Ein Religionsprozess
geschrieben von:  Drahbeck
Datum: 20. März 2011 05:55
Im "Goldenen Zeitalter" gelesen - Eine Zeitreise
Eine Religionsprozess
Im Magdeburger "Goldenen Zeitalter" vom 1. 3. 1926 (Schweizer Ausgabe 1. 4. 1926) kann man unter der Überschrift "Ein Religionsprozess in Magdeburg" das nachfolgende, in wesentlichen Aussagen zitierte lesen:

"Am 5. Februar fand vor dem erweiterten Schöffengericht in Magdeburg ein Prozeß gegen den Leiter der Bibelforscherbewegung Deutschlands statt, der allgemeines Interesse in den weitesten Kreisen der Öffentlichkeit begegnete. Vielfachen Wünschen unserer Leser entsprechend geben wir eine kurze Darlegung über Ursache, Charakter und Verlauf dieses Prozesses wie folgt:

Der Präsident der Vereinigung Ernster Bibelforscher, Richter Rutherford, war bereits während des Krieges ein Mann, der mit großer Entschiedenheit für Frieden und Nichtbeteiligung am Kriege eintrat.... Als daher in Amerika die Frage des Eintritts in den Weltkrieg immer akuter wurde, und die amerikanischen Kriegspolitiker auch von Richter Rutherford verlangten, daß er in zwei von ihm redigierten Zeitschriften Propaganda für Kriegszwecke mache weigerte (er) sich ... Dies zu tun, und wurde im Verlauf weiterer Machinationen gegen ihn als angeblich deutschlandfreundlich zu 80 Jahren Zuchthauis verurteilt ... Und erst nach Kriegsschluß wurde diese ungerechte ... Strafe aufgehoben. ...

Nach der Interpretation des GZ.

Dies veranlaßte ihn, gelegentlich einer großen Bibelforscherhauptversammlung in Columbus, Ohio, im Jahre 1924, eine große Protestproklamation, die die ganze Welt anging, aufzustellen und zu veröffentlichen. Diese Protesterklärung war überschrieben: "Anklage gegen die Geistlichkeit". ...

Es sei gern zugegeben an dieser Stelle, räumt das GZ ein

daß die Sprache und Ausdrucksweise dieser Resolution dem Empfinden mancher Gemüter in Deutschland nicht ganz zusagend ist

Aber, wähnt man weiter bagatellisierend

erklärlich vom Standpunkt des Verfassers der Resolution, Richter Rutherfords, wenn man bedenkt. ... in Amerika wurden die Bibelforscher aus dem Bett geholt, geteert, gefedert, dort wie in England und Deutschland warf man ihre Führer unter irgendeinem Vorwand in die Gefängnisse, sperrte ganz widerrechtlich ihre Gottesdienste und vieles andere mehr, was die Öffentlichkeit nicht erfuhr."

(Spätestens an dieser Stelle die redaktionelle Einfügung. Das GZ unterlässt es Belege für seine gravierenden Anschuldigungen zu liefern. Namentlich benennt es keinen deutschen Bibelforscher-Führer, der vorstehendes Ungemach erlitten hätte. (Es kann sie auch nicht benennen). Dafür steht auch der Umstand, dass auch in Deutschland, die gesamte Kriegszeit über der "Wachtturm" weiter erscheinen konnte. Zudem waren dessen Jahrgänge, bis einschließlich des Jahrganges 1916 kaum geeignet, im Kriegsdienstgegnerischem Sinne missdeutet werden zu können. Weiter im GZ-Text):

"Dessen ungeachtet fühlte sich ein Konsistorium Pommerns durch diese allgemein gehaltene für die ganze Welt bestimmte Anklage persönlich beschuldigt und stellte Strafantrag gegen den Leiter der deutschen Bibelforscherbewegung, welche dieses internationale Dokument auch in Deutschland verbreiten ließ. Der Prozeß selbst dauerte fünf Stunden, und der Gang des Prozesses war kurz geschildert folgender:

Nach Eröffnung ließ der Oberstaatsanwalt die ganze Anklageschrift Wort für Wort vorlesen und erhob dann auf Grund verschiedener besonders hervorgehobener Stellen die Anklage wegen Beleidigung. Der Leiter der Bibelforscherbewegung war vertreten durch die Herren Rechtsanwälte Storz von Ulm und Brand von Herford.
Herr Rechtsanwalt Storz führte zur Verteidigung aus, daß unter gar keinen Umständen ... Vorgehen solcher Männer, die es wagten, den Geist des Hasses, des Blutvergießens ... zu brandmarken und bloßzustellen, wegen Beleidigung zu bestrafen ist, sintemal nichts in der "Anklage" steht, das persönlich gegen die Geistlichkeit Deutschlands, geschweige denn gegen die Geistlichkeit Pommerns und das Konsistorium in Stettin gerichtet sei.

