Re: 1. 8. 1954 (Vor fünfzig Jahren)


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 01. August 2004 03:41:33:

Als Antwort auf: Re: 22. 7. 1954 (Vor fünfzig Jahren) geschrieben von Drahbeck am 22. Juli 2004 04:21:59:

Das Bibelbuch Daniel, mit einigen darin enthaltenen nebulösen Zahlen, hatte schon immer den Sinn der Endzeitgläubigen beflügelt. Etwa bei der, auch im Bibelbuch Offenbarung vorkommende Zahl 1260.

Schon im Mittelalter hatte der vormalige Zistersiensermönche Joachim von Fiore (in anderer Schreibweise auch Floris) eine Verwendung dafür. Ausgehend davon, dass im Matthäusevangelium Kapitel I, 42 Geschlechter von Abraham bis Jesus aufgezählt werden, berechnet er nun jedes Geschlecht zu 30 Jahren „da Jesus im Alter von 30 Jahren zu predigen begonnen habe." Seiner Theorie gemäß wandte Joachim diese Zählweise auch von Jesu Geburt an, und kam so auf das Jahr 1260. 1260 sollte dann das Zeitalter des „ewigen Evangeliums", das „Zeitalter des Heiligen Geistes" beginnen.

Thomas Newton etwa meinte in seinem 1757 erschienenen Buch "Abhandlungen über die Weissagungen, die merkwürdig erfüllet sind und noch bis auf den heutigen Tag in ihre Erfüllung gehen."
"Von welchem Zeitpunkt eigentlich diese 1260 Tage anfangen, dass ist nicht so leicht auszumachen. Es scheint, sie müssten von der völligen Einrichtung der Macht des Papstes angefangen gezählt werden. … Nun haben wir gesehen, dass die Gewalt des Papstes als eines … weltlichen Fürsten in dem achten Jahrhundert aufgerichtet sei und 1260 Jahre von der Zeit an bringen uns ungefähr 2000 Jahr nach Christi Geburt, oder auf 6000 Jahr nach der Erschaffung der Welt; und es ist eine alte Tradition, sowohl unter Juden als Christen, dass nach sechstausend Jahren der Messias kommen und die Welt erneuern, das Reich der Gottlosen aufhören und die Herrschaft der Heiligen auf Erden anfangen soll."

Mehr zur Neuzeit übergehend hatte die Katholisch-Apostolische Kirche, eine Gruppierung aus der später noch die Neuapostolische Kirche hervorgehen sollte und die ihre "Mutterkirche" dann noch eindeutig überflügelte. Also zu Beginn der Katholisch-apostolischen Kirche begann man seit dem 12. Januar 1832 mit dem ausrufen von neuen "zwölf Apostel für die Endzeit." Man war der Meinung, dass die Wiederkunft Jesu nach 1260 Tagen oder 3 ½ Jahren vom Beginn der Apostelausrufung erfolgen könnte, also am 14. Juli 1835.

Später war Russell etwa der Meinung,
1799 sei eine in der Bibel auf 1260 Jahre befristete Periode päpstlicher Macht und dem anschließenden Beginn der „Zeit des Endes", vollendet gewesen.

Dann kommt bei Daniel noch eine 1290 Periode kombiniert mit einer 1335-Tage-Periode vor:
„Zu jener Zeit nämlich wird Michael auftreten, der große Engelfürst, der deine Volksgenossen beschützt und es wird eine Zeit der Bedrängnis eintreten, wie noch keine dagewesen ist, seit dem es Völker gibt, bis zu jener Zeit; aber dein Volk wird in jener Zeit gerettet werden, nämlich ein jeder, der sich im Buch (des Lebens) aufgezeichnet findet. Und viele von denen, die im Staube der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die anderen zu Schmach und zu ewigem Abscheu. … Du aber Daniel, halte das Gesagte unter Verschluss und versiegle das Buch bis zur Endzeit. Viele werden ausgesondert, gereinigt und geläutert werden, aber die Gottlosen werden gottlos handeln; und kein Gottloser wird Verständnis dafür haben, während die Verständigen es verstehen werden. Und von der Zeit an, wo das tägliche Opfer abgeschafft und der Greuel der Verwüstung aufgestellt wird, sind es 1290 Tage. Wohl dem, der da ausharrt und 1335 Tage erreicht."

