Re: 15. 8. 1957 (Vor fünfzig Jahren)


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 15. August 2007 06:17:45:

Als Antwort auf: Re: 8. 8. 1957 (Vor fünfzig Jahren) geschrieben von Drahbeck am 08. August 2007 00:49:25:

So so, da zitiert also der „Wachtturm" in seiner Ausgabe vom 15. 8. 1957 den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain (1835 - 1910). Nun denn, wenn ich Mark Twain zitieren würde, würde ich wahrscheinlich einem anderen Zitat von ihm den Vorzug geben. Zum Beispiel seiner Aussage über die Gründerin einer anderen Religion (Mary Baker Eddy und ihre „Christliche Wissenschaft") über die er ausführte:

"Wenn das Schicksal beschlossen hätte, sie zu einem Küchenmädchen in einer bankrotten Fremdenpension zu machen, so würde sie innerhalb 6 Monaten Eigentümerin der Pension gewesen sein, die unter ihr zur Geldgrube geworden wäre. 2 Jahre später alle Pensionen der Stadt, 5 Jahre später alle Pensionen im Staat, 20 Jahre später alle Hotels in Amerika besessen und die ganze Organisation so leicht regiert haben, wie ein Agent eine Hundeausstellung."

Durchaus interessant erscheint mir auch jenes Mark Twain-Zitat aus dem „Goldenen Zeitalter" vom 15. 5. 1936:

Die laute, kleine Handvoll wird wie immer für den Krieg Geschrei machen. Die Kanzel wird zuerst vorsichtig und umsichtig Einwände erheben. Die große, breite und dumme Masse des Volkes wird sich ihre schläfrigen Augen auswischen und sich zu erklären suchen, weshalb Krieg geführt werden soll und ernstlich und unwillig feststellen; Er ist ungerecht und entehrend und braucht nicht zu sein".

Danach wird die Handvoll lauter schreien. Ein paar aufrechte Männer werden dann auf der andern Seite in Wort und Schrift gegen den Krieg argumentieren und streiten. Zunächst wird man sie anhören und ihnen Beifall klatschen, aber das dauert nicht lange. Jene andern werden sie überschreien. Der Anti-Kriegs-Reden werden weniger und verlieren ihre Volkstümlichkeit.

Sehr bald kann man dann folgende eigenartige Tatsache feststellen: Die Redner werden von der Tribüne vertrieben und die freie Rede wird von der Horde aufgebrachter Menschen, die in ihrem Innern noch immer wie zuvor mit den verjagten Rednern einig sind, es aber nicht zu äußern wagen, erstickt. Nun nimmt das ganze Volk, die Kanzel und alle andern, das Kriegsgeschrei auf und schreit sich heiser und pöbelt jeden ehrlichen Menschen an, der es wagt, seinen Mund aufzutun. Sofort werden sie aufhören, etwas zu sagen. Danach werden die Staatsmänner billige Lügen erfinden und die Schuld auf die Nation abwälzen, die angegriffen wird. Jedermann freut sich über diese, dem Gewissen schmeichelnden Falschheiten und wird sie fleißig studieren, aber sich weigern, ihre Widerlegung zu prüfen. Dadurch wird man sich selbst überzeugen, daß der Krieg gerechtfertigt ist und Gott für den besseren Schlaf danken, dessen, man sich nach diesem lächerlichen Prozeß von Selbsttäuschung erfreut."

Meines Erachtens hat Twain da einen Aspekt auch gut herausgearbeitet. Den Aspekt Selbsttäuschung.

Das fatale ist dann wohl, dass selbige nicht nur bei zitierten Politikern fröhlichsten Urstand feiert, sondern eben auch im Bereich der Religion. Etlichen wird dabei nicht zuletzt der Name Zeugen Jehovas einfallen.

