Und nun?


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Prometeus am 26. März 2005 13:47:10:

Also, was genau ist denn passiert? Das Berliner Oberverwaltungsgericht hat konsequent gehandelt und den Zeugen Jehovas nach 15 Jahren juristischem Geplänkel den Status einer „Körperschaft öffentlichen Rechts“ zuerkannt. Ein Status den die zahlenmäßig unterlegenen Baptisten und Methodisten schon seit 75 Jahren besitzen, den die Mormonen und Neuapostolen, die ähnliche totalitäre Strukturen aufweisen auch schon lange besitzen, den die diversen Islamistenvereine auch für sich einzuklagen beabsichten und den die beiden Großkirchen in Deutschland am liebsten für sich exklusiv beanspruchen würden (trotz innerkirchlicher Sekten wie „Opus Dei“, Engelwerk und Marienkinder).

Bischof Huber als Vertreter einer der beiden Großkirchen betreibt Richterschelte und meint, die Anerkennung einer „Sekte“ sei „der falsche Schritt“, dem Umstand nicht Rechnung tragend, dass der Unterschied zwischen einer Weltreligion und einer Sekte ausschließlich in der Anzahl der Mitglieder auszumachen ist. Hätten „Universelles Leben“ oder „Scientology“ eine Milliarde Mitglieder, wären sie ebenfalls wie der Islam anerkannte Weltreligionen mit allen zugehörigen Privilegien.

Die Zeugen Jehovas ihrerseits feiern ihren „Sieg“, betriebsblind nicht erkennend, dass sie nun endlich Teil des von ihnen vehement bekämpften „Babylons der Großen“ geworden sind. War noch gestern mit „Religion“ alles „Satanische“ verbunden (Buchtitel: Was hat die Religion der Menschheit gebracht?) so will man heute nichts sehnlicher als selbst endlich als „Religion“ anerkannt zu werden um das Sektenimage loszuwerden. Obwohl kaum zu erwarten ist, dass die Zeugen nun ihre Funktionäre verbeamten und bei ihrer Klientel Kirchensteuer eintreiben lassen, so können sie sich doch auf fiskalische Vorzugsbehandlung, ergo Steuerbefreiung und staatliche finanzielle Zuwendungen direkter und indirekter Art (z.B. können Bußgelder und strafweise auferlegte gemeinnützige Arbeit kirchlichen Hilfsorganisationen zugute kommen) freuen. So wird die freiwillige Mitarbeit beim „Königreichssaalbau“ in Zukunft gemeinnützige Arbeit sein, die mit Kost und Logie entlohnten und nicht sozialversicherten Mitarbeiter in der Zeugen -Zentrale in Selters gelten in Zukunft als Ordensangehörige und das Strafmandat fürs Falschparken kommt dem Flutopferhilfswerk der Zeugen zugute.

Und was tut unsere Bundesregierung mit leeren Kassen angesichts solch bedenklicher Entwicklungen? Nichts. Grüne Politiker fordern einen „flächendeckenden islamischen Religionsunterricht“ anstatt dem Verfassungsauftrag der Trennung von Kirche und Staat Folge zu leisten und konsequenterweise stattdessen einen integierungsfördernden Pflicht- Ethikunterricht (z.B. LER) einzufordern. Was tut unsere Opposition? Nichts. Statt die gespielte Empörung über die Anerkennung von „Sekten“ dazu zu verwenden um diesen anachronistischen, fragwürdigen und weltweit einmaligen Status (KdöR) generell zu hinterfragen und abzuschaffen (wenigstens von der FDP sollte man das erwarten) brachte die CDU/CSU einen (bislang noch erfolglosen) Antrag zur Verschärfung (!!!) des Gotteslästerungsparagraphen 166 StGB ein, mit dessen Hilfe Kritiker an den institutionellen Kirchen und Religionen mundtot gemacht werden sollten.

Was tun die weltlichen und klerikalen Sektenbeauftragen, was tun die Selbsthilfegruppen Sektengeschädigter? Sie zerfließen in Selbstmitleid und schimpfen über die „uneinsichtigen“ Richter, die die bösen Sekten angeblich hoffähig machen, anstatt sie doch bitteschön zu verbieten. Anstatt die Energien zu bündeln um auf demokratische Weise auf Abschaffung der staatlichen Alimentierung der Religionsgemeinschaften zu drängen, werden Partikularinteressen gepflegt, die weitgehend vom Besitzstandsicherungsgedanken (kirchliche Sektenbeauftragte) geprägt sind. Immerhin erhalten die Großkirchen noch immer „Entschädigungszahlungen“ für Säkularisierungen aus napoleonischen Zeiten, unabhängig davon wie die „entschädigten“ Besitztümer überhaupt in kirchlichen Besitz gelangten.

Spricht man mit Abgeordneten aller Coleur über die Problematik, dass staatlich finanzielle Begünstigungen von Religionsgemeinschaften verfassungswidrig sind, da sie ja nicht allen Bürgern zugute kommen, so wird man belehrt, dass es für Änderungen am gegenwärtigen Zustand keine parlamentarische Mehrheiten gäbe, als ob das je ein Verfassungsgericht geschert hätte. Kein Wunder, sind doch die Vorstandsetagen von Caritas und Diakonie voll von abgehalfterten Politikern aller Art.

Statt Richterschelte zu betreiben fordere ich daher:

- Abschaffung des Status der Körperschaft öffentlichen Rechts für alle Religionsgemeinschaften. Religion hat Privatsache zu sein.

- Beendung aller staatlicher finanzieller Zuwendungen an Religionsgemeinschaften, da diese nicht allen Bürgern zugute kommen.

- Einführung eines verpflichtenden Ethik- und Religionskundeunterrichtes an öffentlichen Schulen an Stelle des konfessionellen Religionsunterrichts.

- regelmäßige gerichtliche Überprüfung aller Glaubensgemeinschaften im Hinblick auf Verfassungstreue und Einhaltung der Menschenrechte.


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