Herr Kolrep
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 12. Februar 2008 08:18

Fortsetzung von
„Impressionen der Nach-Verbotszeit"
Was weis man heute über den 1910 geborenen SS Hauptsturmführer Walter Richard Kolrep?
Nun, nach wie vor nicht übermäßig viel. Man weis, wie das Bundesarchiv ausweist, seit 1930 Mitglied der NSDAP und der SS. Man vergesse auch nicht sein Geburtsdatum. Als er dann quasi an zentraler Stelle im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS in Sachen Zeugen Jehovas saß, war er immer noch ein relativ junger Mann, der sich erst seine Lorbeeren erwerben wollte. Selbige aber nicht zwangsläufig durch bereits erstellte „sachkundige" Denkschriften besaß. Namentlich nach der zweiten Flugblattaktion der Zeugen Jehovas „Offener Brief an das Christus und Gott liebende Volk Deutschlands" nahm er wohl zunehmende eine Schlüsselstellung wahr.

Ein Beleg dafür ist auch jenes Fernschreiben, indem er ihm unterstellte Dienststellen auffordert - sofern sie es noch nicht getan - detaillierten Bericht über diese Flugblattaktion abzugeben. Er nutzt diese Aufforderung auch gleichzeitig dazu, daran zu erinnern das „angeforderte Mitgliederverzeichnisse" der Zeugen Jehovas, nunmehr beschleunigt ihm einzusenden seien. Und so findet man denn in der Tat in diesen Akten (nach wie vor) relativ umfängliche Namensverzeichnisse.
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Diese Öffentlichkeitswirksamen Flugblattaktionen erwiesen sich somit als zweischeidiges Schwert. Sie führten auch auf der Verfolgerseite zu einer massiven Verstärkung der Aktivitäten.
Jens Uwe Lahrtz etwa, der sich auch viel mit Nazi-Aktenmaterial beschäftigt hat, formulierte mal:

„Der damalige dortige Sachbearbeiter und wahrscheinliche Verfasser (einer Denkschrift) war ein SS-Oberscharführer Kolrep. Nach der Auflösung des Referates ungefähr im November 1943 war dieser als "Kirchensachbearbeiter" im Rang eines Hauptsturmführers beim Auswärtigen Amt."

Zu der von Lahrtz mit angedeuteten Denkschrift gibt es allerdings noch etwas mehr zu sagen. Namentlich muss ich da dem Dr. Detlef Garbe widersprechen. Auch Garbe (S. 230) räumt ein, dass diese (eine von mehreren Bibelforscher/Zeugen Jehovas-Denkschriften), nicht namentlich gezeichnet ist. Lahrtz hat nicht ohne Grund in seinem Votum die Vokabel „vermutlich" oder „wahrscheinlich" mit eingebaut Das Kolrep im Jahre 1937 an zentrale Stelle im „Spnnnennetz" der Gestapo saß, ist unstrittig. Wenn einer in der Nazihierarchie praktisch erworbene Sachkenntnis besaß, dann doch wohl er.

Laut Garbe (S. 296 FN 311) gab es da ein SS-Schulungsmaterial das davon faselt, es gäbe in Deutschland 350.000 ZJ-Anhänger. Die Unterstellung jene ominöse Zahl stamme von Kolrep ist ein reiner Zirkelschluss und nicht definitiv erwiesen. Kolrep hatte doch das Aktenmaterial zur Verfügung. Er bekam doch alles aus erster Hand. Er wusste es somit besser, als jene auch mal damit befassten Mitarbeiter des Reichs- und Preussischen Ministeriums des Innern. Denen hatte doch WTG-Funktionär Harbeck in seinen Verhandlungen eine ähnlich astronomische Zahl vorgeschwatzt, wenn er gar von „einer Million Glaubensgenossen" faselte. Der Zweck dieser Harbeck'schen These ist schon klar. „Eindruck schinden". Also wenn man nach einem Verursacher jener ominösen Zahl sucht, muss man viel eher mit dem Finger auf Harbeck, denn auf Kolrep zeigen. Das man Harbeck's Zahl nicht ernst nahm. Dafür spricht ja dann auch, dass sie in dieser Denkschrift schon auf ein Drittel schrumpfte.
In der Tat hatte die Zeugen Jehovas Zeitschrift „Das Goldene Zeitalter" in der Endphase die Auflagenhöhe von über 400.000 überschritten. Nur, GZ-Leser und etwa aktive Gedächtnismahlbesucher. Das waren zwei „linke Schuh".

