Re: 1914: weitere Relativierungen zur Vernunft


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von + am 14. November 2006 00:14:35:

Als Antwort auf: 1914: weitere Antwort an "+" geschrieben von Maximus am 13. November 2006 19:17:04:

Hallo Maximus!

Lass Dir ruhig Zeit.
Es gibt keinen Grund etwas zu übereilen.
Wenn Du nächstes Jahr Antwortest ist uns nichts davongelaufen.
Ich bin auch nur ein Mensch.
Einerseits will ich Dir gerne Zeitnah Antworten – andererseits möchte ich Dich nicht mit lehren Phrasen abspeisen.

Möglicherweise ist Dir das Thema genauso wichtig wie für mich.
Umso mehr möchte ich Dir Fakten liefern.

Ohne das Wortspiel zu sehr zu strapazieren:
„Wir haben alle Zeit der Welt“…;-)

Relativierung ist genau das was ich bezwecke.

Das was Du sagst ist unbedingt richtig und läuft bei mir offene Tore ein.

Nur allzu leicht wäre es auch für mich auf der Weltuntergagsfiedel einen Abgesang zu geigen.

Würden deren Missklänge nicht schon genug die Welt verpesten.

>>>“ Wenn du unter Frieden die Abwesenheit von Krieg verstehst, dann magst du sogar recht haben...“<<<

Darin lag ein leises WENN.
Dabei gebe ich Dir gerne Recht.
Warum auch nicht.

Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg.

Abgesehen davon - Auch ich möchte wie jeder Mensch – wie jede Generation vor mir - auf eigenen Beinen in Gottes Reich hinübergehen.

Nur ein Kombiniertes Zeichen sehe ich nicht.

Wenn du nicht unter Frieden die Abwesenheit von Krieg verstehen möchtest – z.B. den kalten Krieg ansprichst oder ein Frieden aufgrund der Kräftebalance.
Einen „Frieden mit der Waffe am Kopf“.

Dann kannst Du jedoch dies nicht seid 1914 als Zeichen werten und vor 1914 nur tatsächliche Kriege als „Gegenwert“ heranziehen.

Ich sage nicht dass Du das tust.
Ich sage nur dass man für verwertbare Zeichen Äpfel mit Äpfeln vergleichen muss.

Werte ich Deinen letzten Beitrag richtig, spielst Du hauptsächlich auf „weiche Zeichen“ an.
„Szenenwechsel“, „Epochewechsel“, „viel mehr Risiken“ – das gefühlte Ende.

Dem kann, und dem will ich nichts entgegensetzten.

Was ich sehr wohl will, ist Relativierung.

Wenn wir die Zahlen des Zeichens „Krieg“ vergleichen dann auf gleicher Basis.
Die Wachtturm Gesellschaft macht es so dass sie unvollständige Opferzahlen vor 1914 mit gefühlter Bedrohung nach 1914 vergleicht.

Einzeln genommen unterscheidet sich keines der „Zeichen“ - Kriege, Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben - unsere Zeit wirklich von der Vergangenheit, ob wir nun diese Merkmale seit 1914 oder ab einem anderen Zeitpunkt im vergangenen Jahrhundert ansehen.

Erdbeben sind nicht häufiger oder größer im Ausmaß als in Jahrhunderten vor dem 20. Jahrhundert.

Selbst der Krieg zieht trotz seines stark erhöhten Vernichtungspotentials keinen größeren Prozentsatz der Bevölkerung in Mitleidenschaft als früher.
Und selbst wenn es so wäre, wäre dies innerhalb einer (sofern man davon sprechen möchte), normalen Wellenbewegung.

Trotz aller gegenteiligen Behauptungen hat die Zahl der Kriege — wirklicher Kriege — im 20. Jahrhundert in Wirklichkeit abgenommen.

Und Hunger und Seuchen haben nicht nur abgenommen, sondern sind während der letzten hundert Jahre deutlich zurückgegangen.

Diese Abnahme ist sogar noch dramatischer, wenn man frühere Jahrhunderte zum Vergleich heranzieht.

Wir müssen ganz einfach zur Kenntnis nehmen, dass der richtige Schlüssel, um eine Zunahme — insbesondere bei den letzten drei Merkmalen — zu beurteilen, der Prozentsatz der Bevölkerung, die betroffen wird, ist.

Wenn in einem Dorf mit 1000 Bewohnern 600 im Zustand des Verhungerns sind, würden wir das Dorf als von einer ernsten Hungersnot betroffen bezeichnen.

Das würde heißen, dass sechs von zehn Personen hungerten.

Wären jedoch in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern sogar 10.000 im Zustand des Verhungerns, würde diese Zahl, obwohl so viel größer als die eben erwähnten 600, bedeuten, dass nur eine von jeweils zehn Personen an Hunger stirbt.

In der großen Stadt gäbe es im Durchschnitt ein viel geringeres Auftreten von Hunger als in dem Dorf.

Von diesem Standpunkt aus wäre sie zum Leben der bessere Ort.

Dies ist, was wir finden, wenn wir die Weltszenerie betrachten.

Die Weltbevölkerung ist gerade in den letzten hundert Jahren gewaltig angewachsen, und so ist es, welche verheerenden Verhältnisse man auch immer betrachtet, nur vernünftig, dass eine größere Anzahl von Menschen betroffen ist als mehrere Jahrhunderte, oder auch nur ein Jahrhundert, zuvor.


Und trotzdem nimmt sogar unter diesen Umständen die Zahl der Opfer im realen Vergleich ab!
Nicht nur Prozentual, sondern deren realer Zahlenvergleich.

Um so mehr jedoch wenn man das Prozentuale Gewicht berücksichtigt.

In einer Zeit, wo Geschäftsflüge selten waren, auf einige pro Tag begrenzt, konnten fünf Abstürze in einem Jahr zu Recht auf einen niedrigen Sicherheitsstandard hinweisen, konnten den Schluss rechtfertigen, das Fliegen sei eine recht gewagte Art zu reisen.
Heute, wo jeden Tag Tausende von Flügen nur in einem Land wie den USA stattfinden, würde selbst die dreifache Anzahl an Abstürzen in einem Jahr nichts an der Tatsache ändern, dass das Reisen mit dem Flugzeug eine der sichereren Transportarten in unseren modernen Zeiten geworden ist.

