Ein weiterer Erlebnisbericht

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 11. März 2010 16:00

(Teil eins von drei Teilen im Rahmen der hiesigen Referierung)

Wer das Buch des Willi Bühler mit dem Titel: "Korkeiche und Olivenzweig: Vier Jahre als Missionar in Portugal" einmal selbst gelesen hat (was man ja nur empfehlen kann), der wird wissen, dass er in den Jahren seiner "WTG-Karriere" auch einige ernüchternde Erfahrungen sammeln musste.

Stellvertretend sei nur an seine Unterkunft in Portugal erinnert (ein umgebauter Hühnerstall).
Nicht das Bühler nun ein "Fan" von umgebauten Hühnerställen gewesen wäre. Das kann man so gut wie ausschließen. Das war halt der Ausdruck der "Sorge" der WTG für die ihr Hörigen.
Es kann ja als nachvollziehbar erklärt werden, dass ein umgebauter Hühnerstall sicherlich etwas weniger monatliche Miete kostet, als eine etwas "bessere" Wohnung.
Und unter diesem schnöden Mammonsaspekt erklärt sich auch die vorgenannte Erfahrung, die da Herr Bühler sammeln musste.

Er musste übrigens noch ein paar mehr Erfahrungen sammeln. Ebenfalls nicht der angenehmen Art. So etwa großsprecherischer aus Deutschland nach Portugal angereister Besuch (versteht sich mit Zeugen Jehovas-Background) der da in seiner Besuchszeit nach dem Motto agierte: Was kostet die Welt?
Machts nichts, "wir" bezahlen's
Und den einheimischen Portugiesen blieb angesichts dieser Ankündigung der Mund vor Staunen offen.

Sie hatten dann nur das Problem, dass sie ihren Mund nach der Staunensphase, wieder mal schließen mussten. Und dabei hatten sie dann noch die "Kröte" mit herunterzuschlucken.
Es waren alles hohle, auch so hohle Phrasen.
Und möglicherweise machte sich Herr Bühler, durch die so gesammelten Erfahrungen, nicht unbedingt bei denen beliebter, die zeitweilig davon träumen konnten, "nun bricht wohl das Schlaraffenland an".

Pech nur für Herrn Bühler, das er ja für die Großmäuler nicht letztendlich verantwortlich war. Aber er musste sehr wohl die Suppe auslöffeln, die andere ihm da mit eingebrockt hatten.
Und noch ein Eindruck blieb bei der Lektüre des Bühler'schen Buches mit hängen.
Hätte er nie die WTG-Religion kennen gelernt, so wäre ihm wohl durchaus eine gut bürgerliche Laufbahn beschieden gewesen.
Sein Pech nur, er hatte dann die WTG-Religion kennen gelernt ....!

Nun sind Biographien sicherlich unterschiedlich. Und nicht jeder verewigt seine Biographie in einem konventionell gedruckten Buch.
Gleichwohl gibt es auch einige - und sei es nur um sich einmal selbst Rechenschaft abzulegen - die ihre gesammelten Erfahrungen dann auch mal zu "Papier" respektive in Computerzeiten (zu pdf-Datei) bringen.

Auf solch einen Bericht sei dann nachstehend Bezug genommen.
Ich sehe schon mal einen wesentlichen gemeinsamen Aspekt dieses Berichtes zu dem bereits genannten Bühler'schen darin, dass wären die Berichterstatter nie mit der WTG-Religion in Berührung gekommen, ihnen wohl auch eine gut bürgerliche Laufbahn beschieden gewesen wäre.
Nur, auch sie hatten das Pech, letztendlich mit der WTG-Religion in Berührung zu kommen.

Einleitend liest man von der Berichterstatterin den Satz:
" Ich war damals 22 Jahre alt, in einen jungen Mann verliebt und mit ihm verlobt. Während ich an der Universität studierte, um Übersetzerin zu werden, studierte mein Bräutigam Betriebswirtschaft."
Weiter geht es mit dem Detail:

"Am 1. Januar 1971 kam ein junger Mann, 25 Jahre alt, zum Haus meiner Schwiegereltern. Ich besuchte zu dieser Zeit meinen Verlobten und seine Großmutter. Zum ersten Mal in unserem Leben erfuhren wir Dinge aus der Bibel, über die wir so viele Jahre nachgedacht hatten. Alles klang so gut! Nachdem wir uns einige Stunden mit dem jungen Mann unterhalten hatten, waren wir, gelinde gesagt, beeindruckt von seinem Bibelwissen."

Damit hatte der "Fisch" erst mal auf den ausgeworfenen Köder angebissen.
Alsbald ging es weiter mit dem ZJ-typischen "Heimbibelstudium" des WTG-Buches "Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt"

Offenbar wirkte die ZJ-Indoktrination auch in diesem Falle wofür dann die Sätze stehen:
"Für immer auf einer paradiesischen Erde zu leben, alle Schlechtigkeit wäre vorbei. Mein Mann und ich würden glücklich für immer weiter leben, ohne den Tod zu erleben, weil Harmagedon, Gottes Krieg, der alle Dinge zurecht bringen würde, ganz nahe war. (Ich erinnere mich noch daran, wie mein Mann kurz nach unserer Heirat zu mir sagte: "Liebling, es ist schade, dass dieses System [d.h. diese Welt] nicht mehr lange dauern wird. Da werde ich dich ja nie als schöne alte Dame zu sehen bekommen."

Nun machte sich der Widerstand der Eltern bemerkbar, die da realistisch sahen, ihre Kinder verschreiben sich nun mit "Haut und Haaren" den Zeugen. Nur, die Kinder waren eben schon volljährig. Ergo konnte dieser Widerstand nichts sonderliches bewirken.

Zitat:
"In dieser Situation erlebten wir dann die Erfüllung einer weiteren Prophezeiung, die die Zeugen Jehovas gemacht hatten: Der Widersacher (Satan, der Teufel) musste meinen Vater beeinflusst haben, denn warum sollte irgendjemand etwas gegen das Studium der Bibel haben?!"

Noch ein weiterer Umstand kam mit hinzu:
Zitat:
"Es war so, dass ich mein Universitätsstudium nicht fortsetzte, obwohl ich vor dem Abschlussexamen stand. Für das Examen musste ich eine Diplomarbeit schreiben. Dies tat ich, jedoch hinderte eine Augenkrankheit meine Dozentin einige Monate am Lesen, und als sie meine Arbeit endlich lesen konnte, gefiel sie ihr nicht. Später erfuhr ich, dass sie die Diplomarbeiten aller Examenskandidaten in einem Buch zusammenfassen wollte. Da meine Arbeit aus dem Rahmen fiel, verlangte sie, dass ich sie neu schreiben solle."

Das war dann sicherlich ein frustierendes Erlebnis. Gekoppelt mit dem bereits vorhandenen ZJ-Einfluss indes, bewirkte es letztendlich, das sich weiter in den Sog der WTG begeben.

Aber auch die Zeugen mussten erfahren, ihre "Fische an der Angel" schwanken noch. Die sind immer noch durch die verschiedenen gegensätzliche Einflüsse "ganz hin- und hergerissen".

