Raymond Franz


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 18. Juni 2004 06:09:09:

Als erste deutschsprachige Publikation bot die "Christliche Verantwortung" Nr. 164 (März 1983) eine Übersetzung aus der Zeitschrift "Time" vom 22. 2. 1982, bezüglich des Fall Raymond Franz an. Das sollte sich in späteren Jahren noch dergestalt steigern, dass es wiederum die "Christliche Verantwortung" war, die eine erste deutsche Übersetzung des Franz-Buches offerierte. Aber soweit sind wir noch nicht. Darüber wird zur gegebenen Zeit noch zu sprechen sein. Kennt man heute das Franz-Buch unter dem Titel "Der Gewissenskonflikt"; so übersetzte die CV diesen Titel als "Krise des Gewissens". Ein etwas verquaster Titel, wie es scheint. Auch die Übersetzung aus der "Time" scheint mir nicht beanstandungsfrei zu sein. Liest man doch darin auch den Satz:

"AUFGRUND seiner eigenen Arbeit als Autor eines offiziellen Werkes über die Bibel und aufgrund des wachsenden Gefühls, daß die Wachtturmdisziplin zu streng ist, kam FRANZ persönlich zu der Schlußfolgerung, daß die Religion eine humane Organisation mehr betont als biblische Lehren.
Er sagt: "Während wir Menschen produzieren, die äußerlich moralisch waren, wurden die wesentlichen Qualitäten der Demut, des Mitleids und der Barmherzigkeit zerstört."


Dies scheint mir etwas widersprüchlich zu sein. Ich bezweifle, ob Franz wirklich der Zeugenorganisation das Prädikat "humane Organisation" zugebilligt hat. Vieles spricht dafür, dass er eine inhumane Organisation meinte, wie dies auch der zweite Teil des Zitates meines Erachtens deutlich macht.

Noch so eine fragwürde Übersetzung scheint mir der Passus zu sein:

"Am 21. Mai wurde FRANZ nach Brooklyn beordert, zu einem verhängnisvollen Grillen durch die Kollegen der leitenden Körperschaft."

Damit sollte doch wohl ein inquisitorisches Verhör gemeint sein. Ob die Bezeichnung "Grillen" dafür angemessen ist, mag man bezweifeln.

Unabhängig davon, ist dieser "Time"-Artikel ein interessantes Dokument. Daher sei er auch nachstehend einmal in der Variante zitiert, wie ihn die CV offerierte.

Anne Constable aus Atlanta/USA berichtet:
"TIME-22. Februar 1982
Richard N. Ostling -