Es sei offenbar nicht der rechte Weg, wenn die Staatsanwaltschaft in den Kampf religiöser Meinungen eingreife, denn mit dem Schaffen von Märtyrern habe man noch niemals einer Sache geschadet, sondern stets gedient. Es sei ferner zu betonen, daß das Konsistorium in Stettin, wenn es sich wirklich schuldlos gefühlt hätte, in der Angelegenheit besser getan hätte, einfach zu sagen "niedriger hängen". "Große Geister können nicht getroffen werden durch Dinge, die sie nichts angehen, kleine aber schreien nach dem Staatsanwalt."

Was die Forderung des "niedriger hängen" anbelangt, vergleiche man mal kontrastierend, so manchen Fall aus der jüngeren Gegenwart.
Zum Beispiel den des Herrn Tjaden, welche für ein Fremdzitat von der WTG belangt wurde.
Wo blieb da das "Niedriegerhängen"?
Weiter im GZ-Zitat:

Zur allgemeinen Erheiterung diente seine Bewertung, wie es wohl Dr. Martin Luther, der doch trotz seiner derben Sprache offenbar niemand persönlich beleidigen wollte, sondern einen falschen Geist zurechtzuweisen wünschte, ergangen wäre in jener Zeit, wenn der Staatsanwalt in den Kampf eingegriffen hätte, er hätte den Staatsanwalt überhaupt nie vom Hals bekommen.
Der vom Staatsanwalt besonders hervorgehobene Ausdruck "satanische Einrichtungen" sei offenbar in gar keinem Sinne des Wortes beleidigend ...
Übrigens seien die diesbezüglichen Vorwürfe auch wiederum nicht der Geistlichkeit Deutschlands als solcher gemacht, sondern seien dort in Amerika aufgestellt und verkündet ... wobei ja auch ganz offensichtlich sei, daß z. B. der inkriminierte Passus, sie hätten die Gotteshäuser zum Anwerben von Rekruten gebraucht, nur auf englische und amerikanische Verhältnisse, Bezug nehmend aufgefaßt werden könnte, da in Deutschland jedermann weiß, daß genügend militärische Häuser für diesen Zweck hier zur Verfügung standen. Das Konsistorium in Stettin hätte sicherlich gut getan, wenn seine Stellung gewesen wäre zu sagen, das geht uns nicht an, das haben wir nicht getan. Er beantragte Freisprechung.

Rechtsanwalt Brand folgte mit mehr juristischer Darlegung und bewies, daß vor allen Dingen unter gar keinen Umständen die Anklage als eine von den deutschen Bibelforschern für deutsche Verhältnisse aufgestellte Anklage, sondern unbedingt anzusehen sei als eine Anklage, die aufgestellt wurde auf der Hauptversammlung der Bibelforscher in Amerika und infolgedessen die ganze Welt angehe, und daß sie auch nichts weiter sei als eine Wiedergabe dieser bereits auf der halben Welt veröffentlichten Anklage. Dies gehe auch hervor aus der Einleitung, welche schon zeige, daß es sich um einen auf dieser Hauptversammlung gefaßten Beschluß handle. Mit Bezug auf die einzelnen inkriminierten Teile der Anklage wurde nachgewiesen, daß sie unter gar keinen Umständen ausnahmslos anklagend, sondern nur "eine gewisse Klasse" oder "gewisse treulose Prediger" usw. usw. Er verwies ferner auf Kommentare zu anderen gerichtlichen Entscheidungen und beantragte auch Freisprechung.

Weiter geht der Bericht mit der Aussage:

Nach etwa einstündiger Unterbrechung der Verhandlung fand die Urteilsverkündigung statt. Der Vorsitzende des Gerichtes stellte sich auf den Standpunkt, daß zwar das Konsistorium klageberechtigt gewesen sei und eine Verurteilung stattgefunden haben würde, wenn nicht eine ganz besonders subjektive Seite zutage getreten wäre. Das Gericht habe daher die Frage, ob die Absicht vorgelegen habe, die Geistlichkeit, insbesondere die in Pommern zu beleidigen, verneint. Auf Kosten der Staatskasse wurde Freispruch verkündet."

Im Deutschlandbericht des 1974er ZJ-Jahrbuches wird auch auf diesen Prozess eingegangen. Abschließend meint der WTG-Bericht ebenfalls, dass sich eine Spezifizierung auf die Geistlichkeit in Pommern nicht nachweisen lasse.

"Das Gericht erkannte dies an und sprach Bruder Balzereit frei, fühlte sich aber verpflichtet, ihm den Rat zu geben, in Zukunft nicht mehr solche scharfen Angriffe zu veröffentlichen."

Dabei muss man wohl auch folgendes im Blick haben. Pommern, bis 1918 Verwaltungsrechtlich eine Preussische Provinz, heute zu Polen gehörend. Wobei man wohl nicht schief liegt, unterstellt man insbesondere den Provinz-Charakter. Oder anders formuliert, im Vergleich zu anderen deutschen Gegenden, lassen sich gewisse Benachteiligungen nachweisen. Signifikant dazu, dass dies selbst in einem Kinderlied in dem Slogan "Pommernland ist abgebrannt" Eingang fand.

