Re: WT-Ausgabe vom 15.


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

 

Geschrieben von Drahbeck am 20. Januar 2008 17:37:46:

Als Antwort auf: WT-Ausgabe vom 15. geschrieben von Frager am 20. Januar 2008 16:25:09:

Einen "Präzedenzfall" dergestalt hatte ich schon mal in Sachen "Königreichsdienst" erlebt.
Keine (fast keine) wissenschaftliche Bibliothek hat in ihrem Bestand. Kurioserweise hat aber die Deutsche Bücherei Leipzig (jetzt mit der Deutschen Bibliothek Frankfurt/M organisatorisch vereinigt).
Selbige haben aber seit jeher (den nicht erreichten) Anspruch: "Gesamtarchiv deutschen Schrifttums" sein zu wollen. In diesem Kontext sind alle regulären Verleger verpflichtet, kostenlos alle ihre Neuerscheinungen, vorgenannten zur Verfügung zu stellen.
Kurioserweise hat vorgenannte (Leipzig) (aus den Jahren 1956/57) 3 (in Worten drei) Ausgaben selbigen. Jeder weis aber, der Jahrgang besteht aus zwölf Ausgaben.

Es gibt in Leipzig noch ein paar mehr solcher Kuriositäten. Namentlich die Zeitschrift „Trost" betreffend. Selbige erschien ja die gesamte Kriegszeit hinüber.
Und so wie die DB Leipzig eine „fast" vollständige Kollektion aller Rutherford-Bücher nach 1933 hat; hat sie lückenhaft, auch einige Jahrgänge des „Trost".
Nun hatte ich es auf mir genommen, besagte Jahrgänge dort mal einzusehen. Andere deutsche Bibliotheken haben ja vom „Trost" Null komma nichts. Dabei stellte sich eine noch merkwürdigere Erfahrung heraus.
Auch „Trost" erschien zwei mal monatlich. Und siehe da, in den fraglichen Jahrgängen der Kriegszeit, befinden sich aber in der DB Leipzig nur ein Heft pro Monat.

Wie dies mag man fragen. Nun, die großen Bibliotheken pflegen untereinander auch Schriftentausch. Da wird also die Deutsche Bücherei, der Schweizerischen Landesbibliothek Bern die Literatur des Nazideutschland zugesandt haben. Und im Gegenzug landeten eben unter anderem auch einige „Trost"-Ausgaben (mit vorgenannter Merkwürdigkeit) in Leipzig.
Das aber bedeutete nun noch lange nicht, dass irgend ein gewöhnlich Sterblicher, dort in der Nazizeit das „Trost" einsehen konnte, wenn er es denn wollte. Da waren schon Vorkehrungen getroffen (von den Kommunisten penibel übernommen).
„Sachgebiet für spezielle Forschungsliteratur" hieß da das Zauberwort. In die Umgangsprache übersetzt: Zwar vorhanden, aber für die Benutzung gesperrt. Und wer sich denn erdreistete, solch gesperrtes, aus vielleicht noch berechtigten Gründen, einsehen zu wollen. Der durfte erfahren (bei den Nazis wie bei den Kommunisten) wie es denn so ist: „Von Pontius zu Pilatus. Und von Pilatus zu Pontius" geschickt zu werden. Ohne höchstamtliche Bescheinigungen spielte sich da überhaupt nichts ab. Und wer gar die „Frechheit" hatte (wie ich zu Zeiten der Kommunisten), dennoch gesperrtes einsehen zu wollen. Auch dem blieb der Gang von „Pontius zu Pilatus" und umgekehrt nicht erspart.

Man nahm natürlich das Wort „Zensur" nicht in den Mund.
I git, wer so etwas denken oder gar noch aussprechen würde. Man redete nicht davon. Man machte es einfach!
So einfach war das zu Nazi- und Kommunisten-Zeiten.
Sollte da tatsächlich der Fall eintreten (in meinem Fall passiert), trotz aller „Pontius zu Pilatus"-Barrieren, dennoch nicht aufzugeben, setzte „Stufe zwei ein".

