel, dass ein deutsches Kind in seinem geistigen (sittlichen) Wohl schwer gefährdet wird, wenn es in den Anschauungen der Ernsten Bibelforscher erzogen wird. Eine Erziehung in diesen Grundsätzen führt dazu, dass das Kind seinem Vaterland und seinem Volk entfremdet wird, dass es zur Missachtung und zur Unbotmäßigkeit gegenüber den staatlichen Anordnungen und Maßnahmen geneigt gemacht wird und das es die Fähigkeit verliert, dereinst ein brauchbares Mitglied der Volksgemeinschaft zu werden und seine Pflichten gegenüber Staat und Gemeinschaft zu erfüllen. Besucht das Kind bereits die Schule, so kommt noch weiter hinzu, dass ihm einerseits in der Schule und andererseits im Elternhaus in allen Punkten völlig entgegengesetzte Lebensanschauungen als allein richtig und maßgebend hingestellt werden, es in einen inneren Zwiespalt gebracht und so in seiner seelischen Entwicklung beeinträchtigt wird.

Aus alledem ergibt sich, dass ein deutscher Vater, der sein Kind in der Lehre der Ernsten Bibelforscher erzieht, seine Erziehungspflichten gröblich verletzt und damit das Recht der Sorge für die Person des Kindes missbraucht. Eine solche Erziehung, die ein noch unreifes, urteilsloses Kind durch Einprägung staatsfeindlicher Lehren für sein späteres Leben in einer sein Wohlergehen und Fortkommen aufs schwerste gefährdenden Gegensatz zu Staat und Volksgemeinschaft zu bringen vermag, verstößt so offensichtlich gegen Vernunft und staatliche Ordnung, dass der Erziehungsberechtigte trotz religiöser Bedenken bei pflichtgemäßer Überlegung dies unmöglich übersehen kann und das besonders dann, wenn er trotz Vorhalts und Belehrung über das Verkehrte seiner Handlungsweise auf ihr beharrt, und ohne weiteres angenommen werden muss, er handle wider bessere Einsicht, sein Sorgerechtmißbrauch sei also schuldhaft. …

Wenn die Gefahren, die einem Kind aus der Erziehung in der Bibelforscherlehre erwachsen nicht ausgeräumt werden, führen sie notwendig dazu, dass das Kind der sittlichen Verwahrlosung anheimfällt. Ein Kind, bei dem die oben geschilderten Folgen einer derartigen Erziehung eintreten, sinkt damit in einen Zustand herab, in dem es in erheblichem Grad derjenigen sittlichen Eigenschaften ermangelt, die bei einem Kind unter sonst gleichen Verhältnissen als Ergebnis einer ordnungsgemäßen Erziehung vorausgesetzt werden müssen und also ist sonach als sittlich verwahrlost zu erachten."

Auf den konkreten Fall bezogen wird dann noch ausgeführt:

"Hiernach haben die zwei Kinder bei der Feier des Tages der nationalen Arbeit unentschuldigt gefehlt, obwohl sie als Schülerinnen zur Teilnahme an der Feier verpflichtet waren. Sie haben ferner schon seit längerer Zeit die Erweisung des deutschen Grußes in der Schule mit dem bei den Bibelforschern üblichen Hinweis auf eine Bibelstelle verweigert. Ida hat die Frage eines Lehrers, ob sie sich hinter den Führer stelle, ausdrücklich verneint. Elise hat es ständig abgelehnt, dass Horst-Wessel-Lied zu singen und im Zeichenunterricht ein Hakenkreuz zu zeichnen. Ermahnungen und Schulstrafen waren bei den Kindern ohne Erfolg. Der Beschwerdeführer selbst hat sich, ungeachtet wiederholter Aufforderungen und Verwarnungen von Seiten des Klassenlehrers, des Schulleiters und des Bürgermeisters hartnäckig geweigert, die Kinder zu einer Änderung ihres Verhaltens zu bewegen, und hat durch sein Vorbringen im gegenwärtigen Verfahren zu erkennen gegeben, dass er das Gebaren der Kinder billigt. "

Vorstehender Fall wurde in der Nazipresse als Präzedenzfall dargestellt. Auf ihn nahm auch Bezug das "Ministerialblatt des Reichs- und Preußischen Ministeriums des Innern" in seiner Ausgabe vom 2. 3. 1938; sowie die Tageszeitung "Germania" vom 4. 3. 1938.

516 unterschrieben

Bekanntermaßen machten die Nazis die Freilassung von verhafteten Bibelforscher/Zeugen Jehovas von der Unterschrift unter einem Abschwörungsrevers abhängig. Speziell für die Konzentrationslager ist zu konstatieren, dass dort nur eine kleine Minderheit davon Gebrauch machte. Der interne Gruppendruck zeigte seine Wirkung. Es gab aber auch verhaftete Bibelforscher/Zeugen Jehovas, die sich "noch" in regulären Gefängnissen befanden und dort in einer gemischten Belegung, nicht unbedingt mit anderen Glaubensangehörigen näheren Kontakt hatten. Und es gab, auch im Naziregime, gelegentlich sogenannte Amnestien. Über eine solche berichten die "Informationen des Geheimen Staatspolizeiamtes" Nr. 20 vom 30. 6. 1938:
"Nach den bisher vorliegenden Berichten der Staatspolizeileit- und Staatspolizeistellen wurden 516 Bibelforscher auf Grund des Straffreiheitsgesetzes vom 30. 4. 38 aus der Straf- bzw. Untersuchungshaft entlassen.
Die Entlassenen haben sich schriftlich verpflichtet, sich nicht mehr für die illegale Internationale Bibelforscher-Vereinigung zu betätigen und auch künftig kein 'Zeugnis' für deren Lehre zu geben."

In einem Beitrag für das Forum der pro-Zeugen Jehovas orientierten "Standhaft"-Webseite, verweist Angela Kawell unter Hinweis auf Gestapoaktenbestände (Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) dass von 57 Bibelforschern aus Düsseldorf und Neuss, die dort dergestalt erfasst sind, auffällt, "dass nicht wenige von ihnen eine 'Verpflichtungserklärung' unterschrieben." Auch Kawell registriert, dass es diesbezüglich durchaus unterschiedliche Variante jener ominösen Erklärung gegeben habe. Auch andere Gruppen, etwa Kommunisten und Sozialdemokraten, wurden partiell mit solchen Erklärungen traktiert. Die unterschiedliche Form jener Erklärungen, die ja von Gestapobeamten formuliert wurden, bewirkten, dass man sie als linguistisch nicht immer "korrekt" bewerten kann. Einige drohen lediglich erneute Straßmaßnahmen an, sollte der Betreffende erneut "auffällig" werden, andere gehen weiter und verlangen zugleich eine "Abschwörung" vom Geistesgut der Zeugen Jehovas.

Von "theokratischer Kriegslist", reden auch die heutigen Zeugen Jehovas noch. Der Fakt als solches wurde von ihnen schon zu Bibelforscher-Zeiten praktiziert. Der Fairnes halber sei eingeräumt, auch andernorts ist ähnliches registrierbar. Etwa beim jesuitischen "Mentalvorbehalt". Man unterschreibt eine bestimmte Wortwahl, interpretiert ihre Substanz aber in ganz anderem Sinne. Auch den Zeugen Jehovas ist eine solche Technik nicht fremd.

Kawell zitiert auch solch einen geradezu vom Mentalvorbehalt durchsetzten Text:

"Mit der Internationalen Bibelforschervereinigung habe ich nichts zu tun und kann eine aktive Betätigung für diese Vereinigung auf keinen Fall zugeben. Wohl gebe ich zu, ein 'Zeuge Jehovas' zu sein ... Ich verstehe unter 'Zeugen Jehovas' nur solche Leute, die die Schrift kennen gelernt und Gottes Gebote befolgen ... Was es mit dem Verbot der Internationalen Bibelforschervereinigung für eine Bewandtnis hat, kann ich nicht sagen. Für mich kommt dieses Verbot nur insofern in Frage, weil die Internationale Bibelforschervereinigung mit den 'Zeugen Jehovas' auf eine Stufe gestellt worden ist. Jedenfalls habe ich dieses so gehört."

Meines Erachtens ist die Diskussion darüber, wer welche Form von "Erklärung" unterschrieben oder nicht unterschrieben hat, relativ müßig. Anders formuliert. Es ist bekannt, dass die Gestapo einige Zeugen Jehovas, auch nach Ablauf ihrer gerichtlich verhängten Strafe nicht tatsächlich freiließ, sondern sie unter der Floskel "Schutzhaft" anschließend in ein KZ beförderte und dies mit unbestimmten Haftausgang. Das waren dann die in Gestapo-Sicht "hartnäckigen" Fälle. Man braucht jedoch nur die Zahl der tatsächlich bis zum bitteren Ende in den KZs verbliebenen Zeugen Jehovas (respektive der dort auch Umgekommenen) ins Verhältnis zu denjenigen setzen, die auch einmal als Zeuge Jehovas gerichtlich belangt wurden. Und es ist festzuhalten, dass von den gerichtlich belangten keineswegs "alle" das Schicksal der "Hartnäckigen" erlitten. Auch die Gestapo war in der Lage in gewissem Umfange zu differenzieren. Ihr in dem Zeitungsartikel "Pauline hatte Pech" genanntes Opfer wird sie sicherlich nicht auf "eine Stufe" etwa mit den Zeugen Jehovas Engelhard und Cyranek gestellt haben, die mit ihrem Leben bezahlen mussten. Selbst aus den KZ gab es vereinzelte (allerdings die Minderheit) Freilassungen. Genannt sei beispielsweise der einmal ein hoher Zeuge Jehovas gewesene Paul Balzereit. Das Gesamtbild ist also durchaus ambivalent. Es gab auch nicht wenige Zeugen Jehovas, oder meinetwegen "vormalige" derselben, die sich im gewissem Umfang dem Gestapodruck beugten. Mit oder ohne "Verpflichtungserklärung".

Vogelfrei

Jehovas Zeugen meinen, bereits gewählt zu haben. Das imaginäre "Königreich Gottes". Da angeblich dieses schon 1914 ("vorerst nur") im Himmel aufgerichtet worden sei, meinen sie weltlichen Herrschern kein Plebiszit mehr geben zu können. Gelegentlich lässt man dann auch noch durchblicken, dass diese weltlichen Herrscher ihre Macht doch eigentlich an dieses "Königreich Gottes" abtreten sollten. Aber da letztere dazu keine Anstalten unternehmen, begnügt man sich damit, ihnen bei eventuell angesagten politischen Wahlen, die Stimme zu verweigern; indem man nicht wählt. Widersprüchlich genug, diese Theorie.

Die weltlichen Herrscher sind, ob solcher Dogmatik nicht sonderlich erfreut. Kann man ja in gewisser Hinsicht durchaus nachvollziehen. Erfreulich, wenn liberale Staaten, wie die Bundesrepublik Deutschland, es ihren Bürgern freistellen, gegebenenfalls auch diese Form der Meinungsäußerung zu praktizieren. Also ich teile die Position der Zeugen Jehovas nicht. Aber ich bin mit ihnen der Meinung, dass kein Staat das Recht hat, solche Akklamationen zu erzwingen.

Nun wissen wir aus der Geschichte, dass einige Regime dies sehr wohl erzwingen. Ein besonders übles Beispiel stellt bekanntlich das Hitlerdeutschland dar.

Jehovas Zeugen haben keine Skrupel, ihren Grundsatz der sogenannten "theokratischen Kriegslist" anzuwenden. Mit anderen Worten, sie operieren gegebenenfalls auch mal mit bewussten Halbwahrheiten, die schon hart an die Grenze der Lüge heranreichen, wenn nicht gar diesen Tatbestand schon erfüllen. Also gegenüber Verfolgern meint man Kriegslist anwenden zu können. Warum nicht auch in der Wahlfrage? Warum legt man dort so großes Gewicht auf das Demonstrieren?

Man demonstriert zur vermeintlichen höheren Ehre ihrer Organisation. Es ist dies die gleiche Demonstrationsmotivation, die von Zeugen Jehovas in den KZ mit ihrer Weigerung keine Blutwurst zu essen, auch praktiziert wurde. Aber nicht nur, dass man es nicht selber tat, man gab diese Blutwurst aber auch nicht anderen, gleichfalls hungrigen Mitgefangenen. Demonstration um jeden Preis!

Die Zeugen wähnen sich vom "Heiligen Geist Gottes" geführt. Sie sind eher vom Geist der Dummheit geführt. Durch die paar mehr oder weniger zahlreichen Nichtwähler, lässt sich kein totalitäres Regime aus den Angeln heben. Sehr wohl hat es aber eine Zielscheibe, an dem es seinen Frust abreagieren kann.

Politische Opposition hat dann ihren Sinn, wenn sie es versteht, zum geeigneten Zeitpunkt, die geeigneten Schritte zu unternehmen. Wer sich jedoch um des bloßen Demonstrieren's willen zu einer provokativen Verweigerungshaltung motivieren lässt, der gleicht dem Farbenblinden, der glaubt bei Rot unbeschadet eine befahrene Kreuzung betreten zu können. Wenn er sich dann im Krankenhaus wiederfindet, so hat er dies seiner eigenen Dummheit, nicht jedoch der Verkehrsampel zuzuschreiben.

Dies ist mein Vorabkommentar, zu den ohne Zweifel tragischen Beispielen, die in der seinerzeitigen Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 7. 1936 dokumentiert sind, von denen (gekürzt) einige wiedergegeben werden sollen:

"Am Sonntag, den 29. März, dem deutschen Wahltag, befand ich mich in meinem Garten … Etwa gegen 14 ½ Uhr erschienen plötzlich bei mir der Hauswart, des von mir mitbewohnten Hauses, in seiner Begleitung ein SS- und ein SA-Mann … um mich aufzufordern meiner Wahlpflicht nachzukommen. Ich lehnte das ab mit der Begründung, dass ich ein Zeuge Jehovas und für mich allein die Bibel maßgebend sei, die mir verbietet mich politisch zu betätigen. Ich betonte, dass ich auch früher, als es 45 Parteien gab, nicht an Wahlen teilgenommen hätte. Darauf wurde mir eindringlich nahegelegt, zu wählen, da ich bei beharrlicher Weigerung die Konsequenzen tragen müsste. Man sagte mit Bezug auf das Winterhilfswerk, dass ich in Anspruch genommen hatte, und zwar ohne Bedenken, weil meine Glaubensgenossen, die in Brot und Lohn stehen, alle zum Winterhilfswerk beisteuern. … Darauf erklärte er mich für verhaftet, ergriff mich beim Genick und stieß mich vorwärts dem Gartenausgang zu, assistiert vom SS-Mann, der mich mit der Faust an die Kinnlade schlug, sodass mein Gebiss zerbrach. Außerhalb des Gartens musste ich im Beiwagen des Motorrades Platz nehmen. Dabei sagte der SS-Mann: 'Man müsste das Schwein hinten (d. h. an das Motorrad) anhängen und nachschleifen'. …

Am 29. März 1936 abends um ½ 8 Uhr, nachdem das Wahlergebnis bekanntgegeben war, begaben sich Angehörige der SA, SS und der Hitlerjugend in Zivil vor meine Wohnung und schrieen: 'Raus mit dem Landesverräter' usw. Darauf drangen sie in das Haus ein vor meine Glastüre im ersten Stock. Die Glocke wurde in Großen Alarm versetzt, und als ich darauf nicht erschien, drückte die Menge die Glastüre ein. Ich selbst befand mich im Schlafzimmer … und war im Begriff mich zu entkleiden. Meine Frau und meine vierjährige Tochter waren schon im Bett. … Ein Angehöriger der SA in Zivil schrie mich an: 'Komm raus, Männle, Dich wollen wir gerade. Dir wollen wir zeigen, dass Du jetzt im Dritten Reich bist, so geht die Schlamperei nicht weiter.' … Aus der ca. 200 bis 300-köpfigen Menge schrieen sie: 'Schlagt ihn tot, den Landesverräter, den Schuft usw.; er ist nicht mehr wert.' Dann wurde ich auf die Straße geschleift, woselbst, einige einen ca 2-2 ½ m langen, mit Querlatte, Verstrebung und Stricke versehenen Galgen auf mich zubrachten mit den Rufen: 'Hängt ihn auf, den Landesverräter, an den Galgen mit ihm'. …

Am Samstagmittag, nach Arbeitsschluss, also vor der Wahl, wurde mir im Betrieb erklärt, dass ich, falls ich am Sonntag nicht zur Wahlurne gehe, ab Montag fristlos entlassen sei, was dann auch erfolgte. …

'An Herr D. in W. Am 31. 3. Sind RM 30,-- Tilgung auf Stadtbaudarlehen und RM 19, 50 … fällig geworden. Sollten Sie diesen Betrag nicht binnen drei Tagen an die Stadtkasse abgeführt haben, werde ich die Zwangsversteigerung Ihres Grundstückes rücksichtslos betreiben. Durch Ihr Verhalten vor der Wahl sowie dadurch das Sie nicht zur Wahl erschienen sind, und dies unter Bezugnahme auf die jüdische Geschichte noch schriftlich begründet haben, haben Sie sich offen als Staatsfeind bekannt. Ich kann daher nicht verantworten, dass sie weiterhin im Besitze von Grund und Boden des Staates sind, den sie bekämpfen. Ich verweise Sie schließlich auf § 5 Ziffer 5 des mit Ihnen abgeschlossenen Reichs-Heimstätten-Vertrages. Dort heißt es, dass auf der Heimstätte ehrenrührige Geschäfte nicht betrieben werden dürfen.'…

'An die Bibelforscherin Frau St. Nachdem wir am 29. März 1936 bei Bekanntgabe des Wahlergebnisses feststellen mussten, dass Sie sich durch Ihr undeutsches und verräterisches Handeln aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgeschlossen haben, sind wir gerne bereit, durch Erstattung der Fahrkosten Ihnen dazu behilflich zu sein, dieses Land und dieses Volk, in dem Sie sich, wie Sie ja durch Ihr Handeln selbst bekundet haben, nicht wohl fühlen, zu verlassen. … Sollten Sie baldmöglichst abreisen, so bitten wir, den Ortszeitungen Ihre Abreise mitteilen zu wollen, damit die ganze Bevölkerung Sie begleiten kann. Alle zur Verfügung stehenden Musikkapellen sind zur Stelle. …"

Der Jurist Dr. Stödter äußert sich

Das Naziregime setzte sich auf drei verschiedenen Ebenen mit den Bibelforschern/Zeugen Jehovas auseinander. Einmal die propagandistische. Da wurden die bekannt-berüchtigten Nazithesen auf die Bibelforscher, entsprechend zugeschnitten, angewandt. Dann gab es noch die Terrorebene. Das war dann die Himmler'sche SS mit ihren Konzentrationslagern. Es gab aber auch - vielfach verkannt - noch eine juristische Ebene. Es geht hier nicht um einzelne Gerichtsurteile und ihre oftmals fragwürdigen Grundlagen. Es gab mal im Jahre 1936 eine grundsätzlichere Ausführung dazu. Verfasser war der Hamburger Richter Dr. jur. habil. Rolf Stödter. Er veröffentlichte seine Ausführungen in der juristischen Zeitschrift "Archiv des öffentlichen Rechts" Neue Folge 27. Band. 2. Heft (1936).

Man wird Stödter bescheinigen können, dass er sich vielleicht von allen, die sich in der Nazizeit zu den Zeugen Jehovas publizistisch zu Wort gemeldet haben, dass er sich vielleicht von allen, als der "sachkundigste" auswies (Jonak vielleicht, ausgenommen - der aber aus anderen Gründen sehr kritisch eingeschätzt werden muss). Also Stödter schrieb nicht "mit Schaum vorm Maul". Er referierte in sachlicher Art und Weise. Er machte kein Hehl daraus, dass er im Nazistaat lebte und dessen Grundsätze anerkannte. Dennoch kann man die Stödter'schen Ausführungen noch heute als sachkundig und in etlichen Aussagen, als zutreffend einschätzen. Etliche Aussagen, heißt allerdings ausdrücklich nicht "alle Aussagen". Die wesentlichen Punkte seiner Ausführungen, sollen hier nachstehend dokumentiert werden:

"In Deutschland wurde sie (die IBV) 1927 in das Vereinsregister des Amtsgericht Magdeburg eingetragen. Zweck der IBV ist 'die Förderung christlicher Erkenntnis mittels Belehrung über den Inhalt der Bibel und Aufklärung der Menschen über alles, was den Lehren der Bibel, dem Worte Gotts, entgegengesetzt ist und mit ihren Forderungen nicht übereinstimmt. Zusammengefasst: dem Menschen in ihren Glaubenszweifeln und Gewissenskonflikten beizustehen und ihnen zu helfen, verlorenen Glauben und Gottvertrauen zurückzugewinnen. … Das Bekenntnis der IBV beschränkt sich nicht, wie es zunächst den Anschein hat, auf rein religiöse Fragen. Es greift in politische Bezirke über.

Die IBV und ihr Bekenntnis machen einen totalen Anspruch gegenüber den Ernsten Bibelforschern geltend, erfassen nicht nur ihr religiöses, sondern auch ihr politisches Sein.

Die Bibelforscher berufen sich zur Rechtfertigung dieses Totalitätsanspruches auf Befehle Jehovas. Wenn sie ihm nicht treu blieben, hätten sie ihr Leben verwirkt. Sie handelten lediglich nach dem Gesetz Gottes, verfolgten daher keine politischen Ziele, selbst wenn sie mit den irdischen Machthabern in Konflikt gerieten. Gott müssten sie mehr gehorchen als den Menschen. Das Heil der Welt werde von Christus kommen, dem sie in erster Linie zum Gehorsam verpflichtet seien. Daher versagen die Bibelforscher den Anordnungen der Regierung oder ihr nachgeordneter Behörden den Gehorsam, wenn deren Befehle den Geboten Jehovas widersprechen.

Welches solche Gebote Jehovas sind, erfahren die Mitglieder der IBV vor allem durch den Mund ihres Präsidenten, des Amerikaners J. F. Rutherford in San Diego (California).

Den Hitler-Gruß können sie mit ihrem Glauben und dem Gelübde zu Jehova, ihrer höchsten Autorität, nicht in Einklang bringen. Das Heil bedeutet in der Heiligen Schrift soviel wie Errettung und Erlösung. Bei Anwendung des Deutschen Grußes würden sie Jehova, der allein ihr Erretter und Erlöser sei, entweihen. Zu dieser Ansicht bekennen sich selbst solche Bibelforscher, die Beamte oder Staatsangestellte sind bzw. waren. Kein Mensch der Welt, behaupten sie weiter, könne sie jemals dazu bringen, Kriegsdienste zu leisten, zur Wahlurne zu gehen oder der irdischen Macht in irgendeiner Form mehr zu gehorchen als den göttlichen Instanzen.

Aus den meist vom Ausland bezogenen Zeitschriften, Werbezetteln, Traktaten und Jahrbüchern ergibt sich mit aller Deutlichkeit, dass die IBV nicht lediglich auf religiösem, sondern auch auf politischem Gebiet tätig wird. Dies Material lässt zugleich die Einstellung der Bibelforscherbewegung zum nationalsozialistischen Deutschland erkennen. Hier wird der Pazifismus verherrlicht, der Heldentod fürs Vaterland verächtlich gemacht. Geistliche werden als Kriegshetzer, als Anhänger des Teufels geschildert. Auch die irdischen Machthaber, vor allem die deutsche Regierung, sollen unter teuflischem Einfluss stehen. 'Hitler und sein Stab von Beamten', heißt es in einem Aufsatz in den 'Bibelstudien', 'stehen ohne Zweifel unter der Kontrolle der unsichtbaren Macht Satans und seiner ruchlosen Verbündeten, die zusammen gegen Jehovas Zeugen Krieg führen.'

Der Bericht über die Bibelforscherbewegung in Deutschland, der in dem in der Schweiz erschienenen 'Jahrbuch 1935 der Zeugen Jehovas' enthalten ist, stellt die Behauptung auf:

'Ohne Zweifel gibt es kein Land auf Erden, dass solche extremen Maßnahmen wie die Hitler-Regierung ergriffen hat. Offenbar steht dieser Mann unter der direkten Aufsicht des Teufels und ist sein besonderer Vertreter auf Erden.' Der Nationalsozialismus, so wird in der Zeitschrift 'Jonadab' gesagt, ist Selbstsucht, Überheblichkeit über andere, Machtsucht und Neid.

Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Die ganzen Schriften der IBV sind angefüllt mit Angriffen gegen den nationalsozialistischen Staat und seine Regierung. Anscheinend werden auch judaisierende Tendenzen verfolgt, wie die Aussage des Sachverständigen Oberstleutnant Fleischhauer im Berner Zionistenprozeß ergibt. …

Die Ziele der Ernsten Bibelforscher sind nach seinen Feststellungen genau die gleichen wie die in den 'Protokollen der Weisen von Zion' niedergelegten. In stiller, aber zäher Arbeit suchen die Bibelforscher die Bevölkerung für die staatsfeindlichen und volksgefährlichen Lehren und Ziele zu gewinnen. Namentlich vom Ausland her wird auf diese Weise unter dem Deckmantel der Religion ein systematischer Kampf gegen das Dritte Reich geführt. Die Bestimmung des § 4 Ziff. 5 der Satzung der IBV; ihre Veranstaltungen dürften nie zu politischer Agitation benutzt werden, bleiben unbeachtet.

Die zuständigen Stellen haben die Folgerungen aus diesem Treiben gezogen, nachdem schon vor 1933 die bayerische Staatsregierung auf Veranlassung der Landtagsfraktion der NSDAP Maßnahmen gegen die Ernsten Bibelforscher ergriffen hatte. … Das Preußische Ministerium des Innern erließ am 24. Juni 1933 … folgendes Verbot:

'Auf Grund des § 1 der VO. des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 (RGBL I 83) in Verbindung mit § 14 PVG wird die Internationale Bibelforscher-Vereinigung einschließlich ihrer sämtlichen Organisationen … im Gebiet des Freistaates Preußen aufgelöst und verboten. Das Vermögen wird beschlagnahmt und eingezogen. Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnung werden auf Grund des § 4 der VO vom 28. Februar 1933 bestraft.'

Dem Verbot wurde folgende Begründung beigegeben:

'Die Internationale Bibelforscher-Vereinigung und die ihr angeschlossenen Nebenorganisationen betreiben in Wort und Schrift unter dem Deckmantel angeblich wissenschaftlicher Bibelforschung eine unverkennbare Hetze gegen die staatlichen und kirchlichen Einrichtungen. Indem sie beide als Organe des Satans bezeichnen, untergraben sie die Grundpfeiler völkischen Gemeinschaftslebens. In ihren zahlreichen Schriften … verhöhnen sie die Einrichtungen von Staat und Kirche in bewusster böswilliger Verdrehung biblischer Bilder. Ihre Kampfmethoden sind durch eine fanatische Beeinflussung ihrer Anhänger gekennzeichnet; durch nicht unerhebliche Geldmittel gewinnen sie an Stoßkraft bei ihrer kulturbolschewistischen Zersetzungsarbeit. Ihre Einflussnahme auf breite Volksschichten beruht z. T. auf eigenartigen Zeremonien, die eine Fanatisierung der Anhänger und damit eine unmittelbare Störung des seelischen Gleichgewichts der betreffenden Volkskreise erzeugen.

Da hiernach die Tendenz der genannten Vereinigungen in besonders sinnfälligen Gegensatz zum heutigen Staat und seiner kulturellen und sittlichen Struktur steht, sehen die 'Internationalen Bibelforscher' entsprechend den aus der nationalen Erhebung hervorgegangenen christlich-nationalen Staat als einen besonders markanten Gegner an, demgegenüber sie die Methoden ihres Kampfes radikal verstärkt haben. Dies beweisen die verschiedensten gehässigen Angriffe von führenden Funktionären, die in Wort und Schrift gegen den Nationalsozialismus und seine maßgeblichen Vertreter in jüngster Zeit vorgetragen worden sind. Damit ist zugleich der Einwand eines rein religiösen weltanschaulichen Kampfes widerlegt.

Die Gefährlichkeit der Umtriebe der genannten Vereinigungen für den heutigen Staat wird dadurch noch gesteigert, dass in neuester Zeit in auffallend zunehmendem Maße Anhänger ehemaliger kommunistischer und marxistischer Parteien und Organisationen in ihren Reihen in der Hoffnung Aufnahme gefunden haben (Einfügung: M.G. wurde von den Zeugen Jehovas schon zeitgenössisch dementiert) , in diesen angeblich rein religiösen Vereinigungen einen sicheren Unterschlupf zu finden, der ihnen den getarnten politischen Kampf gegen das heutige Regierungssystem ermöglicht. Die Bibelforscher-Vereinigung und die ihr nahestehenden Gesellschaften leisten mithin auch auf rein politischem Gebiet dem Kommunismus Vorschub und stehen im Begriff, sich zu einer Auffang-Organisation für die verschiedensten staatsfeindlichen Elemente zu entwickeln. Eine organisatorische und zielbewusste kommunistische Betätigung wird aus den Reihen der kommunistischen Anhänger der Bewegung getätigt. Zur Abwehr kommunistischer Umtriebe und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist daher ihre Auflösung zum Schutze von Volk und Staat geboten.'

Inden anderen Ländern ergingen teils vor, teils nach dem Preußischen Verbot entsprechende Anordnungen. …

Verhandlungen zwischen offiziellen Stellen der Vereinigten Staaten und dem Reichsinnenminister im Sommer 1934 führten zu einer Milderung der gegen die IBV gerichteten Maßnahmen. Der Reichsminister des Innern erließ am 13. September 1934 folgende Anweisung … an die Landesregierungen:

'Der preußische Minister des Innern hat mit Verfügung vom 9. Juni 1934 das beschlagnahmte Vermögen der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung einschließlich ihrer sämtlichen Organisationen … freigegeben. Die Betätigung der Wachtturm- Bibel- und Traktat-Gesellschaft in der Herstellung und dem Vertrieb von Traktaten und anderer propagandistischer Schriften bleibt nach wie vor verboten, ebenso jegliche Lehr- und Versammlungstätigkeit der Bibelforscher-Vereinigung. Der Druck und der Vertrieb von Bibeln der üblichen Art, sowie sonstige Drucklegungen von Schriften, deren Inhalt erlaubt ist und keine Beziehungen zu der Tätigkeit der Ernsten Bibelforscher-Vereinigung hat, sind dagegen nicht zu beanstanden.'

