Lächeln immer nur lächeln


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 18. April 2002 12:21:14:

Als Antwort auf: Re: Friede, Freude, Eierkuchen geschrieben von Herbert am 17. April 2002 16:02:58:

Lächeln, immer nur lächeln. Mit jener Titelzeile versah die Illustrierte "Stern" einmal ein Foto, das bei Anhängern der Munsekte (Vereinigungskirche - der auch Frau Y... ihre besondere Referenz erwies) aufgenommen wurde. Die Frage stellt sich: Könnte jenes "Schönwetterbild" nicht ebenso bei den Zeugen Jehovas aufgenommen worden sein?

Da machten in den 1970-er Jahren einige sogenannte "Jugendsekten" Schlagzeilen. Der Titel "Jugend"Sekten von dem Pfarrer Haak eingeführt, ist mit Sicherheit nicht "optimal". Eher sollte man doch wohl von für hiesige Verhältnisse neuen Religionen reden. Auch die Bibelforscher/Zeugen Jehovas waren hierzulande einmal eine "neue" Religion. Inzwischen sind sie es wohl so nicht mehr.

Der "Stern" widmete jenen seinerzeit "neuen" Religionen auch mal ein eigenes Buch. Titel: "Die himmlischen Verführer". In ihm wurden die Munies, Scientologen und noch ein paar andere, heute schon nicht mehr so bekannte Gruppen abgehandelt.
Über eine dieser schon weit weniger bekannten Gruppen, schrieb in diesem Stern-Buch unter der Überschrift "Krischnas närrische Mönche", einer der dortigen Autoren:

"In den Vereinigten Staaten gibt es etwa 3000 Hare-Krischna-Mönche, in der Bundesrepublik nur 65. Aber die Empörung des christlichen Volkes ist in den USA über 3000 gottgeweihte Kahlköpfe lange nicht so groß wie bei uns über 65.
Kein Wort zur Verteidigung der Mißstände bei Hare-Krischna. Sie sind gerichtsnotorisch, sie springen in die Augen. Aber die Mißstände in unseren beiden Steuerkirchen sind mindestens ebenso groß. Welch große und schöne Aufgabe für die deutsche Presse, gegen die Kirchen mit der gleichen maßlosen Tapferkeit vorzugehen wie gegen die Sekten."

In Abwandlungen hat sich jener eben zitierte Vorwurf bis heute erhalten. Mynarek, B., zwei Namen stellvertretend auch für andere spielen mehr oder weniger "gekonnt", auch auf diesem Klavier. Weil es in der Tat in diesem Lande ein gewisses Missverhältnis bei der Bewertung einiger religiöser Gruppen gibt, meinen sie schlussfolgern zu können "Schluss mit der Kritik an den Sekten". Kann man dann noch nachweisen, dass genannte Herren ausgehend von dieser These auch ihre ganz persönlichen "Geschäftchen" mit den Sekten zu machen pflegen, wird das ganze nicht gerade "appetitlicher". Es wäre in der Tat ein Schritt nach vorn, würde die gesamte "Szene" einheitlicher bewertet.

Aber in Zeiten wo ein Bundeskanzler, der einstmals bei seiner Vereidigung es ablehnte die Zusatzformel: "So wahr mir Gott helfe" auszusprechen. In Zeiten, wo selbst besagter Herr einen neuerlichen Kniefall vor den Großkirchen macht, mag eine solche Erwartung in der Tat unrealistisch sein.

Die Zeugen Jehovas kommen in dem vorgenannten "Stern"-Buch nicht mit vor. Ist es deshalb für diese Thematik völlig bedeutungslos? Ich würde es eigentlich nicht so sehen wollen. Der einleitende Aufsatz in diesem Buch trägt die Überschrift: "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück". Daraus vielleicht nachstehend mal ein Zitat. Es sei jetzt nicht weiter kommentiert, außer mit der Anmerkung, dass es meines Erachtens durchaus bedenkenswert ist. Man liest darin unter anderem:

Womit sich erneut die allein entscheidende Frage stellt - die Frage nach den Motiven, die einen jungen Menschen in unserer Zeit dazu bringen, sich einer Sekte in die Arme zu werfen. Was spielt sich da ab? Und welche Wechselwirkung kommt in Gang zwischen den Führern und ihren Anhängern? Denn die himmlischen Botschaften der Propheten werden ja nicht deshalb geglaubt, weil sie objektiv und für jedermann nachprüfbar wären. Sie werden geglaubt, gerade weil sie es nicht sind, gerade weil sie von Wundern künden, die den menschlichen Verstand übersteigen und der wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechen. Glaubenswahrheiten (und das gilt für die anerkannten Religionen ebenso wie für die Sekten) sind wahr nur für den, der an sie glaubt - und sie werden für ihn erst dadurch wahr, daß er an sie glaubt. alle Kirchenväter kannten dieses innerste Geheimnis der Religion. Martin Luther nannte es "die Rechtfertigung (des Glaubens) durch den Glauben allein". Und schon tausend Jahre früher erklärte der Bischof Tertullian stolz: "Credo quia absurdum est" - was soviel heißt wie: "Ich glaube, obwohl und weil es wider die Vernunft ist."