1926 hatte man in Deutschland noch 24.459 Gedächtnismahlbesucher. Die Zahl für 1933 beläuft sich auf 19.268. Diese faktische Reduzierung mag man zwei Umständen zuorten. Einmal, Nachwirkungen der 1925-Krise, zum anderen schon dem massiv einsetzenden Naziterror. Lässt man die heutzutage gern genannte Zahl von 25.000 gelten (mit Sympathisanten), so sind die Zeugen mit solcher großzügigen Zahl mehr als gut bedient.
Und jene Mitarbeiter des Innenministeriums, die kaum intensive eigene Forschungen anstellten (anstellen konnten) schwatzten diese ihnen von Harbeck vorgebetete Zahl Pagageienhaft nach. Damit ist aber nicht im entferntesten der tatsächliche Beweis erbracht. Jene astronomische Zahl stamme auch tatsächlich von Kolrep.

Das Kolrep nicht der Typ war, der autark alles souverän selbst beherrschte, wird auch anlässlich der Verhaftung des WTG-Funktionärs August Fehst deutlich. Ausdrücklich fordert da Kolrep die Unterstützung seines Kollegen „Frank 2" an.

„Frank 2" war schon bei den Vernehmungen von Fritz Winkler und Erich Frost, wie aufgrund der Aktenlage feststeht, „die" dominate Persönlichkeit auf Vernehmerseite. Offenbar glaubte Kolrep auch in diesem Fall, nicht auf seine Dienste verzichten zu können.
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Mit hochstaplerischen Zahlenangaben wurde da offenbar mehrfach gearbeitet. Ein Beleg ist das die Zeugen Jehovas bezügliche Protokoll vom 20. 5. 1933 des Preußischen Ministeriums des Innern. Selbiges teilt mit, dass nach den ersten Besetzungen der Magdeburger Zentrale, welche dann aber wieder aufgehoben wurden, der amerikanische Konsul Geist in jenem Ministerium vorsprach. Das Protokoll vermerkt, er
„betonte einleitend die große Bedeutung der Angelegenheit für sein Land im Hinblick darauf, daß die Gesellschaft in Amerika über 1 Million Anhänger besäße und dadurch in der Lage sei, die öffentliche Meinung stark in Bewegung zu setzen."

Jene vorgebliche „Million" war zum damaligen Zeitpunkt buchstäblich aus den Fingern gesaugt. Die offiziellen Jahrbuchstatistiken der Zeugen Jehovas sprechen da eine andere Sprache. Gemäß letzteren gab es in den USA im Jahre 1934 20.834 „Verkündiger". Auch wenn man diese Zahl großzügig mit Sympathisanten nach oben schraubt, so ergaben sie dennoch niemals jene ominöse „Million".
Wieder zu den deutschen Zahlen zurückkehrend, ist auch das für das Reichsministerium des Innern mit Datum vom 30. 5. 1933 angefertigte Protokoll beachtlich. Es berichtet darüber, dass am 29. 5. 33 einige Herrschaften sich in Sachen angedachtes Zeugen Jehovas-Verbot im Berliner Polizeipräsidium erstmalig zusammen an einen Tisch setzten. Dann werden die Voten der einzelnen Teilnehmer skizziert. Wörtlich heisst es dann darin auch:

„Oberregierungsrat Diels (Gestapo) ... führte aus, dass nach seinen Feststellungen die Gesellschaft 800.000 Mitglieder in Deutschland habe, die in 1200 Ortsgruppen zusammengefasst seien. In Berlin sollen allein ungefähr 20.000 Mitglieder vorhanden sein, die in 35 einzelnen Ortsgruppen zusammengefasst seien."

