Annotationen zu den Zeugen Jehovas

Die Odyssee des Rainer Ref

Ein in gewisser Hinsicht exemplarisch zu nennender Fall ist auch der des Rainer Ref, der in der Zeitschrift "Brücke zum Menschen" (Heft 97/98-1989 ) einmal in doch sehr ausführlicher Weise auf gewisse neuralgische Punkte bei der Schilderung seiner eigenen Biographie eingegangen ist.

Ref lernt etwa ab seinem 11. Lebensjahr, zusammen mit seinen Eltern, die Zeugen Jehovas kennen. Vorher war er weitgehend im katholischem Sinne erzogen worden. Seine Mutter wird Zeugin Jehovas. Sein Vater hingegen kann sich zu diesem Schritt nicht entschließen. Ref Junior lässt sich schließlich auch 1968 als 14jähriger, als Zeuge Jehovas taufen. Seine Mutter ließ sich schon 1964 taufen. Schon in seiner Vor-Zeugenzeit hatte er ein gewisses Interesse für politisches Handeln bekundet. Das wurde nun - einstweilen zugunsten des aufopferns für die Zeugen - ausgetauscht. Mehrmalige Umzüge der Familie, die zur Folge hatten, dass Ref Junior um die Schulausbildung nicht zu gefährden, nicht synchron mit umzog, verschafften ihm erst mal eine zeitweilige "Verschnaufpause" von den Zeugen, die aber nicht von Dauer sein sollte.

Immerhin hatte sie doch zur Folge, dass der nun schon jugendliche Ref, für die Zeugen Jehovas zum "unsicheren Kantonisten" wurde. Er sagt, dass er sich gar zwei Jahre lang von ihnen getrennt hielt. Politische Resignation in Kombination mit der bereits erfahrenen ZJ-Erziehung, bewirkten seine "reumütige Rückkehr" zu den Zeugen im Sommer 1973.

1975 verheiratet er sich dann. Im Gegensatz zu ihm war seine Frau schon von frühesten Kindheitstagen im Sinne der Zeugen erzogen worden. Zeitweise macht das junge Ehepaar dann auch Pionierdienst für die Zeugen; was in der Praxis auch bedeutete. Zu dessen Realisation nur halbtags zu arbeiten. Es versteht sich von selbst, dass Arbeitgeber für Halbtagskräfte auch nur ein entsprechend reduziertes Gehalt zu zahlen pflegen.

Über seine Befindlichkeit in dieser Zeit merkt er an:

"Ich glaubte, endlich Frieden gefunden zu haben. Doch es war nur ein Scheinfrieden. Durch unsere intensive Tätigkeit wurden wir bald auf Probleme der Schriftauslegung der Z. J. aufmerksam, die gebieterisch nach einer Antwort verlangten. Außerdem war nun das wichtige Jahr 1975 herangekommen, das die Gesellschaft in ihrer Enderwartung stark herausgestellt hatte. Persönlich hatte ich nie daran geglaubt, im Gegensatz zu vielen anderen.

Aber als 1975 vergangen und der "Wachtturm" vom 15. 10.1976 erschienen war, in dem die Schuld für das Debakel in bewährter Manier wieder einmal dem einzelnen Zeugen zugeschoben wurde, der "zuviel erwartet" hätte, verstärkte sich mein Gefühl des Unbehagens."

Auch seine Frau konnte sich wohl nicht völlig dieses Gefühls des Unbehagens entziehen. Nun sollten sich ihre Wege allerdings in Richtung auf zunehmende Divergenz entwickeln: Dazu Ref:

"Zuerst waren meine Frau und ich uns in dem Bemühen um kritische Prüfung einig. Nachdem immer mehr Zeit ins Land gegangen war, entwickelten wir uns jedoch in dieser Hinsicht auseinander. Für Martina war das Ergebnis ihres Nachdenkens eine Art "kritischer Solidarität" mit den Z. J.: Sie sah wohl die Fehler, glaubte aber doch, die Zeugen Jehovas seien die Organisation, die den biblischen Maßstäben am weitgehendsten entsprächen. Ich dagegen ging innerlich wieder auf Distanz. …

