Theologische Israel-Verklärung


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 12. April 2002 14:45:31:

Theologische Israel-Verklärung
Die kriegerischen Spannungen derzeit in Nahost machen es deutlich. Es gibt auch solche, die das alles (wieder einmal) in ein biblisches Korsett hineinpressen möchten. Und die Geschichte der Bibelforscher/Zeugen Jehovas scheint begünstigend für solche Anfälligkeit zu sein.

Wie war das in Deutschland eigentlich, als hierzulande die Bibelforscher Fuß zu fassen anfingen. Das heißt die Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg? Oder noch mehr zum Kern kommend, aus welchen Kreisen setzten sich jene zusammen, die sich damals von der Bibelforscherbotschaft angesprochen fühlten. Pauschal gesagt. Die damalige Klientel waren die, die entweder mit "Freikirchen" oder "Landeskirchlichen Gemeinschaften" oder anderen im kirchlichen Jargon "Sekten" sympathisierten.

Die deutschen Anfänge waren keineswegs so zentralistisch wie man das von den heutigen Zeugen Jehovas kennt. Das kam erst später. Erst war ein noch durchaus pluralistisch zu nennendes Spektrum. Wer der "Wachtturm" der Bibelforscher las, war nicht selten zugleich auch Abonnent des "Prophetischen Wortes" von Ströter. Oder gar noch Sympathisant des "Johannes Walther" (alias Walter Küppers), der noch "genauer" als Russell meinte für 1912 Endzeitereignisse voraussagen zu können (vor Tisch). Nach Tisch dann auch bei ihm das große lavieren, Wegerklären und Umdeuten.

Nehmen wir mal die Zeitschrift "Das Prophetische Wort" von Ernst F. Stroeter. Seit 1907 erscheinend. Schon in deren ersten Jahrgang findet sich die Klage (S. 202):
"Das Verständnis für Israel und seine Bedeutung im göttlichen Reichsplan schwand (in den Großkirchen). Man wurde Antisemit und trieb christlich-nationale Reichspolitik und Weltverbesserung."

Dies war in Ströters Sicht ein Fehler, den er nicht wiederholen wollte.
Gleichfalls im ersten Jahrgang genannter Zeitschrift, begegnet er einem auch schon, der bereits genannte "Johannes Walther". In seinem Aufsatz berichtet er euphorisch, nachdem er die sogenannte "höhere Bibelkritik", die er am Falle des Theologen Wellhausen festmacht, kritisiert hat:

"Das Jahr 1906 hat gläubigen Bibelforschern … hochbedeutsame Ereignisse gebracht. Im März eröffnete ein Erlaß des Sultans offiziell dem wandernden Israel die Pforten Palästinas. Seitdem ist der Zionismus aus dem Stadium der Warte in das der systematischen Besiedlung übergegangen. Die Revolution in Rußland sorgte für fortgesetzten Zuzug, und Gott gibt sichtbar seinen Segen dazu; denn wunderbarer Weise stellen sich in Palästina, über dem der Himmel seit Jahrhunderten wie Erz war, seit einigen Jahren ungewöhnlich häufig Regengüsse ein." (S. 262).

Und seinen sich über mehrere Fortsetzungen hinziehenden Aufsatz schließt er mit dem Ausruf:
"Ja; Gottes Wort über Israel ist wunderbar, und alle Welt wird sich verwundert ansehen, wenn über kurz oder lang die Gebrüder Ismael und Israel als die gesegnetsten und angesehensten Völker der Erde sich die Hände reichen werden, wenn Gott den Mittelpunkt der Erde wieder dorthin verlegt, wo er vor alters war, und wo er geographisch hingehört." (S. 315).

Im dritten Jahrgang (1909) verbreitet sich "Walther" erneut mit einer Art Grundsatzartikel. Jedenfalls wird dieser in der redaktionellen Einleitung durch Ströter, entsprechend hochgelobt. Zitat: "Kein Schriftgläubiger wird ohne reichen Gewinn diesen Ausführungen folgen."

Als Ausgangspunkt nutzt "Walther" das Kapitel 19 des Bibelbuches Jesaja, um dann auszuführen:
"Der dritte Abschnitt dieses Teiles (V. 19-22) ist der umfangreichste unter den fünfen. Sein Inhalt ist sehr beachtenswert. 'An jenem Tage' heißt es da, 'soll ein Altar Jehovas mitten im Lande Aegypten stehen und ein Denkmal aus Stein für Jehova am Rande der Einfassung.'
Also zur Zeit der Wiederkunft Christi soll in Aegypten ein Steindenkmal und Zeuge für den neuen König der Erde dastehen. Er soll nicht erst gebaut werden, sondern schon dastehen, während Aegypten noch nicht dem Herrn gehört.