Allein die für Berlin genannte Fantasiezahl zeigt, woher das ganze stammt. Aus Wolkenkuckuchsheim. Noch heute schwankt die Berliner Zahl zwischen 5 bis 6 Tausend. Die aber hatte sie keineswegs schon 1933 erreicht. Wenn man also nach einen Urheber von Fantasiezahlen auf Gestaposeite sucht, dann kann man vielmehr Diels, als denn Kolrep benennen!
Was nun beflügelte in ihrem Kampf gegen die Zeugen Jehovas, die Gestapo im besonderen Maße? Aufschlussreich dazu ist auch ein Dokument, abgedruckt in einem Buch von Heimo Halbrainer, der wiederum als seine Quelle dafür, das WTG-Archiv Selters angibt.

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Was den mit genannten Aspekt Wehrdienstverweigerung betrifft, so ist dazu festzustellen, dass weibliche Zeugen Jehovas, zu dem Zeitpunkt, ja davon noch nicht mit tangiert waren. Es reduziert sich also darauf, dass es die prinzielle Wahlverweigerung der Zeugen Jehovas war, welche das Naziregime wach, hellwach, werden lies.
Zu fragen bleibt weiter an die Adresse der Kriegslist-lüsternen Zeugen Jehovas. Und, wie verhält es sich da mit dem Jesuanischen Aisspruch „klug wie die Schlangen zu sein ...."
Klugheit kann man in dem zeitgenössischen Zeugen Jehovas-Gebaren, sicherlich nicht erkennen. Eher Tendenzen des Harakiri. Des ins offene Messer hineinlaufen!

Wurde das Naziregime durch Demonstrationen dieser Art „aus den Angeln gehoben"? Wohl kaum. Im Umkehrschluß bekam selbiges aber quasi frei Haus mitgeteilt, welche seine Gegner (und seien es auch „nur" religiöse Narren), es sich doch mal intensiver von nahe betrachten müsse. Und sei es nur in der Form, der von ihm dafür vorgesehenen Institutionen, namens Gefängnisse und KZ. So blauäugig konnte man doch wohl nicht sein, um schon beim Blick in die alltägliche Nazipresse zu erkennen. Was nun die Stunde geschlagen habe! Und 25.000 deutsche Zeugen Jehovas, die sich unter dem Nazidruck dann auf 6.000 reduzierten, waren in der Tat zu schwach, es erfolgreich mit dem Naziregime aufnehmen zu können. Das schafften selbst andere, weit bewusster Handelnde, nicht.

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Parsimony.25481

Re: Herr Murawski hatte da ein Problem
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 26. Februar 2008 07:02
 
Das Problem war für ihn offenbar so groß, dass er es nicht selbst bewältigen konnte, sondern meinte dazu fachkundiger Hilfe zu bedürfen.
Wer wurde in der Nazizeit als „fachkundige Hilfe" bei den „Bauchschmerzen" des Herrn Murawski, von selbigen als geeignet eingeschätzt?

Man ahnt es schon. Herr Murawski befand. Hilfe könne ihm nur von der Geheimen Staatspolizei, abgekürzt Gestapo, zuteil werden. Als SS-Oberscharführer, wie er sich denn selbst bezeichnete, hatte Herr Murawski das „dringende Bedürfnis", bei seinem Problem, auch ja keinen Zeitverzug eintreten zu lassen. Also setzte er sich flugs an seine offenbar vorhandene Schreibmaschine und informierte besagte Gestapo wie folgt:


Berlin-Schöneberg, den 21. Oktober 1936
Hauptstrasse 4 I
„Am 20. Oktober 1936 fand meine Mutter, Frau Elsa Murawski, als sie von Besorgungen nach Hause zurückkehrte, durch den Briefschlitz der Wohnungstür eingeworfen ein Heft, betitelt „Welt-Wiederaufbau", nach Inhalt und sonstigen Angaben ersichtlich als Erzeugnis der „Ernsten Bibelforscher". Meine Mutter ist in der Zeit von 15:15 bis 16 Uhr abwesend gewesen.
Das Heft wird zur weiteren Verfolgung der Angelegenheit eingereicht. Die Angaben über seine Herkunft finden sich auf der Innenseite des Umschlages."