Die Situation war kurios: Äußerlich lebte ich nach wie vor als Zeuge, beteiligte mich an allen Aktivitäten und war inzwischen Dienstamtgehilfe geworden. Zugleich aber suchte ich nach einer Alternative zu diesem Glauben. Ich fand sie nicht. Ich hatte Angst vor der Isolation und den familiären Konsequenzen einer Trennung von "der Organisation". So wurde ich zum Mitläufer mit von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Versuchen, ein gefestigter Z. J. zu werden. Folge dieser Entwicklung war eine fortschreitende Zerrüttung aller meiner Maßstäbe und Werte. Ich sah mich selbst als Heuchler, d. h. als jemand, der etwas zu sein vorgab, das er in Wirklichkeit gar nicht war."

Zu schaffen machte ihm auch besonders:

"Aber dieser Untertanen-Geist! Kann er richtig sein? Sollen wir so leben? Müssen wir immer erst fragen, was eine kleine "Elite" als richtig ansieht? Ist die Fähigkeit zum Denken nur dazu da, die Erkenntnisprozesse dieser Leute nachzuvollziehen und nie daran Kritik zu üben? Nein, irgendwo steckt in diesem System ein Kardinalfehler."

Und weiter Ref:

"Da alles auf der Bibel beruht (so der Anspruch!), kann am Ende gar die Bibel selbst es sein, oder vielmehr ihr "fundamentalistisches" Verständnis?

Ich verbrachte das zweite Halbjahr 1987 mit dem Lesen bibelkritischer Literatur und dem Überdenken dieser Anschauungen. Dann formulierte ich schriftlich meine Ablehnung der Z. J.-Religion vor allem im Hinblick auf ihre Inspirationslehre.

Anfang Dezember sah ich ein, daß es jetzt zu einer Entscheidung kommen müßte. Ich gab meine Abhandlung meiner Frau, meinen Eltern und später noch einer Freundin unserer Familie. Einige andere Zeugen informierte ich brieflich von meiner neuen Sicht der Dinge und bot ihnen an, ihnen meine Arbeit zu überlassen. Kurz danach erklärte ich der Versammlung Haiger gegenüber schriftlich, daß ich (ihren Jargon benutzend) "die Organisation verlassen" hätte."

Jetzt allerdings setzten jene Mechanismen voll ein, vor denen er sich schon solange gefürchtet und die eben deshalb bis zum Hinauszögern seiner Entscheidung, bis ins Jahr 1987 betrugen.

"Bei allen anderen Gesprächen stießen wir - späterhin ich allein - auf permanentes Unverständnis. Man sah uns als Unruhestifter an, als Leute, die unbedingt "ein Haar in der Suppe finden" wollten.

Die Grenzen des Verständnisses für unsere Fragen waren immer sehr schnell erreicht. Wir konnten sie stellen, aber dann erwarteten unsere Gesprächspartner offenbar, daß wir ehrfürchtig ihren Erklärungen lauschten und dann höchst befriedigt und restlos überzeugt von dannen ziehen sollten. Weil wir diese Erwartungen nicht erfüllen konnten, wurden die Gespräche schnell sehr unerquicklich.

Hinzu kam, daß manche Älteste sich persönlich angegriffen fühlten. Man deutete irgendwelche Charaktermängel bei uns an."

Bezüglich der schon geschilderten inneren Zerrissenheit merkt er noch weiter an:

"In all den Jahren hatte ich, weil ich meistens irgendwie ein Außenseiter war, wenig Freunde in der Zeugen-Versammlung. Trotzdem waren dies meine hauptsächlichen menschlichen Kontakte, was noch zu großen Schwierigkeiten führen sollte."

