Annotationen zu den Zeugen Jehovas
Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint

Der Theologieprofessor Friedrich Loofs, hat meines Erachtens die erste ernstzunehmende Studie zur Bibelforscherbewegung auf deutschem Boden veröffentlicht. Davor war zum Thema vielfach "Müll" und oftmals auch noch danach, veröffentlicht worden. Die Arbeit von Loofs ist auch auf dieser Webseite dokumentiert.

Loofs macht in seiner Studie auch eine interessante Replik. Er zitiert da den Schriftsteller Gerhart Hauptmann, und setzt eines seiner Bücher auch in Beziehung zur Bibelforscherfrage. Loofs schrieb da:

"Wo solche geschichtliche Betrachtung der Hl. Schrift keinen Boden findet, da ist die Wiedergewinnung eines von den IVEB betörten Menschen, wie ich glaube, ziemlich aussichtslos. Man kann doch nicht, wie Gerhart Hauptmanns Emanuel Quint die Hl. Schrift um ihrer apokalyptischen Stellen willen der Laien-Exegese verbieten! Manche Gemeinschaftsleute wird man zunächst zurückschrecken können durch Hinweise auf die 'Ketzereien' der IVEB. ... Aber wird ein Pochen auf Dogmen ... auf die Dauer einen Damm bilden können gegen ein Sekten-Christentum, das ernstes Forschen in der Schrift zu seiner Losung gemacht hat?. Ich glaube kaum ... Unsere Gemeinschaftskreise werden, so fürchte ich, gar leicht eine Beute der IVEB werden können. Um so ernster schiebt die Propaganda der IVEB unserer Landeskirche die Aufgabe zu, dem ungeschichtlichen Verständnis der Bibel entgegenzuwirken, in dem unsere Gemeindeorthodoxe in weitem Umfange mit den Gemeinschaftskreisen einig ist."

Soweit der "einsame Rufer in der Wüste - namens Friedrich Loofs".

Er wurde damit schon genannt, der Hauptmann-Roman (1910 erstmals als Buch erschienen). In 30 langen Kapiteln wälzt darin Hauptmann sein Sujet aus. Es ist nicht jedermanns Sache, Romane wirklich genau zu lesen. Für etliche (ich nehme mich da nicht aus), besteht doch die Versuchung, aus dem lesen mehr ein Überfliegen zu machen.

Loofs hat seine Zitatenstelle aus Hauptmann nicht näher verifiziert. Aber ich bin zu der Einschätzung gelangt, dass er offenbar die nachfolgende Passage meint:

"Und nun verrichtete Emanuel Quint, der arme Narr in Christo, jene hoffentlich unbedachte Tat der Lästerung, die später, als er eines schweren Verbrechens beschuldigt unter der Anklage stand, die Herzen der Richter so verhärtete: er packte ein Bibelbuch, das einer der Brüder Scharf, wie früher gebräuchlich, neben das Licht auf den Tisch gelegt hatte, warf es, so daß es in Fetzen ging wider die Wand.

Die armen Tagelöhner, trotzdem sie erschracken und eigentlich im ersten Augenblick dachten, es müsse Feuer vom Himmel herabfahren regten sich nicht.

Und: 'Ich verbiete euch dieses Buch, hört ihr! Ich verbiete euch dieses Buch!' rief nun, gar nicht im Sinne Luthers, Emanuel. 'Ich verbiete es euch, weil es eine Scheuer voll Unkraut, eine Scheuer voll Tollkraut, eine Scheuer voll Taumelloch mit nur wenigen Ähren guten Weizens ist. Das Reich Gottes ist wiederum auch hier nur ein Senfkorn darin."

Wie gesagt, es handelt sich bei Hauptmann um einen Roman. Keinen Tatsachenbericht. In der Form seiner Romanhelden bringt Hauptmann darin, in der indirekten Form seine Auffassung zur Entstehung des Christentums zum Ausdruck. Oder wenn man nicht soweit gehen will, zumindest macht er den Versuch der Beschreibung, wie eine "neue" Religion entsteht.

Meines Erachtens besitzt dieser Roman durchaus auch heute noch ein gewisses Interesse auch für denjenigen, der sich für die Frage der Entstehung des Bibelforschertums interessiert.

Die von Hauptmann verwendeten Romanbilder sind nicht in jedem Fall auf die Bibelforscher übertragbar, aber zumindest einige doch. Kritisch angemerkt sei jedoch, dass seine Weitschweifigkeit vieles von der beabsichtigten Wirkung wieder kompensiert. Immerhin ist es ein Buch, dass man mal, sofern man die Zeit dafür aufbringen kann, gelesen haben sollte.

Zumindest ist es in seiner Diktion sehr wohl anregend.

Nachstehend als Einstieg, einige Auszüge aus ihm:

An einem Sonntagmorgen im Monat Mai erhob sich Emanuel Quint von seiner Lagerstätte auf dem Boden des kleinen Hüttchens, das der Vater mit sehr geringem Recht sein eigen nannte. Er wusch sich mit klarem Gebirgswasser, draußen am Steintrog, indem er die hohlen Hände unter den kristallenen Strahl hielt, der aus einer hölzernen, vermorschten und bemoosten Rinne floß. Er hatte die Nacht kaum ein wenig geschlafen und schritt nun, ohne die Seinen zu wecken oder etwas zu sich zu nehmen, in der Richtung gegen Reichenbach. Ein altes Weib, das auf einem Feldweg ihm entgegenkam, blieb stehen, als sie von fern seiner ansichtig wurde. Denn Emanuel ging mit seinem langen, wiegenden Schritt und in einer sonderbar würdigen Haltung, die mit seinen unbekleideten Füßen, seinem unbedecktem Kopf sowie mit der Armseligkeit seiner Bekleidung überhaupt im Widerspruch stand.

Bis gegen die elfte Stunde hielt Emanuel sich fern von den Menschen in den Feldern auf. Alsdann überschritt er die kleine Holzbrücke, die über den Bach führte, und ging geradezu bis zum Marktplatz des kleinen Fleckens, der sehr belebt war, weil die protestantische Kirche sich eben leerte. Der arme Mensch stieg nun auf einen Stein, wobei er sich mit der Linken an einem Laternenpfahl festhielt, und nachdem er sich so und durch Zeichen der Menge bemerklich gemacht hatte und alles erstaunt, belustigt oder neugierig herzukam oder wenigstens von fern herübersah, begann er mit lauter Stimme zu sagen: »Ihr Männer, lieben Brüder, ihr Frauen, liebe Schwestern! Tut Buße! Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen."

Diese Worte, denen viele andere nachfolgten, ließen sogleich erkennen, daß man es mit einem Narren oder Halbnarren zu tun hatte, von einer so eigentümlichen Art, wie sie in dieser weitgedehnten Talgegend seit langem nicht vorgekommen war. Die guten Leute verwunderten sich. Aber als der einfältige und zerlumpte Mensch nicht aufhörte zu reden und seine Stimme mehr und mehr über den ganzen Marktplatz erschallen ließ, da entsetzten sich viele über den unerhörten Frevel des Landstreichers, der gleichsam das Heiligste in den Schmutz der Gasse zog, liefen aufs Amt und zeigten es an.

Als der Amtsvorsteher, mitsamt dem Gendarmen, auf dem Markt erschien, herrschte dort unglaubliche Aufregung: die Hausknechte standen vor den Gasthäusern, die Kutscher der Droschken schrien einander mit lauter Stimme zu und wiesen mit den Stöcken ihrer Peitschen auf einen Knäuel Menschen, den Quint, predigend, überragte und der mit jeder Sekunde zunahm. Die Jungens gaben einander Zeichen durch laute Signalpfiffe, und wüstes Gebrüll und Gelächter übertönte zuweilen auf lange die Stimme des seltsamen Predigers, der noch immer eifrig und eindringlich sprach.

Er hatte soeben den Propheten Jesaja genannt und gegen Reiche und Herrscher gedonnert, »die die Sache der Armen beugen und Gewalt üben im Recht der Elenden«. Er hatte gedroht, Gott werde die Rute der Herrscher zerbrechen, und dann zuletzt rührend und flehentlich alle Welt immer wieder zur Buße gemahnt. Da faßte die unentrinnbare Faust des sechs Fuß hohen Gendarmen Krautvetter ihn hinten am Kragen fest und riß ihn, unter Gejohl und Gelächter der Zuhörer, von seinem erhabenen Standorte herab.

Quer über den Markt ward nun Emanuel von Krautvetter, unter dem Hohngejauchze der Menge, abgeführt. Der Amtsvorsteher, ein durchgefallener Jurist und Mann von Adel, hatte einen protestantischen Pfarrer der Nachbarschaft bei sich zu Tisch. Und als er ihm, während sie sich zum Essen niederließen, den skandalösen Vorfall mitteilte, äußerte jener Pfarrer den Wunsch, den Verrückten zu sehen. Der Geistliche war ein Mann von gesundem Schrot und Korn, herkulisch gebaut und mit einem Luthergesicht, dessen lutherisches Wesen nur durch den pechschwarzen, geölten Scheitel und durch listige schwarze Augen beeinträchtigt wurde. Er liebte die außerkirchlichen Schwärmer nicht. »Was bringen die Sekten?« sagte er immer: »Spaltung, Verführung, Ärgernis!"

Emanuel hatte kaum eine Stunde im Polizeigewahrsam verbracht, als er herausgeholt und dem Pfarrer vorgestellt wurde. Außer Quint, dem Gendarm, dem Pfarrer und Amtsvorsteher war niemand in der Amtsstube. Emanuel stand da mit herabhängenden Armen und einem unbeweglichen Ausdruck seines Mutlosen Gesichtes, der weder herausfordernd noch verschüchtert war. Durch das dünne, rötliche Bartgekräusel um Oberlippe und Kinn sah man die feine Linie seines Mundes, gegen die Winkel herabgezogen, und die, bei Quints Jugend, in auffälliger Weise ausgeprägten Falten von den Nasenflügeln seitlich zum Munde herab. Die Augenlider des jungen Menschen waren entzündet, und die etwas hervortretenden Augen, obgleich groß aufgetan, schienen im Augenblick nichts von dem zu bemerken, was um ihn war. Über die ganze, mit Sommersprossen bedeckte Gesichtshaut, von der klaren Stirn bis zum Kinn herab, gingen die inneren Bewegungen des Gemütes, wie unsichtbare Winde über einen ruhigen, den gelblichen Abendhimmel widerspiegelnden See.

