Ostdeutsche Gerichtsurteile - Werner L...
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 09. Januar 2011 03:25
Vor sechzig Jahren
Ostdeutsche Gerichtsurteile
Werner L...
Kommentarlos zitiert "Erwachet!" In seiner Ausgabe vom 8. 1. 1951:

"Lebenslängliche Zwangsarbeit für ostdeutsche Zeugen Jehovas.
In einem Prozess, der Ende November in Dresden stattgefunden zu haben scheint, wurden 22 Zeugen Jehovas abgeurteilt, davon drei zu lebenslänglicher und die übrigen 19 zu insgesamt 149 Jahren Zwangsarbeit.
'Ostdeutsche Terrorjustiz auf Hochtouren', überschrieb die Basler 'National-Zeitung' diesen Bericht."

Nicht mit ausgeführt in diesem "Erwachet!"-Bericht. Einer der mit zu lebenslänglich verurteilten, der 1928 geborene Dresdner Werner L.... In seiner Stasiakte findet sich über ihn auch die vom 7. 6. 1949 datierte Angabe:

"Seit 2 Jahren tritt (L...) als Prediger der Zeugen Jehovas auf. In seiner Rede am 17. 5. 1949 äußerte er sich, daß die Weltlage mit einem Kasperltheater zu vergleichen ist und tat verhöhnende Äußerungen über das vielfach Ja, das in der Weltgeschichte verlangt worden wäre. Er zog eine Parallele zwischen 1933, wo daß Ja, wie er sich äußerte, nicht nur geschrieen, sondern gebrüllt worden wäre, und 1949, wo dasselbe getan wurde.
(L... ist ein typischer Vertreter der Zeugen Jehovas, die für sich jegliches Recht aller menschlichen Einrichtungen in Anspruch nehmen, aber nicht deren Gesetze anerkennen und nur die theokratische Herrschaft der Zeugen Jehovas als bindend erklären."

Das "Kasperltheater" schlug entsprechend zurück.
Lange Jahre musste L... seine Strafe absitzen, aber nicht lebenslänglich. Und so kam es denn, dass er nach seiner vorzeitigen Haftentlassung, in Folge des DDR-Mauerbaus zum Leiter der Zeugen Jehovas in der DDR, ernannt wurde. Erneute Konsequenz dessen, eine erneute Verhaftung im November 1965, mit erneuter Verurteilung, die nach einigen Jahren durch einen Freikauf in die alte BRD, ein Ende fand.
Zum genannten Werner L ... gibt es noch am 16. 1. einen "Nachschlag"

China - "Höhere Obrigkeiten" - Werner L...
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 16. Januar 2011 02:43
Vor sechzig Jahren
China
"Höhere Obrigkeiten"
Werner L...

Lange Jahre blieb abgesehen von Taiwan (Nationalchina), der volkreiche Staat China für die Zeugen Jehovas ein "weißer Fleck". Noch heute wird es nicht in den Jahrbuchberichten der Zeugen Jehovas separat aufgeführt, sondern pauschal weiteren Verbotsländern zugeschlagen. Lediglich im "Wachtturm" vom 1. 11. 1947 gab es mal die Meldung, dass WTG-Präsident N. H. Knorr, von den Philippinen kommend, nach Schanghai weiterreisen wollte. Widrige Umstände machten einen Strich durch die Rechnung. Das vorgesehene Flugzeug konnte wegen Motorschaden nicht starten. Die Ausweichroute nach Hongkong führte auch nicht zum Ziel. Denn dort angekommen, gab es keinen Anschlussflug in der zur Verfügung stehenden Zeit mehr.