Derselbe Grundsatz findet richtigerweise bei der Abschätzung der weltweiten Auswirkung der zuvor erwähnten Merkmale Krieg, Hunger und Seuchen, wie auch der Zahl der von Erdbeben Betroffenen, Anwendung.

Diesen Faktor vorsätzlich oder einfach aufgrund oberflächlichen Denkens zu ignorieren, heißt die Realität zu verzerren und die Wahrheit falsch darzustellen.

Wer uns glauben machen möchte, dass sichtbare Beweise vor uns liegen, die unsere Generation als auffallend durch Prophetie gekennzeichnet ausweisen — weil sie angeblich in irgendeiner besonderen Weise von solchem Leid betroffen ist —, mag sagen, seine Behauptung sei nicht auf diese Merkmale für sich genommen gegründet.

Er sagt vielleicht, sie gründe sich auf ihre Kombination, dass alle sich in einem einzigen Zeitraum ereignen.

Die Wachtturm-Gesellschaft unterbreitet diese Merkmale als die einzelnen Elemente eines „kombinierten Zeichens."

Das „Zeichen", sagt sie, ist nicht eines der Merkmale für sich genommen, sondern ihre Kombination, die sich weltweit in einer Generation ereignet, ein kombiniertes Zeichen, das für die nach 1914 lebende Generation angeblich einmalig sei.

Während wir also durch die Tatsachen genötigt sind, zuzugeben, dass keines dieser Merkmale für sich genommen im vergangenen Jahrhundert beispiellos ist, mag jemand behaupten:

„Richtig, vielleicht gab es in einem früheren Jahrhundert mehr Hungersnöte als heute, ein anderes Jahrhundert mag mehr oder größere Erdbeben gesehen haben, noch ein anderes Jahrhundert verheerendere Seuchen, und wieder ein anderes war ebenso oder mehr von Kriegen heimgesucht wie unseres. Aber nicht alle diese Dinge einzelnen, sondern sie alle zusammen ereignen sich in unserer Zeit, und das unterscheidet diese Zeit fraglos als die letzten Tage, ehe das Weltgericht kommt."

Ist diese Argumentation stichhaltig?


Die meisten Endzeitverkündiger lassen den Geschichtsbericht einfach aus ihrer Diskussion heraus, und die Mehrzahl ihrer Leser weiß wohl kaum, was der Bericht zeigt, um einen echten Vergleich der Verhältnisse anzustellen.

Die Wachtturm-Gesellschaft scheint jedoch gelegentlich den Beweisen aus der Vergangenheit entgegenzuwirken und ihre Bedeutung zu leugnen.

Das zeigt, dass sie erkennt, dass bei wenigstens einigen Merkmalen ihres „kombinierten Zeichens" Probleme bestehen, und dass keines der Leiden der Menschheit neu ist.

„Das alles hat es auch schon früher gegeben, nicht nur in unserem Jahrhundert", hieß es in Erwachet! vom 22. September 1984 auf Seite 4.

Wie kann man diese Dinge dann verwenden, um zu sagen, die Zeit des Endes habe 1914 begonnen?

Dieselbe Erwachet!-Ausgabe erklärt, sie „müssten sich von ähnlichen Verhältnissen in früheren Zeiten unterscheiden":

Erstens: Jeder Bestandteil des Zeichens müsste von ein und derselben Generation zu beobachten sein. ...

Zweitens: Das, was das Zeichen ausmacht, müsste weltweit zu verspüren sein. ...

Drittens: Die Verhältnisse insgesamt oder die Symptome müssten in dieser Zeit immer schlimmer werden. ...

Viertens: Alle diese Geschehnisse müssten von einer Veränderung der Einstellung und der Handlungsweise der Menschen begleitet sein. Jesus sagte: „Die Liebe der meisten [wird] erkalten."

So errichtet sie Maßstäbe, um die Erfüllung der Worte Jesu zu beurteilen, die zumindest teilweise von ihr selbst stammen.

Und doch ist dieser vierfache Versuch, das „kombinierte Zeichen" davor zu bewahren, in sich zusammenzufallen, auffallend wenig überzeugend.

Sind beispielsweise Hungersnöte und Seuchen seit 1914 „immer schlimmer" geworden?
Sind sie heute „weltweiter" als früher?

Die Wahrheit ist, dass das Ausmaß und die Sterblichkeit bei diesen beiden Geißeln in unserer Zeit immer geringer geworden sind!

Erdbeben sind seit 1914 nicht „immer schlimmer" geworden oder „weltweiter zu verspüren" gewesen als vor diesem Datum.

Was Kriege angehet, so stimmt es, dass sie, was die potentielle Gefahr anbelangt, während der letzten hundert Jahre immer schlimmer geworden sind.

Und doch ist es bemerkenswert, dass Kriege in den ersten drei Jahrzehnten nach 1914 mehr Opfer forderten als in der gesamten Nachkriegszeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts!

Und obwohl manchmal darauf hingewiesen wird, dass Kriege während dieser Zeit nach 1945 etwa 30 Millionen Opfer gefordert haben, sind das weniger als die Zahl derer, die in der entsprechenden Zeit im 19. Jahrhundert (1845-1900) getötet wurden.

Was ist von dem Argument zu halten, jeder Bestandteil des Zeichens müsste von ein und derselben Generation zu beobachten sein"?

Zeichnet das irgendeine Generation nach 1914 in dieser Hinsicht als beispiellos aus?

Keinesfalls.

Jeder, der eine ehrliche und gründliche Untersuchung der Dinge vornimmt, wird bald entdecken, dass es praktisch unmöglich ist, in den vergangenen 2.000 Jahren eine Generation zu finden, die nicht die zusammengesetzten unterschiedlichen Merkmale des angeblichen„kombinierten Zeichens" beobachtet hat!

