Hören Sie Goebbels ...

geschrieben von: Drahbeck

Datum: 03. Juli 2008 05:04

Folgende Meldung konnte man in der Schweizer Ausgabe des „Goldenen Zeitalters" vom 15. 8. 1929 lesen:

„Kulturblüten des 20, Jahrhunderts
Der deutsche Boxer Max Schmeling schlug den Spanier Paolino in "haushohem Punktsieg" am 28. Juni d. J. vor einer begeisterten Riesenmenge in New York. Das wahre Gesicht des "Geschlagenen" und die typischen Momente des "erhebenden" Schauspieles schildert ein deutsches Blatt wie folgt:


"Zwei Runden wurden Paolino gutgeschrieben, zwei endeten unentschieden, elf waren für Schmeling zu buchen. Während der letzten Runden hielt der Spanier nur die Kohlrübe hin, ohne dem Gegner noch ernstlich was antun zu können: er wurde nach allen Richtungen vermöbelt, obwohl er, halb betäubt, aus Mund und Nase blutend "noch verzweifelt wilde Schwinger in die Luft entsandte". Die Oberlippe war ihm schon in der 5. Runde "geöffnet" worden, in der 9. die eine Augenbraue, in der 13. Runde war das "geöffnete" linke Auge wieder fast ganz "geschlossen", d. h, verschwollen; die Lippe wurde ihm gespalten. Den Höhepunkt bildete die 14. Runde: das eine Auge Paolinos war fast geschlossen, das andere zur Eigröße angeschwollen. "Blutend, halb blind, kaum noch bei Besinnung, taumelt der Spanier.
In der letzten, 15. Runde zeigt er das Bild eines "lebenden Sandsacks", auf den der Deutsche lospaukte. Das Resultat war, daß der Spanier zu einer "blutigen Masse" zusammengeschlagen war".

Das Blatt fügt bei: "Schmelings Mutter hat Recht gehabt, als sie einem Reporter erklärte:
"Max wird's schaffen!" Er hat für seine 400.000 Mark den Paolino ganz gründlich verarztet -

Wenn ein Prolet wegen zwei Mark fünfzig einem eine runterhaut fliegt er ins Kittchen. Wenn sich zwei vor einem Riesenpublikum für je eine halbe Million blutig schlagen, sind sie Helden; in allen Erdteilen brüllen sie hurrah und der Sieger wird National-Heros."


Die Ausführungen des „Goldenen Zeitalters" in Sachen Schmeling, seien in der Substanz, hier nicht weiter kommentiert. Was indes aus gegebenem Anlass angebracht erscheint, ist eine gewisse „Ergänzung". Sie sei nachfolgend gestattet:


Hören Sie Goebbels ...

„Hören Sie Goebbels", lässt Autor Martin Krauß in einem Buch über den Boxer Max Schmelng, Hitler sprechen: „Der Film kommt nicht in die Wochenschau! Daraus wird ein Haupfilm gemacht!"

Gesagt getan, noch an Ort und Stelle (anläßlich eines Empfanges in der Reichskanzlei), werden diesbezügliche „Nägel mit Köpfen" gemacht.

Besagter Boxer errang im New Yorker Yankee-Stadion im Jahre 1936 einen Sieg über einen Dunkelhäutigen Gegner. Das war für die Nazi-Rassisten das gefundene Fressen, dass nun nach allen Regeln der Kunst zelebriert wurde. Für Schmeling nebst dem Nazistaat auch ein nicht zu verachtendes Gewinnsümmchen abwerfend.

Weshalb wird dass nun hier zitiert? Nun in Besagtem Buch von Martin Krauß findet man auch die nachfolgenden Sätze:


„Im Januar 1926 ist Schmelings Vater gestorben. »Mutter blieb allein«, schreibt Schmeling in dem Sammelband »Mein Elternhaus«. »Und ich wurde ihr >Ernährer<, wie man damals sagte. Aber auch das trug schließlich dazu bei, dass ich Boxer wurde.«
Schmelings Vater war Steuermann bei der Hapag, der Hamburg-Amerika-Linie. Als Max am 28. September 1905 in Klein Luckow in der Uckermark geboren wird, ist sein Vater, der auch Max heißt, gerade auf dem Indischen Ozean unterwegs. Neun Monate ist Max alt, als der Vater die Familie nach Hamburg nachkommen lässt. ... Zwei Jahre später, 1907, wird sein Bruder Rudolf geboren, und 1913 kommt seine Schwester Edith zur Welt. Seine Eltern gehören zur »Bibelforscher-Bewegung«, wie sich die Zeugen Jehovas selbst nennen.


Schmeling selbst, hat auch ein „Erinnerungen" genanntes Buch verfasst. Dort liest man zu dem hier besonders interessierenden Aspekt die Sätze:
„Aber auch ich war sicherlich ergriffen von dem Fieber der Zeit nach dem großen Leben.
Meine Freunde waren es auch. Einer davon war Alfred dessen Eltern als Bibelforscher häufig in die Umgebung reisten, um für ihre Sache zu werben. Eines Tages lud er mich und zwei andere Jungen zu einem Boxkampf in die verlassene elterliche Wohnung ein."