Tatsächlich steht nun solch ein Steinzeuge für den Herrn schon seit Jahrtausenden an dem so eigenartig bezeichneten Platze, ohne daß die Menschheit es gewußt hat. Unsrer Zeit war es vorbehalten, ihn erst zu erkennen als das, wozu ihn Gott von Anfang an bestimmt hat.
alle andern Pyramiden Aegyptens, soweit sie später als diese gebaut sind, sollen nur Nachahmungsversuche dieser größten und wunderbarsten aller Pyramiden sein, - sie ist nur sieben Meter niedriger als der Kölner Dom - und während von allen andern feststeht, daß sie Grabstätten für irgend einen König waren, scheint diese Pyramide nie zu einem solchen Zweck bestimmt zu sein" (S. 77, 78).

Bei den weiteren Verlauf seiner Ausführungen zum Thema Pyramide hat man allerdings den dringlichen Verdacht, dass die eigentlich gar nicht auf dem "Mist" von "Walther" gewachsen sein können. Denn indem er weiter ins Detail geht, auch auf die neuere Pyramidenforschung zu sprechen kommt, wobei er auch den Namen Piazzi Smith nennt. Bei diesen Detailerläuterungen erhärtet sich der Verdacht, "Walther" hat mehr oder weniger nur gekonnt "ab- bzw. umgeschrieben". Seine diesbezügliche Quelle nennt er zwar nicht. Indes wer Russells Schriftstudien", namentlich dessen dritten Band kennt, der ist auch in der Lage den Nachweis zu führen, dass "originell" "Walther" eigentlich nicht ist.

Dennoch ist es zu einfach ihn nur einfach als Plagiator hinzustellen. Er setzt durchaus auch eigenständige Akzente. Dieser Akzent kommt besonders im abschließenden Resümee seiner Ausführungen zum Ausdruck. Nachdem er vorangehend mit Zirzensischer Leichtigkeit mit allerlei Zahlen herumjongliert hat belehrt er seine Leser nun dahingehend:

"Wenn wir nun da das Maß der Pyramide anlegen, so kommen wir auf die erste Hälfte des Jahres 1912. Um diese Zeit also müßte die Entrückung stattfinden; und dafür sprechen auch andere sehr triftige Gründe, auf die wir bei der Besprechung der Worte Ezechiels über Aegpten noch werden hinweisen müssen; denn 1912 ist der erste Endpunkt der 'Zeit der Heiden', und gerade 3 ½ Jahr später, gegen Ende des Jahres 1915, liegt der Hauptendepunkt der 'Zeit der Heiden', der aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Wiederkunft Christi und der Aufrichtung seines Reiches zusammenfallen wird." (S. 83)

Bei dieser Aussage wurde offenbar auch dem Zeitschriftenherausgeber Ströter etwas mulmig. Zwar bot er dem Pfarrer der altkatholischen Kirche Walter Küppers (alias Johannes Walther), in seiner Zeitschrift wiederholt und umfänglich eine entsprechende Tribüne. Bei der letzteren Aussage sah er sich aber doch genötigt redaktionell hinzuzufügen:
"Zu dieser, wie zu allen ähnlichen Berechnungen der Zeit für die Entrückung der Gemeine setzen wir ein ernstes Fragezeichen."

Gleichwohl verbreitete sich "Walther" auch nach dieser redaktionellen Distanzierung, weiterhin massiv in dieser Zeitschrift. Der gemeinsame Boden, auf dem sich sowohl "Walther" als auch Ströter immer wieder trafen, war die theologische Verklärung Israels. So etwa im Jahrgang 1910, der auch wieder von ellenlangen Artikeln des "Walther" nur so strotzt.

Ein weiterer gemeinsamer Punkt, wo beide sich immer wider trafen bestand in der Aussage (von "Walther" jetzt zitiert) (1910, S. 88):
"Wenn man uns fragen würde, wen wir zur Zeit für den gefährlichsten unter den äußeren Feindes des Werkes Christi halten, so würden wir antworten: - Die moderne Theologie."