Nun denn, würde ein Mark Twain noch heute leben. Ob selbiger durch seine Vereinnahmung, ausgerechnet durch die Zeugen Jehovas, „glücklich" wäre, darf wohl mit Fug und Recht bezweifelt werden. Gehört doch zu den Twain-Zitaten auch beispielsweise dieses:

„Enttäuscht vom Affen, schuf Gott den Menschen. Danach verzichtete er auf weitere Experimente."

Oder auch das:
„Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches."

Oder auch das:
„In zwei, drei Jahrhunderten wird anerkannt werden, daß die fähigsten Kopfjäger alle Christen sind."

Nun gegen unerwünschte Vereinnahmungen ist wohl niemand gefeit. Das ausgerechnet der „Wachtturm" meint auch Mark Twain für sich reklamieren zu können, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, nebst jener Ironie, die Twain selbst schon lieferte. Das WT-Twain-Zitat ist unkommentiert. Seine Auswahl erfolgte offenbar unter dem Gesichtspunkt „mit dem Finger auf andere zu zeigen".

Gerade das aber ist die Frage. Wohin zeigt der „Finger"? Es gibt Einschätzungen die da meinen. Heutzutage würde ein Twain mit der WTG genauso „Fraktur reden", wie er es seinerzeit mir der „Christlichen Wissenschaft" der Mary Baker Eddy tat. Wie auch immer. Lassen wir die Frage einstweilen unbeantwortet, und teilen lediglich noch mit, was da der „Wachtturm" in seiner Ausgabe vom 15. 8. 1957 von Mark Twain zitierte:

„Die Erleuchtung im alten Rom
Mark Twain, der bekannte amerikanische Schriftsteller, schrieb in Band I, Kapitel 26 Werkes 'The Innocents Abroad' [Die Unschuldigen im Auslande]: „Vor etwa siebzehn- oder achtzehnhundert Jahren war die unwissende Bevölkerung Roms willens, Christen in die Arena des Kolosseums zu führen und zu einer Schaustellung die wilden Tiere auf sie loszulassen. Das diente ihr auch gleichzeitig als eine Lektion.

Sie sollte dem Volke beibringen, daß es die neue Lehre, die die Nachfolger Christi lehrten, verabscheuen und fürchten sollte. Die Bestien zerisssen Glied um Glied ihrer Opfer und machten sie im Nu zu einem Gewirr verstümmelter Leiber.

Als jedoch die Christen zur Macht kamen, als die heilige Mutterkirche Herrin der Barbaren wurde, lehrte sie sie keineswegs den Irrtum ihrer Wege. Nein, sie ließ sie durch die liebliche Inquisition gehen und wies auf den hochgelobten Erlöser hin, der allen gegenüber so freundlich und barmherzig sei, und spornte die Barbaren an, ihn zu lieben; und sie tat alles, was sie nur konnte, um die Barbaren zu überreden, Jesus zu lieben und zu ehren — zuerst, indem sie Christen die Daumenschraube ansetzte, dann, indem sie ihr Fleisch mit glühenden Zangen zwickte weil dieses bei kaltem Wetter das Angenehmste sei, ferner, indem sie sie bei lebendigem Leibe teilweise enthäutete, und schließlich, indem sie sie öffentlich röstete.

Sie konnte damit die Barbaren stets überzeugen. Wenn richtig verabreicht, ist die wahre Religion, wie die gute Mutterkirche sie zu verabreichen pflegte, überaus besänftigend. Sie ist zudem wunderbar überzeugend.

Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Unterfangen, Scharen von Menschen wilden Tieren vorzuwerfen, und dem, durch eine Inquisition ihre feineren Gefühle aufzustacheln. Die eine Methode wandten entartete Barbaren an, die andere erleuchtete, zivilisierte Menschen.

Wie schade, daß es eine solch ergötzliche Inquisition nicht mehr gibt!"

Erwähnt sei auch noch, dass es im von Karlheinz Deschner herausgegebenem Buch „Das Christentum im Urteil seiner Gegner", auch ein Twain bezügliches Kapitel gibt, das noch mit vorgestellt sei.

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