Und das sollte uns wirklich nicht überraschen, da die meisten der von Jesus erwähnten Geißeln miteinander zusammenhängen und gewöhnlich zusammen auftreten.

Das gilt insbesondere für Kriege, Hungersnöte und Seuchen.

In Hunger and History bemerkt E. P. Prentice:
Hunger, Krieg und Seuchen — die Welt kennt sie gut, die drei, und sie weiß, dass sie nicht für sich kommen, eins nach dem anderen. Wo Mangel ist, da sind Seuchen zu Hause, und Krieg ist nicht weit weg.

Ralph A. Graves betont dieses allgemeine und gleichzeitige Auftreten und erklärt:

Ein Überblick über die Vergangenheit zeigt, dass Krieg, Seuchen und Hunger immer miteinander in Verbindung standen, manchmal war das eine, manchmal das andere die Ursache, und die anderen beiden die Auswirkung. Wo eins aus dem Trio auftrat, da folgten die anderen, manchmal einzeln, aber gewöhnlich zusammen.

Eine veritable Trinität des Übels, sind die drei wie eine Geißel, einander gleich in ihrer verheerenden Gewalt und ihrer unheilvollen Universalität.

Diese „Trinität des Übels" war in der Vergangenheit sogar noch enger miteinander verbunden als heute, wo verbessertes Kommunikationswesen und moderne medizinische Maßnahmen die Rolle von Hungersnöten und Epidemien in Kriegszeiten sehr vermindert haben.

In Zeiten von Krieg, Hunger und Seuchen ist es auch ganz normal, dass Verbrechen und Gewalt zunehmen.

Die Geschichte ist voller Beispiele für die demoralisierenden Auswirkungen dieser Geißeln auf das menschliche Denken und Verhalten.

In seiner Erörterung des Hungers sagt Prof. Sergius Morgulis:
Hunger ist nicht nur vernichtend für Gesundheit und Physis, er zerstört in einem noch größeren Maße Moral und Charakter. In dem heftigen Kampf, sich am Leben zu erhalten, werden alle Skrupel über Bord geworfen, der Nächste ist gegen den Nächsten, und die Starken sind rücksichtslos gegen die Schwachen. Die Geschichte der Hungersnöte ist so auch eine Geschichte von Demoralisierung, Gewalt, Banditentum, Mord und Kannibalismus; von Zeiträumen, in denen die Gesetzlosigkeit zunimmt und die Liebe erkaltet.

Und genau dieselbe Art von Entartung tritt in Seuchenzeiten auf.

„Zeiten von Seuchen sind immer solche, in denen die entmenschte und diabolische Seite der menschlichen Natur die Oberhand gewinnt",
bemerkte B. G. Niebuhr.

Diese Wechselbeziehung zwischen Zeiten von Kriegen, Hunger, Seuchen oder anderen Katastrophen und einer Zunahme der Verbrechen wurde auch durch die Befunde der modernen Kriminologie bestätigt.

So bemerkt zum Beispiel der schwedische Kriminologe Hanns von Hofer in seiner gründlichen Untersuchung des Verbrechens in Schweden von 1750 bis 1982, dass die historische Entwicklung von Gewalt und Diebstählen „von einer Reihe sehr steiler Zu- und Abnahmen charakterisiert ist, die sich mit besonderen historischen Ereignissen wie Hungerjahren, Alkoholrestriktionen und Kriegen decken."

Das Sprichwort „Ein Unglück kommt selten allein" stimmt eindeutig für das meiste Elend, das Jesus in seiner prophetischen Übersicht über die Zukunft erwähnte.

Kriege, Hungersnöte, Seuchen und Verbrechen hängen miteinander zusammen und treten gewöhnlich gemeinsam auf.

Ihr „kombiniertes" Auftreten ist daher ganz natürlich und verständlich und nichts Neues für unsere Zeit.

Im Gegenteil, dieses Syndrom der Geißeln ist in allen Jahrhunderten Teil der Menschheitsgeschichte gewesen; alle Generationen haben es seit der Zeit Christi erfahren.

Nehmen wir das vierzehnte Jahrhundert als einen „fernen Spiegel"

Die Menschheitsgeschichte ist in einem bemerkenswerten Ausmaß eine Geschichte von Krisen und Katastrophen.

Obwohl die Wachtturm-Gesellschaft das zugibt, versucht sie, anders als andere Endzeitverkündiger, diese vergangenen Unglücke kleinzureden und behauptet, in unserer Zeit seien sie in viel größerem Maße aufgetreten.

So erscheint im Wachtturm vom 15. Oktober 1983 (Seite 7) folgende Feststellung:
Bestimmt trifft es zu, dass frühere Generationen Katastrophen erlebten. Das 14. Jahrhundert z. B. war die Zeit des Schwarzen Todes, als Menschen überall in Europa in Furcht vor Pest, Hungersnöten und Kriegen lebten. Aber vergleiche das nur einmal mit dem Ausmaß der Probleme in unserem Jahrhundert!

Nach dieser Aussage glaubt die Wachtturm-Gesellschaft, dass die Krisen des 14. Jahrhunderts sich keinesfalls mit denen in unserer Zeit messen können.

Stimmt das?

Ist unser Leben oder das der Menschen im allgemeinen geplagter, als es im 14. Jahrhundert der Fall war?

Wenn wir die Wahl hätten:

Würden wir die damaligen Verhältnisse — was Kriege, Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben angeht — denen in unserer Zeit vorziehen?

Es war die Historikerin Barbara Tuchman, die das 14. Jahrhundert mit einem „fernen Spiegel" des 20. Jahrhunderts verglich.

Ein näherer Blick auf die verschiedenen Merkmale wird offenbaren, wie viel — oder wie wenig — Wahrheit in der Behauptung der Wachtturm-Gesellschaft steckt.

• Die Zeit der Kriege

Die Geschichte zeigt die mittelalterliche Welt als eine „Welt ständiger Kriege."

