Re: Dieter Rohmann


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von D. am 27. Juli 2002 13:45:48:

Als Antwort auf: Re: B. als Büttel der WTG geschrieben von Drahbeck am 27. Juli 2002 13:41:10:

Bei Infolink wird er gelegentlich empfehlend genannt, der Dieter Rohmann. Er findet sich auch in B.s Schrift wieder. Das auf ihn bezügliche mal nachstehend. Kommentarlos. Das heißt nur Originalton B....

Detailauszug aus:
Gerhard B.; Renate-Maria Besier: Die Rufmord-Kampagne. Kirchen & Co. vor Gericht,
Bergisch-Gladbach 2002 S. 151-154

Der Odenwälder Wohnhof, zu dessen Trägerverein unter anderen auch Hemminger, Olaf Stoffel und Hugo Stamm gehören, soll "ein Zuhause auf Zeit für Menschen [sein], die durch ihre Zugehörigkeit zu einem Kult Schaden genommen haben", heißt es in der Konzeption vom Januar 1999. Das dort arbeitende Team besteht aus Inge Mamay, Diplomsozialpädagogin, und Dieter Rohmann, Diplompsychologe. Beide haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit religiösen Gruppen gemacht - die eine bei den "Kindern Gottes", der andere mit Scientology. Der Odenwälder Wohnhof krankt vor allem daran, dass - neben Geld - auch die Klienten fehlen. Das für acht "Aussteiger" konzipierte Haus war schon froh, mit drei arbeiten zu können. Wie es scheint, wurde am Bedarf vorbei geplant.

Am 25. Januar 1999 teilte Rohmann Renate H... mit, seine Diplomarbeit über "Mögliche Prädisposition einer Sekten- und Kultmitgliedschaft" sei "kürzlich fertig geworden". Über seine Arbeit teilte er u.a. Folgendes mit: "Mit Hilfe eines halbstandardisierten, anamnestischen Fragebogens wurden Fremdbeurteilungen durch die Familien und/oder Freunde der Kultmitglieder erhoben. Die zur Verfügung stehenden quantitativen und qualitativen Daten dieses Fragebogens bezogen sich auf insgesamt 110 Kultmitglieder im Alter von 12 bis 50 Jahren (die sich in 14 verschiedenen Kulten befanden) [ ]. Die wichtigsten Ergebnisse lauten: Der Großteil der Personen war vor dem Kultbeitritt alleinstehend, im Alter von 21-25 Jahren, stammt aus der Mittel- bzw. gehobenen Mittelschicht und ist in einer Kleinstadt bzw. in ländlicher Umgebung zusammen mit mehreren Geschwistern aufgewachsen. Das Ausbildungsniveau ist verhältnismäßig hoch. Die Eltern waren meist verheiratet. Die meisten der Personen litten vor ihrem Kultbeitritt gleichzeitig unter mehreren belastenden Erfahrungen. So erfuhr die Mehrzahl von ihnen einen dysfunktionalen Familienhintergrund und sah sich unmittelbar vor dem Eintritt schwierigen Situationen ausgesetzt. Nur bei einem geringen Anteil der Personen lag eine Psychopathologie vor. Annähernd die Hälfte der Kultmitglieder wurde als altruistisch, sensibel und einsam beschrieben Ein Viertel wurde als naiv, labil, introvertiert, idealistisch und/oder als nicht selbstbewusst bezeichnet. Für etwas mehr als die Hälfte der Kultmitglieder war, nach eigenen Angaben, der Wunsch nach einer verbindlichen Lehre/Ideologie ausschlaggebend für den Beitritt. Nur wenige nannten Selbstverwirklichung oder Unzufriedenheit als Beweggrund. Geschlechtsspezifische Unterschiede konnten nachgewiesen werden. Weiterhin ist es gelungen, das Profil von 3 Kultkategorien darzustellen. Christlich-fundamentalistische Gruppen, Gurubewegungen, Psychokulte. Esoterikbewegungen konnten hinsichtlich der verschiedenen Merkmalsausprägungen (Variablen) deutlich voneinander abgegrenzt werden."

Bald darauf erschien Rohmanns Diplomarbeit. In seiner Selbstvorstellung teilte er mit, dass er 1979/80 selbst für sieben Monate "Mitglied in einer totalitären Bewegung" war. In Report Psychologie stellte Rohmann vor, "wie eine effektive einzeltherapeutische Kurzbegleitung (5-20 Sitzungen) von Kultmitgliedern bzw. -aussteigern in der Praxis aussehen könnte". Ebenso wie diese Veröffentlichung verdankt sich auch Rohmanns Aufsatz in Psychologie Heute den Ergebnissen seiner Diplomarbeit. Er unterteilt "Sekten und Kulte" in drei Kategorien: "Christlich-fundamentalistische Kulte", "Gurubewegungen" und "Psychokulte und esoterische Bewegungen".