»Wie heißt du? fragte der Pfarrer. Quint sah zu dem Pfarrer hin und sagte, mit einer hohen, klangvollen Stimme, seinen Name.

Was ist dein Beruf, mein Sohn? Quint schwieg einen Augenblick. Alsdann begann er, Satz um Satz ruhig hervorbringend, durch kleine Pausen der Überlegung getrennt:

»Ich bin ein Werkzeug. Es ist mein Beruf, die Menschen zur Buße zu leiten! - Ich bin ein Arbeiter im Weinberge Gottes! Ich bin ein Diener am Wort! - Ich- bin ein Prediger in der Wüste! - Ein Bekenner des Evangeliums Jesu Christi, unseres Heilands und Herrn, der gen Himmel ist aufgefahren und welcher dereinst wird wiederkehren, wie uns verheißen ist.«

»Gut", sagte der Pfarrer - sein Name war Schimmelmann -, »dein Glaube ehrt dich, mein Sohn. Aber es ist dir bekannt, daß in der Bibel steht: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Was hast du denn sonst für einen Beruf? Ich meine, welches Handwerk betreibst du denn?

Der Wachtmeister Krautvetter räusperte sich, rückte den Säbel ein wenig, so daß es klirrte, und sagte, als Emanuel schwieg, er habe in Erfahrung gebracht, daß Quint in seinem Dorfe als Nichtstuer gelte und seiner armen, fleißigen Mutter zur Last liege. Im übrigen habe er sich schon früher durch ähnliche Streiche wie den von heute bemerklich gemacht. Nur daß in den Dörfern die Leute an ihn gewöhnt seien und über seine Torheiten sich nicht mehr wunderten.

Jetzt erhob sich der Pfarrer in seiner ganzen Länge und Breite vom Stuhl, auf dem er gesessen hatte, sah Emanuel scharf an und sagte mit Ernst und Gewicht: "Bete und arbeite, heißt es, mein lieber Sohn. Gott hat die Menschen in Stände geteilt. Er hat einem jeden Stand seine Last und einem jeden Stand sein Gutes gegeben. Er hat einen jeden Menschen nach seinem Stand und seinem Bildungsgrad in ein Amt gesetzt. Das meinige ist, ein berufener Diener Gottes zu sein.

Nun, als ein berufener Diener Gottes sage ich dir, daß du verführt und auf Irrwegen bist. Ich sage es dir als berufener Diener Gottes. Verstehst du mich? Als einer sage ich das, der in die Pläne und Absichten Gottes durch Amt und Beruf einen tieferen Einblick hat als du. Soll ich vielleicht deinen Hobel führen, mein Sohn, und wolltest du etwa an meiner Statt auf die Kanzel treten? Nun sage mir doch: was hieße denn das? Das hieße Gottes Ordnung mit Füßen treten.

Da haben wir's, lieber Barone - und hiermit kehrte er sich an den Amtsvorsteher -, »man kann sich gar nicht bestimmt und energisch genug dagegen auflehnen, daß Laien in ungesunder Geschäftigkeit den Dienern am Worte vorgreifen und eigenmächtigerweise das Volk beunruhigen. Der Laie ist unverantwortlich. Herrnhut in Ehren! Aber ob der Schade, der von dort ausgeht, den Segen nicht überwiegt, bleibe dahingestellt. Man darf nicht Keime in die Volksseele tragen, die ohne das treue Auge des Gärtners wucherisch auswachsen müssen. Wie leicht saugt so ein Wuchertrieb alle edleren Säfte aus der Seele, um schließlich oben in eine Giftblume auszulaufen.

Denken Sie an die gefährlichen Schwärmer zu Luthers Zeit! Denken Sie an Thomas Münzer! Denken Sie an die Wiedertäufer! Und wie viele verirrte Schafe, die reißende Wölfe wurden, gab es in allen Ländern, auch während der jüngst verflossenen Zeit. Denken Sie an den Zündstoff, der heut, überall aufgehäuft, gleichsam nur auf den Funken wartet, um mit einer furchtbaren, ganz entsetzlichen Explosion in die Luft zu gehen. Da heißt es, nicht mit dem Feuer spielen. Um Gottes und Christi willen nicht! Ein Pflänzchen gibt es, der zartesten eins, der edelsten eins, das es geben kann, und dies Pflänzchen vor allem sollen wir gießen und nähren in der Volksseele: Gehorsam gegen die Obrigkeit.

Und darum lies in der Bibel, mein Sohn, tue das, wenn deine ernste Arbeit dir eine halbe Stunde am Abend übrigläßt! Tue das, wenn du des Sonntags aus der Kirche kommst, tue es, falls du nicht vorziehst, hinaus in Gottes freie Natur zu gehen, aber vergiß nicht, immer und immer wieder die Stelle zu lesen, wo da geschrieben steht: Jedermann soll untertan sein der Obrigkeit. In geistlichen Dingen bin ich deine Obrigkeit, in weltlichen Dingen ist es der Herr Baron, der neben mir steht.

Ich also, als deine geistliche Obrigkeit, ich sage dir: Bleibe in den dir von Gott gezogenen Grenzen, und zwar bescheidentlich! Das Predigen ist nicht deines Amtes. Das verlangt einen klaren, gebildeten Kopf. Einen klaren, gebildeten Kopf hast du nicht. Den kannst du nicht haben. Den hat man in deinem niedrigen Stande nicht! - Du scheinst mir im Grunde kein böser Mensch zu sein, deshalb rate ich dir aus ehrlichem, gutem Herzen, verblende dich nicht. Überspanne die unentwickelten Kräfte deines schwachen Verstandes nicht. Bohre und verbeiße dich nicht in die Schrift, eine Sünde, deren du mir verdächtig scheinst. Es ist besser, wenn du sie eine Zeitlang beiseitelegst, als daß der Teufel Gelegenheit findet, dich wohl gar durch das lautere, liebe Gotteswort selbst zu verführen und ins Verderben zu ziehn.«

Nachdem er diese Worte alle mit der sicheren Technik des Kanzelredners gesprochen hatte, schien er einige Augenblicke auf Antwort zu warten. Aber der Zurechtgewiesene, der, ohne einen Gemütsanteil zu verraten, zugehört hatte, bewahrte ein sinnendes Stillschweigen. Darauf sagte der Amtsvorsteher mit einem übelgelaunten Gesicht zum Pastor: "Was tu' ich mit ihm?" Worauf der Geistliche durch einen Seufzer seiner Ungehaltenheit erst nochmals kopfschüttelnd Ausdruck verlieh, alsdann den Baron beim Ärmel faßte und ihn in ein anderes Zimmer zog. Hier legte er seinem Freunde mit wenig Worten dar, wie er der Ansicht sei, man dürfe einen Vorfall wie diesen nicht weiter aufbauschen, und beide Männer einigten sich, Emanuel nur mit einem strengen Verweis zu entlassen. Es sprach vieles in ihnen zugunsten des einfältigen Menschen, der ja doch höchstens des Guten zuviel tun wollte.

Demnach verfügten sie sich wiederum in die Amtsstube, und der Baron, an Stelle des Pastors tretend, brachte nun eine andere Tonart zur Anwendung, mit einer jener scharfen und schneidigen Abkanzelungen, um derentwillen er bei der Behörde in Ansehen stand. Er sagte: "Wehe dir!" - Und: "Ich warne dich!" - Er sagte: »Steck deine Nase in den Leimtopf, wenn du Tischler bist, und stiehl nicht dem lieben Gott seine Tage ab! Er sagte: "Wenn dieser Unfug noch einmal vorkommt - das ist Kinderei, das ist Lästerung! -, dann wird man dich ohne Gnade ins Loch stecken. jetzt marsch! Verstanden! Verkrümle dich!"

Als Emanuel Quint auf die Straße trat, hatten sich dort Müßige aufgestellt, die ihn mit Gejohle empfingen. Ihm ward dabei wohl zumute. Durch sein ganzes Wesen verbreitete sich ein stolzes Gefühl der Genugtuung darüber, daß er nun ernstlich gewürdigt wäre, für das Evangelium Jesu Christi zu leiden. Denn Quint, wie alle Narren, nahm seine Torheit für Weisheit und seine Schwachheit für Kraft. Mit leuchtenden Augen, die von Tränen des tiefsten Glückes feucht waren, ging er mitten durch die rohe Menge dahin und bemerkte nicht, daß zwei Männer, die unter den Leuten verborgen gestanden hatten, sich loslösten und ihm nachfolgten. Diese beiden, ein Brüderpaar namens Scharf, noch jung und ehrsame Leinweber, hatten der Predigt auf dem Markt beigewohnt. Aber während alles in ihrer Umgebung lachte und Possen trieb, hatte der ganze Vorgang auf sie einen tief bewegenden Eindruck gemacht.

Man nannte die beiden in ihrem Dorfe die Betbrüder. Und auch sie, ähnlich wie Quint, weil sie mit ihrem alten Vater ein Sonderlingsleben führten und in ihrer verfallenen Hütte öfters laut sangen und beteten, galten nicht für ganz richtig im Kopfe. Emanuel Quint schritt seines Weges, ohne sich umzublicken. Sobald er aus dem Städtchen heraus über die Bahngleise auf die Landstraße gelangt war, traten die Brüder Scharf ihn an. Sie fragten ihn, ob er nicht derjenige sei, der vor einigen Stunden auf dem Markt von der Buße gepredigt habe und von dem Nahen des himmlischen Reiches.

Emanuel bejahte das alles, und nachdem alle drei eine Zeitlang stumm durch die öde Tallandschaft gewandert waren, fing der ältere von den Brüdern, Martin Scharf, an, allerhand ängstliche Fragen zu tun und mit sichtlicher Bangigkeit, indem er zuweilen die grauen, drohenden Wolken des Himmels betrachtete, danach zu forschen, was man tun müsse, um, vor den Schrecken des Letzten Tages geschätzt, der künftigen ewigen Wonnen sicher zu sein

Anton Scharf, der zur Linken neben dem Narren ging und ebenso blaß und rothaarig wie sein Bruder war, streifte, wie dieser, Quint gespannt mit Blicken. Der seltsam gravitätische Mensch, der den meisten ein Lachen abnötigte, hatte vom Augenblick seiner Predigt an auf die ihm in geistiger Armut und Not verwandten Brüder eine ernstliche Macht ausgeübt und, ohne davon zu wissen, beide mit Banden der Liebe an sich gefesselt.