Letztendlich konnten die Zeugen diese "Schwankungsphase" jedoch für sich entscheiden, wofür die Sätze stehen:
"August 1971, besuchten uns die Zeugen Jehovas wieder, um unser Bibelstudium fortzusetzen. ... Zu dieser Zeit lernten wir mehr Zeugen Jehovas kennen und freundeten uns mit ihnen an. Gleichzeitig verloren wir unsere Freunde, die keine Zeugen waren. Zwei Ehepaare, mit denen wir gesprochen hatten, wurden jedoch nach gut einem Jahr ebenfalls Zeugen Jehovas.
Zu der Zeit erfuhren wir auch, dass wir bei den Zeugen Jehovas recht "berühmt" geworden waren, denn unser "Fortschritt" in unserem Bibelstudium war so "schnell", und zu unserer Überraschung waren sie offensichtlich beeindruckt von unserer Ausbildung und beruflichen Entwicklung. Infolgedessen wurden wir eingeladen, bei zwei Kongressen öffentlich davon Zeugnis abzulegen, wie wir Zeugen Jehovas geworden waren. Auch erzählten einige prominente Brüder unsere "Erfahrung", d.h. wie wir Zeugen Jehovas geworden waren, bei großen Kongressen (natürlich ohne unsere Namen zu nennen). Einer davon wurde von ca. 70.000 Zeugen Jehovas und ihren Freunden besucht."


Im März 1972 war das alles dann durch die Taufe als Zeugen Jehovas besiegelt.

Einige Details überspringend geht es weiter mit der Aussage:
"Wir hatten von Zeugen Jehovas gelernt, dass die Generation von 1914 Harmagedon überleben würde, und 1972 war sie schon recht alt. Wir waren daher wirklich davon überzeugt, dass die Welt sehr bald enden würde. Ich erinnere mich daran, dass ich den Menschen gegenüber davon sprach, dass ihre Kinder nicht mehr erwachsen werden würden. Wir verzichteten daher auch darauf, Kinder in die Welt zu setzen, denn wir waren felsenfest davon überzeugt, dass wir sie noch im neuen System oder Paradies nach Harmagedon bekommen könnten, wenn dies Gottes Wille für uns wäre.

Ja wir waren bereit zu warten, denn wir hatten ja, wie wir dachten, alle erdenkliche Zeit, endlose Zeit, um Kinder zu bekommen und so sagte ich etwas provokativ, wir könnten auch noch in 1000 Jahren Kinder haben. Es gilt zu bedenken, dass wir glaubten, dass bald Harmagedon kommen würde, gefolgt von einem ewigen Paradies hier auf der Erde, und wir würden natürlich auch dort sein."


Die ZJ-Indokrination zeitigte ihre nächsten Ergebnisse als da wären der ZJ-Pionierdienst.
Nun wollte es zur Realisierung dieses Zieles, die Berichterstatterin damit anfangen lassen, ihre berufliche Tätigkeit auf einen Halbtagsjob zu reduzieren. Dazu führte jedoch kein Weg hin. Ihre Chefs waren grundsätzlich zu einem solchen Entgegenkommen (aus deren Sicht aus Betriebswirtschaftlichen Gründen) nicht bereit.
Letztendlich konnte die Berichterstatterin diesen Konflikt nur durch eine Total-Aufgabe ihrer Berufstätigkeit lösen.

Auch ihr Ehemann liebäugelte nunmehr mit einem Halbtagsjob, schlug sogar äußerst lukrative berufliche Aufstiegschanchen aus. Das aber wiederum kostete seine Preis. Zum Beispiel den.
Zitat:
"Wir schauten auch nach einer kleineren, preiswerteren Wohnung, die wir uns würden leisten können, da wir auch ein drastisch geringeres Einkommen erwarteten. Wir tauschten auch unseren Sportwagen gegen ein kleineres Fahrzeug ein.

In dem Wohnblock, in dem wir wohnten, lebte ein Paar, das, wie wir erst später erfuhren, die einzige kleine und preiswerte Wohnung im ganzen Wohnblock gemietet hatte. Während ich eines Tages mit der Frau über unsere Suche nach einer kleinen Wohnung sprach, sagte sie, dass sie unsere Wohnung gern einmal anschauen würde, da sie liebend gerne eine größere hätten. Ihnen gefiel unsere Wohnung sehr. Dann schauten wir uns ihre Wohnung an, die unter dem Dach gelegen war. Da sie uns gefiel, tauschten wir unsere Wohnungen."


Zu diesem Wohnungstausch gibt es dann noch eine Anmerkung, die auch nicht unzitiert bleiben soll:
"... besonders als wir erfuhren, dass die beiden einige Monate später wieder ausziehen mussten. Sie konnten die Miete nicht aufbringen, was wir natürlich nicht gewusst hatten, und es tat uns auch sehr leid."

Jedenfalls konnte die WTG letztendlich ab April 1973 ein Pionier-Ehepaar mehr in ihren Reihen verbuchen.

Weiter im Text:
"Kurze Zeit, nachdem wir mit dem "Pionierdienst" angefangen hatten, wurden wir von einem Bruder vom "Bethel" ... besucht. ... Er spielte u.a. eine führende Rolle bei der Beaufsichtigung von Übersetzung, Druck und Verteilung der Literatur der Zeugen Jehovas für Ostblockländer, in denen das Werk der Zeugen verboten war. Obgleich ich nur etwas Kenntnis der russischen Sprache hatte, wurde ich gebeten, handgeschriebene Artikel mit der Schreibmaschine zu schreiben, die aus den englischsprachigen Zeitschriften "Der Wachturm" und "Erwachet!" (von der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New York, herausgegeben) ins Russische übersetzt waren.

Begeistert willigte ich ein, und wir waren auch glücklich darüber, dass wir der Gesellschaft die Schreibmaschine als Spende zur Verfügung stellen konnten, um zur Unterstützung dieses wichtigen Dienstes beizutragen. Nun fühlten wir uns noch mehr als Teil einer weltweiten Organisation, die den Vorsatz hatte, Menschen erdenweit zu helfen."


Weiter auf dem Indoktrinationswege fortschreitend, anvisierten die frischgebackenen Pioniere gar die Perspektive, mal WTG-Gilead-Absolventen werden zu können.
Als Vorstufe dazu, erfolgte dann erst mal ihre Zuteilung zu einer Englischsprachigen ZJ-Versammlung in Deutschland, eben mit dem Ziel in Englisch, als Grundsprache für Gilead, weiter sattelfest zu werden.

Das wiederum hatte wieder so seine "Nebenwirkungen". Zum Beispiel die:
"Natürlich bedeutete dies, dass wir jegliche Art weltlicher Arbeit aufgeben mussten. Wir zogen aus unserem Heim und von unseren Eltern fort. Von da an sahen wir sie nur ungefähr drei- bis fünfmal im Jahr, jeweils für nur ein bis zwei Tage im Monat. Der Grund war, dass wir unser Zuteilungsgebiet und die örtliche Versammlung nicht mehr als ein bis zwei Tage im Monat verlassen sollten. Auch hatten wir zu Anfang nur 14 Tage Urlaub im Jahr, was Wochenenden und Feiertage mit einschloss. ...