Nicht uninteressant festzustellen, dass auch "Walther" analog zu Russell, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt mit in sein System einbaut. So liest man etwa im Jahrgang 1910 des "Prophetischen Wortes" S. 120, 124):
"Es scheint vielmehr daraus hervorzugehen, daß wir die Entdeckungen und Erfindungen und all die vielen großen Fortschritte, die uns die letzten vier Jahrhunderte gebracht haben, schon als Vorbereitungen für das kommende Reich betrachten dürfen. Dampferlinien und Eisenbahnen, Telefon und Luftschifffahrzeuge sind offenbar Dinge, die für die kommende Herrschaft Christi und alles, was dann werden soll, im Ratschluß Gottes für nötig erfunden worden sind; denn eine irdische Herrschaft braucht auch irdische Herrschaftsmittel, und jedes Verkehrsmittel ist ein Herrschaftsmittel. Wie soll man irdische Wüsten in irdische Paradiesgärten verwandeln ohne Wissenschaft und Technik? Und unsere verwüstete Erde soll doch trotz Sünde und Satan durch Christi Herrschaft in ein neues Paradies verwandelt werden.

… Alle Politiker und alle großen Kaufleute merken es, daß bald Europa nicht mehr der Mittelpunkt des Weltgeschehens sein wird, daß eine Zeit beginnt, in der der Stille Ozean nicht weniger belebt sein wird als der Atlantische Ozean und daß der Mittelpunkt sich anders wohin verlegen wird. Wir, die wir Daniel verstehen, wir wissen, wo der Mittelpunkt sich hin verlegen wird. Das Volk des Herrn wird sich in Palästina sammeln, und von Jerusalem aus wird der Messias, unser Herr, die Könige und Völker dieser Erde regieren. Wir aber, die wir jetzt schon ihn als unsern Herrn und König anerkennen, wir werden dann bei ihm sein und in verklärten Leibern, in Leibern, mit denen wir, wie er nach seiner Auferstehung, erscheinen und verschwinden können, mit ihm in seinem Namen herrschen und regieren auf dieser Erde, um endlich das verheißene Reich des Friedens und der Gerechtigkeit zu gründen."

Es wäre zuviel gesagt, wollte man behaupten, die Ströter'sche Zeitschrift und die Bibelforscher würden in allen Punkten auf einer Linie liegen. In einigen wesentlichen Punkten wohl. In anderen wohl nicht. Ein solcher Streit (aus meiner Sicht ein "Streit um des Kaisers Bart") bestand wohl darin, dass die Bibelforscher den Kreis um Ströter als "Allversöhnler" hinstellten. Ich vermag diese Etikettierung zwar nicht ganz nachzuvollziehen. Immerhin zeitgenössisch tauchte dieser Vorwurf auf.

Eine Erklärung dafür findet man vielleicht auch in jener im Jahrgang 1911 (S. 31) abgedruckten Fragebeantwortung:
"Ist es angezeigt, bei dem gegenwärtigen betrübenden Zustande der Gemeine Gottes die Endlichkeit der Höllenstrafen zu betonen?
Antwort: Wir glauben entschieden Ja! …" Und dann folgen wieder ellenlange Ausführungen. In diesem Punkt vertraten die Bibelforscher in der Tat eine andere Position.

1912 war nun das von "Walther" anvisierte Jahr. Nolens volens musste zu jenem Zeitpunkt das "Prophetische Wort" erneut "Farbe" bekennen. Ströter tat es wieder einmal über das Instrumentarium einer "Fragenbeantwortung". In der Januarausgabe 1912 (S. 64) liest man:
"Was ist Ihre Stellung zu der Bestimmtheit, mit welcher Johannes Walther in seiner neuesten Schrift 'Auf Gottes Wunderwegen' sich berufen glaubt zu verkündigen, daß die Entrückung der Gläubigen geschehen wird vom 20. auf den 21. März 1912?

Antwort:
Wir beklagen dieselbe tief als eine sehr bedenkliche Entgleisung des uns so teuren Bruders und Mitarbeiter. Wir lehnen seine 'Weissagung' entschieden ab. Aber wir lassen nicht ab, zu bitten, daß dem teuren Bruder eine sehr gefährliche innere Katastrophe erspart bleiben möge, wenn nun der 21. März 1912 vorübergehen sollte, ohne die Erfüllung seiner Vorhersagung. Alle, die ihn lieben und schätzen gelernt wegen seiner köstlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Schriftdeutung, werden uns darin gewiß gern unterstützen. Der Bruder steht vor einem furchtbaren Zusammenbruch, wenn er sich täuschen sollte."