Als er nun zwischen den fremden Männern dahinschritt, vom Gefühl seiner göttlichen Sendung berauscht und ob seiner Erstlingstat triumphierend, hörte er ihre Worte und Fragen gleichwie im Traum. Ihm war nicht anders, als müsse es nur so sein, daß, wenn er nach Gottes Gebot den Hamen auswürfe, sich Fische fingen. Aber ohne sich zu verwundern, empfand er darüber doch Glück. So sagte er denn, mit dem Klange der Liebe in der Stimme, zu den beiden nach Gottes Worte hungrigen Seelen gewendet: »Wachet!«

An einem bestimmten Punkte des Weges, schon zwischen Bergen, in die sie aufstiegen, brachte nach einigem Zögern und Stottern Martin Scharf eine Bitte vor. In der rauhen und rohen Mundart der Gegend und sich, wie alle im Volke, des Du zur Anrede bedienend, legte er Emanuel nahe, er möge doch mit ihnen gehen und ihren alten Vater womöglich gesund machen, der das Fieber habe und bettlägerig sei. Emanuel sagte, das stehe bei Gott. Aber an dem Kreuzwege, obgleich in seiner Antwort etwas gelegen hatte, was einer Abweisung glich, folgte er doch den Brüdern auf vieles bittliches Drängen hin und weil ein sonderbares Zutrauen aus ihren Blicken und Bitten sich auf ihn übertrug und seine nun einmal vom Schwarmgeiste in Besitz genommene Seele fast widerwillig zum Rausche des Wunders zog.

Während sie sich zwischen Granitblöcken auf einem holprigen Wege dem Wohnort der Brüder näherten, betete Emanuel innerlich. Nach seiner ersten Prüfung sah er sich plötzlich vor eine zweite, größere hingestellt. Er war dem Rufe des Heilands gefolgt. Er hatte öffentlich Zeugnis abgelegt für die Wahrheit des Evangelii, jetzt aber sollte er den Beweis dafür antreten, daß er der vollen Nachfolge Jesu durch Gott gewürdigt sei, indem er Kranke gesund und Tote lebendig mache.

Man kann nicht sagen, der törichte Mensch habe solches zu tun sich aus Hochmut vermessen. Er war voll Demut. Auch seinen stillen Gebeten, die mit Inbrunst durch seine Seele gingen und darin er den Heiland bat, ihn ganz zu heiligen, fügte er immer die Worte: "Nicht wie ich will, sondern wie du willst!" an. Und deshalb, ohne Bewußtsein davon, daß er Sünde tat, von starker Erwartung innerlich bebend, wandelte er der Stätte zu, die es ihm klar enthüllen sollte, wie hoch er bereits in die Gnade Gottes gedrungen, wie nahe er schon seinem Herrn und Meister sei. In seiner Verblendung dachte er auch der Worte des Pastors nicht.

Der Weber in seinem Stübchen für sich, nur an den Umgang mit vertrauten Menschen, meist Gliedern der eigenen Familie, gewöhnt und darum empfindlich und leicht verletzt bei Berührung mit Fremden - ein Stubenhocker, durch sein Gewerbe zum Träumer gemacht, in dem der Hunger, die Sorge, die Not zum Dichter wird und, nicht zu vergessen, die Sehnsucht nach allem, was draußen ist: nach Sonne, nach Luft, nach Himmelsblau -, der Weber, in sich zurückgedrängt und gleichsam in eine zweite Welt, entschädigt sich in der Welt der Träume für seine irdische Trübsal und Not: und wenn er, an ein nach innen gekehrtes Dasein gewöhnt, zum Buche gleichwie zum Hausbrunnen hingedrängt, aus ihm den Durst des Geistes zu stillen gewohnt ist und die Bibel das einzige Buch des Webers ist, so kann es nicht fehlen, daß seine Seele die biblische Welt mehr als die wirkliche Welt erfüllt.

Emanuel Quint erschien diesen beiden Männern nun deshalb als geradezu aus dem Bibelbuch hervorgestiegen. Schon auf dem Markte zu Reichenbach, obwohl als Christen gewarnt vor falschen Propheten, gerieten sie doch sogleich in Emanuels Bann. Kein Narr in der Welt, der nicht Narren macht! Leichtgläubig und in dem steten Gefühl, ihre Not sei zu mächtig, um sich nicht bald zu enden, warteten sie mit ungeduldigeren Herzen auf Erfüllung der Verheißungen des Himmels, als sie auf Brot warteten, ihren irdischen Hunger zu stillen. In ihrer Einfalt hatten sie, ach wie oft, vermeint, das schreckliche Ende der Welt sei nahe und alles stünde unmittelbar vor dem Untergang.

Sie waren zu ihren Konventikeln gelaufen, Sommers und Winters, stundenweit, und hatten dabei, den letzten Blick auf die ärmliche Hütte werfend, aus der sie gingen, für sich gemeint, es könnte vielleicht zum letzten Abschied sein. Denn jedesmal, sobald sie mit anderen Sektierern ihrer Art betend, singend und Bibel lesend vereinigt waren, hatten sie das Gefühl, dem Rätsel der letzten Stunde ganz nahe zu sein. Da schien es ihnen, als lägen vielleicht nur Minuten zwischen jetzt und dem letzten Augenblick. Und oftmals, während des stillen Gebetes, wenn draußen die Nacht und innen im Zimmer der kleinen Gemeinde die Stille des Grabes herrschte, wurden die Brüder jählings blaß, und während sie einer den anderen entsetzt und beglückt zugleich ins Auge faßten, hatten sie draußen die ersten Posaunenstöße des jüngsten Gerichtes dröhnen gehört.

Nachdem sie gegessen hatten und in der seltsamen Erregung, worin alle drei sich befanden, nur wenig gesprochen worden war, erhob sich der jüngere Scharf, um die Reste des Mahles abzutragen, wobei ihm der ältere Bruder behilflich war: dann wurde von diesem die Heilige Schrift - sie hatte auf einem Balken der Decke gelegen - herbeigeholt, und während er sie vor Emanuel, auf dem gesäuberten Tische, aufschlug, sah er den neuen Apostel bittend an.

Dieser hatte die Hand nicht sobald auf das teure Buch gelegt, als es den Brüdern vorkam, wie wenn seine Augen überirdisch zu leuchten begännen und als verbreite sich, von dem göttlichen Talisman aus, ein himmlisches Feuer durch seinen Leib, aber es zeigte sich nur, daß der verstiegene Mensch eine größere Sicherheit wiedergewann und, trotz aller Schwärmerei, in dem Augenblick fest auf den Füßen stand, wo er den Urgrund göttlicher Weisheit wieder berührte, darin, wie er meinte, sein Irrtum, den er für Wahrheit hielt, begründet lag.

Er hub nun zu lesen, das heißt, nur immer flüchtig die Schrift betrachtend, mit leiser, innig-heimlicher Stimme zu sprechen an: »Selig seid ihr, dieweil das Reich Gottes euer ist. Ja, ich komme zu euch, ihr Armen! Euer, ihr Armen, ist das Reich. Selig, die ihr hier hungert, ihr werdet satt. Selig, die ihr hier weinet, euch wird man trösten, ihr lacht dereinst. Der Geist des Herrn ist bei mir«, fuhr er dann fort. »Er hat mich gesandt, wie er viele gesandt hat. Ich bin hier. Ich verkünde das Evangelium. Ich komme, zerstoßene Herzen zu heilen. Die Gefangenen sollen ledig werden, die Zerschlagenen heil, die Blinden gesund.« Und weiter sagte er: »Seht mich an« - und dabei schien der Jammer verborgenen, schweren Leides auf seine verhärmten, plötzlich verfallenen Züge getreten zu sein. ...

Aber er konnte nicht Ruhe finden: »Ich grüße dich, Christus, Gottes Sohn!" klang es immer aufs neue. "Ich grüße dich, der du gekommen bist und herabgestiegen vom Throne des Vaters in Elend, Schmach und Niedrigkeit. Tritt an: deinen Weg! tritt an: deine Sendung! Fürchte dich nicht. Siehe, an deinen Händen und Füßen die Nägelmale von ehedem sind nicht verharscht. Du spürst in dir das brennende Weh aller Leiden von ehedem. Es ist vollbracht. Der Vater hat keine neuen Leiden für dich ersonnen, du Gesegneter. Diesmal sollst du nichts anderes als der gute Hirte sein und sollst die Schalmei erklingen lassen und deine Herden in Gärten führen, auf Weiden, wo Milch und Honig fließt. Ich grüße dich, Christus, Gottes Sohn!«

»Ich bin nicht Christus, Gottes Sohn", sagte Emanuel, und indem er hinzusetzen wollte: Ich bin nur ein Mensch, trat ihm ganz unwillkürlich das Wort auf die Zunge: »Ich bin nur des Menschen Sohn! Darüber erschrak er aber sogleich; denn es mußte ihm einfallen, wie der Heiland sich auch mit diesem Namen bezeichnet hatte. So hatte auch dort, wohin er ausweichen wollte, der Böse eine Falle gestellt. Es blieb nichts übrig, als schnell und eifrig zu widerrufen und zu sagen: »Hebe dich weg von mir; ich nenne mich auch nicht des Menschen Sohn."

Allein stundenlang, als er weiterging, durchdachte er diese Fragen tiefer, und am Ende schien es ihm nicht mehr gegen Christi Gebot zu verstoßen, sich, wie er es getan, als Menschensohn zu bezeichnen. Die Geburt des Heilands im Irdischen, wie nicht zu leugnen war, hatte die Merkmale äußerster Niedrigkeit auch insofern an sich getragen, als Joseph, der Mann seiner Mutter, nicht sein Vater war. Jesus war also, gleich wie er, Emanuel, vaterlos, und dieser unterfing sich nun, die Kette versteckter Leiden, die er deshalb erduldet hatte, die quälende Scham und Bitterkeit mit den Leiden des Heilands, aus eben der Ursache, zu vergleichen. Wie mußte es nicht, wenn andere Kinder von ihren Vätern gesprochen hatten und Jesum nach dem seinigen fragten, den Knaben mit Scham und Schrecken verführt haben, daß er ihn nicht zu nennen wußte, und welche ätzende Pein, als er älter wurde, mußte es ihm verursacht haben, daß viele unter jenen niedrig und roh gearteten Menschenkindern, die ihn umgaben, anders von ihrer Mutter reden durften als er!

