Ausgerechnet Heinrich Heine


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 17. Oktober 2002 17:54:30:

Ausgerechnet Heinrich Heine
In ihrer 1997 erschienenen Broschüre "Ein Buch für alle Menschen", zitiert die WTG auch den deutschen Dichter Heinrich Heine. Laut WTG soll er auch gesagt haben:
"Ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches - Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; … Und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel"
Als Quellenbeleg nennt die WTG:
"Heinrich Heine
Über Deutschland. Erster Theil. Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 1861, S. 25-6"
Bei dem fraglichen Text handelt es sich um die von Heine formulierte Einführung zu seinen Ausführungen. Nun steht es nicht in Zweifel, dass Heine die Bibel schätzte. Das WTG-Zitat indes will doch wohl unterschwellig suggerieren. Seht! Auch Heinrich Heine liegt auf unserer Linie.
So sei denn als erstes mal das fragliche Kurzzitat der WTG etwas ausführlicher zitiert.

Heine schrieb:
"Nein, ihr gläubigen Gemüter, ich reiste niemals nach Damaskus, ich weiß nichts von Damaskus, als daß jüngst die dortigen Juden beschuldigt worden, sie fräßen alte Kapuziner, und der Name der Stadt wäre mir vielleicht ganz unbekannt, hätte ich nicht das Hohelied gelesen, wo der König Salomo die Nase seiner Geliebten mit einem Turm vergleicht, der gen Damaskus schaut.

Auch sah ich nie einen Esel, nämlich keinen vierfüßigen, der wie ein Mensch gesprochen hätte, während ich Menschen genug traf, die jedesmal, wenn sie den Mund auftaten, wie Esel sprachen. In der Tat, weder eine Vision noch eine seraphitische Verzückung noch eine Stimme vom Himmel, auch kein merkwürdiger Traum oder sonst ein Wunderspuk brachte mich auf den Weg des Heils, und ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches - Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltätig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein Buch, das so traulich, so segnend gütig uns anblickt wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der Nase - und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes."

In diesem etwas umfangreicheren Zitat, findet man also auch solche Vokabeln wie "Wunderspuk" und die deutlich-kritische Bewertung des angeblich sprechenden Esels in der Bileam-Geschichte der Bibel. Wenn Heine die Bibel für sich hoch schätzte, dann doch wohl kaum im Sinne der Fundamentalisten a la WTG.

Meines Erachtens verdient diese Heine-Schrift durchaus noch etwas ausführlicher zitiert zu werden. Wie wir schon lasen, schätzte Heine die Bibel. Schätzte er auch die organisierte Religion? Die Zeugen Jehovas kannte er zu seinen Lebzeiten selbstredend nicht. Aber Vertretern organisierter Religion begegnete auch er. Und dies kann man wohl sagen. Sein Urteil über sie fiel nicht gerade "günstig" aus.
Nachstehend mal ein paar Zitate aus Heine-Schriften. Entnommen der Reclam-Ausgabe aus dem Jahre 1970: Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland.

Zur Einschätzung von Heine sei vorab aber vielleicht noch auf zwei andere Autoren hingewiesen. In dem 1932 erschienenen Buch von Raphael Brever "Das Schlagwort vom zersetzenden jüdischen Geist" liest man bezüglich Heine die Einschätzung (S. 5):
"Er sagte sich äußerlich vom Judentum los und fühlte doch, daß er innerlich von diesem Judentum niemals loskommen kann."

Im Jahre 1977 veröffentlichten Eckehard Peters und Eberhard Kirsch ihre Studie "Religionskritik bei Heinrich Heine" im katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig.
Peters/Kirsch schrieben unter anderem:
S. 13:
Es sei darauf hingewiesen, daß sich Heine von jeder Kirchlichkeit distanziert. Dogmen protestantischer oder katholischer Konfession sind für ihn kein ernstzunehmender Erkenntnis- oder Auslegungsgegenstand.
S.38:
Sein völliges Unverständnis für das christliche Mysterium der Dreifaltigkeit kommt am deutlichsten im "Börne" (Ludwig Börne. Eine Denkschrift) zum Ausdruck. Das rational Faßbare kann nur satirisch behandelt werden: "Wir disputierten gestern über die Dreieinigkeit. Mit dem Vater ging es noch gut; das ist ja der Weltschöpfer, und jedes Ding muß seine Ursache haben. Es hapert schon bedeutend mit dem Glauben an den Sohn, den sich der kluge Mann gern verbitten möchte, aber jedoch am Ende mit fast ironischer Gutmütigkeit annahm. Jedoch die dritte Person der Dreieinigkeit, der heilige Geist, fand den unbedingten Widerspruch. Was der heilige Geist ist, konnte er durchaus nicht begreifen, und plötzlich auflachend rief er aus: Mit dem heiligen Geist hat es wohl am Ende dieselbe Bewandtnis wie mit dem dritten Pferde, wenn man Extrapost reist; man maß immer dafür bezahlen und bekommt es doch nie zu sehen, dieses dritte Pferd.