„Clever" wie Herr Murawski den meinte zu sein, lies er es nicht bei vorstehendem bewenden.
Sicherlich an seine alsbaldige weitere Karriere auch denkend, belehrte er denn seine Adressaten desweiteren:


"Wer diese Hefte herumträgt, lässt sich vielleicht durch sofortige Nachforschungen im Hause bzw. Häuserblock Schöneberg, Hauptstrasse 4, feststellen; es werden sicher auch andere Einwohner solche Hefte zugesteckt erhalten haben. Möglicherweise ist auch der Strassenzug in weiterem Umfange verseucht worden; und es ist anzunehmen, dass irgend jemand von den Anwohnern fremde Personen gesehen hat und über diese Angaben machen kann, die sich als Verteiler der Schriften verdächtig gemacht haben.
D. Murawski
SS-Oberscharführer"


Nun ist das mit alten Akten so ein „Ding für sich". Weitere Details zu diesem in der Sicht von Herrn Murawski sicherlich „weltbewegenden" Vorfall sind nicht überliefert bzw. im Kontext nicht bekannt. So weis man dann in der Tat auch nicht, ob besagte Gestapo dem Ansinnen des Herrn Murawski gefolgt ist oder eben nicht. Aus heutiger Sicht, angesichts der Überflutung mit ungebetener Werbung, wirkt der Fall ohnehin grotesk.
Sollte das Schreiben des Herrn Murwaski, also einfach bloß abgeheftet worden sein, und dass war es dann, wäre solch eine Option auch so unwahrscheinlich nicht. Gleichwohl ist selbiges nicht erwiesen.

Wie auch immer. Die traurige Gestalt des Herrn Murawski kann man eigentlich „vergessen". Es ist auch mehr als schwer zu beurteilen, welche Verwandschaftsbeziehungen er denn so hatte. Man gerät dabei unschwerlich auf das Glatteisgebiet bloßer Vermutungen.

Indes ist mir der Name „Murawski" schon zu einem früheren Zeitpunkt durchaus ein Begriff geworden. Siehe den Link dazu.

Mag er mit diesem Murawski auch nichts zu tun gehabt haben, so ist dennoch der Vorfall zugleich ein Indiz dafür, wie „Willkommen" oder besser Unwillkommen der Propaganda der Rutherford-Organisation denn in der Praxis war.
Murawski

Dass das Denunziantentum in der Nazizeit üble Blüten zeitigte, verdeutlicht (unter anderem) auch jener der SS-Zeitung „Das Schwarze Korps" zugegangene Brief, der von selbiger offenbar an die Gestapo weitergereicht, und in deren Akten überlebt hat. So wie es aber aussieht, hat das „Schwarze Korps" seinerseits keinen Gebrauch von einer offenbar anvisierten Veröffentlichungs-Option gemacht.


Schriftleitung "Das Schwarze Korps"
Berlin, 13. August 1935
An den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS
In der Anlage erhalten Sie einen uns zugesandten Bericht zu Ihrer Verwendung.

SS Nachrichtenzug II/27
Forst/L., Uferstr. 6
Forst/L. den 27. 7. 35
Bibelverkauf mit Kriegsdrohung!
Wie überall gegen das dritte Reich von Seiten der Kirchensekten Stimmung gemacht wird, zeigt folgender Vorfall:
Es klopft an die Tür und auf die Aufforderung zum Eintreten, betritt eine ältere asketische Frau das Zimmer. Haben sie eine Bibel, sagt sie, ja lautet die Antwort.
Lesen sie auch darin? Ja alle Tage.
(Ich habe keine Bibel und lese auch darin nicht).
Lesen sie die Bibel auch richtig? werde ich weiter gefragt. Wissen sie auch, dass sich das Wort Daniels bewahrheiten wird, der Krieg steht bevor und bald ist alles, alles zu Ende und dann kommt der ewige Friede, erzählt die Bibelverkäuferin.

