Re: Die Orthodoxe Kirche hat ihren Inquisitionsknüppel gefunden

Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 17. Juni 2004 17:47:25:

Als Antwort auf: Endgültiges Aus für Religion JZ in Russland geschrieben von Informant am 17. Juni 2004 17:42:44:

Moskau. Die Moskauer Gemeinde der „Zeugen Jehovas" hat am Mittwoch einen Berufungsprozess gegen die Annullierung ihrer staatlichen Registrierung verloren. Das Moskauer Stadtgericht bestätigte das Urteil der ersten Instanz, demzufolge die umstrittene Religionsgemeinschaft Familien zerstöre und zu religiösem Hass aufstachele. Außerdem habe die Organisation schwer kranke Mitglieder gezwungen, auf notwendige medizinische Hilfe zu verzichten.

Im März hatte ein Bezirksgericht die Moskauer Gemeinde wegen „extremistischer Tätigkeit" für aufgelöst erklart. Das Urteil trat mit der Entscheidung vom Mittwoch in Kraft. Die Anwälte der „Zeugen Jehovas" kündigten ein weiteres Berufungsverfahren und eine Beschwerde vor dem Straßburger Menschenrechtsgerichtshof an.
Der orthodoxe Sektenexperte Alexander Dworkin halt es für möglich, dass der Moskauer Prozess als Präzedenzfall für ähnliche Verfahren in den russischen Regionen dienen könnte. Er selbst habe nicht daran geglaubt, dass die „Zeugen Jehovas" ihre Registrierung verlieren könnten, sagte Dworkin. Die Organisation habe über sehr großen Einfluss und erhebliche Finanzmittel verfügt. Nach Beginn des Verbotsverfahrens habe sich sogar die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright bei einem Moskau-Besuch für die Sekte eingesetzt

Von Karsten Packeiser, Moskau. Die rund 1.500 Menschen lassen sich auch vom ersten kühlen Moskauer Frühlingsregen nicht beeindrucken. Mit kirchlichen Prozessions-Fahnen und Bannern der russischen Monarchisten demonstrieren sie auf dem zentralen Puschkin-Platz gegen den Bau eines großen Tempelkomplexes der Hare-Krishna-Bewegung. „Dieser Tempel ist erst der Anfang", sagt auf der Tribüne Russlands bekanntester Sektenjäger Alexander Dvorkin. Auch Scientology und die Mormonen würden bereits Gelder für Kultbauten in Moskau sammeln.

Die russische Hauptstadt, das „Dritte Rom" und Zentrum der weltweiten Orthodoxie, könne wohl schon bald in „Sektograd" (Sektenstadt) umgetauft werden, warnt Dvorkin. Besonders ärgern sich die orthodoxen Demonstranten über die Ausmaße des geplanten „heidnischen Götzentempels", in dem außer dem Tempel auch Esoterik-Shops und vegetarische Restaurants untergebracht werden sollen. Unweit des Moskauer Stadtzentrums soll nach den ursprünglichen Plänen mit dem vorgesehenen „Zentrum für vedische Kultur" der größte hinduistische Kultbau außerhalb des indischen Subkontinents entstehen.

„In Griechenland gibt es auf zehn Millionen Einwohner 12.000 orthodoxe Gemeinden, in der Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt Moskau aber nur 500", erklärt Kyrill Frolow vom „Verband Orthodoxer Bürger". „Wenn wir hier ebenfalls bei 12.000 angelangt sind, würden wir irgendwo am Stadtrand auch einen kleinen Krishna-Tempel ertragen."

Die Krishna-Bewegung sieht sich als Opfer einer Rufmord-Kampagne und einer „Provokation, die den religiösen Frieden in Russland gefährdet". Als die Krishna-Bewegung 1989 in der Sowjetunion offiziell ihre Registrierung erhalten habe, seien dem Schritt ernsthafte staatliche Gutachten vorausgegangen, sagt der Pressesprecher der Bewegung, Maxim Ossipow. Die Gutachter seien damals keineswegs zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei der Organisation um eine „gefährliche totalitäre Sekte" handele.

Vor allem in den 90er Jahren gehörten Straßenumzüge Mantras singender Krishna-Anhänger, die in Fußgängertunneln die heilige Schrift „Bhagavad Gita" an Passanten verkauften, zum Bild der russischen Großstädte. Nach eigenen Angaben hat die Organisation derzeit in Russland 10.000 russische und 15.000 indische Mitglieder. Weil das baufällige Haus, in dem sich der alte Moskauer Krishna-Tempel befindet, in Kürze abgerissen werden soll, sei den Stadtvätern nichts anderes übrig geblieben, als der Bewegung eine Ersatzfläche zur Verfügung zu stellen, rechtfertigten die Behörden ihr Vorgehen.