Einer der wenigen Berichte über dieses China ist im "Wachtturm" vom 15. 1. 1951 enthalten. Man erfährt darin, dass es dort besonders in Schanghai um die 300 Zeugen Jehovas gäbe. Gemessen an der Größe des Landes, noch nicht einmal eine mikroskopisch dimensionierte Größenordnung. Angeführt dort von WTG Gilead-Missionaren. Die sollten aber alsbald im Gefängnis landen.
Erst später, nach ihrer Freilassung, hat die WTG dann ihr Schicksal marktgerecht mitgeteilt.
Immerhin ist es registrierenswert, dass schon zu Nazizeiten ein auf China bezüglicher Bericht über die Zeugen Jehovas vorliegt. Und zwar aus dem Jahre 1938 in der deutschsprachigen, in Schanghai erschienenen Nazigazette "Ostasiatischer Beobachter".

Wenn man den auf China bezüglichen Artikel in "Erwachet!" vom 8. 5. 1950 mit in die Betrachtung einbezieht, dann kann man in etwa nachvollziehen, dass die dortigen totalitären Kommunisten, nicht viel Federlesen mit den Zeugen Jehovas machen würden, was dann ja auch eingetreten ist. "Erwachet!" schrieb damals:

Chinas neue Demokratie wird geboren
Vom "Erwachet'."-Korrespondenten in China
UNTER einer "Demokratie" darf man nicht einfach, der blossen Wortbedeutung entsprechend, eine Volksherrschaft verstehen, eine Herrschaft die vom Volke und für das Volk ausgeübt wird. Die "Volksregierung" so mancher sogenannt demokratischen Länder ist nicht auf Grund von Wahlen zustandegekommen. Manchmal waren zuerst nur Guerillagruppen vorhanden, denen es gelang, sich zu einer schlagkräftigen Armee zu entwickeln, durch siegreiches Vordringen die Oberhand zu gewinnen, die bestehende Regierung zu verjagen und sich selbst zur herrschenden Macht aufzuschwingen. Daraufhin begrüsst man die siegreiche Partei als Volksbefreiungsarmee, die neue Regierung als Volksregierung, die neuen Gesetze als Volksgesetze und die neuen Gerichte als Volksgerichtshöfe. Nie zuvor in der Geschichte des Landes ist seinem Volk so stark zum Bewusstsein gebracht worden, über was es alles verfügt!

Welche Volksschichten eigentlich von der Volksregierung Nutzen haben, ist nicht so leicht zu ermitteln. Der einfache Mann aus dem Volke hat zweifellos nicht mitzureden. In seinem Besitz befinden sich weder Gewehre, noch Bajonette, noch Tanks, noch Flugzeuge; aber theoretisch hat er an allen Errungenschaften des neuen Regimes einen Anteil. Wirklich zu sehen bekommt er davon vorläufig nur die Wachtposten, die an fast jeder Strassenecke stehen und ihn daran gemahnen, dass er die neue Volksregierung zu schätzen wissen muss.

Mit dem vorliegenden Artikel möchten wir nun dem Leser im besonderen einen Ankömmling auf dem Gebiet der Weltdemokratie vorstellen, nämlich die "volksdemokratische Diktatur" Chinas. Stimmt, diese Bezeichnung ist merkwürdig; denn Demokratie und Diktatur sind doch gewöhnlich nicht beieinander. Aber wir werden später sehen, was mit dieser Zusammenstellung gemeint ist.

Das Emporkommen der "neuen Demokratie"
Auch die Nationalisten mit ihrer Kuomintang bezeichneten ihre Herrschaft grosstuerisch als "Demokratie", taten für das Volk aber sehr wenig. Wenngleich ihr Regime gewisse Freiheiten bot, diente es vor allem der Bereicherung von Generälen und ihren Angehörigen, von einigen Grosskaufleuten (die gewöhnlich mit den Generälen versippt waren), sowie von Staatsbeamten. Darum erhoben sich Gegenkräfte. War dies eine Volkserhebung? Eigentlich nicht. Hingegen verwirklichte es die ehrgeizigen Pläne eines Mannes bäuerlicher Herkunft, die Gegenpartei zum Sieg zu führen.