Die Länderregierungen trafen entsprechende Anordnungen. … Trotz der damit verbundenen Milderungen hörten die Umtriebe der Bibelforscher nicht auf. Grund hierfür war vor allem ein vom Herbst 1934 datierendes Schreiben ihres Präsidenten Rutherford. In diesem Brief, den die Bibelforscher als einer Äußerung Jehovas glaubten Folge leisten zu müssen, fordert Rutherford sie zum Ungehorsam gegen die staatlichen Anordnungen auf. Nach Anführung einer Reihe von Bibelzitaten schreibt er:

'Im Gegensatz zu und in Übertretung der vorerwähnten Gebote Jehovas Gottes hat die Deutsche Regierung Euch verboten, Euch zu versammeln, Jehova anzubeten und ihm zu dienen. Wem wollt Ihr gehorchen, Gott oder Menschen?

Die treuen Apostel wurden in eine ähnliche Lage gebracht und sie sagten zu den weltlichen Machthabern: 'Ob es vor Gott recht ist, auf Euch mehr zu hören als auf Gott, urteilet Ihr … Wir müssen Gott mehr gehorchen als Menschen.' … Kein Mensch hat das Recht, Euch Befehle zu erteilen bezüglich Eures Gottesdienstes. Ihr seid durch Euren Bund verpflichtet, Gott und Christus gehorsam zu sein. Daher schließe ich daraus, dass Ihr Jehova und nicht Menschen gehorchen werdet.'

Rutherford befiehlt daher den Bibelforschern, sich an einem bestimmten Tage überall in Deutschland erneut zu versammeln und Protestscheiben an die Regierung zu senden.

Offen wird zum Ungehorsam gegen staatliche Anordnungen aufgefordert. Die Bibelforscher suchten dieser Anweisung nachzukommen. Sie versammelten sich und schickten Briefe und Telegramme an die Reichsregierung, in denen ein Widerspruch zwischen den staatlichen Gesetzen und den Geboten Gottes behauptet wurde. Sie würden dem Rat der treuen Apostel folgen und um jeden Preis Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Auch weiterhin fanden verbotene Versammlungen statt. Gefördert wurden diese Bestrebungen durch die Wachtturm- Bibel- und Traktat-Gesellschaft in Magdeburg. Auch diese Gesellschaft wurde durch Verfügung des Regierungspräsidenten in Magdeburg vom 27. April 1935 … aufgelöst. Die Auflösungsverfügung wurde folgendermaßen begründet:

'Durch Erlass des Herrn Preußischer Minister des Innern vom 24. Juni 1933 ist die IBV verboten und das Vermögen beschlagnahmt worden. Auf die Begründung des Verbots wird Bezug genommen. Mit Erlass des Preußischen Ministers des Innern vom 28. September 1934 ist das Vermögen dieser Organisation wieder freigegeben worden. Die Betätigung der Vereinigung in der Herstellung von Schriften, Flugblättern, sowie in der Lehr- und Versammlungstätigkeit blieb jedoch nach wie vor verboten. An diese Anordnung hat sich die Bibel- und Traktat-Gesellschaft als ehemaliger besonderer Zweig der IBV nicht gehalten. Sie trat vielmehr an ehemalige Mitglieder der verbotenen IBV heran, um diese zum Bezuge von Büchern und Zeitschriften und evtl. zum Weitervertrieb anzuregen. Das der verbotene Vertrieb von Druckschriften durch die Wachtturm- Bibel- und Traktat-Gesellschaft tatsächlich erfolgte, beweist z. B. die Beschlagnahme einer Reihe von Schriften, deren Inhalt klar eine verkappte Weiterführung der IBV erkennen ließ, durch die Staatspolizeistelle in Magdeburg am 16. November 1934. Durch diese Schriften wurde bewusst der Eindruck geweckt und gefördert, als sei die Tätigkeit der als staatsfeindlich anerkannten IBV wieder erlaubt.

Unter den beschlagnahmten Schriften hat die Druckschrift über Strafverfahren und Rechtsberatung besondere Bedeutung. Sie förderte das illegale Fortbestehen der IBV in erhöhtem Maße durch die an Mitglieder der ehemaligen IBV gerichtete Aufforderung zur Benutzung einer zentralen Rechtsberatungsstelle. Durch die Rechtsbetreuung von ehemaligen Angehörigen einer Organisation, die eine unverkennbare Hetze gegen die staatlichen und kirchlichen Einrichtungen trieb, indem sie beide als Organe des Satans bezeichnete, wurde das Verbot dieser Vereinigung umgangen und damit der staatsfeindlichen Betätigung Vorschub geleistet. Es ist ferner festgestellt worden, dass durch Anhänger der IBV Bücher und Kalender vertrieben wurden, die aus dem Besitze der Wachtturm- Bibel- und Traktat-Gesellschaft stammten. Daraus ergibt sich, dass die genannte Gesellschaft im organischen Zusammenhang mit der verbotenen IBV steht, und dadurch selbst als staatsfeindliche Organisation anzusehen ist, die sich in sinnfälligem Gegensatz zum heutigen Staat und seiner kulturellen sittlichen Struktur gestellt hat.

Wegen weiterer Zuwiderhandlungen gegen die erlassenen staatlichen Verbote wurde eine Reihe von Bibelforschern gerichtlicher Aburteilung zugeführt. Vor Gericht beriefen sich die Bibelforscher auf Artikel 135f der Weimarer Verfassung, die… überhaupt weiter in Geltung seien, zumal sie nicht auf dem Wege über Art. 48 RV außer Kraft gesetzt werden könnten. Die Bibelforscherbewegung sei in keiner Weise staatsfeindlich. Für ein Einschreiten auf Grund der VO des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat … sei daher keine Handhabe gegeben. Schließlich proklamiere auch der Nationalsozialismus die Religionsfreiheit. Mit diesen Einwendungen mussten sich die Gerichte auseinandersetzen.

Der Richter muss Klarheit über die weltanschaulichen und verfassungsrechtlichen Grundlagen des neuen Reichs besitzen. … Bereits die erste grundsätzliche Entscheidung zum Verbot der IBV, ein Urteil des Reichsgerichts vom 23. Januar 1934 … läßt sie vermissen.

Ist die IBV Religionsgesellschaft - eine Frage, die das Reichsgericht in Ermanglung entsprechender tatsächlicher Feststellungen durch die Vorinstanzen unbeantwortet läßt-, so wäre ihr Verbot verfassungswidrig und darum rechtsungültig; denn die Bestimmung des Art. 137 Abs. II RV, die die Freiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften gewährleistet, ist von dem Reichspräsidenten nicht außer Kraft gesetzt worden, gehört auch überhaupt nicht zu den Bestimmungen, zu deren Außerkraftsetzung der Art. 48 II des Reichspräsidenten ermächtigt.

Das Reichsgericht betrachtet die Weimarer Verfassung also als noch fortbestehend, vermeidet aber eine ausdrückliche Stellungnahme. …

Das Sondergericht Breslau verneint den Charakter der IBV als Religionsgesellschaft im Sinn von Art. 137 RV und erblickt in ihr lediglich einen religiösen Verein nach Maßgabe des durch die VO vom 28. Februar 1933 außer Kraft gesetzten Art. 124. Es hält das Verbot der Bibelforscher daher für rechtsbeständig. Das Sondergericht Darmstadt dagegen sieht in der IBV eine Religionsgesellschaft, die den Schutz des Art. 137 genieße. Es erklärt die gegen sie getroffenen Maßnahmen daher für rechtsungültig - ein Ergebnis, dass angesichts nicht erkannter Staatsfeindlichkeit der Bibelforscher mit aller Deutlichkeit zeigt, zu welchen praktischen politischen Konsequenzen eine Verkennung der grundlegenden verfassungstheoretischen Begriffe und der gegenwärtigen Verfassungslage durch die Rechtsprechung führen kann.

Die Bibelforscherbewegung hat sich die vorteilhafte Gelegenheit nicht entgehen lassen und das ihr günstige Urteil für ihre Propaganda ausgenutzt. So z. B. in dem Aufsatze: 'Verfolgungen in Deutschland' in der in Bern erscheinenden Bibelforscher-Zeitschrift 'Das Goldene Zeitalter', Nr. 281 vom 1. Juni 1934.

Die innere Rechtfertigung der Verfassung geht verloren, so bald sie aufhört, eine der Idee und Existenz des Volkes gemäße politische Ordnung zu sein. Sie wird dann von der Wirklichkeit des politischen Lebens widerlegt und geht ihren Geltungsanspruchs verlustig. Das ist auch das Schicksal der Weimarer Verfassung geworden. Demokratie, Parlamentarismus, Föderalismus und bürgerlicher Rechtsstaatsgedanke sind die tragenden Grundsätze dieser Verfassung gewesen. Sie machten ihre eigene politische Substanz aus. Mit der nationalsozialistischen Revolution sind diese Grundsätze einer neuen politischen Weltanschauung zur Durchsetzung gelangt, die jenem Gedanken aufs schärfste widersprechen. Die Elemente des völkischen Führerstaats sind an die Stelle der Grundsätze von Weimar getreten. Führerstaat und völkischer Gedanke haben die parlamentarische Demokratie, der Einheitsstaat hat den Parteienbundesstaat verdrängt. Die Prinzipien des bürgerlichen Rechtsstaats haben dem Gedanken der Volksgemeinschaft weichen müssen. Die Weimarer Verfassung hat damit ihre Legitimität verloren. Mit Recht hat daher vor allem das Urteil des Sondergerichts Darmstadt verschiedentlich eine scharfe Kritik erfahren. … Die irrige Auffassung von der Fortgeltung der Weimarer Verfassung versperrt den Weg zur zutreffenden Lösung der hinsichtlich des Bibelforscherverbots auftauchenden verfassungsrechtlichen Fragen. …

Die Gemeinschaftswerte, die das staatliche Recht im Allgemeininteresse für wichtiger hält, genießen den Vorrang vor der Glaubensfreiheit. 'Staatsgesetz geht vor Religionsgebot', was auf Grund der allgemeinen Staatsgesetze als staatsfeindlich, ordnungswidrig, gemeinschädlich erscheint, kann sich nicht mit Hilfe des Mäntelchens religiöser Überzeugung behördlichen Zugriff entziehen. Die Bekenntnisfreiheit steht unter dem Vorbehalt des allgemeinen Gesetzes. …

Auch im neuen Deutschland gibt es Religionsfreiheit. Die Bibelforscherprozesse gaben den Gerichten Gelegenheit, diese Tatsache nachdrücklichst zu unterstreichen. 'Das nationalsozialistische Deutschland' so stellt das Sondergericht Darmstadt mit Recht fest, 'hat die Religionsfreiheit nicht angetastet und gedenkt das auch, wie sich insbesondere aus den Worten des Führers und anderer maßgebender Männer ergibt, nicht zu tun. … Die Glaubensfreiheit beruht im heutigen Staat allerdings nicht auf der Weimarer Verfassung. Sie gründet in der Anerkennung der Bekenntnisfreiheit durch die nationalsozialistische Staatsidee … Deren Verhältnis zur Religionsfreiheit ist in Art 24 des Parteiprogramms zum Ausdruck gebracht worden.

Es wird Religionsfreiheit gewährleistet. Im Interesse der politischen Einheit kann diese Garantie keine schrankenlose sein. Die Freiheit des Bekenntnisses endigt an den Grenzen, die der Staat zugunsten anderer völkischer Werte zu ziehen genötigt ist. Die Gewährleistung der Religionsfreiheit erfolgt unter den Voraussetzungen und in den Schranken, die die Pflicht des Einzelnen der Volksgemeinschaft gegenüber bestimmen. Die Religionsausübung darf sich nicht in einer Weise auswirken, die den Bestand von Volk und Staat in Frage stellt. Bekenntnisse, die das völkische Gemeinschaftsleben gefährden, verlieren ihren religiösen Charakter und sind politische Äußerungsformen, die als staatsfeindliche entsprechende Behandlung zu gewärtigen haben. Wo hier die Grenzen zu ziehen sind, stellt der Staat fest. Er bestimmt Bereich und Inhalt der gewährleisteten Freiheit.

Staats-und volksgefährliche religiöse Korporationen können sich auf die Gewährleistung der religiösen Vereinigungsfreiheit nicht berufen.

Zu ihnen gehört die Bibelforscherbewegung. Ihre Lehre und deren praktische Durchführung gefährden den Bestand des Staats und die Einheit des Volks. Das die Bibelforscher offenbar aus einem tragischen Konflikt heraus handeln, indem sie auf Befehl Gottes zu handeln vermeinen, kann an dieser Kennzeichnung nichts ändern. Die Bibelforscher vermögen sich auf die Gewährleistung der Bekenntnisfreiheit und auf die Garantie der religiösen Vereinigungsfreiheit nicht zu berufen. Sie haben die diesen gezogenen Grenzen überschritten. … Nur wer einmal nach der nationalsozialistischen Erhebung im Ausland gewesen ist, kann sich eine Vorstellung von der entscheidenden Bedeutung machen, die die ausländische öffentliche Meinung dem Problem der Religionsfreiheit beimisst. Gerade anlässlich ihrer Auseinandersetzung mit dem Bibelforscherverbot hat die deutsche Rechtsprechung demgegenüber mit aller Klarheit den Fortbestand der Religionsfreiheit im Dritten Reich betont."

Briefe. Nachrichten für die Zeugen Jehovas und ihre Gefährten (1943)

Circa im Jahre 1943 wurde in der deutschen Untergrundbewegung der Zeugen Jehovas obiges Dokument "Briefe …" verbreitet. Entsprechend den eingeschränkten Möglichkeiten in Schreibmaschinenschrift erstellt und vervielfältigt. Das vorliegende Dokument umfasst elf Schreibmaschinenseiten. Folgt man der heutigen, geschönten Geschichtsschreibung der Zeugen Jehovas, so war ihr Weg in dieser düsteren Zeit, ein einziger "Siegesweg". Abweichungen von der vorgegebenen Linie, gab es in der Lesart der heutigen ZJ-Funktionäre nicht. Liest man jenes Dokument indes selbst, gewinnt man einen differenzierteren Eindruck.

Nachstehend etwas gekürzt, dieses Dokument. (Die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten basiert nicht auf der Vorlage. Sie dient lediglich der Hervorhebung bestimmter Aussagen)

"Liebe treue Verbundene in der Theokratie! Wessen Herz schlägt nicht schneller, und wessen Auge füllt sich nicht mit Tränen, diesen ergreifenden Bericht zu lesen, den uns liebe, treue Mitverbundene übermittelt haben? Dieser Bericht gewährt uns einen Einblick in die unsagbaren, unvorstellbaren Leiden, in physischer, so auch in geistiger Hinsicht, die diese Treuen um des Namens Jehovas und seines Reiches willen, jahrelang gelitten haben. …

Sollten wir uns, die wir in Freiheit sind vor Menschen fürchten? … Nein niemals wird Gottes Volk aufhören die Theokratie zu verkündigen! …

Der Bericht zeigt ferner auch eine unerfreuliche, traurige Tatsache von Verrätern der 'bösen Knechtsklasse'. Es ist ein Geschehnis, wie der Bericht selbst sagt: 'Einzig in der Geschichte des Volkes Gottes'! Ja wirklich einzig! Denn in der Geschichte der alten Zeit sowie des Ur-Christentums ist so etwas nicht berichtet worden. Stellen wir uns vor, dass zur Zeit der Tyrannen und Blutherrscher, der grausamen Imperatoren Roms, und zur Zeit der schrecklichen Christenverfolgungen, so z. B. unter der Herrschaft Nero's, die Christen (also Brüder) sich gegenseitig umgebracht hätten und man sich gegenseitig den blutgierigen Bestien im Beisein von Zuschauern (Sadisten) mit Gewalt hingeschleppt um dadurch vielleicht bei Nero und seinen Sadisten Gnade zu erhalten? Wie entsetzlich, wie furchtbar, wie grauenhaft wäre es! Dieses wird uns in der Geschichte der Verfolgung des Urchristentums nicht berichtet. Im Gegenteil! Einer half dem anderen im Wachen und Beten, ja oft (wie einzelne Fälle zeugen) ging derjenige in Freiheit Gebliebene mit seinen Brüdern freiwillig in den Tod. Welch ein Gegensatz zu dem Fall, der uns im Bericht bezeichnet wird! Die Schrift berichtet uns über das Hauptverbrechen Satans, in seinem Ehrgeiz dem Höchsten gleich zu sein also einen Posten zu bekleiden der ihm nicht zustand. Man beachte nun die Taktik Satans und seiner Agenten, die treuen Zeugen zu Fall zu bringen. Der Bericht sagt: 'Jetzt wendet er (Satan und seine Nazivertreter) eine andere Taktik an: die der Schmeichelei, Aufstachelung von Ehrgeiz, Selbstbewusstsein usw.' Und wie es scheint, sind viele darin gefallen. In keinem Lande der Erde ist dieser Geist Satans so aufgestachelt worden, als wie in diesem verruchten Nazi-Land. … Der ergreifende, beispiellose Bericht lautet:

"Liebe Brüder im Herrn!

Friede sei mit Euch! - Ermutigt durch Eure freudigen Briefe, fühlen wir uns von Herzen gedrungen, auch Euch über den Stand der Dinge auf unserer Insel zu unterrichten. Ja, es sind nur die Gütigkeiten Jehovas, dass wir nicht aufgerieben sind. (Klagel. 2:3). Könnt Ihr Euch unsere jubelnde Freude darstellen, als wir nach ca. 6 Jahren wieder in direkte Verbindung mit Mutter kamen? Unsere Dankbarkeit dem Vater gegenüber ist tief und grenzenlos, in Worten überhaupt nicht auszudrücken. Nur Treue, Treue bewegt unser Herz. Ach Ihm zu dienen ist doch das höchste und köstlichste und wir fühlen, daß sich Eure Herzen mit unseren vereinen und ein Geist ist der uns beseelt und antreibt zum Wirken und stehen, bis die Rechtfertigung des Namens Jehovas vollendet ist.

Glaubt! … Was für Stürme sind in dieser Zeit über uns hereingebraust um uns zum Wanken, zur Untreue und Uneinigkeit zu bringen. Ja, Satan ließ nichts unversucht. Von außen, schwerste Arbeit (Sandschippen, Steine tragen, Erde karren, Ausschachtungsarbeiten usw.), härteste Behandlung, bei weitem unzureichende Ernährung (Kartoffelschalen, Unkraut, Blumensträuße, sogar Sägespäne u. ä. m. wanderten in unsere Magen um das entsetzliche Hungergefühl zu betäuben. Wir magerten ab bis aufs Gerippe. … Zweimal eine solche Hungerkur, monatelang. Manchmal dachten wir: es sei unser Ende. Dann schrieen wir zum Vater, doch um seines Namens willen eine Änderung eintreten zu lassen und sie kam. Mit neuem Mut ging's wieder vorwärts. Dies waren die Prüfungen fürs Fleisch. Nun kamen die des Geistes hinzu. Von innen, mangels geistiger Speise: kein klares Erkennen der gegenwärtigen Erfüllung der Prophetie. Nur wenige hielten an den klaren Richtlinien fest, womit Jehova und Jesus Christus sein Volk zubereitet haben für diesen Kampf. Weil nun Jehova es nicht zuließ, dass wir körperlich, vollständig zusammenbrachen, wollte der Teufel Uneinigkeit zwischen uns hervorrufen um uns so zu Fall zu bringen, damit unser Hiersein nur noch Schmach und Schande auf Jehovas Namen brächte. Es sah zu dieser Zeit aus, als ob sich Gottes Volk auf dieser Insel in 4 Gliederungen spalten würde (derzeit 530). Eine Klasse: ganz extrem! Da sie sich als die einzig richtigen Vertreter des Höchsten fühlten (alle Anderen waren Gesetzlose!! - - womit sie keinen Umgang pflegen durften um sich nicht zu verunreinigen) hatten es nicht nötig, sich der einfachsten Ordnung der Insel zu fügen, z. B. Volkszählung, Geldsendungen ihrer Angehörigen zu quittieren, Verweigerung von Paket- und Briefannahme, sowie auch Absenden von Briefen da alles in allem Religion sei. Sie vergruben sogar ihr Geld um mit Finanz nichts zu tun zu haben. Die einzelnen Szenen, die daraus resultierten, sind nicht zu schildern. Es war eine richtige Genugtuung für den Feind, durch diese Handlungsweise, (es wurde als Idiotie bezeichnet - und es war auch wirklich Wahnsinn) von neuem Spott und Hohn auf den Namen Jehovas zu häufen. Das ganze kann als eine Art Selbstkasteiung bezeichnet werden, und wenn wir alle so gehandelt hätten, so hätte Jehova kein Volk mehr auf dieser Insel. Wir wären alle zugrunde gerichtet, was des Teufels Ziel auch war.

Eine zweite Klasse ging so weit, dass sie alles als Kriegsarbeit bezeichnete und so verweigerten etliche unter ihnen in diesem Sinne das Füttern von Angora-Kaninchen, da die Wolle vermutlich auch zu Fliegeranzügen verwendet würde. Ferner, Abladen von Stroh, weil es angeblich außer zu unseren Strohsäcken, auch für Militärpferde gebraucht werden sollte. Weiter das Einpacken von Gemüse, weil es an Lazarette versandt wurde. Sie erhoben das Nichtessen der Blutwurst zum Hauptgegenstand, (auch die erste Gliederung tat dieses), wer sie genießt, gehe in den zweiten Tod. Allen 'gewonnenen' Freunden wurde dies zur ersten Bedingung gemacht. Sie erkannten hierin ein Kampfmittel gegen den Feind zur Rechtfertigung des Namens Jehovas und gaben ihre Namen mit einem kurzen Begründungsschreiben ihrer Weigerung, der Inselverwaltung bekannt. Sie warteten immer auf einen Generalangriff des Feindes und wollten so durch ihre Herausforderung, Jehova Gelegenheit geben, sich zu seinem Volke zu bekennen und somit Harmagedon zu beschleunigen. (Sie meinten selbst den Kampf führen zu müssen). Der Feind benutzte ihre Handlungsweise nur, um seine Druckmittel auf sie zu verschärfen. - Dass Gottes Volk kein Blut genießt, ist ja eine Selbstverständlichkeit, aber es muss mit Weisheit und kluger Überlegung gehandelt werden, da doch die inneren Angelegenheiten des Volkes (Gottes) des Herrn, den Feind gar nichts angehen.

Die dritte Gliederung sieht den Hauptkampf schon als vorüber. Sie stützen sich auf Zeitungsberichte des Weltgeschehens und auf einige verkehrt verstandene Schriftstellen. Daraus erkennen sie, dass Harmagedon, gleichzeitig der Sturz der Hure 1939 begonnen hat. Jehova ist es, der diesen Krieg führt und seinen Zorn über die Nationen ausgegossen hat, dass die Städte ohne Bewohner und das Land ganz verwüstet ist. Die Gefallenen dieses Krieges sind die Erschlagenen Jehovas und er gebraucht den 'König des Nordens', um die Vollstreckung seines Urteils an den Nationen zu vollziehen, indem er in die verschiedenen Länder schon eingedrungen ist, - Wer mit ihnen diese Meinung nicht teilt ist hinterm Mond.

Die vierte Gliederung ging wachsam und nüchternen Geistes durch all diese Geschehnisse hindurch, in der festen Zuversicht, dass Jehova sein Volk nicht verlassen noch versäumen wird, im Gebet ringend um Klarheit, Hilfe und den Beistand der heiligen Engel, damit die Einheit des Geistes und des Handelns wieder hergestellt werde. (Selbst der Inselverwaltung blieb der Zustand unter uns nicht verborgen, da sie sich äußerte, dass wir unmöglich Gottes auserwähltes Volk sein könnten, da nicht einmal w i r uns einig wären. …

Ihr Lieben! Könnt Ihr Euch da in unseren Zustand tiefster Erschütterung hineinversetzen? Wir wollten doch unter allen Umständen mit zu seinem Volke, zu Jehovas Ehre zählen! Darum schrie unser Herz zum Herrn um Speise zur rechten Zeit und um Richtlinien der Mutter, denn wir wollten doch mit allen Treuen, wo sie auch sind, eins sein im Stehen und Handeln für die Rechtfertigung des Namens Jehovas. Und damit alle die Tiefe der Auseinandersetzung der beiden Organisationen erkennen können, brauchten wir doch Speise so nötig und so flehten wir Tag und Nacht zum Herrn.

Jehova, unserem gütigen Vater gebührt alle Ehre und aller Dank. Er hat unser Gebet und Flehen erhört und uns erneut seine Wundertaten bewiesen, dass Er sein Volk behütet wie seinen Augapfel. Was Er uns bis heute geschenkt hat, übertrifft alle unsere Erwartungen. Ach ja, der Vater vergißt nicht die Kleinsten seiner Kleinen. Er hält, was Er verspricht. Vor ca. einem Jahr kam der erste Lichtblick. Eine Schwester brachte uns die herrlichen Vorbilder von Barak und Debora, Ehud und über Jericho-Ai mit. Als sie unsere Zustände hier sah wurden ihre Augen sehr groß, aber sie fühlte sich sofort zu der vierten Gliederung hingezogen. Der Vater segnete sie mit großer Geduld, dass sie unseren vielen Fragen Rechnung tragen konnte. Nach 6 Monaten verließ sie uns wieder und kam in eine andere Erholungsstätte.

¼ Jahr später besuchte uns eine andere Schwester, sie kam direkt von der Mutter aus Bern, unsere Freude über die Botschaft die sie uns brachte, war unbeschreiblich. Wiederum fühlten wir die Hand des Vaters, da sie uns über die Tätigkeit der Mutter, so ganz warm berichten konnte. Jeden Sonntag labten wir uns am Tische des Herrn. Auch vorübersegelnde Brüder trugen ihr Teil dazu bei und so erhielten wir wieder ein klares Blickfeld und kamen einen großen Schritt der Einheit näher.

Zum Lob und Dank Jehovas beraumten wir nun am 24. bis 26. 12. 1942 eine Zusammenkunft an, nach dem Programm einer Hauptversammlung. Von den ca. 400 Inselbewohnern nahmen fast 300 daran teil. In Ermangelung eines neueren war unser Jahresmotto: "DAS HEIL UNSERM GOTT UND DEM LAMME", was wir auf einer Karte groß aufmalten. Der Leittext des 3-tägigen Studiums war 2. Chronika 20. Sechs Nationalitäten waren dabei vertreten, wovon eine jede Bericht erstattete von dem Stand der Dinge in ihrem Lande. Vertreten waren: Holland, Belgien, Polen, Tschechoslowakei, Schweiz und Deutschland.

Auch war vorgesehen, dass am 3ten Vormittag, je nach Gelegenheit, Zeugnis gegeben werden sollte. Trotz der vorhandenen Schwierigkeiten, war das Ergebnis 36. Diesem folgte der Erfahrungsnachmittag, dass diejenigen, welche das Herz dazu trieb, besondere Erfahrungen aus der Kampfzeit schilderten. Dieses trug sehr zur Ermutigung der Geschwister bei, denn immer und immer fühlten wir die Hand des; Herrn. Die Herzen aller Anwesenden waren tief ergriffen über die große Gnade und Güte Jehovas, angesichts der Feinde, solche Gelegenheiten zu erhalten. Jubeln Eure Herzen nicht mit unseren mit?!

In Schlußworten zusammengefaßt, gedachten wir rückblickend der Wundertaten Jehovas und der herrlichen Führung unseres großen Königs seit 1933 und besonders während des Ganges tiefster Erniedrigung auf der Insel und dem Wege zu ihr. Einig gelobten wir aus dankbarstem Herzen unserm großen Theokraten erneute Treue und selbstlose Hingabe für das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, bis in alle Ewigkeit. Wir finden keine Worte, wie groß der Segen des Herrn Jehovas in diesen Tagen besonders war. Es war der Wunsch aller Herzen, Euch an diesen überschwenglichen Freuden, so bald wie möglich, teilnehmen zu lassen und so schenkte uns der Herr hiermit Gelegenheit.

Nun geben wir Euch unsere Inselstatistik bekannt:

In der ganzen Zeit schieden von uns auf natürlichem Wege 28. Auf rätselhaftem Wege 43. Ca. 50 schlossen im Laufe der Jahre mit dem Teufel Kompromisse, aber dessen ungeachtet erfaßten ca. 25 den Rockzipfel eines jüdischen Mannes, um mit ihm zu gehen. Insgesamt 20 Jonadabe, die überraschend schnell der Aufenthalt auf der Insel ereilte, konnten wir hier, unter Zeugen das Symbol ihrer Weihung empfangen. Nicht etwa in der Hast und Jagen, nein! In Ruhe! Jehova hat es wunderbar geführt; und uns kam es selbst wie ein Traum vor, daß solches überhaupt möglich war.

Die größten Schwierigkeiten in Bezug auf die verschiedenen Anschauungen sind überwunden; auch die Brutalität des Feindes hat nachgelassen, weil die Inselbewohner trotz aller Arten von Druckmittel an ihrer Treue und Unerschütterlichkeit festhielten.

Jetzt wendet er eine andere Taktik an, die der Schmeichelei, Aufstachelung von Ehrgeiz, Selbstbewußtsein usw.

Einigkeit macht stark! Das möchte Satan nun aufs Neue unterbinden und uns einzeln in alle Richtungen verschicken. Aber auch dadurch kann er uns nicht erschüttern, denn der Vater hat ja die Seinen auch für dieses ausgerüstet und so wollen wir unsern Mann stehen in jeder Situation.

Könnt Ihr Euch nun unseren Jubel und unsere Freude vorstellen, zu all dem noch mit der Mutter in Verbindung getreten zu sein? Es ist uns noch unfaßbar und doch ist es Wirklichkeit. Wir erkennen daraus, wie sich Eure Gebete mit den unseren vereinen und der Vater sie erhörte.

