Re: Til Eulenspiegel

Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 20. August 2004 15:12:54:

Als Antwort auf: Michael Moore: Hurra Amerika geschrieben von D. am 18. August 2004 11:48:58:

Vierzig Millionen Amerikaner haben keinerlei Krankenversicherung, aber das schert niemanden einen feuchten Kehricht. Die Wall Street ist gesund, nur darauf kommt es an!
In anderen Ländern ist man über diese Zahl entsetzt. Kein Kanadier, Brite, Deutscher oder Kenianer kann verstehen, dass unsere nationale Gesundheitspolitik nach dem Motto funktioniert: "Du bist krank? Pech gehabt!"

Fast noch schlimmer ist, dass die Personen, die versichert sind, ihrer Health Maintenance Organisation, auch Hand The Money Over (her mit dem Geld) genannt, unglaublich viel Geld zahlen müssen. Bei einer HMO bekommt man keine Hilfe, man wird abgezockt und verwaltet.

Derweil werden die Leute an der Spitze dieser HMOs stinkreich. 1996 kassierte der Chef des HMO-Unternehmens U.S. Healthcare fast eine Milliarde Dollar Aufwandsentschädigung für sich persönlich.
Ganz recht, eine Milliarde.
Ist es bei diesen Zuständen ein Wunder, dass die USA bei der Kindersterblichkeit im Vergleich mit allen Nationen auf dem 23. Platz liegen? Wir können binnen weniger Stunden ein Dutzend Schlachtschiffe an den Persischen Golf schicken, aber wenn du Angst hast, dass aus den Halsschmerzen deines Kindes etwas Schlimmeres werden könnte, mußt du eine Nummer ziehen und so lange in einer Ambulanz warten, bis alle Leute mit Schußwunden behandelt worden sind.

Laut unseren Volksvertretern im Kongress - die sich während beider Amtszeiten eines Präsidenten, der sich die Gesundheitsreform auf die Fahnen geschrieben hatte, strikt weigerten, auch nur das Geringste zur Verbesserung der Krankenversorgung zu unternehmen - ist unser Gesundheitssystem in einem wunderbaren Zustand und dem aller anderen Länder um Lichtjahre voraus. Die einzigen Probleme, die diese Abgeordneten sehen, sind erstens: Sozialhilfeempfänger, die zuviel Steuergelder verschlingen, weil sie die Frechheit haben, krank zu werden. Zweitens: Rechtsanwälte, die Ärzte wegen Untätigkeit verklagen.

Wir sehen uns gern als die Nummer Eins, also beschlossen wir, unser Gesundheitssystem mit den Systemen von Kanada und Kuba zu vergleichen. Wir nannten das Ganze Krankenhausolympiade und dachten, es wäre interessant, jeweils einen Patienten mit einem gebrochenenen Knochen, in Kanada, in Kuba und in den guten alten USA von der ersten Untersuchung in der Ambulanz bis zu dem Moment zu begleiten, in dem er die Rechnung des Krankenhauses bekommt.

Vorstehendes ist nur eines jener Themen die Michael Moore zusammen mit einem Team in der Form dokumentarischer Fernsehsketche verarbeitete. Der Themenvielfalt war da keinerlei Begrenzung auferlegt, und in der Regel wurde auch "Narrenfreiheit" gewährt. Das Publikum hatte in seinem Eulenspiegel in den es hineinsah, etwas zu lachen. Der Fernsehsender hatte brummende Einschaltquoten, die er wiederum für seinen Werbekundenmarkt nutzbar machen konnte; und so waren denn wohl alle relativ zufrieden. Eine Ausnahme von dieser Regel gab es allerdings, und dass war die schon genannte "Krankenhausolympiade".

Die sich dabei ergebenden Probleme werden mit den Worten beschrieben:
"zwangen uns die Zensoren von NBC, das Ende eines Beitrages zu verändern. Tatsache ist, dass bei fairer Anwendung der Beurteilungskriterien Kuba gewonnen hätte. Es bot die beste Versorgung in kürzester Zeit, und sie kostete den Patienten keinen Cent. Die Zensoren jedoch erklärten uns, dass es politisch unmöglich sei, Kuba in der Hauptsendezeit siegen zu lassen. Wir sollten Kanada zum Sieger erklären. Wir verhandelten bis unmittelbar vor Beginn der Sendung und argumentierten, dass eine solche Entscheidung sowohl unaufrichtig als auch ziemlich dumm sei. Wir fragten die Zensoren, ob sie glaubten, es werde eine neue Kubakrise geben, wenn wir zeigten, dass die Kommies gesiegt hatten. Oder ob sie eine neue Massenflucht über das Meer fürchteten, diesmal jedoch in umgekehrter Richtung mit Hunderttausenden von Amerikanern, die wegen einer anständigen und erschwinglichen Krankenversorgung nach Kuba flohen?

Wir konnten uns nicht durchsetzen, und der Beitrag wurde mit Kanada als Sieger gezeigt. Da fragt man sich doch automatisch, was im Fernsehen sonst noch "verändert" wird, wenn nicht einmal ein so harmloser Beitrag in seiner ursprünglichen Form ausgestrahlt werden darf.

Quer beet ging die Thematik durch diese Fernsehsendungen. Auch Religion in weiteren Sinne, kam darin mit vor. Etwa in der Kurzcharakteristik wiedergegeben:
"Die Southern Baptist Church hat eine Karte von Alabama veröffentlicht. Sie zeigt die Countrys, in denen die meisten Einwohner noch nicht "gerettet" sind und deshalb nach ihrem Tod in der Hölle schmoren müssen. TV Nation reist in die Countrys mit den meisten "verlorenen" Seelen und versucht, sie vor der ewigen Verdammnis zu retten."

