Re: Worum es beim Fall Wolf-Ekkehard Lönnig auch noch geht

Rund ums Thema Zeugen Jehovas

 

Geschrieben von Drahbeck am 02. Mai 2003 15:10:25:

Als Antwort auf: Re: Dreistes Propagandastück geschrieben von D. am 02. Mai 2003 08:15:54:

Worum es beim Fall Wolf-Ekkehard Lönnig auch noch geht.
Lönnig, Zeuge Jehovas, beruflich in Köln am Max Planck Institut für Züchtungsforschung tätig, sieht sich massiven Angriffen ausgesetzt. Namentlich haben seine Kritiker derzeit erreicht, dass 98 Prozent seiner vordem auf der Instituts-Homepage publizierten Arbeiten, nicht mehr auf selbiger zugänglich sind. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen bietet sie Lönnig aber auch nicht auf seiner privaten Homepage dar, was ja auch möglich wäre. Dort offeriert er nur die alten, nicht mehr funktionsfähigen Links zur Homepage des obigen Institutes.

Einen besonderen Gegner mein Lönnig auch wahrgenommen zu haben. Den Kasseler Biologieprofessor Ulrich Kutschera, der sich im besonderen für die Sperrung der Lönnig'schen Ausführungen auf der Instituts-Homepage stark gemacht hat.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen: Lönnig und Kutschera vertreten in der Sache unterschiedliche Auffassungen. Kutschera lässt auch keinen Zweifel darüber, warum er sich denn so betont mit Lönnig „angelegt" hat. Dazu ein Zitat aus einem Kutschera-Votum:

„Der traurige Zustand der Evolutionslehre in den USA ist ein Beleg dafür, dass Wissenschaft und Glaube nicht durchmischt werden sollten. Das hierbei gebildete 'Gebräu' schmeckt keiner Seite und ist insbesondere für aktive Evolutionsforscher (die darüber hinaus die aktuelle Literatur kennen) ungenießbar."
Um dieses Kutschera-Urteil besser verstehen zu können, vielleicht ein kleiner geschichtlicher Rückblick. In einem zusammenfassenden Referat formulierte etwa Hansjörg Hemminger dazu:

„Einen ersten Höhepunkt seines Einflusses erlebte der Kreationismus in den USA in den zwanziger Jahren. Zwischen 1921 und 1929 wurden in 31 Staaten Gesetzesvorlagen eingebracht, die es verboten, die Evolutionstheorie an Schulen zu unterrichten. In einigen Südstaaten wurden die Vorlagen Gesetz. Es sei daran erinnert, dass die selbe politische Grundstimmung damals die Zeit der Prohibition in den USA einleitete: Es ging um die Bibel als Quelle einer traditionellen bürgerlichen Moral. Zum nationalen Showdown der Befürworter und Gegner kam es beim sogenannten Affenprozess von Tennessee. Ein Lehrer namens John D. Scopes war angeklagt, entgegen dem Verbot die Abstammung des Menschen vom Affen gelehrt zu haben.
... Ähnlich agiert 'The Creation Science Association for Mid-America' (CSA) in Kansas. Alle Übel der Welt, Kriminalität, Unmoral und sogar die 'hundert Millionen Toten des zweiten Weltkriegs' werden der sogenannten Evolutionslüge angelastet. Der Anspruch, selbst 'reborn christians' zu sein, verbindet sich im Mittelwesten anscheinend recht leicht mit einem politischen Fanatismus, der seinesgleichen sucht."

Die Gefahr, dass solche Zustände auch hierzulande Einzug halten könnten, sah Kutschera als durchaus gegeben. Und wenn sie zwar noch nicht bundesrepublikanische Wirklichkeit generell sind, so hieß für Kutschera die Devise offenbar auch: „Wehret den Anfängen".
Als seinen Widerpart erkor Kutschera dabei nun insbesondere den Herrn Lönnig.
Hat er sich da den richtigen ausgesucht?

Nun dies dazu. Fritz Poppenberg, seines Zeichens Filmemacher. Mit Sicherheit kein „neutraler" Filmemacher. Ein Filmemacher, der auch in aktiver Geschäftsbeziehung zu den Zeugen Jehovas steht. Von selbigen auch schon diverse male zu ihren vermeintlichen „Standhaft"-Veranstaltungen eingeladen und anderes mehr.
M e h r als 50 Prozent seiner über die eigene Firma vertriebenen Videos sind eindeutig Zeugen Jehovas spezifischen Themen gewidmet. Was ihn nicht daran hindert auch mit anderen Evangelikalen zu kungeln. Namentlich über das Evolutionsthema. Poppenberg hat zu letzterem zwei Videos im Angebot. Das erste 1999 gedreht, zeigt auch Filmaufnahmen aus dem Ernst Häckel-Haus in Jena. Dessen Direktor, Herr Breidbach, fühlte sich offenbar von Poppenberg „geleimt", wie man dies nachträglichen Stellungnahmen dazu entnehmen kann.