Wir fühlen keinerlei Trennung mehr von Euch, im Gegenteil, verbundener denn je, auch mit den Ruinenstädtern.' Indem wir Eure Briefe lesen ist uns zumute, als ob wir mit Euch plaudern und weder Raum noch Zeit unsere geistige Verbindung hemmen können. Jeder Tag, den wir hier noch beisammen sind, ist uns wie ein Geschenk vom Herrn, damit wir uns noch mehr vorbereiten können auf den neuen Dienst. Dazu brauchen wir aber nun weitere Stärkung!

Liebe Mutter,' wie ist es mit Micha 4.''' Bis dahin wird der 11 Daniel verschlungen sein. Was sind wir doch durch ihn zu Klarheit gekommen. Nun sind wir gewappnet.

Wir brennen wir darauf, an dem Hervorbringen der Gerüchte aus Norden und Osten einen Tätigen Anteil zu haben. Ach Ihr Lieben! Jahrelang ist alles in uns aufgespeichert, es drängt mit Gewalt zum Ausbruch! Aber wir haben Geduld und Gehorsam gelernt, bis zur festbestimmten Zeit des Herrn. Tief beugen sich unsere Herzen vor Jehova, wie gewaltig ist seine Majestät! Leben und preisen wollen wir seinen heiligen Namen bis in alle Ewigkeit!

Unser festes Vertrauen und inniges Bitten zum Vater ist, daß diese Zeilen sicher in Eure Hände gelangen, da es doch schon seit langem Euer und unser Wunsch war, mit uns in Verbindung zu kommen. Und so es der Wille Jehovas ist, werden auch wir Antwort von Euch bekommen. So, liebe Brüder, habt Ihr nun einen kleinen Einblick in unser Inselleben getan. Der Herr Jehova hat unser Gebet und Flehen nach Speise gehört! Ihm gebührt Dank, Dank und nochmals Dank, aller Ruhm und alle Ehre! Unser Innerstes ist zum Bersten voll! Wir möchten hinausschreien in alle Welt, die großen Wunder, die der Herr an uns getan hat. Im vollen Vertrauen auf die Zusicherung unseres Vaters, wollen wir mutig und unerschrocken den Weg zuende gehen, denn der Sieg ist uns gewiß!

Mit Euch Schulter an Schulter kämpfend, für das Reich der T h e o k r a t i e als seine Zeugen grüßen Euch im Namen aller

Eure Schwestern in Christo

Ein weiterer Brief dieser Art ist noch überliefert:

Geliebte Geschwister im Herrn!

Groß ist Jehovas und groß ist seine Güte, welche er denen erweist, die ihn lieben. Ja, gewaltig ist die Pracht seiner Majestät und wunderbar ist seine Führung. In tiefster Ergriffenheit beugen wir unsere Herzen vor dem großen Theokraten und unser heißester Wunsch ist, mit unserer ganzen Kraft ihm zu dienen bis in alle Ewigkeit. Oh Ihr geliebten Geschwister! Könntet Ihr einen Einblick tun in unseren Zustand jubelnder Freude, Ihr würdet genau wie wir überwältigt sein von der Güte und Oberhoheit Jehovas. Daß wir mit Mutter in Verbindung traten, war schon etwas wunderbares für uns. Daß wir aber noch einen Anteil an dem großem Fest des Herrn haben sollten, war bald unfaßbar. Stellt Euch vor: Auf dieser Insel, welche Zeuge der tiefsten Erniedrigung des Volkes Gottes war, dieses Fest im Angesicht der Feinde!

Als wir im Mitteilungsblatt lasen, daß in diesem Jahr vielen Gelegenheit gegeben war, die ohne ihr Verschulden in der Vergangenheit nicht daran teilnehmen konnten, waren wir fest entschlossen, dieses Fest gemeinsam mit allen Treuen auf der ganzen Erde zu begehen und somit unser Gelübde zu erneuern.

Nachdem wir Daniel 11 und Micha in uns aufgenommen hatten, bekamen wir noch zur rechten Zeit "seine Herde". Diese Speise brauchten wir so nötig, denn viele waren sich nicht klar, zu welchen Schafen sie gehörten. Und jeder mußte doch von sich selbst wissen, ob er ein Gesalbter ist oder nicht, um sich der Verantwortung voll und ganz bewußt zu sein. Ja, der Vater hat gesehen, wo es bei uns mangelt und hat uns reichlich, reichlich gesegnet.

Durch unseren Bericht vom März kennt Ihr ja unsere Inselverhältnisse und so bedurfte es gebetesvoller Überlegung um in richtiger Weise das Fest zu begehen, und alle Vorbereitungen dafür zu treffen. Es mußte alles im Geheimen durchgeführt werden, da auch unter uns der böse Knecht weilt. Wie flehten wir zum Vater, uns auf den richtigen Weg zu leiten und seine heiligen Engel zu senden, daß sie eine feurige Mauer um uns seien, denn aus uns vermochten wir gar nichts und so legten wir alles in die Hand des Herrn. Am 10ten und 11ten betrachteten wir die Studie "Seine Herde" und baten anschließend die Geschwister, da wir durch die hiesigen Begleitumstände das Gedächtnismahl nicht im Ganzen feiern konnten, daß jeder, der auf Grund des Studiums an sich das Zeugnis des Geistes feststellen kann, uns davon Mitteilung machen möchte zwecks Vorbereitung. Wir rechneten ungefähr mit 50 und bekamen dafür auch die Symbole. Aber wir hatten uns schwer getäuscht, es wurden täglich mehr bis auf 172. Denn es kamen plötzlich von Wewelsburg 120 Brüder nach hier, welche bis zur Stunde ohne Speise und ohne Verbindung mit Mutter waren. Nun mußten wir noch ihrer gedenken, denn ein anderer Weg bestand ja nicht für sie. Könnt Ihr Euch unsere Sorge vorstellen? Denn Nachlieferung war nicht mehr möglich. Wir hatten nur eins: Unser Vertrauen zum Vater, es war groß. Wir mußten an die Speisung der 5000 denken und was glaubt Ihr wohl? Am 17ten bekam eine Schwester ein Paket ausgehändigt. Wortlos sahen wir uns in die Augen, von Tränen der Dankbarkeit zum Vater tief gerührt. Der 18te wurde uns als der Tag des Gedächtnismahls angedeutet. Da wir nichts bestimmtes erfuhren, blieben wir dabei. Am selben Nachmittag hatten wir eine Betrachtung über das Passah und die Einsetzung des Gedächtnismahles und so war jeder Teilnehmer in erwartungs- und weihevoller Stimmung. Vorher gaben wir jedem Bescheid, daß es um 23 Uhr im Waschraum stattfinden würde. Ab 22.30 Uhr begann das Sammeln. Einige übernahmen den Weck und einige den Ordnungsdienst, damit alles geräuschlos und ohne Störung vor sich gehe. Punkt 23 Uhr war alles versammelt - 105 an der Zahl - und es war sogar noch Platz, trotz des verhältnismäßig kleinen Raumes was auch unsere Sorge war. Wir standen ringsherum, dicht an dicht, in der Mitte ein weißgedeckter Schemel mit den Symbolen, eine Kerze erhellte den Raum, da die elektrische Beleuchtung zu verräterisch gewesen wäre. Wir kamen uns vor wie die ersten Christen in den Katakomben, nur mit dem Unterschied, daß wir vorher an diesen Ort geschleppt, sie jedoch nachher weggeschleppt wurden. Eine weihevolle Stimmung lag über allen und heiß stieg unser Gelübde erneut zum Vater empor, unsere ganze Kraft für die Rechtfertigung seines heiligen Namens einzusetzen, in Treue für die T h e o k r a t i e zu stehen und willig unsere Leiber als ein Gott wohlgefälliges Schlachtopfer darzustellen. Völlig diesem irdischen Sein entrückt, vergaßen wir ganz, wo wir uns befanden und fühlten ein Heer Engel sich um uns lagern. Den Dank, der unser Herz bewegt, können wir nur im 150ten Psalm unserem gütigen Vater darbringen. Ja, der Feind war völlig in Blindheit gehalten; selbst im ganzen Hause rührte sich nichts bis zum Wecken, sogar die Frühaufsteher hatten die Zeit verschlafen. Auch die Jonadabe nahmen in derselben innigen Weise an unserer Freude teil, obwohl die Verhältnisse es ihnen nicht gestatten, bei der Feier zugegen zu sein. Am darauffolgenden Tage war noch jeder in tiefer Ergriffenheit und Überwältigung. Leuchtenden Augens rühmte ein jeder dem anderen die Wundertaten Jehovas, die er seinem Volke erweist. Nie können wir diesen Tag vergessen!! Er steht so einzig da in der ganzen Zeit unserer Einengung da unser Herz vor Ehrfurcht stillsteht - denn trotz Mauern, Stacheldraht und Hochspannungsdrähten usw. - hat uns der Herr solche Vorrechte eingeräumt, das Fest dem Jehova zu feiern. Mehr denn je sind wir vom Kampfesgeist durchdrungen. Es ist wie ein Brennen in unseren Gliedern, man vermag es kaum auszuhalten vor Drang nach Tätigkeit. Ähnlich wie Simsons Verlangen, noch einmal unsere volle Kraft zu gebrauchen - und nach Daniel 11 haben wir dies ja in Aussicht - und dieses läßt unser Herz überquellen vor Dankbarkeit und Freude.

Die übrigen Gedächtnismahlteilnehmer setzten sich zusammen:

Aus 37 Brüdern, 4 Schwestern auf Gütern und 26 Schwestern aus anderen Häusern. Letzteren wurde eine kurze Festfeier in einem kleinen Kämmerchen unserer Hauses ermöglicht, da sie um 23 Uhr nicht über die Straße konnten. Trotz Verkehr und Dasein von Feinden, fand diese unbemerkt nach 18 Uhr statt. Dem Vater gebührt auch hierfür aller Dank und Anbetung. Ja, Er verbirgt uns heimlich in seinem Gezelt vor der Hand der Gottlosen. …

Nun, geliebte Geschwister, haben wir noch das Vorrecht, Euch noch einen Bericht von unseren Brüdern aus Wewelsburg, welche plötzlich nach hier kamen, zu übermitteln. Als wir von ihrem Hiersein hörten, traten wir mit ihnen sofort in Verbindung - und was wir da zur Kenntnis nahmen, ließ unsere Herzen nicht wenig erzittern. Der 'böse Knecht' hat dort furchtbar gewütet. Kraft sogenannter Posten, die diese dort bekleideten, haben sie treue Brüder buchstäblich verraten, misshandelt und geschlagen. … Die Zustände in Wewelsburg unter denen, die sich Zeugen Jehovas nennen, sollen ein einziges Drama sein und einmalig in der Geschichte des Volkes Gottes dastehen. … Wie wir schon berichteten, sind große Spaltungen unter uns. Die Abtrünnigen hängen sich wie Kletten ans Ganze. Aber durch die Zeitverhältnisse gezwungen, werden sie ablassen müssen weiterhin den Namen des Höchsten zu verunehren. Am SamstagAbend wurden 4 Hauptübeltäter vor allen Bewohnern herausgeholt und mussten unter schwerer Misshandlung eines Berufsverbrechers, eine Stunde Strafexerzieren. Das, was sie in Wewelsburg ausgeteilt haben, kommt nun auf ihr Haupt zurück. …

"Ihr Lieben! Nun haben wir noch alle ein Köstliches für Euch und wir wissen, daß Euer Herz bestimmt weint vor Freude denn es ist alles zu wunderbar. - Im Februar bestand die Möglichkeit, auf "theokratischem Wege" an unsere Brüder in Sachsenhausen Grüße zu senden. Im ersten Moment waren wir vor Überwältigung ganz fassungslos. Aber dann setzten wir uns hin und legten in unsere Zeilen all unsere Liebe und Treue zum Vater und unserem König, unser gemeinsames Hoffen und Kämpfen, unser Bitten und Flehen für alle somit unser ganzes Herz hinein. Ungefähr 15 Briefe gingen fort und dann versetzen wir uns im Geiste täglich in den Zustand der Überraschung und Freude der Brüder. Nach zwei Monaten bekamen wir auf demselben Wege Antwort und jetzt lag die Überraschung bei uns, denn damit hatten wir nicht gerechnet. Wie jubelte da unser Herz und heiß steig unser Dank zum Vater empor.

Die Brüder berichteten, daß sie tatsächlich sprachlos gewesen sind, denn mit einer solchen Möglichkeit hatten sie nicht gerechnet. Dann haben sie unsere Zeilen verschlungen und aus allen leuchtete ihnen dasselbe entgegen was auch sie beseelte:
völlige Hingabe an den Vater, absoluter Gehorsam der Mutter gegenüber, die Einheit des Handelns, derselbe Kampfesgeist und das Sehnen, einen Anteil zu haben an der Schlußwarnung. - Die Brüder haben um uns gebangt und wir um sie und nun haben wir die gegenseitige Bestätigung, daß wir alle nur das eine Ziel im Auge
behalten haben, die Rechtfertigung des Namen Jehovas. Auch von ihren schweren Tagen schrieben sie uns, .aber nur, um die Güte und Barmherzigkeit des Vaters zu loben und zu preisen, die er ,in denen erweist, die ihn lieben. Gottes Volk ist auf der ganzen Linie nur als Sieger hervorgegangen, und wird in der Kraft des Herrn auch das Feld behalten. Ja, Jehova hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich! Jauchzen wollen wir ihm und rühmen seinen heiligen Namen in alle Ewigkeit! Auch von den Brüdern aus Buchenwald bekamen wir auf demselben Wege Grüße. Sie schrieben unter anderem, "daß 150 Brüder in gereinigtem Zustande erneut auf die Befehle aus dem Tempel harren, bereit zum Einsatz".Können wir da nicht jubeln? Die Treuen ermüden und ermatten nicht! Aus all dem Druck des Feindes sind sie rein und lauter hervorgegangen, ein kampfgeweihtes Volk dem Jehovas!Nun haben wir Euch noch eine schöne Erfahrung mit Russen und Ukrainern zu berichten. Wie Ihr bereits wißt, werden wir auf der ganzen Insel und auch außerhalb derselben zerstreut. Unter anderem wurden 29 Mitarbeiter eines bestimmten Betriebes für andere Posten eingeteilt. Nur eine blieb da und bekam 29 andere, größtenteils Russen und Ukrainer. Die betreffende Schwester, die nun diesen vorstand, war zu ihnen lieb und gut, so daß sie nach kurzer Zeit ihr anhingen, wie Kinder an die Mutter. Es sind alles junge, unverdorbene Mädchen von 16-22 Jahren, und eines Tages trat eine von ihnen, die sehr gut deutsch spricht an die Schwester heran mit der Bitte, ihr doch zu sagen, welches der richtige Glaube wäre. Sie wären ganz gottlos erzogen, aber es gäbe doch einen Gott. Nun hätten sich alle beredet (es mögen über hundert sein), sie wollten sich an uns wenden, denn wir um unseren Glauben hier wären, müßten wir auch den richtigen Glauben haben. - Die Fragen, die sie stellte, zeugten von tiefem Nachdenken und die Antworten waren ihr so klar, daß sie immer wieder ausrief:Ich bin ja so glücklich, daß ich das nun alles weiß!" Leuchtenden Auges nahm sie die Grundwahrheiten in sich auf. Weiter sagte sie: "Ich muß ja so aufpassen, daß ich alles behalte, denn ich muß doch den Mädel in unserm Hause alles erzählen, die wollen doch alles genau wissen, wir wollen doch glauben!" Es ist wirklich rührend, wenn man den Eifer dieser jungen Menschenkinder sieht, sie saugen einem förmlich die Worte von den Lippen und schauen direkt scheu zu uns auf, daß wir in unserer Treue zu dem wahrem Gott Jehova, hier auf der Insel sind. Dann sagte sie wieder: "Es ist doch gut, daß wir Jungen nicht mehr an die Kirche und den Zaren glauben wie unsere Eltern, sonst könnten wir das Richtige gar nicht so schnell fassen. Nun haben wir nichts Verkehrtes in uns und können gleich an den richtigen Gott glauben". Es ist ihnen so etwas Großes, daß sie zuerst gar nicht gewagt haben, mit Fragen an uns heranzutreten. Aber durch den täglichen Umgang und unsere Handlungsweise haben sie erkannt, daß wir Gottes Vertreter sein müssen, denn andere Menschen wären nicht so gut (wie sie sagen), - - - So hat sich hier eine wirkungsvolle Tür aufgetan und durch diesen Betrieb ist die einzige Möglichkeit gegeben, mit ihnen in Berührung zu kommen, da sie sonst völlig isoliert gehalten werden. - - - Wiederum sehen wir die Hand des Vaters!

Durch die Gnade unseres himmlischen Vaters ist es uns wiederum möglich Euch einen Anteil an unseren überschwenglichen Freuden zu geben um einen weiteren Einblick in unser Inselleben zu tun. Es ist zu wunderbar! Wir können sagen: die Theokratie ist in M a c h t und Herrlichkeit und wer vermag sich ih r entgegenzustellen? Er wird anlaufen und fallen!! Gott ist getreu, wenn wir treu sind. Ja - glücklich das Volk, dessen Gott J e h o v a ist, das Volk, das Er sich auserkoren zum Erbe. Darum lobet J e h o v a Ihr seine Frommen alle! Die Treuen behütet J e h o v a ! …

Im Vertrauen auf die Macht Jehovas veröffentlichen wir nun diese Briefe … Unsere Pflicht ist es, in der Verteilung dieser Briefe mit Umsicht und Weisheit vorzugehen, auf dass Verräter keine Kenntnis davon erhalten. Einem jeden wird nun die Verantwortung vor dem Herrn Jehova auferlegt! ... Auch im Glauben, dass die Feinde in kurzer Zeit den Staub lecken werden und ihre Vernichtung nahe gekommen und wir bald unsere lieben, treuen Mitverbundenen in Freiheit begrüßen dürfen, wird dieses veröffentlicht. Und so bitten wir innigst um seinen Schutz und Segen. Eure Mitverbundenen in der Theokratie!"

Man vergleiche auch: Hans Hesse und Jürgen Harder (Hrsg.) "Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müßte …"S. 453f.

Verschiedentlich taucht es in den Gestapo-Akten auf. Das "Mitteilungsblatt der deutschen Verbreitungsstelle des W. T." Aus der Sicht der Gestapo stellte es eine weit größere "Hetzschrift" dar als wie der WT selbst. Dies machen insbesondere die umfangreichen Zitate vermeintlich inkriminierender Tatbestände, daraus deutlich. Eines wird man zu ihm sagen können. Jenes "Mitteilungsblatt" offenbart in besonderem Maße die politische Opposition in religiöser Verklärung gegen das NS-Regime. Also die vorgebliche "Neutralität" wird durch seinen Inhalt zur offensichtlichen Farce degradiert. Auch ist der rigoristische Ton in seiner Diktion nicht zu übersehen. Nachstehend sei einmal etwas ausführlicher aus der Ausgabe vom März 1943 des "Mitteilungsblattes der deutschen Verbreitungsstelle des W. T." zitiert:

"Neue finstere Pläne der Nazi gegen Jehovas Zeugen??

Ohnmächtig stehen die Nazi den schweren Niederlagen, die sie in Russland erleiden, gegenüber und diese Tatsache versetzt sie in rasende Wut und sie geraten außer Rand und Band. Und nun lassen sie ihre Wut an unschuldigen Menschen aus und sie fahren fort, zu der riesigen Menge schwerer Verbrechen die sie bisher schon verübt haben, weitere Verbrechen hinzuzufügen. Es sind einige Anzeichen dafür vorhanden, dass auch gegen Jehovas Zeugen in Deutschland, soweit diese sich nicht gerade hinter Kerkermauern befinden, wieder eine Aktion in Vorbereitung ist. Manches deutet darauf hin, dass eine Zwangsumsiedlung geplant ist. Wir können uns nicht dafür verbürgen, dass es wirklich so ist, sondern, wie bereits gesagt, lassen gewisse Anzeichen uns dies vermuten. In einigen Randstaaten sind bereits einige treue Zeugen Jehovas zwangsweise in andere Länder umgesiedelt worden, fern ihrer Heimat. Wir bringen dies nun allen treuen Knechten Gottes in diesem Lande zur Kenntnis, damit niemand überrascht sein möge. …

Wenn nun die Nazis wirklich zu dieser Maßnahme greifen sollten, so ist erfahrungsgemäß zu erwarten, dass sich treulose Ehemalige, die Uriasklasse, in Bewegung setzen und mit allerlei listigen Redensarten und süßen Worten, die Treuen zur Bundesbrüchigkeit verführen möchten. … Das Ausgewiesen-Werden oder Bleibendürfen wird nämlich davon abhängig gemacht werden, dass man entweder Jehova treu bleibt und jeden Kompromiss ablehnt, oder dass man eine Widerrufs-Formel unterschreibt, so wie dies in den Konzentrationslagern verlangt wird. Gewöhnlich werden bei der Zwangsumsiedlung auch noch die Familien auseinandergerissen und die Vertriebenen müssen alles zurücklassen bis auf einen kleinen Pack mit dem Allernötigsten, das sie mitnehmen dürfen. Diese Tatsachen würden die treulosen Verführer zum Anlass nehmen, indem sie es den Treuen gegenüber in schwärzesten Farben ausmalen und unter Hinzufügung von aller süßen Bluff werden sie sagen, dass Jehovas solches nicht wolle. Diese Heuchler haben bisher behauptet, sie hätten sich nur jetzt zurückgezogen, wenn aber einmal die große Prüfung, wie sie es nennen, käme, nämlich der Moment, wo jeder angebliche Zeuge Jehovas ein Schreiben vorgelegt bekäme, wo er entweder bekennen oder verleugnen muss, dann, so sagten sie bis jetzt, dann würden sie mutig bekennen. Aber das gerade Gegenteil wird der Fall sein, sie werden feige verleugnen und noch versuchen andere mitzureißen. … Und Jehova könnte sehr wohl darüber wachen, dass durch solche Zwangsmaßnahmen, wie Umsiedlung und dergleichen einige seiner treuen Knechte an Orte gebracht werden, wo sie mehr tun können im Verkündigen des Königreichs weil dort möglicherweise Leute wohnen mögen, die jammern und klagen über die Greuel; die aber bisher nichts über Gottes Vorkehrung gehört haben. Welch ein gesegnetes Vorrecht wäre es doch für einen von uns, als Vertriebener an einen solchen Ort zu kommen. Und wie glücklich wären solche Menschen guten Willens gegen Gott, wenn dieser ihnen auf diesem Wege die ersehnte Hilfe schickte. Denken wir an die Darlegungen des W. T.-Artikels von den Fischern und Jägern. Und seien wir taub und blind gegen alles, ausgenommen den Willen unseres großen Gottes. …

Sollte es Jehova zulassen, dass wir vertrieben werden, so möge uns auch der Gedanke trösten, dass uns Gott auf diese Weise von einem widerspenstigen Volke fortnimmt, welches der Zeugen Jehovas nicht wert ist; hat doch die große Mehrzahl des deutschen Volkes, die Botschaft vom Königreich, die ihm Jehova in seiner Güte mehr als zehn Jahre eindringlich predigen ließ, mit Hohn und Verachtung zurückgewiesen. Und die Diktatur einer Kriegspartei dem Königreiche Gottes vorgezogen! Und anstatt Jehova Dank und Anbetung zu geben, beten sie einen eitlen Kadaver an. …

Fragenbeantwortung.

Frage: Durch den Krieg gibt es jetzt so viele Leute, die den Tod eines Familienmitgliedes zu beklagen haben. Ist es denn nun heute noch angebracht, über die Auferstehung zu sprechen …

Antwort: Natürlich kann man heute noch über die Auferstehung sprechen, wenn sich dazu Gelegenheit bietet, jedoch muss dies der Wahrheit gemäß geschehen … Jemand, der ein Zeuge Jehovas sein will, muss sich im Klaren darüber befinden, welcher Zweck eigentlich mit dem Geben des Zeugnisses verfolgt wird. Es ist nicht unsere Aufgabe, als eine Art Hofnarren, kurzum einem jeden Trauernden, Balsam in seine Wunden zu träufeln bis er sich wieder beruhigt hat. Außer der Rechtfertigung des Namens Jehovas, bezweckt die Verkündigung des Evangeliums zu einem Zeugnis, dass die Menschen, die es hören, in eine verantwortliche Lage gebracht werden und somit wählen können zwischen ewigem Leben oder Vernichtung. Damit aber die Menschen ohne Entschuldigung sind, muss die Posaune rein erklingen. … Diese wichtige Wahrheit, dass wenn man Jehovas Billigung empfangen und leben möchte, man sich jetzt entscheiden muss, darf nie vergessen werden, sondern muss klar und unmissverständlich kundgetan werden. Es lagern ja auch noch an manchen Orten kleine Vorräte an Literatur, die bei solchen Gelegenheiten den Leuten übergeben werden kann.

Frage: Es wird wiederum von einigen Leuten, die vorgeben Jehova zu dienen, behauptet, heutzutage sei jede Arbeit Kriegsarbeit, und es werden scheinbare Beweise beigebracht, die diese Ansicht stützen sollen. Stimmt diese Behauptung?

Antwort: Diese Behauptung ist irreführend und wird von einigen Personen verbreitet mit der Absicht, ihre eigene Treulosigkeit zu beschönigen und andere zu verwirren. Solche arbeiten meistens schon lange in der Kriegsindustrie und suchen jetzt andere mit ihrem Ausspruch 'Jede Arbeit ist Kriegsarbeit' auf den Gedanken zu bringen, dass es dann gleich wäre, wo man arbeitet. Früher behaupteten solche Personen, dass nur der Soldat Kriegsarbeit leiste. Da sie aber mit dieser Ansicht nicht mehr durchdringen konnten, fallen sie ins entgegengesetzte Extrem und sagen einfach: 'Alles ist Kriegsarbeit.' Die scheinbaren Beweise sind an den Haaren herbeigezogen und erweisen sich bei näherer Betrachtung als Null und nichtig. Wenn sich jemand durch die scheinbare Beweisführung jener Heuchler übertölpeln lässt, dann wird er unachtsam und sein Unterscheidungsvermögen wird getrübt. Es ist aber nötig, klar zu sehen um sich nicht zu verunreinigen. Gewiss, heute ist sehr vieles Kriegsarbeit und dies wird nach Durchführung der verschärften Maßnahmen zum totalen Kriegseinsatz noch mehr der Fall werden als bisher. Und doch ist keineswegs alles Kriegsarbeit. Jene Heuchler wollen ihre Behauptung damit stützen, dass sie sagen, dass von beinahe allen Dingen die hergestellt werden, ein Teil für die Wehrmacht beschlagnahmt werde. Mag sein, dass dies so ist, und dennoch ist die Herstellung gewisser Dinge in keiner Weise eine Kriegsarbeit. Es gilt zu unterscheiden, ob ein Ding direkt zur Kriegsführung oder zur Kriegsverlängerung beiträgt oder nicht. Nur einige Beispiele: Ein Teil der neuerzeugten Rasierklingen wird für das Militär beschlagnahmt. Dienen Rasierklingen der Kriegführung? Keineswegs, sondern nur der persönlichen Körperpflege des Einzelnen. Der Krieg würde genau so weitergeführt werden, auch wenn sich die Soldaten nicht mehr rasieren könnten, dann müssten sie sich Bärte stehen lassen wie früher und wie dies auch jetzt wieder bei U-Boots-Besatzungen üblich ist. Somit ist also der törichte Einwand, ein Arbeiter, der Rasierklingen herstellt, leiste Kriegsarbeit, schon deutlich widerlegt. Und diese Regel gilt sinngemäß noch für eine ganze Menge anderer Arbeiten. …

Zwei Fragen zur selben Sache.

Frage I: Stimmt es, dass Hitler und seine Nazi binnen sehr kurzer Zeit fallen, weil sie nicht in der Lage waren, den im Auftrag der Hierarchie, gegen Russland begonnenen Krieg, 1941 oder 1942, siegreich zu beenden, und sich deshalb die röm. kath. Hierarchie von ihnen abwendet und sie fallen lässt, während sie sich ganz zur Südkönigsgruppe hinwendet? Ist es ferner wahr, dass die Nazi und ihre Anführer als besondere Strafe noch vor Harmagedon vernichtet werden müssen? Frage II: Stimmt es, das binnen sehr kurzer Zeit die Nazi über die röm.-kath. Hierarchie herfallen und sie vernichten werden, weil sie deren Doppelspiel und Liebäugelei mit dem Südkönig sehen, und ist es wahr, dass es der Nazismus ist, der das in Offenbarung 17 beschriebene Werk: 'Sie werden die Hure hassen' usw. ausführen werden und dass diese Arbeit noch vor Harmagedon getan werden wird? Einige behaupten dies fest und führen zur Stütze Schriftstellen an und weisen auf angebliche Tatsachen hin?

Antwort: Es ist wohlbekannt, dass zur Zeit unter den Lesern des W. T. in diesem Lande diese Ansicht besteht und von einigen auch weiterverbreitet wird, und dies in einer so bestimmten Form, dass es einer Prophezeiung gleichkommt, die von der Bibel weder bejaht noch verneint wird und deshalb warnen wir davor. Dies gilt auch für die zweite Frage.

Wir wollen auch jetzt wieder auf das hinweisen, was wir schon öfters an dieser Stelle über private Auslegung sagten, so auch im Mitteilungsblatt vom Dezember 1942 unter der Überschrift 'Von der Verantwortung'. Wir zitieren hier nochmals den letzten Satz:

'Wir möchten aber niemand zur Haarspalterei veranlassen, also wir meinen nicht, wenn jemand in belanglosen Dingen seine eigene Meinung hat, sondern wenn jemand mit seinen Theorien dem W. T. entgegenarbeitet. Die beiden erwähnten Fragen aber sind keine belanglosen Dinge, sondern gehören in das Gebiet privater Auslegung oder Prophezeiung. Auch empfehlen wir allen Fragestellern in dieser Sache die W. T. 'Daniel', 'Micha' und 'Zeichen und Zeitpunkte' sowie die Broschüre 'Die fünfte Kolonne' und 'Verschwörung gegen die Demokratie', nochmals zu lesen, und zwar gründlich und mit anderen zusammen, dann werden sie ein besseres Verständnis bekommen. Darüber, was mit den Nazis und der römisch-katholischen Hierarchie binnen sehr kurzer Zeit geschehen wird, können wir nichts sagen, denn wir sind keine Propheten; und die Verbreiter der vorgenannten Ideen sind ebensowenig Propheten wie wir. Jedoch lassen wir uns von der Prophetie der Bibel leiten, so wie Jehova sie uns sehen lässt, und wir suchen den offenkundigen Tatsachen keine Gewalt anzutun um private Ideen zu stützen, sondern wir nehmen die Tatsachen, wie sie wirklich sind, und dies bewahrt uns vor Trugschlüssen.

