Erich Schairer - Sonntagszeitung
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 25. März 2011 06:43
Erich Schairer
Sonntagszeitung
Im "Goldenen Zeitalter" gelesen . Eine Zeitreise

Da hatte offenbar die in Stuttgart erscheinende "Die Sonntags-Zeitung" das Gefühl, der Bibelforscher-Prozess tangiert (indirekt) auch die eigenen Interessen (zumindest zu damaliger Zeit). Folgerichtig veröffentlichte sie in ihrer Ausgabe vom 4. 7. 1926, dazu einen für die Bibelforscher durchaus wohlwollenden Kommentar. Der wiederum (man ahnt es schon) wurde stolzgeschwellt auch von der Schweizer Ausgabe des GZ (1. 8. 1926) nachgedruckt. In ihm liest man:

"In Magdeburg hat im Mai die "Internationale Vereinigung ernster Bibelforscher" ihre Generalversammlung für Deutschland gehabt. Sie soll von rund 15.000 Personen besucht gewesen sein. Ein Zeichen, wie stark diese Bewegung, die (wie viele anderen religiösen Strömungen) ihren Ursprung in Amerika hat, allmählich auch bei uns geworden ist.
Die ,.Bibelforscher" nehmen im Unterschied von den christlichen Kirchen die Bibel ernst, haben also jedenfalls mehr Recht, sich als Christen zu bezeichnen, als die sogenannten Christen in der Kirche. Sie verwerfen u. a. den Krieg mit großer Bestimmtheit, da nach ihrer sehr zu billigenden Meinung "niemals das Blut des Volkes fließen darf, um die Interessen der Politiker, Militaristen, Finanz- oder Religionsfürsten zu schützen". Deshalb sind sie der Kirche ein Dorn im Auge, die bekanntlich die Bibel nicht ernst nimmt und den Krieg, wenn es ihr paßt, beschönigt, sogar predigt.
Die "christliche" Kirche tut also, was sie kann, um den "Bibelforschern" Abbruch zu tun.

Auf ihrer Magdeburger Versammlung haben die Bibelforscher einen Protest gegen die Verfolgung der Anhänger ihrer Weltanschauung, vor allem ihres Führers Paul Balzereit, erhoben. Sie erklären darin solche Verfolgung für unvereinbar mit der Religionsfreiheit in Deutschland; womit sie recht haben. Sie erklären, daß kein irdisches Gericht entscheiden könne, wer "die Kirche" im Sinne Christi sei und bestreiten, daß die offiziellen Bekentniskirchen mit jener Kirche identisch seien; worin sie ebenfalls Recht haben.
Sie behaupten ferner, und zwar wieder mit vollem Recht, daß "die Geistlichkeit der ganzen Welt seit langer Zeit dem Volke Irrtum gebracht" habe.
Da es den Vertretern der offiziellen Kirchen offenbar schwer fällt, die ,,Bibelforscher" aus der "Schrift" zu widerlegen, so bekämpfen sie die unbequemen Leute mit Hilfe der Polizei und des Staatsanwaltes. Ihre "Missionare", die Bücher und Schriften vertreiben, werden wegen angeblichen Verstößen gegen gewerbliche Gesetze oder Steuergesetze bestraft.
In Bayern ist sogar wegen "groben Unfugs" gegen sie eingeschritten worden. Andererseits werden sie nicht beschützt, wenn die fanatisierte Bevölkerung, der man nach berühmtem Rezept vormacht, sie steckten mit den Juden, den Freimaurern oder den Bolschewisten unter einer Decke, sie verprügelt und mit Steinen bewirft.

Wegen eines Flugblattes "Anklage gegen die Geistlichkeit", das von den Bibelforschern in Millionen von Stücken in Deutschland verbreitet worden ist und manchem die Augen über seinen Pfarrer geöffnet haben wird, hat das pommersche Konsistorium in Stettin Beleidigungsklage gegen Herrn Balzereit erhoben.
Die pommerschen Kirchenlichter haben freilich dabei übersehen, daß dieses Flugblatt lediglich die Resolution einer Bibelforscherversammlung in Ohio wiedergab also nicht speziell auf die pommerschen Stahlhelmpastoren gemünzt sein konnte, die sich getroffen fühlten. Das Schöffengericht und als Berufungsinstanz die Strafkammer in Magdeburg mußten deshalb einen Freispruch fällen, was sie ungern genug getan haben mögen.
(Verteidiger war in dem Prozeß der demokratische Ulmer Rechtsanwalt Storz, der ehemalige Vorsitzende der Friedensgesellschaft in Württemberg.)
Nach eigener Angabe haben die Bibelforscher bis jetzt in Deutschland nicht weniger als fünfhundert Prozesse führen müssen. Die Kirche wird sich aber täuschen, wenn sie meint, auf diesem Wege werde man mit ihnen fertig werden."