Verärgert durch die Aussprüche dieser Frau erzähle ich diesen Vorfall den gerade zufällig vorbeikommenden SS Sturmmann Klemke. Dieser kurz entschlossen lässt die Frau von der Polizei festnehmen.
Ich bin eine Zeugin Jehovas, sagt sie zu dem Polizeibeamten, nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt. Der Ausweis dieser Bibelverkäuferin war ein amerikanisches Bibelprospekt in deutscher Sprache. Die Ruhe, die diese Frau bei der Verhaftung und Vernehmung auf der Wache besass, lässt ohne weiteres vermuten, dass sie des öfteren verhaftet war oder aber vorzüglich einstudiert worden ist. Bei der Vernehmung gab sie an, ganz ohne Auftrag von irgend einer Seite ganz allein von sich heraus, die Bibeln, das Stück für eine Mark zu verkaufen. Zwei Stück hätte sie bereits in den letzten Wochen verkauft und wäre bei vielen Leuten ein sehr geschätzter Gast.

Einen Beruf oder Einkommen hätte sie nicht. Wie schädlich die Reden dieser Frau sind, möge man daraus entnehmen, dass sich die Schulpflichtigen Kinder in der Straße, in der sie "arbeitete" zuriefen, es gibt bald Krieg und dann ist alles aus.
Es steht zu hoffen, dass durch diese Verhaftung die Hintermänner der kirchlichen Wühlrotten festgestellt werden."


Offenbar ist namentlich „Das Schwarze Korps" noch mehrfach mit solchen Angeboten eingedeckt worden, bei denen es aber von der anvisierten Option einer Veröffentlichung, soweit dies eingeschätzt werden kann, keinen Gebrauch machte.
Ein solcher Fall auch der des Hans Henze.
Sein Anschreiben mal in Repro
http://www.manfred-gebhard.de/Henze.jpg

Liest man sein Textangebot unvoreingenommen, kommt man nicht umhin ihm zu bescheinigen (unabhängig vom Inhalt). Als Journalist wohl ungeeignet. Das sah wohl auch die Redaktion des „Schwarzen Korps" so. Immerhin sei mal aus dem Wust seiner breit angelegten Ausführungen, die er doch so gerne veröffentlicht gesehen hätte, die nachfolgenden Sätze zitiert:


„... Sie werden sich aber getäuscht haben, im nationalsozialistischen Deutschland werden wir mit solchen Elementen fertig werden - auch wenn sie "angeblich" noch so "gläubig und fromm" sind, denn wir wissen, daß sie den Glauben nur als Deckmantel für ihre verbrecherischen und verleumderischen Machenschaften gebrauchen.
Wenn sie ehrlich im Glauben handeln würden, würden sie auch nicht verfolgt werden, so aber greifen sie sogar unseren Führer und Reichskanzler an, wollen die Partei und den Staat beschmutzen, darum müssen sie vertilgt werden.
Wenden wir Matthäus 24:14 auf sie an: Wir werden predigen und sie müssen vergehen."
Re: Alfred Zimmer
geschrieben von: Drahbeck
Datum: 14. März 2008 07:29

Man vergleiche auch:
http://forum.mysnip.de/read.php?27094,727
Zitat:

„Freie Bibelgemeinde Dresden
Beauftragter Alfred Diener

An das Volkspolizeipräsidium Dresden
Dresden 6. April 1950
Ihr Schreiben vom 23. 3. 1950

Unter Bezugnahme auf Ihr obiges Schreiben, wonach sich eine Neuregistrierung notwendig macht, stellen wir hiermit den Antrag auf Zulassung unserer Gemeinde zur Ausübung von Gottesdiensten.
Wir berufen uns hierbei auf Abschnitt V Artikel 41 der Verfassung der DDR, wonach volle Glaubens- und Gewissensfreiheit gewährt wird und die ungestörte Religionsausübung unter dem Schutz der Republik steht.
Wir begründen unseren Antrag im weiteren wie folgt:
Die Freie Bibelgemeinde Dresden wurde nach dem Umbruch im Jahre 1945 von dem inzwischen verstorbenen Reg. Sekr. a.D. Alfred Zimmer ins Leben gerufen und lt. Schreiben des Polizeipräsidiums Dresden vom 15. 3. 1946 ... registriert.
In der Woche finden 5 Gottesdienste in verschiedenen Stadtteilen statt und beläuft sich die Gesamtteilnehmerzahl auf etwa 400 bis 450 Personen.
Zweck und Ziel der Gemeinde ist aus den beigefügten Statuten ersichtlich. Diese sind im Zuge der Neuregistrierung revidiert und von der Gemeinde bestätigt worden. ..."