Aber warum glauben Menschen an Wunder und Absurdes? Warum bilden manche Zeitgenossen sich ein, daß sie der wiedergekehrte Messias seien oder die Reinkarnation eines Buddha-Jüngers? Weil der Glaube Berge versetzt. Weil er die erdrückende Last der rauhen grauen Wirklichkeit für den Gläubigen erleichtert, verklärt und von ihm nimmt. Weil er Angst in Ruhe sowie Verwirrung in strahlende Gewißheit zu verwandeln vermag. Weil er dem Leben einen tieferen Sinn gibt. Kurz, weil er "den Gläubigen mit wohltuenden Illusionen erfüllt« - wie es der skeptische Sigmund Freud formulierte. Der Glaube allein kann aus einem unbeachteten und einsamen Durchschnittsmenschen einen Auserwählten des Herrn machen, einen "Zeugen Jehovas", zum Beispiel, der mit seinem »Wachtturm« an der Straßenecke steht und auf die vorüberhastende Menge blickt in der unerschütterlichen Sicherheit, zu den wenigen zu gehören, die den nahenden Weltuntergang unbeschadet überleben werden.

Freuds Psychoanalyse hat verstehen helfen, warum selbst durchaus aufgeklärte Zeitgenossen ihren Verstand ausschalten können, wenn es darum geht, an einer "wohltuenden Illusion" festzuhalten, Der Kalifornische Analytiker Janov, der sich lange mit dem Sektenproblem beschäftigt hat, faßt zusammen:

»Die verschiedenen Kulte und Sekten stimmen in einem Punkt überein: Sie bieten die Erfüllung eines ungestillten kindlichen Verlangens nach Liebe und Schutz (vor der Wirklichkeit). Dieses Verlangen, das von den ersten Tagen seines Lebens an nie befriedigt worden ist, bringt den Novizen dazu, sich auf die Sekte einzulassen. Er ist in der Macht eines unbewußten inneren Drangs, der viel stärker und viel älter ist als sein Verstand und sein Urteilsvermögen, und der ihn so naiv und verletzbar werden läßt wie ein Kleinkind, das sich der Mutter zuwendet und ihre Wärme sucht."

Diese innere Not, diese ungestillte Kindheitssehnsucht hindert die Sekten-Mitglieder daran, erwachsen und selbständig zu werden. Sie treibt sie im Gegenteil zurück in die Abhängigkeit, in die Selbstaufgabe, in eine neue, noch intensivere Eltern-Kind-Beziehung. Das heißt nicht, daß die Gefolgsleute der Propheten samt und sonders ungeliebte Kinder waren, die die Wärme der Mutter und die Zuneigung des Vaters entbehren mußten und nun versuchen, diesen Mangel in der Ersatzfamilie Sekte zu kompensieren. Auch ein zu sehr geliebtes und zu wenig zur Selbstständigkeit erzogenes Kind kommt von der Kindheit nicht los und sehnt sich zurück in das verlorene Paradies, wenn es sich den Forderungen des Erwachsenenlebens gegenübersieht. Flucht vor der Selbstverantwortung ist nach Janovs Ansicht in jedem Fall mitbestimmend für den Weg in die Sekte.

"Auch wenn die Ziele der verschiedenen Sekten variieren", schreibt Janov, "so ist die Botschaft des Führers doch im Kern überall dieselbe: 'Gib dich in meine Hände, und ich werde mich um dich sorgen. Ich werde dich beschützen, leiten, dir zuhören und dich lieben.' Solche Versprechungen üben die größte Macht ans, die man sich auf Erden denken kann.«

Doch diese Führer sind keineswegs jene überlegenen, souveränen, warmherzigen Vatergestalten, als die sie sich geben. Sie sind in Wahrheit noch stärker gestört in ihrem Seelenleben und Ichgefühl als ihre Anhänger. Ihr messianischer Größenwahn entspringt dem Selbstzweifel und der Selbstverachtung auch dann, wenn sie subjektiv ehrlich von ihrer Mission überzeugt sind und sich nicht von vornherein als Betrüger gerieren, die Not und Sehnsucht ihrer Mitmenschen kalt ausbeuten wie ein Heiratsschwindler, der einsame Frauen hereinlegt. Selber schwach, müssen sie noch Schwächere an sich binden, um sich stark und mächtig zu fühlen. Sie brauchen die Bewunderung und Unterwerfung der anderen wie ein Süchtiger die Droge.

Arthur Janov: »Die nackte Verzweiflung, die sich hinter den grandiosen Ansprüchen der Führer verbirgt, wird offenkundig, wenn ihre Macht bedroht ist. Die Raserei Hitlers in seinen letzten Jahren und das zunehmend bizarre Verhalten des Selbstmord-Propheten Jim Jones sind typisch für dieses Phänomen.« Jones und sein »Volkstempel« als Hitler und sein Drittes Reich im Kleinstformat? Und Hitler und das deutsche Volk als »Volkstempel« im Millionenmaßstab?