Milisch von Kremsier (gest. 1374), der „Vater der böhmischen Reformation", hatte auch dafür eine Verwendung. „Er verfasste im römischen Inquisitionskerker eine Schrift über den Antichrist als Sendschreiben an Papst Urban V. … Grundlage seiner Berechnung war die Bibelstelle Daniel 12:11. Zu den darin erwähnten 1290 Tagen, die er als Jahre zählte, rechnete er 33 Jahre Lebenszeit Jesu und 42 Jahre, die noch bis zur Zerstörung Jerusalems gefehlt haben sollten (1290+75=1365) und kam so auf sein (Endzeit) Datum 1365"
Das alles wurde nun durch die Bibelforscher/Zeugen Jehovas "revolutioniert. So liest man etwa in ihrem Organ "Der Wachtturm" Ausgabe vom 1. 8. 1954; ausgehend von der Prämisse:
"Der Sinn all dieser Zeitspannen und das Verständnis dafür waren verschlossen und versiegelt bis zur 'Zeit des Endes'. Jetzt befinden wir uns gerade in dieser Zeit, und Jehova hat, seiner Verheißung getreu, seine Prophezeiungen erschlossen und klargemacht."

Wie sieht nun im Ergebnis dessen, dieses vermeintliche "neue Licht" aus? Nun so:
Zitat: "Die 1260-Tage-Periode, die eine zerschmetternde Wirkung auf die Kraft des Volkes Jehovas hatte, fand ihre Erfüllung vom Oktober 1914 bis April 1918."
Ein Moment innehaltend hat man zu konstatieren. Nachdem die Russell'schen Endzeiterwartungen für 1914 sich in ihrer Ursprungsaussage als gescheitert erwiesen und es mit der sie verkündenen Organisation in dieser Zeit bergab ging, sei damit angeblich die 1260-Tage-Periode erfüllt worden.

Weiter geht's im WT mit der Aussage:
"Die 1290-Tage-Periode lief vom Januar 1919 bis September 1922, und die 1335-Tage-Periode dauerte vom September 1922 bis Mai 1926."

Verwundert reibt man sich die Augen und fragt sich, was soll denn da zwischen 1919 bis 1922 so "Weltbewegendes" geschehen sein, als das es schon Jahrhunderte davor im Bibelbuch Daniel "prophezeit" worden ist? Nun offenbar dies. Nach der wie gelesen im April 1918 beendeten Krisenphase waren immer noch einige Anhänger dieser Organisation der von Russell progagierten These, der "Charakterentwicklung" zugetan. Nun aber, setzte der neue Herrscher Rutherford völlig andere Akzente.
Zitat:
"Er gab ihnen Licht, damit sie sahen, dass ihr früherer Gedanke, sich durch sogenannte 'Charakterentwicklung' auf den Himmel vorzubereiten, vollständig falsch war."

Und diese Lehrumstellung habe sich dann in den Jahren von 1919-22 vollzogen, eingerahmt von entsprechenden Kongreßveranstaltungen der WTG-Organisation. Und dies alles hätte nun vorgeblich schon Daniel mit seinen nebulösen Zahlen "prophezeit".

Was aber hat es in dieser Lesart mit der 1335-Tage-Periode auf sich? Dazu meint der WT interpretieren zu können:
"Schritt um Schritt führte Jehova sie weiter durch die Jahre 1922, 1923, 1924 und 1925 hindurch, die im März 1925 mit der Offenbarung der Geburt des Königreiches ihren Höhepunkt hatten."

Wie wurden sie in genannten Jahren geführt? Nun doch ganz offensichtlich im Hinfiebern auf das Jahr 1925. Und nun im März 1925 gab der WT dieser These den endgültigen Laufpass. Dazu veröffentlichte der WT in seiner Ausgabe vom 15. 4. 1925 einen Grundsatzartikel unter der Überschrift "Die Geburt der Nation". Jetzt wurde wieder das 1914-Datum bemüht; ihm aber ein völlig anderer Sinn als zu Russells Zeiten untergeschoben. Angeblich wäre 1914 im Himmel ein imaginäres "Königreich Gottes" errichtet worden. Das aber erkannte man erst im März 1925. Dazu dann noch mit der Brechstange zurechtgebogene alte Danieltexte als "Beleg" anzuführen, ist mehr als gewagt.

Es war nur konsequent, dass seitens der WTG die bisher als Standardwerk gehandelten "Schriftstudien" ab diesem Zeitraum nicht mehr propagiert wurden. In das entstandene Vakuum trat dann eine ganze Serie neuer Rutherford-Bücher, wovon das mit dem Titel "Befreiung" (1926 erschienen) das erste ist. Es atmet schon einen ganz anderen Geist, als zu Russells Zeiten. So "glänzt" es etwa auch durch die darin neu mit abgedruckte "Anklage gegen die Geistlichkeit" aus dem Jahre 1925. Weil die 1925-Erwartungen nicht eintrafen, wurde jetzt offenbar nach dem Motto verfahren. Der Dieb ruft "Haltet den Dieb". Dabei erwiesen sich den diese "Anklagen gegen die Geistlichkeit" als willkommenes Vehikel dafür.

Und sich selbst feiert der WT dabei mit den Worten:
"Diese Erleuchtung machte jene, die zuvor wenigstens bis zu einem gewissen Grade 'Charakterentwickler' mit Abbittermienen gewesen waren, zu glücklichen Kämpfern."




ZurIndexseite