Emanuel biß die Zähne zusammen. Wieviel hundertmal hatte er Vater und Mutter verleugnet, aus tiefer Scham, und deshalb in den Augen der Leute zum Narren gemacht! Sollte nicht Christus, der alle verborgenen Leiden der Seele kannte wie niemand außer ihm, die gleiche Erfahrung gemacht haben? Sollte er nicht eines Tages sich unter den Fragen der Pharisäer stolz aus dem ängstlichen Druck der Schande zur freien Höhe des Menschensohnes aufgereckt haben? Und sollte es nicht seine Absicht gewesen sein, indem er sich diesen Namen beilegte, damit zugleich für alle Zeit das Mal einer unverdienten Schmach von den Stirnen aller Spätergeborenen im vorhinein abzuwischen?

Emanuel Quint war auf einmal davon überzeugt, es müsse so und nicht anders gewesen sein, und beschloß, das Erbe des Heilands in dieser Beziehung mit reinem Vertrauen anzutreten. Er ist es, und nicht der Satan, bestätigte er sich selbst, dessen Wesen sich mir in diesem Augenblick und mit diesem Gedanken offenbaret.

Ganz unwillkürlich richtete er sich auf und bekam einen freiere festeren Gang. Es war nicht mehr eine heftige Stimme, die ihm »Gottes Sohn« in die Ohren blies, sondern es lag eine stumme und klare Erkenntnis in ihm, daß er als Menschensohn durch die Felder ging. Er wußte von einem König und Kaiser, der in Berlin, der Hauptstadt des Reiches, auf seinem Throne saß; aber in seiner neuen Würde erkannte er plötzlich, daß er, Emanuel Quint, der Bankert - sein Stiefvater nannte ihn oftmals so -, vor Gott nicht geringer dastand als er. Des Menschen Sohn ist ein Herr der Welt!

Und so rollte sich der bräunliche Weg wie ein Tuch vor ihm aus. Wie Teppiche voller Kostbarkeiten breitete sich die Erde mit ihren Städten, Türmen, Flüssen und Saaten gegen die Berge hin, als Erb und Eigen dem Menschensohn. Über ihm spannte sich weit als Decke die blaue Seide des Himmelsgezelts. Die strahlende Sonne war seine Ampel. Die Lerchen sangen dem Menschensohn. Die Früchte reiften dem Menschensohn. Die Haine flüsterten huldigend seinen Namen. Et war nichts Mächtigeres und Herrlicheres auf der weiten Welt als der, den die Vögel, die Winde, die Zungen der Gräser und Blätter im Chore begrüßten: Gesegnet sei und gelobt, der da kommt im Namen des Herrn! Nichts Herrlicheres als des Menschen Sohn!

Eines Tages standen vor Emanuel Quint die Brüder Scharf. Sie hatten seit Wochen nach ihm gesucht, und es war den zuckenden Mienen ihrer bärtigen Angesichter abzumerken, was es für sie bedeutete, ihn endlich entdeckt zu haben. Auch der Narr war gemäß der neuen Verfassung seines Innern froh, sie wiederzusehen, und entschloß sich alsbald, mit ihnen die Herberge aufzusuchen, eine Bande, darin sie schon mehrere Tage genächtigt hatten.

Die Brüder hatten ihn gleich erkannt, trotzdem sein Bart und Haupthaar ein wenig verwildert waren, und wie sie nun, immer voll Demut, hinter ihm dreinschritten, gegen die Herberge hin, strahlte die Freude immer stärker und stärker aus ihren Blicken hervor, indessen sie seine Fragen beantworteten. Sie berichteten Quint zuvörderst, daß ihnen vor mehr als drei Wochen der Vater gestorben war. Der Alte war selig in Gott entschlafen, im Glauben an Jesum und an die Gewißheit der Auferstehung. Sie hatten darauf ihre Wirtschaft verkauft, um nicht an die Scholle ferner gebunden zu sein und ganz den Spuren des Narren zu folgen.

Sie hatten um dieser Absicht willen, die nicht verborgen geblieben war, viel Spott und Hohn zu erdulden gehabt; den weil eine Anzahl gläubiger Christen der Umgegend wunderbarliche Dinge über das Erscheinen und das Verschwinden Emanuel Quints geweissagt hatten, so ward eine überwiegende Menge zu Haß und Verachtung angereizt, und kaum fehlte viel zur Wut der Verfolgung.

Ein sozialistischer Agitator, Kurowski, hatte die Brüder Scharf besucht, und als er von ihrer Absicht hörte, hatte er sie davor gewarnt. Aber sie waren festgeblieben. Auf seine Behauptung hin, daß Quint, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehn, vielleicht über die Grenze entschwunden sei und daß sie ihn schwerlich finden würden, hatten sie ihren Glauben betont und den gewissen Geist ihrer Herzen.

Darauf hatte Kurowski ihnen mit vieler Umständlichkeit etwa dies auseinandergesetzt, was sie nun wiederholen mußten, da Quinten das Verhalten des Agitators und Redakteurs besonders zu interessieren schien.

"Ihr werdet durch euren guten Glauben irregeführt. Dieser Schwärmer, der ohne Zweifel in edler Absicht handelte, als er in der Stadt seine Kapuzinerpredigt hielt, betrügt euch doch. Er betrügt euch, wie er sich selbst betrügt. Warum? Er fußt auf dem Grunde der Unbildung! Wenn dieser Schwärmer gebildet wäre, was er nicht ist, weil die Verruchtheit der herrschenden Klasse die allgemeine Bildung verhindert, so könnte er Ungeheures leisten. Es gibt eine neue soziale Wissenschaft; und wer nicht auf diese, sondern auf alte törichte Märchen baut, der baut auf Sand. Das größste Mitleid hilft uns nichts. Das tiefste Mitleid bringt uns nicht weiter. Es gibt einen Götzen, das Kapital, und solange man diesen nicht zertrümmert, hilft alle Güte und Mitleid nicht.«

Einer der Brüder zog aus dem ehrbaren, langgeschößten Rock, den er anhatte, ein Schriftchen hervor, das ihm der Agitator geschenkt hatte: Das Kommunistische Manifest. Und Emanuel las das »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" Doch er achtete dieses Anrufs nicht. Er bat die Brüder, ihm mehr zu berichten.

Als der Kreisarzt gekommen war, der den Totenschein für den alten Scharf hatte ausstellen müssen, kam zugleich eine alte Frau in das Zimmer herein, halbblind, die sich nach Quint, als sei er ein Wunderdoktor gewesen, erkundigte. Da hatte der Arzt etwa dieses gesagt:

»Daß ihr armen, törichten, ungebildeten Leute doch immer wieder solchen Scharlatanen zum Opfer fallt! diesen Meuchelmördern und Giftmischern, die nichts weiter im Sinne tragen, als euch den letzten kupfernen Pfennig aus der Tasche zu ziehen und eure Leiden zu verschlimmern. Es gibt kein triefäugiges und besoffenes altes Weib, dem ihr nicht alsogleich eure Gesundheit zum Opfer bringt, wenn es ihr einfällt, euch mit irgendeinem noch so albernen dreisten Versprechen anzuschwindeln. Habt ihr denn keine Ahnung davon: es gibt eine ärztliche Wissenschaft! eine ärztliche Kunst! und die muß man gelernt haben. Angeboren ist sie uns nicht!

Wenn ihr meinem Rat folgen wollt, guten Leute, so haltet euch jeden abgefeimten Halunken, Pflasterschmierer, Harnbeschauer und Wundertäter vom Hals! Sie saugen euch Leib, Seele und Geldbeutel aus wie die Blutegel. Und dieser Quint ist ein kranker Hanswurst, und sollte er nochmals hier bei euch auftauchen, so verständigt mich nur unter der Hand davon, und wir stecken ihn einfach ins Irrenhaus."

Die Mutter Quints war ebenfalls, und zwar zu wiederholten Malen, bei den Brüdern gewesen und hatte nach ihrem Sohne gefragt. Sie war zuletzt heftig und dringend geworden in der bestimmten Meinung, die Brüder verheimlichten ihr seinen Aufenthalt. Sie habe geweint, erzählten sie und waren davon überzeugt, sie werde nicht nachlassen, bis sie ihn finde. Ihre Rede sei immer gewesen, Emanuel wolle zu hoch hinaus. Gerade ihm, wie keinem andern der Brüder, hätte es abgelegen, durch schlichten Fleiß und Verträglichkeit der Familie aufzuhelfen, den Zorn des Stiefvaters zu besänftigen, dessen Leiden ein Milderungsgrund bei Betrachtung seiner meist üblen Laune sei. Sie hatte Emanuel nicht geschont und erregt und entrostet, wie sie war, ihm Dutzende bitterer Namen gegeben. Wie nun der stets zur Erregung geneigte Anton Scharf diese mit starker Entrüstung aufzählte, wurde er plötzlich von Quint gefragt: »Was glaubt denn ihr, du und der Bruder, wer ich sei?"

Die Brüder schwiegen und sahen einander an. Es lag aber in den Blicken der beiden ausgemergelten Schwärmer, die durch Arbeit, Nachtwachen am Bett des Vaters und die glühende Sehnsucht ihrer Herzen überreizt waren, ein seltsam entschlossener Glanz, vor dem Quint erschrak. Es war ihm zumut, als müßte er ein noch unausgesprochenes Wort auf den Lippen der Brüder zurückhalten: ein Wort, vor dessen verwirrender Macht er Furcht empfand und das zu vernehmen wiederum doch seine Seele hungerte.

Es hatte sich aber in den Brüdern Scharf eine Überzeugung festgenistet und war durch dasjenige, was sie von Nathanael Schwarz vernommen hatten, noch bestärkt worden: eine törichte Überzeugung, die aber eine unerhörte Empfindung von Glück in den beiden lebendig hielt, einen seligen Wahnsinn, wie er sich nur in dem engen, von der Welt geschiedenen Bezirke ihrer Kindereinfalt entwickeln konnte. Sie sagten: "Wir wissen, daß du der Gesalbte des Vaters bist.«

Es muß zur Ehre des Narren gesagt werden, daß er, kaum seines Entsetzens Meister geworden, die Brüder mit heftigen Worten strafte und den Versuch machte, ihnen die schreckliche Absurdität einer solchen Behauptung vorzustellen. Auch gebot er den Brüdern Scharf, ihre Meinung durchaus geheimzuhalten.