SEIT 40 Jahren widmete RAYMOND FRANZ sein ganzes Sein den Zeugen Jehovas. Die Religion antwortete ihm, indem sie ihn in die oberste Spitze erhob als ein Mitglied ihrer weltweiten leitenden Körperschaft. Aber es war eine schwierige Periode, für die Führung. Im Jahre 1975 mußte die Sekte einem Debakel ins Auge blicken: Die gegenwärtige Welt. verging nicht, wie die Zeugen-Publikationen fast alle garantierten, In einem Glauben, in dem Zweifel nicht geduldet werden, wuchsen unvermeidliche Fragen; im Sinn einiger. Nach und nach begann RAYMOND FRANZ, Lehren in Frage zu stellen, und nun, in einem, Sturz, so dramatisch wie eine Exkommunikation im Kardinalskollegium wurde er verbannt, oder wie die Zeugen sagen "ausgeschlossen". Das Ergebnis ist, daß der frühere Leiter beinahe von jedem gemieden wird, mit, dem er je zusammengearbeitet hat, abgeschnitten von allen Verwandten, ausgenommen seine Frau, bar jeder Hoffnung auf ewiges Leben.
DIE Offiziellen der Wachtturmgesellschaft, wie die religiöse Organisation von 2,2 Millionen Nachfolgern formell bekannt ist, verweigert jeden Kommentar zu diesem beispiellosen Fall. Aber FRANZ, 59, erklärte sich widerstrebend einverstanden, sein Schweigen zu brechen und der "TIME" die Anklagen gegen. ihn zu erklären. Indem er das tat, ermöglichte er einen gar seltenen Blick in das geheimnisvolle Hauptquartier dieses fest organisierten Glaubens.
FRANZ ist ein Zeuge der dritten Generation. Sein Onkel, Frederick W. Franz, 88, ist seit Jahrzehnten der Spitzenideologe der Religion, und seit 1977 ihr Haupt.
RAYMOND FRANZ begann die Vollzeitarbeit für die Sekte bald nachdem er die Oberschule beendet hatte. Während 20 Jahren ertrug er die Dürftigkeit eines Missionars in der Karibik, wurde er ein vertrauter. Schreiber offizieller Veröffentlichungen und wurde 1971 Mitglied der leitenden Körperschaft.
AUSSENSTEHENDEN bekannt durch ihr beharrliches Tür-zu-Tür-Anhängermachen existieren die Zeugen Jehovas, wie FRANZ es nennt, als eine "hermetisch versiegelte" Gemeinschaft, jedes doktrinäre Aufmucken und jeder Funke von Sünde werden unter Ausschluß der Öffentlichkeit diszipliniert. Nirgends ist mehr Wahrheit als im Bethel, dem Hauptquartier der Sekte in Brooklyn. Nach FRANZ Aussage wird das Lesen oder Studieren der Bibel als "übel" betrachtet, außer geleitet in autorisierten Diskussionen, die den Doktrinen der Wachtturmführung folgen, damit die Gefolgschaft nicht in Irrtum abdreht.
AUFGRUND seiner eigenen Arbeit als Autor eines offiziellen Werkes über die Bibel und aufgrund des wachsenden Gefühls, daß die Wachtturmdisziplin zu streng ist, kam FRANZ persönlich zu der Schlußfolgerung, daß die Religion eine humane Organisation mehr betont als biblische Lehren. Er sagt:
"Während wir Menschen produzieren, die äußerlich moralisch waren, wurden die wesentlichen Qualitäten der Demut, des Mitleids und der Barmherzigkeit zerstört."
FRANZ deutete niemals seine Ungewißheit an, als er in den 70er Jahren in 50 Ländern Ansprachen hielt. Um seine inneren Spannungen zu lindern, trat er im Frühjahr 1980 von seinen Bethelpflichten zurück. Inzwischen begann die leitende Körperschaft eine geheime Untersuchung ketzerischer Gerüchte unter Anwendung geheimer Taktiken. Anfangs gab es keine direkte Konfrontation. Dafür wurden die Leitungsmitglieder, wie angegeben, mit Ausschluß bedroht, um ihre Aussage über untereinander geführte doktrinäre Diskussionen zu erlangen. Am 21. Mai wurde FRANZ nach Brooklyn beordert, zu einem verhängnisvollen Grillen durch die Kollegen der leitenden Körperschaft. Bezweifelt er, daß Jehova nur eine erwählte Organisation hat? Stellt er die offizielle Endzeitchronologie in Frage?
FRANZ versuchte, die Konfrontation zu vermeiden, aber er konnte sich "nur bis hierhin beugen". Es war nicht genug. Seine Gegner waren nicht in der Lage, an Ort und Stelle eine Zweidrittelmehrheit für seinen Ausschluß zu bekommen, aber er wurde gezwungen, das Bethel zu verlassen. Etwa ein Dutzend Offizieller wurde hinausgesäubert, gewiß die schlimmste doktrinäre Krise, der das Wachtturmhauptquartier jemals gegenüberstand.
ABER die Verfolgung von FRANZ war nicht vorüber. Als ein Flüchtling des Bethel und seines Lebenswerkes fand er sich selbst mit wenig brauchbaren beruflichen Fähigkeiten vor, mit seiner 10 000 Dollar Versorgung vom Bethel und 600 Dollar persönlicher Ersparnisse. Er wandte sich en einen alten Glaubensfreund, Peter Gregerson aus Gadsden, Alabama, der einen regionalen Supermarkt leitet. Gregerson lieh FRANZ und seiner Frau einen Wohnwagen, um darin zu leben und gab ihm Arbeit als Handlanger. 1981 begann auch Gregerson, die Wachtturmdogmen in Frage zu stellen und verließ diesen Glauben.
SECHS Monate später verkündete die offizielle Wachtturmgesellschaft, daß die Politik des Meidens ausgeschlossener Zeugen auch einschließt, solche wie Gregerson zu, meiden, die sich selbst abgewandt haben. Nicht lange danach wurde FRANZ in einem Restaurant beobachtet, wie er zusammen mit seinem Wohltäter Gregerson eine Mahlzeit einnahm. Diese einfache Beobachtung besorgte den faktischen Bruch, um FRANZ schließlich durch die Leiter in Gadsden vor zwei Monaten auszuschließen. "Mit einem Schlag vernichteten sie alle Jahre meines Dienstes", sagt FRANZ. "Ich glaube nicht, .daß es eine andere Organisation gibt, die so auf 100% Konformität besteht."
VOM Gesichtspunkt der Führerschaft war es unverkennbar gebieterisch, FRANZ und die anderen zu schlagen. Die luthergemäße Betonung der Dissidenten, "die Schrift allein" anstelle der offiziellen Interpretation, war nur eine der Herausforderungen der Fundamente dieser Religion. Viele andere zentrale Wachtturmdoktrinen wurden ebenfalls auf den Zaun gesteckt. Eine davon: Die Zeugen glauben, daß nur 144 000 (eine Zahl, entnommen von Offb 14:1-3) "wiedergeboren" werden und in den Himmel gehen.
Die Herrscher dieses Glaubens, zu denen RAYMOND FRANZ einst zählte, kommen von dieser Elite. Die "anderen Schafe", die loyal zum Wachtturm stehen, bekommen ein irdisches Paradies versprochen. Den Rest der menschlichen Rasse wird Jehova in Kürze vernichten. Die Dissidenten verwerfen dieses Klassensystem. Sie verfechten, daß die Zahl 144 000 symbolisch ist, und alle Gläubigen seit Christi Tagen in den Himmel gehen.
DIE Zeugen lehren auch, daß das zweite Kommen Christi 1914 geheim erfolgte. Ein Datum, das man durch umfangreiche historische und biblische Überlegungen erlangte, das Ende des Weltsystems muß während der gegenwärtigen Generation eintreten (eine Interpretation von Lukas 21:32 "diese Generation wird nicht vergehen, bis alles erfüllt ist"). Die Dissidenten sind zu dem Glauben gekommen, daß Christi Königreich und die "letzten Tage" um 33 n.Chr. begonnen haben, und daß Christi zweites Kommen noch zukünftig ist.
DIE Dissidenten haben sich, mit anderen Worten, dem allgemeinen Christentum zugewandt, ausgenommen, daß sie Christi Göttlichkeit verwerfen. FRANZ ist kein bitterer Wachtturmgegner geworden. "Es gibt kein Leben außerhalb der Organisation" ist alles, was er über die Schmerzen des Gemiedenwerdens sagen will. Aber andere Ex-Zeugen entfachen ein Sperrfeuer von Protesten, Veröffentlichungen und Gerichtsprozessen. Diese Dissidenten erklären, daß rund 1 Million Personen die Wachtturmreihen in den letzten 10 Jahren verlassen haben. Die Zeugen berichten, daß sie noch zunehmen dank einer Nonstoprekrutierung.
Aber dieser Erfolg wird nicht lange dauern. Sie haben sich notwendigerweise vom 1975-Datum zurückgezogen, aber auch das Ende muß noch zur Lebzeit der Menschen kommen, die sich noch an die irdischen Ereignisse von 1914 erinnern. Mit rapider Verdünnung der Reihen solcher Alten gehen die Zeugen auf einen beunruhigenden, selbst geschaffenen Todesstreifen zu.