Seit Jahrzehnten machen wir die Erfahrung, dass eine private Prophezeiung die andere jagt, die Kette ist nie abgerissen, aber nicht eine einzige davon ist bis jetzt eingetroffen, sondern alle sind fehlgeschlagen, wie es ja auch gar nicht anders sein konnte. Und keine der privaten Auslegungen hat jemandem etwas genützt, sondern höchstens bereiten sie jenen Menschen Enttäuschung die so töricht waren, Hoffnung darauf zu setzen. Bei allen derartigen Behauptungen ist immer der Wunsch der Vater des Gedankens; auch der Wunsch, unsere gefangenen Brüder und Schwestern frei zu sehen. …

Im Jahre 1936 vernahmen die Zeugen Jehovas, dessen Befehl, wider Edom aufzustehen zum Kriege (Obadja 1). Edom bedeutet die Religion angeführt von der röm.-kath. Hierarchie. Sofort machten sich Gottes Zeugen daran, diesen Befehl auszuführen durch schonungslose Bloßstellung der Religion. Die Enthüllung, dass die Nazi und die Hierarchie zusammenarbeiten ist ein wesentlicher Teil der Bloßstellung. Dieses Werk wurde und wird noch hauptsächlich in den Gebieten des Südkönigs getan und begann zu der Zeit, wo die Hierarchie glaubte, die Vereinigten Staaten von Amerika einsacken zu können. Die Bloßstellung geschah in Form von Broschüren, Büchern, Sprechplatten, Radioansprachen usw. die weiteste Verbreitung fanden. Die Hierarchie beeilte sich durch scheinbar nazifeindliche Propaganda den Eindruck der Bloßstellung zu verwischen, jedoch die Bloßstellung geschah in immer schärferer Form. Die Broschüren 'Faschismus oder Freiheit', 'Schau den Tatsachen ins Auge', 'Fünfte Kolonne'. 'Verschwörung gegen die Demokratie', das Buch 'Religion', 'Feinde' und anderes mehr fanden eine vielmillionenfache Verbreitung. …

Hier in dem Nordkönigsgebiet, wo die Hierarchie die Macht hätte, den Nazismus zu dämpfen, tut sie nichts derartiges. Im Gegenteil, sie unterstützt tatkräftig die politischen und kriegerischen Ziele der Nazi in jeder Weise. … Die kath. faschistische Presse Italiens treibt eine schwere Hetzpropaganda gegen England und Amerika und stützt ganz und gar den Nazismus bis zur gegenwärtigen Stunde. Der größte Teil der faschistischen Zeitungen ist mit politischer Propaganda angefüllt und diese gleicht der Nazipropaganda wie ein Ei dem anderen. … Es scheint, dass es im Sommer 1941 in Italien für die Faschisten und ihren Häuptling etwas kritisch war, aber sofort marschierte die deutsche SS dort ein, besetzte Sizilien und andere Teile Italiens zum Schutze des Papstes und seines Hampelmannes Mussolini. Und so ist die Lage.

Auch die anderen unter päpstlichem Befehl stehenden Länder unterstützen bis zur Stunde die Nazi und ihre Kriegspolitik tatkräftig. Der Papstknecht Franko schickt Freiwillige an die Front und Arbeiter ins Reich, damit deutsche Arbeiter frei werden um an die Front abzugehen. Das gleiche ist in Frankreich der Fall. Der treue Diener des Papstes Petain, der Verräter von 1940 der Frankreich den Nazi auslieferte und dafür vom Papst 'der gute Marschall Petain' genannt wurde, schickte schon hunderttausende von französischen Arbeitern ins Reich um hier in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. …

Im Jahre 1938 wurde schon einmal unter ähnlicher Beweisführung behauptet die Nazi ständen kurz vor ihrem Ende, dann wurde die Sache auf das Spätjahr 1940 vertagt, dann auf Herbst 1942 und zuletzt auf das Frühjahr 1943, das nun bereits da ist, und den 'Propheten' doch endgültig zeigen sollte, wie haltlos private Prophezeiungen sind. Ob sie sich aber durch diese Tatsachen belehren lassen werden? Wir haben wenig Hoffnung. --

Was nun den zweiten Teil der ersten Frage anbelangt haben wir zu sagen, es findet keine Stütze in der Bibel, dass die Nazi als besondere Strafe vor Harmagedon fallen müssten; warum denn ausgerechnet die Nazi und ihr Häuptling und warum nicht der ebenso blutrünstige Bolschewismus und seine Häupter, der schon seit 26 Jahren sein Schreckensregiment ausübt, oder der seit 21 Jahren wütende Faschismus mit seinem Duce? Oder der Bluthund Franco und seine Partei, die Millionen ihrer Landsleute im Auftrage der katholischen Hierarchie abschlachteten? Oder das japanische Regime, das seit vielen Jahren einen blutigen Ausrottungskrieg gegen das chinesische Volk führt? Auch in all diesen Ländern wurde die Verkündigung des Königreiches Gottes unterdrückt genau wie in Nazideutschland. -- Warum also handeln wie der Vogel Strauß, warum sich in etwas hineinreden um eine private Ansicht zu stützen und dabei gewisse Dinge aufbauschen und an den Haaren herbeiziehen, wirkliche Tatsachen aber zu übersehen? Ein solches Tun macht blind gegen die wahre Prophetie und auch gegen die bestehende Gefahr sowie gegen die vorhandenen Dienstgelegenheiten. 'Denn' -- so sagen solche, 'Warum jetzt etwas tun im Verkündigungswerk? in einigen Wochen ist der ganze Naziterror verschwunden und wir sind frei' …

Das Theater im Sportpalast ist nichts anderes weiter als eine Neuinszenierung der alten Komödie. Die Kommunistengefahr wurde in grellen Farben an die Wand gemalt, um die geplanten, einschneidenden Maßnahmen zu rechtfertigen, und an das sogenannte europäische Gewissen zu appellieren d. h. die noch abseits stehenden europäischen Mächte sollen aufgerüttelt werden, um sich den Nazi anzuschließen in ihren Kampf für die kath. Hierarchie.

Die Idee, dass der Kommunismus die Hure vernichten werde, lässt die Prophetie der Bibel außer acht, denn auch der Kommunismus ist nicht 'die zehn Könige', obschon, dann, wenn es soweit ist auch die vom Kommunismus beherrschten Länder mit dabei sein werden. In ihrem Größenwahn sind die Nazi in ein großes 'Massurion' geraten, weit größer als das, welches Hindenburg seinerzeit den Russen bereitet hatte. Als 1941 die Hierarchie den Befehl gab, über Russland herzufallen, müssen wohl einige hohe militärische Sachverständige vor diesem Abenteuer gewarnt haben, aber sie wurden an die Wand gedrückt und die SS sorgte dafür, dass die Befehle des Vatikans prompt ausgeführt und jeder Widerstand im Keime unterdrückt wurde. Diese Sturheit führte nun zu den Katastrophen von 1942 und 1943. Deshalb darf man sich aber keine falsche Vorstellung machen über die Stärke des Kommunismus. Es ist immerhin zu bedenken, dass die Naziheere noch tief in Russland stehen und dass die Bolschewisten ihre Erfolge in ihrem eigenen Land, in dem ihnen vertrauten Gelände und unter gewohnten klimatischen Verhältnissen errungen haben mit Unterstützung der engl. amerikanischen Waffenlieferungen. Wenn diese Waffenlieferungen geringer wurden, oder gar ausblieben, wird auch Russland sehr geschwächt. Man kann sich aber nicht gut vorstellen, dass England und Amerika ein Interesse an einem starken Russland haben; ihnen mag Russland als Bundesgenosse recht sein, soweit es sich darum handelt, die Nazis niederzuhalten. Amerika liefert aber die Waffen nicht bedingungslos an Russland. Bis zum Herbst 1941 waren die Lieferungen so ziemlich spärlich und es stand recht kritisch um die Sowjets. Erst als sie auf die von Amerika gestellten Bedingungen eingingen, kamen die Waffensendungen im gewünschten Ausmaße und das bekamen die Nazi auch sofort zu spüren. Eine der Bedingungen der USA war: 'Freiheit für die Religion in Russland'. Dieser ganze Krieg hat ja eigens den Zweck der großen Hure zur Vorherrschaft in allen Ländern, also auch in Russland zu verhelfen, und dieses Ziel wird der Prophetie der Bibel gemäß vor Harmagedon auch erreicht werden. …

Es erweist sich erneut als notwendig, auf das Treiben der Judas-Klasse hinzuweisen und dringend davor zu warnen. Diese Leute entfalten gerade in der allerletzten Zeit, eine sehr rege Tätigkeit. Nachdem mit Hilfe dieser Verräter an einigen Orten Verhaftungen treuer Zeugen Jehovas stattfanden, hat es den Anschein, dass der 'böse Knecht' in Deutschland von der Gestapo den Auftrag hat, Grossarbeit zu liefern und die Organisation des Herrn in diesem Lande auszuspionieren und auszuliefern. Dabei gehen die Leute von der 'bösen Knechtsklasse' raffiniert und schlangenartig zuwege. Manche ehrliche Leute haben Schwierigkeiten, den bösen Knecht zu erkennen. … Wollen wir daran denken, dass ein jeder, der einmal in einem Bunde zu Jehova stand und dann lass und lau wird und mit der Welt auf irgendwelche Vergleiche eingeht und in diesem Zustand verharrt, sich zwangsläufig in die Klasse des 'bösen Knechts' einreiht. Zur Zeit suchen diese Leute mit zuckersüßen Worten und mit heuchlerischer Miene das Vertrauen des Volkes Gottes zu erschleichen; die übliche Anbiederung beginnt meist mit der abgedroschenen Redensart: 'Jetzt sieht man aber, wie sich alles erfüllt, und jetzt müssen wir alle zusammenstehen, und ich bin immer noch der Alte, wenngleich sich einige von mir angewendet haben.' Das sind aber alles nur Täuschungsmanöver, und die faden Reden beweisen sogar, dass der also Sprechende kein Licht hat, denn das was man jetzt sieht, ist nicht, wie jene es darstellen, die Drangsal, wie noch keine war, sondern lediglich die Leiden, die Satan über das Volk bringt in seiner Wut, weil seine Zeit kurz ist. -

Neuerdings hat die Judasklasse auch einen neuen Trick angewandt um andere zu täuschen und zu verwirren; sie bieten Geld an, für das Werk Jehovas, wie sie sagen, und um Bedürftige Geschwister zu unterstützen. Auf diesen Bluff sind einige Treue hereingefallen und haben sich bezgl. der wahren Stellung Treuloser blenden lassen. - … Der Herr Jehova hat bis zur Stunde dafür gesorgt, dass die nötigen Mittel immer vorhanden waren, und zwar aufgebracht von treuen Zeugen. Im Übrigen ist Geld in Deutschland schon beinahe das Wertloseste, das jeder von sich wirft. - …

In letzter Zeit durften Jehovas Zeugen, die in Konz. Lagern sind, Lebensmittelpakete empfangen. Wir freuten uns sehr, dass unsere treuen Brüder auf diese Weise mal zu so sehr notwendiger zusätzlicher Nahrung kamen. Wir konnten aber von Anfang an nicht glauben, dass die ganze Sache nur 100%tige Menschenfreundlichkeit sein sollte, und wir glaubten immer, dass die Gestapo noch Hintergedanken dabei hat. Unsere Vermutung hat sich bestätigt, indem in Verbindung damit Verhaftungen vorgekommen sind. Die Gestapo lässt die Postsendungen an Zeugen Jehovas die in Freiheit sind, überwachen. Kommen an eine Adresse in kurzer Zeit mehrere Pakete von auswärts, so sucht die Gestapo hierin eine verbotene Organisation. Sie behaupten dann, dass der Empfänger der Pakete, die Versorgung der Lagerinsassen mit Lebensmitteln organisiert habe und schreitet zu Verhaftungen mit nachfolgenden Überrumpelungsversuchen."

Denkschrift

Vom Stab Heinrich Himmlers, wurde am 14. 8. 1944 eine weitere Denkschrift über die Bibelforscher (Zeugen Jehovas) erarbeitet. Bedingt durch die kriegspolitische Lage, befand sich der Stab Himmlers zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Berlin. Die Denkschrift vom 14. 8. 1944, sei hier mal nachstehend in den wesentlichen Passagen dokumentiert:

„Schlesiersee, den 14. 8. 1944.

In der Anlage wird der vom Amtschef VII befohlene Bericht über die Vereinigung Ernster Bibelforscher vorgelegt.

Rutherford selbst wurde 1918 mit 27 Brüdern wegen Spionage zu 20 Jahren Gefängnis in Amerika verurteilt, aber 1919 begnadigt.

Nach 1933 kamen die Bibelforscher in einem scharfen Gegensatz zum nationalsozialistischen Staat. Am 13. Sept. 1934 wurde der Watch Tower Bible and Tract Society der Druck und die Verbreitung von Bibeln und anderen unbedenklichen Schriften zugestanden. Da sich aber die Bibelforscher weigerten, auf Grund der pazifistischen Einstellung den Wehrdienst auszuüben, erfolgten in den Jahren 1936/37 große Aktionen des SD und der Geheimen Staatspolizei, die … belastendes Material zutage förderten. Trotzdem musste immer wieder festgestellt werden, dass die Bibelforscher illegal weiter zusammenarbeiteten.

Die Gesamtzahlen waren:

1913 46 000

1924 65 123

1925 90 434

1926 89 278

Die Verteilung auf die Länder ergab 1926 folgendes Bild:

Vereinigte Staaten 31 238

Deutschland 22 535

England 9 640

Kanada 4 735

Rumänien 3 842

Schweiz 1 694

Australien 1 335

Finnland 1 290

Schweden 1 234

Polen und Galizien 1 049

Unter den deutschen Bezirken ist besonders der Bezirk Dresden zahlenmäßig sehr stark hervorgetreten. Die Entwicklung.

1916 111

1919 230

1924 1 104

1925 1 309

1926 1 430

Besonders wichtig für das nationalsozialistische Reich ist die anarchistische Einstellung der Bibelforscher, die aus der orthodoxen Bibelauslegung herzuleiten ist. Diese Einstellung zur Wehrpflicht, ebenso zur Ableistung des Beamteneides wird von allen Angehörigen der IBV stur festgehalten.

Durch die orthodoxe Auslegung der Bibel, die zu dem auch chronologisch auf die gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse bezogen wird, kommen die Bibelforscher zu einer Verneinung der nationalsozialistischen Grundlehren. Sie verneinen aber auch die Grundlehren jeglicher staatlicher Gemeinschaft. Deshalb nähern sich die Theorien der Bibelforscher oft den kommunistischen Anschauungen.

Aus den angeführten Stellen, die um viele vermehrt werden könnten, geht eindeutig die Reichs- und Staatsfeindschaft der Bibelforscher hervor. Besonders wichtig ist die sture Ablehnung des Wehrdienstes und des Eides, die bekanntlich den Reichsführer SS auf dieses Problem besonders hat aufmerksam werden lassen.

Bei VII B 3 befinden sich über die Bibelforscher zwei größere Aktenordner, die meist nur einzelne Aktenvorgänge in Bezug auf Vernehmungen und Pressenotizen enthalten. Außerdem existiert eine besondere Bibelforscherkartei. Einige Materialien sind seinerzeit … abgegeben worden. Größere Berichte sind nicht vorhanden.

VII B 3 V. Lorin. SS-Sturmbannführer."

Himmlerbrief

Jahrelang galt er in der frühen Bundesrepublik als "Historikerpapst". Die Rede ist von Gerhard Ritter (1888-1967), der schon in der Weimarer Republikzeit eine Professur innehatte, diese auch im Naziregime (fast) ungebrochen fortsetzen konnte. Das "fast" bezieht sich auf die Jahre 1944/45, wo er im Zusammenhang mit den Anstrengungen der Nazibehörden, die Hintergründe des 20. Juli 1944 detailliert auszuleuchten, auch in deren Fadenkreuz geriet. Immerhin hatte Ritter diese Phase seiner Biographie lebend überstanden und konnte nach 1945 ungebrochen, seine universitäre Laufbahn fortsetzen.

Er ist schon vielfach zitiert worden der Himmlerbrief, (etwa von Friedrich Zipfel und andere, einschließlich der WTG), wo er sich darüber verbreitete, die Bibelforscher/Zeugen Jehovas als "zukünftiges" Pazifierungswerkzeug auf die Bewohner der Sowjetunion anzusetzen. Himmlers "Wehrbauerhöfe" bestückt mit Zeugen Jehovas wurden so keine Realität mehr. Aber die "Pazifizierung der Russen" im Himmler'schen Sinne, hat es als Treppenwitz der Geschichte doch noch gegeben. Der Verkäufer der Sowjetunion, Gorbatschow, sorgte dafür, dass dies, wenn auch spät noch möglich wurde.

Zipfels Buch, mit dem Himmlerbrief im Dokumenteil, erschien 1965. Andere die das auch zitiert haben dann noch später. Vielfach übersehen indes ist der Tatbestand, dass Ritter bereits im Jahre 1954 dieses Dokument erstmals publizierte. In Heft 3/1954 der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht". Seinen Ausführungen gab er die Überschrift "Wunschträume Heinrich Himmlers am 21. Juli 1944". Er teilt mit, dass er bei der Sichtung des Nachlasses von Himmler, der im unter amerikanischer Verwaltung stehenden "Document Center" in Westberlin aufbewahrt wurde, und für die deutschen Forschern in nicht seltenen Fällen der Zugang verweigert wurde; daher Ritter eher ein Ausnahmefall ist. Das er dort auf jenes Dokument stieß. Bei seiner ausführlicheren Publizierung fügte Ritter auch noch ein paar ergänzende Anmerkungen mit hinzu, die so von Zipfel (der nur gekürzt zitiert hat) und Nachfolger nicht mit übernommen wurden. Auch unter diesem Gesichtspunkt verdient die Ritter'sche Edition noch heute ihre Beachtung. Nachstehend einige wesentliche Ausführungen daraus:

Auf der Suche nach Materialien zur Geschichte des 20. Juli 1944 stieß ich, halb zufällig, unter diesen Papieren auf einen Brief Heinrich Himmlers an Dr. Kaltenbrunner, dem Gestapo-Chef und Organisator der Gestapo-Kommission zur Untersuchung des Aufstandsversuches, datiert 21. Juli 1944, also einen Tag nach dem Attentat.

Am 28. 7. erhielten verschiedene Dienststellen einen Durchschlag des hiernach mundierten, aber weiterhin auf 21. 7. datierten Schreibens nebst kurzen Begleitschreiben des Adjutanten "mit der Bitte um Kenntnisnahme".

Das Übersendungsschreiben an Kaltenbrunner enthält den Vermerk: "Eine Abschrift in großer Maschienenschrift ohne den Punkt 6 wurde für den Führer angefertigt."

Der Reichsführer SS

Feldkommandostelle, 21. 7. 44

Lieber Kaltenbrunner

Mehrere Vorgänge und Probleme haben mich in der letzten Zeit zu folgenden Erwägungen und zu den unten beschriebenen Absichten geführt:

Die Probleme sind das der Bibelforscher, die Kosakenfrage und in Berührung damit die Wlassow-Frage, sowie der Gesamtkomplex, wie wollen wir Rußland wenn wir - was im Laufe der nächsten Jahre bestimmt erfolgen wird - große Flächen und Teile von ihm wieder erobern, dann beherrschen und befrieden?

1. Ich bin der Überzeugung, daß Stalin und auch sein Nachfolger, falls er bolschewistisch ist, vom Kolchos-System nicht abgehen kann … Wenn nun Stalin und der Bolschewismus vom Kolchossystem nicht abgehen können, wird jeder selbstständiger Bauer ein naturgegebener Feind von ihm sein …

2. Wir müssen vor dem deutschen Ostwall, den wir einmal errichten werden, entsprechend den großen Vorbildern der K.- und K.-Militärgrenze und dem russischen Vorbild der Kosakenbauern und Soldatenbewegung eine Ostwehrgrenze (mit?) einem Neukosakentum schaffen. Grund und Boden und volle selbständige Existenz und Freiheit wird es für die ukrainische und russische Bevölkerung nach unserem Statut nur an der Kosakengrenze geben.

Hier wird es volle Bauernhöfe geben mit der Bedingung, vom 16. bis zum 60. Lebensjahr Grenzsoldatendienst gegen den Osten zu leisten …

3. … Wir müssen aber noch mehr tun, um das Volk im Hinterland in eine friedliche und uns gegenüber waffenlose Form zu bringen. Jeder Gedanke, eine nationalsozialistische Form einzuführen, ist Wahnsinn. Eine Religion oder Weltanschauung müssen die Menschen haben. Die orthodoxe Kirche zu unterstützen und wieder aufleben zu lassen, wäre falsch, da sie immer wieder die Organisation der nationalen Sammlung sein wird. Die katholische Kirche hereinzulassen, wäre mindestens ebenso falsch; darüber zu sprechen erübrigt sich.

4. Es muß von uns jede Religionsform und Sekte unterstützt werden, die pazifizierend wirkt. Dabei kommt in Frage bei allen Turk-Völkern die Einführung der buddhistische Glaubenslehre, bei allen anderen Völkern die Lehre der Bibelforscher.

5. Die Bibelforscher haben, wie ihnen wohl bekannt sein wird, folgende für uns unerhörte positive Eigenschaften: Mit Ausnahme des Kriegsdienstes und der Arbeit für den Krieg, des Einsatzes für irgendeine - wie sie es bezeichnen - "abbauende" Betätigung, sind sie schärfstens gegen die Juden und gegen die katholische Kirche und den Papst. Sie sind unerhört nüchtern, trinken und rauchen nicht, sind von unerhörtem Fleiß und großer Ehrlichkeit; halten das gegebene Wort, sind ausgezeichnete Viehzüchter und Landarbeiter, sind nicht auf Reichtum und Wohlhabenheit aus, weil ihnen das für das ewige Leben schadet. Insgesamt alles ideale Eigenschaften, wie überhaupt festzustellen ist, daß der Kern der überzeugten, idealistischen Bibelforscher ähnlich wie die Mennoniten beneidenswert gute Eigenschaften hat.

6. Aus diesem Grunde wünsche ich, daß die Bibelforscher in unseren Lagern durch Prüfungskommissionen aus von uns (als) bekannten Bibelforschern überprüft werden, damit alle diejenigen, die sich erst im Lager oder kurz vor ihrer Verhaftung aus Zweckmäßigkeitsgründen als Bibelforscher bekannt haben, ausgeschieden werden.

Dadurch werden alle Fälle von kommunistischer Ausnützung der Bibelforschereigenschaften oder von faulen sogenannten Bibelforschern, die ich da oder dort auf Bauernhöfen erlebt habe, z. B. in Fridolfing-Obb., nicht mehr vorkommen. Es ist damit auch die Möglichkeit gegeben, die echten Bibelforscher in den KL in allen Vertrauensstellungen, die einer geldlichen oder sonst materiellen Belastung ausgesetzt sind, zu verwenden und besonders gut zu behandeln. Damit wieder schaffen wir uns die Ausgangsbasis zum Einsatz dieser Bibelforscher in Rußland in kommenden Zeiten und haben damit die Emissäre mit denen wir das russische Volk durch die Verbreitung der Bibelforscherlehre pazifizieren können.

Heil Hitler. Ihr H. Himmler

Dazu merkt Ritter dann noch an:

Ein Kommentar ist kaum nötig. Die "Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher" eine radikal-pazifistische Sekte mit sozialistisch-kommunistischem Einschlag ist amerikanischen Ursprungs. Sie lebt ganz von der Erwartung des nahen Weltendes, besitzt eine sehr primitive judaisierende Theologie und läßt die ethisch-charitativen Züge des Christentums stark zurücktreten. Patriotismus gilt hier als "Teufelswerk".

Ihre deutschen Anhänger wurden seit 1933 wohl alle eingesperrt, in Konzentrationslagern und Gefängnissen. Ich bin dort 1944 "Bibelforschern" begegnet, die schon seit 11 Jahren in Haft saßen, ohne daß sich ihr religiöser Fanatismus und Missionseifer in geringstem vermindert hätte.

Man traut zunächst seinen Augen nicht, wenn man hier liest, daß diese Leute nach allen ihren Erlebnissen als Missionare im Dienst des "Dritten Reiches" eingesetzt werden sollen … Schon während des Krieges (etwa 1943) erfuhr ich durch einen befreundeten Kollegen, der im Feldquartier der Armee als Generalstabsoffizier tätig war, von gesprächsweisen Äußerungen Himmlers, in denen ebenfalls die Rede davon war, dem russischen Sklavenvolk der Zukunft müsse eine pazifistische Religion beigebracht werden, die es lehre, jede Berührung einer Waffe als Verunreingung zu betrachten und mit Vorliebe Hirse (statt Weizen) zu essen. Die Nachricht war sehr gut bezeugt, aber man hörte sie nicht ohne Mißtrauen an: es klang wie bloßes Stabsgerede. Heute erscheint sie als völlig zuverlässig.

Himmler stammte, wie man weiß, aus einer gut katholischen Familie Münchens und hat in seiner Jugend lange Zeit als Ministrant bei der Messe gedient. Je strenger diese Bindung gewesen war, um so wilder war später der Haß des Renegaten gegen das Christentum. Der Weg seiner geistigen Entwicklung führte über den Rassenmythos der Ludendorff und Rosenberg zu einer Haltung, die ihn zuletzt - ähnlich wie einst Jan Bockelsohn (in Münster) - als Ministranten des Satans erscheinen läßt.

Erich Frost macht Meldung

Wenn man der Frage nachgeht, warum gerade Erich Frost es gewesen ist, der nach 1945 auf den höchsten Repräsentationsposten der Zeugen Jehovas in Deutschland geklettert ist, dann wird man sicher auch jenes zeitgenössische Dokument mit in Betracht ziehen müssen, dass der "Wachtturm" im Jahre 1937 (S. 139) veröffentlichte. In der für einen Zeugen Jehovas-Funktionär geforderten devoten Grundeinstellung, machte er da seinem Chef, Rutherford Meldung, über den Vollzug der Verbreitung der Luzerner Resolution am 12. 12. 1936 in Deutschland. Der Text beginnt schon mit der obligat devoten Anrede:

"Lieber Bruder Rutherford!

Es ist mein Vorrecht, Dir im Namen aller Geschwister in Deutschland den Bericht über die Tätigkeit während der letzten Wochen zu übersenden und gleichzeitig einen Ausdruck der großen Freude zu übermitteln, die uns alle bewegt."

Frost kommt dann als nächstes auf die Verbreitungsaktion der Luzerner Resolution zu sprechen:

"Wir hatten alle Sorgfalt angewandt, die Vorbereitungsarbeiten streng geheim zu halten. Die Resolutionen wurden bereitgemacht. Durch ihre Spitzel in H. hatte auch die deutsche Geheime Staatspolizei von der bevorstehenden Verteilung erfahren, doch über den von uns festgesetzten Zeitpunkt blieb sie völlig im dunkeln. Selbst die Geschwister wurden erst an dem der Verteilung vorangehenden Tage in Kenntnis gesetzt. Jeder erhielt sein Päckchen mit den einzeln in Briefumschläge gesteckten Resolutionen, sowie sein Arbeitsgebiet zugestellt, und am Sonnabend, den 12. Dezember, nachmittags Punkt 17 Uhr begann schlagartig die Arbeit, die bis 19 Uhr wieder beendet war. In sämtlichen Gegenden Deutschlands, in allen größeren und vielen kleinen Städten setzten zum selben Zeitpunkt 3 540 mutige Zeugen zum Sturmangriff ein. Es wurde ein großer Sieg, ein empfindlicher Schlag wider den Feind und eine unbeschreibliche Freude für die treuen Mitarbeiter.

Eineinviertel Stunde nach Beginn, also 18.15 Uhr, verkündete der Polizei-Rundfunk die Verteilung unserer Flugschriften, und binnen einer weiteren halben Stunde wurde die gesamte Polizei, SA und SS auf die Beine gebracht. Doch da war es schon zu spät. Unsere Arbeit war getan.

Die Wut des Feindes, überrumpelt worden zu sein, kennt keine Grenzen. Aber auch große Angst und Verwirrung hat ihn erfasst, und dies aus folgendem Grunde.

Er weiß nicht, wie viele solcher Flugblätter wir unter das Volk gebracht haben, sieht jedoch, dass dieselben in allen Gegenden des Reiches zu finden sind. Bei den Nachfragen, die die Polizei hielt, behaupten die meisten Leute, nichts erhalten zu haben. Nun glaubt man ihnen nicht, weil man ja längst weiß, dass weitaus die meisten Menschen in Deutschland Gegner des Hitlerregimes sind und sich freuen, wenn die Menschen die Wahrheit erfahren.

An einigen Orten holte die Polizei gerade diejenigen Geschwister ab, die sich nicht an der Arbeit beteiligt hatten, während die Mutigen verschont blieben.

Unter ihnen herrscht nun eine große Freude, wie sie eigentlich seit dem Verbot in Deutschland nie gewesen ist. Sie alle warten und fragen beständig nachdem nächsten Sturmangriff, und eine Anzahl derer, die sich diesmal aus Angst enthalten hatten, wünschen das nächste Mal mitzuarbeiten. …

Natürlich werden außer diesen Flugschriften nach wie vor Bücher und Broschüren verbreitet, die Jonadabe aufgesucht und in einzelnen Orten auch noch etwas Schallplattendienst durchgeführt.

Während des letzten Vierteljahres 1936 (1. Oktober bis 31. Dezember) ist der Tätigkeitsbericht folgender. Ungefähr 3 600 Arbeiter, 21 591 Stunden, 300 Bibeln, 9624 Bücher, 19 304 Broschüren.

