Jens-Uwe Lahrtz

Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 15. August 2003 06:19:13:

Sein Berufsweg hat ihn zum Archivar werden lassen. Man kennt ähnliches auch schon von Elke Imberger, die meines Wissens auch nie zu den WTG veranstalteten "Standhaft"-Veranstaltungen mit eingeladen wurde. Der Grund scheint ziemlich offenkundig zu sein. Ihre aufgrund umfassenden Aktenstudiums gewonnenen Thesen "passen" der WTG nicht so recht ins Konzept. Man vergleiche dazu mal beispielsweise:
Baer

Auch Lahrtz bescheinigt der Studie von Elke Imberger "besonders interessante Ergebnisse" (S. 20).

Nun also hat der 1963 geborene Jens-Uwe Lahrtz auch seine Dissertation zugleich als Buchhandelsausgabe vorgelegt unter dem Titel:
"Nationalsozialistische Sondergerichtsbarkeit in Sachsen.
Das Beispiel der Verfolgung der Zeugen Jehovas in den Jahren von 1933 bis 1940"
Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 2003. 50,10 Euro.
Zu Lahrtz kann man auch vergleichen:
Lahrtz

Es ist bekannt, dass in Vergangenheit und Gegenwart, Sachsen mit eine der regionalen Hochburgen der Zeugen Jehovas darstellt. Das regional dafür im Naziregime zuständige Gericht befand sich in Freiberg (ab 1940 dann in Dresden). Es verwundert auch überhaupt nicht, dass aufgrund dieses Hochburg-Charakters besonders viele Zeugen Jehovas spezifische Akten, eben im Fundus jenes Freiberger Gerichtes vorhanden sind. Lahrtz redet davon, dass dort rund 2000 Zeugen Jehovas-Fälle, aktenmäßig erfasst sind. Worüber man sich allerdings "wundern" kann oder auch nicht, ist der Umstand, dass die angeblich ach so "antifaschistische" "DDR" es nicht geschafft hat, jenen Bestand einmal zu erschließen. Wäre die politische Wende von 1989 nicht eingetreten, so wurde das möglicherweise noch heute "geheime Verschlusssache" sein. Folgt man Lahrtz, so lagerten die Akten lange Jahre im nicht öffentlichen Archiv der Stasi in Berlin in der Freienwalderstr. Erst im Zuge der politischen Wende gelangten sie im März 1990 nach Dresden, als derzeitigem Standort zurück.

Mein eigenes Aktenstudium in der Freienwalderstr. (zur Zeit seiner Trägerschaft durch das Bundesarchiv) datierte vom Januar 1991. Diese beiden Daten machen deutlich, dass da die "Freiberg-Akten" schon nicht mehr vorhanden waren. Die Resultate meiner Studien aus den Aktenbestand der Freienwalderstr. befinden sich auch in der "Geschichte der Zeugen Jehovas. Mit Schwerpunkt der deutschen Geschichte".

Lahrtz hat aufgrund dieser Aktenlage und ihrer erstmaligen Auswertung in größerem Rahmen, sicherlich eine interessante Ausgangsbasis.
Auch Lahrtz musste erfahren, wie schon andere vor ihm. Von der WTG gibt es in der Vor-Garbe-Zeit k e i n e Unterstützung.
Das liest sich dann bei Lahrtz so (S. 17, 18):
"Die Leitung der Zeugen Jehovas selbst hat die wissenschaftliche Forschung durch Außenstehende zu diesem Thema lange Zeit nicht befördert. Man verwies beispielsweise den Autor im Juni 1991 aufgrund einer entsprechenden Anfrage mit Bitte um Einsicht in Quellenmaterial in einem unterschriftslosen Antwortschreiben mit dem Bemerken 'Sie [die Zeugen Jehovas J.-U.L.] möchten den Eindruck vermeiden, sich als Märtyrer darzustellen oder irgendwelche Personen oder Umstände der Vergangenheit zur Rechenschaft zu ziehen oder anzuklagen' … Erst im April 1997, also rund sechs Jahre später, war dann für den Autor eine Besichtigung des Archivs der Zeugen Jehovas in Selters/Lahn möglich."