Aber die Brüder Scharf und der Weber Schubert ahnten von solchen Betrachtungen nichts. Diese beschränkten und armen Menschen lebten innerlich ganz in ihrem festen, gläubigen Wahn, der wie jedweder Wahn für den Nüchterndenkenden schwer zu begreifen ist. Es kommt von Zeit zu Zeit über die alte Welt ein Verjüngungsgefühl, verbunden mit einem neuen oder erneuten Glauben, und gerade zu jener Zeit, um das Jahr neunzig verwichenen Säkulums, schwamm neuer Glaube und Frühlingsgefühl in der deutschen Luft. Es war ein Rausch, dessen Ursachen vielfältig waren und späterhin zu erörtern sind. Genug, zu wissen, daß dieser Rausch bis in die entlegensten Winkel des Landes drang und, ich möchte fast sagen, das Blut der Menschen blühen machte - und daß er auch unvermerkt die Brüder Scharf mehr und mehr vom Boden der nüchternen Wirklichkeit entfernen half.

Der ungeheure Wahn, als die ersten der Gemeinschaft mit Gott, bei seiner Wiederkunft in die Welt, gewürdigt zu sein, erfüllte ihr waches Leben, gleichwie ihre nächtlichen Träume, mit einer schwer zu bemeisternden Trunkenheit. Während sie nun aber aßen und tranken, konnten sie dies gebändigte Glück nicht ferner in seinen Fesseln zurückhalten, und es tat sich, trotz der Gegenwart Quints, hervor in Selbstgerechtigkeit und in Übermut.

In ihren Reden, die sie mit heiseren, immerhin noch gedämpften Stimmen vorbrachten, war nicht die Erlösung aller das Wichtige, sondern vielmehr die Verfluchung der Schlechten, das Gericht! nicht so das Verzeihen als die Rache! nicht so das Leiden um Jesu willen als um des erduldeten Leidens willen der Lohn. Mit Schrecken gestand sich Quint, wie weit diese, seine einstweilen treuesten Jünger, vom Reiche Gottes, wie er es ersehnte, entfernt seien.

Die Nähe des Tausendjährigen Reichs, das die Erde zum Paradiese umwandeln sollte, beschäftigte sie, und es war zu merken, daß sie auf neue Leiden vor dem Eintritt des Milleniums der Glückseligkeit nicht mehr rechneten. Zwar spukte die Offenbarung Sankt Johannis mit allen ihren Schrecken in ihnen, aber sie waren ja ihrer Meinung nach unmittelbar in des Heilands Schutz. Sie stellten sich vor, wie dieser zur Rechten des Vaters herniederfahrend Gerichtstag hielt und wie er die Schafe von den Böcken absonderte, und es befreite sich ihre Wut gegen alle jene Mächte der Zeit, die sie für gottlos hielten und denen sie die ganze ungeheure Summe des Erdenjammers ins Schuldbuch schrieben.

Emanuel wurde zunächst im Gefängnis des Amtsgerichts seiner Kreisstadt inhaftiert. Er sollte sich wegen Vagabundierens, wegen Kurpfuscherei und Verübung öffentlichen Unfugs in wiederholten Fällen verantworten. Das Verhör setzte aber den Richter mehr als Emanuel in Verlegenheit, denn er konnte, trotz aller Fragen, das Zugeständnis der zu erweisenden strafbaren Handlungen aus dem Beklagten weder herausbekommen noch sich auf andere Weise davon überzeugen.

»Sie maßen sich an, Kranke, und wären sie mit unheilbaren Übeln behaftet, gesund zu machen?" hatte die erste Frage des Richters gelautet: die Antwort aber lautete: »Nein!" Sie pflegen unwissenden Leuten weiszumachen, daß Sie gleichsam in einer besonderen Sendung von Gott auf dieser Erde erschienen seien. Wollen Sie diese Behauptung auch mir gegenüber aufrechterhalten?« Auf diese zweite Frage des Richters erfolgte ein zweites Nein zur Antwort. Gefragt, warum er nicht in der Werkstatt seines Vaters arbeite, sagte er: er wisse, und zwar aus der Bibel, daß für die Nahrung und Notdurft des Leibes zu sorgen nicht halb so wichtig als die Sorge für das ewige Heil der Seele wäre.

Kurz, der Richter wußte mit diesem Sonderling, dessen Antworten schlicht, glaubhaft und einfach klangen, nichts anzufangen. Er kam schließlich auf den Klagepunkt wegen Bettelei. Und als ihm Quint in gelassenem Tone geantwortet hatte, er vermeide es überhaupt, Geld in die Hand zu nehmen, alles Gut sei unrecht Gut, so stutzte der Richter mit einem Aha, und das Verhör ward überraschend schnell zum Abschluß gebracht.

Zwei Tage nachher befand sich Quint in einer nahen Irrenanstalt zur Beobachtung. Ein Assistenzarzt stellte die sonderbarsten Fragen an ihn. Er wollte wissen, wie alt er sei. Er wollte das Datum des gegenwärtigen Tages wissen, die Jahreszahl. Er gab ihm Rechenexempel auf. Er vergewisserte sich, ob Quint die Uhr kannte. Er führte den armen Menschen ans Fenster und ließ ihm das Licht in die Augen fallen, um festzustellen, ob die Pupille sich verengte, was richtig geschah.

Und plötzlich nahm er, gleichsam in einer Anwandlung von Mitleid und Menschenfreundlichkeit, ein blankes Markstück aus seiner Geldbörse und händigte es Emanuel ein. Es rollte aber gleich darauf aus der Rechten des Narren zur Erde herunter. Nun zeigte sich allerdings, daß Quint zwar auf Befehl des Arztes das Geld von der Erde hob, aber auch, wie er es unter keiner Bedingung annehmen und behalten wollte. Ihn dennoch dahin zu vermögen, gelang dem Arzte durch keinerlei List: er drohte, er lachte, er stellte sich zornig, er gab schließlich vor, beleidigt zu sein. Quint beharrte bei seiner Weigerung.

Alsdann nach der Ursache seines Betragens gefragt, sagte er, er möchte um keinen Pfennig reicher als unser Heiland auf Erden sein. Es schien beinahe, als wollte er mehr sagen, aber da faßte ihn schon ein Wärter an, und der Arzt hatte sich bereits einer schreienden Patientin zugewandt, die einige Wärterinnen in weißen Schürzen nur mit Mühe festhalten konnten. Quint wurde in seine Zelle zurückgeführt.

Das psychiatrische Gutachten hatte die Ansicht vertreten, daß der pp. Quint zu den Sonderlingstypen gehöre, im übrigen aber als gesund und höchstens mit Zeichen leichten Schwachsinns behaftet anzusprechen wäre: doch könne man ihm die volle Verantwortung für seine Handlungen schwerlich aufbürden, weshalb er am besten in die Hut des elterlichen Hauses zu stellen und ganz besonderer Aufsicht zu empfehlen sei.

So wurde denn Quint nach einigen Tagen aufs neue einem Gendarmen anvertraut, nachdem er eine strenge Verwarnung empfangen hatte, und dieser trat mit ihm den Weg nach Emanuels Geburtsort an, wo Mutter und Stiefvater miteinander und einigen Kindern noch immer in einem verfallenen Häuschen ihr Dasein fristeten.

Die nun folgende öde und lange Wanderung durch gewohnte Gegenden war das größte Martyrium, das Quint, der Narr in Christo, je hatte durchmachen müssen. Er wußte, was ihm bevorstand, sobald man ihm Weg und Ziel eröffnet hatte, und es gab keinen anderen Weg, den er nicht lieber gegangen, kein anderes Ziel, dem er nicht lieber zugestrebt hätte. ..

Die Versammelten nannten sich auf den Vorschlag des Müllers hin die Talbrüder. Sie hatten die Gütergemeinschaft eingeführt - der allerdings die Weibergemeinschaft in bedenkliche Nähe tritt! - und lebten aus einer gemeinsamen Kasse, die Martin Scharf übergeben war.

Sie hatten sich gegenseitig im Rausch der Einfalt, im Rausch der Beschränktheit, im Rausch der Nöte, Ängste und Kümmernisse, im Rausch der Sündenbefleckung und Reinigung, im Rausch des Kampfes, der ungewöhnlichen Tat, des Aufbegehrens aus Niedrigkeit, im Rausche des Suchens, des Wartens, der Heiligung, im Rausche des Blutopfers Jesu, vor allem aber im Liebesrausch davon überzeugt, daß der Heiland erschienen und das Neue Jerusalem vor der Türe wäre. Sie waren die Kunden! Sie waren die Wissenden! Und das brachte den neuen Rausch der Heimlichkeit.

Diese Leute alle für Narren zu erklären und zu beweisen, daß sie es wirklich gewesen sind, ist von einem gewissen überlegenen Standpunkt aus gewiß nicht schwer: ebensowenig, als es schwer ist, zu behaupten und nachzuweisen, daß sie beschränkt und ohne Bildung gewesen sind. Aber hier soll nicht verurteilt, sondern so weit wie möglich begriffen und ganz verziehen werden.

Diese Menschen fanden in ihrem gegenseitigem Anblick allerdings nichts Merkwürdiges. Ein Beobachter von reifem und überlegenem Geiste und Blicke jedoch würde in ihnen eine Versammlung von wahrhaft Enterbten dieser Erde erkannt haben, und er hätte in ihnen jenes gefährliche Fieber bemerkt, das mit wechselnden, bald abgründischen, bald himmlischen Phantasien entweder Genesung oder Tod erzwingt.

Das bewußte Geistesleben dieser Leute wurde beherrscht von Lebensgier und einem jahrzehntelangen Harren und Hoffen in einer unsäglichen Alltagsmonotonie. Auf eine endliche Erfüllung aller zurückgestellten, leidenschaftlichen Wünsche, Neigungen und Bedürfnisse zu warten, deren man mangelte.

Im Volke wurde Emanuel nie anders als »Der Miltzscher Narr« genannt. Das war ihm selbst nicht verborgen geblieben. Und jene große Partei, die im Streit der Meinungen ihm entgegenstand, hatte reichlich Gelegenheit, sich auf die Vox populi zu berufen, die ja die Stimme Gottes ist.