Besagte "Sonntagszeitung" wurde von Erich Schairer herausgegeben. Laut einem Artikel über ihn in der Wikipedia vertrat sie "pazifistisch-radikaldemokratische" Positionen.
Eine eigene Webseite über ihn gibt es offenbar auch.
www.erich-schairer.de
Sehe ich es richtig, kann man sich dort besagte "Sonntagszeitung" auch herunterladen.
Als störend würde ich aber empfinden, dass man gezwungen ist, jeweils komplette Jahrgänge im pdf-Format zu nehmen (1926 etwa 33,50 MB). Gesuchte Einzelausgaben nur, ist also wohl nicht möglich. Immerhin sei eingeräumt. Besser diese Variante als wie gar nichts.

Schon in der "Sonntags-Zeitung" vom 31. 3. 1926, gab es eine die Bibelforscher betreffende Meldung. Auf selbige wurde allerdings seitens des "Goldenen Zeitalters" nie hingewiesen, erst recht nicht zitiert. Der Grund ist offenkundig, denn diese Meldung war wohl kaum sonderlich geeignet, den WTG-Propagandainteressen zu dienen. Ist letzteres nicht der Fall erschlafft ihr Interesse erheblich. Man kann ein Beispiel aus der neueren Zeitgeschichte dafür auch heranziehen. Über einen Michael H. Kater mit seinem durchaus beachtlichen 1969er Aufsatz in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte", zieht es die WTG vor, lieber zu schweigen. Allenfalls bibliographisch notiert wird er, weil das sich wohl nicht ganz vermeiden lässt. Der Grund ist für jeden, der diese Ausführungen gelesen (über die ZJ während der Nazizeit) offenkundig. Das ist wohl nicht "das" Material, welches sich für Propagandaintentionen sonderlich eignet.
Wie so ganz anders erging es da einem Herrn Detlev Garbe. Der damalige WTG-Präsident (Regional auf Deutschland bezogen) Pohl höchstpersönlich, teilte Garbe mit, ihn werde man selbstredend anders behandeln als etwa Kater. Und genau so ist es dann auch geschehen. Was sich propagandistisch verwerten lässt, dass läßt man sich selbstredend nicht entgehen.
Nun aber noch das Votum aus der "Sonntags-Zeitung" vom 31. 3. 1926. Bilde sich jeder seine eigene Meinung dazu:

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"Brüderlich zuwinken" lässt Schairer eben seinen Kommentar, wie gelesen, ausklingen.
Tja, da gab es zeitgenössisch noch eine andere Tagespolitische Angelegenheit, in der sich sehr wohl auch die "Sonntagszeitung" aktiv mit involvierte.

Der Streit drehte sich um die sogenannte "Fürstententschädigung", die einige verhindern wollten, letztendlich aber auf Grund der Mehrheitsverhältnisse scheiterten. Nicht zuletzt die Kirchen spielten hierbei das Zünglein an der Waage. Das sah auch Chefredakteur Schairer so, und ließ seinen Frust darüber, auf welcher Seite denn die Kirchen dabei standen, mehr als einmal zum Ausdruck kommen. Drei Dokumente aus seiner "Sonntagszeitung" Jahrgang 1926 mögen das verdeutlichen.

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http://www.manfred-gebhard.de/EckertSZ26.jpg

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Wo aber standen die Bibelforscher in diesem Disput? Wie üblich auf der Seite der Schweiger.
Sie schwiegen auch dann prinzipiell, wenn eigentlich reden angesagt wäre. Herr Schairer muss sich heute noch sagen lassen. Sonderlich realistisches Einschätzungsvermögen, der Bibelforscher, hat er jedenfalls nicht offenbart.
Das mit den "Schweigern" muss man wohl noch etwas differenzieren. Da gab es tatsächlich in der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" (nicht aber in der Magdeburger Ausgabe), am 1. 8. 1929 noch eine thematische Meldung. Selbige erschöpft sich allerdings lediglich in dem, was die GZ-Redaktion in besagter "Sonntagszeitung" dazu las. Und da muss man dann doch wohl sagen. Nur "jammern" ist halt eben zu wenig. Entscheidend ist: Zu dem Zeitpunkt wo jene Frage auf der Tagesordnung des politischen Diskurses stand, haben auch die Bibelforscher, versagt. Sich nachher lediglich "die Wunden zu lecken", ist im Hinblick auf die politischen Mechanismen witzlos.
Jedenfalls wusste jene zweite GZ-Meldung in der genannten Ausgabe noch zu berichten:

"Der "Einsiedler von Doorn"
Der in Deutschland liegende Grundbesitz des ehemaligen Kaisers, des "Einsiedlers von Doorn", umfaßt 300.000 preußische Morgen oder 75.000 Hektar. Wenn man sich diese Fläche als ein Stück von quadratischer Form vorstellt, so wäre ein Zaun darum etwa 110 Kilometer lang, und die Entfernung zweier gegenüberliegender Ecken betrüge rund 40 Kilometer, also einen schönen Tagesmarsch. Die vier Oberämter Stuttgart, Böblingen, Eßlingen und Waiblingen zusammen umfassen etwa 770 Quadratkilometer, sind also nur ein klein wenig größer als der Grund und Boden des Herrn Prinzen von Preußen, den wir für seinen verlorenen Krieg so fürstlich entschädigt haben.
("Sonntags-Ztg." Stuttgart)"

Auch jene Meldung aus der Schweizer Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 1. 9. 1930 kann man dabei mit benennen. Auch bei selbiger wiederum bemerkenswert. Die Magdeburger Ausgabe des GZ druckte sie nicht ab. Nur die Schweizer Ausgabe. Äußert sich also die Schweizer Ausgabe des GZ kritisch zur deutschen Innenpolitik, kann man das getrost der Rubrik "billig - zu billig" einordnen. Anders wäre es schon, man läse dasselbe auch in der deutschen Ausgabe des GZ. Dort aber ist zu registrieren. Man zog das Schweigen vor, was dann ja wohl für sich spricht.
Genannte Ausgabe des Schweizer GZ schrieb unter der Überschrift:

"Der Gipfel der Gutmütigkeit":
"Deutschland hat einige Millionen Arbeitslose. Während es aber pro Woche nur 15 Mark für die Ärmsten der Armen, die gerne arbeiten möchten, wenn sie könnten, übrig hat, ist desto splendider gegenüber abgesetzten Fürstlichkeiten. Das geht aus einem Abfindungsvertrag hervor, den das republikanische Thüringen mit dem ehemaligen Fürstenhaus Schwarzburg-Rudolfstadt abgeschlossen hat. Nach diesem Vertrag werden jährliche Renten ausbezahlt an:
Fürstin Anna Luise 60.000 Mark
sowie eine Nachzahlung von 900.000 Mark.
Prinzessin Thekla 10.000 Mark
Prinzessin Helene von Schönaich 5.150 Mark
sowie eine Nachzahlung von 40.500 Mark. Fürstin-Witwe Marie 38.400 Mark
Erben des verstorbenen Prinzen Sizzo 5.150 Mark
sowie eine Nachzahlung von 72.500 Mark.
Prinz Günther 18.000 Mark
sowie eine Nachzahlung von 76.500 Mark
sowie einen Jahresbeitrag zum Unterhalt des Schlosses von 6.000 Mark.
Erben des Prinzen erhalten eine Nachzahlung von 22.500 Mark.
Prinzessin Alexandra 12.000 Mark
sowie eine Nachzahlung von 51.000 Mark. Prinzessin Maria 6.000 Mark
sowie eine Nachzahlung von 25.500 Mark. Prinzessin Irene 6.000 Mark
sowie eine Nachzahlung von 25.500 Mark.
Auch der Exkaiser und sein Anhang hatten bekanntlich keinen Grund, mit der "Revolution" unzufrieden zu sein. Er ist immer noch reich genug, um in Doorn prunkvoll Hof zu halten."

Die Sympathie des Schairer für religiöse Strömungen außerhalb des "Amtskirchlichen" Mainstreams kam schon früher zum Vorschein. Etwa wenn er in der Ausgabe vom 18. Juli 1920 der sich damals noch "Heilbronner Sonntags-Blatt" nennenden Blattes, in einer Buchbesprechung über die Quäker, selbige mit den Worten ausklingen lies, wenn er richtig verstehe, so fordere dieser Autor im Einklang mit den Quäkern, in Deutschland "Mission des Christentums gegen die Kirche" zu betreiben. Und die vorangegangenen Ausführungen in diesem Artikel belegen, dass er schon damals den Kirchen absprach, "Christentum" zu sein.
Solch kritische Position gegenüber den Großkirchen, erklärt dann ja einiges. Erklärt auch, warum Schairer offenbar nicht in der Lage war, in seinen Bibelforscher-Artikel auch einige kritische Akzente gegenüber selbige mit einzubauen. Er wollte die Welt wohl durch seine Art "rosaroter Brille" sehen. Und man muss ihm bescheinigen. Zumindest in dieser Detailfrage, war es auch so.
Das Schairer zutiefst mit den Amtskirchen zerfallen war, im Umkehrschluss sich aber auch nicht den "Sekten" mit "Haut und Haaren" verschrieb, macht auch folgendes der Ausgabe vom 5. 12. 1920 entnommenes Inserat deutlich (welche sich zu dem Zeitpunkt "Süddeutsche Sonntags-Zeitung" nannte).