In Haft befinden sich gegen 4 000 Geschwister. Gegenwärtig finden überall große Prozesse statt, die - da die Zeitungen jetzt mehr darüber berichten als früher - ebenfalls unter dem Volke viel Aufsehen erregen. … Trotz der harten Verfolgungen von Seiten der braunen und schwarzen Henkersknechte sind die Geschwister dennoch unverzagt … der entschlossene Wille zur treuen Pflichterfüllung auch angesichts des Todes wird immer nur stärker durch die zunehmende Hitze des Feuerofens, der in Deutschland wahrlich 'siebenfältig' geheizt ist."

Jene Luzerner Resolution und ihre Verteilung in Deutschland, wird von den Zeugen Jehovas, und den mit ihnen liierten "Gefälligkeitsaposteln" aus dem wissenschaftlichen Spektrum, im allgemeinen mit positiven Worten kommentiert, oder zumindest "neutral", unter Ausklammerung kritischer Akzente dazu. Eine Ausnahme von diesem Trend, stellte Friedrich Zipfel dar. Es ist einzuräumen, dass auch Zipfel Fehler beim recherchieren unterlaufen sind. Auch Zipfel ist Außenstehender, dass heißt, er hat nie eine persönliche Beziehung zu den Zeugen Jehovas gehabt. Ihn interessierte das Thema lediglich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten.

Allerdings nahm sich Zipfel auch die Freiheit, sich bei seinen Wertungen nicht als Lakai der Kirchen zu verstehen, die da teilweise belieben, als Feigenblatt für ihr eigenes Versagen in der NS-Zeit, das Thema Zeugen Jehovas hochzukochen, unter Eliminierung wesentlicher kritischer Gesichtspunkte. Ein herausragender Vertreter dieser Tendenz ist bekanntlich Garbe und seine Nachbeter. Jedenfalls, ich würde die Formulierungen von Zipfel auch so nicht übernehmen wollen. Zipfel ist im Gegensatz zu Garbe, wieder "zu weit weg" von den Zeugen Jehovas. Dennoch halte ich jenes Statement von Zipfel für durchaus diskussionswürdig, der da in Kommentierung der Luzerner Resolution in seiner Studie "Kirchenkampf in Deutschland (S. 186) äußerte:

"Von geradezu verheerender Wirkung für die deutschen Bibelforscher war ein Beschluss, der von der mit den deutschen Verhältnissen nicht recht vertrauten ausländischen Leitung gefasst und von den deutschen Glaubensbrüdern fanatisch durchgeführt wurde."

Offener Brief

Das Jahr 1937 war auch durch eine Flugblattaktion in Deutschland, mit Protestcharakter gekennzeichnet. "Offener Brief an das bibelgläubige und Christus liebende Volk Deutschlands" nannte sich jene Schrift, als deren Ergebnis eine weitere Intensivierung der Gestapo-Bekämpfungsaktionen zu registrieren ist. In der Tat, wurden darin deutliche Worte über die Verhältnisse in Hitlerdeutschland zum Ausdruck gebracht. Von grausamen Verfolgungen, Misshandlungen und Verleumdungen ist die Rede. Es wird der Vergleich mit dem Pharao Ägyptens gezogen. "Die Schrift erklärt, dass Pharao der Vertreter des Teufels war und dass er samt seinen Helfershelfern von Gott bestraft und vernichtet wurde." Mit dieser Aussage spendierte man sich somit selbst eine Art "Trostbonbon".

Einen Hauptanklagepunkt gegen die Hitlerregierung kann man vielleicht auch in der Passage sehen: "Die gegenwärtige unchristliche und bibelfeindliche Regierung maßt sich ferner an zu erklären, dass nur die römisch-katholische Kirche und die Staatskirche eine Art Religionsfreiheit ausüben kann, dass aber allen anderen wahrhaft bibelgläubigen Christen keine Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährt wird."

In der Tat, wird man diesem Vorwurf dergestalt zustimmen können, dass der Konflikt nicht diese bedrückenden Dimensionen hätte anzunehmen brauchen, wenn es im Hitlerregime so etwas ähnliches wie Glaubens- und Gewissensfreiheit gegeben hätte. Fakt ist aber, dass dies leider nicht der Fall war, mit allen sich daraus ergebenden Weiterungen. Geradezu skandalös ist auch jener Revers, denn das Hitlerregime da den Zeugen Jehovas zur Unterzeichnung vorlegte. Man wird schon konstatieren können, dass die darin zum Ausdruck kommende "Der Herr im Hause sind wir"-Gesinnung, der Nazichargen, jegliches psychologisches Feingefühl entbehrt. Diese geforderte Erklärung überforderte die Zeugen Jehovas total. Sie basiert auf den Empfindungen der Nazifunktionäre und bietet nicht den geringsten Ansatz, sich auch einmal in die psychische Befindlichkeit der Zeugen Jehovas hinein zu versetzen. Entsprechend groß war der Misserfolg. Nur einige wenige haben je diese Erklärung unterzeichnet. Laut dem genannten Flugblatt lautete sie:

"Ich versichere hiermit an Eidesstatt, dass ich die staatsfeindlichen Machenschaften der jüdischen internationalen Bibelforschervereinigung erkannt habe und mich als treuer Deutscher von dieser Vereinigung, so weit ich ihr angehörte oder nahestand , losgesagt habe. … Ich werde die Gesetze und die Anweisungen der Partei und des Staates befolgen und vor allen Dingen auch in meiner Familie den Geist des Führers, besonders im Herzen meiner Kinder, aufrichten. Ich bedaure, dass ich früher einmal mich irreführen ließ und damit mich und meine Familie in Gefahr brachte. … Ich bin mir bewusst, dass jede weitere Betätigung für die Internationale Bibelforscherbewegung, ganz gleich in welcher Beziehung, schärfste Bestrafung nach sich zieht, da ich dann nicht mehr wert und würdig bin in der Gemeinschaft des deutschen Volkes zu leben und zu arbeiten. Falls in der kommenden Zeit staatsfeindliche Elemente an mich herantreten sollten mit Broschüren, Flugblättern, Büchern etc. werde ich die Täter sofort der zuständigen Partei- oder Polizeistelle melden und die Druckschrift abliefern. Heil Hitler! (Unterschrift)"

Der Terror des Naziregimes wird auch anhand einiger Namensnennungen, in diesem Flugblatt personalisiert:

"Bei der Misshandlung haben sich unter anderen besonders der Kriminal-Assistent Theiss aus Dortmund, Tenhoff und Heimann von der Geheimen Staatspolizei Gelsenkirchen und Bochum hervorgetan. Man hat sich nicht gescheut, Frauen mit Ochsenziemern und Gummiknüppeln zu misshandeln. Für sadistische Grausamkeit bei der Misshandlung von christlichen Frauen ist, wie erwähnt, besonders Kriminal-Assistent Theiss in Dortmund und ein Mann der Staatspolizei in Hamm bekannt. Wir besitzen auch nähere Angaben und Namen von ca. 18 Fällen, wo Jehovas Zeugen grausam getötet worden sind. Anfang Oktober 1936 wurde zum Beispiel der in der Neuhüllerstraße, Gelsenkirchen, Westfalen, wohnhaft gewesene Zeuge Jehovas, Peter Heinen, von Beamten der Geheimen Staatspolizei im Rathaus zu Gelsenkirchen erschlagen. … Die grausamen Misshandlungen und die gewaltsame Verschleppung von Willy Ruhnau, wohnhaft gewesen in (Danzig) Zoppot, Adolf Hitlerstraße 809, ist bereits dem Völkerbund unterbreitet und in der Weltpresse bekanntgemacht worden. Die Danziger Polizei weigert sich, irgendwelche Auskünfte über den Verbleib Ruhnaus mitzuteilen. Ruhnau ist ohne Zweifel von der Danziger Polizei verschleppt und nachher getötet worden."

Es ist, darüber besteht keine Frage, ein bedrückendes Dokument, dass mit diesem Flugblatt vorliegt. Es wurde inhaltlich noch erheblich erweitert und dann im Jahre 1938 von Franz Zürcher als Buch unter dem Titel "Kreuzzug gegen das Christentum" im Europa-Verlag, Zürich herausgegeben. Die deutliche Sprache gegen das Hitlerregime, war allerdings auch den Schweizer Behörden nicht geheuer. Und so ist der bemerkenswerte Fakt zu registrieren, dass schon Anfang der 40-er Jahre der weitere Vertrieb des Zürcher-Buches von den Schweizer Behörden untersagt wurde. Erst 1944, als sich die Niederlage des Hitlerregimes abzeichnete, wurde jenes Vertriebsverbot wieder aufgehoben.

Vielleicht sollte man auch aus dem vorgenannten Flugblatt noch jenen Passus wiedergeben, der markant das damalige Selbstverständnis der Zeugen Jehovas widerspiegelt und zugleich ihre Art der Weltsicht verdeutlicht, die sie in jenen kritischen Jahren praktizierten:

"Der Beweis ist endgültig erbracht, dass Satan Jehovas Widersacher und der größte Feind der Menschen ist, dass er stets Religion gebrauchte um die Menschen zu täuschen und sie Gott und Christus zu entfremden. Ferner, dass alle, die Religion lehren und sie ausüben, Feinde derer sind, die Gerechtigkeit suchen. Alle weltlichen Machthaber vertreten irgendeine Religion, und bewusst oder unbewusst nehmen sie eine Stellung gegen Gott und sein Königreich ein. Die Religion ausübenden Geistlichen bilden einen Teil der herrschenden Klasse und sind Freunde der Welt, und die Schrift erklärt, dass sie Feinde Gottes sind (Jakobus 4: 4). Jehova Gott befiehlt, dass jetzt die Menschen von seinem Vorhaben, Satan und alle ruchlosen Organisationen zu vernichten, was er in Harmagedon tun wird, Kenntnis erhalten sollen."

Ein klares Feindbild

"Das Schreckgespenst, dass den Menschen jetzt überall, landaus, landein, vor Augen gehalten wird, ist das des Kommunismus, und das Papsttum selbst hat diese Schreckgespenst-Bewegung ins Dasein gerufen und steht dahinter. Jedermann, der es wagt, die Wahrheit über die römische Hierarchie herauszusagen, wird von dieser Organisation als ein Kommunist verschrieen. Tatsache ist, dass der Kommunismus von den Jesuiten, dem Geheimorden der römisch-katholischen Hierarchie, organisiert worden ist, um sodann als Mummerei und Schreckgespenst dazu benutzt zu werden, den Menschen Furcht einzujagen, damit sie sich zu einer Gegenbewegung organisierten, welch letztere Bewegung gänzlich unter der Gewalt des Papsttums steht.

Auf diese Weise wurden die Nazis in Deutschland mit Hitler als Führer organisiert; diese üben nun in jenem Lande eine erbarmungslose, grausame und mörderische Herrschaft aus, und diese Klasse von Nazis hat Freude daran die zu verfolgen, die Gott und Christus treu vertreten und dem Volke die Früchte seines Königreiches bringen. Manche Zeugen Jehovas sind kürzlich in Deutschland zu Tode gebracht und Tausende weiterer eingekerkert worden, lediglich, weil sie Bibeln und bibelerläuternde Bücher in ihrem Besitz hatten, die es den Menschen ermöglichten, etwas von Gottes Fürsorge für die leidende Menschheit zu erfahren. Die Hitler-Regierung ist in voller Übereinstimmung mit dem Vatikan in Rom. Würde wohl der Herr Jesus Christus so etwas wie die Herrschaft Hitlers gutheißen? Sicherlich nicht; und da die römische Kirche Hitler unterstützt, beweist dies überzeugend, dass die römisch-katholische Organisation den Teufel vertritt und Gottes und Christi Feind ist.

Die römisch-katholische Hierarchie beherrschte einst Spanien und betrieb zu jener Zeit die verruchte Inquisition, wobei sie die Menschen zwang, entweder katholisch zu werden oder aber grausame Foltern zu erleiden. Das Volk erhob sich gegen die anmaßenden Gimpelfänger des Katholizismus und organisierte eine Republik. Darauf begannen die römisch-katholischen Militaristen einen Aufstand gegen die spanische Republik anzuzetteln und eröffneten einen grausamen und tückischen Rebellenkrieg mit dem Zwecke, die Herrschaft der römisch-katholischen Hierarchie in jenem Lande wiederherzustellen. Die Hierarchie setzte sich unrechtlicherweise in den Besitz von Obligationen der spanischen Regierung im Werte von Millionen, verbarg diese in ihren Kathedralen und benutzte sie zur Führung eines Rebellenkrieges, worin Hunderttausende von Menschen grausam getötet worden sind, viele von ihnen durch katholische Priester.

Mussolini und Hitler haben die römisch-katholische Hierarchie bei der Durchführung dieses Rebellenkrieges unterstützt. Sicherlich könnte sich kein Vertreter Gottes und Christi auf der Erde an einem solchen Krieg beteiligen, der doch eine offenbare Verletzung des ewigen Bundes Gottes hinsichtlich der Heiligkeit des menschlichen Lebens ist.

Seit dem Weltkrieg und seitdem die römisch-katholische Organisation wieder weltliche Macht erlangt hat, ist sie dreist und draufgängerisch wie nie zuvor geworden. Man müsste geistig blind sein, um jetzt nicht zu sehen, dass die römisch-katholische Hierarchie darauf ausgeht, die Herrschaft über die politischen Angelegenheiten der Welt zu erlangen und das Volk durch Diktatoren regieren zu lassen.

Das Papsttum hat ein Bündnis mit den politischen Herrschern Japans geschlossen, die doch keinen Anspruch erheben, Christen zu sein, und führt dort eine systematische Tätigkeit durch, mit dem Ziele, einen jeden mundtot zu machen, der die Wahrheit gegen den Katholizismus redet.

Die römisch-katholische Hierarchie betreibt eine energische Kampagne, um die Macht über die Ämter und politischen Angelegenheiten des Britischen Reiches zu erlangen. Ihre größte Anstrengung ist jetzt indes darauf gerichtet, die Vereinigten Staaten von Amerika unter ihre Herrschaft zu bekommen.

Ein Buch, veröffentlicht im Jahre 1935 von einem früheren römisch-katholischen Jesuiten, der offenbar von der Doppelzüngigkeit der Herrscher dieser verworfenen Religionsorganisation genug hatte, berichtet unter andern Dingen: 'Theoretisch ist die katholische Aktion das Werk und der Dienst der katholischen Laien für die Sache der Religion unter der Führung der Bischöfe. In Wirklichkeit aber erkämpft die katholische Gruppe einen Weg zur Beherrschung Amerikas. …" ("Wachtturm" 1937 S. 250).

Kriegserklärung

Der Jahrgang 1937 des "Wachtturm" begann gleich mit einer offensichtlichen Kriegserklärung. Sie kommt schon in einer Anpreisung des "Kalender 1937 der Zeugen Jehovas" zum Ausdruck:

"Der neue Kalender drückt sowohl im Text als auch im Bild Kriegsdienst aus. Der Jahrestext ist Obadja 1 entnommen: 'Machet euch auf, und lasset uns wider dasselbe aufstehen zum Kriege!'" (S. 2)

An wen und wie diese Kriegserklärung zu verstehen ist, wird auch in den nachfolgenden Ausführungen überdeutlich (S. 6):

"Unter allen Stolzen, Anmaßenden, Vermessenen und Ruchlosen der Erde ragt die römisch-katholische Hierarchie als der Leitbock der bösartigen Bockklasse hervor. Er ist frech und geht mit anderen hochfahrend um.

Diese verruchte Organisation macht nun energisch äußerste Anstrengungen, die Herrschaft über die Vereinigten Staaten und Britannien zu erlangen. Wie wahr ist doch die Weissagung des Herrn: 'Hoffart geht dem Sturze, und Hochmut dem Falle voraus'; und das wird in Harmagedon auch ihr Ende sein (Sprüche 16:18).

In früheren Zeiten müssen einige aufrichtige Menschen in der römisch-katholischen Hierarchie gewesen sein; heutzutage aber ist diese Institution gänzlich politisch geworden und bedient sich allerhand Betrügereien und Täuschungen zur Erlangung vollständiger Gewalt über das Volk. Dieses verruchte System erhebt jetzt nicht einmal den Anspruch, die Wahrheit des Wortes Gottes zu lehren und hat viele seiner früheren Lehren aufgegeben. Nach Macht steht jetzt ihr gieriges, ehrsüchtiges Verlangen und wie die Schrift erklärt, sind solche Leute aufgeblasen und wissen nichts von Jehovas Vorhaben (1. Tim. 6:4). Die römisch-katholische Hierarchie ist des Teufels Hauptwerkzeug auf der Erde; aber seine Organisation ist dem Untergang geweiht, und darin sind alle die eingeschlossen, die gegen Gott sind."

Es steht außer Frage, dass die Hiobsbotschaften, die um jene Zeit die WTG-Führung aus Deutschland, aber auch aus dem formal "unabhängigen" Danzig am laufenden Band erreichten, eine Bestätigung ihrer schlimmsten Alptraumvisionen darstellten. Es ist auch verständlich, dass sie in dieser Situation meinte, ihren Frust einmal artikulieren zu müssen. Ohne Zweifel ist jener Artikel im "Goldenen Zeitalter" vom 1. 2. 1937 ein diesbezügliches zeitgenössisches Dokument, indem man lesen konnte:

"Die standhafte, treuchristliche Gesinnung der Zeugen Jehovas hat das Tier mit dem Malzeichen (Offenbarung …), auf dem die alte Hure sitzt (Offenbarung 17:3), in wahrhaft satanische Wut versetzt; unglaublich dürften alltäglich sich in Deutschland ereignende Vorfälle nachfolgend geschilderter Art erscheinen; wenigstens jenen Menschen außerhalb der deutschen Staatsgrenzen, die ihren normalen Menschenverstand noch nicht eingebüßt haben und außerhalb der Reichweite romhöriger Nazibanditen stehen.

Kürzlich wurde ein Zeuge Jehovas aus seiner Arbeitsstelle entlassen, wie Tausende vor ihm, weil er sich weigerte, dem Raubtier zu huldigen, aus diesem Grunde die 'Betriebsappelle' mied und nicht mit 'Heil Hitler' grüßte. Das Arbeitsamt sperrte ihm 6 Wochen lang die Unterstützung (Offenbarung 13: 16, 17). Seine Frau steht kurz vor der Niederkunft. Er wird gezwungen, seine Wohnung zu räumen. … 'Heil Hitler!'

Neulich kamen Polizeibeamte, gesandt von der 'römischen Gestapo', um bei den Zeugen Jehovas, welche Kinder haben, festzustellen, wie ihre Personalien seien, dabei hatten sie Formulare mit, die folgenden Kopf hatten: 'Personalien der Eltern von gefährdeten Kindern.' Das satanische Tier betrachtet also die Kinder, welche streng christlich erzogen werden, als erzieherisch 'gefährdet', beabsichtigt also einen Kinderraub. Was schert sich das Raubtier um das Naturgesetz, dass ein Kind seiner Mutter gehört. Sowjetrussland ist (wenn wir die Nachrichten, die von dort hier gemeldet werden, glauben dürfen) von einem Konkurrenten überflügelt. … 'Heil Hitler!'

An den Türen und Eingängen aller Ämter steht es geschrieben: 'Der Deutsche grüßt mit Heil Hitler!' Dieses Kommando wird von dem abhängig gemachten Volk ja auch meistens ängstlich befolgt. Wer nicht den weltüberwindenden Glauben wahrer Christen hat, der kann diesem Tier nicht widerstehen. Wenn auch außerhalb der Amtsmauer dieser satanische Druck wieder abgeschüttelt wird und viele das Unwürdige ihres Tuns frei bekennen, wenn sie sich nicht bespitzelt glauben, so ist doch ein solcher Zustand eines Volkes derart unwürdig, dass nur Satan daran Gefallen finden kann. … Heil Hitler!'

Wie Höllenhunde benehmen sich viele öffentliche Beamte. Viele von ihnen muss man regelecht als Zuhälter dieses volksverräterischen Systems bezeichnen. Natürlich gibt es auch solche, die im stillen nicht von dieser satanischen Partei sind, doch müssen sie sich stark zurückhalten, da gerade der Beamtenapparat völlig mit Parteibonzen durchsetzt worden ist.

Lehrer z. B. äußern sich einige Tage vor den Wahlen, täglich sich steigernd, zu ihren Schulkindern wie folgt:
'Wer mit nein wählt (was ja an und für sich beinahe unmöglich ist, weil jeder Zettel für ja gilt, der gekreuzt oder ungekreuzt abgegeben wird, ein regelrechtes Nein muss handschriftlich vermerkt werden), ist ein Volksverräter, dem wird's übel ergehen, und wer es gar wagen sollte, von der Wahl fernzubleiben, der müsste ausgewiesen werden.' Einige Tage vorher werden dann systematisch einschüchternde Gerüchte verbreitet.

Dieses Femeystem ist wohl nur zu vergleichen mit dem jesuitischen Schachzügen der Inquisition. Dieses System hat einen Januskopf; ein Gesicht ist dem Ausland zugewandt und trägt die biedere Miene des deutschen Michel, der zwar ein wenig derb, aber ansonsten sehr gutmütig und hausbacken ist; dass andere Gesicht ist dem deutschen Volke zugewandt und ist meistens verhüllt. Zu gewissen Stunden wird die Hülle gelüpft, und das Volk sieht die scheußliche Fratze Neros.

Einem Bruder wurde gesagt, als er sich auf das Gesetz und den Willen Jehovas berief: 'Euer dämlicher Jehova, der regiert im Himmel, wir werden euch schon beibringen, unseren Gesetzen zu gehorchen.' Als ein anderer Bruder auf seinen Glauben und sein Gewissen Bezug nahm, wurde ihm gesagt: 'Ich glaube, dass 10-Pfund Rindfleisch eine gute Suppe ergeben.' Den Höhepunkt erlebte ein Bruder, welcher neben den üblichen Gotteslästerungen gesagt wurde: 'Wenn mir der Auftrag gegeben würde, und ich könnte nach meinem Begehr, dann würde ich sie eigenhändig derart mit der Knute bearbeiten, dass nicht eine Stelle von Ihrem Körperteil heil bliebe und das Fleisch in Fetzen herumhinge.'

Solche unglaublichen Vorfälle sind tägliches Ereignis in diesem 'gelobten Lande' von Rattis Planung (bürgerlicher Name des zeitgenössisch regierenden Papstes).

Solche 'obrigkeitlichen Gewalten', die zweifellos in keiner Weise 'Gottes Dienerinnen' sind, (da sie ja Gott lästern und verachten) haben jegliches Recht verwirkt, von Gott dem Allmächtigen zu reden, oder sich gar als seine Gesandten aufzuspielen und sich dem Volke als Christus anzubieten, um es zu heilen; sie sind vielmehr in völlig offenbarer Weise das 'Tier', dass abscheuliche und scheußliche Raubtier, dass in der Offenbarung als Endzeitregierung versinnbildet ist."

Wie wir durch die Studie von Friedrich Zipfel ("Kirchenkampf in Deutschland" S. 412-415) eindeutig wissen, wurde jener zitierte Artikel aus dem "Goldenen Zeitalter", in Kopie selbst von der Gestapo an ihre untergeordneten Dienststellen, zur Kenntnisnahme der mit den Zeugen Jehovas befassten Beamten, weitergeleitet. In dem Begleitschreiben zu dieser Artikelkopie führte die Gestapo ausdrücklich an:

"Der Auszug ist den unterstellten Beamten zur Kenntnis zu geben; daher ist ihnen erneut zur Pflicht zu machen, auf diese Staatsfeinde ein besonderes Augenmerk zu richten …"

Scharfmacher-Resolution

Wie ausgeführt, bezifferte Frost die Zahl der aktiven Zeugen Jehovas Ende 1936 in Deutschland, auf rund 3 600. Zählt man die bereits inhaftierten hinzu, so kann man zu jenem Zeitpunkt von rund 8 000 Aktiven ausgehen (maximal). Jedoch wollte man, nach eigenen Angaben in Deutschland bis zum Jahre 1933 einen maximalen Bestand von rund 25 000 erreicht haben. Unter Berücksichtigung dieser Zahlen, kann man wohl sagen, dass rund zwei Drittel der Zeugen Jehovas nach 1933 in Deutschland inaktiv wurden.

Diese Sachlage kommt auch in einem als "Brief aus Deutschland" titulierten Bericht des "Wachtturms" zum Ausdruck (1937 S. 254). Der Briefschreiber leitet ein: "Nachdem die Arbeit in der letzten Aktionswoche hier ohne besondere Störung beendet werden konnte, darf ich … auch den Rapport über die heutige Stellung der Geschwister hier zu Jehova und seinem Werk erstatten. Die Musterung erfolgt meistens in kleineren Gruppen. Solche Geschwister, die der Aufforderung nicht Folge leisteten, konnten in einigen Fällen auch nicht weiter befragt werden und sind somit im Bericht auch nicht erfaßt."

Mit anderen Worten: Die vorgenannten zwei Drittel blieben unberücksichtigt. Über den verbliebenen harten Restkern wird dann ausgeführt:
"Von 86 Geschwistern und Jonadaben, denen nachfolgende Entschließung vorgelesen wurde, erklärten 83 sich mit dem Inhalt derselben einverstanden und versprachen aufs Neue, nach besten Kräften auch weiterhin für Jehova und sein Königreich einzutreten.

Resolution

Jehovas Zeugen und ihre Gefährten in unserem Gebiet erklären hiermit, dass sie Jehova als den allein wahren Gott des Universums und Christus Jesus als den von Jehova rechtmäßig eingesetzten König anerkennen. Sie erkennen ferner, die Watch Tower Bible and Tract Society als den sichtbaren Teil der Organisation Jehovas auf der Erde an und bekunden hiermit ihr volles Vertrauen zu dieser und ihre Bereitwilligkeit, alles zu tun, was dem Herrn wohlgefällig erscheint, durch seine Organisation zur Rechtfertigung seines Namens hinausführen zu lassen. Angesichts der Tatsache, dass die Agenten Satans allein seit Beginn dieses Jahres mehr als 50 unserer Brüder und Genossen verhafteten und ins Gefängnis warfen, von welchen zwei völlig verschwunden sind und eine Anzahl zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, nur weil sie Gott und Christus Jesus allein die Ehre gaben, sind wir weiter bereit, Jehovas Zeugnis den Menschen guten Willens zu überbringen, weil wir dieses als den gegenwärtigen Auftrag des Herrn für sein Volk erkennen.

Wir bekunden unsere Einmütigkeit mit allen denen auf der ganzen Erde, die bereit sind, den Willen Jehovas zu tun, und wünschen unsern Anteil an allem zu nehmen, was der Herr zur weiteren Bloßstellung Satans und seiner verruchten Organisation für nötig und gut befinden mag. Fest entschlossen, den einmal begonnenen Kampf im Vertrauen auf den verheißenen Schutz und Beistand des Herrn fortzuführen, ohne Rücksicht darauf, welche Folgen dies für uns auch haben mag, vertrauen wir dem Herrn, dass er mächtig ist, sein Volk zu seiner Zeit völlig zu befreien. Wir geben unsere Zustimmung, von dieser Resolution weitgehendsten Gebrauch zu machen, falls dies für gut befunden werden sollte.

Im Mai 1937."

Man wird diese Resolution auch in dem Kontext einordnen dürfen, dass sie eine politische Oppositionserklärung gegen das Hitlerregime in religiöser Phraseologie darstellt.

"Kristallnacht" a la WTG

Der 9. November 1938 ist unrühmlich in die Geschichte eingegangen. An jenem Tage ließ der entfesselte Nazimob in Deutschland seine Aggressionen in besonders übler Weise an den Juden aus. Die Bilder brennender Synagogen, nebst ärgerem gingen um die Welt. Jenes Fanal entstand nicht im "luftleeren Raum". Vorangegangen war dem schon die systematische, immer schärfer werdende Entrechtung und Stigmatisierung der Juden in Deutschland. Aber auch andere antisemitische Staaten, beispielsweise, der zu jener Zeit von den Nazis noch nicht annektierte polnische Staat, trugen ihren Teil zur Verschärfung der Gesamtlage bei. Das in dieser Situation ein jüdischer Attentäter, den Vorwand abliefern sollte, für die extrem verschärfte "härtere Gangart" der Nazis gegen die Juden, gehört zu den großen Tragödien des 20. Jahrhunderts. Also, man kann nicht nur auf den 9. November 1938 abstellen. Man muss deutlich sagen, dass er eine vielschichtige Vorgeschichte hatte. Auch eine publizistische.

Die Bibelforscher/Zeugen Jehovas waren einstmals als glühende Verfechter des Philosemitismus angetreten. Russells Kampagne vor Juden im New Yorker Hippodrom, oder der Titel der Rutherford-Schrift "Trost für die Juden" sind nur zwei Beispiele. Sie könnten um ein vielfaches vermehrt werden.

Im Vorfeld der Nazi-Machtergreifung hatte die WTG schon einmal vorexerziert, was sie in der Gegenwart auch bei ihrem Begehren, "Körperschaft des öffentlichen Rechtes" werden zu wollen, in vielfältiger Weise dokumentiert hat. Um vermeintlicher Vorteile willen, redet man mit gespaltenen Zungen. Gegenüber den Mächtigen dieser Welt mit vermeintlichen "Engelszungen". Positionen von gestern, die auch den heutigen Machthabern anfechtbar erscheinen, werden stillschweigend oder auch laut formal revidiert.

So seinerzeit auch in der Frage des Philosemitismus, der stillschweigend oder auch laut, zu den Akten gelegt wurde.

Die Jahre nach 1933 lieferten der Weltöffentlichkeit übergenug Anschauungsbeispiele, was von der Nazi-Judenpolitik zu erwarten war. Eine ganze "Giftschrankabteilung" mit Literatur über das Judentum aus nazistischer Feder, kann beispielsweise von dem Gesamtarchiv deutschen Schrifttums, der Deutschen Bücherei, über diesen Zeitraum benannt werden. Mir scheint allerdings, einen Artikel hat die Deutsche Bücherei dabei vergessen zu indexieren. Und zwar stammt dieser Artikel aus der Feder einer Organisation, die einstmals unter dem Logo Philosemitismus angetreten war.