Zu seinen Prämissen gehört, dass in diesen Gruppen "vereinfachtes Schwarzweißdenken" vorherrscht, die Kult-Mitglieder auf einer isolierten "Insel" leben und es in jedem Fall geboten ist, "Kultmitgliedern und -aussteigern" psychologische Hilfe zu geben. Letzteres ist besonders merkwürdig, weil er den Kultmitgliedern attestiert, dass die "meisten von ihnen [nicht] psychisch gestört oder übermäßig naiv und labil" sind. Daraus zieht er die Schlussfolgerung, dass "fast jedem von uns passieren kann, in eine Kultmitgliedschaft hineinzuschlittern". Eben "hineinzuschlittern" und nicht "beizutreten" Aber warum soll ein psychisch gesunder Mensch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen - nur weil er einer "Sekte" beigetreten ist? Könnte es nicht sein, dass es ihm dort gefällt, weil seine spirituellen und zwischenmenschlichen Bedürfnisse befriedigt werden? Aufgrund seiner pejorativen Vorannahmen sieht Rohmann diese Alternative nicht. Er bevorzugt den aus dem Angloamerikanischen entliehenen Begriff "Kult' und versteht darunter "Gruppen mit einer autoritären Struktur" in der ersten Generation. Davon grenzt er solche "Kulte" ab, die bereits eigene Traditionen geschaffen haben und "von Spezialisten (Priestern usw.) ausgelegt und beschützt" werden. Durch diese Differenzierung entgeht er der Verlegenheit, auch die Römisch-Katholische Kirche als Kult bezeichnen zu müssen. Diese Suspendierung von der Kategorie "Kult" dürfte dann allerdings auch für traditionelle "Sekten" wie die Neuapostolische Kirche oder die Zeugen Jehovas gelten. Folgerichtig verzichtet Rohmann auf diese. Von den klassischen Trainer-, bzw. psychologischen Fortbildungsorganisationen ist nur Landmark Education aufgeführt.

Die von Rohmann genannten "Persönlichkeitsfaktoren" als Indikator für eine mögliche Prädisposition bestätigen, dass es sich um psychisch unauffällige Menschen handelt. Es wäre daher zu fragen, ob eine Kontrollgruppe aus Nicht-Kult-Mitgliedern womöglich ähnliche Ergebnisse erzielte. Dieser methodischen Kritik sucht Rohmann zu begegnen, indem er sagt, es ginge in seiner Arbeit "nicht um ein hypothesenprüfendes, sondern um ein hypothesengenerierendes Vorgehen ohne Kontrollgruppe". Für eine Follow-Up-Untersuchung schlägt Rohmann eine Stichprobe aus "Drogenabhängigen oder Menschen in extremistischen politischen Organisationen (Neonazis)" vor. Es leuchtet nicht ein, warum er nicht aus der Grundgesamtheit aktiver Mitglieder in den "Amtskirchen" eine Stichprobe ziehen möchte.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass Rohmann nicht die Kult-Mitglieder selbst, sondern deren Angehörigen und Freunde befragte. Die damit verbundene Problematik ist nicht durch den Hinweis zu lösen, es habe sich "in der Vergangenheit deutlich gezeigt, dass die betroffenen Familienmitglieder den Fragebogen in der Regel offen und ehrlich beantworten". Tatsächlich erscheint der Familie die Hinwendung eines Angehörigen zu einem "Kult' - wegen der familiären Binnendynamik wie der möglichen Außenwirkung - oft als Katastrophe. Entsprechend dramatisch werden die Fremdbeurteilungen über die psychische Disposition des "Opfers" sein, ja solche Situationen können sogar der Impuls zur Gründung einer "Selbsthilfe-Organisation" durch ein Familienmitglied werden. Umgekehrt, darauf weist Rohmann selbst hin,"' können die gegebenen Antworten den Sachverhalt im Sinne sozialer Erwünschtheit auch beschönigen. Unter Hinweis auf den Endbericht der Enquete-Kommission möchte Rohmann weiter Kult-Forschung betreiben."'

Am Literaturverzeichnis seiner Arbeit fällt auf, dass Rohmann sich sehr stark auf die kultkritischen Autoren, insonderheit auch auf das Schrifttum der kirchlichen Sektenbeauftragten stützt. Mit einer Ausnahme erscheinen Autoren mit einer eher unvoreingenommenen Haltung oder Kritiker der Anti-Kult-Bewegung nicht. So bleiben etwa die Forschungsbemühungen des Center for Studies on New Religions (CESNUR) unberücksichtigt. Auch bei der weiteren Popularisierung seiner Ergebnisse übergeht Rohmann die stillschweigende Voraussetzung seiner Arbeit: Der "Kult-Therapeut" ist in Wahrheit ein Mitglied der "Anti-Kult-Bewegung". Andernfalls müsste er für psychisch Geschädigte aus allen Bereichen des Religions- und Sinn-Spektrums therapeutisch offen sein - es sei denn, er verstünde "Kult" im französischen und angloamerikanischen Sinne. In diesem Fall wären alle Religionen, auch die beiden "Amtskirchen", eingeschlossen. Hier jedenfalls scheint therapeutische Hilfe besonders am Platze.

Einer Schätzung Ulrich Eibachs zufolge leiden über 10 % der aktiven Kirchenmitglieder unter seelischen Störungen - darunter auch Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter. Angloamerikanische Studien haben unter angehenden Geistlichen eine gewisse Neigung zu Depressionen festgestellt. Dagegen stellen Untersuchungen aus demselben Raum die Alltagsmeinung in Frage, Fundamentalisten und Mitglieder von "Sekten" seien mental gestört. Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich die Betreffenden vor ihrem Eintritt in die "strikte" Religionsgemeinschaft in einer sehr schlechten Verfassung befanden und dringend der Hilfe bedurften. Diese erhielten sie in den religiösen Gemeinschaften, wobei die autoritative Führung und der hohe Standard religiös-ethischer Anforderungen für diesen Personenkreis eine Art Geländer darstellt. Nach ihrer Bekehrung waren die neuen Mitglieder subjektiv wie objektiv in einem mental deutlich besseren Zustand, hatten eine bessere Selbsteinschätzung und erwarteten mehr vom Leben. Verschiedenen empirischen Studien zufolge ist mithin als gegenwärtiger Kenntnisstand festzuhalten: "Sect members are not suffering from above-average mental disturbance, and the effect of belonging is to improve their mental health.

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