Und darin irrt Herr Rudtke


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 13. Dezember 2003 08:34:35:

Am 21. 3. 2000 schrieb die Tageszeitung „Badische Neueste Nachrichten"
„Weniger bekannt ist jedoch, dass die Leitung der Zeugen Jehovas, die deutsche Abteilung der Wachtturmgesellschaft, damals in Magdeburg ansässig, 1933 einen Brief an den „Sehr verehrten Herrn Reichskanzler" schrieb. Ihm – Adolf Hitler nämlich, wurde die Solidarität der deutschen Zeugen Jehovas mit seinen Zielen versichert. Das Zeugen-Präsidium verurteilt in dem (der BNN in Kopie vorliegenden) Schreiben die Anti-Hitler-Propaganda der „Geschäftsjuden und Katholiken" und: Die Wachtturmgesellschaft pocht auf Punkt 24 des Programms der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), in dem die Nazis zwar einerseits die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse fordern, gleichzeitig den Kampf gegen den „jüdisch-materialistischen Geist" festschreiben."

Das ist ja dann wohl in der Substanz der Vorwurf der „Anbiederung" gewesen. Äußerer Anlass dafür war eine jene „Standhaft"-Veranstaltungen, die im April 2000 in Karlsruhe stattfanden. Auf ihr trat am 5. 4. 2000 auch der Vizepräsident der deutschen Wachtturmgesellschaft, Werner Rudtke mit einem Referat in Erscheinung. In der Sache nur ein „0 8 15 Referat", dass fast wortgleich, auch von diversen anderen WTG-Funktionären auf anderen „Standhaft"-Veranstaltungen, gleichfalls verlesen wurde.

Auch Rudtke hielt sich weitgehend an das vorgegebene Manuskript. Die paar situationsbezogenen Abweichungen davon, hielten sich in äußerst engen Grenzen.
Eine davon ist wohl darin zu sehen, dass er unter indirekter Bezugnahme auf vorstehenden Pressebericht, glaubte mit anmerken zu sollen: Jehovas Zeugen würden den Vorwurf der Anbiederung entschieden zurückweisen. Auf eine Detailauseinandersetzung damit ließ er sich nicht ein. Er merkte lediglich an, dass ja dann das Verbot eingetreten sei. Und damit sei seiner Meinung nach der Vorwurf entkräftet. Ist er es wirklich.

Zu einer Detailauseinandersetzung hätte gehört, die Miterwähnung, dass Jehovas Zeugen in allergrößter Eile im Jahre 1933 versuchten zwei neue Rechtskörperschaften, als Norddeutsche und Süddeutsche Bibelforschervereinigung aus dem Boden zu stampfen. In deren Statuten war auch festgeschrieben. Nur Deutsche hätten dort Sitz und Stimme. Auch Garbe berichtet in seinem Buch darüber. Die „Geschichte der ZJ" geht auch darauf ein. Man wollte schon damit den Nazivorwurf entkräften international zu sein, was für die das Nationale so betonenden Nazis auch ein „rotes Tuch" war.

Desweiteren trat das Preußen-Verbot keineswegs als direkte Folge der Berlin-Wilmersdorfer Veranstaltung ein. Das Verbot wäre auch ohne diese Veranstaltung gekommen. Es hatte schon diverse Vorläufer. Besonders schmerzlich für die WTG. Auch in Sachsen waren sie lange vor der Berlin-Wilmersdorfer Veranstaltung bereits verboten worden. Schmerzlich deshalb, weil Sachsen eine Hochburg der WTG-Anhänger war und ist. Sinn der Berlin-Wilmersdorfer Veranstaltung war es, diese Entwicklung wenn möglich, umzukehren. Indem Rudtke es so darstellt, als sei die Antwort des Naziregimes auf die Resolution vom 25. Juni 33 das Verbot gewesen, verbreitet er eine Geschichtsklitterung, die man auch als solche benennen muss.

Es ist wohl war, das Ziel jener „Resolution" wurde nicht erreicht. Die Nazis gedachten nicht im entferntesten, mit den Bibelforschern darüber in Verhandlungen einzutreten, wie die WTG es sich gewünscht hätte und auch gefordert hat. Wie sie jene Resolution bewerteten ist daher nicht offen auf dem Tisch liegend. Höchstwahrscheinlich war die Bewertung: Ab in den Papierkorb. Die beabsichtigten Schritte in der Zeugen Jehovas-Angelegenheit waren ohnehin schon eingeleitet, und konnten auch durch diesen WTG-Vorstoß nicht gestoppt werden. Dennoch gibt es sehr wohl im Bestand des Bundesarchives ein indirektes Zeugnis darüber, wie nazistischerseits diese „Resolution" bewertet wurde.

Und zwar von dem „Kanonenpastor" Karl Gerecke. Gerecke, lange vor den Nazis, bereits im Ersten Weltkrieg sich seinen vorstehenden „Spitznamen" erworben habend, war auch einer jener, die den Nazis zujubelten, als selbige die politische Macht an sich rissen. Jenem Gerecke gelangte nun auch jene „Resolution" zur Kenntnis und er fühlte sich bemüßigt, darüber ein „Gutachten" zu Händen der Naziregierung abzufassen. Die Tendenz war klar. Die Naziregierung hat recht und ihre Gegner haben „Unrecht". Jener Kanonenpfaffe ist sich bis zuletzt treu geblieben. Dazu ein Zitat aus der „Geschichte der ZJ" S. 437:

Unter Hinweis auf die Berlin-Wilmersdorfer Erklärung der Zeugen Jehovas vom Juni 1933, mit dem an die Nazis anbiedernden Satz, dass die rein religiösen, unpolitischen Ziele und Bestrebungen der Bibelforscher in Übereinstimmung mit den gleichlaufenden Zielen der nationalen Regierung des Deutschen Reiches wären, kommentiert er: "Also im Ernste, unsere nationalsozialistische Regierung hat 'gleichlaufende Ziele mit den ernsten Bibelforschern' und strebt, genau wie die Halunken, die 'Ernsten Bibelforscher' auf ein blutiges, bolschewistisches Morden hin. ... Sie sind gefährlicher und niederträchtiger als alle Marxisten und Kommunisten, die sie voriges Jahr 1932 noch an sich lockten und dressierten auf das große, blutige Harmagedon." [154]
Die Hitlerregierung bekam somit unmittelbar nach ihrem Zeugen Jehovas-Verbot, von einem "geeichten Vertreter des Christentums" mit der Berufsbezeichnung "Pastor" bestätigt, dass sie mit ihrem Verbot auf der richtigen Linie lege.

Also Gerecke bewertet jene Resolution als Anbiederung. Die von dem verschmähten Liebhaber allerdings, auch das ist richtig, nicht akzeptiert wurde.



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