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Allenfalls wäre zu fragen. Heißt der Zeitungs-Herausgeber nicht Erich Schairer. Im Inserat zeichnet aber ein J. A. Schairer. Gut, das ist einzuräumen.
Bestehen bleibt aber der Umstand, dass der Württ. Monisten- und Freidenkerbund, in diesem Blatt diverse Male inserierte. Von einer "Verweigerung" der Aufnahme seiner Inserate kann wohl keine Rede sein.
Von der Tendenz her, dürfte wohl auch jenes aus der Ausgabe vom 5. 2. 1922 entnommene Inserat eindeutig sein.

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Man vergleiche auch den nachfolgenden Artikel aus der Ausgabe vom 20. 3. 1921 ("Die Heilbronner und der Weltuntergang") welcher auch eine frühe Zitierung des damaligen WTG-Funktionärs Wellershaus enthält.

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Zu nennen wäre auch die Schrift von Schairer mit dem Titel. "Warum ich nicht Pfarrer blieb".
Ihr kann man einerseits ein gewisses religiöses Interesse unterstellen. Andererseits sah er selbiges wohl kaum in den "Landeskirchen" zufriedenstellend reflektiert.
Interessant auch der Umstand, dass schon früh etwa im Jahrgang 1923, Hitler in diesem Blatt per Karikatur als Rattenfänger aufgezeigt wurde.
In einem "Propheten" überschriebenen Artikel "Der Sonntags-Zeitung" vom 9. 9. 1923 findet man auch beiläufig mit eingeflochten die Sätze:

"Millionen heute lebender Menschen werden nach den Behauptungen der "ernsten Bibelforscher" nie sterben (was insofern richtig sein mag, als diese Sorte von Gläubigen kaum jemals richtig gelebt hat)."

Dieses Votum beschreibt denn einerseits die Klientel, die da von ihnen angesprochen wurde. Andererseits stellt sich die Frage, ob jene, die sich nicht zu diesen "Unterschichten" zugehörig wussten, mit ihrer Ironie wirklich die Tragik und Sachlage "erfasst" hatten.

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Zu registrieren ist auch, dass seitens des "Goldenen Zeitalters", auch einmal massive Reklame für jene "Sonntags-Zeitung" gemacht wurde, und zwar in der GZ-Ausgabe vom 1. 12. 1927. Dort liest man:

"Frage:
Was halten Sie von der "Sonntagszeitung" in Stuttgart?"
Antwort:
Die von Dr. Erich Schairer geleitete "Sonntags-Zeitung" steht allerdings in religiöser Beziehung keineswegs auf dem Standpunkt, den das G. Z. vertritt, aber wir glauben, daß sie immerhin eine Zeitung ist, die Beachtung verdient, ihrer Freimütigkeit, Ehrlichkeit und Offenheit halber, denn wir haben schon manches, ehrliche und den Tatsachen entsprechende Urteil insonderheit bezüglich des Mißbrauches der Religion in ihren Spalten gefunden. (Verlag ist: Stuttgart, Langestraße 18) Die Schriftl."

Die Wochenzeitung "Der Volksbote" in Strehlen (Schles.), die auch dadurch glänzte - gegen Money - Russells Predigten abzudrucken, hatte ihre Geschäftsbeziehungen zur WTG inzwischen wieder eingestellt. Bezogen auf die Mentalität der Bibelforscher, bedeutete das zitierte Votum nichts anderes, als dass diejenigen, die auch ein "Zweitblatt" neben den WTG-Publikationen lasen, und dabei früher den "Volksboten" favorisierten, selbiges nun mit dieser "Sonntags-Zeitung" taten.
Die "gemeinsame Geschäftsgrundlage", die zu der Zeit sowohl die Bibelforscher als auch Schairer miteinander verbanden, ist unfraglich der Pazifismus.
Nun muss man dazu aber auch sagen. Um sich zu Weimarer Republikzeiten als Pazifist zu outen. Dazu gehörte nicht übermäßig viel. Das lag im Spektrum der allgemein zulässigen Meinungsfreiheit. Und in die Pazifismus-Fanfare stießen noch andere gleichermaßen zu der Zeit. Etwa atheistische Freidenker, aber auch Teile des Bürgertums, dem sicherlich auch Schairer zuzuordnen ist.
Beleg für die pazifistische Grundhaltung von Schairer ist sicherlich auch jene, gleichfalls in der Schweizer Ausgabe des GZ vom 1. 9. 1930 abgedruckte Meldung