Formal war "Walther" beim "Prophetischen Wort" nun "weg vom Fenster". War er es wirklich? Als Person vielleicht. Indes was sein "Geistesgut" anbelangte durchaus nicht. Zwar vermied Ströter sattsam bekannte Spitzen. Indes das Grundgerüst als solches feierte bei ihm weiter "fröhlichen Urstand". So auch im Jahrgang 1913, wo man in dieser Zeitschrift (S. 48) lesen konnte:

"Sieben Zeiten haben die Dauer von 2520 Jahren, und sie beginnen mit dem allmählichen Zerfall des Königreichs Juda, der 19 Jahre (606 bis 587 v. Chr.) in Anspruch nahm, sodaß das Ende dieser sieben Zeiten, 2520 Jahre später zu erwarten ist, also vom Jahre 1915 bis 1934.
Wir dürfen somit annehmen, daß die bedeutsamen Jahre des Untergangs des Reiches Juda, nach Ablauf der sieben Zeiten, auch wichtige Ereignisse für das Fallen der Herrschaft der Heiden einerseits, und der Wiederherstellung des Volkes Israel als selbständige Nation in Palästina andererseits bringen werden. Aber erst nach dem völligen Ablauf dieser sieben Zeiten, oder 2520 Jahre, von der vollständigen Zerstörung Jerusalems und des Tempels des Herrn an berechnet, können wir auch das Ende der Herrschaft der Heiden und die Befreiung des Volkes Gottes vom fremden Joch und seine Wiederherstellung im heiligen Lande erwarten.

Diese letzten hochwichtigen Ereignisse werden sich durch göttliches Eingreifen, nämlich durch das herrliche Kommen des Menschensohnes vom Himmel mit seinen Heiligen, vollziehen. Dieses sichtbare, sieghafte Kommen des Herrn darf aber nicht mit seinem Kommen in den Lüften zur Abholung seiner Gemeine und zur ersten Auferstehung verwechselt werden. Für diese, die vorher stattfinden wird, haben wir gar keine chronologische Angaben in der Bibel."

Auch den Bibelforschern war es nicht entgangen, dass von Ströter und "Walther"; abgesehen von einigen doch wohl eher marginalen theologischen Unterschieden, da in hohem Maße ihr Geistesgut kopiert, respektive verfremdet wurde. "Was tun sprach Zeus?" Nun, die zeitgenössischen Bibelforscher zogen es offenbar vor, "gute Miene zum bösen Spiel" zu machen. Beleg dafür ist auch ihre Ausführung in ihrem eigenen Wachtturm (1911 S. 107):

"Man schreibt uns: 'Lieber Herr Koetitz! Es dürfte Ihnen wohl nicht unbekannt sein, daß Pastor Ströter Ihre Schriftstudien … in einigen wichtigen Punkten für irrtümlich erklärt … ist es mir unendlich Leid, daß zumal Pastor Ströter in vielen Punkten mit Ihnen eins ist, diese beiden Auslegungen nicht miteinander gehen können."

In der Antwort wird dann auf die theologischen Differenzen eingegangen. Am bedeutungsvollsten ist vielleicht der Satz im "Wachtturm":
"Dies kann man nicht anders verstehen, als daß sich Bruder Ströter und seine Mitarbeiter …zum Universalismus bekennen, das heißt, an keine Vernichtung der Unverbesserlichen glauben, sondern annehmen, daß es schließlich keine solche geben wird, und daß alle Menschen 'endlich' errettet werden.
Wir wollen nicht sagen, wie groß oder gefährlich der Irrtum der Unversalisten ist."

In der gleichen Wachtturm-Abhandlung findet sich dann noch der Satz:
"Es ist allgemein bekannt, dass unser lieber Bruder Ströter die Schriftstudien Tages-Anbruch längst kennt und mit vielem darin einig geht. Wir zweifeln nicht, dass er (sowie auch Pfarrer Küppers, 'Johannes Walther') vieles daraus gelernt und angenommen und verwertet hat. Wir gönnen ihnen dieses gern und sehen durchaus nicht scheel, wenn die lieben Brüder auch verfehlt haben ausdrücklich zu sagen, was sie von Bruder Russell gelernt haben. ('Ehre dem Ehre gebührt')".

Zum Schluss dieses Rückblickes kommend. Offenbar gilt wohl nach wie vor jenes Bibelwort:
Dass es nichts Neues unter der Sonne gäbe (Prediger 1:9). Nicht zuletzt auch auf dem Felde der theologischen Israel-Verklärung.
Die Küppers (alias "Walther"), Ströter und einige andere mehr, fanden seinerzeit in ihrer einleitend beschriebenen Klientel, ein staunendes und glaubenswilliges Publikum. Rückblickend können sie und ihre neuzeitlichen Nachfolger, einem eigentlich nur leid tun!


ZurIndexseite