Re: Gefühle im Rollstuhl


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von kohle am 23. September 2007 22:33:21:

Als Antwort auf: Re: Gefühle im Rollstuhl geschrieben von + am 23. September 2007 11:28:36:


Hallo Plus,


>>> „Gehorsam“ bedeutet für mich spiritueller Gehorsam. Vielleicht vergleichbar mit der selbstverständlichen Bereitschaft der meisten Mütter, für ihr Kind Opfer zu bringen. Auch die Sehnsucht nach Seligkeit ist ein Kind in uns, was gepflegt werden will..... ein zartes Pflänzchen.“ <<<

>Spätestens jetzt bin ich ein Fan von Dir.
>Mein Freund, Du bist irgendwie mit Deinem sauberen teuren Maßanzug,
deinem weißen Hemd mit Initialen und goldenen Manschettenknöpfen
>und dem handgefertigten Halbschuhen,
>hierher zu uns mitten in den knöcheltiefen Schlamm eines traurigen Schützengrabens geraten.
>Kohlchen, wir sind alle hier Bürgerwehrsoldaten einer Sekte.
>Frauen, Kinder, Rentner die von einer Sekte als Kanonenfutter missbraucht werden und Tag für Tag unter dem Artilleriebeschuss der eigenen Sekte stehen.
>Während Mütter ihre Kinder verlieren, Frauen ihre Männer und jeder von uns schon Freunde verloren hat…
(Als erklärendes Beispiel was ich damit meine nachfolgender Link)
http://forum.gofeminin.de/forum/adoption/__f29_adoption-Zeugen-Jehovas.html#5501

Der Vater hat sein Leid (und das seiner Frau) in dieser Lage genau beobachtet und ausgedrückt. Er leistet Trauerarbeit. Angst und Wut sind nach meiner Auffassung nicht in Resignation und Verzweiflung steckengeblieben. Die Betroffenheit sind zu spüren. Das lese ich aus diesem Link. Wie das Schicksal an seinem Sohn vorbeizieht ist nicht bekannt.

Es gibt ja viele erschütternde Berichte dieser Art. Antara und Saphyra (beide sind Forenbetreiber) berichten über ähnliche familiäre Konfrontationen. Da wurden Kinder zum Schweigen geprügelt und zur Mitgliedschaft gezwungen. Zusätzliches menschliches Fehlverhalten kommt in solchen Extremfällen ja noch dazu.
Diesen beiden Menschen gelang es, die Ketten zu zerreissen. Soviel ich weiß, machen beide jetzt Reiki. Beide bestätigten mir, dass sie ohne diese schmerzlichen Erfahrungen nicht nicht zu ihrem jetzigen Bewusstsein gereift wären.

Aus deinem verlinkten Brief und diesen Schicksalen steigt die Chance auf, zur eigenen Größe zu wachsen – oder das Risiko zu zerbrechen. Das Leben selbst ist es, das uns immer wieder vor Konsequenz „Aufstieg oder Fall“ stellt. Sei es Arbeitslosigkeit, Trennung, Krankheit oder Tod eines geliebten Menschen. Vor diesen Entscheidungen steht jeder einsam und fühlt sich verlassen. Bis wir zu diesen Entscheidungen durchs Leben gereift sind, kreisen unsere Gedanken in Depressionen und halten uns gefangen. (eigentlich müsste ich in der ich – Form schreiben, denn es meine eigenen intimen Erfahrungen)


>…versuchen wir mitten unter den Opfern unseren Verstand zu behalten.
>Diese Frontlinien bestehen für die meisten von uns Jahrelang.
>Was mich betrifft voraussichtlich noch den Rest meines Lebens.
>Und verlieren können nur die kleinen Frontschweine die Tag für Tag knöcheltief in den schlammigen Schützengräben stecken.
>Die Religionsorganisation profitiert nur davon.
>Sie inszeniert die Paradeaufmärsche, liefert die Waffen und schickt jeden Tag hunderte neuer Soldaten an die Front, während sie selber nur das Problem kennt, wie sie der Krieg am lodern halten kann.
>Unserer Sekte geht es nicht darum das ihr Krieg gewonnen wird.
>Die Konfliktherde müssen immer an brennen gehalten werden um ihre bestehenden Gesellschaftsordnungen aufrecht zu halten.
>Und während also um uns herum Tag für Tag die Bomben der Wachtturmsekte einschlagen, bist Du hier mitten in die Frontlinie geraten und wunderst Dich konsterniert darüber, was für ein Trümmerfeld Du hier vorfindest.
Dein Zuhause ist sauber gefegt, niemand der Dir sagt das essen böse ist, niemand der Dir deinen Garten als Zeitvergeudung verteufelt, niemand der Dir einredet dass Dein Bild an der Wand Okkultismus ist, niemand der in Deinem Eheglück mit geschnürten Felddienststiefeln herumtrampelt, niemand der deine Kinder mit Soldatenphrasen voll stopft und sie auffordert Dich als Gedankenverbrecher zu Denunzieren.
Wir alle hier suchen nach einem Ausweg aus diesen Sektenkriegsgräul.