Ähnliche Probleme mit einer angeblich notwendigen Neuregistrierung, hatten zu damaliger Zeit noch etliche andere, ursprünglich den WTG-Wurzeln entsprungene Gruppen im Ostzonalem Bereich. Und dies trotz des Umstandes, dass sie davor bereits von der Sowjetischen Militäradministration anerkannt gewesen waren, zumindest auf regionaler Ebene. Denn um regionale Gruppen handelte es sich hierbei. Die Verschärfung im Verhältnis zu den Zeugen Jehovas, war zu der Zeit auf der Ostzonalen Behördenebene bereits Thema, wenn sich auch das formale Verbot noch bis in den Herbst des Jahres 1950 hinauszögerte. Auch die WTG-Splittergruppen bekamen diese drastische Verschlechterung der „Großwetterlage" zu spüren. Der (faktisch verweigerte) Anspruch einer „Neuregistrierung" sollte sich bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre hinauszögern. Da erst, schaltete die östliche Kirchenpolitik um. Da erst begrub man die an den Haaren herbeigezogenen Formalien einer angeblich notwendigen „Neuregistrierung".

Wie man weis, bestraft - wer zu spät kommt - nicht selten das Leben. Diese Erfahrung sollte auch noch die Ostzonale Kirchenpolitik sammeln. Hätte man jenen Gruppen nicht um 1950 diverse Steine vor die Füsse geworfen
(das waren schon keine „Steine" mehr. Das waren schon ausgewachsene Gebirge) hätten sie vielleicht in der sich anbahnenden ZJ-Verbotssituation, in begrenztem Umfange als WTG-Unabhängiges „Auffangbecken" dienen können. Dazu indes waren die Ostzonalen Apparatschicks, schlicht und einfach zu primitiv-dumm. Von Tuten und Blasen keine Ahnung habend, aber groß ihren Machtanspruch herausstellend, wiederholten sie die prinzipielle Dummheit ihrer Vorgänger namens Nazis, welche auch noch Anfang 1934, eine WTG-Splittergruppe um F. L. A. Freytag („Kirche des Reiches Gottes") mit einem Verbot überzogen hatten.

Als die Ostzonalen Apparatschicks dann Ende der 50er Jahre doch noch aus ihrem Dummheitswahn erwachten, und nunmehr gedachten, diese Gruppen zu instrumentalisieren, da bewahrte sich das, was schon gesagt wurde. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!

Ein Name war in dem zitierten Text mit aufgetaucht. Der Name des Regierungssekretärs a. D. Alfred Zimmer. Letzterer (1880 geboren) spielt in der WTG-Geschichte noch mehrfach eine Rolle. Die Berlin-Wilmersdorfer Veranstaltung vom Juni 1933 beispielsweise, stand unter seiner (formalen) Veranstaltungsleitung, gemäss seiner eigenen den Nazi-Vernehmungsakten entnehmbaren Angabe.

Im Jahre 1916 etwa, gehörte er zeitweilig mit zum verantwortlichen Herausgeberkomitees des deutschen „Wachtturms", nachdem dessen erster Redakteur (O .A. Koetitz) verstorben war.