Jene Organisation schrieb in ihrer Zeitschrift "Trost" vom 15. 7. 1938 (S. 12, 13) unter der Überschrift "Die Juden in Palästina":

"Die Zeitungen in der Welt nehmen, sofern sie nicht antisemitisch sind, gewöhnlich einen einseitig projüdischen Standpunkt ein, wenn es sich um Fragen handelt, die Palästina betreffen. Wie schon gesagt, schreibt im allgemeinen die Weltpresse günstig für die Juden. Man sagt, ein jahrhundertealtes Unrecht müsse gutgemacht und den Juden Palästina wiedergegeben werden usw. usw., was meist einer Sentimentalität entspringt, die in gewissen 'christlichen' Sekten genährt wird, aber nicht berücksichtigt ist, dass die heutigen Menschen, die 'Juden' genannt werden, im Sinne der Bibel durchweg keine Juden sind. Sie üben zwar eine gewisse Form von jüdischer 'Religion' aus, haben aber keinen Glauben an Jehova, den allein wahren Gott, der die Juden einst als 'ein Volk für seinen Namen' erwählte.

Deshalb sind auch ihre Augen blind und die Ohren taub gegenüber Gottes Wahrheit. Was Gott vor alters durch seine Propheten einem abtrünnigen Volke sagen ließ, ist heute sehr zeitgemäß. So wie man sich vor Jahrtausenden auf den 'Stab Ägyptens' stützte, anstatt auf Jehova, so stützt man sich auf England. Englische Juden suchen mit aller Beredsamkeit die englische Regierung zu überzeugen, wie sehr England einen jüdischen Staat in Palästina aus englisch-imperialistischen Gründen benötige, und wie loyal die Juden dem englischen Weltreich gegenüber seien, und das sie auch heute wieder bereit wären, für dieses Reich ihr Blut zu vergießen.

Auch ist man sehr mit dem 'alten Weib' in Rom befreundet. Die jüdischen Blätter berichten wehleidig über die 'grausamen Verfolgungen armer Katholiken'; dass aber über 6000 Zeugen Jehovas in den Gefängnissen und Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands schmachten, hat man hier nicht gehört. Im Gegenteil muss natürlich jeder Deutsche hier, wenn er auch ein Zeuge Jehovas ist, verdächtigt werden, Nazispion zu sein. Auch schlagen darf man ihn ungestraft, da sich die jüdische Polizei hier nicht um 'jede kleine Schlägerei' kümmern kann!

So geht dieses Volk auch hier in seinem ehemaligen Heimatland einen Weg ohne Erkenntnis Jehovas und seines gesalbten Königs Jesus, des Messias. Mit menschlichen Mitteln und menschlichen Gedanken sucht man in den Besitz dieses Landes zu kommen und sieht nicht, wie Jehova 'die Räder des Wagens schwer macht', damit er nicht sein selbstgestecktes Ziel erreicht. Man schreit nach mehr 'Religiosität', wie die anderen Bundesgenossen in des Teufels Organisation. Blind sind die Juden auch dafür, dass das 'alte Weib' in Rom alles daransetzt, zu verhindern, dass die Juden hier selbstständig werden. Seine Priester sind die größten Hetzer; ihre 'heiligen Stätten' seien gefährdet, sollten die Juden zahlreicher werden! so schreien sie. Deshalb muss auch England in seiner Abmachung mit Italien 'die berechtigten italienischen (lies: katholischen) Interessen garantieren, d. h. dass das 'alte Weib' fernerhin durch seine Schulen und Klöster das arme Volk verdummen darf, um es dann auszusaugen.

Die Juden sind ein lebendiges Bild dafür, wie furchtbar es ist, den Segen Jehovas nicht zu besitzen. Abgeschnitten von der Gunst Gottes, sind sie auch hier ohne Ruhe. Wind säend, ernten sie Sturm! Wie lange noch?"

In dem eben zitierten Text findet sich auch der Passus: "Die jüdischen Blätter berichten wehleidig über die 'grausamen Verfolgungen armer Katholiken'; dass aber über 6000 Zeugen Jehovas in den Gefängnissen und Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands schmachten, hat man hier nicht gehört." Dem ist zu widersprechen. Beispielsweise hatte das "Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" in seiner Ausgabe vom 19. 8. 1938 auch über das Zürcher-Buch "Kreuzzug gegen das Christentum" berichtet. Man konnte dort lesen:

"Ein ergreifender Bericht über moderne Christenverfolgungen - frei von jeder politischen Tendenz und Polemik. Die Wahrhaftigkeit dieses Buches kann nicht angezweifelt werden, denn der Verfasser, ein Christ, bürgt persönlich für die Zuverlässigkeit der von den Verfolgten selbst erzählten Begebenheiten, die aufs lebhafteste an die Verfolgungen des finsteren Mittelalters erinnern. Gegen 6000 dieser Christen halten in Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern dem nationalsozialistischen Terror stand, erdulden alles für ihre Überzeugung und bekennen sich weiter zu ihrem Glauben. Diese Haltung muss allen Achtung einflößen, die für die Glaubens- und Gewissensfreiheit einstehen, und diese kostbaren Menschheitsgüter zu verteidigen, ist der Zweck dieses Buches."

Fragwürdige Argumentation

Der Zweite Weltkrieg war inzwischen in Europa mit dem deutschen "Blitzkrieg" gegen Polen ausgebrochen. Noch waren die USA in ihm nicht direkt involviert. Dies sollte erst einige Jahre später auch der Fall sein. Aber ohne Zweifel setzte ein ungerechtes Morden von riesigen Dimensionen ein. In dieser Situation nahm die USA-Führung der Zeugen Jehovas unter der Überschrift "Neutralität" im "Wachtturm" vom 1. 12. 1939 in einem Grundsatzartikel Stellung. Bemerkenswert in diesem Artikel auch der Satz: "Eine Anzahl der Nationen der Erde, z. B. die Vereinigten Staaten, verhalten sich jetzt andern Nationen gegenüber neutral…" Im Anschluss an die Beschreibung dieser USA-"Neutralität" mit dem unterhalten weiterer Handelsbeziehungen zu den Kriegführenden Nationen wird dann ausgeführt: "Der Standpunkt der Zeugen Jehovas ist ganz verschieden von dem der Nationen der Erde."

Um es in einem Satz auf den Punkt zu bringen. Wer da meinen sollte, in diesem Grundsatzartikel das Hohelied des Pazifismus vorzufinden, der wird maßlos enttäuscht werden. Auch in diesem Zeugen Jehovas-Artikel kann man die Floskel "vom gerechten Krieg" wiederfinden. Nur, dass "gerecht" im Sinne der Zeugen Jehovas etwas anderes ist, als im Sinne der Nationen. Etwa mit ihrer Bemerkung: "Die Kriege Israels zur Besitzergreifung dessen, was ihnen als Geschenk von Gott, dem Allmächtigen, gehörte, schatteten daher die Besitzergreifung der ganzen Erde durch Christus Jesus vor, der die Erde von Jehova Gott als Geschenk erhalten hat, wobei Christus unter dem Befehle des Allmächtigen handelt … ."

Auch bezeichnend in dieser religiösen Apologie der Satz: "Die Israeliten fielen nicht in das Eigentum anderer ein. Sie besetzten lediglich das Land, dass ihnen als Geschenk von Jehova gehörte. Ihre Anteilnahme am Kriege geschah auf den Befehl des allmächtigen Gottes, und ihr Gehorsam gegen sein Gebot war wohlannehmlicher als Opfer."

Gekrönt wird diese Apologie noch mit dem Satz: "Solche Kriege waren gerecht; darum erhörte und beantwortete Gott auch die Gebote seines Vorbildvolkes, solange es ihm gehorchte. Der Sieg wurde ihnen nicht etwa wegen ihrer überlegenen militärischen Ausrüstung verliehen, sondern, weil Gott seine Allmacht zu ihren Gunsten betätigte… Der König David führte Gottes Befehl aus, als er von dem ganzen Herrschaftsgebiet Besitz ergriff, dass der höchste Herrscher der Theokratie seinem Vorbildvolke zugewiesen hatte. Damit stellt er bildlich den größeren David, Christus Jesus, dar, der von der ganzen Erde Besitz ergreift."

Angesichts dieser Argumentation ist man versucht, anzumerken, dass offenbar kein allzu großer Unterschied zwischen dieser Argumentation der Zeugen Jehovas-Führung und jenem markigen Koppelspruch besteht, auf dem man lesen konnte: "Gott mit uns".

Es fehlte im Falle Hitlers also nur die "rechte" theologisch verklausulierte Begründung. Und was das Argument von der Besitzergreifung als einer Realisierung eines "rechtmäßigen Gottesgeschenkes" anbelangt. Nun, Hitler und Konsorten bemühten auch die uralten "Steinzeitgermanen" für ihre Ansprüche, sowie die Zeugen Jehovas auch keine Skrupel haben, die uralten israelitischen Angriffskriege noch nachträglich zu verklären.

Aber ebenso fest steht auch, dass Hitler und Konsorten nicht die Zeugen Jehovas für ihre Angriffskriegerischen Ziele einspannen konnten. Auch dazu findet man entsprechende Statements in jenem Wachtturm-Artikel. Etwa in jener Wendung:

"Die Regierungsbeamten der Nationen dieser Welt, die mit der Musterung der Heere zu tun haben, können kein rechtes Verständnis der … Schrifttexte besitzen, weil sie von der Welt sind und sich nicht dem allmächtigen Gott geweiht haben. Darüber steht geschrieben: "Der natürliche Mensch (der Mensch, der den Dingen der Welt Satans ergeben ist) aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird."

Noch deutlicher indes ist die Äußerung: "In Deutschland gibt es eine Anzahl Christen, die im wahren und vollen Sinne des Wortes Gottes Bundesvolk sind. Warum sollten denn diese für Hitler und seine Gangster kämpfen, welche doch Gott dem Allmächtigen trotzen und die verfolgen, die Jehova Gott und Christus Jesus dienen?"

Also man kann jenem Wachtturm-Artikel in gewissem Umfang schon bestätigen, dass er des "Pudels Kern", sehr wohl in seiner Überschrift von der "Neutralität" festgemacht hat. Etwa, wenn er einleitend ausführt:

"Wenn zwischen denen, welche zur Organisation Satans gehören, Streit oder Krieg herrscht, so verhält sich Christus Jesus hinsichtlich der streitenden Parteien stets neutral. Die 'Neutralität' zu wahren bedeutet, sich zu weigern oder es abzulehnen, an einem Streit oder Krieg, den andere unter sich führen, teilzunehmen, insbesondere wenn sich solche Kriegführenden Nationen gegen den Neutralen unfreundlich verhalten. In solchen Streitigkeiten oder Kriegen ergreift der neutrale für keine Seite Partei, sondern weigert sich den Kampf der einen Seite gegen die andere aufzunehmen; und das trifft besonders dann zu, wenn der Neutrale zum Eingreifen keine gerechte Ursache hat.

Zwischen einigen Nationen der Erde herrscht nun Krieg. Etliche Nationen, die sich tatsächlich im Kriege befinden, haben ihre Neutralität erklärt. Es wird den Amtspersonen der Nationen schwerfallen, die wirkliche Neutralität der Zeugen Jehovas gut zu verstehen:"

Eines wird man als Kommentar zu diesen Ausführungen noch sagen können. Diese "Neutralität" basiert faktisch auf gewissen Voraussetzungen. Eine der wesentlichen ist die akute Endzeitnaherwartung. Sie, in ihren unterschiedlichen Ausprägungen dargelegt, ergibt, dass das gesamte Lehrgebäude der Zeugen Jehovas auf einer Illusion beruht, einschließlich der praktischen Auswirkungen, zum Beispiel der Wehrdienstverweigerung. Auch vom pazifistischen Standpunkt kann man eine solche Entscheidung würdigen. Aber unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten wird man sagen können: Hier wurden Menschen von einer Führungsclique für eine (vielleicht ehrenwerte) Theorie "verheizt"!

"Ließ sich verschiedenes zuschulden kommen"

1923 spaltete sich von der deutschen Bibelforscherbewegung eine Gruppe ab, die sich "Wahrheitsfreunde" nannte. Zwei ihrer Repräsentanten waren Franz Egle und Ewald Vorsteher. Über den Egle, der sich mal "Verlagsleiter des Wahrheitsfreundes" nannte, meinte die WTG später den Triumph registrieren zu können, dass er zu ihr zurückgekehrt sei. Gleiches konnte sie von Vorsteher nicht sagen, den man wohl als geistigen Kopf jener Gruppe ansehen kann. Also, ich gehe mit dem Vorsteher keineswegs konform. Ich sehe - Gegensatz zu einigen anderen Ex-ZJ - , dass er eine sektiererische Bibelauslegung, lediglich durch eine andere, nicht minder fragwürdige ersetzte, wie dies ein Buch von Vorsteher verdeutlicht. Aber sicher steht fest, dass Vorsteher kein Opportunist war.

Wie immer man auch zu seiner "Theologie" steht. Vorsteher war ein Mann, der Ross und Reiter gegebenenfalls beim Namen nannte. Dies brachte ihm schon im März 1933 eine Verhaftung durch die Nazis ein. Vorsteher hatte sich erlaubt, den Nazihäuptlingen einige Titel anzuhängen, die einige Jahre später die ganze übrige Welt auch aussprach, auch die WTG. Nur letztere eben noch nicht im Jahre 1933. Damals segelte man noch auf Stillhaltekurs, übte sich in "Diplomatie", wenn nicht gar Anbiederung. Das Verhalten der damaligen deutschen WTG-Leitung will ich nicht unbedingt kritisieren.

Es gab schon zu dieser Zeit, weit schlimmere Anbiederungsversuche von kirchlichen Kreisen an die Nazis. Die deutsche WTG-Führung, war da im Vergleich, wirklich ein unbedeutender "Waisenknabe". Aber jetzt kommt die bedeutende Einschränkung. Im Jahre 1936 war auch die WTG schon so weit, dass sie den deutschen Rattenfänger Hitler, auch als solchen bezeichnete. In ihrer Literatur des Jahres 1936 lassen sich unzählige Beispiele dafür nachweisen. Was sagt die WTG jedoch noch im Jahre 1936 über Vorsteher? In einer Stellungnahme zu Händen eines Schweizerischen Gerichtes (nicht etwa eines nazistischen) verbreitet sie sich mit den Worten:

"(Es) beruft sich (der Nazi) Fleischhhauer in seiner Vernehmlassung auch auf eine gehässige Aussage zweier abgefallener Bibelforscher, nämlich auf Herrn Vorsteher und Herrn Egle. Vorsteher gehört seit vielen Jahren nicht mehr zu unserer Bewegung. Nachdem er sich 1923 getrennt hatte, ließ er sich in Deutschland Anfang 1933 verschiedenes zuschulden kommen und wurde wegen unbotmäßigen Handeln gegen die Behörden polizeilich bestraft. … M. C. Harbeck, und ein Vertreter der Gesellschaft in Deutschland, haben die Tatsache, dass Vorsteher nichts mit den Bibelforschern zu tun hat und dieselben für seine Taten nicht verantwortlich zu machen seien, den zuständigen nationalsozialistischen Behörden in Deutschland eidesstaatlich erklärt." ("Das Goldene Zeitalter" 15. 9. 1936 S. 7)

Eine solche Stellungnahme aus dem Munde der WTG ist ja an Skrupellosigkeit kaum noch zu überbieten. Gegenüber einem schweizerischen Gericht redet man von "unbotmäßigen Handeln" des Vorstehers gegen die Nazis. Ja, was tat denn die WTG selbst schon um diese Zeit?! Man hält es auch nicht für nötig, diesem schweizerischem Gericht im Detail mitzuteilen, worin diese Unbotmäßigkeit des Vorstehers bestand, obwohl man die aus dem Aktenstudium sehr genau kannte!

Die WTG hatte also schon damals damit unter Beweis gestellt, dass sie was Skrupellosigkeit betrifft, mit den schlimmsten Beispielen, auch aus anderen Lagern, sehr wohl konkurrenzfähig war und ist .

Ach so - "kein Kampf für das Christentum"

Der schleichenden Katze Hitlerregime, wurde durch die sogenannte "Bekennende Kirche" ein Glöcklein ans Bein gebunden. Sehr zum Verdruss der religiösen Nazis, die sich da "Deutsche Christen" nannten, wagten es einige ihnen Paroli zu bieten. Das Hitlerregime war anfänglich etwas verunsichert, wie es darauf reagieren sollte, denn das war in seiner Regieplanung eigentlich nicht vorgesehen. Ganze Bibliotheken sind inzwischen schon vollgeschrieben worden, über diesen Konflikt zwischen den Nazis und dem konventionellen Christentum.

Aufsehen erregte in der zeitgenössischen Berichterstattung besonders der Fall Martin Niemöller. Auch Niemöller, einer der führenden Köpfe der "Bekennenden Kirche", wurde eines Tages unter spektakulären Umständen in ein Konzentrationslager verfrachtet. Nur, handelte es sich hierbei um jemanden, der in der Öffentlichkeit bereits bekannt war und zugleich hatte sein Fall für das Ausland Signalwirkung.

Auch das "Trost" kam am 1. 4. 1938 auf seinen Fall zu sprechen. In dem diesbezüglichen Kommentar wurde ausgeführt:

"An sich ist es erfreulich, zu sehen, dass in Deutschland, diesem jetzigen Land der krummen Buckel und verbogenen Rückgrate, jemand soviel Zivilcourage aufbringt wie dieser Pastor; und erbärmlich die Feigheit, mit der das Regime einer öffentlichen mannhaften Diskussion auch in diesem Prozess aus dem Wege gegangen ist. Denn genau genommen ist der Prozess auf kaltem Wege einfach abgetan worden, offenbar auf Weisung von oben.

Der ganze Vorgang bietet Gelegenheit, sich mit der 'Bekenntniskirche' in Deutschland einmal näher zu befassen. Erinnern wir uns einiger der jüngsten geschichtlichen Ereignisse:

Mit Lüge, Liest und Terror schwang sich der Nationalsozialismus in die Macht und erstickte alle Freiheit auf jedem Gebiete des geistigen Lebens. 'Gleichschaltung' hieß diese Kulturschande. Und nahezu alles wurde gleichgeschaltet, ließ sich gleichschalten, meist ohne Widerstand.

'Totalitärer Staat' nannte man den Moloch, dem jede freiheitliche Meinung und ehrliche Überzeugung geopfert werden sollte. Der Staat als höchste und letzte Autorität über alles, was Geist und Leib seiner Bürger betrifft! Also die Vergottung einer menschlichen Regierungsform, die Diktatur auch über die Gewissen der Menschen. In dieser Frage ist Pastor Niemöller, als Führer der 'Bekenntnischristen', mit den Führern des Dritten Reiches zusammengestoßen. Das ist doch christlicher Widerstand, nicht wahr?

Nicht unbedingt! Wer den staatlichen Totalitätsanspruch verneint, braucht deswegen noch kein Christ zu sein. Ein solcher Autoritätsanspruch verletzt die Rechte, die der Mensch von Natur aus hat und für die er kämpfen sollte. Aber wenn der Mensch das tut, wenn er dafür kämpft, bedeutet das nicht ohne Weiteres, dass er für Gott kämpft.

Nach gründlicher Betrachtung muss man einsehen, dass die Bekenntniskirche in Deutschland zwar einen Religionskampf, aber keinen Kampf für das Christentum führt."

In der gleichen Ausgabe des "Trost" ist noch ein weiterer bemerkenswerter Kommentar mit Bezugnahme auf die "Bekennnende Kirche" abgedruckt. Er schließt mit dem programmatischen Satz: "Wie gut, dass es so ist!" Damit wollte man zum Ausdruck bringen, dass man die fehlende Unterstützung der öffentlichen Meinung, eigentlich nur als Bestätigung für die Richtigkeit des eigenen eingeschlagenen Weges ansehen könne.

Man vergleiche dazu, die gegenwärtige Position der Zeugen Jehovas, mit ihrer zielgerichteten Vermarktung aller ihr Schicksal die Jahre 1933-45 betreffenden Kommentare und geschichtlichen Darstellungen. Aber wie gesagt: "Vor Tisch" tönte das etwas anders. Damals schrieb man:

"Nur allzu deutlich drückt sich in so vielen Äußerungen der Bekenntniskirche Bedauern darüber aus, nicht rückhaltlos mit Hitler gehen zu können. Man beklagt es, dass das 'religiöse Gewissen' dieser bedingungslosen Nachfolge im Wege stehe. In diesem Maße sind sie sich selbst ein Ärgernis, und Christus ist ihnen ein Anstoß. Insgeheim scheinen sie Christus vorzuwerfen: 'Wenn du doch bloß nicht so viel verlangtest!'

Die Bekenntnisreligion sieht die Welt als zu sich gehörig an, tritt für sie ein, macht durch lange, fett überschriebene Zeitungsartikel große Reklame für sie. Aber für die Streiter Jehovas, für Gottes Zeugen? Für die Leute, die vor Baal keines ihrer Knie auch nur ein wenig krümmen?

Welche Sensation für die Zeitungsschreiber, wenn 60 Pfarrer einmal von der Gestapo für ein paar Wochen festgehalten werden! Wie weiß man den 'geistigen Heldenmut' dieser Leute in allen Tonarten zu rühmen! Aber wenn 10 000 und mehr Zeugen Jehovas im gleichen Lande unablässig den heftigsten Verfolgungen ausgesetzt sind, wenn mehr als 6 000 von ihnen in Gefängnissen und Konzentrationslagern schmachten, wenn viele von ihnen zu Tode geprügelt wurden, wenn man Männer und Frauen wegen ihrer unbeugsamen christlichen Glaubenstreue lebenslang zu Krüppeln schlägt, viele hundert Familien auseinanderreißt, anständig erzogene Kinder in Erziehungsanstalten schafft und dort quält - das ist für die Weltpresse nicht eine einzige Druckzeile wert. Denn es handelt sich dabei ja nicht, um jemand von ihnen, sondern um Jehovas Zeugen. Kein Minister interveniert, kein General protestiert für sie. Wie gut, dass es so ist!"

Der Deutsche Weg"

Die Zeugen Jehovas haben so ihre Lieblingszitate, die sie dem unbedarften Publikum bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten unter die Nase halten. Eines davon ist das aus einer Wochenzeitung mit dem Titel „Der Deutsche Weg". Eine nähere Verifizierung zu diesem Presseorgan findet seitens der Zeugen Jehovas nicht statt. Lediglich, dass der Artikel im Jahre 1938 erschienen sei, wird noch vermerkt.

Schon in der Rutherford-Broschüre aus dem Jahre 1938, "Schau den Tatsachen ins Auge", wird im Anhang unter der Überschrift "Hitler und der Papst" jenes Dokument zitiert. Gleichfalls in "Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben" (S. 130).

So sei denn, dass Versäumnis der Zeugen Jehovas hier erstmals richtiggestellt. Der Artikel ist in der in Lodz (Polen) seiner Zeit erschienenen Zeitschrift „Der Deutsche Weg. Kampfblatt der Deutschen in Polen". Hrsg. von Ludwig Wolff, Folge 22, Lodz 29. Mai 1938, enthalten. Die Zeugen Jehovas zitieren ständig nur den letzten Teil dieses Artikels, ohne jedoch die einleitenden Ausführungen auch nur eines Wortes zu würdigen. So sei denn der fragliche Artikel nachstehend im gesamten Kontext einmal zitiert:

„Ach! Schrecklich dieses Nazideutschland!

Die 'Ernsten Bibelforscher'

Ein römisch-katholischer Priester aus der Diözese Berlin schreibt uns:

Die katholische Internationale Presse-Agentur (Kipa) meldet, dass der amerikanische Oberste Gerichtshof entschieden habe, für die Verteilung religiöser Flugschriften sei keine behördliche Erlaubnis notwendig. Diese Verordnung hat die Bestimmungen einer Stadt im Staate Georgien, auf welcher mehrere 'Bibelforscher' wegen Verurteilung von Flugschriften verurteilt worden waren, für verfassungswidrig erklärt. Es handelt sich, wie die Kipa ausdrücklich feststellt, um ausgesprochen anti-katholische Flugschriften.

Die 'Kipa' meldet weiter, dass in Kanada der Appellationsgerichtshof die Flugschriften der 'Ernsten Bibelforscher' für aufrührerisch erklärte. Soweit die 'Kipa.'

Vor 1933 entwickelte die merkwürdige Gesellschaft der 'Ernsten Bibelforscher' auch in Deutschland größte Wirksamkeit. 'Richter' Rutherford kam selbst nach Deutschland und sprach u. a. im Sportpalast, dem größten Saal Berlins. Zufolge seiner amerikanischen Zirkuspropaganda war kein Platz im Sportpalast unbesetzt. Und nun sprach der große Mann! Er verleumdete die Kirchen, in erster Linie die katholische Kirche. Letztere diene nur Gott Mammon. Den Hl. Vater nannte er den 'Präsidenten des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Dummen.' Dann blätterte er in seiner Bibel herum, als ob sie ein Hokuspokus-Buch sei. Er zählte allerorts biblische Zahlen zusammen, teilte sie durcheinander, schleuderte mit Zauberworten um sich und rechnete endlich den Menschen vor, dass innerhalb einiger Jahre die Welt untergehen würde. … Wenn man sich nicht zu Rutherford bekehrte!

Es gibt jetzt ein Land in der Welt, indem die sogenannten 'Ernsten Bibelforscher' verboten sind. Das ist Deutschland! Die Auflösung der Sekte, die in Deutschland damals bereits festen Fuß gefasst hatte, erfolgte nicht unter Brüning, obwohl die katholische Kirche in der Brüningschen Zeit darauf drängte. Der 'allerkatholischste Reichskanzler' Brüning antwortete aber, dass er kein Gesetz hätte, dass ihn ermächtigte, die Sekte der 'Ernsten Bibelforscher' aufzulösen.

Als Adolf Hitler an die Macht gekommen war und der deutsche Episkopat seine Bitte wiederholte, sagte Hitler: Diese sogenannten 'Ernsten Bibelforscher' sind Unruhestifter; sie stören das harmonische Zusammenleben unter den Deutschen; ich betrachte sie als Kurpfuscher; ich dulde nicht, dass die deutschen Katholiken durch diesen amerikanischen 'Richter' Rutherford auf eine derartige Weise beschmutzt werden; ich löse die 'Ernsten Bibelforscher' in Deutschland auf; ihr Vermögen stelle ich der Volkswohlfahrt zur Verfügung; ich lasse ihre sämtlichen Schriften beschlagnahmen. Bravo!

Dem amerikanischen Episkopat, auch Kardinal Mundelein, gelingt es indessen nicht, in den Vereinigten Staaten die Bücher Rutherfords, in denen die katholische Kirche verleumdet wird, vom Büchermarkt zu entfernen!"

Es steht auch für mich eindeutig fest, dass vorstehender Artikel ein zeitgenössischer Beleg für die katholisch-faschistische Interessengleichheit in Sachen Zeugen Jehovas ist. Dieses Dokument ist nicht zu beschönigen. Die katholisch-faschistische Liaison lässt sich auch an vielerlei anderen Beispielen festmachen. Der bedeutendste davon: Der Fall Jonak. Also in der Interpretation des Textes streite ich nicht mit der WTG. Wohl aber in der noch zu nennenden Undifferenziertheit. „Der Deutsche Weg", nannte sich jene in Polen erschienene Wochenzeitung. Es gibt aber noch Namensvettern davon! Beispielsweise eine in Mönchen Gladbach (danach in Köln) ab Oktober 1928 erscheinende Periodika mit dem Titel: „Der Deutsche Weg. Katholische Wochenzeitung". Letztere fällt aus der Betrachtung heraus, weil man in deren Ausgabe vom 9. September 1932 lesen konnte:

„Ende dieses Monats gelangt der 4. Jahrgang unserer Wochenzeitung zum Abschluss. Vom 1. Oktober ab kann 'Der Deutsche Weg' nicht mehr durch die Post bezogen werden, wir haben ihn aus der Postzeitungsliste abgemeldet."

Dann gab es nach 1933 noch eine weitere katholische Wochenzeitung mit dem Titel „Der Deutsche Weg". Sie erschien allerdings nicht in Deutschland, war aber in deutscher Sprache geschrieben. Ihr Herausgeber war der Jesuit Friedrich Muckermann. Er, und sein Blatt waren mit eines des bestgehassten Objekte des Hitlerregimes. Die Zeugen Jehovas haben überdies keinerlei Anlass, sich über die Nazifeindliche Berichterstattung dieses Blattes zu beschweren. Ganz im Gegenteil. Sie müssten ihm sogar noch dankbar sein. So brachte Muckermann beispielsweise in der Ausgabe vom 29. Mai 1938 seines „Deutschen Weges" unter der Überschrift „Hitlerjugend und Familie" eine Nazikritische Notiz, die auf einen Sorgerechtsentzugsfall des Naziregimes in Sachen Zeugen Jehovas basierte.

Jetzt nimmt die Sache langsam kriminelle Dimensionen an! Nach 1945 meldete sich Muckermann erneut zu Wort. Er berichtete über seine tatsächliche Nazigegnerschaft. Auch die Redaktion der Zeugen Jehovas-Zeitschrift „Trost" erfuhr davon und schoss prompt eine Breitseite gegen Muckermann ab! Was hat er sich zuschulden kommen lassen? Der Historiker wird dazu sagen müssen nichts. Zuschulden kommen lassen hat sich indes die „Trost"-Redaktion die undifferenzierte Gleichsetzung des „Deutschen Weg" von Muckermann, mit jenen „Deutschen Weg", der seinerzeit in Lodz (Polen) erschien.

Das „Trost" (Nr. 561; 1. Februar 1946) schrieb dazu:

„Und wirklich bietet dass 'Basler Volksblatt' aus der Feder des Jesuitenpaters F. Muckermann den angeblichen Beweis an, dass die deutschen Katholiken 'den Heldenkampf gegen Hitler geführt haben.' (es handelt sich dabei besonders um die Herausgabe der verbotenen Zeitschrift 'Der Deutsche Weg', die jahrelang von F. Muckermann S. J. geschrieben wurde).