Im Jahre 1949 strömten die siegreichen Truppen dieses Bauernsohnes, Mao Tse-tung, über den Jangtse, den fliehenden Nationalisten hart auf den Fersen. Eine Grossstadt nach der anderen — Nanking, Tientsin, Schanghai, Hankau, Ningpo — fiel den Roten in die Hände. Im Herbst begannen sie einen neuen Vorstoss südwärts, in Richtung auf Kanton.

In Peking, das mittlerweile zur Hauptstadt Rotchinas erklärt worden war, machte sich nun ein umfangreiches Komitee der kommunistischen Partei an die Riesenaufgabe, den neuen Staat zu organisieren, der als Maos persönliches Geschenk für das chinesische Volk angesehen werden könnte. Will das Volk dieses Geschenk? Danach wird nicht gefragt. Wer es ablehnt, gilt als Reaktionär! Es ist äusserst schwierig herauszufinden, wie das Volk, dem der neue Staat angeblich gehört, über dies alles denkt.

Schanghai kurz nach der Besetzung
Als die kommunistische Volksbefreiungsarmee den Jangtse noch nicht überschritten hatte, waren die Einwohner Schanghais in ihrer Mehrzahl ganz bestimmt nicht für die Kommunisten, waren aber auch keine glühenden Nationalisten. Sie gingen ihrer täglichen Arbeit nach, ohne eine politische Überzeugung zu haben, und schienen der Ansicht zu sein, dass nicht sie über ihre Zukunft zu entscheiden hätten. Als dann die Volksbefreiungsarmee am 26. Mai 1949 Schanghai besetzte, war die allgemeine Haltung des Volkes ein stilles Zuwarten. Es würde wohl nicht viel schlimmer werden, als es vorher gewesen war.

Die Disziplin der Volksbefreiungsarmee war erstaunlich! Nirgendwo gab es Plünderungen und Übergriffe, und das öffentliche Leben nahm seinen Fortgang wie gewöhnlich. So machten die roten Truppen auf die Bevölkerung einen vorzüglichen Eindruck, während die Soldateska der Nationalisten schlecht ausgerüstet, zügellos und gemeingefährlich gewesen war, besonders kurz vor ihrem Abzug.

Kurze Zeit trieb der Schwarzmarkt neue Blüten, wurde aber schnell durch wirksame Massnahmen zur Bedeutungslosigkeit verurteilt, und zwar ohne die früheren nervenaufreibenden Methoden, wie polizeiliche Überfallkommandos mit Sirenengeheul, Razzien, Massenverhaftungen und Hinrichtungen. Statt dessen erhielten die Detektive unauffällig ihre Befehle und brachten die Tätigkeit des Schwarzen Marktes im Nu zum Stillstand. Vielleicht hatten die uniformierten Wachtposten, die ruhig an fast jeder Strassenecke standen, etwas mit der Ausführung dieser Befehle zu tun; aber es war nirgends zu sehen, dass sie eingriffen.

Auch weitere Massnahmen, wie über Geldumtausch und Preisregulierung, waren von solcher Art, dass das Volk sehr bald die Tüchtigkeit der neuen Verwaltung schätzen lernte. Ein Volksgerichtshof trat in Tätigkeit, der mit vielen kostspieligen Gepflogenheiten des Bürokratismus aufräumte und eher in freundschaftlicher Weise als Schlichtungsausschuss wirkte. Streitfälle wurden gütlich beigelegt; Entschuldigungen waren an der Tagesordnung; verhängte Strafen waren verhältnismässig mild; Hinrichtungen gab es keine.

