Re: WT Februar 1945 (Vor sechzig Jahren)


Rund ums Thema Zeugen Jehovas

Geschrieben von Drahbeck am 02. Februar 2005 07:04:46:

Als Antwort auf: Re: „Trost" 15. 1. 1945 (Vor sechzig Jahren) geschrieben von Drahbeck am 16. Januar 2005 00:55:04:

Nachdem der von den Adventisten inspirierte Russell, sich mit ihnen überworfen hatte, indem er nicht mehr mit Adventisten direkt zusammenarbeitete, sondern in bewusster Konkurrenz seine Zeitschrift "Zions Wachtturm" eröffnet hatte. Nachdem es ihm gelang, dieses Projekt zu stabilisieren, stellte sich letztendlich die Frage "wohin denn die Reise gehen soll". Für's erste war es mal so, dass versucht wurde, die Leserkreise enger aneinander zu binden. Besonders in Band sechs seiner "Schriftstudien" nahm Russell auch zu organisatorischen Fragen Stellung. Sich in Kontinuität zum "Urchristentum" wähnend, wurde darauf orientiert, dass solche Leserkreise dann aus ihren Reihen "Älteste" erwählen mögen. Seinen eigenen Part sah Russell dabei aber weiterhin darin, sozusagen den Lese- und Studienstoff für solche sich bildende Versammlungen zu liefern.

Schon Russell musste erfahren, solch relativ freizügige Gruppen sind nur schwer kontrollierbar und "fest an der Leine" zu halten. Solange noch eine gemeinsame ideelle Grundlage bestand, etwa dem hinfiebern auf 1914, mag das noch einigermaßen gelaufen sein, zumal Russell als Autorität weitgehend anerkannt wurde. Aber in dem Moment, wo diese Fiebererwartung brüchig wurde, lief auch das was organisatorisch sich da gebildet hatte Gefahr, wieder auseinanderzubrechen. Das sollte allerspätestens offenbarwerden, als die Rutherfordadminstration in den Wirren des Weltkrieges, sich im Gefängnis wiederfand.

Schon davor hatte auch Russell ähnliches erfahren müssen. Etwa, als die Anfänge der Bibelforscherbewegung in der Schweiz, die sich um die Zeitschrift "Die Aussicht" scharten, zu dem Schluss kamen. Russell sagt uns interessantes. Aber ein Papst kann er deshalb noch lange nicht für uns sein. Das Schisma in der Schweiz stellte sich dann auch prompt ein. Noch war man aber bereit, im Sinne Russell's dem Jahre 1914 zuzufiebern. Als dessen Ursprungserwartungen endgültig auf dem Geschichtsmüll landeten, war auch diese Bereitschaft zusehends erloschen.

Rutherford erkannte, er könne auf keinen "grünen Zweig" kommen, lasse er diese relative Freizügigkeit weiter bestehen. Neben neuen ideellen Anreizen - etwa 1925 - orientierte er deshalb je länger, je mehr, auf die Diktatur. Hatte etwa ein Hitler der Demokratie auch den Totenschein erstellt, indem er den "Führerkultus" inszenierte, so tat Rutherford es ihm gleich. Seine (auch persönliche) Diktatur lief unter der Vokabel "Theokratie". Ende der dreißiger Jahre war dieses Ziel weitgehend erreicht. Die "Wahlältesten" waren abgeschafft, die WTG hatte die alleinige Bestimmungsmacht erreicht.

Von Zeit zu Zeit fordern Diktaturen zu Widerstand heraus; besonders dann, wenn ihr Stern zu sinken beginnt. Das sollte auch ein Hitler beispielsweise am 20. 8. 1944 erfahren. Wäre sein "Stern" nicht so selbst für Blinde sichtbar, ins sinken geraten, wäre es möglicherweise nicht dazu gekommen. Es ist ein, man kann schon fast sagen "Naturgesetz", dass gegen jede Diktatur, sich früher oder später Widerstand formiert. Der Widerstand mag vielleicht vom Erfolg gekrönt sein. Ebenso denkbar ist aber auch, dass er gnadenlos niedergeknüppelt wird. Vieles ist dabei von Zeit und Umständen abhängig. Diktaturen sind realistisch genug, mit solchen Optionen zu rechnen. Deshalb setzten sie ja als "Lebensversicherung" bewusst auch auf Polizeistaatliche Elemente. Je schwächer sie sich selbst fühlen, um so ausgebauter auch ihr Terrorapparat.

Auch die WTG-Organisation ist nüchtern betrachtet eine Diktatur. Etlichen sich regenden Widerstand vermochte sie bis heute zu unterdrücken. Ihre Manager sind sich aber im klaren darüber, dass sie letztendlich keine Sicherheit haben werden. Das von Zeit zu Zeit neue Anlässe auch neuen Widerstand zu formieren vermögen. In solchen Situationen das Schiff "fest in der Hand" zu haben, ist ihr Bestreben. Und man "lernt" im laufe der Zeit dazu. Wie man das alles noch "geräuschloser" über die Bühne bringt. Es ist zwar nur ein kleines Detail. Gleichwohl von nicht unwesentlicher Bedeutung. Die "Wachtturm"-Ausgabe vom Februar 1945 berichtet darüber, wie die WTG ihre interne Auschlusspraxis weiter vervollkommnete.
Man liest darin:

"In der Vergangenheit sind diese Worte … so gedeutet worden, daß da, wo sich jemand in einer Gruppe gegen ein anderes Glied der Gruppe verfehlt, die Sache, nachdem man alle gebührenden Versuche zur Aussöhnung gemacht habe, anläßlich einer Versammlung der ganzen Gruppe vorzulegen sei. Dort solle sie besprochen und diskutiert werden. Hernach solle dadurch eine Abstimmung erfolgen, daß gemäß demokratischen Abstimmungsmethoden jedes Glied der Gruppe die Hand erhebe. Die Gruppe solle so ihren Beschluß kundtun in bezug auf das, was mit dem als schuldig Befundenen zu geschehen habe.
Daß den Worten des Herrn dieser Sinn beigemessen wurde, hat aber in verflossenen Zeiten mehr Hader und Zwiespalt unter den Gruppen hervorgerufen als fast alles andere."


Die neue Parole des Wachtturms lautet daher: Geräuschloser agieren.
Daher weiter, so der Wachtturm:
"Wenn eine gewisse Handlungsweise sich zu einem Fehlschlage auswirkt, so ist es klug und an der Zeit, das Verfahren und die Methoden zu prüfen, die bisher angewandt wurden, um nachzuforschen, ob sie schriftgemäß seien oder nicht.
Es muß uns stets klar sein, daß die Organisation des Volkes Gottes theokratisch und nicht demokratisch ist."

Daher die neue Anweisung des "Wachtturms":
"Die zu klärende Angelegenheit soll nicht vor der ganzen Gruppe durchgesprochen werden, damit diese das Urteil spreche, und sie soll auch nicht die Zeit und das Sinnen eines jeden einzelnen in Anspruch nehmen. In aller Stille soll sie den Gliedern der Versammlung oder Gruppe vorgelegt werden, welche sie vertreten, denen, die dazu gesetzt sind, die Verantwortung für das geistige Wohl der Brüder zu tragen und ihren Dienst vor dem Herrn zu leiten."


ZurIndexseite