Lahrtz seinerseits, seine Berufsbezeichnung wurde bereits genannt, war es, der die Freiberg-Akten in Dresden neu erfasste (dieweil die Stasi-"Findbücher" dazu, sofern es solche überhaupt gab) äußerst mangelhaft waren. Es versteht sich, dass in diesen Gerichtsakten nicht "nur" die Zeugen Jehovas vorkamen. Lahrtz vermerkt weiter, dass er sich von dem Berliner Zeugen Jehovas-Sprecher Peter Meyer, im Jahre 1993 erst einmal in einige geschichtliche Daten bezüglich der Zeugen Jehovas habe einführen lassen. Verständlich, Lahrtz war nie selbst Zeuge Jehovas. Aufgrund dieser seiner Biographie ist ihm meines Erachtens auch ein sachlicher Fehler unterlaufen.

Auf Seite 98 kommt er auch auf jene Verhandlungen zwischen WTG-Funktionären und der Gestapo im Jahre 1935 zu sprechen. Den Fehler den er dabei macht ist meines Erachtens der, dass er behauptet "Anton Koerber" habe jene fraglichen Verhandlungen geführt. Hier ist meines Erachtens Lahrtz einem Fehlschluss erlegen. Nach allem, was aus Aktenmaterial sowohl aus dem Bundesarchiv Koblenz (seinerzeit) Freienwalderstr. usw. auch mir bekannt ist, handelt es sich bei jenem Verhandlungsführer um M. C. Harbeck. Sollte Lahrtz anderer Meinung sein, ist er aufgefordert, dass dokumentarisch auch zu belegen.
Man vergleiche

19372Harbeck

In seinem Resümee vertritt Lahrtz die Meinung (S. 297f.):
"Die Auswertung dieses umfangreichen Materials am Beispiel der Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Anhänger der Zeugen Jehovas hat ergeben, daß es einerseits sowohl Beispiele für ein wohlwollendes Ermahnen von jüngeren Angeklagten oder auch offensichtliche Zurückhaltung bei der Vergabe von hohen Strafen gegen ältere oder gebrechliche Angeklagte gegeben hat, wie es andererseits eben auch, und zwar mehrheitlich, Beispiele für ein breites, zum Teil umfassendes Ausschöpfen der möglichen Strafmaße als 'unbelehrbar', als 'Funktionär' oder etwa als Wiederholungstäter gab."

Na ja, so kann man es vielleicht auch sehen. Dennoch ist meines Erachtens diese Sicht etwas "schief". Zunehmend war es doch so - etwa über das Instrumentarium der sogenannten Schutzhaft - dass die Gestapo sich doch als der eigentliche Herr des Verfahrens erwies. In den sieben Jahren 1933-40 konnte die Gestapo die traditionell gewachsene Justiz noch nicht völlig kaltstellen. Als "überflüssig" hat sie letztere wohl schon damals angesehen, und sie zunehmend in die Rolle bloßer Statisten gedrängt. Was nutzen da milde Gerichtsurteile, wenn im Anschluss daran, die unbegrenzte "Schutzhaft" folgte?

Sicherlich hat es auch Zeugen Jehovas gegeben, die aufgrund milder Gerichtsurteile mit einem blauen Auge davonkamen. Für die in Gestapo-Sicht "Funktionäre" und "Unbelehrbare" galt das mit Sicherheit nicht.

Etwas verwundert nimmt man auch sein Literaturverzeichnis im Buch-Anhang zur Kenntnis.
Von dem Autor Detlef Garbe erwähnt er dort nur zwei kleinere Arbeiten, nicht aber dessen "Zwischen Widerstand und Martyrium". Immerhin taucht letzteres Buch noch in einigen Fußnoten bei ihm mit auf. Der Autor Gebhard existiert für Lahrtz auch nur in der Form des Uraniabuches. Das Buch des Hans Jonak v. Freyenwald aus dem Jahre 1936 verzeichnet er zwar auch; ebenfalls den Lahrtz-eigenen Aufsatz in den "Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung". Jedoch das in der gleichen Zeitschrift auch ein Aufsatz über Jonak erschien, hält er schon wieder für nicht registrierenswert.
Die WTG wird es ihm danken. "Die 'Guten' ins Körbchen - die 'Schlechten' ins Kröpfchen." Zu den Nicht-Nutzern des Internet's scheint Lahrtz übrigens auch zu gehören. Noch wird man ja wohl die Nichtnutzung des Internet's nicht als offiziellen Disqualifizierungsgrund benennen dürfen. Noch ...
Ob man das in einigen Jahren auch noch so hält, scheint mir so sicher nicht zu sein.


ZurIndexseite