Im 14. Jahrhundert wurde in verschiedenen Teilen der Welt eine Anzahl langer und blutiger Kriege geführt.
Im Jahre 1337 war Westeuropa Zeuge des Anfangs des längsten Krieges in der Geschichte, des so genannten Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich, eines Krieges, der eigentlich sogar 116 Jahre dauerte und gemäß der Historikerin Tuchman die mittelalterliche Einheit zerstörte.

Weitere Kriege und endlose Bürgerkriege wüteten in Europa, zum Beispiel die Kriege zwischen den Fürstentümern Deutschlands und die Kriege zwischen den Handelsstädten und den Fürstentümern in Italien.

Nicht nur Westeuropa war in Kriege verwickelt.
Osteuropa und praktisch der gesamte asiatische Kontinent wurden von den grimmigen Mongolen beherrscht, die diese Gebiete im Verlauf des vorangegangenen Jahrhunderts erobert hatten.

Über den Zeitraum von 1200 bis 1400 n. Chr. sagen die Historiker R. Ernest Dupuy und Trevor N. Dupuy:
Während der meisten Zeit dieser beiden Jahrhunderte [13. und 14. Jahrhundert] wurde die militärische und politische Geschichte der Menschheit von einer Machtbbeherrscht. Die Mongolen — oder ihre tartarischen Vasallen — eroberten oder verwüsteten jede größere Region der bekannten Welt außer Westeuropa.

Während des 14. Jahrhunderts zerfiel dieses ausgedehnte Reich allmählich.
Blutige Bürgerkriege wüteten jahrzehntelang sowohl in den westlichen wie in den östlichen Teilen des riesigen mongolischen Reiches.
In China wurden die Fremdherrscher schließlich in den 1360er Jahren nach einem lange währenden Bürgerkrieg, der offensichtlich Millionen Leben forderte, besiegt.

Im selben Jahrhundert erschien das türkische Reich auf der Bühne, nachdem es zuerst Kleinasien und dann den größten Teil der Balkanhalbinsel erobert hatte.

Dann, etwa um 1370, tauchte einer der rücksichtslosesten Welteroberer, den die Geschichte kennt, auf.

Es war Tamerlan (oder Timur-i Läng, „Timur der Lahme"), der fürchteinflößende „Führer" des 14. Jahrhunderts.

Nachdem er 1370 Sarmakand in Westturkestan zum Zentrum seines Reiches gemacht hatte, machte er sich von dort aus auf, das übrige Asien zu erobern.

Die Länder Choresm, Afghanistan, Belutschistan, die Mongolei, Russland, Westsibirien, Persien, der Irak, Indien, Syrien und Anatolien wurden alle in den folgenden drei Jahrzehnten in einer Welle unglaublich grausamer und blutiger Triumphe, die Millionen Leben kosteten, erobert.

Wie Dschingis Khan im Jahrhundert zuvor, schlachtete Tamerlan ganze Bevölkerungen — Männer, Frauen und Kinder — in jeder Stadt oder in allen Gebieten, die ihm Widerstand boten, erbarmungslos ab.

So wurde das gesamte Land Choresm mit seiner Hauptstadt Urgentsch in Zentralasien völlig von der Landkarte ausradiert.

Zahllose bevölkerungsreiche Städte, darunter Tiflis, die Hauptstadt Georgiens, Isfa-han in Persien, Bagdad im Irak und Damaskus in Syrien, wurden verwüstet und geplündert und ihre Einwohner ausgelöscht.

Es wird geschätzt, dass während der Eroberungen in Indien im Jahre 1398 innerhalb eines Zeitraums von wenigen Wochen eine Million Menschen das Leben verloren.

Tamerlan starb schließlich bei seinem Feldzug gegen China im Jahre 1405, nachdem er fast das gesamte Asien von Europa im Westen bis zur chinesischen Grenze im Osten erobert hatte.'

Das Merkmal Krieg fehlte — in allen Teilen der bekannten Welt — sicher im vierzehnten Jahrhundert nicht.

• Die Zeit des Hungers

Das 14. Jahrhundert begann mit einer Klimaänderung, was für eine Reihe von Jahren zu kaltem Wetter mit Stürmen, Regen, Fluten und dann Trockenheiten — und Missernten — führte.

Das Ergebnis war eine Anzahl sehr schlimmer Hungersnöte.

Die offensichtlich schlimmste war die allgemeine Hungersnot von 1315-1317 (in einigen Gebieten dauerte sie bis 1319), eine Hungersnot, „die alle Länder von den Pyrenäen bis zu den Ebenen Russlands und von Schottland bis Italien schlug."

Die Folgen waren sehr hart.

Die Armen aßen fast alles, „Hunde, Katzen, Taubenmist und selbst die eigenen Kinder."

Berichte aus Livland und Estland betonen, dass „hungernde Mütter ihre Kinder aßen" und dass „ausgehungerte Männer oft auf den Gräbern starben, wo sie Leichen zur Nahrung ausgruben."

Chronisten zeigen, dass in anderen Ländern ähnliche Verhältnisse herrschten.

In Irland „zog sich das Leid bis 1318 hin und erwies sich als besonders hart, denn die Leute gruben auf dem Friedhof die Leichen aus und nahmen sie als Nahrung, und Eltern aßen selbst ihre Kinder."

In den slawischen Ländern wie Polen und Schlesien war der Hunger noch 1319 verbreitet.
Es wird berichtet, dass Eltern „ihre Kinder und Kinder ihre Eltern töteten, und die Leichen hingerichteter Verbrecher wurden eifrig von den Galgen gerissen."

Im Gefolge der Hungersnot kam eine Seuche, die große Mengen Menschen wegfegte. '

Weitere große Hungersnöte folgten in den 1330er und den 1340er Jahren.

Dem Schwarzen Tod ging eine sehr schwere Hungersnot voraus, die schätzungsweise ein Fünftel der Menschheit in Mitleidenschaft zog.

In Italien beispielsweise „fegte sie durch völliges Verhungern eine große Anzahl der Einwohner hinweg."

Im ganzen übrigen Jahrhundert suchten wiederholte Hungersnöte die Länder Europas und anderer Teile der Welt heim, und zwischendurch herrschte, „allgemeiner Mangel".

