Eingesandt aus Wolhusen
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 31. Oktober 2013 00:15
Im Zeitspiegel
Eingesandt aus Wolhusen

Da „kochte" als die „katholische Volksseele" und sucht Entlastung in der katholischen in Luzern (Schweiz) erscheinenden Zeitung „Das Vaterland" (Nr. 89/1923).
„Die falschen Bibelforscher im Land" titelt ein mit „Eingesandt aus Wolhusen" unterzeichneter Beitrag. Und siehe da, sein Verfasser weis mitzuteilen.
Auf einer Eisenbahnfahrt von Luzern nach Rothkreuz habe ein Herr Schutzbach unter allen Zuginsassen, eine Broschüre verteilt mit dem Titel „Wahr oder nicht wahr."
Dazu kommentiert der Einsender:

„Das Schriftchen ist eine direkte Aufforderung an das katholische Volk zum Austritt aus seiner Kirche. Über diese zur Rede gestellt, ja selbst nur über die Beantwortung des Titels, war Herr Schutzbach von Zürich in denkbar größter Verlegenheit, eine Antwort geben zu können."

An dieser Wortmeldung fällt schon mal die Bestimmtheit auf, mit welcher da der Name des Herrn Schutzbach genannt wird (von der ersten Stunde, wie Weinreich zu titeln beliebte).
Vgl. Kommentarserie1910
Möglicherweise hat sich jener Broschürenverteiler namentlich vorgestellt. Insoweit wäre das erklärbar.
Die Probleme indes, sind damit noch nicht vom Tisch.
Ein WTG-Schriftchen mit dem selbstständigen Titel „Was ist Wahrheit" ist mit derzeit nicht bekannt. Allenfalls kann vermutet werden, eine Schrift mit etwas abgewandeltem Titel oder auch ein Flugblatt.
Insoweit kann man inhaltlich schon mal nicht näher Stellung nehmen.
Jener Leserbrief-Einsender meint indes „noch mehr auf dem Kasten zu haben".
So plagiiert er auch die Behauptung:

„Durch ihre freche und aufdringliche Propaganda und durch ihr reichliches Gold und Silber aus Israel haben sie zwar schon viele fangen können ..."

Namentlich mit der wiedergegebenen Behauptung „Gold und Silber aus Israel" offenbart auch dieser Herr. Es besteht eine enge Verwandschaft zwischen religiösen Antisemiten Made Catholica und eher säkularen Antisemiten, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg, dann den katholischen Antisemiten zunehmend den Rang abliefen.

Mit diesem einem Leserbrief war es dann aber nicht abgetan.
Schon in der Ausgabe vom 3. 5. 1923 desgleichen Blattes meldete sich ein weiterer Leserbriefschreiber, der auch ausdrücklich auf den Vorgänger-Leserbrief Bezug nahm.
Was ihn besonders umtrieb fasst er dann mit den Worten zusammen:

Das „diese Leute als im Solde der Juden stehend hingestellt werden! Ob das begründete Tatsache ist, würde sicher noch viele Leser interessieren."

Aber auch letzterer Leserbriefschreiber muss dann schon mal einräumen:

„ ... Prof. Dr. Allgeier (kathol. Theologe in Freiburg i. Br.) bekannte, daß man sich dieser Leute schlecht erwehre, indem man sie als Bolschewisten oder verkappte Juden beschimpfe.
Der Laie vermag sich ob dieser widersprechenden Meldungen kein objektives Urteil zu bilden ..."

Damit war zugleich auch mit ein Stichwort geliefert, welches den genannten Prof. Aalgeier veranlasste, sich seinerseits auch in jenem Blatt zu Wort zu melden.
So geschehen in der Ausgabe vom 20. 10. 1923 unter der Überschrift „Stehen die Bibelforscher im Solde der Juden?"
Zur Ehre von Herrn Aalgeier sei schon mal gesagt, er verneint diese Frage.
Ob denn diese Verneinung beim eher ungebildeten Fußvolk auch tatsächlich „angekommen" ist, wäre eine Frage, wo unsereins eher Zweifel hat.
Zumal es ja nicht wenige publizistische Rattenfänger gab, denen solcherart Verschwörungstheorien „heiliges Evangelium" waren (und sind).
Ob denn Aalgeier wirklich daran gelegen sei, den Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, kann man mit gemischten Gefühlen sehen. Offenbar sein Motto.
Die „antisemitische katholische Kuh auf dem Eis" nicht gar zu sehr zu erschrecken. Sollte sie also noch ein paar Runden weiterer „Pirouetten" drehen. Aalgeier wird sie nicht ernstlich daran hindern.
Und so beschied er dann:

„Die Behauptung, die ernsten Bibelforscher stehen im Solde der Juden, kann höchstens finanziell gemeint sein. In dieser Form findet sie sich in der Broschüre von Hans Lienhardt 'Ein Riesenverbrechen am deutschen Volke und die Ernsten Bibelforscher' ... Lienhardt nennt S. 5 den Stifter Russell „einen amerikanischen Juden" und redet von unerschöpflichen „aus einer den Mitgliedern unbekannten Riesenquelle (aus jüdischen Banken in Newyork) fließenden Mitteln", ohne auch nur das Bedürfnis zu empfinden, diese Behauptung irgendwie greifbar zu belegen. Seine Schrift ist eine antisemitische Tendenzschrift ..."