Unseren Lesern ist 'Der Deutsche Weg' nicht ganz unbekannt. Ein bemerkenswertes Zitat daraus erschien in dem Schriftchen 'Schau den Tatsachen ins Auge!' Von J. F. Rutherford. …

Zum Beweis, wie sehr die Kirche gegen die Hitlerregierung gearbeitet habe, können das Basler Volksblatt und Muckermann auf folgende Tatsachen hinweisen: Die Bücher, die F. Muckermann verfasst hatte, wurden durch die Gestapo verbrannt. 'Der Deutsche Weg' war verboten und musste illegal verbreitet werden. 'Der Deutsche Weg' hat die Hitlerregierung niemals anerkannt. Er brachte Aufklärung über die Konzentrationslager...."

Nach dieser Referierung kann sich die WTG es sich nicht verkneifen, sozusagen als Kommentar dazu, mit einem Gedicht zu antworten:

„Das Chamäleon.

Das ist ein Reptil

auffallend durch sein Farbenspiel.

Je nach Atmosphäre,

zeigt es sich dunkel und bald hell.

Es wechselt seine Farbe schnell.

Kommt etwas in die Quere,

und ähnlich dem Chamäleon

verändert Rom den Farbenton

Und seine fromme Lehre.

Es kann erscheinen ohne Not

in schwarz, weiß, Braun und Rot,

je nach der Atmosphäre."

Im weiteren Verlauf der „Trost"-Ausführungen kann man dann noch lesen:

„Es ist nicht nötig, zu bestreiten, dass auch im 3. Reich manche Gegner unter dem katholischen Volk und den 'Geistlichen' waren, obwohl 99,9 % hinter dem dem Führer standen. Aber die einflussreichen und verantwortlichen Beamten der römischen Kirche zählten nicht zu den Gegnern des Dritten Reiches, besonders nicht in den Tagen der gewaltigen Macht. … Am 29. Mai 1938 aber berichtete 'Der Deutsche Weg', ein katholisches Blatt, über den großen Erfolg der römischen Kirche, die schon unter dem 'allerkatholischsten Reichskanzler' Brüning darauf drängte, die Vereinigung der Zeugen Jehovas (damals Bibelforscher) aufzulösen, die aber die Durchsetzung ihres Willens erst durch Adolf Hitler bewirken konnte. Der Redaktor des katholischen Blattes ist der Jesuitenpater F. Muckermann, der seinen Bericht über Hitlers rechtswidriges Einschreiten gegen die Vereinigung und das Vermögen der Zeugen Jehovas mit einem 'Bravo!' auf Hitler beendet."

Pech für die WTG, dass ihre Kritik den falschen getroffen hat. Bezeichnend für die WTG, dass sie diese Komödie der Irrungen und Wirrungen, von sich aus, bis heute nicht richtiggestellt hat!

"Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan"

Man wird der deutschen Bibelforscherleitung unter Balzereit bescheinigen können, dass, soweit es an ihr lag, sie ihr Möglichstes versuchte, um das Hiterverbot abzumildern, oder im günstigsten Falle seine Aufhebung zu erreichen. Wie man weiß, waren die Verhältnisse nicht so, dass ihr Erfolg beschieden war. "Die Väter aßen saure Trauben und die Kinder bekamen davon stumpfe Zähne" wollte sinngemäß schon ein uralter Bibelspruch wissen (Hesekiel 18:2). Die Bibelforscher waren in Deutschland, aus der Sicht der zeitgenössischen Kirchen, doch "nur" eine religiöse Variante des verhassten Freidenkertums, dass mit Kirchenaustrittsparolen, die Kirchen unangenehm berührt hatte. Man nahm zwar allerhand Kritik in Kauf. Wenn jedoch da jemand auftrat, der auch zum Kirchenaustritt aufforderte - und das taten die Bibelforscher - dann "hörte die Gemütlichkeit auf". Dies war aus Sicht der Kirchen, ihre unverzeihlichste Grundsünde. Über alle theologischen Differenzen, konnte man gegebenenfalls noch jovial hinwegsehen. Wenn es jedoch mittels Kirchenaustrittsparolen ans "Eingemachte" ging, dann wurde man ungemütlich. Dann konnte man sehr schnell etwaige ethische Postulate aus dem Bibelkanon vergessen. Dann hieß die Parole nur noch: "Kampf bis aufs Messer".

In einer Position der inneren Schwäche, suchte man potentielle Bündnispartner. Inzwischen hatte sich das politische Klima in Deutschland dergestalt gewandelt, dass die Zahl derjenigen die da rechten Rattenfängern Gehör schenkten, immer größer wurden. Einem dieser Rattenfänger sollte es doch tatsächlich glücken, nach 1933 die politische Macht in Deutschland an sich zu reißen. Zwar hatte man auch mit ihm und seinesgleichen gewisse Differenzen, aber man glaubte doch, zumindest in der Anfangszeit, ihm eine reelle Chance einräumen zu sollen. Von jenen die als "Deutsche Christen" ganz auf die Linie des Rattenfängers einschwenkten, erst gar nicht zu reden.

Der Rattenfänger war nicht dumm. Er erkannte klar, wo den Kirchen der Schuh drückt. Und so offerierte er ihnen um sich auch bei ihnen beliebt zu machen, schon mal als erstes eine Verfemung des Freidenkertums. Zwar mussten die Kirchen später noch feststellen, dass jenes "Freidenkertum" unter anderem Namen in seiner Gefolgschaft durchaus weiterlebte. Aber man wollte dem Hitler ja, durchaus mal eine Chance geben. Also sah man für's erste über Rosenberg und Konsorten hinweg.

Ach ja, da war ja noch (aus kirchlicher Sicht) eine andere Art Sorte "Freidenker" namens "Bibelforscher". Konnte man die nicht auch gleich mit außer Kurs setzen? Es stellte sich sehr schnell heraus, dass dies keine Problem war. Zumal letztere dem Rattenfänger auch selbst unbequem waren und wurden. Schon in etlichen Ländern, des damals noch föderalistisch gegliederten Deutschland, waren diesbezüglich schon Nägel mit Köpfen gemacht worden. Nur eben noch nicht in Preußen, mit seiner Bundeshauptstadt Berlin. Auch das sollte sich noch ändern. Außenpolitische Rücksichtnahmen, zwangen hier zu einem etwas vorsichtigeren Vorgehen. Aber bald war auch dem Rattenfänger klar, dass diese Rücksichtnahmen nicht länger würden Bestand haben können. Und um seinem Regime eine breitere Basis zu geben, pflegte er in dieser Angelegenheit keine "einsame" Entscheidung zu treffen. Nein, er lud Kirchenvertreter zu Konferenzen diesbezüglich ein, wo man sich gegenseitig bestätigte, dass man mit den verhassten "Bibelforschern" auch nichts am Hut hatt. Aber die Etikette sollte schon gewahrt bleiben. Und so überließen es den die Kirchen dem Rattenfänger, auch diesbezüglich vollendete Tatsachen zu schaffen. Man hielt es mit dem "vornehmen Schweigen". Und signalisierte damit dem Rattenfänger: Deine Entscheidung wird von uns nicht angefochten.

Da waren da noch die Opfer selbst. Sie setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um das Unheil aufzuhalten und nachdem es eingebrochen war, möglichst wieder abzumildern. Und man konnte sogar Erfolge verbuchen. Dem Rattenfänger gelang es nicht, gleich nach der ersten Besetzung der Magdeburger Zentrale, schon vollendete Tatsachen zu hinterlassen. Nein, er müsste sich sogar wieder zeitweilig zurückziehen. Als er merkte, dass gar die USA-Regierung in diesem Poker mit einbezogen wurde, da wurde auch er immer kompromissbereiter. Er ließ sich sogar das Zugeständnis abtrotzen, die Vermögenswerte der Bibelforscher/Zeugen Jehovas freizugeben und sogar ihrer Transformierung ins Ausland - wenn auch widerwillig - zuzustimmen. Aber damit war nun wirklich das Ende der Fahnenstange erreicht. "Bis hierher und keinen Millimeter" weiter lautete die Endparole.

Nachdem die WTG auf diesem Wege ihr Vermögen gerettet hatte und auch sie erkennen musste, mehr ist nicht drin, da wurden auch ihrerseits alle bisher gepflegten diplomatischen Rücksichtnahmen ad acta gelegt. Saß man doch selbst im fernen Amerika. Pflegte man auch früher schon, den einzelnen nationalen Zweigstellen, keinerlei individuelle Kompetenzen zu bewilligen. Die nationalen Zweigstellen konnten, sollten und mussten zwar alles nach Brooklyn melden. Aber Entscheidungskompetenz hatten und haben sie nicht. Nur der Brooklyner Vatikan bestimmt.

Das mussten auch die deutschen Satrapen erfahren. Ihr Anteil an der Vermögensrettung - schön und gut. Aber das war inzwischen "Schnee von gestern". Wollte die WTG doch nicht bloß das Vermögen retten. Sie wollte eigentlich doch mehr und war mit letzterem kläglich gescheitert. Also war die Veränderung ihrer Politik angesagt. Da traf es sich gut, dass der Nazistaat ihren deutschen Statthaltern auch den Prozess zu machen pflegte. Da konnte man es gut nutzen, dass der Nazistaat jene deutschen Statthalter nunmehr wörtlich als Angeklagte anzureden pflegte. Auch ja, da der Nazistaat nun schon mal diese Vorlage geliefert hatte. Warum sollte man sie nicht gleich auch mit benutzen?! Gesagt - getan. Ein diesbezügliches Dokument ist auch die "Wachtturm-Ausgabe" vom 15. 7. 1936, aus der nachstehend noch zitiert werden soll:

"Kürzlich, als einige, die Stellungen von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit in der Organisation und im Werke der Gesellschaft bekleideten, vor Gericht gebracht und angeklagt wurden, sie hätten versucht, Gottes Werk gegen das Verbot der deutschen Regierung fortzusetzen, da versagten die so Beschuldigten vollständig, dass … Gebot des Herrn zu befolgen. Nicht nur unterließen diese Männer, den Namen Jehovas, sein Königreich und seinen König, Christus Jesus, zu erwähnen, denen zu dienen und zu gehorchen sie sich doch verpflichtet hatten, sondern sie machten vielmehr dem Feinde Zugeständnisse, indem sie erklärten, dass sie nichts getan hätten, um den Gesetzen Deutschlands zuwider die Interessen des Königreiches Gottes zu fördern. Eine Abschrift der Zeugenaussagen im Gerichte, dass in Halle über jene Fälle entschied, enthält die folgenden Anführungen aus dem Gerichtsprotokoll, und da es nicht nötig ist, irgendwelche Namen zu nennen, bezeichnen wir, ebenso wie das Protokoll es tut, die betreffenden Personen als die 'Angeklagten.'

Einer dieser Angeklagten nun gebrauchte in seiner Aussage vor Gericht diese Worte:

'Wir waren bemüht, alles zu vermeiden, was gegen das Verbot war (von Deutschland, welches das Predigen des Evangeliums vom Königreich verbot), weil wir der Überzeugung waren und auch heute noch sind, dass Glaubensfreiheit besteht, dass die Regierung (Deutschlands) nicht beabsichtigt, den einzelnen Christen ihren Glauben zu nehmen, und dass wir unbedingt dahin kommen würden und die Möglichkeit gegeben würde, dass die einzelnen Christen ihre Gottesdienste haben dürfen. Es ist meine Überzeugung, dass die Verhandlungen mit der Regierung der einzige Weg seien, um zu einem Resultat zu kommen, und ich habe gebeten, dass die Freunde diese Verhandlungen nicht stören möchten. Alle Informationen sind dieser Art gewesen.'

Die hier angeführten Worte bedeuten offenbar, soviel als: wir müssen eine irdische Macht fragen, ob wir Gott den Allmächtigen anbeten und ihm dienen sollen oder nicht.

Bei derselben am 17. Dezember 1935 in Halle stattgefundenen Gerichtsverhandlung machte ein anderer Vertreter der Gesellschaft, der der Verletzung der deutschen Verordnung angeklagt war, zu seiner Verteidigung folgende Aussagen, die wir hier aus dem Protokoll anführen:

Frage des Vorsitzenden des Gerichts: 'Haben Sie das für erlaubt gehalten, weiter treu zusammen zu stehen und eine Tätigkeit auszuüben?'

Antwort des Angeklagten: 'Nein, ich würde das als eine Verletzung der Verbotsmaßnahmen angesehen haben.'

Frage des Vorsitzenden des Gerichts: 'Ist davon gesprochen worden, dass alle treu zum Glauben halten sollen?'

Dazu gab der Angeklagte die Antwort: 'Das ist nicht besprochen worden. … Wir haben vielmehr einen organisatorischen Zusammenhalt unter den Glaubensfreunden zu verhindern gesucht. Die einzelnen Beamten (der Gesellschaft) waren auch nicht berechtigt, einen solchen Zusammenhalt zu organisieren oder zu fördern.'

Frage des Rechtsanwalts: 'Bei den Besprechungen, die in Magdeburg stattfanden zwischen den Bezirksdienstleitern, sind dort Andeutungen gemacht worden, dass der Einzelne sich seine Existenz suchen solle und das derselbe illegal tätig sein soll?'

Antwort des Angeklagten: 'Nein, im Gegenteil, einmal ist speziell von mir angeregt worden, dass solche Herren, die eine Tätigkeit haben, sie ablegen sollen.'

Die oben angeführten Aussagen der Angeklagten widersprechen durchaus dem, was Gottes Wort gebietet und sind stracks dem entgegengesetzt, was nach dem Erachten der Gesellschaft getan werden muss und was jene Vertreter zu tun angewiesen worden waren. Ihre Worte zeigen, dass sie auf einen Kompromiss mit dem Feinde eingingen. Die aber, die Gott und seinem Königreiche treu sind, müssen seinen Geboten gehorchen, ganz ungeachtet dessen, was irgendeine irdische Macht verordnen oder befehlen mag. Niemand kann sich Gott treu erweisen und seine Lauterkeit gegen Gott bewahren und gleichzeitig auf einen Vergleich mit den Feinden eingehen, indem er aus Furcht vor den Feinden Gottes und seines Reiches es unterläßt oder sich weigert, Gott zu dienen. Lauheit ist ein Greuel in den Augen Gottes (Offb. 3:16). Jehovas Zeugen lieben ihn, und sie beweisen dies durch ihren Freimut bei der Verkündigung des Zeugnisses der Wahrheit an diesem Tage des Gerichts (1. Joh. 4:17, 18). Die Richter, die über die oben erwähnten Fälle zu Gericht saßen, müssen die Halbherzigkeit der Angeklagten deutlich gesehen haben, und sie nahmen dennoch keine Rücksicht auf sie.

Die Gesellschaft würde ungereimt handeln, würde sie nun irgend etwas zugunsten jener Verurteilten unternehmen, nachdem sie sich unter Druck als untreu erwiesen haben. …

Kann da noch irgendein Zweifel in den Gedanken irgendeines Gliedes der wahrhaft gesalbten Tempelklasse darüber bestehen, dass die Schlacht zwischen den Religionisten und den treuen Knechten Jehovas jetzt im Gange ist? Hat diese Schlacht nicht mit wachsender Heftigkeit während der letzten zehn Jahre gewütet? Die römisch-katholische Hierarchie hat alle Geschütze auf die Zeugen Jehovas gerichtet. In Deutschland hat diese böse 'alte Hure' eine Anzahl abgeschreckt, dass sie verstummt sind; doch sind in jenem traurigen Lande viele demütige, treue und wahrhaftige Zeugen geblieben, die entschlossen sind, das Gebot zu befolgen und das Zeugnis zu geben, selbst wenn dies sie ihren letzten Blutstropfen kosten sollte."

Michael H. Kater

Die Ernsten Bibelforscher im Dritten Reich

Anlässlich ihres Kongresses im Jahre 1971, der unter dem Motto stand "Göttlicher Name", betrieb die WTG auch eine intensive Pressearbeit, um sich so möglichst positiv in der Presse widergespiegelt zu finden. Eigens zu diesem Zweck richtete man damals einen eigenen "Jehovas Zeugen Nachrichtendienst (JZN)" ein, dessen damalige Anschrift war: 7600 Offenburg-Albersbösch, Jägerpfad 3. Auch die Westberliner Anschrift der WTG (damals: Berlin 19, Bayernallee 49/50) war in den Materialien dieses Pressedienstes vermerkt. Bekanntlich residiert in letzterer Immobilie heute ein privat geführtes Seniorenheim, für das die WTG entsprechenden, ortsüblichen Mietzins zu kassieren pflegt.

In dieser Pressemitteilung pflegte man auch gewisse vermeintlich beeindruckende Fakten zu zitieren. So unter anderem, dass die Berliner Zeugen Jehovas vor dem Hitlerverbot im Ärzte-Haus in der Luisenstr. ihre Versammlungsstätte gehabt hätten. Die Erwähnung dieser Immobilie geschah nicht ohne Hintersinn. Der wird dann deutlich wenn man dann weiter liest, dass just dort, zu DDR-Zeiten die Volkskammer der DDR ihren Sitz hatte.

Weiter meinte man die Journalisten auch noch mit der Auflagenhöhe der WTG-Literatur beeindrucken zu können. Genannt wird das WTG-Buch "Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt" mit der Angabe 40 Millionen Exemplare in beinahe 70 Sprachen. Mit stolzgeschwellter Brust reklamiert man dann weiter, dass demzufolge, statistisch gesehen "auf je 100 Personen der Weltbevölkerung je 1 Exemplar dieses Buches kämen." Man meint zu wissen, dass es demzufolge nach der Bibel, das weitverbreiteste Buch sei.

Da man schon dabei ist in Superlativen zu schwelgen, kann man es sich nicht verkneifen, den Journalisten noch ein Highlight mitzuteilen. Das liest sich dann so:

"In dem 'Vierteljahresheft für Zeitgeschichte' (17. Jahrgang 1969/2. April-Heft), herausgegeben von Hans Rothfels und Theodor Eschenburg, beschreibt ein Artikel, 'Die Ernsten Bibelforscher im Dritten Reich von Michael H. Kater, die Verfolgung der Zeugen Jehovas." Ende der Durchsage.

Schon die gewählte Formulierung offenbart einiges. Zum ersten, dass die JZ-Pressedienst von Leuten gestaltet wurde, die eine wissenschaftliche Bibliothek in der Regel noch nie von innen gesehen haben. Dies macht schon die Titelangabe deutlich. "Vierteljahresheft" anstelle von "Vierteljahreshefte". Ein kleiner Lapsus. Sicherlich. Nicht wert an die große Glocke gehängt zu werden. Auch richtig. Dennoch sagt er durchaus etwas aus, über das Niveau jener, die da diesen Pressedienst gestalteten. Auch bezeichnend. Auf eine Detailreferierung dieses Aufsatzes verzichtet man. Man nennt ihn bloß. Und setzt damit voraus. Der Durchschnittsjournalist muss selbst in Bibliotheken diesbezüglich recherchieren. Oder es auch sein lassen.

Noch etwas ist anzumerken. Der Titel dieses Aufsatzes dürfte ja wohl für die Befindlichkeit der Zeugen Jehovas interessant sein. Informierte man daher auch die eigene Anhängerschaft in den eigenen Zeitschriften näher darüber? Auch dies muss man verneinen. Nirgends in der WTG-Literatur wird Kater im Detail referiert.

Wie anders doch die Situation, nachdem das Garbe-Buch auf dem Markt war. Nach einer gewissen "Verdauuungsfrist" reagierte die WTG sehr wohl. Man kann es plastisch an ihrem "Standhaft"-Video erkennen. Böse Zungen sagen gar, Detlef Garbe ist in diesem WTG-Video der unausgesprochen heimliche Hauptdarsteller! Sicherlich, Zeitzeugen sind vormal die Hauptdarsteller darin. Jedoch wenn es um die Wiedergabe wertender Urteile geht, dann ist Garbe der "King" dieses Videos!

Wie so anders erging es doch Michael H. Kater. Wer seinen Aufsatz liest, kommt zu dem Resultat. Kater ist Garbe ebenbürtig. Kater hat schon vor Garbe die wesentlichen Punkte auf den Punkt gebracht. Jetzt kommt aber der feine aber entscheidende Unterschied. Der betrifft die "Laufbahn" beider Autoren. Sie ist bei Kater eindeutig. Er wurde Geschichtsprofessor und hat noch einige weitere Veröffentlichungen die Zeit 33-45 betreffend vorgelegt.

Und was ist mit Garbe? Als seine Dissertation angenommen wurde, da war es durchaus noch nicht ausgemacht, wohin der Weg von Garbe endgültig hinführen würde. Sicherlich. Gewisse Weichenstellungen waren schon vorhanden. Kater hat meines Wissens nie zusätzlich evangelische Theologie studiert. Garbe sehr wohl. Und das ist denn auch das Kriterium.

Sicherlich Garbe hat es geschafft Pionierdienste für die Errichtung der Gedenkstätte Neuengamme zu leisten. Vor Garbe gab es dieses ehemalige KZ nicht als Gedenkstätte. Sein diesbezügliches Engagement hat sich für ihn auch dahingehend ausgezahlt, dass er heute Leiter dieser Gedenkstätte ist. Wer bezahlt Garbe's und das Gehalt seiner Mitarbeiter, dass sie allmonatlich kassieren? Bezahlen tut es der Steuerzahler. Sicherlich, auch beim anderen genannten Beispiel (Kater) ist festzustellen, dass er aus staatlichen Steuermitteln sein Gehalt bezieht. Um nicht mißverstanden zu werden: "Geschenkt" bekommen beide nichts. Sie müssen dafür auch eine entsprechende Leistung erbringen.

Der Punkt ist doch wohl der. Das die geschichtlichen Zeugen Jehovas den Staat in besonderem Maße herausforderten. Tritt da jemand heute in Erscheinung, der diese Herausforderung in glatten Worten bagatellisiert oder gar schönredet, muss er damit rechnen, dass es sehr wohl Gründe gibt, dieses schönreden nicht hinzunehmen und dies dem Betreffenden auch deutlich zu sagen.

Man weiß: Öffentliche Kassen pflegen ziemlich oft leer zu sein. Jede Institution, die sich aus öffentlichen Geldern speist und der es gelingt sich neu zu etablieren, muss in der Regel erst einmal einen harten Existenzkampf führen, bevor sie sich durchgesetzt hat. Es ist dabei durchaus nicht immer gegeben, dass dieser Kampf positiv ausgeht. Es kann, finanziell bedingt, auch anders ausgehen! Was wäre hätte Garbe den eingeschlagenen Weg nicht positiv abschließen können. Wäre er dann vielleicht als Dozent für Geschichte an einer Universität gelandet? Die Frage ist zwar spekulativ. Zugegeben. Dennoch wage ich zu behaupten. Es spricht einiges dafür. Er hätte es nicht geschafft. Viel eher würde dann sein Weg in eine andere Richtung geführt haben. Vielleicht gäbe es dann gar einen "Pfarrer Dr. Garbe"!

Damit möchte ich zum Ausdruck bringen. Ich habe Vorbehalte gegen Garbe. Vorbehalte nicht geringer Art. Sie lassen sich kurz zusammengefasst mit einer Vokabel veranschaulichen. Eine Vokabel von Garbe selbst geprägt und verschiedentlich auch verwandt. Er verwendet für die Zeugen Jehovas in der NS-Zeit die Vokabel "Glaubensgehorsam". Das hört sich zwar schon fromm an. Ist in der Sache aber eine Provokation sondergleichen wenn man die kritisch zu bewertende Geschichte der Zeugen Jehovas in das Urteil mit einbezieht. Wenn der "verhinderte Pfarrer" von Glaubensgehorsam spricht, dann kommt mir mit Verlaub, der auch ich diesen Glaubensgehorsam am eigenen Leibe austesten durfte. Dann kommt mir mit Verlaub gesagt "das kotzen an". Diesen Punkt verzeihe ich Garbe nicht. In diesem Punkt ist er für mich "der" Gegner dem kein Pardon gewährt wird. Es sei denn er revidiert sich. Danach sieht es aber durchaus nicht aus.

Grundsätzlich ist festzuhalten. Die Opfer dieses "Glaubensgehorsam" erfolgten für eine nachweisbar, weltanschauliche Illusion. Und der Preis der dabei gezahlt wurde ist zu hoch. Diese Feststellung schmeckt den Herrn Pfarrern nicht. Und Ergo auch Garbe nicht. Belieben sie doch heutzutage auch die wenigen "Widerständler" der evangelischen Kirche im Dritten Reich groß zu verkaufen. Ihre weit größere zeitgenössische Anpassung an das NS-Regime landet dann im "Kleingedruckten". Die Zeugen Jehovas sind in der Tat eine Ausnahme von dieser Regel, nach 1934 (1933 waren auch sie es noch nicht). Es ist verständlich, dass dieser Sachverhalt dazu animiert in detaillierter auszuführen. Entscheidend ist letztendlich die damit verbundene Wertung. Eugen Kogon sprach es schon zeitgenössisch aus, dass es sich dabei um "scharfkantige Diamanten" handelt, an denen man sich kräftigst schneiden kann. Garbe hingegen ist bemüht diese scharfen Schnittstellen nicht gebührend deutlich werden zu lassen.

Wie steht Garbe selbst zu Kater? In der Einleitung seines "Widerstands"-Buches zollt er auch ihm dergestalt Respekt, wegweisendes geleistet zu haben. Er meint weiter gewisse Unkorrektheiten wahrzunehmen bzw. Aspekte, wo weiter detailliert geforscht werden müsste. Akzeptiert. Nicht akzeptiert meinerseits sind die nachfolgenden Garbe'schen Wertungen. Er wirft ihm eine "Betrachtung von außen" vor. Ich kann nicht erkennen, werter verhinderter Pfarrer Garbe, inwieweit dieses Argument stichhaltig sein kann. Richtig. Kater beschreibt aus der Sicht des Außenstehenden Beobachters. Man merkt Kater ohne Zweifel an, nie wäre er selbst je Zeuge Jehovas geworden. Diese Distanziertheit ist auch für die WTG nicht sonderlich angenehm. Das ändert meines Erachtens nichts daran, dass ein Außenstehender mitunter jene Punkte deutlicher beim Namen nennt, die "Insider" in ihrer "Betriebsblindheit" so nicht mitzubekommen pflegen. Dieser Garbe-Einwand ist damit zurückgewiesen. Im übrigen. Meines Wissens ist der "verhinderte Pfarrer Garbe" auch selbst nie Zeuge Jehovas geworden. Es muss demzufolge doch auch Dinge geben, die auch ihm nicht zusagen.

Noch so eine nebulöse Formulierung von Garbe: "Die mangelnde Vertrautheit mit den religiösen Ausdrucksformen." So, so. Hätte also Kater über das WTG-Datum 607 v. u. Z., über "1914" usw. usf. referieren sollen? Dies im Geleise der Zeugen Jehovas? Er hätte sich seine Mühe dann sparen können. Und bei der Vorabbewertung der eingereichten Beiträge, wäre ein solcherart anders gestalteter Aufsatz mit Sicherheit bei der Redaktion der renommierten Historiker-Zeitschrift durchgefallen.

Es ist offensichtlich. Garbe muss sich von Kater absetzen, um sein eigenes Projekt begründbar zu machen. Insoweit er zusätzliche Quellen erschlossen hat, pflichte auch ich ihm bei. Nicht jedoch in seinem vorstehend genannten Pauschalurteil, dass sachlich nicht haltbar ist.

Weiter ist Garbe offensichtlich über den Kater'schen Vergleich nicht glücklich, der da Gemeinsamkeiten zwischen den totalitären Nationalsozialismus und den autoritären Zeugen Jehovas wahrnimmt. Garbe's diesbezüglichen Kritikpunkt formuliert er dahingehend (Garbe, 3. Aufl. S. 529) dass dies letztendlich auf eine "Schuldzuweisung an die Adresse der Opfer" hinauslaufen könne.

Hier werfe ich Garbe vor. Er differenziert nicht ausreichend. Schuldzuweisung. An wessen Adresse? An die Adresse des kleinen Zeugen Jehovas, der möglicherweise gar mit seinem eigenen Leben bezahlt hat? Doch wohl nicht in erster Linie. Die Schuldzuweisung geht an die im trockenen Hort Sitzenden. An die in Brooklyn und an ihre Schleppenträger, die die Brooklyner Schuld bagatellisieren!

Kehren wir zu Kater zurück. Wie schon bemerkt, ist wohl auch die WTG zu der Einschätzung gelangt, dass Kater sich nicht so sonderlich für ihre Propagandaambitionen eignet. Ein Grund mehr, sich für ihn zu interessieren!

Sein in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte" (17. Jg. 1969 Heft 2 S. 181f.) veröffentlichter Aufsatz; "Die ernsten Bibelforscher im Dritten Reich", kann man durchaus das Prädikat "wegweisend" zu sein zuerkennen. Der Autor, mittlerweile auf einer Professur in Kanada tätig, hatte es so ziemlich mit als erster unternommen, den Komplex Jehovas Zeugen und das NS-Regime im Detail zu untersuchen. In seiner einleitenden Bestandsaufnahme stellt auch er fest, dass außer einer 1965 von Friedrich Zipfel veröffentlichten Studie über den "Kirchenkampf in Deutschland", sogut wie keine zeitgenössischen ernstzunehmenden Darstellungen und Bewertungen vorlägen. Abgesehen von der "KZ-Literatur" unmittelbar nach 1945 erschienen, wo man in diesbezüglichen Büchern den Bibelforschern auch begegnen konnte. Dann war aber erst mal mehr oder weniger Schluss. Erst Zipfel und Kater öffneten dann wieder diesen "kordischen Knoten".

Kater selbst kommentiert diesen Sachverhalt mit den Worten:

"Eine Erklärung dafür, warum die Ernsten Bibelforscher in der Widerstandsliteratur bisher so stiefmütterlich behandelt worden sind, mag man darin sehen, daß sie im Gegensatz zu den bekannten, großen Persönlichkeiten des deutschen Widerstandes, meist sehr einfache, den untersten Schichten des Volkes entstammende Menschen waren, die sich statt auf formale geistige Bindung auf einen einfältigen, aber unerschütterlichen religiösen Glauben als Fundament ihrer Opposition gegen das nationalsozialistische Regime verließen. Ihr Widerstand war die Opposition gesellschaftlich und wirtschaftlich unterprivilegierter Kreise" (S. 182).

