Anthroposophie


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 12. Mai 2005 14:50:37:

Die „Anthroposophie" (Gründer Rudolf Steiner), den der Nazipublizist Gregor Schwartz-Bostunitsch einmal als einen „Schwindler wie keinen" bezeichnete, ist für Jehovas Zeugen in der Regel kein Thema (was auch nicht weiter zu bedauern wäre). Man mag lediglich noch hinzufügen, dass sie in gewisser Hinsicht eine Art „esoterischer Gegenentwurf" zu den Zeugen Jehovas darstellt. Gelegentlich gab es auch in diesem Forum schon mal solch einen Anthroposophie-Jünger, der von mir aber alsbald gestoppt wurde, und wo ich auch keinen „Wert" auf ein Wiedererscheinen lege.
Den Gegenentwurf der Anthroposophie sehe ich insbesondere in dem Umstand, dass es zu den Grundsatzthesen der Zeugen Jehovas gehört, eine weiterlebende „Seele" zu verneinen.

Hier nun setzt der Gegenentwurf der Anthroposophie ein. Alles was Russell und Nachfolger unter dem Stichwort „Spiritismus" ablehnen. Genau das sucht die Anthroposophie zu „kultivieren". Charakteristisch dafür auch der Titel eines der Steiner-Bücher: „Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten?".

Ihren „Start" hatte die Anthroposophie im wesentlichen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Vorgängerstationen „Theosophie" jetzt mal ausklammernd. Ein Industrieller, Waldorf. Raucher (was Zeugen auch nicht sind) wissen mit diesem Namen schon was anzufangen. Marke Waldorf-Astoria. Besagtem Industriellen ist es wesentlich zuzuschreiben, dass man noch heute von Anthroposophie spricht. Namentlich das er das Schulkonzept des Steiner aktiv beförderte. Den Begriff Waldorfschulen wird sicherlich der eine oder andere schon gehört haben, auch wenn er sonst nicht allzuviel mit dieser Richtung am Hut hat. Und über diese Schiene (das eigene Schulwesen) reproduziert sich die Anthroposophie eben wesentlich. Man braucht nur den Namen des Innenminister Otto Schily zu nennen; dann hat man ein Beispiel eines solch absolvierten schulischen Weges vor sich.

Es gibt sehr wohl zum Waldorf-Schulwesen auch einiges kritisches zu sagen. In einigen Büchern des Alibriverlages beispielsweise, kann man sich darüber sachkundig machen.

Auch die Hitlerzeit hinterließ ihre „Blessuren" bei der Anthroposophie. Noch heute spielen Argumente aus dem diesbezüglichen Konfrontations-Fundus eine gewisse Rolle. Sie sollen hier übergangen werden. Wer da näheres wissen will, sei auf das Schrifttum des schon genannten Alibri-Verlages verwiesen.

Weshalb diese lange Vorrede und warum überhaupt. Diese Frage mag berechtigterweise auftauchen. Nun, gelegentlich hatte ich hier schon mal Buchrezensionen eine Mailingliste für historisch Interessierte zitiert. Das betraf auch Bücher im Zeugen Jehovas-Kontext. Jetzt hat nun diese Mailingliste auch eine kritische Würdigung einer Buches zum Thema Anthroposophie veröffentlicht. Mir zumindest, erscheint sie Archivierungswürdig. Deshalb sei sie nun nachstehend, kommentarlos zitiert:

Ravagli, Lorenzo: Unter Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie.
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2004. ISBN 3-7725-1915-6; 392 S.;
EUR 25,80.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Helmut Zander, Institut für Geschichtswissenschaften,
Humboldt-Universität Berlin

In den vergangenen Jahren ist eine Debatte über rassistische Äußerungen im Werk Rudolf Steiners (1861-1925), des Begründers der Anthroposophie, aufgebrochen [1]. In diesen Kontext gehört eine Publikation des Anthroposophen Lorenzo Ravagli, die die Angriffe auf Steiner umdreht: Ravagli untersucht die Kritik völkischer Gruppen an der Anthroposophie.

Das völkische Milieu um 1900 ist inzwischen recht gut kartiert [2], aber auch hier gibt es noch weiße Flecken, und zwei davon erkundet Ravagli: Zum einen trägt er viel Material zum esoterischen Segment der völkischen Rechten zusammen, das man zumeist nur mit der Ariosophie von Adolf Josef Lanz („Lanz von Liebenfels") kennt. Ravagli zeichnet hier vor allem die Umrisse der noch kaum bekannten völkischen Theosophie und der „Ariogermanen"-Lehre Guido Lists nach. Zum anderen dokumentiert Ravagli die Konflikte innerhalb der völkischen Szene, über die die bislang vorliegenden Publikationen relativ wenig berichten. In diesem, dem spannendsten Teil seines Buchs, sind die Angriffe auf die Anthroposophie und auf Rudolf Steiner nachgezeichnet, wie sie etwa Hitler, sein publizistischer Mitstreiter Dietrich Eckart oder Hindenburg lancierten.

Ravagli eröffnet damit einen instruktiven Einblick in die innere Differenzierung und die Spannungen der völkischen Bewegungen, die mangels detaillierter Forschungen oft homogener erschienen, als sie in Wirklichkeit waren. Ravagli kann zeigen, dass Anthroposophen von vielen völkischen Gruppen nicht als Gleichgesinnte, sondern als Gegner
betrachtet wurden, weil ihnen die Anthroposophische Gesellschaft als jüdisch unterwandert, freimaurerisch und internationalistisch galt. Dabei wurde die Anthroposophie fraglos übel diffamiert.