Die Aalgeiersche Zurückhaltung wird auch daran deutlich, wenn er als nächstes dann noch auf dem famosen Fritz Schlegel aus dem eigenen „katholischen Stall" zu sprechen zu kommen sich genötigt sieht.
Bei Schlegel wähnt er nun wahrzunehmen, der indes habe eine Personalisierung vorgenommen, auf das jüdische Bankhaus Hirsch in Newyork.
Aber o weh, auch das muß Aalgeier registrieren. Nähere Angaben dazu fehlen (wieder mal).
Wie schön heil wäre doch diese katholische Welt, gäbe es diese „näheren Angaben". Pech nur, dass es sie eben nicht gibt.
Namentlich den Aalgeier'schen Schlußsätzen ist ausdrücklich zuzustimmen:

„Man sollte derartige Mätzchen in der Bekämpfung der Sekte meiden. Die Ernsten Bibelforscher bieten in ihren Phantastereien Angriffsflächen genug. Mit bösen Verdächtigungen zu arbeiten ist gar nicht nötig. ... Mehr als Verdächtigen liegt aber zur Zeit nicht vor."

Man vergleiche thematisch (unter anderem) auch
Mysnip.46627

Wenn der „katholische Stall" schon mal genannt wurde, dann gilt es wohl, ein anderes „Prachtexemplar" aus ihm nicht zu vergessen. Wiederum in der Schweiz ansässig; nicht etwa im von der Inflation gebeutelten Nachkriegsdeutschland. Dieser bittere Kelch blieb doch den Schweizern weitgehend erspart. Man kann allenfalls darauf hinweisen, der Verschwörungstheoretiker, der da in einer Schweizer Gazette zu Wort kommt, stammt aber aus Deutschland. Letzteres ist sachlich richtig, obwohl diese Spezies, auch in diesem Fall es erst mal vorzog unter einem Pseudonym zu agieren, getreu dem Motto:
„O, wie gut das niemand weis - das ich Rumpelstilzchen heiß"

Als ihm willfährige Gazette erkor er sich das in Olten (Schweiz) erscheinende Blatt „Der Morgen"; letzteres laut Untertitel „Katholisches Tagblatt der Schweiz".
Für katholische Kreise „passend", wurde in der Ausgabe vom 18. 5. 1923 getitelt:
„Sind die ernsten Bibelforscher wirklich so "harmlos...?"
Ehrensache für jene Kreise, dass die selbstgestellt Frage verneint wird.
Und ein Papst Leo XIII. mit seinem Antifreimaurerenzykliken wird es wohl noch im Grabe gefreut haben, dass in gesagtem katholischen Blatt, nunmehr in der indirekten Form, auch sein Loblied weiter gesungen wurde.
Der dort publizierende Herr wird von der Redaktion einleitend mit den Worten vorgestellt:

„Wir erhalten von einer durchaus eingeweihten Seite, die wir aber aus besonderen Gründen heute noch nicht nennen können, einen Artikel, der auf obige Frage eine ganz neue Antwort gibt."

Und schon einleitend in jenem Artikel, gibt es die Sätze, die wohl auch einen Leo XIII. noch Beifallsbekundungen entlockt hätten:

„Dies führt auf die richtige Spur, weist darauf hin, daß hinter all dem frommen Tun und Treiben das internationale Judentum und mit ihm die Weltfreimaurerei steckt".

Damit wäre das beabsichtigte Feindbild schon mal abgesteckt. Allenfalls wäre zu fragen. Und wie stehts mit den Beweisen?
Die „Beweise" sind dann wohl der Art, indem ein Rutherford-Schlagwort aufgenommen wird, das von den „Millionen jetzt Lebender" die da wundersamer Weise nicht zu sterben bräuchten. Da kann unser Verfasser es sich doch nicht verkneifen, das bedingt sogar als wahr anzuerkennen, dann nämlich, würde man diesem Rutherford-Slogan eine Ergänzung hinzuzufügen:
„Nämlich eines natürliches Todes". Hat Rutherford das so gesagt (letzteres) wohl kaum. Das ganze kann allenfalls als eine Persiflagge gedeutet werden, der Umdeutung einer Ursprungsaussage in ihr Gegenteil. Selbiges mag im Bereich der Karikaturen gang und gäbe sein. Und man kann ja nicht selten auch darüber lachen.
Indes wollte der Verfasser wirklich nur eine Karikatur liefern? In seinem theoretischen Selbstverständnis wohl kaum, auch wenn er es denn praktisch eine Karikaturähnliche Darstellung zustande gebracht hat.

Als nächstes wähnt der Verfasser verkünden zu können:

„Zufällig gelangten Originalbriefe aus Freimaurerkreisen in unsere Hände, die die „Harmlosikeit" der Ernsten Bibelforscher in einem völlig neuem Lichte zeigen".

Und dann wird in der Tat solch ein tatsächlicher oder vermeintlicher Brief zitiert, welcher von einer indirekten Bezuschussung der Bibelforscher redet.
Damit hatte dann dieser Autor einen Schlager in der Hitparade platziert, welcher lange Zeit allererste Plätze belegte, und kaum zählbare begeisterte Wiederkäuer fand.
Pech nur auch in diesem Fall. Der letzte Beweis erfolgte nicht.
Da das Thema umfänglich ist, und verstreut schon früher weiter im Detail behandelt wurde, mag die „Fortsetzung" an dieser Stelle abgebrochen werden.
Man vergleiche thematisch zum weiterlesen auch als Empfehlung
Mysnip.53190

Da namentlich auch jüdische Kreise bezichtigt wurden, „Finanzier der Bibelforscher" zu sein, sei auch auf den zeitgenössischen Kommentar des Rabbiners Salominski in der CV-Zeitung hingewiesen.

http://www.compactmemory.de/library/seiten.aspx?context=pages&ID_0=24&ID_1=439&ID_2=8474&ID_3=1000000000&ID_4=CVZ_02_0225.tif

http://www.compactmemory.de/library/seiten.aspx?context=pages&ID_0=24&ID_1=439&ID_2=8474&ID_3=1000000000&ID_4=CVZ_02_0226.tif

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