Katholische Wehrdienstverweigerer


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 06. Mai 2002 12:36:45:

Sie waren "dünn gesät". Die katholischen Wehrdienstverweigerer im Hitlerregime. Man kann ihre Zahl an den Fingern der Hände abzählen. Einer von ihnen, Franz Jägerstätter, nahm insofern noch eine Sonderrolle ein, als er stark durch in seiner Verwandtschaft vorhandene Zeugen Jehovas beeinflusst wurde. Von seiner Amtskirche bekam er denn auch keinerlei Hilfe. Nur noch einen zusätzlichen "Fußtritt". Besagte Amtskirche tat sich denn auch äußerst schwer, ihr Urteil nach 1945 zu revidieren.

Ein anderer Name wird gelegentlich noch genannt, wenn es um katholische Wehrdienstverweigerer geht. Franz Reinisch. Was weiß man über ihn? Erst mal. Wer das Personenregister in Garbe's Lobesbuch "Zwischen Widerstand und Martyrium" aufschlägt, registriert: Fehlanzeige. Fehlanzeige bei jenem G., der da in einem Grußwort zu einem von Rammerstorfer herausgegebenen Buch schrieb:
"Denn das konsequente 'Nein' des Leopold Engleitner hätte nicht jene leiderfüllten Folgen gehabt, wenn es ein 'Nein' der vielen gegeben hätte."

Abgesehen davon, dass Engleitner meines Erachtens das nahezu "typische" Beispiel eines Zeugen Jehovas im Hitlerregime ist, der mit weltlicher Bildung nicht gerade "gesegnet" ist. Man also G. zurückfragen muss. Sollen gemäß weltlichen Maßstäben Ungebildete, wirklich eine Vorbildfunktion wahrnehmen? Und kann man dies Gebildeteren überhaupt zumuten? Und, die Geschichte verläuft nicht nach "was wäre wenn" - sondern nach "es kam aus diesem und jenem Grunde dazu". Bin ich mit einer Geschichtsentwicklung unzufrieden, dann habe ich lediglich die Chance zu versuchen, die Ursachen dieser Entwicklung, möglichst emotionsfrei zu analysieren. Habe ich das getan, kann ich den nächsten Schritt tun und versuchen praktikable Konsequenzen daraus zu ziehen. Eine nebulöse Bewunderung a la G. hilft da in der Regel nicht weiter.

Der 1903 geborene Franz Reinisch, unterschied sich von Jägerstätter und Engleitner schon mal dadurch, dass er durchaus über eine gewisse Bildung verfügte. Er brachte es zum Priester innerhalb der katholischen Kirche.
Am 8. 4. 1942 erhielt er von der Nazi-Wehrmacht einen für den 14. 4. terminierten Stellungsbefehl. Er leistete diesem mit einem Tag Verspätung Folge. Dieses verspätete Eintreffen hatte für ihn eine disziplinarische Befragung zur Folge. Anstatt der Verwendung einer möglichst plausibel klingenden Ausrede, brachte er seine Aversion gegen das Naziregime zum Ausdruck.

Zitat:
"Als der Hauptfeldwebel wegen der nicht rechtzeitigen Meldung an ihn die Frage richtete, ob er keinen Wert darauf lege, Soldat zu werden, antwortete er: 'Ich würde dann Wert darauf legen, wenn das gegenwärtige Regime nicht am Ruder wäre.'"
Das Gerichtsprotokoll vermerkt weiter:
"Bei seiner Vernehmung durch den Gerichtsoffizier am 16. 4. 1942 gab er an, daß er durch sein verspätetes Erscheinen bei der Truppe von vornherein habe zum Ausdruck bringen wollen, daß er weder Furcht noch Flucht kenne, daß er jedoch mit dem Gestellungsbefehl nicht einverstanden sei. ...