"Der ehem. Pfarrer Dr. Schairer bezeugt in der "Sonntags-Zeitung", Stuttgart, aber auch von den verstaatlichten Schriftgelehrten seines Landes: "Kein Alldeutscher und kein General hat sich so blutrünstig benommen, wie die vom Staat zur Verkündigung der Menschen und Feindesliebe bezahlten Beamten. Die Staatsbibliothek Berlin enthält über tausend gedruckter Kriegspredigten, welche einen bedenklichen Einblick gewähren in das grausame Marionettenspiel einer zum Brudermord animierenden "Geistlichkeit", wie sie hüben und drüben wirkte.
In seinem Hohelied auf das "segensmächtige" deutsche Schwert verstieg sich beispielsweise auch Pfarrer Köhler in Berlin u. a. zu folgendem Bekenntnis:

"Deine blitzenden Hiebe sind uns Rhythmus des Lebens geworden. Du bist uns Verklärer unseres Wesens, wie das Wort und der Geist. Darum mußtest du auch gehen durch den Mund Christi. Keiner soll dich töten dürfen. Aber du sollst der Beute die Fülle haben. Und sollst sie alle umbringen dürfen als meine Erschlagenen. Rüste dich und rase und richte. Sie umgeben dich allenthalben, aber im Namen des Herrn darfst du sie zerhauen... dankbar muß jetzt auch der altväterlichste Fromme dafür sein, daß uns durch unermüdliche und gewissenhafteste technische Arbeit der Ingenieure zur rechten Zeit die 42-Zentimeter-Mörser und die U-Boote geschenkt wurden als Helfer und Heilande."

Ein weiterer, zeitlich etwas davor liegender Bibelforscher-Prozess in der Schweiz, drehte sich um die Unterstellung einer vermuteten (partiellen) Fremdfinanzierung der WTG. In dieser Ausgabe des Magdeburger "Goldenen Zeitalters" sah man offensichtlich die Chance zum Zurückschlagen, indem man die folgende Meldung verbreitete:

"Amerikanisches Geld für die katholische Kirche in Bayern.
Durch die Zeitungen geht die Meldung, die römisch-katholische Kirche Bayerns verhandle mit New Yorker Bankiers über einen großen Kredit von 10-30 Millionen Dollars. Als Sicherheit diene der römisch-katholische Grundbesitz in Bayern. Über die Verwendung des Geldes verlautet nichts, und man darf gespannt sein, wie sich die Reichsbank dazu stellt, denn sie muß den Kredit genehmigen und hat bisher, aus valutarischen Gründen, alle Gesuche abgelehnt, sofern nicht ein dringendes volkswirtschaftliches Bedürfnis vorlag. Große Städte, die das Geld für Wohnungsbauzwecke usw. gebrauchen, haben große Schwierigkeiten, die Genehmigung zu erhalten. Wird nun im Falle der römisch-katholischen Kirche Bayerns ein "dringendes wirtschaftliches Bedürfnis" zugestanden werden? Des Weiteren lassen sich hier interessante Schlüsse ziehen, über die "große Armut" der römischen Kirche im allgemeinen, und im besonderen in Bayern, denn wenn der Kredit schon 10-30 Millionen Dollars beträgt, wie groß muß da erst der Grundbesitz sein?
Vor einiger Zeit berichteten die Zeitungen, der Vatikan habe ebenfalls eine große Anleihe in New York aufgenommen, und man fragt sich unwillkürlich, wozu nur das viele Geld? - Soll damit die Reichweite der "väterlichen Hand" des Papstes verlängert werden? -
Eines steht jedenfalls fest; die sich jetzt in großer Not befindlichen Volksmassen werden es nicht erhalten, denn wenn man den Armen etwas geben wollte, wäre der Grundbesitz niemals so groß geworden."

Und als Quintessenz vermag das GZ nicht darauf verzichten noch zum Abschluss anzumerken:

"Eigenartig, gerade diejenigen, die anderen immer vorwerfen, sie hätten Geld von amerikanisch-jüdischen Bankiers, holen das ihrige gerade von dort "drüben."

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