Auszug aus Kapitel 9

von James M. Penton, "Endzeit ohne Ende, Geschichte der Zeugen Jehovas"

Die seelische Gesundheit der Gemeindemitglieder

 

Das Thema seelische Gesundheit der Zeugen Jehovas verdient entschieden stärkere Aufmerksamkeit seitens der Forschung, als ihm bislang zuteil wurde. Einerseits nämlich behauptet die Watch Tower Society, von psychologischer Warte aus gehörten Jehovas Zeugen zu den Stabilsten, während andererseits einige Psychologen und Psychiater sagen, bei ihnen kämen überdurchschnittlich viele Fälle von Geisteskrankheit vor. Für die Sicht der Gesellschaft spricht so manches erstaunliche Beispiel psychologischer Widerstandsfähigkeit. So stellt Eugen Kogon in seinem Werk Der SS Staat fest, dass die SS in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs "psychologisch mit dem Problem der Bibelforscher nicht ganz fertig wurde" (37). Und nicht nur die deutschen Zeugen zeigten so aussergewöhnlichen Mut. Die gleiche Haltung fand sich zur selben Zeit bei ihren Glaubensbrüdern in Japan und Kanada( 38), und seither haben zahlreiche weitere Gruppen aus ihren Reihen der Verfolgung äusserst tapfer ins Angesicht gesehen. Sehr stark trifft das auf Malawi zu. Auch sonst gibt es wenig Grund, an der Aussage der Gesellschaft zu zweifeln, viele Menschen hätten dadurch, dass sie Zeugen Jehovas wurden, grössere Zuversicht und eine bessere psychische Verfassung erlangt (39).

Verkehrt wäre es allerdings, wollte man unterstellen, es gebe bei Zeugen Jehovas nicht auch einige schwere psychische Probleme. Wie bei vielen missionarisch ausgerichteten Religionen zu beobachten, rühmen ja auch sie sich, auf solche Menschen anziehend zu wirken, die aus soziologisch und psychologisch schwer belasteter Umgebung stammen, auf ehemalige Alkoholiker und Drogensüchtige. Deshalb überrascht es nicht, wenn einige davon die Nachwirkungen ihrer Probleme bei der Taufe mit in die Gemeinschaft hineintragen. Doch auch wenn man davon einmal absieht, kann kaum Zweifel darüber bestehen, dass das Leben als Zeuge Jehovas abgesondert von der Welt ein erhebliches Mass an belastendem Stress bedeutet. Es wäre nicht fair, das einfach als Anzeichen für einen "Märtyrerkomplex" zu deuten, wie es mitunter geschieht. Zwar kommt es auch vor, dass einige Zeugen meinen, sie würden verfolgt, obwohl das gar nicht der Fall ist, doch sie sind auch einer ganz realen Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt, die in vielem der der Juden ausserhalb des Staates Israel vergleichbar ist. Von daher kann gewiss auch ein deutlicher psychischer Schaden rühren, vor allem bei Kindern (40). Darüber hinaus sind sicher auch einige charakteristische Aspekte des Lebens als Zeuge Jehovas selbst für einen gewissen Anteil an psychischen Schäden verantwortlich. Aus einem Geist der Hingabe heraus opfern viele Pioniere ihre körperliche und ihre geistige Gesundheit (41).

Mancher Älteste und Verkündiger verausgabt sich bis zur Erschöpfung. Die christliche Lehre der Selbstaufopferung, die für sich genommen vielleicht sehr lobenswert sein mag, hat auf die Ergebensten unter den Zeugen Jehovas eine sehr belastende Wirkung. Abträglich ist weiterhin die Superfrömmigkeit, die einige zur Schau tragen, und zwar sowohl für sie selbst wie auch für die Opfer ihres übertriebenen Gerechtigkeitsdrangs. All das ist der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas wohlbekannt. Seit mehr als einem Jahrzehnt finden alljährlich Zusammenkünfte von Rechtsanwälten, Ärzten und Vertretern anderer akademischer Berufe, die selbst Zeugen Jehovas sind, mit Vertretern der leitenden Körperschaft hinter verschlossenen Türen statt. Dabei werden rechtliche und medizinische Probleme im Zusammenhang mit Glaubensfragen besprochen und dem obersten Leitungsgremium Vorschläge unterbreitet. Bei einem dieser Treffen hielt Dr. Lawrence Onda, Psychologe aus Kalifornien, ein unveröffentlichtes Referat "Beiträge zum Thema Psychohygiene", worin er auf mehrere psychiatrische Untersuchungen bei Zeugen Jehovas hinwies und dann folgendes sagte:

Und noch einen weiteren Grund dafür, weshalb es bei Jehovas Volk psychische Probleme gibt, möchte ich erörtern; ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass die folgenden Äusserungen nicht missverstanden werden dürfen. Meine Liebe, Achtung und Ergebenheit gegenüber Jehovas wahrer Organisation sind sehr gross, doch die Organisation kann bereits bestehende Probleme verschlimmern, statt sie abzubauen. Welche Bibellehre ist es, die bestehende Probleme verschlimmert? Die von der Schuld. Bei Jehovas Volk wird die Einhaltung eines sehr hohen sittlichen Massstabs gefordert, und deswegen sind wir einem grösseren psychologischen Druck ausgesetzt. In der "Welt" sagt man, wenn einem etwas Schuldgefühle einflösst, soll man es über Bord werfen. Doch wir müssen den hohen christlichen Massstab des Verhaltens im Familien leben, im Alltag, in unserer Persönlichkeit aufrechterhalten. Sobald wir einen verkehrten Gedanken haben, bekommen wir Schuldgefühle. Wenn jemand aus dem Tritt kommt, verzweifelt er leicht und meint, ein Versager zu sein, weil Vollkommenheit in Geist, Körper und Denken nicht zu erreichen ist. Was ich sagen will, ist, dass manche Brüder sich so sehr bemühen, Jehovas Wohlgefallen zu erringen, dass sie dabei geistig krank werden.

Trotz der Bedeutung solcher Aussagen, die eindeutig nahelegen, dass an dem vielfach zu hörenden Spruch der Wachtturmgesellschaft, Jehovas Zeugen seien "das glücklichste Volk auf Er den", nicht allzuviel sein kann, scheint sich die leitende Körperschaft um die psychischen Probleme der Zeugen überhaupt nicht kümmern zu wollen. Zwar steht sie der Psychologie und Psychiatrie nicht mehr ganz so ablehnend gegenüber wie früher, als sie diese als "dämonisch" beschrieb (107), doch insgesamt verurteilt sie weiterhin jede Form von derartiger Therapie (108), am schärfsten die Hypnose (109). Zugleich wird weiter hin verkündet, glücklich werde der Mensch am sichersten da durch, dass er ein Zeuge Jehovas wird, auch wenn die Tatsachen zeigen, dass viele Zeugen in Wirklichkeit weder sehr glücklich noch psychisch in bester Verfassung sind. Diese Einstellung der leitenden Körperschaft ist allerdings voraussehbar, berücksichtigt man, dass deren Mitglieder glauben, einen göttlichen Auftrag auszuführen. Ihrer Meinung nach kann ein Zeuge, der auf Grund der Lehren und der Glaubenspraxis der Wachtturm-Gesellschaft oder auch aus sonstigen Gründen psychische Probleme hat, normalerweise nur entweder an eigenen Sünden oder unter Angriffen von Dämonen leiden. Dieser Auffassung begegnet man in der Gemeinschaft auf Schritt und Tritt, oben genauso wie unten. Leidet ein Zeuge unter schweren Depressionen die auch von einem körperlichen Leiden herrühren mögen und wendet sich an seine Ältesten mit der Bitte um Beistand, dann forschen sie ihn häufig aus, um herauszufinden, ob er sich einer verborgenen Sünde schuldig gemacht hat (wie beispielsweise der Masturbation oder des Lesens pornografischer Zeitschriften), ob er im persönlichen Bibelstudium nachgelassen hat, im Besuch der Zusammenkünfte, im Haus zu Haus Dienst oder oft auch, ob er unter irgendeinem dämonischen Zauber leidet. Da sich derartige Handlungen von Ältesten der Zeugen weltweit viele, viele Male wiederholen, erhöht das ganz sicher den Stress, der auf denen lastet, die Depressionen haben. Vor allem leiden diejenigen Zeugen darunter, die ohnehin schon wegen Unstimmigkeiten die Wachtturm-Lehre in Frage stellen.