Dazu zitiert Martin Neukamm unter anderem:
„Doch POPPENBERG hatte behauptet, eine TV-Ausstrahlung des Films wäre nicht vorgesehen, so daß eine abschließende Einsichtnahme durch die Mitarbeiter des Ernst-Haeckel-Hauses nicht zustande kam. Während man allgemein das Projekt für beendet hielt, wurde der Film indes ohne das Wissen Außenstehender fertiggestellt, in Umlauf gebracht und schon seit über einem Jahr in der Kreationistenszene als Lehrstück gegen die Abstammungslehre vertrieben. Das Ernst-Haeckel-Haus hatte jetzt durch Zufall von einem Kollegen erfahren, daß der Film eben doch existiert. ..."

Noch etwas. Poppenberg ist natürlich persönlich k e i n ausgewiesener Wissenschaftler in Evolutionsfragen. Er ist also auf entsprechende sachkundige Beratung angewiesen. Und sie erfolgte durch den Herrn Lönnig; der in beiden Videos auch mit entsprechenden persönlichen Statements in Erscheinung tritt. In diesen Videos wird er allerdings nur als Mitarbeiter des obigen Institutes vorgestellt. Über seinen religiösen Hintergrund indes erfährt man dort nichts. Den indes haben nun die Kutschera usw. offengelegt, und im Verfolg dieser Auseinandersetzung hat sich auch Herr Lönnig dazu bekannt, Zeuge Jehovas zu sein.

Kutschera hatte also in seiner Aversion gegen die amerikanischen Zuständen, durchaus den „richtigen Riecher", wenn er sich auf Lönnig „einschoß". Ohne Lönnig, das dürfte wohl klar sein, gäbe es die beiden Poppenberg'schen Evolutionsvideos von Jehovas Zeugen und der Evangelikalen Gnade, nicht. Lönnig ist als ihr spiritus rector anzusprechen. Natürlich kommen in diesen Videos noch ein paar andere zu Wort. Breidbach wurde schon genannt, der sich von Poppenberg „über den Tisch gezogen" fühlt.
Zu nennen ist da besonders noch Siegfried Scherer. Über letzteren äußert der Theologe Hemminger bezugnehmend auf die deutschen Verhältnisse und wer hierzulande besonders als Anti-Evolutionist in Erscheinung tritt:

„Das wichtigste Produkt ist das Schulbuch 'Entstehung und Geschichte der Lebewesen' von R.Junker und S.Scherer (Giessen 1988), das inzwischen in der 5. Auflage vorliegt. Dieses gut gemachte Lehrbuch kann nur in Privatschulen benutzt werden, da eine Anerkennung durch die Kultusministerien der Länder nicht erreichbar war und auch künftig nicht zu erwarten ist."

Also summa summarum. Der Lönnig-Streit entpuppt sich als schlichter Machtkampf. Die Kampfparole ist die.
1933 soll es um die zwanzigtausend deutsche Zeugen Jehovas gegeben haben. Nach 1945 fingen sie bei rund fünftausend wieder an. Heute wollen sie gemäß ihren eigenen geschönten Aussagen rund 200 000 hierzulande sein. Auch von Poppenberg massiv unterstützt, fordern sie staatliche-finanzielle Alimentierung für sich als KdöR. Das fordern sie aber erst seit rund einem Jahrzehnt. Mit der in breiten Biologenkreisen nach wie vor favorisierten Evolutionstheorie haben sie sich noch nie anfreunden können. Kraft ihrer ideologischen Wassersuppe werfen sie nun auch den Pro-Evolution orientierten Kreisen den Fehdehandschuh hin. Einer hat ihn aufgenommen, Kutschera. Und derzeit einen Etappensieg zu lasten des Trojanischen Pferdes, namens Lönnig erreicht.

Etappensiege sind das eine. Manche Etappensiege werden später auch wieder gekippt. Letztendlich lautet die Frage: Geht diese Republik weiter auf ihrem Amerikanisierungsweg?
www.waschke.de/twaschke/gedank/diskuss/miz.htm

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