Den Ursachen der Gegnerschaft des Nationalsozialismus nachgehend, bringt er den Sachverhalt mit einem Zitat auf den Punkt. Religiöse Sekten, so Kater "waren lediglich dann harmlos für den NS-Staat, wenn, wie es in einem Schreiben der Gestapo vom Juni 1938 heißt, ihre Veranstaltungen sich 'streng im Rahmen der Pflege des kirchlichen Lebens' bewegten und keinerlei 'politische oder kirchenpolitische Polemik' enthielten. Diese Kriterien trafen nach Meinung der NS-Ideologen auf die Ernsten Bibelforscher nicht zu" (S. 184).

Die nationalsozialistische (respektive auch die ihrer Vorläufer) Polemik gegen die Bibelforscher aufnehmend, berichtet auch Kater, wie in dieser vereinfachenden, undifferenzierten Sicht, Bibelforscher, Juden, Freimaurer, teilweise auch Kommunisten auf eine Stufe gestellt wurden. Zurecht bemerkt auch Kater, dass dies im Prinzip einer "Milchmädchenlogik" gleichkommt. Diesen Gedankengang weiterführend merkt er an:

"Reichsführer-SS Himmler gab 1944 sogar vor zu wissen, die Zeugen Jehovas seien 'schärfstens gegen die Juden eingestellt, und auch Rudolf Höß will in Auschwitz beobachtet haben, daß Ernste Bibelforscher die Juden leiden und sterben ließen, 'weil ihre Vorväter einst Jehova verrieten" (S. 186).

Dazu kommentiert Kater:

"Tatsächlich kommt die Bemerkung Höß' der Wahrheit ziemlich nahe: die Zeugen Jehovas waren niemals Antisemiten aus rassischen Gründen, doch haben sie einen religiös motivierten Antisemitismus stets vertreten, wie aus ihren Schriften klar hervorgeht. Intoleranz gegenüber Juden vertrug sich durchaus mit dem totalitären Weltbild der Bibelforscher."

An dieser Stelle muß Widerspruch eingelegt werden. Genauer, Wert auf Differenzierung gelegt werden. Kater hat für sein Statement ganz offensichtlich nur die Zeugen Jehovas-Literatur der 1930-er Jahre ausgewertet. Was er bezogen auf diesen Zeitraum kommentierend anmerkt, ist sachlich richtig. Zur vollen Wahrheit gehört aber auch, dass die Bibelforscher der 1920-er Jahre und davor, in der Judenfrage eine grundsätzlich andere Auffassung hatten. Den von Rutherford diesbezüglich eingeleiteten "Purzelbaum" hat Kater offenbar nicht mitbekommen. Er setzt die Position der 30-er Jahre als statisch "schon immer bestehend" gleich. Das ist falsch.

Ein weiterer durchaus grundsätzlicher, Kommentar von Kater sei noch zitiert:

"Der tiefere Grund für die Todfeindschaft zwischen Nationalsozialismus und Bibelforschertum lag in der strukturellen Ähnlichkeit der beiden Ideologien. Wie die Weltanschauung des Nationalsozialismus, so war auch die Doktrin der Zeugen Jehovas nicht demokratisch, sondern autoritär geprägt. Beide Systeme waren totalitär insofern, als sie Volksgenossen wie Glaubensbrüder streng in die jeweilige Herrschaftshierarchie eingliederten und sie in jeder Situation aufforderten, sich für die Zwecke des Systems von ihrer Eigenpersönlichkeit zu lösen. Während Nationalsozialisten sich zum 'Führerstaat' bekannten, beriefen Ernste Bibelforscher sich auf die 'Theokratie', in der nicht der Führer, sondern Jehova Gott diktatorisch regiere. Da beide Richtungen also den Anspruch auf Ausschließlichkeit vertraten, mußte es unweigerlich zum Konflikt kommen" (S. 187).

Diesen Gedankengang weiter ausbreitend merkt Kater dann auch noch an:

"Diese Lehre enthält schon in ihren Grundbegriffen genügend staatsfeindliche Gedanken, die dem Charakter der 'Neutralität', den die Sekte von jeher beanspruchte, eindeutig widersprechen" (S. 188).

Dieser Einschätzung von Kater ist voll zuzustimmen! In den nachfolgenden Ausführungen untermauert Kater diesen Fakt dann noch weiter mit Details.

In einem zweiten Abschnitt referiert der Autor dann Details der Verbotsentwicklung. Er bringt darin schon alle wesentlichen Aspekte mit zum Ausdruck. Wenn etliche Jahre später ein Detlef Garbe ein ganzes Buch zum Thema vorlegte, dann kann man dazu kommentierend nur sagen: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne". Was Garbe ausführt hat davor schon Kater gesagt. Letzterer vielleicht sogar in etwas griffigerer und lesbarerer Form!

Der dritte Abschnitt seiner Ausführungen behandelt die "Spätphase" im NS-Regime. Ein charakteristisches Zitat dazu:

"So ergab sich oft das Paradox, daß dieselben Zeugen Jehovas, die von der SS im Übermaße mißhandelt wurden, sich gerade dieser SS im täglichen Betrieb des Konzentrationslager unentbehrlich machten. SS-Führer nutzten den Charakter der Zeugen Jehovas aus; sie setzten die Bibelforscher als Kalfaktoren, Köchinnen und Kinderfrauen ein, weil sie als 'ruhige, fleißige und umgängliche, stets hilfsbereite Menschen' bekannt waren, wie der ehemalige SS-Obersturmbannführer Rudolf Höß sich noch nach dem Kriege erinnerte. Von Bibelforschern ließ sich die SS rasieren, denn sie wußte, daß ein Zeuge Jehovas niemals einen Menschen töten würde, auch nicht seinen ärgsten Feind" (S. 216, 217).

Seine Studie beschließt er mit dem Satz:

"Als im Frühjahr 1945 die Stunde der Befreiung für die Zeugen Jehovas in den deutschen Konzentrationslagern schlug, waren sie, die in ihrem naiven Glauben so lange ausgeharrt hatten, felsenfest davon überzeugt, daß ihre Ideologie sich der nationalsozialistischen gegenüber schließlich als die überlegenere erwiesen hat" (S. 218).

Eine Detailauseinandersetzung mit der "Theologie" der Zeugen Jehovas wird von Kater nicht vorgenommen. Sie ist nicht das, was ihm im besonderen interessieren würde. Gleichwohl, auch die "Theologie" verdient es, mit ins Blickfeld genommen zu werden. Nicht "nur", aber auch. Und zur Theologie der Zeugen Jehovas gehört auch, wie Rutherford in den zwanziger Jahren es mal plastisch formulierte, daß "Millionen jetzt Lebender nie sterben" würden. Im Gegensatz zu anderen Kirchen ist die diesbezügliche Erwartung nicht auf den "Himmel" gerichtet, sondern irdisch, auf dieser Erde. Von jener Rutherford-Generation lebt heute fast keiner mehr. Auch nur noch sehr wenige von den KZ-Überlebenden. In diesem Kontext kann man die Vokabel von Kater, dass es sich bei den Zeugen Jehovas um einen "naiven Glauben" handele, nur zusätzlich unterstreichen!

"Faschismus oder Freiheit"

Im "Jahrbuch 1940 der Zeugen Jehovas" (S. 258-260) findet sich auch die Meldung über das Verbot einer Zeugen Jehovas-Schrift durch schweizerische Behörden:

"So müssen wir heute … die für ein demokratisches Land beschämende Tatsache erwähnen, dass die Schweizerische Bundesanwaltschaft dem Druck der Hierarchie nachgegeben hat und zum Verbot der Broschüre 'Faschismus oder Freiheit' geschritten ist. Das beweist, dass die Schweiz an einem Scheideweg angelangt ist. Offiziell stützt sich diese Polizeimaßnahme auf einen kürzlichen Bundesratsbeschluß, der alle Angriffe auf fremde Staatsoberhäupter verbietet. Ferner wurde erklärt, die Broschüre übe 'maßlose Kritik an der katholischen Kirche.' Die Broschüre spreche ferner von einer Verschwörung zwischen Faschismus und römisch-katholischer Hierarchie. Damit würden einfach Tatsachen festgestellt. Gerade dieser neuerliche Versuch, die Behörden der Schweiz zur Unterdrückung einer zeitgemäßen biblischen Botschaft mobil zu machen, sei ein weiterer Beweis für diese Verschwörung. Die Nazis und die katholische Hierarchie gingen bei der Verfolgung unserer Geschwister Hand in Hand. Über 100 Zeitungen der Schweiz brachten nun aus Anlass dieses ersten Großangriffes auf unser Werk in den Tagen vom 7. bis 12. August eine Notiz über das Verbot der Broschüre 'Faschismus oder Freiheit'. Der Tatbestand wurde aber besonders von den katholischen Zeitungen sehr verzerrt dargestellt."

Angesichts dieser Information, mag es nun angezeigt sein, sich für die eigentliche Broschüre „Faschismus oder Freiheit" etwas näher zu interessieren. Analysiert man diese Rutherford'sche Schrift, so stellt man fest, dass ein wesentlicher Kern in den Klagen der Zeugen Jehovas bestehen, katholische Kreise hätten es in den USA erreicht, dass ihnen beispielsweise Versammlungsstätten kurzfristig wieder gekündigt wurden oder das Druck auf Radiostationen ausgeübt wurde. Rutherford kommentiert:

"Die Hierarchie hat die öffentliche Presse und die Eigentümer vieler Radiosender eingeschüchtert, ins Bockshorn gejagt und sie durch Drohungen in Furcht versetzt, damit das Volk nicht die Wahrheit höre" (S. 23).

Als Beispiel nennt er: "Am 11. September des vergangenen Jahres hielt ich in London einen Vortrag, der durch Radio nach vielen Ländern übertragen wurde. Mehr als 100 Radiosender in Amerika vermittelten diese Ansprache betitelt 'Schau den Tatsachen ins Auge.' Um die Leute zu hindern, eine Darlegung der Tatsachen anzuhören, ließ die katholische Aktion vielen Radiostationen eine Flut von Drohbriefen zukommen, und aus Furcht gaben einige Sender ihrem Verlangen nach" (S. 19).

Aber auch Rutherford versuchte in gleicher Weise mobil zu machen. Wenn auch, mit weniger Erfolg: "Angesichts dieser Tatsachen und zur Ermutigung der Radiosenderleiter, die diese Rede im Interesse der Allgemeinheit ausstrahlen, dringe ich in alle Zuhörer, Jehovas Zeugen und alle andern die Freiheit und Gerechtigkeit lieben, an die Radiostation, der sie lauschen, sofort brieflich ihren herzlichen Beifall für die Sendung dieser Rede auszudrücken" (S. 30).

Es war offensichtlich, dass ein gewichtiger Abschnitt dieser Rutherford-Rede auch den Verhältnissen in Deutschland gewidmet war. Verständlich, dass er auch dabei eine deutliche Sprache bevorzugte. So wiederholte er etwa wieder sein Lieblingszitat aus der Wochenzeitung "Der Deutsche Weg" vom 29. 5. 1938, ohne hinzuzufügen, dass es sich dabei um die in Lodz (Polen) seinerzeit erschienene Ausgabe handelte. Dieser Hinweis wäre auch aus dem Grunde wichtig gewesen, weil es noch eine andere Zeitschrift gleichen Namens gab, die inhaltlich eine deutsche Exilzeitschrift darstellte und mit der Ausgabe aus Lodz in keiner Weise vergleichbar ist.

Vielleicht mit am deutlichsten ist das folgende Rutherford'sche weltpolitische Resümee:

"Seitdem dieses scheußliche Ungeheuer, die totalitäre Herrschaft erschienen ist, sind die Freiheiten des Volkes jäh geschwunden. Stets wachsendes Elend ist über die Nationen gekommen. Zu diesen Nöten und Verbrechen gehören folgende: Der Raub Abessiniens; das leichtfertige Morden Unschuldiger in Spanien; die grausame Verfolgung von Juden und Christen in Deutschland und Italien, und nun der ungerechtfertigte Angriff auf die Tschechoslowakei; ferner der heimtückische Versuch, die Bewohner Englands und Amerikas ihrer Freiheiten zu berauben. Wenn der Wahnsinn ausgetobt hat und die Drangsal vorüber ist, wird die wahre Geschichte der Welt unter gesunden Verhältnissen geschrieben. Es wird sich dann völlig herausstellen, dass die Strafbareren, also die, welche an diesen Verbrechen und Nöten die Hauptschuld tragen, jene sind, die die römisch-katholische Hierarchie bilden, unter dem Vorsitz des (inzwischen verstorbenen) Papstes, der die katholische Aktion einführte.

Das Haupt der Hierarchie schien es gut zu verstehen, sich mit seinen politischen Bundesgenossen in eine Linie zu stellen. Eine Stunde nachdem das Schicksal der Tschechoslowakei mit Zustimmung der päpstlichen Bundesgenossen festgesetzt worden war, rief der Papst, zur Betonung der Wichtigkeit des religiösen Elementes in dem Bunde, die treuen Katholiken zum Gebet für den Frieden auf.

Als Italien die Abessinier hinmordete, als Franco, der Rebell, und andere Faschisten Tausende von Unschuldigen in Spanien umbrachte und weiterhin umbringt, und auch als sein Freund Hitler von Österreich Besitz ergriff und wehrlose Juden und Christen vertrieb, da hat es dem Papst nicht für ratsam erschienen, für den Frieden zu beten.

Nun aber betet er um Frieden, und Hitler kann ungestört die Tschechoslowakei einsacken (was inzwischen auch geschehen ist).

Den Christen ist es völlig klar, dass wir in den letzten Tagen und daher in der Zeit großer Gefahr leben" (S. 27, 28).

Im Zusammenhang mit dem Verbot der obigen Broschüre, veröffentlichten die Zeugen Jehovas in der Schweiz im Jahre 1939 auch eine „Verteidigungsschrift zur Abwehr der unerhörten Presse-Angriffe gegen Jehovas Zeugen." In ihr, wurde relativ umfänglich, zu dem Verbot der „Faschismus oder Freiheit"-Broschüre, aus der Sicht der Zeugen Jehovas Stellung genommen. Man konnte darin lesen:

„Man hat also die Bundesanwaltschaft solange bestürmt, bis das Verbot einer Broschüre der Zeugen Jehovas … zustande kam, nachdem die Verbreitung der gesamten Auflage von 12 Millionen - davon 150 000 in der Schweiz - beendet war, ohne dass eine Erschütterung des Friedens und der öffentlichen Sicherheit hervorgerufen worden wäre. Tausende von faschistischen Propagandaschriften kursieren im Schweizerland. Sie zielen ab auf die Beseitigung dessen, was es in der Schweiz zu verteidigen gilt. Aber um das Verbot dieser antidemokratischen Literatur bemühen sich diejenigen, die gegen Jehovas Zeugen wühlen, nicht.

Tausende von Zeugen Jehovas, die auch heute noch in Deutschland - fast als einzige unter 80 Millionen - dem Wüten des abgöttischen Nazi-Faschismus mutig widerstehen, sind Beweise für das eben Gesagte. Ihre Standhaftigkeit entspringt klarer biblischer Erkenntnis von der Art wie sie in der verbotenen Broschüre 'Faschismus oder Freiheit' vermittelt wird.

Schweizerbürger, du bist am Scheideweg!

Wenn heute in einer Demokratie ausgerechnet das unterdrückt wird, was die wirklich christlichen Bürger des Landes gegen die Seuche des Faschismus immun machen könnte, so ist das dem gemeinsamen Druck der Nazis und der römisch-katholischen Hierarchie zuzuschreiben.

Schweizerbürger, nimm zur Kenntnis, dass die Schweiz die einzige Demokratie ist, wo diese Broschüre nunmehr als verboten gilt!

Wie wird nun so etwas begründet?

Zunächst sollen Ausführungen über Hitler als fremdes Staatsoberhaupt der Verbot der Broschüre veranlasst haben… Aus schweizerischen Kantonen, vorab aus dem Kanton Freiburg, beklagt man sich darüber, dass ein paar offene Wahrheiten über Hitler gesagt werden? Sind wir schon so weit? Sitzen schon in allen Teilen der Schweiz, Schweizer, die nach einer Bestrafung derjenigen schreien, die es wagen, über Hitler die Wahrheit zu schreiben und zu sagen? Wer sind die Beschwerdeführer?

Nicht etwa bloß Nazijünger von der Art der Frontisten, sondern auch aktive Mitglieder der Katholischen Aktion!

Natürlich stört an dieser Broschüre nicht am meisten das, was über Diktatoren gesagt, sondern das, was über das Zusammengehen der römisch-katholischen Hierarchie mit den Diktatoren enthüllt wird. … Immerhin nehme man zur Kenntnis, dass sich Leute der Katholischen Aktion mit ihren Protesten an die Bundesanwaltschaft zu Verteidigern des Ansehens Hitlers im Ausland machen! … Obwohl sich in der … Broschüre … Nur ein paar Zeilen mit Hitler befassen - und auch das sind keine persönlichen Angriffe, sondern er wird als Vertreter einer abgöttischen Staatsidee erwähnt -, haken seine katholischen Verteidiger auf diese paar Worte ein …

Der scheinbar am stärksten inkriminierte Satz auf Seite 11 der Broschüre besagt, wie ein Mensch in einem Nachbarland zur Macht erhoben wurde, der in gänzlicher Missachtung der Freiheiten des Volkes vorging. Solche Dinge durften vor kurzem noch gesagt werden ohne polizeiliche Maßnahmen zu gewärtigen, und daher kann man uns nicht mutwillige Bosheit vorwerfen, zumal da dieselben Dinge seit Jahren immer wieder in unserer Literatur gesagt worden sind und auch gesagt werden durften.

Obwohl gerade Jehovas Zeugen in katholischen Presseorganen maßlos beschimpft werden - als 'Sendboten Moskaus' etc. -, erfährt man aus Zeitungen, dass 'maßlose Angriffe auf die katholische Kirche' der weitere Grund für das Verbot dieser Broschüre sein sollen.

In einem Fastenhirtenbrief vom Jahre 1937 erlaubte sich der Bischof von Chur den verleumderischen und beleidigenden Ausspruch: 'Für den Kommunismus arbeiten auch eine ganze Reihe verschiedener Sekten, unter denen ich heute ganz besonders auf die 'Ernsten Bibelforscher' oder 'Zeugen Jehovas' hinweisen möchte.' …

Ergänzt wird diese Stellungnahme noch durch den auszugsweisen Abdruck einer Eingabe an die Schweizer Bundesanwaltschaft vom 21. 7. 1939. Im Prinzip werden die vorgenannten Argumentationselemente wiederholt. Geäußert wird darin auch:

„Die Grenzen einer maßlosen und berechtigten Kritik werden in dieser Broschüre gewiss nicht überschritten. Bei der Übertragung des englischen Originals ins Deutsche ist die besondere Lage der Schweiz durchaus nicht außer acht gelassen worden. Kräftige Ausdrücke, die in Amerika bei der freien Einstellung der Amerikaner kein besonderes Aufsehen erregen, wurden in der deutschen Übersetzung abgeschwächt, eben, weil auch wir durchaus nicht verkennen, dass der Schweiz, einem kleinen Lande in gefährdeter Position, die schwere Aufgabe zufällt, seine Selbstständigkeit zu wahren. …

Die Broschüre enthält allerdings Ausführungen, wobei Hitlers Name genannt ist. Doch warum sollte sie deswegen verboten werden? Wenn z. B. von Hitler gesagt wird, er sei fanatisch, so könnte er das selbst nicht als Schmähung auffassen, weil für ihn Fanatismus ein Ideal ist und nach seinen eigenen Aussagen nur fanatische Menschen etwas Rechtes leisten und alle echten Nazis Fanatiker sein müssten.

Doch selbst, wenn die Beschwerden, die der Bundesanwaltschaft aus verschiedenen Kantonen zugegangen sein sollen, diesen Punkt - fremdes Staatsoberhaupt - nennen sollten, so steht es außer Zweifel, dass dies für die Beschwerdeführer nur als Vorwand dient.

Die Broschüre spricht ferner von einem Bündnis zwischen Faschismus und der katholischen Hierarchie. Damit werden einfach Tatsachen festgestellt. Gerade dieser neuerliche Versuch, die Behörden der Schweiz zur Unterdrückung einer zeitgemäßen biblischen Botschaft mobil zu machen, ist ein weiterer Beweis für diese Verschwörung. Die Nazis und die katholische Hierarchie gehen auch bei diesen Anfeindungen Hand in Hand. …

Das Verbot der obengenannten Broschüre muss den Eindruck erwecken, dass der Bock zum Gärtner gemacht wird, weil es sich zugunsten jener Elemente auswirkt, die nicht im geringsten erkennen lassen, dass ihnen etwas daran liegt, im eidgenössischen Garten die Freiheit, den Frieden und die Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten, deren wir uns bisher mit Dankbarkeit erfreuen konnten."

Scharfe Abrechnung

„Jehovas Zeugen im Feuerofen" nannte sich eine 1946 erschienene Schrift der Zeugen Jehovas. Auch der Verfasser bemühte sich um deren Einsichtnahme. Dabei musste er eine bezeichnende Erfahrung machen. Für die Frühzeit nach 1945 betreffend, sind die einschlägigen Schriften der Zeugen Jehovas eigentlich relativ vollständig in der Deutschen Bücherei (Leipzig) vorhanden. Mit einer Ausnahme. Eben „Jehovas Zeugen im Feuerofen" ist dort nicht vorhanden und ist auch in den einschlägigen Bibliographien der Deutschen Bücherei nicht verzeichnet. Auch die Schweizerische Landesbibliothek (Bern) gibt solche Bibliographien heraus. Auch dort taucht dieser Titel nicht auf. Aber, und jetzt kommt das bemerkenswerte, die LB Bern weist einen Titel nach „Seid fröhlich ihr Nationen", den ich in den Katalogen der DB Leipzig so nicht ermitteln konnte. Noch interessanter wird es jedoch, wenn man sich einmal „Seid fröhlich ihr Nationen" ansieht. Dann stellt man fest, dass dort plötzlich ab Seite 32 der Text (mit durchgehender Seitenzählung) mit „Jehovas Zeugen im Feuerofen" weitergeht! Dieses doch etwas merkwürdige Verhalten erinnert allzu sehr beispielsweise an politische Tarnschriften im NS-Regime, wo unter Ausnutzung dieser Taktik, ein formal neutraler Buchtitel mit antinazistischem Inhalt gefüllt war!

Weshalb diese Taktik seitens der Zeugen Jehovas nach dem Jahre 1945?

Nun der Inhalt von „Jehovas Zeugen im Feuerofen" macht es schon etwas eher verständlich. Diese Schrift stellt mit eine der schärfsten zusammenfassenden antikatholischen Abrechnungen der WTG dar. Ihre offene, direkte Publikation hätte möglicherweise Weiterungen nach sich gezogen. Also wählte man offenbar diesen indirekten Weg.

Eingeleitet wird mit der pro-katholischen Politik des italienischen Faschistenführers Mussolini. Hervorgehoben wird, dass Mussolini mit der katholischen Kirche 1929 ein Konkordat abschloss.

„Pius XI. sprach vom Diktator Mussolini als von 'einer Gabe der Vorsehung, einem Manne, frei von den Vorurteilen der Politiker der liberalen Schule.' Später im selben Jahre wurde durch die Vermittlung von Erzbischof Pacelli ein Konkordat zwischen dem Vatikan und dem militarisierten deutschen Staat Preußen geschlossen." (S. 38)

„Kardinal Pacelli wurde ein solcher Freund des Deutschtums, dass er als Il Tedosco oder Der Deutsche bekannt wurde. Durch Pacellis deutschen Vertreter, Monsignore Kaas wurden mit den mächtigen Industriellen des Rheinlandes Abmachungen getroffen, damit der katholische Führer der Nazis, nämlich Adolf Hitler, Kanzler von Deutschland werde, vorausgesetzt, dass er die katholische Kirche während seiner Amtszeit begünstige." (S. 39)

Die Ernennung Hitlers zum deutschen Kanzler wird mit den Worten kommentiert: „Wie Kardinal Pacelli es geplant hatte. Hitler machte von Papen zu seinem Vizekanzler."

Die Broschüre kommt dann auch darauf zu sprechen, dass WTG-Präsident Rutherford, durch maßgebliche Initiative katholischer Kreise aus dem USA-amerikanischen Rundfunk wieder vertrieben wurde. Die deutsche Entwicklung, wurde selbstredend auch kritisch reflektiert:

„In direkter Verletzung des Vertrages, der damals zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten und Deutschland bestand, ging Hitler gegen die Watch Tower-Gesellschaft vor, die im Jahre 1921 in Deutschland als eine gesetzmäßige Korporation zugelassen worden war." (S. 41)

Die Beschlagnahmung der Magdeburger WTG-Liegenschaften wurde mit den Worten kommentiert: „Magdeburg war die Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen, und man beachte, dass zwischen Preußen und der Vatikanstadt ein Konkordat bestand." (S. 41)

Die Reaktion Rutherfords auf die unliebsame Entwicklung in Deutschland wurde mit den Worten kommentiert: „Richtete der Präsident der Watchtower-Gesellschaft, J. F. Rutherford … Einen Brief an alle Zeugen Jehovas in Deutschland. … Dieser Brief besagte unter anderem folgendes: 'Im Gegensatz zu (dem) … Positiven Gebote Jehovas, Gottes, hat die deutsche Regierung Euch verboten, dass Ihr Euch versammelt, Jehova anbetet und ihm dient. Wem sollt Ihr gehorchen, Gott oder Menschen? … Kein Mensch hat das Recht, Euch bezüglich Eures Gottesdienstes Befehle zu erteilen. Ihr seid durch Euren Bund verpflichtet, Gott und Christus gehorsam zu sein. Daher nehme ich an, dass Ihr Jehova und nicht Menschen gehorchen werdet. So rate ich Euch denn folgendermaßen:

Jede Gruppe der Zeugen Jehovas in Deutschland versammle sich am Sonntagmorgen, den 7. Oktober 1934, um neun Uhr, an einem geeigneten Platz ihres Wohnortes. Dann soll diese Mitteilung der versammelten Gruppe vorgelesen werden. Darauf werdet Ihr gemeinsam zu Gott beten und ihn durch Christus Jesus, unser Haupt und König, um Führung, Schutz, Befreiung und um seinen Segen bitten. Unmittelbar darauf sollt Ihr an die Regierungsbeamten Deutschlands ein Telegramm senden, dass vorher vorbereitet wurde. … Dann sollt Ihr die Versammlung schließen und hinausgehen zu Euren Nachbarn und ihnen Zeugnis geben vom Namen Jehovas, Gottes, und von seinem Königreich unter Christus Jesus." (S. 45)

Immer wieder werden alle für die Zeugen Jehovas negativen Entwicklungen jener Jahre in Beziehung zur katholischen Kirche gesetzt. Etwa mit der Bemerkung: „Auf der andern Seite der Grenze, im katholischen Österreich, wo der Kanzler Dollfuß legaler Diktator geworden war, wurde die Watch Tower Zweigstelle in Wien geschlossen und die Gesellschaft auf Verfügung des Staates im Juli 1935 aufgelöst. Auch dort verhaftete man die Zeugen und warf sie in Gefängnisse." (S. 48)

„Jenseits des Kanals, in Frankreich, dass dem Verrat an der Republik und der Aufrichtung einer Kolloborationisten-Regierung unter einem unterwürfigen römisch-katholischen 'Staats-Chef' (dem 'guten Marschall Petain' des Papstes) entgegenging, schloss am 18. Oktober 1939 die Regierung die Watch Tower-Zweigstelle in Paris und beschlagnahmte die Literatur." (S. 50)

„In Ungarn, einem vorwiegend katholischen Lande, verfügte die Regierung am 13. Dezember 1939 die Unterdrückung der Zeugen." (S. 50)

„In neunzehn Tagen erlag Polen dem Blitzkrieg der Nazi, und dies brachte die schon verfolgten polnischen Zeugen unter neue religiöse Tyrannen. In der Slowakei, die an Hitler-Deutschland verraten wurde durch den römisch-katholischen Priester Dr. Josef Tiso, der am 26. Oktober 1939 Präsident der Slowakei wurde, benutzte dieser seine 'Hlinka-Garde' als Polizeimacht um die slowakischen Zeugen an ihrem Werke zu hindern, sie schlagen und gefangen nehmen und ihre biblische Literatur konfiszieren zu lassen." (S. 50)

Zusammenfassend äußert die WTG:

„Im Frühjahr 1940 begann das weltliche 'Schwert' der römisch-katholischen Hierarchie, nämlich der Naziführer Hitler, sich allen Ernstes den Weg durch Europa zu erzwingen. Dieser Weg war geebnet und gebahnt durch die unterirdische Arbeit der römisch-katholischen 'Fünften Kolonne.' Schnell aufeinanderfolgend gerieten daher die Zeugen Jehovas in Norwegen, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Holland und Frankreich unter die Macht der Naziangreifer. Indem Mussolini Frankreich in den Rücken fiel, wurde die Lage der wenigen Zeugen Jehovas in Italien gefahrvoller, weil die Nazi und Faschisten dort direkter zusammenarbeiteten. Mehr als 150 Zeugen wurden verhaftet, und einige blieben jahrelang in Gefängnissen. Dann folgte der Einfall in Griechenland und Jugoslawien, wodurch das Zeugnisgeben für Gottes gerechtes Königreich in jenen Ländern nur noch im geheimen weitergehen konnte. Dass die Nazi im Jahre 1941 Russland den Krieg erklärten und darauf Rumänien und Bulgarien unter die Naziherrschaft brachten, wurde den rumänischen und bulgarischen Zeugen zur großen Prüfung ihrer Hingabe an Jehova Gott und sein Königreich.

Das Jahr 1940 war das 400. Jahr seit der Gründung des Jesuitenordens. Offenbar hatte die römisch-katholische Hierarchie dieses Jahr als den Zeitpunkt bestimmt, da mittels des Nazi-Polypen, der 'Fünften Kolonne' und der Katholischen Aktion, die Herrschaft der Welt für den Vatikan übernommen werden sollte. Genau zur Frühlingsoffensive der Nazis, vom Mai 1940 an, veranlasste die römisch-katholische Hierarchie in überwiegend katholischen Gebieten der Vereinigten Staaten Gewalttaten des Pöbels." (S. 51, 52)

Für weiteres sei hingewiesen auf: Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte

Sowie auf die Webseite: Geschichte der Zeugen Jehovas

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