Darum überrascht auch folgende Aussage von Havor Montague nicht: "In meiner klinischen Arbeit mit den Zeugen fiel mir auf, dass vor allem die gebildeteren, die intelligenteren, die gewissenhafteren Zeugen emotionale Probleme haben." Montague ist darüber hinaus der Ansicht, dass "eine Anzahl sehr prominenter leitender Zeugen unter schweren psychischen Störungen leiden, darunter mehrere Zweigaufseher, viele Mitarbeiter der ehemaligen Rechtsabteilung der Gesellschaft und selbst einige leitende Direktoren [der Watch Tower Society]" (110). Es sind aber gewiss nicht allein die intelligenteren Zeugen Jehovas, die an psychischen Störungen leiden. Der "Dämonenglaube", der in dieser Gemeinschaft so verbreitet ist, hat auf viele weniger intellektuell Ausgerichtete eine gewaltig negative Wirkung. Montague stellt fest, er habe "viele Fälle gehabt, in denen die Unterstellung eines `Dämoneneinflusses' dafür aus schlaggebend war, dass ein Zeuge, der neurotisch war, vollends psychotisch wurde" (111). Es gibt keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Nach der Lehre der Wachtturm Gesellschaft kann jeder Gegenstand, der in der "falschen Anbetung" benutzt wird, wie z.B. ein Kruzifix, ein Rosenkranz, ein religiöses Bild oder Buch, "dämonisiert" sein. Doch das ist noch nicht alles. Die Gesellschaft behauptet auch, dass Kleidungsstücke, Decken, praktisch alles, was jemand gehörte, der mit Satan im Bunde steht, von den Dämonen benutzt werden kann, um Jehovas Zeugen zu verhexen. Wenn sich daher ein psychisch oder auch körperlich geplagter Zeuge an einen Ältesten um Hilfe wendet, wird dieser ihn eindringlich auffordern, etwas bei sich daheim zu finden, das "dämonisch" sein könnte, und es zu beseitigen. Dann kommt es durchaus öfter vor, dass jemand seine Kleidung verbrennt, wertvolle Gemälde, Schmuckstücke oder Einrichtungsgegenstände vernichtet und ganze Bibliotheken zerstört. Manches wertvolle Erbstück geht auf diese Weise verloren. Wenn man das weiss, wundert man sich nicht zu erfahren, dass wissenschaftliche Untersuchungen der psychischen Verfassung der Zeugen ergeben haben, dass es bei Jehovas Zeugen ausgeprägte psychische Probleme gibt. In seinem Fachaufsatz "The Pessimistic Sect's Influence on Mental Health: The Case of Jehovah's Witnesses" ("Zum Einfluss pessimistischer Sekten auf die seelische Gesundheit am Beispiel der Zeugen Jehovas") sagt Havor Montague: "Der genaue Anteil an psychisch Gestörten unter den Zeugen Jehovas lässt sich schwer bestimmen; fest steht aber, dass er deutlich höher als allgemein in der Bevölkerung liegt" (112). Weiter unten heisst es: "Unter Jehovas Zeugen gibt es schätzungsweise etwa zehn bis sechzehnmal so viele psychisch Gestörte wie unter der übrigen Bevölkerung" (113).

