Re: an das Christkindl


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 04. November 2006 15:14:39:

Als Antwort auf: Re: an das Christkindl geschrieben von gert am 03. November 2006 21:26:32:

Eine Bibelgeschichte hat mich persönlich besonders beeindruckt.
Nicht in ihrem Ursprungstext. Das sicherlich nicht. Wohl aber in einer "ausgelegten Form".
Das mit der Auslegung ist je quasi eine Art (inzwischen bröckelndes) Monopol der Theologenzunft. Im weiteren Sinne ist - a u c h - die WTG selbiger zuzurechnen.
Diese Theologenzunft hätte es gern, würde man ihre Auslegungen (zum Tageswert) als unfehlbar ansehen.
Noch "besser" aus dieser "Unfehlbarkeit" fiskalische Konsequenzen ableiten; zum Beispiel jener Art, wie sie die Zeitschrift "Consolation" mal karikierte.

http://www.manfred-gebhard.de/Conso1.gif
http://www.manfred-gebhard.de/Conso3.gif

Es ist wohl dem Verfall des Tageswertes solcher "theologischen Auslegungen" zuzuschreiben, dass eingeschätzt werden kann, dass die Nachgeborenen - derzeitigen Macher - jener Organisation, die einst "Consolation" herausgaben, mittlerweile bei fiskalischen Aspekten, nicht viel besser sind, als die einst von ihr Kritisierten.
"Sobald das Geld im Kasten klingt - die Seele in den Himmel springt".

Also ich persönlich ziehe es vor - in der Gegenwart - theologische Auslegungen, nicht selten als "nicht einen Pfifferling wert" einzuschätzen. Und das quer Beet. Egal ob Catholica, WTG oder was sonst.

Wie einleitend schon angedeutet, möchte ich aber doch eine Ausnahme von der Regel machen. Die Ausnahme begründet sich schon in dem Umstand, dass der in Rede stehende "Ausleger" eben kein Theologe ist, sondern in seiner Glanzzeit als Schriftsteller gehandelt wurde. Sein diesbezüglicher Roman ist noch heute beschaffbar.
http://ec1.images-amazon.com/images/P/3596215080.03._SS500_SCLZZZZZZZ_V1117221434_.jpg

Aus einer früheren Zusammenfassung zum Thema zitiere ich mal:
Über die maßlosen Verbrechen der Nazis an den Juden, braucht wohl hier nichts weiter referiert zu werden. Das ganze Ausmaß dessen, was auf sie dereinst in Hitlerdeutschland noch zukommen würde, war nur wenigen von Ihnen schon 1933 in aller Drastigkeit klar. Obwohl schon damals Anlass zu den allerschlimmsten Befürchtungen bestand.

In den Anfangsjahren des Hitlerregimes konnten immerhin auch noch einige Juden emigrieren. Unter ihnen auch einer, der später noch unter dem Pseudonym "Stefan Heym" als Schriftsteller bekannt werden sollte. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Heym auf Alliierter Seite. In seinem 1948 erschienen Roman "Kreuzfahrer von heute" berichtet er Details. Im Jahre 1952 entschloss er sich zu einem ungewöhnlichen und folgenreichen Schritt. Er verlegte seinen Wohnsitz vom Westen kommend nach Ostberlin.

Da hatte man nun im Osten einen "Vorzeigekandidaten" über den "dekadenten Westen". Bekannt ist, dass Heym, nach dem DDR-Mauerfall sogar für die SED-Nachfolger namens "PDS" mal in den Bundestag des wiedervereinigten Deutschlands für kurze Zeit einzog. Auch diese Episode aus dem Leben des Heym verdeutlicht, dass er offenbar das östliche Deutschland zeitweilig als die bessere Alternative ansah. Es sind aber auch andere Aspekte aus dem Leben Heyms bekannt. Nach dem die Euphorie seiner propagandistischen Vermarktung seitens der DDR, anfangs der 50-er Jahre sich verflüchtigt hatte, lernte er den Kulturbürokratismus der DDR auch von einer anderen Seite kennen. Heyms Sozialisation und die Gleichschaltungsforderungen der DDR entwickelten sich zur Konfliktsymbiose. Die SED-Kulturfunktionäre befanden sich in einer prekären Situation. Andere Aufmüpfige, die keine Ruhe gaben, ließ man mit den berüchtigten Zersetzungsmassnahmen der Stasi bearbeiten. Aber was sollte man bei diesem Heym tun? Der war ja kein Unbekannter mehr, der hatte ja sogar schon im Westen einen Namen.

