Schlaglichter aus "God's own country"

Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 19. Oktober 2003 08:10:16:

Als Antwort auf: Mormonen geschrieben von D. am 03. Oktober 2003 08:06:26:

Die neuen Kreuzritter. So der Titel einer Fernsehreportage (Phönix) über den Bibelgürtel der USA; einschließlich Texas, Heimat des „wiedergeborenen" Herrn Bush. Vorgestellt wurden konservativ-evangelikale Gruppen jener Region. Ein Beispiel. Ein Parlamentsabgeordneter, seine Familie und ihr religiöser Background. Sein Lebensunterhalt verdient er als Inhaber einer Firma, die Ausrüstungen herstellt (für Otto Normalverbraucher) gegen chemische und biologische Angriffsattacken. Nicht im Film ausgeführt, aber ebenso denkbar. Er könnte sich auch als Hersteller privater Bunker und Luftschutzkeller profilieren. So ist das halt in „God's own country".

Seine vier Kinder besuchen keine öffentliche Schule. Schulunterricht erhalten sie zu Hause von ihrer eigenen Mutter. Der Kommentar des Films merkt an, dass dies im „Bibelgürtel" schon zwanzig Prozent aller Familien so handhabt. Die so „Ausgebildeten" müssen lediglich ihre Examina vor staatlichen Schulbehörden absolvieren. Damit ist dann der Schulpflicht genüge getan. Befragt nach ihrer Motivation, geben die Eltern zu Protokoll. Sie möchten nicht, dass ihre Kinder etwas von „Homosexuellen" lernten. Das ist dann ihr „Schreckgespenst" das sie an die Wand malen, als „Begründung" für ihre Entscheidung. Und natürlich, soll die religiöse Ausbildung einen dominanten Platz im Leben ihrer Kinder haben.

Vorgestellt wurde weiter ein Gottesdienst jener Gemeinde, der diese Familie angehört. Der Pastor, zog da eine wahrhafte Theatershow ab. Kennt man hierzulande den Pastor als einen, der hinter dem Altar steht. So nicht in diesem Filmbeispiel. Der ist da durchs „Gelände gesaust" mit emotional-euphorischen Sprüchen um sich werfend. Der hat bestimmt keinen Grund über mangelnde Beweglichkeit zu klagen. Ziel offenbar nur eines: Erzeugen einer euphorischen Stimmung.

Noch eine andere Gruppe wurde vorgestellt. Ein „Bibelinstitut". Gott habe die Türen jetzt im Irak geöffnet; und daher würden sie ihre Missionare gezielt dorthin schicken. Die Vorauskommandos seien schon dort. Alles was sie tun und lassen. Immer wieder ist es „Gott"; der in seiner „wunderbaren Vorsehung" das so arrangiert habe. Der Herr Bush ist in diesem Kontext ihr von Gott gesandter Führer. Wörtlich gesagt Führer. Vielleicht merken die Amis in ihrer Euphorie gar nicht mehr, wie belastet diese Vokabel bereits ist; angesichts eines „Führers" aus deutschen Landen.

Dem äußerten rechten Rand ordnete dieser Filmbericht die vorgestellten Protagonisten zu. Mit der hinzuzufügenden Anmerkung noch, dass der rechte Rand in den USA Majoritätscharakter hat. Mit Bomben wurden die Türen für diese selbsternannten Missionare geöffnet; und das empfinden sie in ihrer Euphorie auch noch als gut und gottgewollt.

In der Tat, in dem deutschen Führerstaat, seinerzeit, hat es auch nicht an Euphorie gemangelt. Die Bilder gleichen sich in der Tat frappierend.

Zweites Schlaglicht.

Um die elf Millionen Mormonen soll es dem Vernehmen nach derzeit weltweit geben. Der Löwenanteil davon in den USA ansässig. Als diese Religionsgemeinschaft neu auf den Plan getreten war, noch vor den Zeugen Jehovas, zog sich alsbald den Hass breiter Kreise zu, die nicht zu ihnen gehörten. Der Gründer Joseph Smith wurde gar im Gefängnis erschossen.