Dort nun fand ein Boxkampf statt. Selbiger ist aber insbesondere dem genannten Alfred nicht gut bekommen (Sportförderung war noch nie ein Anliegen der Bibelforscher/Zeugen Jehovas). Und so darf man diesen Alfred eher in die Kategorie der Unsportlichen einordnen, der für seine Leichtsinnigkeit auch einen hohen Preis zahlen musste. Denn der Bericht geht weiter mit den Worten:

„Wir rückten den schweren Eichentisch zur Seite und rollten den Teppich auf. Da Alfred keine Boxhandschuhe besaß, wurde entschieden, daß alle Kämpfer die väterlichen Socken überstreiften.
Es wurde ein kurzer Kampf. Kaum war das Zeichen zur ersten Runde gegeben und die Auseinandersetzung eröffnet, schlug ich meine Rechte wie versehentlich gegen sein ungeschütztes Kinn. Augenblicklich knickte Alfred in den Knien ein, stürzte nach hinten und schlug mit dem Kopf hart gegen die Kante einer Nähmaschine.
Besinnungslos blieb er liegen. »Los, zählt ihn doch aus«, rief ich und tänzelte zur Ofenecke. Dann erst merkten wir, daß Alfred sich nicht mehr regte. Entsetzt zerrte ich die Socken von den Fäustern, und wir sahen uns ratlos an. Als Alfred sich auch nach ein paar Minuten noch nicht rührte, gerieten wir in Panik. Fassungslos auf den vermeintlich Toten schauend, berieten wir die Flucht. Einer von uns schlug sogar vor, in die Fremdenlegion zu gehen. In diesem Augenblick begann Alfred sich plötzlich wieder zu bewegen und schrecklich zu stöhnen. Dies war mein erster Kampf."


In einem Buch aus dem Jahre 1956 schildert er seinen Start in die Boxerlaufbahn ähnlich. In selbigen noch die Sätze:
»Dem Burschen ist das Grinsen vergangen«, sagte Erich lakonisch. »Los, zähl ihn aus!« kommandierte ich. »Quatsch, der ist doch tot!«
»Du bist eine Niete, aber kein Ringrichter. Zähl doch endlich!«
». ..3-4-5 ...« »Langsamer!« » ... 8 -9-aus!«
Alfred, das Opfer meines ersten K.O.-Sieges, rührte sich nicht.
»Ich sag euch doch, daß er tot ist!«
Uns sträubten sich plötzlich vor Entsetzen die Haare. Voll Zorn gegen mich selbst zerrte ich die mörderischen Handschuhe - es waren ein paar ausrangierte Socken - von den Fäusten. Sie hilflos schlenkernd stammelte ich totenblaß:
»Kinder, was nun? Was machen wir jetzt?«
Mut und Wut waren verflogen. Angesichts des regungslos daliegenden Freundes verspürten wir nichts mehr als gottserbärmliche Angst. Mit unseren 14 Jahren fühlten wir uns dieser Situation nicht gewachsen. Wir hatten nur einen Wunsch: türmen!
»Wie kommen wir bloß hier raus, ohne daß wir gleich die Polizei auf dem Hals haben?« fragte Matthias.
»Wir bummeln ganz harmlos nach Hause und tun so, als wüßten wir von nichts.«
»Idiot! Meinst du, die Polizei ist auf den Kopf gefallen? Uns bleibt nur ein Ausweg: wir müssen über die Grenze! Die holländische ist am günstigsten!«
»Wißt ihr was«, sagte ich, »wir gehen zur Fremdenlegion.«
»Ja, aber ...«
»Redet nicht! Faßt lieber an! Wir stellen den Tisch wieder in die Mitte und hauen ab.«
In unserem verzweifelten Eifer stießen wir der »Leiche« unsanft ein Tischbein ins Kreuz. Wer hätte gedacht, daß ausgerechnet dies die richtige Methode war, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken?
Alfred, der k.o.-gegangene Gastgeber, schlug die Augen auf und stöhnte schauerlich. Sein Wimmern war Musik für uns. Wir stürzten auf ihn und hätten ihn vor Freude über seine wiedererwachten Lebensgeister jetzt wirklich fast umgebracht."


In dem von Rudolf Pörtner hrsg. Sammelband „Mein Elternaus", schreibt Schmeling:
„Über mein Elternhaus selbst gibt es sonst nichts Außergewöhnliches zu berichten. Wir lebten, den Umständen und dem Verdienst entsprechend, sehr bescheiden - wozu beigetragen haben mag, daß Vater und Mutter in der Bibelforscherbewegung so etwas wie eine geistige Heimat gefunden hatten."

Also, demzufolge waren nicht nur die Eltern des genannten Alfred, sondern eben auch die von Schmeling selber, den Bibelforschern zugetan.

