Annotationen zu den Zeugen Jehovas

Der Herr von Natzmer

Ein Herr Gert von Natzmer, mutmaßlich legte er wohl auf das Wörtchen "von" besonderen Wert, veröffentlichte im Jahre 1958, also doch wohl noch zur Hochzeit des politischen kalten Krieges zwischen Ost und West, ein Buch betitelt: Die geistigen Mächte unseres Jahrhunderts". Quer Beet referiert er da über Religionen und Ideologien. Bemerkenswerterweise kommen auch die Zeugen Jehovas in seiner Abhandlung mit vor.

Mit Leuten, die sich "von" nennen und zu allem Überfluss auch noch dazu "berufen" fühlen, über die Zeugen Jehovas zu referieren, habe ich schon so meine Erfahrungen gesammelt. Nicht unbedingt der erfreulichen Art. Ich denke da besonders an einen weiteren "von", aus der Nazizeit. Den Dr. Hans Jonak von Freyenwald. Es scheint mir sogar eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen diesen beiden "von" zu bestehen; dergestalt, dass sie da wähnen was "besseres" zu sein, und sich nicht genug daran tun können, auf den nach ihrer Meinung "Pöbel" verächtlich herabzublicken.

Diesen Herrschaften ist allerdings eine grundsätzliche Einsicht entgangen. Die Einsicht, dass schon im Urchristentum es die "Mühseligen und Beladenen" waren, die sich von den damaligen "Flötentönen" angesprochen fühlten. Eine Zeitreise unternehmend, könnte ich mir diesen Herrn von Natzmer zur Zeit des Urchristentums, sehr wohl als gestandenen Pharisäer vorstellen. Die dazu notwendigen Eigenschaften hat er mit Sicherheit. Es ist eben ein "von", für den Sensibilität offenbar ein Fremdwort ist.

Die Ausführungen dieses Herrn von Natzmer über die Zeugen Jehovas, sollen nicht deshalb einmal näher vorgestellt werden, weil ich sie so "toll" fände. Eher ist wohl das Gegenteil der Fall. Eines scheint mir jedoch an ihnen deutlich ablesbar zu sein. Sie sind ein Musterbeispiel, wie die Arrivierten, eben die "von" glauben auf den "Pöbel" verächtlich herabblicken zu können.

Möglicherweise wäre Herr von Natzmer auch der geborene Latifundienbesitzer in Südamerika (als Beispiel mal). Überheblich genug ist er jedenfalls. Sicherlich war Herr von Natzmer keine unbedeutende Persönlichkeit. Ablesbar auch daran, dass in der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek ein Nachlass von ihm verwahrt wird. Dieser Tatbestand indes kann vorstehende Kritik damit nicht beseitigen.

Besagter Herr "von" schrieb:

Aus den Adventisten sind die Zeugen Jehovas (Ernste Bibelforscher), eine stark vergröberte Neuauflage jener, hervorgegangen. Ihr Gründer Ch. T. Russell (1852 bis 1916) und sein Nachfolger J. F. Rutherford (gest. 1942) hatten sich kein geringeres Ziel gesetzt, als den göttlichen Weltplan bis in seine letzten Einzelheiten zu enthüllen. Er ist nach ihrer Auffassung, zwar wunderlich verschlüsselt, in der Bibel niedergelegt. Ihre "Bibelforschung" soll diesen göttlichen Plan, der profanen Lesern bis dahin verborgen geblieben war, endlich entschleiern. Die Bibel wird hier zu einem in einer Geheimsprache abgefaßten Orakelbuch samt und sonders auf gegenwärtige und künftige Geschehnisse hinweisen. Das Ergebnis dieser weitschweifigen und phantastischen "Forschungen" sei hier kurz zusammengefaßt. Demnach wäre die eigentliche Menschheitsgeschichte bereits seit dem Jahre 1874 abgelaufen, und nach einem Zwischenstadium von vierzig Jahren hätte im Jahre 1914 das Tausendjährige Reich begonnen. Nachdem verschiedene Prophezeiungen nicht eingetroffen waren, begnügt man sich mit der Feststellung, dass das Friedensreich "bald" sichtbare Gestalt annehmen werde. Vorher müssen jedoch alle Ungläubigen in einem furchtbaren Blutbad durch "Jehovas Hinrichtungsheere" für alle Zeit ausgetilgt werden. Einzig jene Menschen, die sich rechtzeitig in den Schutz der "Theokratischen Organisation Jehovas" begeben hatten, können dem Gemetzel entgehen. Wenn dieses Reinigungswerk vollbracht ist, sollen alle seit der Schöpfung gestorbenen Menschen für eine kurze Prüfungszeit noch einmal erweckt werden. Wer diese Prüfung besteht, wird in das Reich Jehovas aufgenommen, alle anderen werden ausgelöscht, als wären sie niemals gewesen. Nunmehr kann sich die Erde in ein Paradies verwandeln, das ewig dauern wird. Es ist dies ein durchaus irdisches Paradies, gleichsam ein Schlaraffenland, ausgestattet mit allen Errungenschaften modernster Technik, die ein angenehmes Leben verbürgen. Nur einige Auserwählte unter den Zeugen - nämlich hundertvierundvierzigtausend - werden in eine höhere Sphäre, das himmlische Königreich, eingehen. Die verwandelte Erde wird dann von den wieder erschienenen biblischen Patriarchen regiert werden. In Kalifornien wurde ihnen schon eine Residenz erbaut: vorläufig dient sie dem gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigung und seinem Stab als Erholungssitz.