Man weiß in Schlesien ebensowohl als in gewissen anderen Provinzen Ostelbiens, daß hie und da ein adliger Gutsbesitzer überaus kirchengläubig und doch zugleich von einer reizbaren Härte ist, die nichts von der Milde des Heilands atmet. Wenn solche Leute, deren es in der Miltzscher Gegend einige gab, gelegentlich zu hören bekamen, wie Quint in dieser und jener Gesellschaft, etwa beim Apotheker von Krug oder beim Rittergutsbesitzer Salo Glaser, zu sehen gewesen sei, so konnten sie sich kaum genügend entrüsten. Besonders ein Herr von Kellwinkel, dessen Eigentum an die Herrschaft Miltzsch grenzte, wurde, sooft er dergleichen vernahm, ja schon durch den Namen Quints in Wut versetzt.

Er war bereits über die Sechzig hinaus. Sein bebrilltes Gesicht, das unter der Nase ein weißer, gewaltiger Schnurrbart zierte und das sich im Zorn martialisch mit weißen, buschigen Brauen zusammenzog, sprach vornehmlich von Härte, Intelligenz und rücksichtsloser Unduldsamkeit. Er hatte sich durch eine Reichstagsrede vorübergehend in das Bewußtsein der Nation gebracht, in der er die Prügelstrafe verteidigte. Gelegentlich selbst im Bereich seines Gutsbezirks mit Prügeln zur Hand, suchte er mit seinem scharfen geistigen Auge nach gewissen suspekten Zeichen der Zeit umher, von denen er fürchtete, sie könnten das Bereich seines herrschenden Arms einschränken.

Soziale Fürsorge liebte er nicht. Not wollte er niemals anerkennen. Dazu gezwungen, führte er sie ausschließlich auf die Schuld des Betroffenen zurück und nannte sie eine verdiente Strafe. Die ewige Mahnung zum Mitleid und zur Barmherzigkeit hätte er nicht nur am liebsten aus allen, auch frommen Schriften, sondern auch von den Kanzeln verbannt. Schilderungen gewisser arger und schlimmer Mißstände, Darstellungen von Beispielen himmelschreiender Dürftigkeit, wie sie mitunter in Büchern oder Journalen vorkommen, machten den Autor, dem sie entstammten, in seinen Augen zuchthausreif.

»Schloß und Riegel« - in Sätzen wie: »Der Kerl gehört hinter Schloß und Riegel!« - war sein Lieblingswort. Er sagte: »Wenn Schiller heut gelebt hätte ... e, und dann brachte der Nachsatz: "Schloß und Riegel." Kurz, Herr von Kellwinkel hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre, die ganze deutsche Herzens und Geisteskultur hinter Schloß und Riegel gesetzt.

Ohne daß er ihn jemals gesehen hätte, nährte er einen wütenden Haß gegen Quint. Er war nicht nur durch den Schlächtermeister und Viehhändler geschürt worden, an den Kellwinkel sein Mastvieh persönlich verhandelte und der, ansässig in Quintens Heimatdorf, den nächtlichen Überfall auf den Toren in Jesu mitgemacht hatte. Ebensowenig hatte diesen Haß allein der kirchenfeindliche Sektierergeist in Brand gesetzt, schließlich war es auch nicht der Kastenhochmut allein, der sich in Wut umsetzte, weil, nach Meinung von Kellwinkels, etwas von Sklavenaufstand in Quintens Verhalten zu wittern war: vielmehr lag in der bitteren Feindschaft des Edelmanns die Erbschaft des alten Räubers gebunden, der sich durch Quintens bloße Existenz in seinem Gewaltmenschentum beleidigt fand.

Aller Augenblicke nahm er an etwas, das man ihm aus der Nähe Quintens zutrug, Ärgernis. Vor allem war es die leider von Emanuel eigensinnig festgehaltene Wunderlichkeit, weder Geld zu nehmen noch auszugeben, die ihn immer wieder erheblich aufreizte. Es würde von Emanuel klüger gewesen sein, wenn er nicht durch eine solche verrückte Gepflogenheit immer wieder, auch im niederen Volk, den Ruf seiner Narrheit erneuert hätte: es zeigte sich aber, daß über diesen Punkt auf keine Weise mit ihm zu markten war.

Von Kellwinkel nahm aber auch an dem Zulauf, den der Miltzscher Schäfer durch Quint erhielt, Ärgernis. Das Gurauer Fräulein bekam mehrere heftig gefaßte Briefe von ihm, worin er auch allerlei Bassermannsche Gestalten erwähnte, die sich im Umkreis von Miltzsch bemerklich machten und vielfach auch seine Grenzen beunruhigten. Arbeiten wollten diese Leute nicht. Von ihm oder seinem Inspektor gestellt, hatten sie ordnungsmäßig ihre Papiere vorgewiesen, hatten auch im Wirtshause, ohne zu betteln, ihre bescheidene Zeche bezahlt, aber über den Grund ihres verdächtigen Umherstreichens bekam man, wie Herr von Kellwinkel ausdrücklich hervorhob, nicht das geringste aus ihnen heraus.

Ein gewisser Tagelöhner, mit dem Quint zuweilen bei Gelegenheit seiner Feldgänge einige Augenblicke philosophiert hatte, benutzt jetzt die Gelegenheit, um sich bei Kellwinkel einzuschmeicheln. Indem er hervortrat, behauptete er, Quint halte die Leute vom Arbeiten ab. Er mache sie unlustig, mache sie aufsässig, indem er Weiber und Kinder gewöhnlich frage, ob denn das Zuckerrübenhacken oder das Heil ihrer Seele wichtiger sei?

Nachdem Emanuel Quint auch noch die Kirchen und "sogenannten Gotteshäuser", sowohl protestantische als katholische, insgesamt als das wahre Golgatha Jesu Christi bezeichnet hatte, wofür ja auch das nachgemachte Kreuz und die Ausstellung seiner Martern den Beweis liefere, stieß er gleichsam dem Faß der Langmut seiner Zuhörer durch diesen Abschluß den Boden aus.

Am allermeisten bildete aber der Verkehr Emanuels mit einer wachsenden Anzahl gebildeter Menschen für die Seinen ein Ärgernis. Sie sahen erstens, nach Art ihrer Sektengenossen, Teufelswerk in aller Bildung und Wissenschaft und besaßen außerdem jenen Haß gegen bessere Kleider, edleres Aussehen und überlegene Lebensform, der dem Paria der Gesellschaft eigen ist.

http://archive.org/details/dernarrinchristo00haup

Exkurs:

Der Umbruch bei den Zeugen Jehovas durch J. F. Rutherford
IRutherford, von Hause aus Jurist, wird man im Gegensatz zu einigen seiner zeitweiligen Weggefährten in der Führungsetage der WTG, wohl kaum Naivität als Grundeigenschaft zusprechen können. Eher schon ausgeprägtes Machtbewusstsein.

Die Opposition, welche Rutherford nach dem Schisma, verursacht durch Band 7 der "Schriftstudien, letztendlich eiskalt "an die Luft setzte", löste sich damit ja nicht prinzipiell auf. Interne Spaltungen innerhalb der Spaltungen blieben ihr zwar nicht erspart. Aber atomisierte Teile dieser damaligen Opposition kann man noch heute im Internet begegnen, einschließlich ihrer (teilweise) bis heute fortbestehenden Publikationsorgane. Unter letzteren nimmt aus meiner Sicht der "Herald of Christ's Kingdom" eine dominante Stellung ein.
http://www.heraldmag.org/

Ein früher deutscher WTG-Funktionär, Samuel Lauper, später wie etliche andere vor- und nach ihm, im Schisma zur WTG befindlich, lies es sich angelegen sein, auch eine deutsche Ausgabe davon in den zwanziger Jahren zu veranstalten, die bis etwa Mitte der dreißiger Jahre erschien (in der Schweiz).
Ihr Quellenwert wird aber schon daran deutlich, dass fast keine Bestandsnachweise in wissenschaftlichen Bibliotheken vorhanden sind (lediglich die letzten Jahrgänge davon aus den dreißiger Jahren, haben auch ihren Weg in die Deutsche Bücherei Leipzig, als (relatives) Gesamtarchiv deutschen Schrifttums gefunden.

Relativ deshalb, weil entgegen den Sammlungsrichtlinien, es auch einiges gibt, worüber die Deutsche Bücherei eben nicht verfügt. Letzteres ist allerdings primär nicht ihr anzulasten, sondern eben widrigen äußeren Umständen, welche partiell bis in die Gegenwart fortbestehen. Staaten die viel Geld etwa in sogenannte "Verteidigungsetate" investieren, behandeln nicht selten ihre Kulturetate mehr als stiefmütterlich, bis in die Gegenwart.

Immerhin findet man in der Deutschen Bücherei doch noch einiges, was andere als vermeintlich "graue Literatur" (nicht Sammelwürdig), prinzipiell außen vor lassen. Jedenfalls ist die Situation so, dass von den Jahrgängen aus den zwanziger Jahren des "Herold des Königreiches Christi" so gut wie keine Bibliotheksnachweise existent sind. Lediglich im Privatbestand einschlägiger Sammler, ließen sich (sehr lückenhaft) auch einzelne Ausgaben aus den zwanziger Jahren eruieren.

Ein inhaltlicher Blick in sie macht die Unterschiede deutlich. Während Rutherford seine "Bibelforscher" zunehmend zur Kampforganisation formierte, liegt der Schwerpunkt dieser Schismatischen Kreise in (vermeintlicher) Erbauuungstheologie. Wer indes die "Schulung" der "Kampforganisation Zeugen Jehovas" hinter sich hat, kann allerdings (nicht selten) dieser "Erbauungstheologie" (Marke: Kein Hund hinterm Ofen damit vorlockbar) kaum etwas sonderlich "abgewinnen".

Das wusste schon Rutherford. Und deshalb setzte er je länger, je mehr auf den Aspekt "Kampforganisation". Hätte er es nicht getan, wäre eben die Russell-Organisation zu einer relativ unbedeutenden "Erbauungsorganisation" innerhalb des weitgespannten religiösen Pluralismus der USA verkümmert. Getreu dem Motto: "Was, die gibt es auch? Was sind die denn?".

Namentlich die internationale Expansion wäre dann mehr als fraglich gewesen.
Nun hatte diese Organisation aber im von Inflation und sonstigen Nachfolgewirkungen des ersten Weltkrieges geschüttelten Deutschland (respektive dem deutschsprachigem Raum), schon ein "Standbein" zu Russells Zeiten, das kontinuierlich und zielgerichtet weiter ausgebaut wurde.

Ich sagte es schon früher.
"Der" wesentliche Aspekt dieser Expansion, bildete dabei die Zeitschrift "Das Goldene Zeitalter"  mit ihrer Mixtur von Bibelforscherideologie, kombiniert mit Gesundheitsratschlägen und nicht zu vergessen, auch (faktischen) Politikelementen.