Um in unserer Zuteilung anfangen zu können, mussten wir aus finanziellen Gründen eine Einzimmerwohnung finden, was eine ziemliche Herausforderung darstellte. Nachdem wir schließlich eine gefunden hatten, verkauften wir unser gesamtes Mobiliar und behielten nur einige Stücke, die zu alt waren, um sie verkaufen zu können. Dann zogen wir um. ... die Schwester meines Mannes, die zu der Zeit verlobt war [sie heiratete erst 1 1/2 Jahre später!], kaufte unsere Möbel und trat in unseren Mietvertrag ein.
Das war großartig, da die Gesellschaft uns nur zwei Monate gegeben hatte, um in unserer neuen Zuteilung zu beginnen. Wir verkauften wieder unseren Wagen und tauschten ihn gegen einen noch kleineren und billigeren ein. Nachdem die Kosten für unsere Krankenversicherung abgezogen waren, blieben uns von da an monatlich DM 390,-, wovon allein für die Miete DM 180,- abgingen, ohne Strom, Heizung oder Wasser usw. Da wir unsere Möbel verkauft hatten, blieben uns glücklicherweise ein paar Ersparnisse, was uns half, uns den neuen finanziellen Umständen anzupassen.

Menschlich gesehen, schien es absolut unmöglich, von einer so geringen Summe leben zu können, und ich muss zugeben, dass ich zu Anfang ein bisschen Angst hatte, ob wir es überhaupt schaffen könnten ...

Selbstverständlich dachten unsere Eltern, dass wir den Verstand verloren hätten und unterstützten uns natürlich in keiner Weise. Wahrscheinlich waren sie der Ansicht: "Sollen doch Gott oder Jehovas Zeugen ihnen helfen. ...
Zum Beispiel war es (uns) eine große Hilfe, dass wir ein- bis dreimal in der Woche bei Brüdern und Schwestern nach Hause zum Essen eingeladen waren. In den meisten Fällen war dies keine regelmäßige Angelegenheit und auch nicht während der gesamten Zeit, in der wir Pioniere waren, aber wann immer wir eingeladen waren, schätzten wir es wirklich sehr. ...

Nach nur einem Jahr im Sonderpionierdienst begann ich, ernsthafte Gesundheitsprobleme zu haben. Heute verstehe ich warum, denn wir arbeiteten oft bis Mitternacht. Häufig nahmen wir uns nicht einmal Zeit zu essen, weil wir jede Woche 30 bis 40 Bibelstudien durchführten. (Ich möchte erwähnen, dass die meisten deutschen Brüder im Sonderdienst froh waren, wenn sie drei oder vier Bibelstudien pro Woche hatten. Aber selbst im englischsprachigen Gebiet waren ungefähr 10 Bibelstudien schon sehr schön). Diese dauerten gewöhnlich eine bis drei Stunden, oder noch länger. Daneben waren wir in der Haus-zu-Haus Tätigkeit beschäftigt, wobei wir von Tür zu Tür gingen ...

Nach drei Jahren im Sonderpionierdienst hatte ich solche Gesundheitsprobleme, dass wir daran dachten aufzuhören. ...
Selbst ein Aufenthalt im Krankenhaus trug nicht dazu bei herauszufinden, warum ich solche Schmerzen ... hatte. Nach vielen erfolglosen Untersuchungen lehnten die Ärzte es schließlich ab, mich zu operieren, weil ich als Zeugin Jehovas keine Bluttransfusion akzeptiert hätte ...
Oft weinte ich wegen der ununterbrochenen Schmerzen. Mein Mann ... war allmählich so unglücklich über meinen Zustand, dass er mich schließlich nach etwa einem Jahr, Ende Juli 1977, davon überzeugte, dass wir aufhören müssten.
Es traf uns wirklich sehr. ...

Den Pionierdienst zu verlassen bedeutete auch, ein besonderes Vorrecht aufzugeben. Es war damals nicht sehr witzig, als die Frau des Ehepaares, das 1971 mit uns unser Bibelstudium angefangen hatten, zu mir sagte: "So, dann bist Du ja jetzt auch nur noch ein Verkündiger?!" (Damit ist ein Zeuge gemeint, der nicht im Vollzeitpredigtdienst ist.) Ich war wirklich verletzt, vor allem deshalb, weil ich noch nicht einmal mit dem Pionierdienst aufgehört hatte. Diese und ähnliche Reaktionen auf unsere Entscheidung kränkten uns zwar, aber da wir diesen Dienst nie getan hatten, um Brüdern zu gefallen, sondern für Jehova und für Menschen, versuchten wir, es nicht so ernst zu nehmen."


Zu den Episoden aus der Pionierzeit gehört dann auch die:
"Ich erinnere mich noch daran, wie wir z.B. eines Tages, als wir kein Brot für den Abend mehr übrig hatten, zu Jehova beteten im Vertrauen darauf, dass Er Sein Versprechen halten würde, uns unser tägliches Brot zu geben. Und in der Tat, als wir am Abend zu einer unserer Zusammenkünfte gingen, reichte uns eine Schwester, die uns nie etwas gegeben hatte, einen Laib Brot. Ein Familienmitglied hatte ohne ihr Wissen Brot gekauft, und sie selbst ebenfalls. Deshalb wollte sie uns eines der Brote geben. Man kann sich sicherlich vorstellen, wie überrascht und voller Wertschätzung wir waren, besonders da die Schwester uns nie zuvor etwas gegeben hatte und dies auch später nie mehr tat.

Und wir zogen wieder um. Wir waren bereits zwei Jahre, nachdem wir den Sonderdienst begonnen hatten, umgezogen, weil wir eine Wohnung mit einem zusätzlichen Raum für dasselbe Geld bekommen konnten. Dies half uns sehr, da ich meine Schreib- und Übersetzungsarbeiten zu Hause machen musste. Wenn jemand uns mit einem Besuch überraschte, war dies recht unangenehm, wenn meine russischen Wörterbücher auf dem Tisch ausgebreitet waren. Niemand, nicht einmal die Brüder und Schwestern in der Versammlung sollten wissen, welche Art Arbeit ich für die Wachtturm-Gesellschaft machte. Auch spielten während des Tages jede Menge Kinder unter unserem Fenster, was meine Konzentration nicht gerade förderte. So freuten wir uns über die neue Wohnung, obwohl wir kein eigenes Bad und auch keine Toilette nur für uns hatten. Um die Wohnung im Winter warm zu bekommen, mussten wir mit Holz und Kohle heizen. Viele Male, wenn wir von den Bibelstudien oder Zusammenkünften nach Hause kamen, war das Feuer aus."


Zwar wurde nun der Pionierdienst zeitweilig aufgegeben, aber nach einer gewissen Phase über die Zwischenstufe Hilfspionierdienst, wieder aufgenommen.
Und die rosigen beruflichen Zeiten für den Mann, aufgrund des permanenten Bestehens auf einen Halbtagesjob, waren auch vorbei.
Wiederum mit der Nebenwirkung, dass die jeweilige Wohnungsmiete sich auf Dauer als zu teuer erwies. Ergo, wieder ein neuer Umzug angesagt;

"Wirklich, jedes Mal, wenn wir umzogen, glaubten wir ernstlich, dass dies der letzte Umzug vor Harmagedon sei."

Weiter im Zitat:
"Aber die persönlichen Opfer waren sehr groß. Mein Mann verbrachte gewöhnlich ungefähr sechs Stunden am Tag in seinem weltlichen Beruf und ungefähr vier bis fünf Stunden im Pionierdienst. Dann gab es Probleme, die Brüder und Schwestern oder "Interessierte" betrafen, zusätzlich zur Vorbereitung auf die Zusammenkünfte, die Ausarbeitung von "öffentlichen Ansprachen" und Ansprachen für große oder kleine Kongresse. ...
Da mein Mann wenig Zeit für mich frei hatte, litt natürlich unsere Ehe. Aber ich wollte Gott "ganzherzig" dienen und war daher bereit, "selbst aufopfernd" zu sein. Das größte Problem war, dass ich mit niemandem über meine Probleme sprechen konnte. Mein Mann war ein "Ältester" der Versammlung, und eigene Probleme hätten nie Gegenstand eines Gesprächs sein können. Außerdem ist ein Pionier ohnehin gehalten, seine Probleme nicht zu verbreiten. Manchmal hatte ich das Gefühl zu platzen, weil ich mit der Situation nicht mehr fertig wurde ..."