Diese Sekte hat das Christentum zu einem wüsten Zerrbild entstellt. Sie wurde hier ausführlicher erwähnt, weil sie einen Blick in eine Unterwelt archaisch-primitiver, religiös verbrämter Ideologien gewährt, von deren Dasein nur wenige wissen - es sei denn, dass man sie mitleidig-ironisch verharmlost: Tatsächlich sind hier chaotische Mächte am Werk, die sich auch anderwärts regen. Vor allem in manchen heute erwachenden Völkern am Rande der abendländischen Zivilisation verschaffen sie sich in zahllosen neuen Sekten und Bünden Geltung. Auch die Gefolgschaft der Zeugen Jehovas rekrutiert sich vorwiegend aus solchen Randbewohnern unserer Zivilisation, mögen sie räumlich auch in unserer Mitte leben, nämlich zu einem guten Teil aus seelischen und oft auch physischen Krüppeln oder in anderer Hinsicht Enterbten. Der Propagandaapparat dieser Sekte umspannt gleich einem Netzwerk die ganze Erde. Er unterhält Zweigniederlassungen in fast allen Ländern, die alljährlich mit vielen Millionen Werbeschriften überschwemmt werden. Alle Fäden dieser Organisation laufen in einer Zentrale (Brooklyn, USA) zusammen, die dort unter der diktatorischen Führung ihres von einem kleinen, jeder Kontrolle entzogenen Gremium erwählten Präsidenten alle Aktionen leitet. Seine Anordnungen und Verkündigungen haben Offenbarungsrang. Wer sich ihnen nicht in schweigenden Gehorsam unterwirft, empört sich damit gegen Gott und ist ein Jünger Satans. Zu den Pflichten, die jedes Mitglied übernimmt, gehört restloser Einsatz im Dienst der Propaganda. Dieser "Felddienst" ist bereits Dienst für das noch unsichtbare Königreich. Alle gegenwärtigen Staaten und ihre Lebensordnungen gelten dagegen als Satanswerk. Von ihnen muß sich der Zeuge Jehovas fernhalten. Unaufhörlich wird ihm eingeschärft, dass ihre Veranstaltungen nur das eine Ziel haben, die "Theokratische Organisation" zu vernichten. Viele Angehörige dieser Sekte leben daher im Zustand eines permanenten, dauernd genährten Verfolgungswahns. Die Verweigerung des Militärdienstes durch die Zeugen Jehovas erfolgt keineswegs aus christlich-pazifistischer Gesinnung: können sich die Schriften der Sekte nicht genug tun, die Schrecknisse der großen Endschlacht wollüstig und in ekelerregender Weise auszumalen. Diese Massenbewegung in den Niederungen der heutigen Gesellschaft harrt noch einer längst fälligen tiefenpsychologischen Untersuchung.

Eine auch in Europa verbreitete Abspaltung der Zeugen Jehovas (Gruppe um F. L. A. Freytag) sieht ihre Hauptaufgabe darin, schon heute Modelle des kommenden Paradieses nach Art der Generalstabsplanungen zu entwerfen. Jeder ihrer Anhänger soll nämlich von vornherein wissen, wie er den ihm dort zugewiesenen Platz auszufüllen hat. Der Führerkult dieser und ähnlicher Sekten - er ist ihr Wesensmerkmal - hat die Kehrseite, dass sich immer wieder Gruppen bildeten, die neuen Propheten folgten. Dies gilt für die Zeugen Jehovas ebenso wie für andere Gemeinschaften.

Gerhart Hauptmann Der Narr in Christo Emanuel Quint

Jonak

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