In Ravaglis Ausführungen wird deutlich, dass die Anthroposophie nicht umstandslos zur „rechten" Esoterik gehört, wohin sie von vielen Kritiker aufgrund von Steiners rassistischen Äußerungen gestellt wird; er mahnt hier zu Recht Differenzierungen an. Allerdings ist dies nur eine Dimension des Verhältnisses der Anthroposophie zu ihren Gegnern. Ravagli benennt zwar die Unterschiede der Anthroposophie zu diesen völkischen Esoterikern, er dokumentiert Steiners Kritik an ihnen, aber Berührungen und Überschneidungen im Denken Steiners marginalisiert er. Dessen Rassentheorien kommen kaum vor und werden schon gar nicht kritisch analysiert. Kritiker, die das tun, sind für ihn vielmehr „bedauerliche Irrläufer" der Wissenschaft mit „schielendem Blick" (S. 343).

So entsteht ein Bild, in dem Steiner als Lichtgestalt auf der guten Seite steht, der als Kämpfer „gegen Autoritätsglauben" (S. 280) und gegen den Nationalismus (S. 333) erscheint. Auf der anderen Seite sieht Ravagli die völkischen „Pseudotheosophen" und die „Pseudoesoteriker" (S. 269. 297): Helena Petrovna Blavatsky zeiht er des Antijudaismus und Hugo Vollrath wird zur „zwielichtigen Schlüsselfigur" (S. 283, 288). Über Steiners Antijudaismus, seine autoritären Führung, seine Völkerstereotypen oder seine Demokratiekritik verliert Ravagli kein kritisches Wort. Aufgrund dieser fehlenden Ambivalenz in der Deutung Steiners fällt ein fahles Licht auf Ravaglis Materialsammlung: Sie hat auch die Funktion eines apologetischen Unternehmens, um Steiner in hellem Glanz erscheinen zu lassen.

Ein weiteres Problem liegt in Ravaglis Deutungsrahmen. Er hat zweifelsohne viel Material zusammengetragen, aber dessen Arrangement erfolgt weitgehend ohne Kontakt mit der wissenschaftlichen Diskussionskultur. Von den einschlägigen wissenschaftlichen Werken
werden zwar einige genannt, aber eine Auseinandersetzung mit Interpretationsproblemen unterbleibt, theoretische Probleme kommen nicht in den Blick. Das muß man von einem Buch dieses Zuschnitts auch nicht verlangen, aber wer die wissenschaftliche Literatur kritisiert, muß sich auch mit ihr auseinandersetzen.

Doch auch die anthroposophische Literatur wird nicht intensiv verwertet. Seit 2003 liegt eine – von Ravagli punktuell benutzte – Zusammenstellung der Auseinandersetzung Steiners mit seinen Gegnern zwischen 1919 und 1922 vor, besorgt von der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung [3]. Die völkische Szene macht zwar nur einen kleinen Teil der hier dokumentierten Auseinandersetzungen aus, aber der Band ermöglicht es, die Angriffe der völkischen Autoren in den Kontext einer viel weitergehenden Auseinandersetzung zu stellen, in die sich Steiner in der Weimarer Republik gestellt sah. Dieser Band ist für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Anthroposophie und ihrem Umfeld aus einem weiteren Grund wichtig. Die umfangreiche und gehaltvolle Kommentierung belegt, daß man sich im Steiner-Archiv aus der werkimmanenten Deutung von Steiners Oeuvre löst. Dabei sind auch Steiners Gegner durchweg fair dargestellt, so dass man den Eindruck gewinnt, dass im Dornacher Archiv die Weichen für eine offenere Debatten gestellt werden. Schließlich besitzt dieses Buch nicht die handwerklichen Mängel, unter denen Ravaglis Buch leidet: Eine
Abkürzungsliste (etwa mit den Archivkürzeln) fehlt und auch ein Register für Ravaglis reichhaltige Materialsammlung.

Anmerkungen:
[1] Bader, Hans-Jürgen; Ravagli, Lorenzo; Leist, Manfred, Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit. Anthroposophie und der Antisemitismusvorwurf (12001), Stuttgart 32002; Zander, Helmut, Anthroposophische Rassentheorie. Der Weltgeist auf dem Weg durch die Rassengeschichte, in: Schnurbein, Stefanie von; Ulbricht, Justus H. (Hgg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe „arteigener" Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende, Würzburg 2001, S. 292-341.
[2] Puschner, Uwe; Schmitz, Walter; Justus H. Ulbricht (Hgg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung" 1871-1918, München 1996; Schnurbein, Stefanie von; Ulbricht, Justus H. (Hgg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne (s. Anm. 1); Puschner, Uwe, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion, Darmstadt 2001.
[3] Steiner, Rudolf, Die Anthroposophie und ihre Gegner. Vorträge – Schlußworte – Mitteilungen – Richtigstellungen. November 1919 bis September 1922. Dokumentarischer Anhang (Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Bd. 255b), hg. v. Alexander Lüscher u. Ulla Trapp, Dornach 2003.



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