Re: "Erwachet!" 22. 10. 1947 (Vor sechzig Jahren)


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 23. Oktober 2007 06:16:31:

Als Antwort auf: Re: "Wachtturm" 15. 10. 1947 (Vor sechzig Jahren) geschrieben von Drahbeck am 16. Oktober 2007 07:35:39:

Im 1948er Jahrbuch der Zeugen Jehovas wurde auch darauf eingegangen, dass im kommunistisch beherrschten Jugoslawien, schon 1947 die ersten Todesurteile gegen dortige Zeugen Jehovas ausgesprochen wurden. Auch die "Erwachet!"-Ausgabe vom 22. 10. 1947 geht darauf ein. Wieder in der sattsam bekannten Art von der "verfolgten Unschuld vom Lande, die nicht wisse warum und weshalb".

Prompt setzte man denn auch alle erreichbaren Hebel in Bewegung, einschließlich dessen, die jugoslawischen Regierung mit Protestbriefen zu bombardieren. Erreicht werden konnte immerhin, dass die Todesstrafen in langjährige Gefängnisstrafen umgewandelt wurden. Gleichwohl, "zufrieden" war man mit diesem Resultat sicherlich nicht. Und so verabsäumt man es denn auch nicht hinzuzufügen, dass Jugoslawien selbst Nazikolloborateure milder bestraft hat, als die Zeugen Jehovas.

Vor Selbstmitleid triefend zitiert "Erwachet!":
"Der Botschafter in Washington erwiderte, dass die verurteilten Christen nicht wegen ihrer Überzeugung oder wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, sondern weil ihre Berichte an das Brooklyner Hauptbüro bewiesen, dass sie durch ihre Diensttätigkeit in Jugoslawien Spionage betrieben."

An anderer Stelle liest man im gleichen Bericht:
"Sie (die Angeklagten) wurden beschuldigt, falsche Berichte über die Verhältnisse in Jugoslawien ins Ausland gesandt, gegen die Interessen des Staates tätig gewesen zu sein und auf das Kommen des 'Königreiches Jehovas' geharrt zu haben".

Kommentierend merkt "Erwachet!" noch mit an:
"Die Regierung wünscht, dass der Staat als heilig, als unantastbar gelte, und dass über seine Mängel kein Wort verlaute. "
Dies scheint mir ein Kernsatz zu sein, der verdeutlicht, weshalb es auch in Jugoslawien zum Konflikt kam. Die Zeugen Jehovas-Führung sitzt in den USA. Sie allein bestimmt, was ihre Satrapen in anderen Ländern tun und lassen dürfen. Aus der Interessenlage der USA bestand und besteht durchaus ein Interesse daran, unzensierte Nachrichten (so im seinerzeitigen "Erwachet!"-Impressum lesbar) aus allen anderen Ländern der Welt einzusammeln.

Heutzutage machen dass die USA mittels ihrer Comupterschnüffeltechnologie. Nach 1945 gab es die noch nicht in dem Umfang. Da war manuelles Nachrichtensammeln vor Ort, noch angesagt. Gerade "Erwachet!" erwies sich als solch ein Nachrichtensammelobjekt. Nur ein Bruchteil dessen wurde davon in den Spalten von "Erwachet!" auch abgedruckt. Der Umfang der eingesandten Meldungen und Berichte, die in den USA als Endredaktion, gesichtet und ausgewertet wurden, war weitaus größer. Auch im DDR-Verbotsprozess kam es mit zur Sprache, dass die führenden WTG-Funktionäre zur Einsendung solcher unzensierten Berichte angehalten wurden. Politisch instabile Regime lieben es nicht sonderlich, wenn da hinter ihrem Rücken eine solch rege Nachrichtentätigkeit entfaltet wird. Je instabiler sie sind, um so nervöser reagieren sie, wird ihnen dieser Fakt im Detail bekannt. So war es auch im Falle Jugoslawien.

"Spionage" ist ein dehnbarer Begriff. "Spionage" setzt sich keineswegs "nur" aus toten Briefkästen und ähnlichem zusammen, wie das "Lieschen Müller" vielleicht wähnen mag.
Ein hoher Arbeitsanteil der staatlichen Spionagedienste besteht nach wie vor, in der systematischen Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen. In der heutigen Computerspionage der USA, werden abgefangene eMails und Telefonate, beispielsweise Computermäßig nach bestimmten "Keywörtern" systematisch durchforstet, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch bei der klassischen Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen, bringt erst der Gesamtüberblick, die operativ interessanten Einzelheiten.

Der einzelne WTG-Funktionär, der da unzensierte Meldungen weiter gab, mag sich in seinem Selbstverständnis nicht als Spion gesehen haben. Unbestritten. Entscheidend ist bei einem Spinnennetz nicht das Netz, sondern die Spinne die in ihrem Mittelpunkt sitzt und alles relevante an sich zieht.

Im klassischen Sinne haben die Zeugen Jehovas in den Ostblockstaaten, wohl keine a k t i v e Spionage betrieben. Passive hingegen sehr wohl. Auch die nervöse zeitgenössische Jugoslawische Regierung sah das so, und reagierte entsprechend. Das Gejammer, man habe damit doch nur eine "Form von Gottesdienst" betrieben, verkennt bewusst, unter Zündung nicht weniger Nebelkerzen, die tatsächliche Sachlage.


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