Trotz alldem verschrieb man sich der WTG weiter mit "Haut und Haaren".
Nächste Etappe 1983 beginnend, der sogenannte Sonderdienst für sie.
Das wiederum, mit den fast schon bekannten "Nebenwirkungen":

"In nur zwei Monaten konnten wir unser Haus ohne eine Anzeige in der Zeitung aufzugeben verkaufen. Auch bekamen wir nach Abzug der Bankkredite Geld genug dafür, um den Umzug in eine kleinere Wohnung finanzieren zu können und ein nagelneues Auto zu kaufen, denn mein Mann musste ja den Firmenwagen zurückgeben, als er die Arbeit aufgab. Ein gutes Fahrzeug ist wirklich lebensnotwendig bei der Art Tätigkeit, wie Pioniere sie durchführen. Für uns war unser Endziel vor Harmagedon erreicht: zurück im Vollzeitdienst, ohne unsere Interessen wegen der weltlichen Arbeit teilen zu müssen. ...

Da uns die Wachtturm-Gesellschaft davon unterrichtet hatte, dass unsere monatliche "Zuwendung" abzüglich der Krankenversicherung für (meinen Mann) und mich zusammen DM 712,- ausmachen würde, und wir alle Kosten zusammen gerechnet hatten, wussten wir, dass wir für die Miete nicht mehr als DM 150,- oder DM 160,- würden aufbringen können. Ich erinnere mich noch gut daran, wie uns die Brüder in der Versammlung "ermunterten", bei der Suche nach einer Einzimmerwohnung realistisch zu sein. Sie waren der – menschlich gesprochen, verständlichen - Ansicht, dass wir für diese Summe keine Wohnung finden würden, jedenfalls nicht in der Gegend und auch nicht innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne, dazu ohne Beziehungen und ohne finanzielle Unterstützung von anderen. ...

Schließlich bot uns eine ältere Dame eine Wohnung für DM 160,- an, die sogar zwei Räume hatte. Wir waren für den zweiten Raum besonders dankbar, da wir in einem Haus mit sieben Zimmern gewohnt hatten, wenn sie auch klein gewesen waren. Das Apartment hatte eine große Küche, ein winziges "Badezimmer" von höchstens 2m2 mit Toilette und einem kleinen Waschbecken, aber keine Badewanne, und Dachschräge hatte es auch noch. Aber das alles störte uns nicht. Die Wohnung lag in einer Gegend, die für unsere Zwecke optimal war. Sie war leer und musste lediglich renoviert werden ..."


Weiter geht es mit dem Bericht:
"Dann vergrößerte die Wachtturm-Gesellschaft wieder mein Arbeitspensum, sodass ich ungefähr sieben bis acht Stunden am Tage mit Übersetzen und Schreibarbeit beschäftigt war. Dies war zusätzlich zu der Arbeit, die eine Hausfrau üblicherweise zu tun hat, dazu die Vorbereitung für die Zusammenkünfte, Bibelstudien mit anderen, persönliches Bibellesen und Nachforschungsarbeit.

An dieser Stelle möchte ich gerne ein anderes Vorrecht erwähnen, das uns gewährt wurde. Bereits 1973, als ich mit meiner Maschinenschreibarbeit für die Wachtturm-Gesellschaft begonnen hatte, sagte der Bruder vom Bethel, der mich in diese Arbeit eingeführt hatte, dass wir, sobald ich einige Übung in der russischen Sprache hätte, mit einer besonderen Aufgabe in die Sowjetunion geschickt würden. Obwohl wir zunächst wirklich begeistert waren, dachten wir nicht mehr weiter daran, nachdem wir unsere Bewerbung für den Missionardienst ausgefüllt hatten.

So kann man sich unsere Überraschung vorstellen, als derselbe Bethelbruder uns besuchen kam, kurz nachdem wir unseren Sonderdienst im englischen Gebiet in Vorbereitung auf den Missionardienst begonnen hatten. Er schlug uns vor, unsere Bewerbung für die Missionarschule zurückzuziehen. Da der Bruder die Sache etwas geheimnisvoll handhabte, begriffen wir erst allmählich, dass hinter seinem Vorschlag der Wunsch der Wachtturm-Gesellschaft stand, dass wir hier in Deutschland bleiben sollten. Wir sollten dazu eingesetzt werden, Literatur von Zeugen Jehovas in die Sowjetunion zu bringen, in dem ihr Werk verboten war. Man sagte uns, dass dies ein großes Vorrecht sei, da nur sehr wenige Zeugen in der Lage seien, dort hingehen zu können. Wir gingen auf den Vorschlag ein und zogen unsere Bewerbung für die Gileadschule zurück. ...

Später war ich in Anbetracht meines schlechten Gesundheitszustands froh über diese Entscheidung.

In der Zeit von 1974 bis 1988 reisten wir siebenmal in die Sowjetunion. Gewöhnlich blieben wir fünf bis acht Tage. In der Zeit mussten wir einen bestimmten Bruder treffen, um ihm das Material zu übergeben, das wir aus Deutschland mitgebracht hatten. Er, seinerseits, gab uns gewöhnlich Material, das Informationen über die Lage der Brüder in der Sowjetunion enthielt und über ihre Predigttätigkeit. Offiziell waren wir Touristen.

Wenn ich irgendwelche Gefühle der Begeisterung gehabt hatte, als wir zum ersten Mal von dieser "Reisemission" erfuhren, so kann ich versichern, dass es in Wirklichkeit für mich größtmöglichen Stress bedeutete. Schon Monate vor unserer Reise hatte ich gewöhnlich Albträume. Wir beteten jedes Mal sehr intensiv darum, dass wir Erfolg haben würden, damit die teure Reise nicht vergeblich wäre. Wir wussten nie, ob wir nicht festgenommen oder sogar inhaftiert würden, falls man das Material, das wir bei uns hatten, finden würde. Einmal wurde mir im weltweit bekannten Moskauer Kaufhaus Gum meine Tasche, in der das Material verborgen untergebracht war, seitlich aufgeschlitzt, ohne dass wir es bemerkten. Wir waren ganz schön erschrocken: was wenn uns das Material gestohlen worden wäre; noch größer war unsere Angst, die Beamten am Zoll könnten unserer Tasche deswegen besondere Aufmerksamkeit widmen und sie genauer untersuchen. Es war jedes Mal eine Zitterpartie.

Auch waren wir von dem erwähnten Bruder, der als Repräsentant der Gesellschaft sprach, gebeten worden, nichts mitzunehmen, was uns als Zeugen Jehovas identifizieren könnte, nicht einmal eine Bibel, um die Brüder dieses Landes, das Werk und die Organisation der Zeugen Jehovas nicht zu gefährden. Sollte man uns festnehmen, so wurde uns noch gesagt, dann wären wir auf uns selbst gestellt, weil wir dorthin nicht als offizielle Repräsentanten der Wachtturm-Gesellschaft geschickt würden. Es war wahrhaftig ein "stressiges" Vorrecht. ...