Eines meiner „Schlüsselerlebnisse", der Wunsch damals, das Buch des „Franz Zürcher", „Kreuzzug gegen das Christentum", auch mal selbst zu lesen. Und siehe da, die Kataloge der (Ost) Berliner Staatsbibliothek verzeichneten selbiges sogar. Tja nun kommt das berühmte „aber". „Aber" der „Abteilung für spezielle Forschungsliteratur" zugeordnet. Höchstwahrscheinlich sogar in ununterbrochener Kontinuität von den Nazis zu den Kommunisten.
Da ich nun die „Frechheit" hatte mich trotz allem „Pontius zu Pilatus-"Spiel nicht abschrecken zu lassen von der Sache. Und da die Bibliotheksbedientesten es nicht wagten von Zensur zu reden (die wurde ja nicht betrieben auf dem Papier), spitzte sich meine „Frechheit" dermaßen zu, doch tatsächlich eine Bestellung zur Einsichtnahme auf dieses Buch aufzugeben. Alles „Pontius zu Pilatus"-Spiel hatte das nicht verhindert.

Nun war der Direktor der Benutzungsabteilung der Stabi aber arg in der „Klemme". Er musste je alle solche „anrüchigen" Bestellungen höchst persönlich gegenzeichnen. Als „Mann von Bildung" wagte er es aber nicht, das Tabuwort Zensur in den Mund zu nehmen. Und weil er diese Courage nicht hatte von Zensur zu reden, musste er nolens volens besagte „anrüchige" Bestellung gegenzeichnen.
Natürlich braucht alles seine Zeit, auch im „Sozialismus". Und so war denn die Realisierung der Bestellung erst für den nächsten Tag angesagt.

Hatte man als gewöhnlicher Sterblicher, zu Ostzeiten zwar kaum die Chance ein Telefon sein eigen zu nennen. So galt solcherlei Problem natürlich nicht für die Stabi.
Und so wird denn seine nächste „Amtshandlung" nach der „erpressten" Unterschrift, wohl in einem Telefonat, dass wohl für solche Fälle vorgesehen, bestanden haben.
Als popeliger „Trabant"-Fahrer zu Ostzeiten, hätte ich es mir eigentlich nie träumen lassen, auf der Fahrt von der Wohnung zur Staatsbibliothek, mal eine zünftige „Eskorte" zu bekommen. Zwar alles „Privatwagen". Aber so „privat", dass selbst der Blindeste mit dem Krückstock mitbekommen konnte. Das ist die Staatssicherheit. Und die tat mir tatsächlich die „Ehre" an, mich auf der ganzen Fahrt „zünftig" zu eskortieren. Am Ziel angelangt, gab es dann noch einige „zünftige" Verhöhnungsgesten gratis.

Das war ein bleibendes Schlüsselerlebnis. Indes kann der „geneigte" Leser daraus auch entnehmen, dass da wohl ein „Schwelle" überschritten war. Und in der Folge bin ich dann wohl mit einer der intensivsten Nutzer (als Privatperson) der Fernleihabteilung der Stabi geworden. War wohl nicht so „eingeplant", hat sich aber so ergeben.
Und nun komme ich endlich wieder auf den „Königreichsdienst" zurück. Laut einschlägiger Gesetzgebung müsste die Hessische Landesbibliothek Wiesbaden, alles was die WTG druckt, als Belegexemplar erhalten. Und siehe da. Auch der „Königreichsdienst" befindet sich dort nicht. „Abgebrüht" wie ich ja nun schon war, wurde eine Anfrage via LB Wiesbaden an die WTG in Sachen „Königreichsdienst" gerichtet. Und in einer dürren Postkarten-Antwort darauf, teilte Herr Pohl höchstselbst mit (sinngemäss)
Das wäre halt Schrifttum im Range des internen Ältestenbuches, und eine Ausnahmeklausel gestattet halt die Nicht-Ablieferung solch interner Sachen.
Ob es sich in Sachen der internen WT-Ausgabe nun ähnlich verhält, wäre eine Frage die Juristen zu prüfen hätten, wenn sie sich denn dafür „interessieren" würden. Was wohl eher weniger der Fall ist. Wie überhaupt das gesamte WTG-Schrifttum kaum eine wissenschaftliche Bibliothek interessiert.

Dann noch eine außerthematische Anmerkung. Und da gibt es Leute, beispielsweise solche wie der Erfinder von „Kettenspielen für Doofe", die sich berechtigt fühlen, meine Person in einer Art und Weise zu brüskieren, die ich nicht anders als wie eine Kriegserklärung bewerte.
Sie können bekommen, was sie wollen!

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