Alles weist daraufhin, dass das 14. Jahrhundert, mehr als das 20. Jahrhundert, von Hungersnöten und Mangelernährung geplagt wurde.

• Die Zeit der Pest

Die Beschreibung des Schwarzen Todes im 14. Jahrhundert ist bis heute sprichwörtlich.
Diese Seuche übertraf in jedem Sinne die Spanische Grippe des 20. Jahrhunderts.

Im übrigen suchte sie Europa — und viele andere Teile der Welt — vor dem Ende des Jahrhunderts noch mehrere Male heim.

Andere Seuchen, die die Menschheit im selben Zeitraum plagten, waren Ruhr und Milzbrand; mehrere große Epidemien der als Veitstanz bekannten Krankheit brachen gegen Ende des Jahrhunderts aus.

Obwohl nicht bemerkenswert ansteckend oder unbedingt zum Tode führend, erreichte die Lepra ihr größtes Ausmaß in Europa während der Jahrzehnte, die dem Schwarzen Tods vorausgingen.

Die Seuchen des 14. Jahrhunderts hinterließen beim Menschengeschlecht einen Eindruck, der vielfach verheerender war als die Epidemien unserer Zeit, und viele Historiker weisen auf das Jahr 1348, dem Beginn des Schwarzen Todes, als einem der wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte.

A. L. Maycock vertritt sogar die Meinung, „das Jahr 1348 kennzeichne die größte Annäherung an einen eindeutigen Bruch im ununterbrochenen Verlauf der Geschichte, der sich je ereignet habe."

• Die Zeit der Erdbeben

Man hat in alter Zeit allgemein geglaubt, Erdbeben, wie auch himmlische Phänomene wie Sonnen- oder Mondfinsternisse, Meteore und besonders Kometen, seien Omen für großes Unheil, besonders für Kriege, Hungersnöte und Seuchen.

Solche unheilvollen Vorzeichen verursachten daher gewöhnlich große Furcht.

Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Jesus, als er von Dingen redete, die seine Jünger zu dem Irrglauben, das Ende sei nahe, hätten verleiten können, Erdbeben hinzufügte und, nach Lukas 21:11 (Herder), „Schrecknisse und große Zeichen vom Himmel."

Thucydides, Diodorus Siculus, Livius und viele weitere Schriftsteller des Altertums behaupteten, Erbeben seien Vorzeichen für die Pest, und der römische Philosoph Seneca, ein Zeitgenösse der Apostel, sagt ausdrücklich, dass „nach großen Erdbeben üblicherweise die Pest auftritt."

Kein Wunder daher, dass die großen Erdbeben, die dem Schwarzen Tod im 14. Jahrhundert vorausgingen und ihn begleiteten, von zeitgenössischen Chronisten als Vorzeichen der Seuche ausgelegt wurden.

In China wurden die Jahre, die dem Ausbruch der Seuche vorangingen, durch eine eindrucksvolle Reihe von Katastrophen gekennzeichnet:

Trockenheiten, Fluten, Heuschreckenschwärme, Hungersnöte und Erdbeben.

Noch vor dem Ausbruch der Seuche im Jahre 1337 muss der Tribut an Menschenleben gewaltig gewesen sein:

Im Jahre 1334 gab es in Huduang und Honan eine Trockenheit, der Heuschreckenschwärme, Hungersnöte und Seuchen folgten.

Ein Erdbeben in den Bergen von Ki-Ming-Chan bildete einen See, der über hundert Stadien im Umfang maß.

Man meinte, die Toten in Tsche zählten über fünf Millionen.

Erdbeben und Fluten hielten von 1337 bis 1345 an; Heuschrecken waren nie so zerstörerisch gewesen; in Kanton 'bebte die Erde'.

Europa scheint in den Jahren vor und während der Seuche auch von einer ungewöhnlichen Reihe von Katastrophen, darunter verheerende Erdbeben, begleitet von furchterregenden Omen am Himmel und auf der Erde, geschlagen worden zu sein:

Jahr für Jahr waren da Zeichen am Himmel, auf der Erde, in der Luft; und sie alle wiesen, wie die Menschen dachten, auf irgendein schreckliches künftiges Ereignis hin.

Im Jahre 1337 erschien ein großer Komet am Himmel, sein weitreichender Schweif säte tiefe Furcht in den Köpfen der unwissenden Massen. ...

1348 kam ein Erdbeben mit solch erschreckender Gewalt, dass viele Menschen meinten, das Ende der Welt werde angekündigt.

Zypern, Griechenland und Italien wurden schrecklich heimgesucht, und [das seismische Beben) war bis in die Alpentäler zu spüren.

„Europa wurde von Süditalien bis Bosnien und von Ungarn bis zum Elsass erschüttert", stellt der Geologe Haroun Tazieff fest.

Das Erdbeben zerstörte viele Städte und Dörfer, darunter auch Villach im österreichischen Kärnten.

Tazieff zitiert Elie Bertrand, Autor des 18. Jahrhunderts, und sagt:
Das Erdbeben zerstörte sechsunddreißig Städte oder Burgen in Ungarn, in der Steiermark, in Kärnten, Bayern und Schwaben. Der Erdboden öffnete sich an verschiedenen Orten. Man dachte, die übelriechenden Ausdünstungen, die dieses Erdbeben hervorbrachte, seien die Ursache für die Seuche, die sich über die ganze Welt ausbreitete, die drei Jahre dauerte und gemäß Berechnungen ein Drittel des Menschengeschlechtes umbrachte.

Tazieff sagt, dass „das vierzehnte Jahrhundert besonders hart" von verheerenden Erdbeben getroffen wurde und gibt als weiteres Beispiel das große Erdbeben an, das im Jahre 1356 die Schweizer Stadt Basel verwüstete:
Am 18. Oktober 1356 um 22.00 Uhr wurden die Stadt Bäle [Basel] und die Städte und Dörfer im Umkreis von fast 3 Meilen durch ein schreckliches Erdbeben, dessen Nachbeben über ein Jahr lang andauerten, dem Erdboden gleichgemacht. ...