Niemand außer einer Handvoll Brüder im Bethel wusste etwas über unsere "Reisemission", keiner in unserer Versammlung, auch unsere Verwandten nicht. Jedes Mal wenn wir fuhren, befürchteten wir, jemand könne herausfinden, was vor sich ging. Wir machten uns auch Gedanken darüber, was wäre, wenn uns jemand brauchen würde, während wir weg waren. Meinem Vater ging es gesundheitlich nicht gut, ... Großmutter war sehr alt (1989 wurde sie 90). Brüder aus der Versammlung oder Interessierte hätten uns suchen können. So bestand immer die Gefahr, dass sich jemand fragen würde, wo wir waren, besonders da wir immer recht plötzlich verschwanden ...

Nach unserer letzten Reise 1988 waren meine Gesundheit und meine Nerven so schlecht, dass ich meinem Mann sagte, dass ich nicht zustimmen würde, noch einmal zu reisen, wenn die Gesellschaft mich wieder fragen würde. ..."


Auch diese Sätze seien zitiert:
"Mein Mann und ich hatten meinem Vater vor seinem Tode versprochen, uns um meine Mutter zu kümmern, so gut wir könnten. Da Sonderpioniere nicht einfach hinziehen können, wohin sie wollen, um dort zu dienen, hofften und beteten wir sehr darum, dass wir eine Zuteilung in der Nähe des Wohnorts meiner Mutter bekommen würden. Unser Freund, der Bezirksaufseher, unterrichtete uns davon, dass "ganz zufällig" eine neue Versammlung in der Gegend gegründet werden sollte, wo meine Mutter wohnte ...

Natürlich bedeutete das, dass wir wieder umziehen mussten, wovon weder wir noch unsere Vermieterin begeistert waren. Dies würde unser siebter Umzug in dreizehn Jahren werden. Wie schon vorher, war es sehr schwierig, eine preiswerte Wohnung zu finden ...
Die Wohnung war unmöbliert, wie all unsere bisherigen Wohnungen. Sie bestand aus einem einzigen, aber großen Raum von ca. 35 m2 und einem Badezimmer, was wir besonders schätzten. Der Bruder senkte für uns freundlicherweise die Miete, so dass wir im Monat einschließlich Heizung DM 320,- zu zahlen hatten. Mehr konnten (wir) dafür nicht aufbringen, da wir im Monat zusammen nur DM 900,- erhielten, wovon wir alle Nebenkosten und Versicherung etc. bestreiten mussten. Aber die Wohnung schien genau für uns gemacht zu sein, ...

Obwohl wir auf einen Raum beschränkt waren. ... Viele Male wurde unser Badezimmer zum Zufluchtsort. Es war so, dass mein Mann als Ältester der Versammlung Telefongespräche führen musste, die vertraulich waren oder so lang, dass sie mich von der Arbeit ablenkten. Einer von uns beiden "floh" auch in das Badezimmer"


Bis hierher die Zitate aus dem ersten Teile des Berichtes.
Fortsetzung folgt.

Re: Ein weiterer Erlebnisbericht

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 12. März 2010 01:48

In Fortsetzung des Berichtes von gestern:
(Teil zwei von drei Teilen im Rahmen der hiesigen Referierung)

Nun stellt unsere Berichterstatterin zunehmend fest. Die seichte Wiederholkost der aktuellen WTG-Literatur, kann sie nicht mehr so recht befriedigen.
Für mich verständlich, dass nicht jeder mit dem Bildzeitungsniveau der WTG sich auf Dauer abfinden kann.
Ergo "ergänzt" sie das aktuelle WTG-Gebrabbbel durch eigne ergänzende Studien, aber immer noch, nur auf die WTG-Quellen begrenzt.

Obwohl mir dies etwas half, führte es nicht zu dem erhofften Resultat. Ich hatte immer noch geistigen Hunger. Wenn ich in den Publikationen etwas finden wollte, das interessant, für mich neu oder anders war, musste ich jede Woche einige Stunden Nachschlagearbeit leisten. Ich schrieb auch, wie ich dies seit Jahren getan hatte, jedes neue Verständnis oder jeden interessanten Gedanken, den ich gefunden hatte, an den Rand meiner Studierbibel.

Während meiner Nachschlagearbeit bemerkte ich, dass die Wachtturm-Gesellschaft in ihren Publikationen identische oder ähnliche Fragen manchmal unterschiedlich beantwortete, je nachdem, in welchem Jahr die Publikationen erschienen waren. Als ich einen Ältesten darauf ansprach, meinte er, ich solle immer das übernehmen, was in der neuesten Publikation steht. Das fand ich etwas seltsam, denn ich dachte, dass die Wahrheit die Wahrheit sei und sich unmöglich ändern könne. Mir wurde der häufig zitierte Spruch entgegen gehalten, dass, wie 'das Licht immer heller und heller' (Sprüche 4:18) wird, so würde auch unser Verständnis der Wahrheit immer besser. Ich war zwar nicht ganz zufrieden, beließ es aber dabei und "legte meine Fragen in die Schublade", wie man so sagt. ...

Aber ich fand auch etwas, wonach ich nicht gesucht hatte, nämlich Widersprüche. Da sie zunächst geringfügig waren, störte mich das aber nicht allzu sehr. Als ich dann immer mehr fand, begann ich, meinen Mann deswegen zu fragen. Er wiederum wandte sich an einige reife Brüder außerhalb unserer Versammlung. Da einige dieser Brüder namhafte Repräsentanten der Wachtturm-Gesellschaft waren, erwarteten wir, dass sie uns helfen könnten. Aber zu unserer Überraschung konnten sie es entweder nicht, oder sie wollten es aus uns unerklärlichen Gründen nicht tun. Daher hielt mein Mann es nach einigen fruchtlosen Versuchen für weiser, sich über unsere Fragen nicht zu viele Gedanken zu machen. Wir gingen davon aus, dass "der treue und verständige Sklave" – zur Erinnerung: das ist die "Leitende Körperschaft" der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New York - mit der Zeit jede schwierige Passage oder Fragen klären würde. Wir mussten eben nur geduldig sein. "


Nun sollte es letztendlich ihrem Mann ähnlich ergehen. Dessen Reaktion indes beschreibt die Berichterstatterin so:
"Noch erstaunlicher war die Tatsache, dass mein Mann so anders zu sein schien. Später fand ich heraus, dass (er), als er anfing, bestimmte Entdeckungen in der Bibel zu machen, krank wurde. Er bekam Magenschmerzen. Gleichzeitig fing er an zu begreifen, welche Tragweite die Konsequenzen seiner Entdeckungen haben könnte. Dadurch fühlte er sich noch schlechter, vor allem wenn er an die möglichen Folgen dachte, die dies auf unsere Beziehung haben könnte."

Eine Art "Damaskuserlebnis" widerspiegelt dann wohl die Aussage:
"Schließlich, ungefähr vier Wochen nach unserem Besuch im Bethel, stellte mir mein Mann eine Frage, die für mich absolut schockierend war. Er sagte: "Was würdest Du sagen, wenn wir nicht in der "Zeit des Endes" leben würden, wenn die "letzten Tage" nicht im Jahre 1914 begonnen hätten? Meine Reaktion zeigt, wie entsetzlich diese Frage für mich wirklich war: "Ich glaube, Du hast den Verstand verloren, Du musst verrückt sein!" Aber diese Worte spiegeln nicht im Mindesten den Aufruhr und die panische Angst wider, die seine Frage sofort in mir hervorgerufen hatte.