>Nehmen wir mich als Beispiel.
>Ich stelle also fest, dass ich den Sektenkriegsdienst nun quittieren will.
Von der Muttermilch an wurde ich mit der Felddienstpropaganda der Wachtturm Gesellschaft voll gestopft.
>Es dauerte also Jahre bis ich diese Infiltrationen überhaupt erst in meinem Kopf erkennen konnte, geschweige denn verwerfen.
>Irgendwann mal bin ich dann doch soweit, das ich den Dienst an der Waffe verweigere.
>Bin aber noch lange nicht soweit, aus dem Schützengraben zu springen und offen zu Desertieren.
>Warum nicht?
>Weil die Sektenmitglieder ihre Waffen nicht gegen „Feinde“ richten sondern auf die eigene Brüder und Schwestern.
>Das funktioniert bei denen Perfekt, die selber nicht in der Lage sind „Nachzuforschen“.
>Es ist keine paar Tage her, da sprach jemand an, das die wenigsten in der Lage sind die Aussagen dieser kriegstreibenden Sekte, belegbar zu Hinterfragen.
>Ich behaupte aber das die meisten nicht in der Lage wären die Aussagen der Sekte zu analysieren selbst wenn sie sämtliche Schriften der Wachtturm Gesellschaft zur Verfügung hätten!
>Die Folge ist das sie in der Schusslinie gefangen bleiben und wieder und wieder in die Schützengräben der Sekte zurückgetrieben werden.
>Bis ins hohe Alter oder bis sie psychisch zerbrochen mit ihrem Leben abgeschlossen haben.
>Solange, bis sie psychischen oder physischen Suizid begehen.
Du bist als Blumenkind irgendwie zu uns auf die Ladefläche unseres heruntergekommenen Truppentransporters geraten und wunderst Dich warum Du in lauter leblose Augen siehst.
>Du siehst wie wir uns müde auf unsere Waffen stützen während wir zum nächsten Kongresstermin gekarrt werden und wieder von den Menschen die wir eigentlich Lieben sollten gefragt werden ob wir denn mitgehen.
>Die uns das schönste Geschenk machen und uns bei der Übergabe des Geschenkes fragen „komm doch mit auf den Kongress“.
>Oder wenn Besuch kommt aus dem Bethel, von Brüdern die eigentlich unsere langjährigen Freunde sein müssten, es dann lieb heißt „komm doch mit in die Versammlung“.
>Oder Deine eigenen Kinder die Du über alles liebst Dir sagen dass sie traurig sind, weil sie nun allein im Kongress stehen und andere Kinder beobachten die ihre Väter dabei haben.
>Deswegen sitzen wir hier apathisch auf der verdreckten Ladefläche des grauen alten Truppentransporters und stieren müde und ausdruckslos vor uns hin.
>In einem Krieg der nie enden wird aus dem es keine davonkommen gibt.
>Und dann kommst Du als Blumenkind und erzählst uns von deinem friedlichen Zuhause, den grünen Wiesen und den duftenden Wäldern.
>Verstehst Du jetzt warum Du oft hier so „eigenartige“ Antworten bekommst?

>>> „Daher beißt mich Kritik auch nicht so sehr.“ <<<
>Wir kritisieren Dich nicht.
>Wir kennen nur die gleichlautenden Sektenphrasen und das dahinter stehende Disziplinierungsräderwerk.
>Vielleicht bekommst Du auch Prügel weil Du uns zeigst, dass die Welt nicht wachtturmgrau ist.
>Das hat aber nichts mit Dir zu tun.

>>> „An einem 30. Mai in den fünfziger Jahren zogen viele Zeugen auf einen Berg, um dem Weltuntergang zu besteigen.“ <<<

>Nein das taten sie nicht.
>Das waren andere Sekten.

>>> „Das Herz ist eine Mördergrube“ oder so ähnlich als Bibelzitat.“ <<<
>„Das Herz ist verräterischer als sonst irgend etwas und ist heillos. Wer kann es kennen?“
(Jeremia 17:9)
>„Wer auf sein eigenes Herz vertraut, ist unvernünftig, wer aber in Weisheit wandelt, der wird entrinnen.“
(Sprüche 28:26)
>>> „Frage:
>Auf dem letzten Bild steht unten: „Königreichdienst November 2007“. Ist das die neueste Prophezeiung? (lach)“

liebe( r ) Plus,

„normale“ Menschen sind für mich weitaus seltsamer als ihr. Die Schwere eurer Verletzung und Lähmung war mir nicht bewusst. Nach Lesen deines Textes verstehe ich nun auch Bauer ein wenig besser. Wenn ich in diesem Forum nicht ertragen werde, bitte schreibt es. Dann ist wenigstens mein Gehen ein sinnvolles Werk.

Noch ein paar Gedanken zu deinem Text.
Ich selber erfuhr, dass Angst die Triebfeder meines Lebens ist. Das änderte sich erst, wenn sich diese Energie in Liebe umwandelt. Abgeschlossen ist diese Entwicklung bei mir noch lange nicht. Aus Phasen der Todesangst kenne ich die entsetzliche und unerträgliche Furcht vor dem Nichts, vor der Aufllösung. Ich empfinde aus deinem Beitrag, dass es diese grauenvolle und unbewusste Angst ist, die vielen von euch den Austritt aus dem Gefängnis verwehrt. Es ist eine Angst, alles auch sich selbst zu verlieren. Das kann nur erfahren und nicht mitgeteilt werden. Es ist der sogenannte Sprung in den Abgrund, der alle Vorstellungen verschluckt.

Erst als ich fiel, wuchsen mir im Fallwind Flügel. Ich wünsche euch aus innersten Herzen, dass euch solche eigenen Fllügel in die Unabhängigkeit tragen.

Alles gute

das Blumenkohlchen



ZurIndexseite