[Siehe die Jahrgangsdateien, dort unter dem Begriff GZ-Zeitreise einige Referierungen dieses Blattes]

Auch wenn die Konsumierer selbiger (nicht selten der Sorte "heilige Einfalt" zugehörig), diese Politikelemente als solches, nicht bewusst wahrnahmen. Jedenfalls wäre hierzulande, ohne das "Goldene Zeitalter", die jetzige Organisation der Zeugen Jehovas, nie das geworden, was sie tatsächlich ist.
Wer an der sicherlich nicht als Lob auffassbaren Vokabel "heilige Einfalt" Anstoß nimmt, dem sei stellvertretend eine Betrachtung von Gerhart Hauptmanns "Der Narr in Christo Emanuel Quint" anempfohlen.
Ich kann einfach nicht erkennen, dass der "Quint-Typus" inzwischen "ausgestorben" wäre. Das wäre zu schön, um wahr zu sein.

Allerdings, ist das dann wohl nur die "halbe Beschreibung".
Die "andere Hälfte" kann man dann wohl einem Bericht in dem Buch "Der Heilige Geist in Amerika" von Ernst Benz entnehmen.
Benz lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er Sympathisant, etwa der Pfingstbewegung ist. Und da gibt er auch eine Episode "zum besten", welche sich offenbar in diesem Milieu, in den USA zugetragen hat.
Mag das Beispiel von Benz auch "zugespitzt" sein, und was seine Verallgemeinerung andernorts betrifft, mit einigen Abstrichen zu versehen sein.
So verdeutlicht seine Episode doch, dass keineswegs nur "rationale" Aspekte, die dominierenden sind.
Indes das darf auch gesagt werden. Emotionale Rauschzustände - gut und schön.
Indes früher oder später kommt auch dort die "Katerstimmung" noch zur Geltung, dieweil der Mensch zwar Emotionen schätzen mag, für sein Privatleben.
Indes das eigentliche "Weltgeschehen" wird keineswegs von Emotionen beherrscht. Und wer da wähnt die Ratio prinzipiell außen vor lassen zu können, wird da auch noch sein "Waterloo" erleben.
Und einen solcher "Ernüchterungsumstände" benennt Benz dann ja noch selbst, indem er den dezenten Satz prägt, der da von "einer engen Beziehung der Pfingstbewegung zum Geld" redet.


Nun weis man, das solcherlei "enge Beziehungen" durchaus in verschiedenartiger Form daher kommen können. Es muss also keineswegs der prall gefüllte Spendenkorb immer sein.
Auch Zeit kann vielfach Geld sein. Besonders auch die Fälle nicht weniger Art nicht zu vergessen, wo externe Zeitanforderungen gar zu Lasten eines ausgewogenen Familienlebens gehen.
Und da kann man an eine ganz bestimmte Religionsform im besonderen denken, welche vielfach Halbtagsbeschäftigungen favorisiert, auf das jene Religion von den Betörten, um so gieriger abgreifen kann, und sei es nur über den indirekten Weg de Zeiteinsatzes, für diese Religionsfirma.

Jedenfalls gab Benz in genanntem Buch auch die nachfolgende Episode mit zum besten.
Er berichtet über einen Kirchenbesuch in den USA. Und dann geht seine Schilderung wie folgt weiter:

"Ich hoffte unbemerkt eintreten zu können, doch dies ist in einer amerikanischen Kirche unmöglich. Zwar war das Begrüßungskomitee der Gemeinde, das am Sonntag vormittag vor jeder Kirchentür zu stehen pflegt, um bekannte und vor allem unbekannte Besucher zu bewillkommenen, nicht vorhanden, aber der Prediger, der vorn auf der Empore stand, hatte mich mit scharfem Blick sogleich als Fremden erspäht und rief mir vom Pult herab mit gemütvoll dröhnender Stimme zu:
"... Willkommen Bruder, laß Dir den Heiligen Geist grad ins Herz flammen!"
So voll, so direkt, so substantiell war ich noch in keiner Kirche bzw. überhaupt noch nie in meinem Leben begrüßt worden. Ich war überwältig, fühlte mich aber gleichzeitig gewarnt, mich nach diesem Anfang im Fortissimo nicht weiteren unbekannten Blitzen oder Überflutungen auszusetzen, und setzte mich daher auf die hinterste Bank, auf der sonst niemand saß, in der Nähe der Tür."

Zurückkehrend zu den Zeugen Jehovas.
Nach dem frühen WTG-Schisma, mit dem Resultat, die Rutherford-Opposition flog "achtkantig" aus den Führungsetagen der WTG heraus, benötigte Rutherford durchaus eine gewisse Konsolidierungsphase.
Seine "Millionen jetzt Lebender werden niemals sterben" mit dem 1925-Datum, war ja faktisch nur eine Umterminierung, nachdem es mit den auf 1918 verschobenen Erwartungen der Einfaltspinsel, die da auf den WTG-Leim gekrochen, (wieder) mal nicht geklappt hatte. Jene Einfaltspinsel ließen sich ja schon bezüglich ihrer 1914-Erwartungen auf 1918 hinhalten. Warum also sollte selbiges nicht noch einmal mit dem Datum 1925 möglich sein. Wesentlich für die Einfaltspinsel, eben auch die (vermeintlichen) Anzeichenbeweise, die für ihre Motivation unfraglich höher einzuschätzen sind, als wie die eigentliche windige 1925-Berechnung, die wieder mal "in die Binsen" ging. Das aber störte wesentliche Teile der Einfaltspinsel nicht, dieweil sie sich ja weiterhin an ihren Strohhalm "Anzeichenbeweise" zu klammern pflegten und pflegen.

Rutherford war es so möglich, seine Organisation, trotz des 1925-Desasters, weiter "am laufen zu halten".

In seine Konsolidierungsphase fiel dann das Buch "Die Harfe Gottes". Selbiges noch weitgehend im Russell'schen Mainstream segelnd. Die erste relevante Zäsur (auch nach WTG-Einschätzungen) bildete dann das Buch "Befreiung".

Dicke Bücher indes (relativ gehört auch "Befreiung" dazu) sind nicht unbedingt das, wonach die "Einfaltspinsel" suchen. Selbige brauchen eines vor allem. Eine (relative) "Bild"-Zeitung, mit dicken Balkenüberschriften, und magerem Textanteil. Übersteigt der Textanteil die Balkenüberschrift, läuft er schon Gefahr, von den Einfaltspinseln nicht mehr aufgenommen werden zu können; dieweil ihr "Fassungsvermögen" eben mal sehr begrenzt ist.

Diesem Schicksal fiel dann auch wohl das Rutherford-Buch "Befreiung" zum Opfer. Aufgrund vorskizzierten begrenztem "Fassungsvermögen", haben nur wenige seinen Inhalt - zeitgenössisch - auch "erfasst", von denjenigen, die es der WTG abkauften (und das waren nicht wenige).

Aber es war für Rutherford offenbar klar, der selbst wohl nie an sein Ententeichdatum 1925 geglaubt, dass nunmehr die Zeit reif sei, für eine grundlegende Neuorientierung (nach 1925). Sein Buch "Befreiung" ist unfraglich diesem Kontext zuzuordnen. Und damit auch diejenigen, die nur über das Konsumtionsvermögen einer "Bild"-Zeitung verfügen, auf die neue Linie "eingeschworen" werden, dazu hatten sie ja das "Goldene Zeitalter".

Zugeschnitten auf diejenigen, die da nur das "Fassungsvermögen" für "Bild"-Zeitungs-Artikel haben, findet man in der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 1. 8. 1926 (Ausgabe Magdeburg schon 15. 7. 1926) solch einen Artikel, der genannter Klientel, vorgenannte Neuorientierung näher brachte.

"Richter Rutherfords bemerkenswerter Vortrag in London" so sein Titel. Formal liest sich der Artikel so, als würde da von einer relativ "neutralen" Position aus berichtet. Nichts weniger als das!
Einleitend wird schon auf die Tränendrüsen gedrückt, indem behauptet wird, dass der

"amerikanische Richter Rutherford, der in Amerika während des Krieges wegen seiner Arbeit für Erhaltung des Friedens, und besonders in Verbindung mit seiner Weigerung, sich an der Kriegspropaganda gegen Deutschland zu beteiligen, viel zu leiden hatte (er wurde seinerzeit dieserhalb zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt), hat auch, nachdem er nach Friedensschluß durch erzwungene Wiederaufnahme des Verfahrens in Freiheit gesetzt wurde..."

Details zu vorstehender summarischer Darstellung, liefert wie zu erwarten das GZ nicht. Man ist ja bereits geübt im verkünden von Glaubensthesen. Und nichts weiter als wie Glauben ist erforderlich, will man dem GZ im Sinne seiner Diktion folgen. Wissen und Details stören da eher.

"Leider wird dieser edle Menschenfreund selten verstanden, wobei es allerdings naheliegend erscheint, daß manche ihn auch gar nicht verstehen wollen."

A ja, auch so ein typischer Glaubenssatz!
Weiter das GZ:

"Rutherford sieht das größte Unheil der Welt in einer - um mit seinen eigenen Worten zu sprechen - ,,unheiligen Dreieinigkeit", als welche er bezeichnet die verbündeten Einflüsse von Kirchentum, Politik und Finanz."

An solcher These hätten eigentlich zeitgenössisch, auch die sogenannten Bolschewisten, ihre helle Freude gehabt. Eigentlich ... Denen störte nur eines und das ist in der Tat wesentlich. Die Fixierung auf den "großen Zampano", der da alles richten soll. In der Praxis hingegen - spätestens seit Auschwitz sogar für Schulkinder erfassbar - nichts bis null komma nichts "richtet".
Aber trotz dieses wesentlichen Dissenses ist die Zielrichtung klar, wohin Rutherford zielt. Jene Kreise zu erreichen (im Sinne der Konkurrenz bis aufs Messer), welche auch die "Bolschewisten" so als ihre eigentlich angestammte Klientel ansahen.

Im Phrasendreschen, so auch in diesem Artikel, kann auch Rutherford durchaus mit den "Bolschewisten" mithalten, etwa wenn man da den flotten Satz liest:

"Religion oder Kirchentum darf sich nicht an die Einheit und das Wohl der Menschheit bedrohenden Fragen fördernd beteiligen; denn sie soll das ausgleichende verbindende Moment der Erde sein. Es gibt nur eine wahre Kultur der ganzen Welt, und das ist die durch "die Lehren der Bibel" zu gründende, zu nährende und zu erhaltende Kultur."