Zunächst hatte ich am meisten Angst davor, die Frau eines "Abtrünnigen" zu werden, und so begann ich, intensiv wegen dieser Sache zu beten. Mein Mann fuhr ebenfalls fort zu beten. Aber seine Gebete hatten natürlich einen vollständig anderen Inhalt. Ich betete darum, dass Markus zur Vernunft kommen möge. Mein Mann erzählte mir später, dass er Jehova nur immer wieder anbettelte, dass Er mir die Augen öffnen möge. ..."


Im weiteren Verlauf ihres Berichtes, rekapituliert die Verfasserin dann die einschlägigen WTG-1975-Eskapaden aus der rückblickenden Sicht. Da sie an diesem Ort schon ausreichend dokumentiert sind, kann dieser Teil ihres Berichtes jetzt übersprungen werden.

Ihre Erfahrungen diesen Komplex betreffend, meint sie wie folgt zusammen fassen zu können:
"Niemand, außer denjenigen Brüdern oder Schwestern, die jemals ernsthafte Zweifel an den Lehren der Gesellschaft hatten und aufrichtig die WAHRHEIT herausfinden wollten, kennt den Aufruhr und die Unsicherheit, verbunden mit Angst und quälenden Selbstzweifeln, die unausweichlich folgen, wenn man anfängt, alles, was man gelehrt worden ist, genau zu prüfen. Unter Berücksichtigung des Trainings, das Jehovas Zeugen erhalten, nehme ich aber an, dass die Mehrzahl der Brüder und Schwestern, die die Lehren der Gesellschaft zu hinterfragen beginnen, zunächst den Fehler bei sich suchen werden, wie ich es auch tat. Ich fragte mich andauernd, warum ich diese Zweifel hatte. Was war mit mir los? Warum war ich unzufrieden? Hatte ich nicht mehr Jehovas Segen? Warum war ich nur so kritisch? Warum schienen sich all die anderen Brüder und Schwestern wohl zu fühlen? Warum schienen sie zufrieden mit, ja teilweise sogar begeistert von der geistigen Speise, den Zusammenkünften und den Kongressprogrammen?

Eine positive Reaktion und völliges Akzeptieren der dargebotenen "geistigen Speise" wurden ganz einfach erwartet. Schließlich erhielten wir diese "Speise" ja vom "Kanal" Jehovas. Wer hatte uns die Wahrheit zu Anfang gelehrt? Daran wurden wir oft erinnert. Wer könnte also so undankbar sein, die "Speise" zu kritisieren, ihren Wert in Frage zu stellen, etwas an ihr aussetzen oder es sogar wagen, sie abzulehnen? Und wenn es doch jemand wagen würde, hätte er auch den Mut, dies in aller Offenheit zu tun?

Nachdem einmal der erste ernsthafte Zweifel an der "Speise" da war, schien es, dass all die Fragen, die wir so lange "in die Schublade gelegt" hatten, wieder hervorkamen. Und dann gab es auch noch neue, und zwar jede Menge davon. Allmählich begannen wir, die Bibel anders zu lesen. Wir fingen an, neue Dinge zu entdecken, Dinge, die Sinn machten, und einige dieser unbeantworteten Fragen, die wir hatten, klärten. Und wieder - kaum vorzustellen! - erkannten wir diese Dinge ohne den "treuen und verständigen Sklaven"! War das eine Sünde? ..."


Die Gegenreaktion der WTG zusammenfassend äußert sie dann:
"Gleichzeitig konnten wir nicht umhin, uns einzugestehen, dass Jehovas Volk nicht so war, wie wir dies gelehrt worden waren. Es war auch nicht das, für was wir es gehalten hatten. Auch entsprach es nicht den Ansprüchen, die andere von Gottes Volk erwarteten aufgrund dessen, wie wir es immer dargestellt hatten. Dies hatte für uns jedoch niemals bedeutet, dass dies nicht Gottes Organisation war, denn wir sind alle unvollkommen. Auch kannten wir keine religiöse Gruppe, die etwas Besseres, oder auch nur annähernd das zu bieten hatte, was wir hatten oder waren.

Die Wachtturm-Gesellschaft unterstrich diesen Punkt häufig in ihrer Literatur, wenn es um diejenigen ging, die die Organisation verlassen hatten. Wohin sollten solche denn gehen? Nirgendwo sonst würden sie solch eine wunderbare Organisation finden. Gott benutzte sowieso nur diese eine! Und woher würden sie die geistige Speise für ihre geistige Ernährung bekommen? Nirgendwo gab es solche Speise wie die unsere. Wer würde zur Speise der "BabyIon der Großen", dem "Weltreich der falschen Religion", gehen wollen, zu falschen religiösen Lehren?! Gewiss nicht diejenigen, die irgendwann einmal so genannte christliche Religionen verlassen hatten. Diese hatten ihnen keine geistige Speise geboten, höchstens vielleicht geistige Krümel, aber oft nicht einmal das. Solche und ähnliche Aussagen waren keinem Zeugen fremd.

Wie ich bereits sagte, waren unsere Sinne geschärft, was den Anspruch der Zeugen Jehovas, Jehovas liebendes und treues Volk zu sein, anging. Im Laufe der Jahre hatten wir viele Dinge gesehen und erlebt, die uns nicht gefielen. Wir wünschten uns, dass Jehovas Volk das wäre, was wir, als Organisation, behaupteten: ein Vorbild für Außenstehende, mit den höchsten moralischen Grundsätzen, unterschieden von allen anderen, die einzigen, die Jehova möglicherweise akzeptieren könnte. Obwohl wir unsere - und sicherlich auch andere Zeugen Jehovas ihre - persönlichen, individuellen Versäumnisse in dieser Hinsicht erkannten, war es uns niemals auch nur ansatzweise aufgegangen, dass wir eigentlich von Jehovas Volk als Organisation zumindest annähernd Vollkommenheit erwarteten. Waren wir nicht gelehrt worden, dass wir für Jehova ein "ganz besonderes" Volk waren?

Wie dem auch sei, wir waren die Jahre hindurch zu beschäftigt, um unseren Beobachtungen viel Aufmerksamkeit zu schenken. Auch waren wir überzeugt, dass andere religiöse Organisationen nicht einmal an solch hohe Maßstäbe heranreichen könnten. War es nicht Jehovas Organisation, die Seinen Segen hatte? Litten nicht andere religiöse Organisationen geistige Not, verloren ständig Mitglieder, während wir jedes Jahr gewaltiges Wachstum zu verzeichnen hatten? Wir dachten, dass Jehova Sein Volk zu Seiner Zeit korrigieren könnte und würde, wenn etwas nicht in Ordnung war.

Unser Standpunkt war immer gewesen, dass Liebe, Einheit und Harmonie wichtige Faktoren in der Versammlung und in Jehovas Volk waren. Auch lehrt die Bibel, dass "Liebe eine Menge von Sünden zudeckt" (1. Petrus 4:8). Wir waren daher der Ansicht, dass es besser sei, sich nicht mit dem aufzuhalten, was nicht stimmte, und irgendwelche Versäumnisse oder Fehler mit Liebe zuzudecken und hart daran zu arbeiten, zu einer liebevollen Atmosphäre beizutragen."


