Re: Typisch Jehova: Zeuge Jehovas macht gefaehrlichste Stadt harmlos.


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 01. März 2003 10:46:06:

Als Antwort auf: Re: Typisch Jehova: Zeuge Jehovas macht gefaehrlichste Stadt harmlos. geschrieben von Sabine S... am 01. März 2003 01:10:33:

Es ist offenbar ein beliebtes Argument gewisser christlicher Kreise, auf den positiven moralischen Einfluss argumentativ hinzuweisen, denn sie da ausüben zu glauben. Je krasser das Beispiel um so besser. Da liest und hört man beispielsweise von in Gefängnissen einsitzenden Mördern, die sich „bekehrten" und anderes mehr.

Mit Sicherheit sind solche „Erfolgsmeldungen" auch nicht nur auf Jehovas Zeugen beschränkt. Ich kann zwar beispielsweise die Publizistik der „Neuapostolischen Kirche" nicht im Detail verfolgen. Aber bekannt ist, dass es afrikanische Länder gibt, wo sie in bestimmten Regionen gar 50 % der Gesamtbevölkerung stellen (wovon die Zeugen Jehovas noch weit entfernt sind). Es würde mich auch keineswegs verwundern, sollte es dort ähnliche Erfolgsmeldungen geben.

Dennoch repräsentieren solche Meldungen nur die halbe Wahrheit. Zu Russells Zeiten war ein Schlagwort dominierend „Charakterentwickler" (für Rutherford dann ein Schimpfwort). Damals glaubte man noch alle mit der Russellbewegung Verbundenen hätten die Chance in den Himmel zu kommen. Und damit dem so sei, ist es notwendig die „Erwählung und Berufung" „festzumachen". Eben auch die Entwicklung eines „guten Charakters".

Damit konnte der Gegner der Prohibition (Alkoholverbot in den USA der zwanziger Jahre) Rutherford, nun offenbar überhaupt nichts anfangen. Sein Slogan. Nicht Charakterentwickeln, sondern WTG-Literatur verkaufen, sei notwendig. Um sich dergestalt von Russell abzusetzen, wurde auch die „himmlische Hoffnung" für den allergrößten Teil seiner Anhängerschaft gleich noch mit abgeschafft.

Sind Zeugen Jehovas heute zu dem Status der „Charakterentwickler" wieder zurückgekehrt? Es wäre zu schön um wahr zu sein. Betreiben sie etwa auch organisierte Caritas oder Brot für die Welt? Es wäre zu schön um wahr zu sein. Legen sie großen Wert auch auf eine gediegene weltliche Bildung, Ausbildung (einschließlich der universitären?) Es wäre zu schon um wahr zu sein.

Stattdessen steht nach wie vor ihr keineswegs ausreichend widerrufener Slogan im Raum. Als junger Mensch wirst du das Ende einer langjährigen (beispielsweise universitären) Ausbildung nicht erleben, dieweil vorher Harmagedon kommt und es daher wünschenswert wäre, sich bis dahin, in den „wenigen" Jahren, lieber für die WTG zu verausgaben, als wie die eigene berufliche Perspektive im Auge zu haben.
Sicher, nicht alle sind auf diesen Fanatismus-Zug aufgesprungen. Einige aber sehr wohl. Auch dieser Aspekt muss bei einer Gesamtbeurteilung mit einfließen.

Dann noch ein etwas aktuelleres Beispiel. Der gegenwärtige USA-Präsident, ein „wiedergeborener Christ" dem USA-Methodismus zugehörig, war bevor er diesergestalt „wiedergeboren" wurde ein „Quartalssäufer". Hätte es zu seinen Zeiten noch die Prohibition gegeben, wäre er mit der sicherlich in Konflikt gekommen. Für den Alkoholsäufer Bush gilt aber heute allerstrengstes selbstauferlegtes Alkoholverbot; dieweil er befürchten musste, bei einer Nichtbeachtung, wieder rückfällig zu werden. Diese Auflage kennt man auch von anderen ehemals Alkoholkranken, die sich aus den gleichen Gründen daran halten müssen.

Jener „wiedergeborene" Herr Bush ist indes auf dem allerbestem Wege, als ein großer Massenmörder in die Geschichte einzugehen. Sollte sich seine Kirche je dieses ihres Mitgliedes in ähnlich penetranter Weise rühmen, wie die eingangs genannten Zeugen Jehovas, wird man ihr „Wiedergeborensein" ebenfalls noch einer kritischen Bewertung zu unterziehen haben.

Übrigens. Der Schriftsteller Friedrich Gerstäcker widmete dem amerikanischen Methodismus mal zwei historische Romane. Einmal die „Regulatoren in Arkansas" und zum zweiten „Die Flusspiraten auf dem Mississippi." Wer diese Romane mal gelesen hat, dem wird als eine Schlüsselfigur auch ein methodistischer Prediger begegnen. Gerstäcker verzichtet dabei keineswegs auf eine Bewertung. Seine Bewertung ist eindeutig und klar. Ein Heuchlerpack diese wiedergeborenen Christen Made in Methodismus.

Dann gab es da noch den Fall Chile in den 1970er. Nicht zuletzt die CIA sorgte dafür, dass ein dortiges den USA nicht genehmes Regime gestürzt und durch die Pinochet-Diktatur ersetzt wurde. In eilends errichteten Konzentrationslagern fanden sich etliche Aktivisten der Allende-Zeit wieder. Schwere wirtschaftliche Probleme traten auf. Beispielsweise war durch diese Verhaftungen eine Ölraffinerie nicht mehr betriebsfähig. Und jetzt wird's interessant. Ersatz wurde beschafft von den Zeugen Jehovas.

Auch dieses wird man in eine Gesamtbeurteilung mit einfließen lassen müssen.


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