Als Detail führt er noch aus:

"Die Leute in der Versammlung verloren jedoch zeitweilig mein Interesse, als ich mich Ende 1971 von den Z. J. Zugunsten eines angestrebten gesellschaftlich-politischen Engagements getrennt hatte.

Anfang 1973 war ich schwer an einer Lungenentzündung erkrankt, die mich monatelang "außer Gefecht setzte" und mit dazu beitrug, daß ich mich für religiöse Fragen wieder öffnete, was damals für mich gleichbedeutend mit "Jehovas Zeugen" war. Nach meiner Rückkehr 1973 brachte eine kleine Gruppe jüngerer Zeugen für mich die Erfüllung eines langgehegten Wunsches nach Freundschaft. Für ein halbes Jahr entwickelte sich ein stärkerer Zusammenhalt: Wir verbrachten viel Zeit miteinander, nicht nur in gemeinsamen "theokratischen" Aktivitäten. Jedoch bald heirateten einige, zogen weg, zwischen anderen gab es Spannungen, und das schöne Gefühl der Gemeinschaft war schon bald wieder dahin."

Es blieb nicht aus, dass er in dieser inneren Zerrissenheit auch gelegentlich Fühler in Richtung auf kritische Literatur über die Zeugen Jehovas ausstreckte. Dazu sein Votum:

"Ich lernte neu die wahre Geschichte der Zeugen Jehovas kennen: nicht ein Weg zunehmender Reinigung von unbiblischen Lehren, sondern die Entwicklung einer Organisation, die ihre Anhänger immer mehr bevormundete und ihre Freiheit Stück für Stück beschnitt. Ich las W. J. Schnells Buch, "Dreißig Jahre Sklave des Wachtturms". Trotz meiner kritischen Haltung zur Wachtturm-Ideologie konnte ich Schnells Thesen, die mir ein Gegenstück zur NS-These von der "jüdischen Weltverschwörung" zu sein schienen, nicht nachvollziehen. Ich betrachtete sie als Ausdruck einer ausgewachsenen Paranoia (auch heute noch, aber ich denke, daß Macht tatsächlich für die Führung der Zeugen Jehovas eine ganz große Rolle spielt). Josy Doyons Buch, "Hirten ohne Erbarmen", beeindruckte mich, obwohl ich damals noch nicht ahnen konnte, wie eindrücklich mir dieser Titel durch meine eigenen Erfahrungen noch werden sollte."

Und weiter:

"Obwohl ich sah, wie berechtigt diese Kritik an der Organisation, ihrem Führungsstil und an der Art war, wie sie mit ihren Untergebenen umging, brachte ich es nicht fertig, mich von ihr zu trennen. Vielleicht wäre es mir leichter gefallen ohne die familiären Bindungen und ohne die Erfahrung meines Scheiterns bei meinem ersten Weggang. Was hielt mich, obwohl ich dieses alles wußte, was die ehemaligen Zeugen berichteten, und obwohl ich ihre Warnungen kannte?

Ich denke, es war im wesentlichen … Ich sah keine Alternative. Ich meine damit, daß es kaum eine christliche Gruppe gibt, die den Ex-Z.-J. mit seinen spezifischen Bedürfnissen aufnehmen kann: Ich denke dabei an eine Gemeinschaft, die ihn auffängt und ihm die Wärme und das Gefühl der Verbundenheit innerhalb einer großen "Einheit" gibt, und die ihm die Möglichkeit zum aktiven, verbindlichen Christsein gewährt."

Über die Verschärfung der innerorganisatorischen Gangart nach Ausbruch der Raymond Franz-Krise, äußert er dann:

"Die Zeugen wurden aufgefordert, alle Vorkommnisse auf diesem Gebiet zu denunzieren, und so sah sich auch Martina in der Zwangslage, mich eigentlich melden zu müssen. Schließlich stimmte ich zu, alle Kontakte zu Ex-Zeugen aufzugeben. Obwohl ich mir dadurch eine Atempause verschaffte, schien mir dieses Zugeständnis eine persönliche Niederlage zu sein, ein Handeln gegen meine Überzeugung, denn ich konnte die organisationsübliche Methode, Kritiker ganz hart anzugreifen, ihnen aber gleichzeitig jede Möglichkeit zur Erwiderung zu nehmen, nur als zutiefst unfair und unmenschlich empfinden.