Nun kommt das "aber" zu jenen eben zitierten Aussagen:
"Es gab allerdings ein paar Vorkommnisse, die wir nicht einfach beiseite schieben konnten. Eines Tages im April 1988, beispielsweise, wurde mein Mann für eine besondere Arbeit nach Selters gerufen. Es war immer ein Höhepunkt, ins Bethel zu gehen. Es gab uns die Gelegenheit, mit anderen Brüdern aus allen Teilen der Welt Gemeinschaft zu haben. Es waren viele Missionare und so mancher Bruder aus der New Yorker Zentrale dort, die während des Mittagessens oft die letzten Neuigkeiten berichteten. Ein Besuch im Bethel war immer eine willkommene Abwechslung in unserer Routine. Außerdem waren wir gewöhnlich zum Mittagessen eingeladen. Das bedeutete weniger Arbeit und den Genuss eines guten Essens. Diesmal wurde (mein Mann) gebeten, für ein bis zwei Tage dort zu arbeiten.

Dann wurde mir mitgeteilt, dass (er) ein paar Tage länger in Selters bleiben müsse. Da wir daran gewöhnt waren, 24 Stunden am Tag zusammen zu sein, fühlte ich mich einsam und war enttäuscht, dass ich nicht mit ihm dort sein konnte. Ich fragte mich, ob es denn so viel Unterschied gemacht hätte, wenn ich meine Schreibtischarbeit auch in Selters gemacht hätte. Zudem musste mein Mann unser Auto mitnehmen. Ich musste für jede Zusammenkunft und für den "Felddienst", die Predigttätigkeit, abgeholt werden. Das war eine Belastung für die Brüder, denn es standen praktisch nie genügend Wagen zur Verfügung, um alle Interessierten abzuholen oder solche Schwestern, deren Ehemänner ihnen nicht den Wagen überließen. Gewöhnlich nahmen wir sogar noch andere mit. Ich konnte meine Mutter nicht besuchen, ihr auch nicht beim Einkaufen behilflich sein. Öffentliche Verkehrsmittel sind und waren teuer, und ich konnte mir nicht leisten, sie zu benutzen. Nach drei Tagen kam Markus nach Hause, um ein paar Sachen abzuholen. Man brauchte ihn nochmal für "ein bis zwei" Tage. Mein Mann versuchte, die zuständigen Brüder im Bethel dazu zu bringen, mich auch einzuladen. Er erklärte die Situation, aber ihm wurde gesagt, dass ein Ehepartner gemäß den Vorschriften der Gesellschaft ohne den Partner für 14 Tage oder länger zum Arbeiten ins Bethel gerufen werden könne, wenn die Gesellschaft dies für notwendig oder gut hielt. ...

Ein anderes Vorkommnis, was uns zu schaffen machte, geschah ein wenig später während des Sommerkongresses 1988. Es war gerade Programmpause und ich traf ein Ehepaar, das wir schon viele Jahre kannten. Er war Engländer, sie Deutsche. Viele Jahre waren sie im Pionierdienst gewesen, und wir hatten sie ermuntert, in den Sonderdienst zu gehen. Als ich sie traf, waren sie schon einige Jahre als Sonderpioniere in einer Versammlung, die hauptsächlich in Deutschland stationierten, englischen Soldaten diente. Sie erzählten mir, dass es sehr schwer sei, in ihrem Gebiet zu arbeiten. Nur sehr wenige Menschen reagierten günstig auf ihre Predigttätigkeit, wobei dies meist unter Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern der Fall war.

Tatsache war, dass nicht ohne negative körperliche und psychische Folgen blieb. Der Bruder war wegen Herzproblemen in Behandlung. Seine und ihre Nerven waren äußerst angespannt. Sie waren körperlich und geistig "am Boden". Während ihres täglichen Dienstes konnten sie mit kaum einem Menschen sprechen. Die Brüder und Schwestern aus ihrer Versammlung wohnten weit verstreut und auch ziemlich weit von ihnen weg. Weder aus finanziellen Gründen noch aus Zeitgründen konnten sie es sich leisten, sie zwecks "Austausch von Ermunterung" (Römer 1:12) zu besuchen.

Mein Eindruck war, dass sie nichts mehr nötig hatten, als mit einem reifen Bruder sprechen zu können. Sie sagten, sie seien "bereit, den Sonderdienst aufzugeben". Das war ein Alarmsignal: Hilfe war so schnell wie möglich notwendig. Das Ehepaar erzählte mir, dass sie versucht hatten, mit dem einzigen Ältesten ihrer Versammlung zu reden, aber er war kein Pionier und hatte Schwierigkeiten, ihre Situation zu verstehen. Im Laufe der Jahre hatten mein Mann und ich erkannt, dass im Allgemeinen nur "Vollzeitdiener" für "Vollzeitdiener" Verständnis hatten, weil sie genau wussten, was dieser Dienst bedeutet.

In der Versammlung des Ehepaares gab es keine anderen Pioniere, mit denen sie hätten reden können. Pionieren wurde von der Organisation sowieso nicht empfohlen, ihre Probleme mit "allgemeinen Verkündigern", zu besprechen, also Zeugen Jehovas, die nicht im Pionierdienst waren, um sie nicht davon abzuhalten, den "Vollzeitdienst" aufzunehmen.

Das Ehepaar erzählte mir, dass sie ihre Verwandten und Freunde sehr vermissten, und dass sie liebend gerne wieder ihrer früheren Versammlung zugeteilt wären. - Ich erinnere daran, dass Sonderpioniere dorthin geschickt werden, wo sie benötigt werden. Daher dachte ich, nachdem sie mir ihre Empfindungen mitgeteilt hatten, dass entweder der Kreisaufseher oder unser Bezirksaufseher, die beide bei diesem Kongress anwesend waren, die richtigen Personen wären, um mit ihnen zu sprechen. Der Bezirksaufseher war der bereits erwähnte Freund von uns. Mein Mann hatte bei dem Kongress die Zuteilung des Bühnenaufsehers und musste dafür sorgen, dass während des Kongresses auf und hinter der Bühne alles reibungslos ablief. Als er sich uns ein wenig später anschloss, ermunterte er den englischen Bruder, mit ihm hinter die Bühne zu gehen. Dort könnte er doch direkt mit dem Bezirksaufseher sprechen.

Langzeitpionieren ist es eine bekannte Tatsache, dass diese verantwortlichen Aufseher sehr beschäftig sind. Aber wir konnten sehen, dass das Ehepaar nicht mehr weiter wusste. Für uns war das eine echte Notsituation, die sofortige Aufmerksamkeit verdiente. Der englische Bruder war sehr bescheiden und wollte den Bezirksaufseher nicht belästigen. Aber als das Ehepaar schließlich einwilligte, (mein Mann) hinter die Bühne zu begleiten, war ich davon überzeugt, dass Jehova hinter all dem stand, um ihnen die für sie nötige Hilfe zu beschaffen. Das machte mich wirklich glücklich.