Achtzig Burgen wurden zusammen mit den Städten und Dörfern, die von ihnen abhingen, zerstört

Wie Tazieff bemerkt, scheint das 14. Jahrhundert von einer ungewöhnlich großen Anzahl von verheerenden Erdbeben heimgesucht worden zu sein.

Milnes Katalog, der wohl für diese Zeit sehr unvollständig ist und sich „praktisch auf Ereignisse in Südeuropa, China und Japan beschränkt", fuhrt dennoch 143 verheerende Erdbeben für das 14. Jahrhundert auf.

Die Zahl der Toten fehlt natürlich allgemein, aber es besteht kein Grund zu glauben, dass große Erdbeben im 14. Jahrhundert weniger üblich oder weniger verheerend für das menschliche Leben waren als heute.

Wenn überhaupt, dann zeigen die verfügbaren Beweise in die Gegenrichtung.

• Die Zeit von Verbrechen und Furcht

Große Katastrophen wie Kriege, Hungersnöte und Seuchen verursachen gewöhnlich einen steilen Anstieg an Verbrechen und Unmoral.

In dem Buch The Black Death and Men of Learning bemerkte A. M. Campbell, dass überhandnehmende Verbrechen „ein auffallendes Merkmal etwa in der letzten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren."

Die Historikerin Tuchman sagt in ihrer berühmten Untersuchung (A Distant Mirror, Seite 119) sogar, das Banditentum habe solche Ausmaße erreicht, dass es zum ständigen Rückgang der Bevölkerung am Ende des 14. Jahrhunderts beigetragen habe!

Verbrechen und Mord verbreiteten sich auch während der großen Hungersnot von 1315-1317:
Aufgrund dieser Verhältnisse nahmen die Verbrechen stark zu.

Menschen, die normalerweise ein anständiges und ehrbares Leben führten, wurden zu regelwidrigem Verhalten gezwungen, das sie zu Kriminellen machte.

Räuber und Vagabunden scheinen die ländlichen Gegenden Englands befallen zu haben und waren aller Arten von Gewalt schuldig.

Mord wurde sehr häufig in Irland.

Raubüberfälle waren allgemein verbreitet; tatsächlich wurde alles mögliche, was zur Nahrung dienen konnte, gestohlen,... tatsächlich wurden alle Dinge von Wert bereitwillig mitgenommen.

Die Piraterie, oder Räuberei auf hoher See, die frühere Jahrhunderte heimsuchte und oft organisiert und von viel Gemetzel begleitet war, nahm im 14. Jahrhundert gleichfalls zu.

Ganz eindeutig hatte diese Zeit ihr Teil an zunehmendem Verbrechen — und der Furcht daraus —, wie sie andere Zeiten, unsere eigene eingeschlossen, auch hatten.

Materialismus, Pessimismus, Leid und Furcht vor dem Ende der Welt kennzeichneten das 14. Jahrhundert so sehr wie unsere Zeit, wenn nicht noch mehr.

Die heutigen Probleme sind in weitaus größerem Maße, als die Menschen gemeinhin denken, im Wesentlichen eine Wiederholung der Vergangenheit.

Ziegler zitiert den Historiker James Westfall Thompson, der die Nachwehen des Schwarzen Todes mit denen des Ersten Weltkriegs verglich und fand, die Klagen der Zeitgenossen seien in beiden Fällen dieselben:
„Wirtschaftliches Chaos, soziale Unruhen, hohe Preise, Bereicherung, verderbte Moral, Mangel in der Produktion, industrielle Trägheit, frenetische Heiterkeit, wilde Ausgaben, Luxus, Ausschweifungen, soziale und religiöse Hysterie, Gier, Geiz, schlechte Verwaltung, Niedergang der Sitten."

Ist es möglich zu sagen, dass die Katastrophen, die der moderne Mensch erfahrt, schlimmer sind als die eines Menschen im Mittelalter?

Ziegler kommentiert den Vergleich Thompsons und kommt zu dem Schluss:
Die beiden Erfahrungen sind wohl miteinander zu vergleichen, aber ein Vergleich kann nur zeigen, wieviel verheerender der Schwarze Tod für seine Opfer war als der Große Krieg [1914-1918] für ihre Nachkommen.

Barbara Tuchman, die auch Thompsons Vergleich erwähnt, stimmt ihm zu.

Sie bezeichnet das 14. Jahrhundert als „gewalttätige, geplagte, irregeführte, leidende und zerfallende Zeit, in der, wie viele glaubten, Satan triumphierte", und fügt hinzu:
Wenn unser letztes oder die letzten zwei Jahrzehnte gescheiterter Annahmen eine Zeit ungewöhnlichen Unbehagens waren, dann ist es beruhigend zu wissen, dass das Menschengeschlecht früher schon schlimmere Zeiten durchgemacht hat.

Folglich wird jede Behauptung, unsere Zeit sei in einem weit größerem Ausmaß Zeuge von Katastrophen wie Kriegen, Hungersnöten, Seuchen, Erdbeben usw. als das 14. Jahrhundert, nicht von den geschichtlichen Tatsachen erhärtet.

Sie zeigen, dass das Gegenteil wahr ist.

Insgesamt genommen war das angebliche „kombinierte Zeichen" im 14. Jahrhundert sicher greifbarer als heute.

Die Hufschläge der apokalyptischen Reiter ertönten ebenso laut wie in unserer heutigen Zeit.

• Das Zeugnis der „Bevölkerungsexplosion"

Vielleicht kein anderer Einzelfaktor bezeugt so sehr, dass die Behauptungen über Katastrophen in unserer Zeit frei erfunden sind, wie die Zunahme der Weltbevölkerung.

Während Endzeitverkündiger oft in dem Bemühen darauf zurückgreifen, solche Behauptungen zu erhärten, widerlegt er sie tatsächlich in bemerkenswerter Weise.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Wachtturm-Publikationen sehr abgeneigt gewesen sind, die ganze Wahrheit über diesen Faktor mitzuteilen.