So hielt ich mich - bis auf gelegentliche Ausnahmen, die ich geheimhielt - bis zum Dezember 1987 an diese Vereinbarung."

Im Unterbewusstsein wirkten bei ihm seine bereits selbst gewonnenen kritischen Einsichten über die WTG-Religion nach:

"Ich konnte meine Augen nicht vor der Verfälschung und Umdeutung der eigenen Geschichte verschließen und nicht davor, wie sich die kleine "Elite" in Brooklyn zu einem quasi-göttlichen und unangreifbaren Popanz aufbaute. Vor allem konnte ich auch erleben, was Dogmatismus und bedingungsloser Autoritätsglauben aus Menschen macht: gehorsame Untertanen, die es nicht wagen, gegen Unrecht und Unwahrheit aufzustehen, und die es geschehen lassen, daß man aus ihnen wie auf Knopfdruck zu bedienende Hampelmänner ohne eigenes Gewissen macht. Ich sage dies im vollen Ernst, denn ich selbst habe das, obwohl ich eher kritisch war, ein ganzes Stück weit mit mir geschehen lassen.

Ich war selbst solch ein Untertan geworden. Das ist es, was für mich diese Organisation unerträglich machte: Die "nach außen" stets mutigen, bekenntnistreuen, selbst zum Martyrium bereiten Zeugen Jehovas sind zugleich "nach innen" vor allem Untertanen - ohne Rückgrat und, wenn von oben gefordert, auch ohne Menschlichkeit! Sie sind Untertanen, die alles tun und alles glauben, was "der Sklave" sagt. Sie können heute etwas aus Gewissensgründen ablehnen und bereit sein, dafür ins Gefängnis zu gehen oder gar zu sterben, und morgen können sie genau das Gegenteil tun, weil "der Sklave" "helleres Licht" empfangen hat.

Was für Menschen sind wir, daß wir so mit unserer gottgegebenen Vernunft und Menschenwürde umgehen und uns als Marionetten in der Hand einer undurchsichtigen Führung gebrauchen lassen, einer Führung, die zudem keinerlei Einblick in ihr praktisches Funktionieren und ihre Entscheidungsprozesse zuläßt, sondern sich statt dessen mit einer Aura mystischer Entrücktheit umgibt?! Welches Recht hatten wir jemals, die Verbrechen anderer Religionen anzuprangern, die auf deren Intoleranz beruhten, während wir nach demselben "Prinzip" handeln?"

Über seine weiteren biographischen Erfahrungen äußert er:

"Monatelang hatte ich darum gerungen, diesen für mich unausweichlichen Schritt vor mir selbst und vor den anderen zu rechtfertigen. Das Ergebnis war die bereits erwähnte Abhandlung. Doch als ich im Dezember 1987 den Bruch mit "der Organisation" vollzog, stellte ich fest, daß ich mich nicht richtig auf diesen Schritt vorbereitet hatte. Unbewußt rechnete ich wohl doch damit, einige meiner Z. J.-"Freunde" könnten zumindest ins Nachdenken kommen, darüber mit mir sprechen und sich vielleicht sogar anschließen.

Wie illusionär diese Hoffnung war, hätte ich doch wissen können, nachdem selbst meine Frau, mit der zusammen ich mich jahrelang mit Wachtturm-Lehre und -Praxis auseinandergesetzt hatte, sich "organisationskonform" gab, indem sie, wie es im Z. J.-Jargon heißt, "die geistige Gemeinschaft abbrach". Alle anderen handelten im wesentlichen ebenfalls so. Nur daß einige bei zufälligen Begegnungen kurz grüßen, während andere (wie gefordert) selbst das nicht mehr tun.