Diese Aussagen sind ziemlich massiv und bedürfen einer sorgfältigen Analyse. Die Untersuchung Montagues stützt sich auf eigene Erhebungen und auf die mehrerer Psychiater. In zwei Studien, auf die er näher eingeht, wurden junge männliche Zeugen aus den USA und der Schweiz untersucht, die wegen Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen inhaftiert waren. Die erste, aus der Feder des Amerikaners M. H. Pestor stammend, behauptet: "Acht Prozent von allen [in den USA] inhaftierten Zeugen wurden als psychotisch eingestuft" (114). Verfasser der zweiten war der Schweizer Psychiater J. von Janner, der davon spricht, dass viele der von ihm untersuchten Zeugen "von starker Furcht erfüllt, introvertiert, einzelgängerisch oder stark neurotisch" gewesen seien (115). Aus solchen Angaben kann man aber nicht unbedingt schliessen, dass Jehovas Zeugen mehr als andere Gruppen psychisch gestört seien. Einige Aussagen in diesen Analysen männlicher Zeugen Jehovas sind so extrem, dass Zweifel an ihrer Objektivität aufsteigen. Zudem sind Gefängnisaufenthalte im allgemeinen psychisch immer sehr belastend, so dass es verwundert, wie man aus diesen Untersuchungen Rückschlüsse auf die psychische Verfassung einer ganzen Religionsgemeinschaft ziehen kann. Ein anderer Artikel, den Montague zitiert, veröffentlicht von John Spencer im British Journal of Psychiatry, ist anscheinend aussagekräftiger. Spencer sagt, er habe sämtliche Einweisungen in alle Psychiatrischen Kliniken Westaustraliens während eines Zeitraums von 36 Monaten Anfang der 1970er Jahre untersucht. Unter den 7546 Patienten mit psychischen Störungen entdeckte er 50, die er als "aktive Mitglieder der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas" klassifizierte, und folgerte, dass auf 1000 Einwohner Westaustraliens 2,54 psychiatrische Fälle kommen, auf 1000 Zeugen Jehovas dieser Gegend aber 4,17 Fälle. Mithin seien psychische Störungen bei Jehovas Zeugen viel häufiger als bei der übrigen Bevölkerung (116). Man geht aber wohl nicht zu weit, wenn man die Methode, nach der Spencer vorging, als im höchsten Masse unzufriedenstellend bezeichnet. Das fängt damit an, dass er nicht definiert, was er unter einem "aktiven" Zeugen Jehovas versteht, und es wäre ungewöhnlich, wenn in den Krankenhausakten Westaustraliens zwischen Verkündigern und sonstigen Personen, die sich als Zeugen Jehovas bezeichnen, unterschieden würde. Ausserdem ermittelte er die Gesamtzahl der Zeugen Jehovas an Hand der Verkündigerstatistik der Wachtturm Gesellschaft für diesen Bundesstaat und berücksichtigte nicht, dass fast jede Gemeinde der Zeugen Jehovas doppelt soviele oder noch mehr Menschen umfasst, als die Verkündigerzahl angibt. In Wahrheit liefert also Spencers Studie nicht die Aussage, die er und Montague ihr zuschreiben. Montague selbst macht einige anfechtbare Aussagen. Seine mit Nachdruck vertretene Ansicht, Jehovas Zeugen seien der Unterschicht zuzurechnen und bei ihnen gebe es besonders viel Kriminalität, stützt sich fast vollständig auf seine Intuition statt auf irgendwelche statistischen Nachweise (117). Weiter hin stimmen seine Aussagen vielfach nicht mit nüchternen Analysen von Soziologen, Anthropologen, Historikern und was noch wichtiger ist bestimmten wesentlichen Daten aus Volkszählungen überein. Und dennoch ist die Untersuchung Montagues von besonderem Wert, da sie zum Thema psychische Störungen bei Zeugen Jehovas viel Material aus erster Hand liefert. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jehovas Zeugen, ins besondere die aktiven unter ihnen, unter grossem psychischen Druck stehen. Klar zu sein scheint auch, dass viele Zeugen auf Grund dieses Drucks in seinen verschiedenen Formen und wegen bestimmter Glaubenslehren (wie Dämonismus) unter psychischen Störungen leiden; höchst zweifelhaft aber ist, dass dies so häufig ist, wie Pescor, von Janner, Spencer und Montague meinen.

Weiter mit:

Penton, Endzeit ohne Ende, Kapitel 1

Penton, Endzeit ohne Ende, Kapitel 2

Penton, Endzeit ohne Ende, Kapitel 3

Penton, Endzeit ohne Ende, Kapitel 4

Penton, Endzeit ohne Ende; Hitlerdeutschland

Penton, Über die Pyramidenlehre

 

 

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