In allen Zweigen des sozialen Lebens machte sich ein neuer Lerneifer bemerkbar. Auf den Polizeistationen wurden Tag für Tag Vorträge gehalten, um zu zeigen, welche Missstände eine korrupte Polizei, sowie ein erpresserisches, bestechliches System hervorrufen. Dass ein Polizist einen Kuli verprügelt, sieht man heute auf den Strassen nicht mehr, während es unter der Kuomintang-Verwaltung ein alltäglicher Anblick war. Alle Schulen erhielten neue Lehrbücher. Die Schüler lehrt man die neuen patriotischen Lieder, die nun überall in der Stadt begeistert gesungen werden. Sie sind von geradezu religiöser Inbrunst, verherrlichen den neuen Staat und rühmen das Heldentum Mao Tse-tungs und der Volksbefreiungsarmee.

Während das Kuomintang-Regime keine Arbeiterversammlungen duldete, steht jetzt das Gewerkschaftswesen in Blüte. Für annähernd 3000 Arbeiter wird je ein Gewerkschaftsleiter ernannt, der nur dem Zentralen Volksregierungsrat verantwortlich ist. Die 3000 Arbeiter bilden mehrere Unterabteilungen, mit Unterführern, und zerfallen schliesslich in Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann mit je einem Amtswalter. Diese Einrichtung wirkt natürlich nach zwei Seiten. Sie verhindert Übergriffe der Fabrikleitung, hält aber auch jeden Arbeiter streng unter Kontrolle, im Sinne des Zentralen Volksregierungsrates. Wenn er es nicht lernt, mit der neuen "Demokratie" zusammenzuarbeiten, wird er als "Reaktionär" entlassen.

Die Geburt der chinesischen Volksrepublik
Am 21. September 1949 erklärte Mao Tse-tung in Peking die "Politische Beratende Versammlung des chinesischen Volkes" für eröffnet und gab die Errichtung der chinesischen Volksrepublik bekannt. In seiner Ansprache nannte er als Bevölkerungsziffer Chinas die Zahl von 475000000, als Flächeninhalt die Zahl von 9 597 000 qkm. Er sprach von den Chinesen als einem kulturell hochstehenden Volk und sagte; "Durch Ausbau unserer Landesverteidigung wird künftig verhindert werden, dass die Imperialisten erneut in unser Gebiet eindringen. ... Wir werden nicht nur ein starkes Landheer, sondern auch eine starke Luftwaffe und eine mächtige Kriegsflotte haben. Die reaktionären Cliquen im In- und Ausland mögen vor uns zittern..... Der unerschrockene Geist und die Anstrengungen der chinesischen Völkerschaften werden es ihnen bestimmt ermöglichen, ihr Ziel zu erreichen."

Nun war die Geburt der Chinesischen Volksrepublik zur Tatsache geworden, und dieses Ereignis sollte in Schanghai und allen anderen befreiten Städten Chinas am 2. Oktober, dem Internationalen Friedenstag, festlich begangen werden. Schanghai traf hierfür gewaltige Vorbereitungen. Durch die ganze Stadt sollten sich riesige Umzüge, nachts mit Fackelparaden, bewegen. Auch die neue Landesfahne sollte an diesem Tage zum ersten Mal gehisst werden. Sie ist rot, mit einem grossen gelben Stern in der linken oberen Ecke, halbkreisförmig umgeben von vier kleineren Sternen. Der grosse Stern stellt die kommunistische Partei Chinas dar, die vier kleineren Sterne bezeichnen die Arbeiterschaft, das Bauerntum, den Mittelstand und das Bürgertum.

Aber die Festveranstalter hatten Pech, weil es vom 1. bis zum 3. Oktober ununterbrochen regnete; und d Schanghai in einer Schlammniederung am Zusammenfluss des Huangpu mit dem Jangtse liegt, standen innerhalb kurzer Zeit alle Strassen der Stadt unter Wasser, in den meisten Stadtvierteln einen halben bis einen Meter tief. Unter diesen Umständen beteiligten sich nur di ganz Unentwegten
 an dem Umzug, der sich fünfzehn Stunden lang in strömendem Regen durch die überfluteten Strassen bewegte. Als sich die Überschwemmung nach vier Tagen verlaufen hatte, gingen die Massenumzüge weiter.