Diese plötzliche völlige Isolierung traf mich sehr. Wohl hatte ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten gründlich mit der Lehre der Z. J. Auseinandergesetzt. Aber ich versäumte es, mich auf die menschlichen Folgen einer wirklichen Trennung einzustellen. Ich kann anderen in ähnlicher Situation nur empfehlen, wenn möglich schon vor einer Trennung andere menschliche Kontakte und Hilfe zu suchen, welcher Art diese im konkreten Einzelfall auch immer sein mögen: Je nach örtlichen Gegebenheiten und je nach persönlicher Neigung kann das eine Christliche Gemeinde oder Gemeinschaft sein, ein Seelsorger oder auch eine Beratungsstelle. - Für mich war ja der "Bruderdienst" erste Anlaufstelle.

Oder es besteht die Möglichkeit, frühere Freundschaften oder verwandtschaftliche Beziehungen, die unter dem druck des Z. J.-Seins abgebrochen worden waren, wieder aufzunehmen. Sicher sind Menschen unterschiedlich. Was dem einen ein großes Problem ist, ist für einen anderen bei weitem nicht so schlimm. Trotzdem möchte ich vermuten, daß die geballte menschliche Ablehnung und Isolierung, die einem "Abtrünnigen" seitens der Z. J. Entgegenschlägt, wohl den meisten große psychische Schwierigkeiten bereitet. Deshalb weiß ich heute, wie wichtig die neu aufzubauenden Beziehungen gerade in der Phase der Ablösung für mich selbst gewesen wären, doch es gab sie nicht!

Deshalb entfaltete der "Gemeinschaftsentzug" seine volle Wirkung bei mir. Innerhalb weniger Wochen brach ich seelisch zusammen, wurde krank … Und kapitulierte. Nach drei Wochen hatte ich mich soweit "umgestellt", daß ich wieder Zeuge werden wollte - ein Vorgang, der vielleicht an Orwells' "1984" erinnert: Die Partei wollte nicht nur die Vernichtung des Regime-Gegners Wilson, sondern vorher seine "Bekehrung".

Nun ist die Methode, mit der die Führung der Z. J. gegen ihre Abweichler vorgeht, darauf gerichtet, Konflikte vom geistlich-religiösen Gebiet auf die psychische Ebene zu verlagern (eben durch den Verlust der menschlichen Beziehungen mit allen Folgen), wobei ich unterstellen möchte, daß der Haupteffekt die Immunisierung der "loyalen Anhänger" sein soll und die "Bekehrung" des "Abtrünnigen" nur ein Nebenprodukt ist."

Ich legte den Ältesten meiner ehemaligen Versammlung diese Gründe brieflich dar und bat um Wiederaufnahme. Gleichzeitig begann ich, die Zusammenkünfte wieder zu besuchen. Doch es ändert sich ja gemäß den Richtlinien der Organisation am Status des "Abtrünnigen" so lange nichts, bis die Ältesten von der "Echtheit der Reue" überzeugt sind, was in der Regel sechs bis zwölf Monate dauert. In der Versammlung wird man weiter als "Unperson" behandelt, selbst elementare menschliche Umgangsformen, wie z. B. der Gruß, gelten nicht mehr. Der Mensch wird zum Paria, zum Unberührbaren. Wie stark verletzend dies ist, erlebte ich:

Innerhalb kurzer Zeit war ich - was psychische Verfassung und körperliche Gesundheit angeht - noch schlechter dran.

Auch die Ältesten, die in den Schriften der Z. J. (halbherzig) zur Hilfe gegenüber einem "Sünder" aufgerufen sind - was aber durch ständige Warnungen, nur ja nicht vorschnell von der "Reue" überzeugt zu sein, relativiert wird - ließen sich Zeit. Vier Wochen nach Erhalt meines Briefes war die erste (und einzige) Reaktion ein kurzer Besuch, in dem zwei von ihnen mir mitteilten, man habe beschlossen, sechs Monate abzuwarten, um dann erneut über meinen Antrag zu beraten.