Um das Sekten-Image abzulegen, betont die Krishna-Bewegung inzwischen regelmäßig ihre guten Kontakte zum traditionellen Hinduismus und zur indischen Führung. In der Vergangenheit habe die Bewegung auch „erhebliche Anstrengungen" unternommen, um zu verhindern, dass jugendliche Anhänger im Übereifer alle Kontakte mit ihrem Elternhaus und der alten Umgebung abbrechen, so Ossipow.
Sekten-Experte Dvorkin traut dem Bild der friedlichen Hindu-Bewegung nicht und kritisiert deren Guru-Verehrung sowie angebliche Kontakte der Organisation zur Unterwelt. Für einen Brief indischer religiöser Würdenträger verschiedener Konfessionen, in dem der Bau des Moskauer Tempels ausdrücklich begrüßt wird, hat er eine einfache Erklärung. „Die hatten einfach Angst", meint Dvorkin mit Blick auf die schwierige Situation religiöser Minderheiten in Indien seit dem Machtantritt der nationalistischen Hindu-Partei BJP

Von Karsten Packeiser, Moskau. Alexander Dworkins bescheiden eingerichtetes Büro liegt im Hinterhof des Patriarchen-Verlagshauses. Russische und englische Schriften der Scientology-Organisation liegen neben Hetzbroschüren nationalsozialistischer russischer Neuheiden. Das Wort „Cultbusters" („Sektenjager") wandert als Bildschirmschoner über den Monitor des grauhaarigen Professors. Dworkin, Russlands bekanntester und zugleich umstrittenster Sektenexperte, schlagt Alarm: Totalitäre Sekten sind seinen Angaben zufolge in Russland weiter auf dem Vormarsch.

Genau Zahlen gebe es nicht, nach Schätzungen gehörten 600.000 bis 800.000 Russen einer Sekte an, sagt Dworkin. Teilnehmer einer von orthodoxen Kirchenkreisen in Moskau organisierten Konferenz kamen Ende Oktober gar zu dem Schluss, die Millionengrenze sei bereits überschritten. Laut Dworkin expandieren von den Organisationen, die sein Zentrum kritisch beäugt, vor allem die Zeugen Jehovas, die Mormonen und die von der orthodoxen Kirche ebenfalls zu den Sekten gezählte charismatische Neupfingstler-Bewegung
Kritiker werfen den orthodoxen Sektenjägern vor, in Wahrheit gehe es der Kirche gar nicht so sehr darum, vor gefährlichen Kulten zu warnen, sondern sich unliebsame Konkurrenten vom Hals zu schaffen. Anatolij Ptschelinzew, dessen Anwalts-Zentrum vor allem religiöse Minderheiten vertritt, ist sich sicher, dass dem Kampf der orthodoxen Kirche gegen Sekten auch völlig harmlose Organisationen zum Opfer fallen. „Es gab Versuche, die Heilsarmee zu verbieten, weil es sich um eine militaristische Organisation handele", resümiert er. „Genauso gut könnte man den Weihnachtsmann verbieten. Der trägt auch Uniform."

Laut Dworkin konzentrieren sich die Sekten auch in Russland inzwischen erfolgreich auf politische Lobby-Arbeit und wissen nicht nur Spitzenbeamte, sondern auch einen Teil der Bürgerrechtler-Szene auf ihrer Seite. Die Moskauer Helsinki-Gruppe, gewissermaßen der russische Dissidenten-Olymp, arbeitet orthodoxen Angaben zufolge eng mit Scientology zusammen. Herzliche Kontakte zwischen umstrittenen religiosen Führern und der russischen Elite haben inzwischen Tradition. Bereits Michail Gorbatschow empfing als sowjetischer Staats- und Parteichef den Chef der „Vereinigungskirche", San Myung Mun, offiziell im Kreml. Mitte der 90er Jahre knüpften Vertraute von Boris Jelzin enge Bande zu dem japanischen Sektenführer Shoku Asahara. Erst als dessen Aum-Sekte einen Giftgas-Anschlag auf die Metro von Tokio unternahm, gingen die russischen Behörden aktiv gegen die Organisation vor, die sich in Russland bis zu diesem Zeitpunkt unbehelligt ausbreitete
Waren zum Ende der Sowjetzeit fast ausschließlich ausländische Pseudokulte auf Seelenfang in Russland, gibt es inzwischen immer mehr russische religiöse Heilslehren, die ihrerseits zum Teil bereits im Westen aktiv sind. Die „Kirche des letzten Testaments" um den Russen Sergej Torop etwa, der sich selbst Wissarion nennt, wirbt nach Erkenntnissen Dworkins unter Russlanddeutschen und anderen russischsprachigen Emigranten in der Bundesrepublik aktiv um neue Anhänger. Seit Mitte der 90er Jahre lasst der Taiga-Guru von seinen Jüngern in Südsibirien eine Öko-Kommune errichten
Von den Nachfolgern des zuletzt in Finanznöte geratenen Wissarion gehe in Russland die zurzeit womoglich größte Gefahr aus, so Dworkin. Im schlimmsten Fall könnte die Geschichte der Sekte mit einem kollektiven Massenmord enden. „Zwei Mal hat Wissarion bereits das Ende der Welt angekündigt und dann wieder abgesagt. Ewig kann er das so nicht weitermachen", fürchtet der Professor.

www.russland-online.ru/rupan0010/morenews.php?iditem=1268


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