Re: Zeitgeschichte vor 70 Jahren
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 25. Juni 2008 04:32
„Das Werkzeug, womit Satan die Menschen am hinterlistigsten betrogen hat, ist die Religion, weil sie den Schein des Guten hat; sie bewirkte aber großes Übel für die Menschen. Es gibt viele Religionen, aber alle sind sie trügerisch; alle offenbaren sich als Werkzeuge des Feindes, Satan, und gereichen somit den Menschen zum Schaden.

Das Buch "Feinde" erbringt nun den vollen Beweis, daß ein großes, von Rom ausgehendes Religionssystem das Mittel gewesen ist, wodurch Lug und Trug verübt und unsagbares Leid über die Menschen gebracht wurde. Dieses Religionssystem bedient sich des größten Gimpelfangs den je Menschen verübt haben ..."


Das ist so ein Reklametext, den man für das damals neu herausgekommene Rutherford-Buch „Feinde" in der „Trost"-Ausgabe vom 1. 6. 1938 lesen konnte.

Wie man unschwer erraten kann, dürfte jene darin namentlich genannte Kirche, ob dieser Ausführungen, wohl kaum sonderlich „erfreut" gewesen sein.

Nun kommt es wohl auch auf die Rahmenbedingungen an. Die pluralistischen USA und das stark katholisch dominierte Polen, sind da durchaus als zwei „linke Schuh" bezeichenbar, die nicht zueinander passen.
Jedenfalls unterhielt die WTG zur fraglichen Zeit auch in Polen ein eigenes Büro, und suchte nach Kräften ihr Werk auch dort voranzutreiben.

Nicht das Buch „Feinde" (das gab es wohl zur fraglichen Zeit noch nicht in polnischer Sprache), wohl aber eine andere Rutherford-Broschüre namens „Schlüssel des Himmels" (in Deutsch bereits 1932 erschienen), wurde zu jener Zeit in Polen vor den Kadi gezerrt, worüber eben auch die „Trost"-Ausgabe vom 1. 6. 1938 berichtet.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen. Der Inhalt der inkriminierten Broschüre, kann in freiheitlichen Gesellschaften nur so bewertet werden. Einfach zur Tagesordnung übergehen, und das war es dann wohl.

Offenbar nicht so in Polen, was dann ja nicht gerade für die dortigen politischen Rahmenbedingungen sprach. Wer an solch einer Broschüre Anstoß nimmt, offenbart, dass er doch wohl eine bemerkenswertige „Dünnhäutigkeit" aufweist. Genau diese Sachlage bestand in Polen.

Es ist ja wohl Dogma der katholischen Kirche zu wähnen, in Kontinuitätslinie zu einem „Petrus" mit dessen vermeintlich übergebenen „Schlüssel des Himmels" zu stehen.

Es ist also schon der Titel jener Broschüre, welche da ans „katholische Eingemachte" rührt. Weniger ihr Inhalt. Andere Rutherford-Schriften, wie etwa das genannte Buch „Feinde" oder auch „Religion" pflegten da eine weitaus schärfere Tonlage anzuschlagen.

Immerhin kann man in der inkriminierten Broschüre auch solche Sätze vorfinden wie die:

„Aus demselben Beweggrunde hat Satan die Menschen seit vielen Jahrhunderten gelehrt, daß alle Stürme, das Ungeziefer und anderes Unheil darum über das Volk käme, weil es seine Kirchen nicht genügend mit Geld unterstütze und ihnen nicht ergeben sei; deshalb hätte es sich Gottes Mißfallen zugezogen und sende er ihm diese Heimsuchungen.
Viele Leute sind dadurch veranlaßt worden, Gott zu fluchen und sich von ihm loszusagen. ...
Satan beliebt, das Volk durch das "organisierte Christentum" zu täuschen und irrezuführen. Als Jesus wegen der Schlüssel des Reiches der Himmel zu Petrus sprach, sagte er auch: "Was irgend du" auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was irgend du auf der Erde lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein." Man hat fälschlicherweise behauptet, dadurch wäre gewissen Männern in der Kirche Vollmacht gegeben, Sünden zu vergeben. Eine solche Behauptung ist durchaus verkehrt ..."


Kraft ihrer Wassersuppe wähnte sich die katholische Kirche in Polen, via des von ihr bemühten Staatsanwaltes, diesbezüglich beleidigt und verlangte nun gerichtliche Genugtuung.