In der Balzereit'schen WTG-Verteidigungsschrift mit dem sinnigen Namen „Kulturfragen"
(als wenn die WTG-Ideologie je echte „Kultur" wäre), begegnet man seinem Namen als einer von mehreren Balzereit'schen „Hofschranzen" erneut:
„Alfred Zimmer, Regierungssekretär a. D. beim Polizeipräsidium Dresden, Dresden-Blasewitz, Friedrich Auguststr. 7"

Diverse anderweitige Verwendung seines Namens für die WTG-Interessen lässt sich auch noch nachweisen. Herausragend dabei besonders auch sein 1912 im deutschen „Wachtturm" veröffentlichtes Votum, worin er sich „Bestürzt über offene Parteinahme" zeigte.

Nun also, am 7. 5. 1935 (und nachfolgende Tage), hatten die Nazibehörden die gesuchte Möglichkeit, sich mit ihrem Berufskollegen Alfred Zimmer (als solchen darf man ihn doch wohl ansprechen, wenn er denn man beim Polizeípräsidium Dresden beruflich tätig). Nun also hatten die Nazibehörden die Chance, mal ein längeres Gespräch mit Herrn Zimmer zu führen. Allerdings, das Ambiente dabei, war nicht unbedingt das „vornehmste". Denn sie ließen besagten Herrn Zimmer zum Gespräch, aus der von ihnen veranlassten Haft vorführen. Wie bei besagten Behörden auch nicht unüblich, hatte man auch einen Protokollführer mit zur Hand, der zum Schluss unter seinem Text die übliche Floskel setzte: „Selbst gelesen, genemigt und unterschrieben". Und selbiges durfte dann auch Herr Zimmer mit seiner Unterschrift bestätigen.

In diese missliche Lage war Herr Zimmer gekommen, dieweil er als Bezirksdienstleiter der WTG-Untergrundorganisation, für den Bereich Schleswig-Holstein agierte. Die Nazi-„Nachtwächter"
(„Nachtwächter" waren das dann aber wohl nur in der Lesart der Herren Hirch und Co) hatten halt auch Herrn Zimmer bei seiner von ihnen nicht gewünschten Tätigkeit ermittelt, und die sich daraus für sie ergebenden Konsequenzen gezogen.

Eine gewisse Reverenz erwiesen sie ihrem Opfer schon. Der in sonstigen Vernehmungsprotokollen nicht selten anzutreffende „Kleinkram" blieb hierbei mehr oder weniger außen vor. Sie wollten von Herrn Zimmer mehr wissen, wie denn die Organisationsschiene, so nach ihrem Verbot funktionierte. Und siehe da, Herr Zimmer konnte ihre Wissbegierde sogar partiell befriedigen. Sechs „Konferenzen" an denen er mit teilgenommen der Bezirksdienstleiter, nach dem Naziverbot, gibt er zu Protokoll. Nun soll nicht die Zwangssituation verkannt werden, in der sich auch dieses Opfer des Nazi-Terrorstaates befand. Seine Aussagen seien also nicht überbewertet. Nur eine Passage aus ihr sei dennoch wörtlich zitiert. Sie beschreibt ja nicht eigenes agieren, sondern das derjenigen, die über ihn in der WTG-Hierarchie standen. Sie wirft zugleich auch ein bezeichnendes Licht auf das Thema Wehrdienst in der Nazizeit.


„In einer Sitzung im März 1935, kurz nachdem das Wehrgesetz veröffentlicht worden war, haben wir auch zum Kriegsdienst Stellung genommen. Die Frage wurde von Balzereit aufgeworfen. Es war jedem Teilnehmer klar, daß die Bibel sagt: „Du sollst nicht töten" und es mag auch sein, daß jeder Teilnehmer für sich im Klaren darüber war, dieses Gebot nicht zu übertreten. Es wurde aber von Balzereit keine bestimmte Parole hierfür ausgegeben. Balzereit stand vielmehr auf dem Standpunkt, daß diese Frage jeder Zeuge Jehovas selbst nach den Richtlinien der Heiligen Schrift zu entscheiden habe. ..."

Also was besagt dieser Text? Das um 1935 noch durchaus Elemente des Schwankens in der Wehrdienstfrage feststellbar sind, und das sogar auf höchster Ebene. Denn Balzereit war immer noch in Freiheit und von der WTG wurde er erst geschasst, als er in selbiger auch nicht mehr war.

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