Ich empfand ihr Verhalten als außerordentlich kalt und lieblos. Nicht unbedingt wegen dieses "Angebotes" (obwohl es für mich, hätte ich mich darauf eingelassen, wohl den endgültigen seelischen Ruin bedeutet hätte), sondern wegen der Art, wie sie ihrem "Nächsten" begegneten in einer für ihn offensichtlich verzweifelten Lage. Kein Gespräch über die Probleme war möglich; statt dessen verspürte ich nur eine "Mauer" aus Abwehr und Zurückweisung. Sie blockierten meinen Versuch, über den Inhalt meines Briefes zu sprechen, verschlossen sich, legten mir alles - aber auch wirklich alles - negativ aus und verließen nach kurzer Zeit völlig abrupt den Raum."

Ref hat dennoch diese vielleicht seine größte Lebenskrise überstanden. Sein zusammenfassendes Urteil kleidet er auch in die Worte:

"Heute glaube ich, daß diese letzte Erfahrung zu etwas gut war. Gerade die oben beschriebene letzte Auseinandersetzung mit Z. J.-Funktionären, mit den "Hirten ohne Erbarmen", zeigte mir überdeutlich, wohin ich zurückgewollt habe: in ein System, das den Menschen nicht achtet, sondern ihn zum funktionierenden Rädchen einer gut geölten Maschine, zum Ja-Sager und Untertan macht. Die Erlebnisse in diesen sieben Wochen seit meiner Trennung haben mir auf einer sicher sehr emotionalen Ebene gezeigt, daß ich diese nach außen so freundliche und angeblich liebevolle Religion doch richtig eingeschätzt habe:

Es ist eine totalitäre, menschenverachtende Organisation, die das gesellschaftliche Elend nur noch vermehrt.

Auch wenn es sonst keine Gründe gäbe, die Organisation der Zeugen Jehovas abzulehnen (es gibt sie!): Allein schon wegen dieser unmenschlichen und lieblosen Praxis will ich nie mehr etwas mit dieser Religion zu tun haben, die für mich immer mehr ein Zerrbild christlichen Glaubens und Lebens wurde. Es gibt sicher sehr viel Wichtiges in der Welt, worum wir uns heute bemühen bzw. das wir (gerade auch als Christen) bekämpfen müssen: Ungerechtigkeit, Krieg, Zerstörung der Natur, Leid. Dennoch gehören für mich die Zeugen Jehovas (als Religion, nicht als einzelne!) zu den Gruppierungen, denen wir kritische Aufmerksamkeit schenken müssen.

Für mich sind sie der Prototyp für Religionsmißbrauch und für den Mißbrauch  einer angeblich besonderen Gottesverbindung für Machtzwecke, um Menschen  in sklavischer Unterwürfigkeit zu halten.

Mein weiterer Weg ist derzeit noch unbestimmt. … ich habe vor allem große Bedenken gegenüber solchen Menschen, die genau zu wissen behaupten, wo die für jeden verbindliche Wahrheit zu finden sei - etwa in einer bestimmten Kirche oder Gemeinschaft. Vieles verstehe ich nicht so genau, was vielleicht von evangelikaler Seite für unbedingt verbindlich gehalten wird, und ich lehne die fundamentalistischen Tendenzen dort genauso entschieden ab wie die der Z. J.. Ich halte es für falsch, die Bibel als papierenen Papst zu betrachten, ihre absolute Unfehlbarkeit zu behaupten sowie eine Verbalinspiration zu vertreten. Ich bin überzeugt: Mit dieser Auffassung, die sich so bibeltreu anhört, wird man der Schrift nicht wirklich gerecht, legt vielmehr damit die Grundlage für ihren "machtmäßigen Mißbrauch"

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