Re: "Erwachet!" 22. 4. 1947 (Vor sechzig Jahren)


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

 

Geschrieben von Drahbeck am 23. April 2007 07:05:53:

Als Antwort auf: Re: "Wachtturm" 15. 4. 1947 (Vor sechzig Jahren) geschrieben von Drahbeck am 16. April 2007 06:38:16:

Die handgreiflichen Auseinandersetzungen in Quebec über die "Erwachet!" vom 8. und 22. 4. 1947 berichtete, waren es der WTG wert, als Präzedenzfall zusätzlich in ihrem Geschichtsbuch "Jehovas Zeugen in Gottes Vorhaben" dokumentiert zu werden. Auf die "feine englische Art" gingen beide Seiten sicherlich nicht miteinander um. Eher war das Gegenteil der Fall. Nachdem ganz Kanada von der WTG schlagartig mit einer Protestschrift bombardiert wurde, trat die nächste Stufe der Eskalation ein. Waren die Zeugen Jehovas vorher nur mit Pöbelangriffen belästigt wurden, ging es jetzt gar soweit, dass sie in die Gefängnisse wanderten. Wie sich das in der Praxis abspielte, darüber berichtet "Erwachet!" vom 22. 4. 1947:

"Zuweilen geht die katholische Jugend den Zeugen von Tür zu Tür voraus, warnt die Menschen und beeinflußt sie; oder folgen nach und sammeln die Schriften wieder ein und vernichten sie. … In Gebieten mit weniger gebildeter Bevölkerung, wo die Menschen nur Werkzeuge der Priester sind, werden nach dem Besuch von drei oder vier Wohnungen von dem zuerst besuchten Haushaltsvorstand Drohungen hinausgeschrieen und die Nachbarschaft erregt. Bald danach sind viele an ihren Türen oder auf den Straßen und stoßen Schmähreden und Verwünschungen aus, während andere der Polizei telephonieren. Oft ist es für die Zeugen notwendig, nach dem Besuch von einem halben Dutzend Wohnungen in ein anderes Gebiet zu gehen und dort für wenige Minuten zu arbeiten und dann in das erste Gebiet zurückzukehren."

Mit ihren aufsehenerregenden Aktionen hatten die Zeugen Jehovas zudem erreicht, dass höchste politische Stellen in Kanada begannen, diese Vorgänge unter die Lupe zu nehmen.
Man kennt das auch aus Deutschland. Eine Partei die sich da beispielsweise "Christlich Demokratische Union" nennt. In ihr sehen auch katholische Kreise einen politischen Interessenvertreter. Es sollte wirklich verwundern, wäre es in Kanada "anders". Die dortigen Politiker, die sich des Falles Zeugen Jehovas annahmen, waren mit Sicherheit nicht "neutral". Auf wessen Seite ihr "kirchliches Herz" schlug, war ziemlich offensichtlich. Einer dieser Politiker, der sich des Themas Zeugen Jehovas annahm, war der Premier der Provinz Quebec, Duplessis.
"Erwachet!" schreibt:

"An einer Pressekonferenz am 21. November erklärte Duplessis:
'Meine Aufmerksamkeit ist auf eine gewisse Zirkularschrift gelenkt worden, die durch Personen verbreitet wurde, die sich selbst Jehovas Zeugen nennen. Ich habe bemerkt, dass darin gewisse Abschnitte zweifellos unerträglich und aufrührerisch sind. Diese Menschen beklagen sich unter anderem offenbar über Kruzifixe, die in der Volksvertretung und der Ersten Kammer hängen."

Nun sah sich (ausnahmsweise) selbst mal "Erwachet!" in die Defensive gedrängt. So wie Duplessis das Thema Kruzifixe angesprochen, wollte man es in der Tat nicht verstanden wissen. Das hatte man nur angeführt, um den dominierenden Einfluss kirchlicher Kreise in politischen Gremien zu verdeutlichen. Duplessis und in seinem Gefolge die Presse, hatten nun den "Spieß umgedreht" und die Zeugen als Bekämpfer der Kruzifixe dargestellt.
Das war in der Tat nicht sachgemäß. Aber es wirkte, als zeitweiligen Punktevorteil für Duplessis und Anhang.

In dieser aufgeheizten Situation gab es auch einen Gewerbetreibenden der Zeugen Jehovas, welcher ein Restaurant betrieb. Der hatte sich bei den Duplessis und Co. auch dadurch verhasst gemacht, dass er für inhaftierte Zeugen Jehovas finanzielle Kautionen stellte. Der sollte nun der nächste "Blitzableiter" für Duplessis werden. Seine Machtbefugnisse ausspielend (möglicherweise auch überziehend), ließ er dem Betreffenden kurzerhand seine Gewerbekonzession entziehen. Bis der sich auf dem Gerichtswege dagegen wehren konnte, würde viel Zeit vergehen, das wusste auch Duplessis.

Also auf dem vorläufigen Höhepunkt dieser Schlacht, zogen die Zeugen fürs erste den kürzeren. Zwar klatschten durchaus nicht alle dem Duplessis "Beifall". Symptom dafür ist auch die "Erwachet!"-Angabe:
"Organisationen unternahmen Aktionen, um Quebecks Herrschern zu sagen, dass sie ihrem Volke gegenüber versagt haben in den Streitfragen von Religion und Freiheit. Am 6. Dezember traten dreißig Studenten der McGill-Universität zusammen, um eine Studentenkörperschaft zu organisieren und um gegen Duplessis Anwendung der Polizeimacht 'religiöse Intoleranz zu unterstützen', zu protestieren, und die Petitionen des Protestes waren von 1200 Studenten unterzeichnet.
Jetzt ist es für die an die Freiheit Glaubenden Zeit zu reden und zu handeln. Heute ist es Mr. Roncarelli (Restaurantbesitzer). Morgen können Sie es sein! Heute sind es Jehovas Zeugen. Morgen kann es Ihre besondere Minderheitsgruppe sein!"

Es sollte sich noch einige Jahre hinziehen, bis es den Zeugen Jehovas gelang, ihre vermeintlichen Ansprüche gerichtlich durchzusetzen.

Siehe zum Thema Kanada, thematisch auch den Kommentar zu "Erwachet!" vom 8. April

Parsimony.22107

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