Die Zeitschrift Erwachet! vom 8. November 1983 erklärte die gegenwärtige Bevölkerungszunahme wie folgt:

Die Ursache des Problems ist die Art und Weise, wie die Bevölkerung wächst. Sie wächst nicht linear (l, 2, 3, 4, 5, 6 usw.), sondern exponentiell oder durch Verdopplung (l, 2, 4, 8, 16, 32 usw.). (Seite 5)

Erklärt diese Regel das Bevölkerungswachstum von ferner Vergangenheit bis in unsere heutige Zeit?

Erklärt sie, warum es Jahrtausende dauerte, bis die Menschheit etwa um 1830 auf eine Milliarde gewachsen war, sich dann etwa um 1927 auf zwei Milliarden verdoppelte und sich dann wieder verdoppelte, bis sie im Jahre 1974 die vier Milliarden erreicht hatte?

In den 1960er Jahren erreichte die Wachstumsrate mit über 2 Prozent jährlicher Zunahme einen Höhepunkt, was eine Verdopplung in 35 Jahren bedeutet.

Wäre die Bevölkerung tatsächlich exponentiell bei konstanten Verdopplungsintervallen von 35 Jahren gewachsen, hätte es etwa 1100 Jahre gebraucht, bis aus zwei Einzelpersonen 6 Milliarden geworden wären!

Selbst wenn wir eine jährliche Wachstumsrate von nur 1 Prozent zulassen, was einer Verdopplung in 69,7 Jahren entspricht, würde ein exponentielles Wachstum zu astronomischen Zahlen in nur ein paar tausend Jahren führen.

Prof. Alfred Sauvy, Europas größter Demograph, erklärt:
Wenn beispielweise die Bevölkerung Chinas, deren Größe auf etwa 70.000.000 zur Zeit Christi geschätzt wird, seither mit 1 Prozent pro Jahr zugenommen hätte, hätte sie nicht etwa die kürzlich geschätzten 680.000.000 [fast 1,3 Milliarden im Jahre 2000] erreicht, sondern 21 Millionen Milliarden!

Über den ganzen Globus verteilt, ergäbe solch eine Bevölkerung etwa 120 Chinesen pro Quadratmeter.

Ganz eindeutig ist exponentielles Wachstum nicht die richtige Erklärung für die Bevölkerungsentwicklung auf der Erde.

Aus irgendeinem Grund waren die Verdopplungsintervalle in der Vergangenheit viel länger.

Wieviel länger, wurde auf Seite 4 des Erwachet! vom 22. Dezember 1967 gezeigt:
Die Zahl der Weltbevölkerung betrug im ersten Jahrhundert 250.000.000; erst im siebzehnten Jahrhundert hatte sich diese Zahl verdoppelt; damals gab es 500.000.000 Menschen. Dann, nach etwas mehr als 200 Jahren, im neunzehnten Jahrhundert, hatte sich die Weltbevölkerung erneut verdoppelt, denn sie erreichte etwa eine Milliarde (1.000.000.000). In nur 100 weiteren Jahren, im zwanzigsten Jahrhundert, erlebte man schon die nächste Verdoppelung. Und jetzt? Bei der heutigen Vermehrung verdoppelt sich die Bevölkerung in nur 35 Jahren!

Dieses Muster gewaltig schrumpfender Verdopplungsintervalle von 1600 Jahren in der Vergangenheit bis zu nur noch 35 Jahren im Jahre 1967 zeigt, dass es in der Vergangenheit etwas gegeben haben muss, das ein exponentielles Wachstum verhindert hat, etwas, das in den letzten zwei Jahrhunderten allmählich beseitigt wurde.

Der englische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Malthus, von dem oft (aber zu unrecht) gesagt wird, er sei der Urheber der Theorie des exponentiellen (oder geometrischen) Wachstums, schrieb im Jahre 1798:
„Die Bevölkerung nimmt ungehemmt in geometrischem Verhältnis zu."

Wir könnten also gut fragen:

Warum hat die Weltbevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten nicht exponentiell zugenommen?

Welcher Faktor oder welche Faktoren hemmten das Bevölkerungswachstum in der Vergangenheit?

Die Antwort ist völlig vernichtend für die Theorie vom „kombinierten Zeichen" seit 1914 oder für jegliche Behauptung, dass unsere Zeit, was katastrophale Verhältnisse angeht, 'die schlimmste der Welt' sei.

Der Grund für die sehr langsame Zunahme der Bevölkerung in vergangenen Zeitaltern liegt genau darin, dass die Menschheit früher mehr als heute unter Kriegen, Hungersnöten und Seuchen litt.

Alle Bevölkerungsexperten (Demographen) sind da heute einer Meinung.

Diese Faktoren verursachten eine so hohe Sterblichkeit, dass das Bevölkerungswachstum wirkungsvoll gehemmt wurde.

Oft führte die hohe Sterberate sogar zu einem Bevölkerungsrückgang, beispielsweise durch die Pest, wie zuvor gezeigt wurde.

„Bis in die Neuzeit minderten Epidemien und Hungersnöte regelmäßig jede Bevölkerungszunahme", sagt der Historiker Fernand Braudel.

Der Demograph Alfred Sauvy spricht über den hohen „Mortalitätsfaktor" in der Vergangenheit und erläutert die Ursachen folgendermaßen:
Dieser Mortalitätsfaktor wirkte in der Vergangenheit durch drei außergewöhnlich tödliche Geschwister: Hunger, Krankheit und Krieg.

Aufgrund seiner unmittelbaren Auswirkungen nahm der Hunger gewiss den ersten Platz bei dieser erschreckenden Trinität ein, eng gefolgt von seiner nahen Verwandten, der Krankheit.

Dieser Mortalitätsfaktor ist in neuerer Zeit wesentlich vermindert worden:

Von den drei demographisch tödlichen Geschwistern wirkt nur der Krieg noch unvermindert weiter.

Wir meinen hier Krieg im strengen Sinne des Wortes, weil andere Formen der Gewalt, die daraus resultieren, erheblich abgenommen haben....