Ohne Frage haben sich die Deutschen unter Hitler, dem pseudoreligiösen »Retter des Volkes«, wie eine einzige gigantische, entfesselte und verblendete Sekte aufgeführt. Gerade diese Tatsache und ihre Folgen aber müssen wir im Bewußtsein behalten, wenn wir die psychischen und die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge verstehen wollen, die das Problem »Jugendsekten« speziell in Deutschland kennzeichnen. Um es ganz grob und simpel zu sagen: Auf die gläubige Besoffenheit und Hysterie der Hitlerzeit folgte die grimmige Ernüchterung der Überlebenden. Deren Kinder wuchsen deshalb in einem so trockenen und kleinmütigen geistigen Klima auf, daß sie nun ihrerseits einen Durst entwickelten auf große Worte, starke Emotionen, Veränderung, Umsturz sogar.

Als sich Anfang der sechziger Jahre in der studentischen Jugend Amerikas ähnliche Gelüste regten, schrieb der Underground-Poet William Burroughs: »Die Jugend will das Gefühl haben, daß sie gebraucht wird, daß es auf sie ankommt, daß sie eine große und erfüllende Rolle zu spielen hat. Hitler hat den jungen Deutschen dieses Gefühl gegeben, und sie sind ihm auf Teufel-komm-raus gefolgt. Mao Tse-tung gibt der Jugend dieses Gefühl, und deshalb schwärmt sie für Mao. Wir jedenfalls geben ihr dieses Gefühl nicht.«

Getroffen. Aber wir Älteren in Deutschland, die ehemaligen Hitlerjungen und Hitlersoldaten, konnten und wollten unseren Kindern dieses Gefühl nicht geben, weil wir erlebt haben, in welches Grauen große und blinde Gefühle führen. Wir waren allergisch gegen jeden Glauben, jede Ideologie, jede kollektive Begeisterung - außer vielleicht bei nationalen Fußballsiegen. Unsere Skepsis war allumfassend, und unsere Gewißheit beschränkte sich auf das Greifbare, Meßbare, Zählbare - die materielle Produktion.

Deshalb sind wir unseren Kindern gegenüber der Frage nach dem Sinn des Lebens und der Geschichte aus dem Wege gegangen. Wir hofften nur (und haben damit ja auch bis heute recht behalten), daß eine stabile, wohlhabende, freie und kritische Gesellschaft eine Wiederkehr der nackten Existenznot, der millionenfachen Verzweiflung und der Irrlehren verhindern wurde, die einen Hitler an die Macht brachten. Im übrigen sollte ein jeder selber sehen, wie er sein eigenes privates Glück findet.

Das war etwas. Aber es war nicht genug. Das friedliche und angenehme Leben in der wirtschaftswunderlichen Bundesrepublik war für die Nachgeborenen keine so unerhörte Errungenschaft mehr wie für ihre Eltern - sie kannten ja von klein auf nichts anderes. Die geschäftige Ruhe und die Begeisterungslosigkeit dieses Gemeinwesens, die den Älteren so wohltuend erschien, wirkte öd, platt und erdrückend spießig auf die Jungen. Denn nie zuvor waren zwei aufeinanderfolgende Generationen von so kraß konträren Erfahrungen geprägt worden. Nie zuvor hatten es zwei Generationen so schwer, einander zu begreifen - die Haltung der einen, die Träume der anderen. Um diese Kluft kommt niemand herum, der die »Entfremdung« zwischen Kindern und ihren Familien erforschen will.

Dennoch sollte es den Älteren nicht so schwer fallen, in den jungen Ausbrechern und Suchern etwas von dem gleichen Idealismus wiederzuerkennen, der sich für viele von ihnen eine Zeitlang in der Nazi-Bewegung zu erfüllen schien. »Diese Jungen suchen die Zugehörigkeit zu einer Sache, die über den Alltag hinausgreift«, sagt Richard Delgado, Sektenforscher an der Universität von Kalifornien. »Sie wollen ihrem Leben eine eigene Bedeutung geben. Das ist nicht nur neurotische Weltflucht und modische Mystik. Es ist das positivste, legitimste Motiv, das eine neue Generation haben kann. Haben wir nicht immer gewußt, daß der Mensch nicht vom Brot allein leben kann? Heute wissen wir, daß er auch von Kaviar und Cadillacs allein nicht lebt.«

»Nichts ist schlimmer, als junge Menschen ohne den Glauben an einen höheren Zweck ihrer Existenz ins Leben zu schicken«, schreibt William Burroughs. »Keine Entbehrung wirkt so vernichtend wie der fehlende Sinn.« Noch aber stehen wir der Sinnsuche und dem Glaubenshunger der Jungen so ratlos gegenüber, noch sind wir diesem Hunger so wenig gewachsen, daß er immer wieder von Scharlatanen und Verführern mißbraucht werden kann.

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