Lässt sich mit Sicherheit sagen, dass die begeistert Stimmung bei diesen Umzügen ein Ausdruck der Freud des Volkes über den eigentlichen Anlass war? Wohl kaum. Die Vorliebe der Chinesen für Umzüge, gleich welchen Charakters, ist allzu gut bekannt. Grossartig Veranstaltungen werden nie verfehlen, dieses Volk in gewaltige Aufregung zu versetzen.

Warum eine "demokratische Diktatur"?
Gemäss den Worten Mao Tse-tungs wird die Diktatur nur gegenüber den Reaktionären in Tätigkeit sein indem diesen kein Recht auf Meinungsäusserung eingeräumt wird. Man wird keinerlei Opposition gegen die neue Chinesische Volksrepublik dulden.
Natürlich steckt alles an diesem Staat noch in den Kinderschuhen, und es wird hochinteressant sein, ihn heranwachsen zu sehen. Die Aufgaben, vor denen er steht, sind kolossal. Zum Beispiel ist gerade dieser Tage wieder eine starke Entwertung der Währung des neuen Staates gegenüber dem Dollar erfolgt.

Auch können wir nicht umhin, festzustellen, zu welch unpassender Zeit dieser
Neuling in die Welt gekommen ist und älter werden möchte. Das "männliche Kind" der grossen Theokratie ist nun sechsunddreissig Jahre alt und wird bald seine göttliche Macht gegen all die Demokratien, Diktaturen, Republiken und sonstigen Formen menschlicher Herrschaft in Bewegung setzen, um all die Kräfte, die ihrer eigentlichen Natur nach böse sind, zu zerschmettern, damit die Gutgesinnten aller Nationen unter den Theokratischen "neuen Hirnmeln" auf einem friedlichen Erdenparadies leben können in eine von Kriegen verschonte Ewigkeit hinein. Welcher menschliche Diktator könnte der ewigen Gewalt dieses Reiches widerstehen?
Noch in anderer Beziehung ragt die WT-Ausgabe vom 15. 1. 1951 hervor. Enthält sie doch einen Grundsatzartikel unter der Überschrift "Untertan den Höheren Obrigkeiten".

Das Timing dieser Veröffentlichung ist bemerkenswert. Belehrt er doch, dass die 1929/29 eingeführte Obrigkeitslehrvariante (bezugnehmend auf Römer 13), die maßgeblichen Anteil am Widerständigen Verhalten der Zeugen Jehovas, auch im Naziregime hatte, ungebrochen fortbestehen würde. Diese Bekräftigung ist deshalb schon so bemerkenswert, weil sie noch nach dem DDR-Verbot der Zeugen Jehovas erfolgte (und dieses wiederum war das Schlusslicht im Ostblock). Und auch das kann man sagen. Die Tinte der Gerichtsurteile über die Zeugen Jehovas in der DDR, mit ihren drastischen Strafen von bis zu lebenslänglich, war noch nicht einmal richtig trocken als dieser Artikel erschien.

Wie ist denn der Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels zu werten. War es wirklich vorrangig eine Reaktion auf die Geschehnisse im Ostblock? Meines Erachtens greift eine solche Sicht zu kurz.
Namentlich muss er als Folge des achttägigen New Yorker Kongresses der Zeugen Jehovas im August 1950 gewertet werden. Das war ein großes Spektakel. Da wurden auch Teilnehmer aus aller Herren Länder, soweit möglich, mit herangekarrt. Und wie bei solchen Anlässen üblich, auch etliche sogenannte Kongreßfreigaben neuer WTG-Publikationen vorgenommen.
Dem lag eine längere Planungsphase zugrunde, die sich auch nicht durch aktuell eingetretene Geschehnisse irritieren ließ. Beispielhaft die Resolution dieses Kongresses gegen den Kommunismus. Wer aus heutiger Sicht etwa meinen sollte, jene Resolution gegen den Kommunismus (das Verbot in Polen und anderen Ostblockstaaten war zu ihrem Zeitpunkt schon unter Dach und Fach). Wer also meinen würde, jene antikommunistische Resolution würde besonders auf diese Geschehnisse in den Ostblockstaaten abstellen, der irrt grundsätzlich.