Wie auch immer. Fakt ist jedenfalls dass in der Frühzeit Pommern, nebst Sachsen, "die" deutschen Hochburgen der Bibelforscher darstellten. Dort empfand man in kirchlichen Kreisen, früher als anderswo eben die entsprechende Herausforderung durch die WTG besonders hautnah. So notiert etwa das 1974er ZJ-Jahrbuch auch:

"Im Jahre 1913 ließ Bruder von Tornow (ein Gutsbesitzer) das Zweigbüro in Barmen drei Vortragsreisen vorbereiten, die er größtenteils selbst finanzierte.
Bruder Hildebrandt, ein Bäcker aus Golnow (Pommern), verkaufte sein Haus und beteiligte sich ebenfalls an den Kosten."

Hinzuweisen wäre auch, dass schon Friedrich Loofs in seiner die Bibelforscher bezüglichen Studie, als einen sie bezüglichen frühen Pressebericht, auf einen aus jener Gegend verweist ("Pommersche Tagespost" 15. 9. 1917). Jener Pressebericht notierte unter anderem:

"Sie (die WTG) ... lebt nicht bloß vom Gegensatz gegen die bestehende Kirche, sondern auch gegen die Staatsordnungen."

Trotzdem fanden sich dort, wie das Beispiel Tornow zeigt, "Ostelbische Junker", welche die WTG-Interessen förderten. Gerade aber die "Ostelbischen Junker", waren in jener Gegend eine besondere Stütze auch der Großkirchen. Folgerichtig sah man sich dort empfindlich tangiert.
Die WTG wäre nicht die WTG, würde sie das ganze nicht auch propagandistisch ausschlachten. Genauso ist es dann auch abgelaufen. Im Mai 1926 hatte sie in Magdeburg eine Tagung für ihre Anhängerschaft organisiert; worüber die Magdeburger Ausgabe des "Goldenen Zeitalters" vom 15. 6. 1926 berichtet. Unter den dazu mit angereisten Amerikanern ragen besonders zwei Namen heraus. Der des J. F. Rutherford, und der des R. Martin.
Besagter Martin war es dann noch, welche einige Jahre später die Alibifunktion als vorgeblicher Wohltäter für Rutherford spielte, indem er ihm das berühmt-berüchtigte "Beth Sarim" (die Fürstenvilla) "schenkte". Offenbar muss da Martin auf gar wundersame Weise zu Geld gekommen sein, denn - theoretisch - seien ja alle hauptamtlichen WTG-Mitarbeiter nur "Taschengeldempfänger".
Nun 1926 war die "Beth-Sarim"-Story noch nicht spruchreif. Das gilt es auch zu sagen. Aber immerhin konnte der "Taschengeldempfänger" Martin mit nach Deutschland reisen. Seine Reise indes, dürfte er wohl kaum vom eigenen "Taschengeld" bezahlt haben, womit denn auch der Quellen"wert" der späteren Lügenstory, Martin habe ja "Beth Sarim" "verschenkt", widerlegt sein dürfte.
Fürst Rutherford lies es sich dann in Magdeburg auch angelegen sein, eigens für das seinem dortigen Statthalter widerfahrene Ungemach, auf die Tränendrüsen zu drücken. Eigens einen dazu verfassten "Protest" trug er (laut GZ) auf dieser Magdeburger Veranstaltung vor.
In ihm wurde unter anderem ausgeführt:

"Die Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher gibt anläßlich ihrer zu Magdeburg tagenden General-Versammlung einstimmig folgende Erklärung ab:
... Haben wir das Mißfallen Geistlicher verschiedener Bekenntnisse in Deutschland erregt, und diese haben die Verfolgung und Verhaftung einiger unserer Brüder veranlaßt, besonders die Verfolgung von Paul Balzereit, dem verantwortlichen Leiter unserer Bewegung in Deutschland".

Hier muss man schon anmerken, dass dieser "Protest" ziemlich hochgestochene Vokabeln verwendet. Belege für unterstellte "Verhaftungen" werden jedenfalls nicht geliefert. Und zu Balzereit ist jedenfalls zu sagen. Auch wenn er sich vor Gericht verantworten musste, so war er jedoch zu keinem Zeitpunkt "verhaftet" gewesen.
Man jammert weiter:

"Dies sei eine Beschneidung der Religions-Freiheit in Deutschland".

Auch diese Wertung ist als überzogen zurück zuweisen. Wofür dann ja auch der Freispruch (zweiter Klasse) im Balzereit-Verfahren spricht.
Immerhin konnte die WTG registrieren, in der Angelegenheit auch Schützenhilfe aus dem pietistischen Württemberg zu erhalten. Selbiges gilt ja in der Kirchengeschichte als eine besondere Hochburg jener Gruppierungen, welche die vermeintlichen Großkirchen nicht selten pauschal als "Sekten" zu titulieren belieben.

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