Krankheiten gibt es immer noch, aber Epidemien in der Art, die früher ganze Nationen dezimiert haben, wüten nicht mehr.

Hunger und Mangelernährung existieren noch, aber akutes und hoffnungsloses Verhungern ist beseitigt worden, hauptsächlich aufgrund besserer Transportmöglichkeiten.

Dies sind die heute feststehenden Tatsachen, die nicht nur Fachleute kennen, sondern die selbst in Schulbüchern zu finden sind.

Ein Beispiel:

Die folgende Erklärung beschließt eine Erörterung der Bevölkerungsexplosion in einem in den schwedischen gymnasialen Oberstufen verbreiteten Unterrichtsbuch für die Gemeinschaftskunde:

Abschließend kann gesagt werden, dass wir eine Entwicklung erreicht haben, die beispiellos für die Menschheit ist. Jahrtausendelang haben Hunger, Krankheit und Krieg alle Tendenzen auf ein beschleunigtes Bevölkerungswachstum hin unter Kontrolle gehalten. Doch nach dem Durchbruch in Technik und Medizin ist das frühere Gleichgewicht zwischen aufbauenden und zerstörerischen Kräften des Lebens umgekippt, und das hat zur Bevölkerungsexplosion geführt.

Folglich spielten Kriege und besonders Hungersnöte und verheerende Seuchen eine entscheidende Rolle, die Bevölkerung der Erde in der Vergangenheit unter Kontrolle zu halten.

Medizinische und technische Fortschritte zusammen haben das Wüten von Seuchen eingedämmt, die Nahrungsmittelversorgung vermehrt sowie die Transportmöglichkeiten dafür verbessert.

Das Ergebnis ist ein starker Rückgang der Sterblichkeit, und das trifft besonders auf die Kindersterblichkeit zu. Das ist die wahre Ursache der Bevölkerungsexplosion.

Prof. Erland Hofsten macht auf folgendes aufmerksam:
Das gewöhnliche Bild der Bevölkerungsentwicklung ist falsch. Gemäß diesem Bild hat die Erdbevölkerung in stetigen Schritten zugenommen, zuerst langsam und dann immer schneller werdend, bis wir das erhalten haben, was jetzt allgemein als 'Bevölkerungsexplosion' bezeichnet wird. Aber so einfach stehen die Dinge nicht Allem Anschein nach hat es viele Zeiträume gegeben, in denen die Bevölkerungszahl gleichblieb oder sogar rückläufig war, und das wechselte sich mit Zeiträumen schnellen Wachstums ab.

So war die Bevölkerung von China im Jahre 1500 n. Chr. fast genauso groß wie zur Zeit Christi.

Die Bevölkerung des indischen Subkontinents hatte von 46 Millionen zur Zeit Christi auf 40 Millionen im Jahre 1000 n. Chr. abgenommen.

Und die Bevölkerung des südwestlichen Asiens war von 47 Millionen zur Zeit Christi auf 38 Millionen im Jahre 1900 n. Chr. zurückgegangen.


Gemäß dem französischen Demographen Jean-Noel Biraben war die Gesamtbevölkerung der Erde im Jahre 1000 n. Chr. etwa ebenso groß wie zur Zeit Christi, wobei die Zahlen in diesen Jahrhunderten aufgrund verheerender Hungersnöte, Seuchen und Kriege auf und ab gingen.

Diese Nichtzunahme zeugt vom Tode buchstäblich Tausender von Millionen Menschen, darunter Kinder und Kleinkinder, in den Katastrophen dieser Jahrhunderte.

Vom 15. bis zum 19. Jahrhundert hielten Hungersnöte, Bürgerkriege, Epidemien und die Rindestötung die japanische Bevölkerung vier Jahrhunderte lang praktischkonstant.

Viele weitere Beispiele ließen sich anführen.

Der britische Demograph T. H. Hollingsworth erklärt, „die Bevölkerung müsse so oft (oder fast so oft) zurückgegangen sein, wie sie wieder zunahm."

Die moderne „Bevölkerungsexplosion" offenbart daher durch die Gegensätze eine schreckliche Geschichte über die Vergangenheit des Menschen; eine Geschichte von Hungersnöten, Seuchen und anderen Katastrophen in einem Maße, das — insgesamt gesehen—nicht seinesgleichen in der Neuzeit hat.

Das Zeugnis ist da, alle können es sehen, und es lässt sich unmöglich widerlegen.

Und, sehr bedeutsam, es erteilt der Vorstellung den Todesstoß, wir hätten ein „kombiniertes Zeichen" gesehen, das als unfehlbares Zeichen für Christi Parusie seit 1914 oder für eine andere, ähnliche Behauptung dienen kann.

Natürlich trifft es zu, dass die zunehmende Weltbevölkerung auch eine unangenehme Seite hat, weil sie zunehmend von den Ressourcen der Erde zehrt.

Aber wie oben gezeigt wurde, hat die jährliche Wachstumsrate in den letzten paar Jahrzehnten abgenommen, von einem Höhepunkt von über 2 Prozent pro Jahr in den 1960er Jahren bis auf etwa 1,3 Prozent pro Jahr heute.

Diese abnehmende Wachstumsrate bedeutet nicht, dass das Ausmaß an Kriegen, Hungersnöten und Seuchen wieder zuzunehmen begonnen hat.

Vielmehr geht die Abnahme in unserer Zeit auf beabsichtigte Familienplanung zurück, nicht nur in den entwickelten Ländern, sondern auch in der Dritten Welt.

Trotz der Tatsache, dass es in vielen Gegenden starke Widerstände gegen eine Familienplanung gibt, wie z. B. in islamischen Ländern in Asien und Afrika, hat die Größe der Familien in den Entwicklungsländern von durchschnittlich 6,2 Kindern pro Frau im Jahre 1950 auf heute weniger als drei abgenommen.

In den letzten Jahrzehnten sind damit große Fortschritte gemacht worden, das Anwachsen der Weltbevölkerung unter Kontrolle zu halten.

In welchem Maße die Menschheit Erfolg haben wird, dieses Problem zu lösen, kann natürlich nur die Zukunft beantworten.

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