Offenbar bewirkte derartiges "Märtyrertum" nachhaltig ihren weiteren Fortbestand.
Der Nachfolger von Smith, Brigham Young, hatte dann in einem legendären Wüstenmarsch, seine Gruppe zu "neuen Ufern" geführt. Nach Utah im Westen der USA. Damals noch weitgehend Indianergebiet. Auch das sollte sich noch ändern.
Nicht nur durch ihre weitere "heilige Schrift", das Buch Mormon, machten sie von sich reden. Auch und besonders auch durch ihren Grundsatz der Polygamie.
Das wiederum zog ihnen erneute, verschärfte Feindschaft zu.
Die Führung der sich inzwischen etabliert habenden Religionsgemeinschaft stand vor der Frage. Weitere Konflikte diesbezüglich, oder zurückstecken?

In einem mühsamen Prozess entschlossen sie sich zu letzterem. Heute gelten Mormonen vielfach als gut situiert und politisch konservativ orientiert. So konservativ, dass sie selbst in einigen USA-Regierungen Ministerposten besetzten. So konservativ, dass die CIA keinerlei Bedenken hat, auch aus Mormonenkreisen ihr Personal zu rekrutieren. So konservativ, dass ebenfalls konservative Organisationen in den USA, etwa die John Birch Society (Markenzeichen militanter Antikommunismus) sich eben auch stark auf die Mormonen stützen können.

Wer hätte es gedacht? Teil des USA-Establishment; und dennoch in zweifelhafte Schlagzeilen hineinzugeraten, wovon das Buch des Jon Krakauer "Mord im Auftrag Gottes" auch Zeugnis ablegt. Krakauer macht dabei allerdings eine meiner Meinung nach unzulässige Gleichung. "Die" Mormonen gibt es offenbar nicht mehr. Es gibt auch Absplitterungen von ihnen. Analog - um ein anderes Beispiel zu nennen - den Adventisten.

Als die Adventisten im ersten Weltkrieg vor der Frage standen, wie verhalten wir uns denn nun in Sachen Wehrdienst? Da entschied ihre Führung; wir kommen den Forderungen des "Casars" weitgehend nach. Verrat und nochmals Verrat indes schrie eine kleine Gruppe aus ihren Reihen, die das nicht mitmachte und sich in der Konsequenz separierte.

Ähnlichen "Verrat" witterten im Bereich des Mormonismus auch einige. Ihr Kritikpunkt. Die offizielle Aufgabe der Polygamie. Und sie separierten sich auch. Und genau diese Splittergruppen hat nun Krakauer, veranlaßt durch aktuelle Vorgänge, im Blickfeld. Er fällt ein vernichtendes Urteil über sie - zurecht, dass sei bestätigt. Jedoch in einem Punkt mag ich mit ihm nicht konform gehen. Er lastet das "dem" Mormonentum an. Das macht sich zwar Schlagzeilenträchtig, und für ihn ohne Zweifel umsatzfördernd, ist aber in dieser Generalisierung zurückzuweisen.

Erschreckliches fördert Krakauer zutage. Wer da glaubt das Thema Polygamie sei "Geschichte"; der wird von ihm eines besseren belehrt. Da gibt es tatsächlich mormonische Gruppen (mit vorgenannten Einschränkungen), die das noch heute praktizieren. Da mag so mancher, der Krakauers Buch noch nicht gelesen hat, ungläubig zurückfragen: Wirklich? Erlauben das denn überhaupt die Gesetze der USA? Antwort. Die Gesetze erlauben es nicht. Es wird aber de facto dennoch praktiziert. Dazu ein Zitat aus seinen Ausführungen:

"In Utah und Arizona verstößt Polygamie gegen das Gesetz. Um einer strafrechtlichen Verfolgung zu entgehen, heiraten die Männer von Colorado City in der Regel nur die erste ihrer Ehefrauen; deshalb bleiben alle späteren Ehefrauen, obwohl von Onkel Rulon mit ihrem Mann "spirituell getraut", in den Augen des Staates ledige Mütter. Was den zusätzlichen Vorteil hat, daß die riesigen Familien Sozialhilfe und andere Formen öffentlicher Unterstützung erhalten.
Die Fundamentalisten nennen den Betrug am Staat "das Tier ausbluten" und betrachten es als heiligen Akt."

Mehr noch fördert der Autor zutage. So etwa das Fernsehen und Zeitungsbezug in diesen Kreisen verpönt ist; was sie dann letztendlich wieder zum gefügigen Spielball ihrer religiösen Führer macht. Auch der von den Zeugen Jehovas zur genüge bekannte Aspekt, dass Abweichlern von der "reinen Lehre" der Feme verfallen, ist auch hier stark ausgeprägt.