S. 42:
"Für Menschen, denen die Erde nichts mehr bietet, ward der Himmel erfunden. … Heil dieser Erfindung! Heil einer Religion, die dem lebenden Menschengeschlecht in den bitteren Kelch einige süße, einschläfernde Tropfen goß, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben". So faßte Heine im "Börne" seine Sicht der Religion zusammen. Das Elend des Menschen wird somit zur Grundlage der Religion.
S..45:
Mit der Kirche hat sich Heine bis zum Ende seines Lebens nicht ausgesöhnt.
"Aus Haß gegen die Parteigänger des Nationalismus könnte ich den Kommunisten fast meine Liebe zuwenden. Wenigstens sind sie keine Heuchler, die immer die Religion und das Christentum im Munde führen. Die Kommunisten haben allerdings keine Religion (kein Mensch ist vollkommen), die Kommunisten sind sogar Atheisten (was sicherlich eine große Sünde ist), aber als Hauptdogma bekennen sie sich zum unbedingtesten Weltbürgertum, zu einer weltumspannenden Liebe zu allen Völkern, zu einer alle Menschen umfassenden Bruderschaft von Gleichen, zu freien Bürgern dieses Erdballs. Dieses grundlegende Dogma ist das gleiche, das einst das Evangelium gepredigt hat, dergestalt, daß dem Geist und der Wahrheit nach die Kommunisten sehr viel christlicher sind als unsere sogenannten germanischen Patrioten, jene beschränkten Verfechter einer exklusiven Nationalität."

S. 74;:
Aus: "Deutschland. Ein Wintermärchen", Caput I
Ein neues Lied, ein besseres Lied, o Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein, und wollen nicht mehr darben. Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben. Es wächst hienieden Brot genug für alle Menschenkinder, auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust, und Zuckererbsen nicht minder.
Ja Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.
Und wachsen uns Flügel nach dem Tod, so wollen wir euch besuchen. Dort oben, und wir, wir essen mit euch, die seligsten Torten und Kuchen
Ein neues Lied, ein besseres Lied! Es klingt wie Flöten und Geigen! Die Misere ist vorbei, die Sterbeglocken schweigen.

Und nun noch ein paar Zitate aus "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland".
S. 58, 59
Die Geschichte von der Baseler Nachtigall kommt mir hier ins Gedächtnis, und da ihr sie wahrscheinlich nicht kennt, so will ich sie erzählen.
Im Mai 1433, zur Zeit des Konzils, ging eine Gesellschaft Geistlicher in einem Gehölze bei Basel spazieren, Prälaten und Doktoren, Mönche von allen Farben, und sie disputierten über theologische Streitigkeiten und distinguierten und argumentierten oder stritten über Annaten, Exspektativen und Reservationen oder untersuchten ob Thomas von Aquino ein größerer Philosoph sei als Bonaventura, was weiß ich! Aber plötzlich, mitten in ihren dogmatischen und abstrakten Diskussionen, hielten sie inne und blieben wie angewurzelt stehen vor einem blühenden Lindenbaum, worauf eine Nachtigall saß, die in den weichsten und zärtlichsten Melodien jauchzte und schluchzte. Es ward den gelehrten Herren dabei so wunderselig zumute, die warmen Frühlingstöne drangen ihnen in die scholastisch verklausulierten Herzen, ihre Gefühle erwachten aus dem dumpfen Winterschlaf, sie sahen sich an mit staunenden Entzücken; - als endlich einer von ihnen die scharfsinnige Bemerkung machte, daß solches nicht mit rechten Dingen zugehe, daß diese Nachtigall wohl ein Teufel sein könne, daß dieser Teufel sie mit seinen holdseligen Lauten von ihren christlichen Gesprächen abziehen und zu Wollust und sonstigen süßen Sünden verlocken wolle.
Diese Geschichte bedarf wohl keines Kommentars. Sie trägt ganz das grauenhafte Gepräge einer Zeit, die alles, was süß und lieblich war, als Teufel verschrie. Die Nachtigall wurde sogar verleumdet und man schlug ein Kreuz, wenn sie sang. Der wahre Christ spazierte mit ängstlich verschlossenen Sinnen, wie ein abstraktes Gespenst in der blühenden Natur umher.