Zurückkehrend zum Buch von Krauß. Letzterer schreibt weiter:

„Die Novemberrevolution (1918) bekommt Schmeling als 13-Jähriger mit, er hört von Schießereien und kann einmal, als Spartakisten das Rathaus angreifen, gerade in einen Hausflur flüchten. Ansonsten spielt er Fußball, als Torwart bei einem Klub in St. Georg, und will gerne Kunstmaler werden. Mit 15 Jahren, 1920, verlässt er die Schule und beginnt eine Lehre in der Annoncen-Expedition William Wilkens. In der Freizeit schließt sich Schmeling den Wandervögeln an.

Mit 16 Jahren ist er Mitglied des Sportklubs »Germania«, eines Ringervereins. Da soll er seinen Debütkampf liefern, doch Amanda Schmeling, seine resolute Mutter, schließt den tobenden Jüngling in seinem Zimmer ein. Sie will nicht, dass sich ihr Sohn die Knochen brechen lässt.
»Durch den Zwischenfall mit dem nicht erfolgten Kampf in meinem Ringerklub konnte ich mich dort nicht mehr sehen lassen«, schreibt er in seiner ersten Autobiografie, »Mein Leben - meine Kämpfe«, »und deshalb sattelte ich um. Ich ging zu den Boxern.« Die Eltern dürfen davon nichts erfahren, und als sein Vater doch herausfindet, was Max da macht, muss er ihm versprechen, es nie zum Beruf zu machen.

Dabei ist doch der Vater schuld an der Boxbegeisterung seines Sohnes. »Eigentlicher Kontaktmann zum Boxen«, schreibt Schmeling später, ...


Was den genannten Bibelforscherbezug anbelangt, ist selbiger aber in keiner Hinsicht weiter bestimmend gewesen, denn weiteres in der Richtung, vernimmt man in diesem Buch nicht.

Nun alles andere als am „Hungertuch" nagend, kauft er sich ein Grundstück in Bad Saarow-Pieskow (am Scharmützensee). Das ist im Lande Brandenburg, im weiteren Sinne dem „Speckgürtel" um Berlin zugehörig.

Zur Politik des DDR-Staates gehörte auch, da Schmeling nach 1945 nicht auf dessen Territorium lebte, dass besagte Immobilie anderweitig genutzt wurde.
Wie? Nun in diesem Falle wurde ein Kinderferienheim für Staatliche Betriebe daraus. Der einzigste Ferienaufenthalt den ich als Kind (außerhalb des Verwandtenkreises) einmalig erleben durfte, war in jener Schmeling-Immobilie am Scharmützelsee. Damals konnte ich allerdings nicht ahnen, das mich das Thema Schmeling dereinst noch mal beschäftigen würde. Nun ist zudem begründet davon auszugehen, dass Schmeling dafür auch wohl keinen „Mietzins" erhielt.

Vielleicht muss dieser Aspekt aber noch etwas anders gesehen werden. Verstehe ich seine Ausführungen in den „Erinnerungen" richtig, ist da gar von Verkaufsabsichten (nach einem Brand) in Saarow-Pieskow die Rede. Auch davon, dass er andernorts sich eine andere Immobilie zulegte. Nach 1945 hat es ihn ohnehin in die Hamburger Gegend zurückverschlagen.

Wie auch immer. Bereits zu Zeiten der Weimarer Republik gehörte er zur sogenannten „HighSociety". Es kann begründet unterstellt werden, außer Formalien, haben die Zeugen Jehovas nie eine echte Rolle in seinem Leben gespielt. Garantiert erst recht nicht, als seine Boxerlaufbahn anzulaufen begann.

Vielleicht haben auch seinerzeitige Pressefotos, wie das nachfolgende, die damalige Entscheidung mit befördert. Unklar ist nach wie vor: Hat er nun Saarow-Pieskow tatsächlich verkauft, oder blieb das nur eine angedachte Option.

http://www.manfred-gebhard.de/Schmeling.jpg

Immerhin kam seine Immobilie so zeitweilig einem größeren Nutzerkreis, außerhalb der „Bourgeosie" um das DDR-Vokubalar mal zu verwenden, zugute. Das aber nur am Rande.

Das der Zeugen Jehovas Bezirks-Kongress 1999 vom 16 - 18. 7. 1999 in Berlin in einer dortigen „Max-Schmeling-Halle" stattfand (WT 15. 2. 1999 S. 30) darf man wohl eher dem Bereich Zufall zuordnen. Eine 3d-Animation besagter Halle kann man denn auch im Internet besichtigen.


http://www.max-schmeling-halle.de/360_msh/pano_frame.html?02-big

Parsimony.12281

http://forum.mysnip.de/read.php?27094,6176,7395#msg-7395


http://az.ub.uni-freiburg.de/show/fz.cgi?cmd=showpic&ausgabe=02&day=29a&year=1936&month=06&project=3&anzahl=6

ZurIndexseite