Auf die Folgen seines Verhaltens hingewiesen, hat er erklärt, daß er 1 ½ Jahre mit seinem Entschluß gerungen habe, daß er sich jetzt aber klar und bereit sei, für seine Überzeugung in den Tod zu gehen. An eine Änderung seiner Gesinnung denke er nicht. Dadurch, daß die Priesterseminare in Trier und Köln als staatsfeindliche Institute durch die Geheime Staatspolizei aufgehoben seien, sei jeder Priester grundsätzlich zum Staatsfeind geworden. Von einem e r k l ä r t e n Staatsfeind könne aber nicht verlangt werden, daß er für das gegenwärtige Regime Wehrdienst leiste. Für j e d e s a n d e r e R e g i m e würde er zur Verteidigung des Vaterlandes den Fahneneid leisten."

Damit war für die Nazijustiz der Fall eindeutig und sie reagierte auch entsprechend.
Anlässlich seiner Verurteilung zum Tode, bekam er auch noch die Formalie zugesprochen, ein letztes Wort in dieser Gerichtsverhandlung sprechen zu dürfen. In dieser seiner Erklärung vom 25. 4. 1942 führte er aus:

"Denn es wird die Kriegszeit vornehmlich dazu benutzt, um in der Heimat den Glauben an den Gott-Menschen Jesus Christus - wie es ungezählte Beispiele beweisen - dem Volke und besonders der Jugend aus dem Herzen zu reißen, wodurch die Soldaten an der Front - durch ihren Urlaub, wie durch Briefe ihrer Angehörigen belehrt - in ihrer Wehrkraft gewaltig erschüttert werden. Aus Rußland kamen Fronturlauber wie Verwundete, durchweg Familienväter, und erklärten mir: "Was hat unser Kämpfen für einen Sinn? Wir kämpfen g e g e n den Bolschewismus des Auslandes, f ü r den Bolschewismus in der Heimat", z. B. Entfernung der Kruzifixe aus den Schulen, Aufhebung der Klöster und Schließung der Kirchen. Der Verurteilte ist kein Revolutionär, d. h. Staats- und Volksfeind, der mit der Faust und der Gewalt kämpft; er ist ein katholischer Priester, der die Waffen des Geistes und des Glaubens gebraucht. Und er weiß, wofür er kämpft!

Es läge daher nahe, daß man jene Kräfte zuerst unschädlich machen und zum Tode verurteilen müßte, die diese Zersetzung der Wehrkraft vollziehen. Da aber gerade die gegenwärtige Regierung diesen Kräften nicht im geringsten das Handwerk legt, sondern sie sogar begünstigt, so glaubt der Verurteilte, durch die Verweigerung des Treueides auf die gegenwärtige Regierung 'dem deutschen Volke die Treue in seinem Daseinskampfe zu halten' als umgekehrt."

Summa Summarum: Der katholische Wehrdienstverweigerer Reinisch hat in seiner Entscheidung sehr wohl eine politisch akzentuierte Tendenz gesehen. Er hätte womöglich diesen Schritt nicht getan, hätte das Naziregime seine Kirche konzilianter behandelt. Hier ergibt sich in der Tat eine Interessenparalellität mit den Zeugen Jehovas, die ihrerseits sich auch vom Naziregime unredlich behandelt fühlten. Letztere pflegten als ihre Motivation jedoch in der Regel Argumente anzuführen, die die betonte Endzeit-Naherwartung zum Ausdruck brachten. Dergestalt politisch argumentierend wie Reinisch, tat nur ein Bruchteil der fraglichen Zeugen Jehovas. Und dass dann noch nicht einmal mit Bewusstheit.

Zur Frage der Vorbildfunktion zurückkehrend. Ohne Zweifel verdient der Schritt die letzte Konsequenz in Kauf zu nehmen Achtung.
Dennoch fällt es schwer - in beiden Fällen - die jeweilige Motivationslage als wirkliche Vorbildsfunktion anzuerkennen.

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