Eindeutiger Tenor war USA-Bezug. Dort hatten die Falken die Zeugen Jehovas in die kommunistische Ecke gestellt, und mittels dieser Resolution nun, versucht man sich nach Kräften zu wehren. Die Geschehnisse im Ostblock spielen in ihrer Wertung nur eine äußerst untergeordnete Rolle.
Ähnlich muss meines Erachtens auch das Timing in Sachen des Artikels "Höhere Obrigkeiten" gewertet werden.

Einer der Höhepunkte des 1950er Kongresses war die erstmalige Freigabe von Teilen der Neuen Welt Übersetzung (sogenanntes Neues Testament oder wie die Zeugen zu sagen belieben Christlich-Griechische Schriften). Damals nur in Englisch. Andere Sprachen folgten erst später. Und einer dieser von anderen Bibelübersetzungen sich unterscheidenden Aspekte war, die Wiedergab solcher Texte wie Römer 13.

Üblicherweise reden andere Bibelübersetzungen dabei von "Obrigkeiten" denen der Christ untertan sein müsse. Die NW-Übersetzung (Englisch) hingegen führt dazu den Begriff "Höhere Obrigkeiten" ein. Kaum eine andere Übersetzung macht ähnliches. Das ist nicht nur eine unterschiedliche Wortwahl. Das ist vor allem ein unterschiedliches Substanzverständnis.
Impliziert der Begriff "Obrigkeiten" in der Regel weltliche Behörden, Regenten usw. So will die NW-Übersetzung damit rüberbringen, "Nur Jehova und Christus nebst 'Stellvertreter'" könne damit gemeint sein. Das hatte Rutherford schon 1928/29 so gesagt. Und das meint man nun durch die eigene Übersetzung weiter fundamentieren zu sollen.

Auch diese 1950er englische NW-Übersetzung wurde später noch revidiert. So bezeichnet sich deren deutsche Ausgabe von 1971 als Wiedergabe der 1970 revidierten englischen NW-Übersetzung. Inzwischen hatte die WTG auch ihre Obrigkeitsthese im Jahre 1962 wieder gekippt. Diesem Umstand angepasst ist auch die heutige Wortwahl. So ist in der heutigen Version nur nebulös von "Obrigkeitlichen Gewalten" die Rede. Die Eindeutigkeit in der Festlegung auf eine bestimmte Interpretation entfällt somit. Heute, nicht jedoch in den Jahren vor 1962.

Die damalige "Siegesgewissheit" der Zeugen Jehovas, Römer 13 hätte keinerlei Bezug zu weltlichen Obrigkeiten, zeitigte ihre Früchte. Kombiniert mit der akuten Endzeiterwartung jener Tage, etwa dem Ausruf im "Wachtturm" des Jahres 1949:

"Ob nun ein dritter Weltkrieg komme oder nicht, ist doch eines ganz sicher, der universelle Kampf von Harmagedon … steht dieser Welt bevor …Unerschrocken trotzen Jehovas Zeugen dem populären Wunschtraum der Menschen, wonach dieser Tag nicht so nahe sei, und beharren auf der Verkündigung, dass sein Tag der Weltvernichtung nahe ist, ja näher als jene denken … Der Tage dieser Welt werden jetzt nicht mehr viele sein, nein, jetzt nicht mehr."

