Verantwortungslos!

geschrieben von: Drahbeck

Datum: 04. Juli 2008 20:48

Irgendwann, (aus Zeitgründen nur nicht jetzt und heute, und dieweil mir andere Sachen wichtiger sind).
Irgendwann also werde ich dann auch noch mal auf den deutschen WTG-Funktionär, der Frühzeit, Friedrich Bösenberg, im Detail noch näher zu sprechen kommen.

Der deutsche „Wachtturm" des Jahres 1912 (S. 79f.) druckte mal einen Leserbrief von ihm ab.
Im „Wachtturm" 1913 S. 95f. wird er erneut namentlich genannt. Und auch in der „Wachtturm"-Ausgabe vom August 1914, begegnet man erneut seinem Namen.

Dann aber - so scheint es, wurde er auch für die WTG zu Unperson.
Wie gehabt, ein Schicksal, das andere vor und nach ihm noch mit ihm teilten.
Jedenfalls dass er in der Frühzeit ein gläubiger Russell-Jünger war, darüber kann es keine Zweifel geben.

Beleg dafür ist auch ein von ihm im Bestand der Deutschen Bücherei Leipzig befindlicher „Offener Brief an die Direktion des Evang. Preßverbandes für Deutschland".
Auch in diesem entpuppt er sich als eindeutiger Russell-Anhänger. Der Signatur nach zu schließen, muss jener „Offene Brief..." etwa 1914 oder geringfügig danach erschienen sein.

Unter anderem verwahrt er sich darin auch gegen die kirchliche Unterstellung, die Russell-Jünger der Frühzeit, würden die Obrigkeitslehre gemäss Römer 13 „missachten".
In diesem Punkte ist sich übrigens Bösenberg auch in späteren Jahren treu geblieben.

Den Rutherford'schen Obrigkeits-Lehrschwenk des Jahres 1929 hat er nie mitgemacht.
Nicht blos deshalb nicht, dieweil er da ohnehin nicht mehr mit der WTG verbunden war. Sondern aus „Überzeugung", die er schon in seinem genannten „Offenen Brief ..." mit zum Ausdruck brachte.

Bösenberg ging dann in die WTG-Geschichte dergestalt noch ein, dass er Herausgeber einer Oppositions-Zeitschrift zur WTG wurde („Botschafter für den Haushalt des Glaubens"). Ich schätze diese dergestalt ein, dass sie bezogen auf den deutschsprachigem Raum, das zweitwichtigste damalige Oppositionsorgan war.
Platz eins nimmt die „Aussicht" ein, und dann kommt schon der „Botschafter".

Beide Blätter erschienen übrigens bis in die Nazizeit hinein. Beide Blätter mussten erst Anfang der 1940er Jahre, im Zuge der von oben verordneten Papiereinsparungen, dann die „Segel streichen". Ich habe von beiden Blättern, auch die Jahrgänge in der Nazizeit, eingesehen.

Zog sich die „Aussicht" mehr auf die klassische Linie des vermeintlich „Unpolitischseins" zurück, kann man beim „Botschafter", teilweise das Gegenteil beobachten. Der mischte gar aktiv in der Politik mit, auf einem „Spezialgebiet", der „Judenfrage".

So referierte er etwa um 1939 die Nazipläne, die Juden nach Madagaskar zu deportieren, wenn die Westmächte „mitspielen" würden. Daraus wurde dann ja nichts. Und die Krematoriumsöfen von Auschwitz traten die Nachfolge der gescheiterten Madagaskarpläne an.

Das schlimme im Falle Bösenberg ist. Er war sich nicht zu schade dazu. Hitlers tatsächliche Judenpolitik als ausführendes „Werkzeug" Gottes darzustellen, auf der Basis der berüchtigten Bibelstelle von den „Fischern und Jägern" in Jeremia 16.

Sein Obrigkeitsgehorsam nahm schon fast „Schleimscheisserische" Dimensionen an. Insofern ist er das glatte Gegenteil von den zeitgenössischen Zeugen Jehovas.

Hatte ich kürzlich den zeitgenössischen polnischen WTG-Funktionär Scheider, religiösen Antisemitismus bescheinigt, muss ich allerdings sagen. Im Vergleich zu Bösenberg war dann Scheider doch wohl ein unbedeutender „Waisenknabe."

Das Schlimme bei diesen Recherchen ist dann die sich immer wieder aufdrängende Erkenntnis. Wer den Fehler macht, Opposition zur WTG, mit einem Qualitätsmerkmal gleichzusetzen. Der liegt schief. Grundlegend schief.
Andererseits ist dies aber keine Entschuldigung für den WTG-Totalitarismus. Das gilt es auch deutlich zu sagen.

Wie schon bemerkt, erlauben es mir Zeitgründe nicht, hier und jetzt den Fall Bösenberg weiter zu referieren. Weshalb ich ihn denn anspreche, ergibt sich aus einem anderem Umstand.

Ein heute noch (wenn auch nach 1945 erst gegründet) Organ der frühen WTG-Opposition mit den bis zu Russell zurückreichenden Wurzeln, ist das Blatt „Christliche Warte".
Selbige segelt schon seit eh und je auch auf der Schiene der Israel-Verklärung. Was jedoch deren letzte Ausgabe betrifft (das Heft Juli-September 2008), sprengt es wieder mal alle „Rekorde". Dann aber negative Rekorde.

Das Schlimme ist, genannte „Christliche Warte" liefert noch nicht mal einen Eigenbeitrag ab, sondern zitiert nur. In diesem Falle eine evangelikale Postile namens „Topic".
Täuscht mich nicht nicht alles, wird die auch von dem gleichen Verlag (Schulte Gerth) herausgebracht, der auch die berüchtigten Hal Lindsey-Bücher und ähnliches herausbrachte.

Gemessen daran, sind dass die eigentlichen heutigen Sektierer, und die Zeugen demgegenüber „fast" harmlose Spinner. Aber eben nur fast. Ich habe jedenfalls kein Verständnis für diese Kaffesatzleserei via „Topic" über die Schiene „Christliche Warte" präsentiert.

Da fällt mir nur ein Wort als Kommentar ein:
Verantwortungslos.

Die Klassifizierungen der Großkirchen was Sekten seien und was nicht, mache ich ohnehin nicht mit.

In meiner Sicht ist dieses „Topic" eine Sekte, und eine der übelsten Art noch dazu!

ZurIndexseite