Ein scharfzüngiger historischer Kommentar

Ich merke zu ihm an, dass ich mir seine Rigorosität so nicht zu eigen machen kann. Dieweil jeder Mensch nur einmal lebt, und mir, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der WTG, die Fähigkeit abgegangen ist zu fordern, dass man sich für eine "höhere" Sache aufopfern soll. Gleichwohl erinnern mich die Reaktionen etlicher Zeugen Jehovas, nachdem sie das Thema Endzeitlehren einigermaßen "verdaut" haben, sehr wohl an jenen Kommentar von Erich Weinert.

BIST DU NOCH IN DER KIRCHE?

Erich Weinert

Ich habe einen Indifferenten gefragt:

»Bist du noch in der Kirche?« - Da hat er gesagt,

»Ja, ich bin noch drin.

Aber ich gehe schon seit zehn Jahren nicht mehr hin.

Als aufgeklärter Mensch habe ich mit den Pfaffen

Und dem ganzen Brimborium nichts mehr zu schaffen.« -

»Und warum trittst du nicht aus?«

»Ja, es wurde immer nichts draus!«

»Du zahlst doch auch Kirchensteuer, nicht wahr?«

»Ja, so eine dreißig Mark im Jahr-«

»Eigentlich verdienst du eins hinter die Ohren.

Einmal betrachtest du die Pastoren

Als Diener der finsteren Reaktion,

Und dann ernährst du sie noch mit deinem Lohn!«

»Schon recht! Man entschließt sich bloß immer nicht!« -

»Also morgen gehst du aufs Amtsgericht!«

 

 

Ich habe einen Sozialdemokraten gefragt:

»Bist du noch in der Kirche?« - Da hat er gesagt:

»Die Kirche kommt gar nicht in Frage für mich.

Ich bin zwar noch drin, doch nur äußerlich.

Es ist wegen meiner Frau und meinem Sohn.

Der Junge soll in der Schule nicht drunter leiden.

Und meine Frau ist für Taufe und Konfirmation.

Ich möchte eben Differenzen vermeiden!

Trotzdem bin ich Atheist, wie du weißt,

Und kläre die Menschen auf, wo ich kann.«-

»Und zu Hause duldest du den heiligen Geist?

Deine Frau ist doch gar nicht mehr gläubig gesonnen.

Die Aufklärung fängt nämlich zu Hause an!

Die ist sicher bald für den Austritt gewonnen.«

 

 

Ich habe einen Kommunisten gefragt:

»Bist du noch in der Kirche?« - Da hat er gesagt:

»Ach, du denkst wohl, ich gehe sonntags beten?«

Da wäre ich ein schöner Kommunist!

Wir sind zwar formell noch nicht ausgetreten,

Was ja schließlich auch überflüssig ist.

Wir hatten keine kirchliche Trauung.

Bei Vaters Begräbnis hat keiner gepredigt.

Der Pastor kennt unsere Weltanschauung.

Für den sind wir schon lange erledigt.

Und Kirchensteuern bezahl ich ja nicht!

Was soll ich da noch auf dem Amtsgericht?«

»Genosse, nun will ich dir mal was flüstern!

Dein Name steht in den Kirchenregistern!

Und nun erzählt dein Pastor seiner Gemeinde.

Bei uns ist sogar noch ein Kommunist,

Ein Mann aus dem Lager der Glaubensfeinde!

Das beweist, liebe Freunde, daß Jesus Christ

Doch stärker als gottlose Lehren ist!«

»Ja, daran hab ich noch gar nicht gedacht!«

»Nun aber schnell einen Strich durch gemacht!«

 

 

Allen dreien sag ich noch eins zum Schluß:

Ihr eid euch völlig darüber klar,

Die Kirchenherrschaft ist eine Gefahr,

Die mit allen Mitteln bekämpft werden muß!

Heute verbietet sie uns schon, wie ihr wißt,

Sie als das zu bezeichnen, was sie ist.

Die Geistesfreiheit, die sie irritiert,

Wird mit staatlichem Gummi hinwegradiert.

Doch wenn sie uns auch zum Schweigen zwingen -

Es gibt noch ein Mittel, legal und erlaubt,

Womit man den geistlichen Finsterlingen

Den Boden unter den Füßen raubt:

Wenn die Millionen den Austritt erklären,

Die innerlich nicht mehr zur Kirche gehören,

Das wäre für die Reaktion ein Schlag,

Den kein Gesetz zu verhindern vermag!

Doch die, die sich jetzt nicht endgültig trennen,

Die sollen sich ja nicht mehr Kämpfer nennen!

ZurIndexseite