S. 120, 121:
Seitdem nun, wie oben erzählt, die Religion Hilfe suchte bei der Philosophie, wurden von den deutschen Gelehrten, außer der neuen Einkleidung, noch unzählige Experimente mit ihr angestellt. Man wollte ihr eine neue Jugend bereiten, und man benahm sich dabei ungefähr wie Medea bei der Verjüngung des Königs Äson. Zuerst wurde ihr zur Ader gelassen, alles abergläubische Blut wurde ihr langsam abgezapft; um mich bildlos auszudrücken: es wurde der Versuch gemacht, allen historischen Inhalt aus dem Christentum herauszunehmen und nur den moralischen Teil zu bewahren. Hierdurch ward nun das Christentum zu einem reinem Deismus. Christus hörte auf, Mitregent Gottes zu sein, er wurde gleichsam mediatisiert, und nur noch als Privatperson fand er anerkennende Verehrung. Seinen moralischen Charakter lobte man über alle Maßen. Man konnte nicht genug rühmen, welch ein braver Mensch er gewesen sei. Was die Wunder betrifft, so erklärte man sie physikalisch, oder man suchte sowenig Aufhebens als möglich davon zu machen. Wunder, sagten einige, waren nötig in jenen Zeiten des Aberglaubens, und ein vernünftiger Mann, der irgendeine Wahrheit zu verkündigen hatte bediente sich ihrer gleichsam als Annonce. Diese Theologen, die alles Historische aus dem Christentum schieden, heißen Rationalisten, und gegen diese wendete sich sowohl die Wut der Pietisten als auch der Orthodoxen, die sich seitdem minder heftig befehdeten und nicht selten verbündeten. Was die Liebe nicht vermochte, das vermochte der gemeinschaftliche Haß, der Haß gegen die Rationalisten.

S. 168:
Die Fichtesche Ansicht von Gott hätte also auf rationellen, aber nicht auf polizeilichen Wege widerlegt werden müssen. Wegen Atheismus in der Philosophie angeklagt zu werden war auch in Deutschland so etwas Befremdliches, daß Fichte wirklich im Anfang gar nicht wußte, was man begehre. Ganz richtig sagte er, die Frage, ob eine Philosophie atheistisch sei oder nicht, klinge einem Philosophen ebenso wunderlich wie etwa einem Mathematiker die Frage, ob ein Dreieck grün oder rot sei.

S. 195:
Die Philosophie hat in Deutschland gegen das Christentum denselben Krieg geführt, den sie einst in der griechischen Welt gegen die ältere Mythologie geführt hat, und sie erfocht hier wieder den Sieg. In der Theorie ist die heutige Religion ebenso aufs Haupt geschlagen, sie ist in der Idee getötet und lebt nur noch ein mechanisches Leben, wie eine Fliege, der man den Kopf abgeschnitten und die es gar nicht zu merken scheint und noch immer wohlgemut umherfliegt. Wieviele Jahrhundete die große Fliege, der Katholizismus, noch im Bauche hat … Weiß ich nicht, aber es ist von ihm gar nicht mehr die Rede. Es handelt sich weit mehr um unseren armen Protestantismus, der, um seine Existenz zu fristen, alle möglichen Konzessionen gemacht und der dennoch sterben muß: es half ihm nichts, daß er seinen Gott von allem Anthromorphismus reinigte, daß er ihn durch Aderlässe alles sinnliche Blut auspumpte, daß er ihn gleichsam filtrierte zu einem reinen Geiste, der aus lauter Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend besteht, und ein deutscher Porphyrius, genannt Feuerbach … Mokiert sich nicht wenig über diese Attribute des "Gott-Reiner-Geist", dessen Liebe kein besonderes Lob verdiene, da er ja keine menschliche Galle habe; dem die Gerechtigkeit ebenfalls nicht viel koste, da er keinen Magen habe, der gefüttert werden muß … dem auch die Weisheit nicht hoch anzurechnen sei, da er durch keinen Schnupfen gehindert werde im Nachdenken; dem es überhaupt schwer fallen würde, nicht tugendhaft zu sein, da er ohne Leib ist

Die WTG-Religion ist eine, die im besonderem Maße den Fata-Morgana-Charakter der Religion kultiviert. Wenn nun ausgerechnet auch sie, sich auf Heinrich Heine beruft, dann dürfte sich wohl Heine "noch heute im Grabe umdrehen"; hätte er konkrete Kenntnis der WTG-Religion und seiner Vereinnahmung durch sie.


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