Ergänzend noch aus der CV 165:

RAYMOND FRANZ IM KANADISCHEN RUNDFUNK
MITARBEITER vom CBC Kanada untersuchten 1982 die bekanntwerdenden "Nach 1975-Vorgänge" in der Wachtturmgesellschaft. Sie sprachen auch mit RAYMOND FRANZ, dem Kopf der geistigen Erhebung in der leitenden Körperschaft in Brooklyn, Neffe des WTG-Präsidenten F. W. Franz.
CBC Kanada; Vor einem Jahr hatten sich führende Mitglieder der WTG aus dem Inneren des Heiligtums zurückgezogen, weil sie mit der dort vertretenen Politik nicht einverstanden waren. Zu ihnen gehörte der ehemalige Direktor der Missionsschule, der Neffe des Präsidenten, RAYMOND FRANZ. Er hat 33 Jahre seines Lebens der Wachtturmgesellschaft geopfert. Er verließ New York und zog nach Alabama. Eines Tages ging er in das Gasthaus zum Abendessen. Er aß mit seinem Chef und langjährigen Freund Peter Gregerson, der kurz zuvor die Zeugen Jehovas verlassen hatte. Aus diesem Grunde gehörte Peter Gregerson zu den Verdammten. Und als die Gemeinde erfuhr, daß RAY FRANZ mit ihm zu Abend gegessen hatte, wurde er ausgebürgert.
FRANZ versuchte, innerhalb der Organisation gewisse Dinge zu verändern. Aber es gelang nicht. Erst nach 1 Jahr ist er mit seinen Kenntnissen über die Wachtturmgesellschaft an die Öffentlichkeit getreten. RAYMOND FRANZ: Ich kenne ihre Diskussionen nicht mehr. Aber nach meinen Erfahrungen ist die Gesellschaft immer noch überzeugt, daß das Böse um jeden Preis ausgetrieben werden muß.
Sind sie von Gott auserwählt? Ja, haben sie das Recht zu tun, was sie wollen im Namen Gottes? Gehört ihnen das Christentum ganz allein? Ist es wahr, daß alle anderen, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind auf Erden von Gott getötet werden wird, und nur die Zeugen Jehovas überleben?
- Sie sind in die Enge getrieben worden. Es gibt viele denkende Zeugen Jehovas, die Fragen stellen und keine Antwort erhalten. Sie haben Angst vor der Wachtturmgesellschaft und nehmen deshalb diese unerbittliche Haltung ein. Meiner Meinung nach kann nur ein Gefühl der Bedrohung zu einer solchen Atmosphäre der Angst führen. Ich glaube nicht, daß Menschen, die überzeugt sind die Wahrheit zu besitzen, fähig wären, alle diejenigen, die eine andere Meinung haben, zu verdammen und zu vernichten, vernichtet zu sehen.




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