Dem angepasst auch das 1949er Kongreßmotto "Es ist später als du denkst".
Die Kombination dieser beiden Elemente, einmal akute Naherwartung; zum anderen die "Siegesgewissheit", Römer 13 beziehe sich nur auf Jehova und Christus, bewirkte, dass etliche Zeugen Jehovas "förmlich aus dem Häuschen" gerieten. Da schwirrten dann schon mal Vokabeln durch die Luft, wie etwaigen Widerstand betreffend, die diesbezüglichen "Machinationen aufzustechen". Oder die Siegesgewissheit eines Zeugen Jehovas, bei der Entgegennahme seines Urteiles im ersten Zeugen Jehovas Schauprozess (mit Urteil lebenslänglich): "Meine Herren, sie meinen wohl ein Jahr!"

Es ist durchaus interessant, sich einem anderen, der damals zu lebenslänglich verurteilten etwas näher anzusehen. Dies ist aufgrund des Aktenbestandes in der Birthlerbehörde durchaus möglich. Der Betreffende ist auch deshalb besonders hervorhebenswert, weil er zwar lange Jahre seine Strafe absitzen musste, nur eben nicht lebenslänglich.

Das Verfahren der DDR-Behörden bei amnestierten Zeugen Jehovas war durchaus unterschiedlich. Einige besonders unbelehrbare Hardliner, so sie denn mal amnestiert wurden, schob man in den Westen ab. Aber eben nicht alle. Bei dem hier in Rede stehenden Werner L... war es dergestalt schon mal anders, dass seine Führungszeugnisse in der Haft, ihm in der Regel ein gutes Verhalten bescheinigten. L... wurde bei seiner Amnestie (nach seiner ersten Verhaftung) also in die DDR entlassen. Schon um 1950 mussten ihm die Behörden eine gewisse Wortgewandheit attestieren. Ein "Dummerle" war er mit Sicherheit nicht. Verblendet wohl, aber durchaus fähig, gegebenenfalls auch Führungsaufgaben übernehmen zu können.

Nun ist das mit den Führungsaufgaben so eine Sache. In der Regel werden da mehr Geführte als Führer gesucht. Manche "Karriere" kommt nur dadurch zustande, dass bestimmte äußere Umstände flankierend mit einwirken. Das war auch im Falle L... so. Da hatte sich der DDR-Staat 1961 mit seinem Mauerbau weiter abgeschottet. Auch die WTG hatte schon rechtzeitig durch ihre Verbindungen zu Regierungskreisen in den USA. Sei es nun durch direkten oder auch nur durch indirekten Kontakt zur CIA und ähnlichem, davon Wind bekommen.
Sie hatte also schon rechtzeitig vor dem Eintritt des DDR-Mauerbaues Vorsorge dafür getragen, dass auch in diesem Falle ihre organisatorischen Strukturen intakt blieben.

Lediglich mit dem Unterschied, dass man eine gewisse Regionalisierung vorsah. Gemäß dieser Planung sollten die Zeugen Jehovas nicht mehr direkt von Wiesbaden angeleitet werden, was unter den obwaltenden Umständen nur sehr schwer möglich war. Sondern es war erstmals auch eine regionale Führungsoligarchie in der DDR vorgesehen.

Die aber wurde von der WTG bestimmt. Offenbar hatte Pohl und seine Mannschaft sich dabei für L... entschieden, der dann tatsächlich in das Amt als oberster Zeuge Jehovas in der DDR gehievt wurde. Konspirative Grundsätze wurden dabei weitgehend beachtet. Die CV notiert über L... beispielsweise, dass nur verschwindend wenige aus seiner engeren Umgebung wussten, welche tatsächliche Funktion er wahrnahm. Die CV kreidet L... auch an, dass er zu weiteren Tarnungszwecken, sogar an den "Wahlen" in der DDR teilnahm. Ein Umstand, der für andere Zeugen Jehovas mit Sicherheit als Sakrileg galt.

Zu L... Instruktionen gehörte auch, die Verbindung mit der Zentrale auch durch mit unsichtbarer Geheimtinte und zusätzlich verschlüsselten Nachrichten, an Deckadressen adressierte Post aufrecht zu erhalten. Genau dieser Umstand sollte sich dann als sein Verhängnis erweisen. Dem DDR-Überwachungsstaat gelang es, einige solcher Mitteilungen abzufangen. Es gelang ihm auch, die gewählte Verschlüsselung zu knacken. Begünstigend kam dabei hinzu, dass seitens der WTG offenbar alte abgelegte CIA-Verschlüsselungen Verwendung fanden.