Ein solches Anliegen allerdings kann man wohl nur als gegen den ein solches Gerichtsverfahren Anstrengenden sprechend, bezeichnen. Immerhin hatte das für den Presserechtlich verantwortlichen Wilhelm Scheider in Polen, durchaus Konsequenzen. Laut einem Fortsetzungsbericht im „Trost" vom 15. 6. 1938, wurde er in erster Gerichtsinstanz zu 1 Jahr und 2 Monaten Gefängnis verurteilt.

Nicht nur die genannte Broschüre wurde in dem Verfahren einer gerichtlichen Beurteilung unterzogen. Weitaus gravierender waren da auch etliche Ausgaben des „Goldenen Zeitalters". Namentlich genannt, als besonderer „Stein des Anstoßes", erwies sich dabei besonders eine Karikatur im „Goldenen Zeitalter" vom 15. 11. 1936, betitelt „'Gefängniswärter' geben den Rat, Bücher zu verbrennen." (Auch in der Rutherford-Broschüre aus dem Jahre 1934 „Seine Werke" bereits abgebildet. Nunmehr aber im „Goldenen Zeitalter" erneut reproduziert.

Man darf es wohl so einschätzen (angesichts der schon skizzierten „polnischen Dünnhäutigkeit"), dass diese Karikatur wohl insbesondere der Tropfen war, der das „Fass zum überlaufen brachte"

Der genannte Prozess fand am 18. 10. 1937 statt. Dem Vernehmen nach konnte Scheider noch eine Revisionsverhandlung erwirken, in der er am 27. 1. 1938 freigesprochen wurde. Die aber kann nur als „Galgenfrist" bewertet werden. Schon im März 1938 wurde das WTG-Zweigbüro in Lodz geschlossen und die Organisation für verboten erklärt.

Der Staat Polen (vor der Annexion durch Hitlerdeutschland) war ein durchaus rabiat antisemitischer Staat. Besonders unrühmlich in die Geschichte eingegangen, sind da beispielsweise die Geschehnisse im Umfeld um Herschel Grynszpan. Letzterer ein Anschlag auf einen Nazidiplomaten ausübend (aus der Motivation der Rache), diente den Nazis als Vorwand für ihren Pogrom der berüchtigten sogenannten „Reichskristallnacht".
Siehe beispielsweise:
http://de.wikipedia.org/wiki/Herschel_Grynszpan

Die Motivation des Grynszpan war wesentlich dadurch mitbestimmt worden, dass jüdische Angehörige von ihm, im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen, äußerst unmenschlichen Behandlungen unterworfen wurden, für die es ihm in der Folge, nach Rache gelüstete.

Insofern ist man überhaupt nicht verwundert, wenn in dem hier referierten Gerichtsverfahren die Zeugen Jehovas betreffend, auch ausgesprochen antisemitische Aspekte mit zum tragen kamen. Das makabre daran ist lediglich der Umstand, dass der WTG-Angeklagte Scheider, da zu seiner Verteidigung, sich als ganz offener (religiöser) Antisemit entpuppte. Scheider seinerseits gab damit nur die zeitgenössische WTG-Haltung zum Thema wieder.

Die diesbezüglichen Eckpunkte wurden nicht von Scheider entworfen. (der war nur der „Papagei" der sie wiederkaute). Entwerfer der Konzeption war unfraglich Rutherford und Co.

Jedenfalls kommt in einem weiteren „Trost"-Bericht („Trost" vom 1. 7. 1938) den „Scheider-Prozess" in Polen betreffend, diese antisemitische Komponente sehr wohl zum Ausdruck.
Genanntes „Trost" schreibt dazu:


„Polemisiert der Angeklagte in seiner Berufung zuerst mit der Behauptung des Gerichts
I. Instanz, die Angriffe richteten sich nur gegen die christlichen Bekenntnisse, nicht aber gegen die mosaische Religion.
Der Angeklagte meint, er sei während der Gerichtsverhandlung in bezug auf seine Einstellung zur jüdischen Religion gar nicht befragt worden. Wenn eine solche Äußerung von Ihm jedoch gewünscht wird, wolle er gern den biblischen Standpunkt hierüber darlegen.

Die Schrift nenne die Juden ein hartnäckiges Volk, das schon mehrmals völlige Ausrottung verdient hätte.
"Ich habe dieses Volk gesehen, und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk; und nun laß mich, daß mein Zorn wider sie entbrenne und ich sie vernichte" (2. Mose 32:9-10).
"Ihr seid ein hartnäckiges Volk; zöge ich nur einen Augenblick in deiner Mitte hinauf, so würde ich dich vernichten" (2. Mose 33:5).
"Aber sie, nämlich unsere Väter, waren übermütig, und sie verhärteten Ihren Nacken und hörten nicht auf deine Gebote. Und sie weigerten sich zu gehorchen und gedachten nicht deiner Wunder, welche du an ihnen getan hattest" (Nehemia 9:16,17).