Zähneknirschend entschloss man sich, ihm das für DDR-Verhältnisse als Privileg zu wertende Recht zu gewähren, neuere Schriften von ihm, die man meinte der DDR-Bevölkerung aus politischen Gründen unbedingt vorenthalten zu müssen, im Westen veröffentlichen zu lassen. So ergab sich denn etliche Jahre die bezeichnende Situation, dass von dem in Ostberlin lebenden Schriftsteller Heym ein neueres Buch nach dem anderen, im Westen erschien. Die gleichen Bücher der DDR-Bevölkerung jedoch bewusst vorenthalten wurden.

Diesen Sachverhalt registrierten natürlich auch westliche Journalisten und haben ihn entsprechend thematisiert. Das war der DDR nun auch nicht wieder recht, dass sie als schleichende Katze auf diese Art und Weise ein Glöcklein ans Bein gebunden bekam. Und so mussten sich denn die DDR-Kulturbürokraten mehr widerwillig denn willig auch zu dem Entschluss durchringen, mit großer zeitlicher Verzögerung, auch einige von Heyms im Westen veröffentlichten Schriften in DDR-Verlagen nachdrucken zu lassen.
Selbstredend in Miniauflagen, selbstredend ohne Werbung dafür in DDR- Medien. Unter den solcherart "unter dem Ladentisch" ganz kurzfristig mal erhältlichen Büchern ragt besonders sein 1973 in Ostberlin in einer symbolischen Scham-Auflage erschienenes Buch "Der König David Bericht" hervor. Und damit komme ich wieder zu (dem Theologen) Beltz zurück. Heym berichtet darin auch, dass er die Inspiration zu seinem Roman, offenbar auch durch persönliche Kontakte zu Beltz bekommen hatte.

Grundtenor der Erzählung von Heym ist der fiktive Bericht, dass der König Salomo einem Historiker damit beauftragt habe, einen Geschichtsbericht zu schreiben "der allen Zweifeln ein Ende bereiten sollte". Die Komplikationen, die mit diesem delikaten Auftrag verbunden waren, werden von Heym dann in allen Details ausgeleuchtet.
So lässt er einen Beobachter der Szene beispielsweise sagen:

"Ich habe Messerschlucker und Feuerfresser gesehen, noch nie aber einen Mann, der so geschickt auf der Schneide des Schwertes tanzte."

Dem ausersehenen Historiker lässt er die Selbstreflektion äußern:

"Ich entnahm all dem, dass unter den mächtigen Herren in der Umgebung König Salomos gewisse Differenzen bestanden und das es für einen Außenstehenden ratsam sei, sich in diesem Kreis mit äußerster Vorsicht zu bewegen."

Aber der Auftrag des Salomo lautete:

"Und soll besagter Bericht für unsere und alle kommenden Zeiten EINE WAHRHEIT aufstellen und dadurch ALLEN WIDERSPRUCH UND STREIT ein Ende setzen, ALLEN
UNGLAUBEN"

Angesichts dieses Auftrages reflektiert der ausersehene Historiker:

"Das ist wahrhaftig ein Weiser, der in Erkenntnis der Gefahren des Weges es vorzieht, in seiner Hütte zu bleiben. Das ich aber mehrere jüngere Kollegen empfehlen könnte, sämtlich bei besserer Gesundheit als ich und von biegsamerer Denkungsart, gerade also was gebraucht würde zur Abfassung von Büchern, die EINE WAHRHEIT enthalten und ALLEN WIDERSPRUCH UND STREIT ein Ende setzen sollten. Da wurde mir klar, dass der König Salomo alles bedacht hatte und dass es nicht möglich war, mich seiner Gunst zu entziehen. Ebenso erkannte ich, dass die Sache böse für mich enden mochte, wie es so manchem Schriftgelehrtem geschehen war, dem man den Kopf abschlug und den Rumpf an die Stadtmauer nagelte, dass ich andererseits aber auch fett dabei werden und prosperieren könnte, wenn ich nur die Zunge hütete und meinen Griffel weise benutzte. Mit einigem Glück und mit Hilfe unseres HErrn Jahweh mochte es mir sogar gelingen, ein Wörtchen hier und eine Zeile dort in den König-David-Bericht einzufügen, aus denen spätere Generationen ersehen würden, was wirklich in diesen Jahren geschah "

Nachdem der angeforderte Geschichtsbericht erstellt war, lässt Heym die Geschichte mit den Worten fortfahren:

"Benaja ben Jehojada trommelte mit den Fingern auf seinem Knie, und Josaphat ben Ahilud schluckte, als wäre ihm etwas Klebriges in der Kehle steckengeblieben; nur Zadok, der Priester, strahlte vor Zufriedenheit über das ganze ölige Gesicht. 'Nun', fragte der Prophet Nathan ein wenig unsicher, 'ist etwas zu bemängeln an dem Bericht?'"

Der Autor wurde zur Rechenschaft aufgefordert. In einem privaten Gespräch mit seiner Frau umreißt er die Sachlage mit den Worten:

"Ich berichtete ihr dann von den verschiedenen Arten von Wahrheit, und von den Meinungen der Mitglieder der Kommission, und von den Entscheidungen, die getroffen wurden. Da gibt es Parteien und Parteien innerhalb der Parteien, und die Kommission selber ist gespalten, so dass ein Autor wie ein Vogel ist während der großen Flut, der nicht weiß, wo er sich niederlassen soll.
Und Jonathan sagte zu mir: Um zu herrschen, darfst du nur ein Ziel sehen - die Macht. Darfst du nur einen Menschen lieben - dich selbst. Sogar dein Gott muss ausschließlich dein Gott sein, der ein jedes deiner Verbrechen rechtfertigt und es mit seinem heiligen Namen deckt."

Die Geschichte nahm, wie man unschwer erkennen kann, einen tragischen Ausgang. Heym referiert ihn mit den Worten:

"'Wer braucht Zeugen?'
Wiederholte Benaja grimmig. 'Geständnisse haben wir in der letzten Zeit überreichlich. Wir erheben Anklage gegen jemand wegen Denkens unerlaubter Gedanken. Bekennst du dich schuldig, im Sinne der Anklage, des Hochverrats, begangen in Rede und Schrift durch die Einstreuung von Zweifeln und unerwünschten Gedanken und ruchlosen Auffassungen sowie durch Verkleidung besagter Zweifel und besagter unerwünschter Gedanken und besagter ruchloser Auffassungen in eine Sprache, welche sich harmlos gibt und dem Auge des HErrn wohlgefällig?"

"Darum nun verurteile ich, Salomo, der Weiseste der Könige, kraft der durch den Mund des HErrn mir verliehenen Macht den genannten Ethan ben Hoshaja zum Tode. Da der leibliche Tod des Angeklagten nicht angebracht erscheint, indem er nämlich übelmeinenden Menschen Anlass geben könnte zu der Behauptung, der Weiseste der Könige, Salomo, unterdrücke Gedanken, verfolge Schriftgelehrten, und so fort, und da es gleich ungünstig erscheint ihn in unsere Gruben oder Steinbrüche zu verschicken darum soll er zu Tode geschwiegen werden. Keines seiner Worte soll das Ohr des Volkes erreichen."

Bettel-Ode


ZurIndexseite