Man braucht nur daran zu erinnern, dass es auch den Engländern im zweiten Weltkrieg gelungen war, die von der Naziwehrmacht verwandte Verschlüsselung zu knacken. Zeitgenössisch wurde zwar über diesen Umstand Stillschweigen bewahrt, was aber nichts daran änderte, dass dies die Kampftechnik der westlichen Alliierten erheblich erleichterte.

Insofern braucht man keineswegs darüber überrascht zu sein, dass es auch der Stasi gelang diese WTG-Verschlüsselung zu knacken. Auch darüber wurde zeitgenössisch Stillschweigen gewahrt, was nichts daran änderte, dass dieser Sieg errungen worden war.
Im Zuge der sich daran anschließenden Ermittlungen konnte letztendlich L... enttarnt werden. Noch billigte ihm die Stasi eine Galgenfrist zu. Man ermittelte weiter, um die eigenen Erkenntnisse zu vervollständigen. Dann im November 1965 war es soweit. Die Stasi schlug im Falle L... und einiger anderer Zeugen Jehovas zu. Auch hierbei eine raffinierte Stasistrategie. Wie ein offenes Buch lagen vor ihr die Erkenntnisse über die Zeugen Jehovas. Dennoch wurde nicht alle "Kandidaten" in der Novemberaktion 1965 verhaftet. Bei einigen von ihnen, begnügte man sich mit Hausdurchsuchungen. Einer der damals nur mit einer Hausdurchsuchung davon kam, der Herr Horst S... in Berlin, berichtet selbst im "Wachtturm" darüber.

So wie auch im Falle "Hans Voss" nachweisbar, agierte die Stasi dabei nach dem Grundsatz "Trenne und herrsche". Bewusst wurden nicht alle "Kandidaten" inhaftiert. Man war sich im klaren darüber, die WTG-Organisation wird auch nach diesem "Enthauptungschlag" weiter bestehen. Man hatte dabei auch die Zielsetzung, der Fall "Hans Voss" belegt es, die für die Stasi interessanten "Kandidaten", möglichst in der Nachfolgeorganisation auf den Schlüsselpositionen zu sehen.

L... bekam solch eine "Chance" nicht. Der war schon seit 1950 für die Stasi "verbrannt". Der war für sie nur noch als "Exempel" interessant. Und so wurde er und einige andere, kurzerhand im Jahre 1966 erneut zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Happyend sollte dergestalt dann noch eintreten, dass er einige Zeit später von der alten BRD freigekauft wurde.

L... Stasiakte ist auch dahingehend interessant, wie denn so seine mentale Befindlichkeit um 1950 gewesen ist. Offenbar völlig im Einklang mit der damaligen in einer "Erwachet!"-Schlagzeile festgehaltenen Auffassung, die weltlichen Behörden könne man mehr oder weniger, und das prinzipiell, nur als "Gangster in Amt und Würden" bewerten. Weil man sich der Endzeitnaherwartung gewiss war, hatte man auch keine Skrupel es auf diesbezügliche Konfrontationen ankommen zu lassen. Im Falle L... ist dazu überliefert, dass auch eine von ihm getätigte abwertende Bemerkung akribisch festgehalten wurde.
In gekürzter Form (S. 179f.) zitiert sie auch der Herr Dirksen in seinem Buch. Wobei es wiederum bemerkenswert ist, und auch symptomatisch für die WTG-Apologeten, wie da geschönt und retuschiert wird. So etwa wenn bei Dirksen die Aussage über das Kasperltheater unterschlagen wird.

Nachstehend mal ein paar charakteristische Auszüge aus der L...-Akte:

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