Das GZ meint weiter zu wissen:

"Es ist ersichtlich, daß Richter Rutherford mit seinen Darlegungen nicht Menschen, sondern falsche Prinzipien und ungesunde Geistesströmungen meint. Daß er aber überhaupt mit seinen Ausführungen nicht die einzelnen Auswüchse dieses falschen Prinzips, wie es sich in den einzelnen Ländern der Erde zeigt, sondern vielmehr das die Welt beherrschende und versklavende Große, Weltumfassende, anklagt..."

Nach dieser fulminanten Einleitung erfährt man weiter. Rutherford habe in London einen Vortrag gehalten, und wie trefflich, die dortige Zeitung, "Daily News" vom 31. Mai 1926 habe ihn wörtlich ganz wiedergegeben. Dabei mit zu erwähnen, weil er als kommerzielles Inserat bezahlt wurde, stört natürlich den weihevollen Gesamteindruck. Und folgerichtig erachtet das GZ es auch nicht als nötig, das mitzuteilen.

Und damit auch deutschsprachige Leser in den "Genuss" kommen können, besagten Artikel aus der "Daily News" zu lesen, lässt es sich die Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" in ihrer Ausgabe vom 1. 10. 1926 angelegen sein, selbigen (optisch betont) auch ihren Lesern im Wortlaut zu präsentieren. Darin kann man dann solche Sätze lesen wie die:

"..Die Bemühungen der Herrscher, eine wünschenswerte Regierung oder Weltmacht aufzurichten, haben fehlgeschlagen, und nun tun wir ihnen kund, dass allein nur die Auswirkung des Planes Gottes mit der Menschheit der Welt helfen und den Menschen ewigen Frieden, Wohlstand und Glück bringen wird, und dass die Zeit gekommen ist, wo alle über die Menschen herrschenden Mächte diese große Wahrheit erkennen und anerkennen müssen. ...

Viertens. Jetzt erfüllt sich die göttliche Prophezeiung, und in der Reihenfolge der Erfüllung liegen Beweise für die Tatsache, dass Satans Macht genommen wird, dass die alte Welt zu Ende geht, und die Zeit herbei gekommen ist, wo Christus Jesus, den bösen absetzen und seine gerechte Herrschaft beginnen wird, unter der Gottes Wille auf der ganzen Erde geschehen wird. Seit dem Jahre 1914 ließ der Verlauf der Erfüllung der göttlichen Prophezeiung erkennen, dass das Ende der bösen Welt begonnen hat und zwar mit dem Weltkrieg, mit Hungersnöten, Seuchen, Erdbeben, Revolutionen, der Rückkehr der Juden nach Palästina und später folgender allgemeiner Bedrängnis und Ratlosigkeit aller Nationen in der Welt."

Zurückkehrend zur eingangs zitierten GZ-Referierung jener Veranstaltung.
Weiter liest man, Rutherford habe da in der großen Albert Hall vor etwa 12 000 versammelten Zuhörern gesprochen. Das dabei das Schreckgespenst Satan, jeden zweiten Satz (fast) füllte versteht sich für Rutherford von selbst.
Ein relatives Highlight seiner dortigen Ausführungen bilden auch die Sätze:
"Auch den Völkerbund sieht der Redner in diesem Lichte, und anlehnend an jene bedeutsame Prophezeiung in Offenbarung 17 : 10, 11 sagte der Richter u. a. nach 'Daily News' wörtlich:

"Die herrschenden Faktoren der jetzigen Weltmächte behaupten, ein göttliches Recht und Autorität zu haben, über die Menschen zu herrschen. ... Ich möchte beweisen, daß die Schwierigkeiten in der Welt eine Folge davon sind, daß das Gesetz Jehovas, Gottes, mißachtet und übersehen worden ist, und daß, während sich die Weltmächte während der Zeitalter organisiert haben, und eins das andere ablöste und sie nun im britischen Weltreich ihren Höhepunkt erreicht haben"

Und weiter Rutherford:
Und

"in all diesen Weltreichen im Namen der Religion und im Namen des Allmächtigen offener Betrug verübt worden ist, und daß das Kirchentum die hauptsächlichste Stütze war, dessen Hilfe man sich bei diesem Betrug bediente."

Tja das war dann wohl wieder so ein Passus, wo selbst die "Bolschewisten" Beifall klatschen würden. Oder wie der katholische Konfessionskundler Konrad Algermissen gar als bewiesen (zumindest in Rosenheim/Bayern des Jahres 1919) als bewiesen glaubt konstatieren zu können, dass "Bolschewisten" und Bibelforscher sich da förmlich verbrüderten, worüber (man kann es verstehen), Herr Algermissen alles andere als "erfreut" war.

Rutherford weis aber auch über sein als Kulisse dienendes relatives Gastland, in diesem Vortrag erstaunliches zu berichten. Und zwar dies:

"Zweifellos ist das britische Reich die größte Weltmacht, die je bestanden hat. Es rühmt sich wahrheitsgemäß, daß die Sonne innerhalb seiner Grenzen nie untergehe. Britannien steht in finanzieller Beziehung obenan. An militärischer Stärke ist es allen Ländern überlegen. Bei der Ausübung politischer Diplomatie findet es nicht seinesgleichen. Seine Geistlichen sind anerkanntermaßen die Führer der geistlichen Welt.

Weil Britannien das größte aller Weltreiche ist, weil es sich gemeinsam mit seinen Verbündeten "Christentum" nennt und behauptet, durch göttliches Recht zu regieren. ...

Weil die britische Weltmacht der Mittelpunkt und das Bollwerk heutiger Zivilisation ist, derer, die Gott als ein Tier symbolisiert, und weil London der Sitz der Regierung ist, und diese herrschenden Faktoren behaupten, durch göttliches Recht zu regieren, ist hier der wirkliche "Sitz des Tieres". Der Sturz des britischen Reiches bedeutet den Zusammenbruch der Weltzivilisation. Seine berufsmäßigen Herrscher müssen sehen, daß ihre Säulen jetzt dem Sturz zuwanken. Und nun beschuldige ich diese britische Weltmacht als das Haupt des sogenannten Christentums, obwohl es behauptet, durch göttliches Recht und in göttlicher Autorität zu herrschen, den großen Gott Jehova verunehrt ..."

Und nun geht Rutherford zu seiner bekannten destruktiven Völkerbundhetze über, wenn er weiter proklamiert:

"Trotzdem Gott den deutlichen Beweis gegeben hat, daß die alte Welt zu Ende gegangen und die Zeit der zweiten Gegenwart Christi gekommen ist, und durch führende Geistliche der Welt die Aufmerksamkeit darauf lenkte, hat das "Federal Council of Churches" (der staatliche Kirchenrat) den Völkerbund als eine Stellvertretung des Königreiches Gottes gutgeheißen. Diese hohe Körperschaft von Geistlichen veröffentlichte im Januar 1919 folgende gotteslästerliche Ausführung;

"Die Zeit ist gekommen, wo die Welt für die Wahrheit, Recht, Gerechtigkeit und Menschlichkeit organisiert werden muß. Darum dringen wir bei der kommenden Friedenskonferenz als Christen auf die Errichtung eines Bundes der freien Völker. Solch ein Bund ist nicht nur ein Friedensbringer, es ist mehr noch der politische Ausdruck des Königreiches Gottes auf Erden. Der Völkerbund wurzelt in dem Evangelium. Wie das Evangelium ist sein Zweck Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen. Sein Appell ist, wie der des Evangeliums, weltweit. Die toten Helden würden umsonst gestorben sein, wenn nicht aus dem Kriege ein neuer Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, hervorgeht ..."

Man mag zu vorstehender kirchlichen Proklamation so seine Vorbehalte haben. Man mag sie als den Versuch des aufspringens auf den fahrenden Zug deuten, der den Kirchen - ohne sie - wegzufahren droht. Dennoch ist es ausgesprochen diabolisch, die Endzeitillusionen der Rutherford-Organisation als ein "Entweder - Oder" im Gegensatz dazu zu stellen.

Diese Diabolik wurde von Rutherford eingeleitet. Russell war sie so noch nicht geläufig. In seinen eigenen Metaphern erweist sich somit Herr Rutherford aufgrund der von ihm eingeleiteten Politik, als der Teufel höchstpersönlich!

Weiter hetzt Rutherford mit den markigen Sprüchen:

"Niemand wird leugnen wollen, daß die britische Weltmacht die irdische Kraft ist, die für das Schließen des Völkerbundes verantwortlich ist. Britannien ist das Bollwerk desselben. Wenn sich Britannien zurückzöge, würde es keinen Völkerbund mehr geben. Doch wer ist für den Völkerbund verantwortlich? Verdankt er seine Schließung und sein Bestehen göttlichem Rechte und göttlicher Autorität? Ich (Rutherford) antworte; Nein! Der Teufel ist der Vater, das britische Reich ist die Mutter und die anderen Völker, die ihn unterstützen, sind seine Ammen."

Mit dem Maß, mit dem Rutherford, der Endzeits-Illusionsverkäufer (was ihm zumindest auch ein staatliches Anwesen namens "Beth Sarim", nebst zugehörigen Dienstwagen der Nobelklasse einbrachte). Mit dem Maße mit dem dieser Obergaukler aller fiesen Gaukler misst, wird auch ihm gemessen werden.

Möge denn in der "Hölle" so es sie den gäbe, dass für ihn bestimmte Schmorfeuer besonders angeheizt werden!

Der Ruherford'schen Völkerbundshetze, kann man bekanntlich, als einem Anbiederungselement, auch in der Berlin-Wilmersdorfer "Erklärung" vom Juni 1933 begegnen. Es ist nicht uninteressant zu registrieren, wie sich auch die frühe Nazibewegung zum Völkerbund stellte, aus dem sie dann auch (nach ihrer Machtusurpation) folgerichtig ausgetreten ist. "Die Sonntags-Zeitung" beispielsweise, spießte in ihrer Ausgabe vom 20. 9. 1925 solch ein Dokument der frühen Nazibewegung in Sachen Völkerbund auf.

http://www.manfred-gebhard.de/SZ.20925.1.jpg

http://www.manfred-gebhard.de/SZ.20925.2.jpg

Zur Indexseite