Oder auch jene Episode:
"Einmal im Jahr sollen alle Katholiken zur Beichte gehen und alle Sünden des Jahres beichten. Interessanterweise geben keine zwei Priester dieselbe Buße für dieselben Sünden. Als Kundendienst für ihre katholischen Zuschauer bietet TV Nation die erste "Verbraucherberatung für Beichtwillige" in der Menschheitsgeschichte an."

Nicht direkt dem Thema Religion, indirekt wohl aber doch auch, ist auch die nachfolgende Episode einzuordnen:

"Jede Woche tauchen überall in den USA Mitglieder von Operation Rescue vor den Abtreibungskliniken auf und bedrängen die Frauen, die in den Kliniken Hilfe suchen. Sie beschimpfen sie als "Kindstöterinnen" und "Mörderinnen". Sie fotografieren sie. Sie halten ihnen groteske Fotos von abgetriebenen Föten unter die Nase.

In letzter Zeit tauchen diese Botschafter des Hasses auch vor den Häusern von Ärzten und anderen Mitarbeitern der Kliniken auf. Sie belästigen deren Frauen und Kinder. Mitglieder des extremen Flügels der Anti-Abtreibungsbewegung haben sogar Ärzte umgebracht, die Abtreibungskliniken führten. 1997 kam es in den USA im Zusammenhang mit Abtreibungskliniken zu 166 "Fällen von Gewaltanwendung", darunter 7 Fälle von Brandstiftung, 11 Todesdrohungen, 6 tätliche Angriffe, 62 Fälle von Belästigung, 65 Fälle von Vandalismus und 1 Mordversuch.

Die Abtreibungsgegner sind vermutlich die erfolgreichste Haßbewegung im ganzen Land. Obwohl die Abtreibung seit über 25 Jahren legal ist, haben diese Leute den Betreibern von Abtreibungskliniken solche Angst eingejagt, dass es heute in 84 Prozent aller Landkreise keine Arztpraxis und keine Klinik mehr gibt, die eine Abtreibung vornimmt.

In der Liebesnacht drehten wir den Spieß um und besuchten den Chef der Anti-Abtreibungsorganisation Operation Rescue West in seinem Haus in den Bergen von Los Angeles. Als die freiwilligen Helfer von TV Nation eintrafen, schrieen sie den Mann nicht etwa an, sondern erboten sich, Blumen und Sträucher in seinem Garten zu pflanzen. Er kam aus dem Haus, aber er war gar nicht erfreut. Und er verhielt sich gar nicht wie ein Lebensschützer, denn er stampfte wütend auf ein paar Blumen herum, bis er sie ganz zermalmt und in die Erde getreten hatte.

Er versuchte noch, unser Team mit diversen abfälligen Bemerkungen über die "Feministinnen" zu beleidigen, dann gab er auf und ging wieder in sein Haus. Wir dagegen legten das zertretene Blumenbeet neu an und zogen fröhlich von dannen."

Auch die Zeugen Jehovas kamen einmal in dieser Fernsehserie als Thema mit vor. Gemessen an anderen behandelten Sachen, als harmlose Spinner. Über sie liest man.

"Nachdem wir bei der Konfrontation mit den Müllmännern nur knapp dem Tod entronnen waren, beschlossen wir, nur noch pazifistische Gruppen aufs Korn zu nehmen, die trotz ihrer Friedlichkeit unglaublich lästig sind.

Natürlich kamen wir sofort auf die Zeugen Jehovas. Die Mitglieder dieser Sekte klingeln an deiner Haustür und wollen dich bekehren. Sie möchten, dass du sie hereinbittest, damit sie dir die Gute Nachricht bringen können. Sie sind so sauber und nett und höflich, dass du praktisch keinen Grund findest, sie wieder hinauszuschmeißen.

Wir stellten ein paar Nachforschungen an, wo Mitglieder der Sekte wohnten, und Mike ging los und klopfte an ihre Türen.
"Guten Morgen!" sagte er. "Ich habe eine Gute Nachricht für Sie! Darf ich hereinkommen und Ihnen von einer Fernsehshow erzählen, die mein Leben verändert hat und die auch Ihr Leben verändern kann?"

Zugunsten der Zeugen Jehovas muß gesagt werden, dass sie sofort begriffen, worum es ging und was der Witz an der Sache war. Aber sie ließen es sich nicht ausreden, diese komischen weißen Hemden und Krawatten zu tragen und zu den unmöglichsten Zeiten bei anderen Leuten auf der Türschwelle aufzukreuzen."

Moore und seine Mitstreiter haben, das Medium Fernsehen nutzend, den Amerikanern eine modernisierte Variante des Til Eulenspiegel unter die Nase gerieben. So mancher hat über vieles gelacht (was ja auch beabsichtigt war). Aber bei diesem "Lachen" blieb nicht selten ein fader Nachgeschmack zurück, der dem nüchternen Betrachter sagen konnte. Eigentlich, eigentlich ist das, was da gesagt wurde, durchaus nicht zum lachen!

In dem Katalog innenpolitischer Probleme, kamen, wie auch gesagt wurde, auch die Zeugen Jehovas mit vor. Und da wäre dann noch die Frage zu stellen. Was ist ihr Anteil bei der Lösung innenpolitischer Probleme? Antwort, so gut wie nichts. Sie sind die "Halleluja-Singer" ausgeputzt mit Schlips und Kragen, die einer Titanic den letzten Abschiedsgesang leisten!


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