Wegen dieser schändlichen Handlungsweise des judischen Volkes wurde von allen heiligen Propheten Gottes dessen gänzliche Vernichtung vorausgesagt. ..."


Die Vokabel „verdient" ist zwar im Original nicht hervorgehoben. Gleichwohl Ausdruck eindeutigen religiös motivierten, Antisemitismus. Und dann vergesse man nicht die politischen Rahmenbedingungen. Das vermeintliche „verdient" war zur gleichen Zeit Staatspolitik sowohl in Hitlerdeutschland als auch in Polen.

Solche Aussagen ordnen sich ein in jenem Kontext beispielsweise, wenn der Hitler-Regierung, via der berüchtigten Berlin-Wilmersdorfer Erklärung, im dortigen Abschnitt „Juden", in vermeintlicher Zitierung biblischer Aussagen, zu Protokoll gegeben wurde:


„Ihr (die Juden) seid aus dem Vater dem Teufel".
Es fällt schwer zu erkennen, dass an eben jener Passage, die Nazis etwas „auszusetzen" gehabt hätten. Wenn auch die Berlin-Wilmersorfer „Erklärung", in Gesamtheit, bei den Nazis nicht wohlwollend aufgenommen wurde. Dann lag das aber mit Sicherheit nicht, an der eben zitierten Passage.
Und dann gab es im Abschnitt „Juden" der Berlin-Wilmersdorfer „Erklärung" als Zugabe noch jenes berüchtigte Bonmot, von dem man mit Sicherheit sagen kann. Es lässt sich in der Bibel nicht nachweisen. Ergo ist es auf dem ureigensten WTG-Mist gewachsen. Auch bei diesem Bonmot kann man sich nur schwer vorstellen, dass die Nazis an ihm etwas „auszusetzen" gehabt hätten, wenn sie da via WTG belehrt wurden:

„daß es in bezug auf die Stadt New York ein Sprichwort gibt, das heißt: 'Den Juden gehört die Stadt, die irischen Katholiken beherrschen sie, und die Amerikaner müssen zahlen."

Von WTG-Seite wird die Zahl der Zeugen Jehovas (Stand von 1939) in Polen, damals mit 1039 beziffert. Diese verhältnismäßig gering erscheinende Zahl ist auch dem Umstand zuzuschreiben, dass es in der Bibelforscher-Geschichte in Polen diverse schismatische Ereignisse gab. Noch heute existieren in Polen Zeitschriften aus dieser Gründungswurzel etwa „Na Strazy" und die zeitweise auch eine gewisse Bedeutung besitzende „Swit"

Das 1994er ZJ-Jahrbuch kam nicht umhin auf diese Umstände auch einzugehen. Dort liest sich das etwa so:


„Bruder Kasprzykowski hatte nach dem Ersten Weltkrieg für die Brüder zwar wertvolle Dienste geleistet, doch später wurde der Stolz für ihn zu einem Hindernis. ... wurde er ein ausgesprochener Gegner seiner früheren Brüder. Als Der Wachtturm immer deutlicher die Verantwortung jedes einzelnen betonte, sich am Predigen der guten Botschaft zu beteiligen, fand er bei denen Anklang, die nichts weiter tun wollten, als zuzuhören.

Eine Zeitlang gab sich die Warschauer Versammlung den Anschein der Einheit, indem weiterhin alle zusammenkamen. Aber in Wirklichkeit war sie stark gespalten. Beim Gedächtnismahl 1925 spitzte sich die Lage zu. Von den ungefähr 300 Brüdern blieben nur 30 der Gesellschaft gegenüber loyal.

Schon bald wurden andere Versammlungen in Mitleidenschaft gezogen. Von etwa 150 Personen in Lodz kamen nur 3 Brüder und 6 Schwestern weiterhin zusammen, um Gottes Wort mit Hilfe der Wachtturm-Publikationen zu studieren.

Doch die Probleme waren noch nicht überwunden. Im ganzen Land gab es Personen, deren Beweggrund, Gott zu dienen, stark von dem Glauben beeinflußt war, sie würden ihre himmlische Belohnung spätestens 1925 erhalten. Viele von ihnen wurden geistig schwach oder fielen vom Glauben ab, als das Jahr vorüber war. Während dieser Zeit versuchten verschiedene gegnerische Gruppen zielstrebig, die Versammlungen unter ihre Kontrolle zu bringen oder sie wenigstens zu schwächen Drei dieser Gruppen von Gegnern bestehen heute noch."

Swit

Na Strazy

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