Lassen sich denn die Frauen das überhaupt gefallen, mag manch ein ungläubiger Thomas zurückfragen. Im Kontext der vorgenannten fundamentalistischen Erziehung offenbar ja. Dazu ein weiteres Zitat vom genannten Autor:
"Linda Kunz Green, inzwischen achtundzwanzig, war dreizehn, als sie Tom Green heiratete. Sie betont, er habe nichts Unrechtes getan, und sie fühle sich nicht als Opfer. Sie sagt, es gefalle ihr, in einer Vielehe zu leben, und weist darauf hin, daß es ihre Idee gewesen sei, Green zu heiraten. Leavit entgegnet, Linda sei bloß das Opfer eines Phänomens, das Psychologen Stockholm-Syndrom nennen, bei dem Geiseln mit den Geiselnehmern sympathisieren und diese später in Schutz nehmen."

Es ist ein vernichtendes Urteil, dass der Autor über diese Form mormonischen Fundamentalismus fällt. Etwa wenn er ausruft:
"Wie das Fernsehverbot zeigt, hat das Leben in Colorado City unter Rulon Jeffs große Ähnlichkeit mit dem Leben in Kabul unter den Taliban."

Letztendlich möchte Krakauer wohl eine Lanze für den Laizismus brechen.
Symptomatisch auch sein Ausruf:
"Dieses Land wird schließlich von Präsident George W. Bush, einem wiedergeborenen Christen, geführt, der glaubt, er sei ei Werkzeug Gottes, und internationale Beziehungen als biblischen Konflikt zwischen den Mächten von Gut und Böse beschreibt. Der Generalbundesanwalt John Ashcroft, höchster Justizbeamter des Landes, ist eingefleischter Anhänger einer fundamentalistischen christlichen Sekte - der Penetcostal Assemblies of God -, beginnt jeden Tag im Justizministerium mit einer andächtigen Gebetsstunde für seinen Mitarbeiterstab, läßt sich regelmäßig mit geweihtem Öl salben und bejaht eine eindeutig apokalyptische Weltsicht, die mit den wichtigsten millenaristischen Überzeugungen der Lafferty-Brüder und der Einwohner von Colorado City viel gemeinsam hat. Der Präsident, der Generalbundesanwalt und andere nationale Führer beschwören das amerikanische Volk oft, an die Macht des Gebets zu glauben und auf den Willen Gottes zu vertrauen. Genau dasselbe behaupten Dan und Ron Lafferty getan zu haben, als sie am 24. Juli 1984 in American Fork soviel Blut vergossen."

Indes dürfteKrakauer mit seinem Kernanliegen in dem bigotten Staat USA und auch wohl andernorts, keinen sonderlichen Erfolg haben. Gleichwohl wäre auch ich der Meinung. Fundamentalismus, gleich welcher Coleur, verdiente es nicht mit Samthandschuhen angefasst zu werden, wie das in der Praxis doch wohl der Fall ist. Seine persönliche Position bringt denn der Autor mit einem Zitat von Bertrand Russell zum Ausdruck; und mit dessen Wiedergabe sei auch diese Betrachtung beendet:

"Wenn man sich auf der Welt umsieht, so muß man feststellen, daß jedes bißchen Fortschritt im humanen Empfinden, jede Verbesserung der Strafgesetze, jede Maßnahme zur Verminderung der Kriege, jeder Schritt zur besseren Behandlung farbiger Rassen oder jede Milderung der Sklaverei und jeder moralische Fortschritt auf der Erde durchweg von den organisierten Kirchen der Welt bekämpft wurde …
Meine Ansicht über die Religion deckt sich mit der des Lukretius. Ich betrachte sie als Krankheit, die aus Angst entstanden ist, und als Quelle unnennbaren Elends. Ich kann jedoch nicht leugnen, daß sie einige Beiträge zur Zivilisation geleistet hat. In alter Zeit half sie, den Kalender festzulegen, und sie veranlaßte ägyptische Priester, die Sonnenfinsternisse mit solcher Sorgfalt aufzuzeichnen, daß sie mit der Zeit lernten, sie vorauszusagen. Diese beiden Dienste bin ich bereit anzuerkennen, aber andere kenne ich nicht."


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