Als ich meinen Mann wieder sah, war er so weiß wie die Wand. Was war geschehen? Als (er) den Bezirksaufseher in der Angelegenheit ansprach, meinte er, er könne ihm, was das Ehepaar betraf, nicht helfen. Er sagte, es sei ihm offiziell nicht gestattet, während des Bezirkskongresses mit den Brüdern und Schwestern über irgendwelche Probleme, die sie hätten, zu reden. Als er (meines Mannes) äußerst ungläubigen Blick sah, zog er einen Brief aus seiner Aktentasche und zeigte ihm einen offiziellen Brief der Leitenden Körperschaft der Gesellschaft. Darin stand, dass es Kreis- und Bezirksaufsehern nicht mehr gestattet sei, während der Bezirkskongresse mit den Brüdern und Schwestern über deren Probleme zu sprechen, und zwar ohne jede Ausnahme. Sie waren gehalten, sich während der Bezirkskongresse auf ihre Dienstzuteilung zu konzentrieren. Für den Fall, dass ein Gespräch wirklich notwendig wäre, schlug die Gesellschaft vor, dass sich die betreffenden Brüder und Schwestern an einen anderen Ältesten wenden sollten, oder dass sie bis zum nächsten Kreiskongress warten sollten, wo sie mit den Reisenden Aufsehern sprechen könnten. ...

Als mein Mann mir erzählte, was geschehen war, war ich genauso schockiert wie er. Das Ehepaar brauchte unbedingt Hilfe. Zu welchem Ältesten sollten sie gehen? Wer wäre in der Lage, ihr Problem zu lösen? Sie brauchten einen Bruder, der ihre Lage den zuständigen Brüdern im "Zweigbüro" in Selters darlegen könnte. Alles, was sie nun tun konnten, um die richtige Hilfe zu erhalten, war, auf den nächsten Kreiskongress zu warten, der noch mehr als drei Monate in der Zukunft lag.

Wo war die Liebe, die liebende Organisation, der wir angehörten? Diese Frage ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich musste einfach die Frau des Bezirksaufsehers ansprechen, um mit ihr privat über meine Gefühle zu sprechen. Sie sagte mir, es täte ihr leid, und dass sie sicher sei, dass ihr Mann sehr gerne geholfen hätte, er zu diesem Zeitpunkt aber nichts tun könne, da die Anweisung der Gesellschaft so und nicht anders lautete. Ich schätze, sie hatte Recht.

Vielleicht hätten andere Brüder und Schwestern die Situation nicht für so dramatisch gehalten wie wir. Aber wir waren gelehrt worden, dass es die Verantwortung solcher Brüder, der "Hirten" sei, sich um hilfsbedürftige Brüder und Schwestern zu kümmern. Außerdem war es unsere unerschütterliche Überzeugung, dass dieser Bruder, unser Freund, genau die richtige Person war, um mit diesem Ehepaar zu sprechen, und dass er definitiv in der Lage wäre, ihnen zu helfen. Und da war er nun, mehr als bereit zu helfen, durfte es aber nicht wegen einer Anweisung, die vom "treuen und verständigen Sklaven", dem Kanal Jehovas, gegeben worden war. Das war schwer zu schlucken. ..."


Einige weitere Details überspringend ist zu registrieren, die Berichterstatterin und ihr Mann sahen sich letztendlich erneut genötigt, den Vollzeitdienst für die WTG zu quittieren.
Ihre Erfahrung diesbezüglich beschreibt sie so:

"Einige Wochen nachdem wir unseren Sonderdienst beendet hatten, machten wir eine Erfahrung, die uns nicht neu war. Wenn die Gesellschaft einem Bruder oder einer Schwester im Vollzeitdienst Vorrechte gewährt hatte, er oder sie aber den Dienst aufgab, wurden ihm diese eine Zeitlang entzogen. Es wurde allgemein gemutmaßt, diejenigen, die den Vollzeitdienst verließen, könnten geistig schwach geworden sein. Nachdem wir mit dem Sonderdienst hatten aufhören müssen, rief uns einer der Brüder vom Bethel, mit dem wir viele Jahre zusammengearbeitet hatten, an, um uns davon zu unterrichten, dass unser Computer abgeholt würde, um umprogrammiert zu werden. Wir konnten das nicht recht glauben, da wir unseren Computer nur als Schreibmaschine benutzten. Wozu brauchten wir ein anderes Computerprogramm für unsere Schreibarbeit? Es war auch ungewöhnlich, dass wir damit unvorbereitet konfrontiert wurden. Wenn natürlich unsere frühere Beobachtung richtig gewesen war, dann konnten wir uns leicht vorstellen, warum uns der wirkliche Grund für ein solches Vorgehen nicht genannt wurde. Offensichtlich wollte die Gesellschaft uns erst eine Weile "beobachten". Aber es störte uns nicht sehr, da wir der Ansicht waren, dass sich die Brüder im Bethel nach einiger Zeit davon würden überzeugen können, dass wir weder geistig schwach noch der Organisation gegenüber untreu geworden waren."

Ein weiterer Teil des Berichtes, morgen dann.

Re: Ein weiterer Erlebnisbericht

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 13. März 2010 02:09

(Teil drei von drei Teilen im Rahmen der hiesigen Referierung)
Ihre Gewissensprobleme weiter beschreibend, berichtet die Berichterstatterin dann:

"Je mehr Erkenntnis wir aufgrund unseres persönlichen Bibelstudiums gewannen, desto drängender wurde die Frage: Kennt die Wachtturm-Gesellschaft die Dinge, die wir entdeckt hatten, oder nicht? Wenn nicht, waren wir nicht verpflichtet, sie ihr mitzuteilen? Sollten wir vielleicht an die Gesellschaft schreiben und fragen, ob die zuständigen Brüder der Leitenden Körperschaft nicht überprüfen wollten, ob die Dinge, die wir gefunden hatten, richtig oder falsch waren? Was aber, wenn die Brüder in Brooklyn solch eine Initiative unsererseits nicht schätzen würden?

Eines Tages während des Herbstkongresses 1988 fragte (mein Mann) unseren Freund, den Bezirksaufseher, was man tun könne, wenn man eine biblische Frage habe, die in der Literatur der Wachtturm-Gesellschaft nicht beantwortet würde. Könne man einfach an die Leitende Körperschaft in den USA schreiben, oder was sonst? Der Bruder antwortete, dass es weise sei zu warten, bis eines der Glieder der Leitenden Körperschaft in unserem Land einen "öffentlichen Vortrag" geben würde. Wenn der Bruder nicht zu sehr unter Zeitdruck stünde, könnte man ihn nach dem Programm aufsuchen und ihm die Frage, die man habe, vorlegen. Es stehe im Ermessen dieses Bruders zu entscheiden, ob die besondere Frage der Leitenden Körperschaft schriftlich vorgelegt würde. Ansonsten würde man gebeten zu warten, bis die Gesellschaft in einer künftigen Veröffentlichung zu dem Thema etwas sagen würde.

Nachdem (mein Mann) mit dem Bezirksaufseher gesprochen hatte, kam er zu dem Schluss, dass dies wahrscheinlich nicht der Weg wäre, um unsere Situation kurzfristig zu klären. Denn bis zum Besuch eines Mitglieds der Leitenden Körperschaft in Deutschland konnten viele Monate vergehen. Auch hatten wir Zweifel daran, ob unsere Fragen und die aus unseren Bibelstudien gewonnenen Schlussfolgerungen Zustimmung finden würden. Was, wenn der Bruder der Leitenden Körperschaft unsere Aufrichtigkeit bezweifeln und nicht glauben würde, dass es uns nur um die Beantwortung unserer Fragen ging? Was, wenn er der Ansicht wäre, dass wir Aufmerksamkeit wollten, uns in den Vordergrund drängen wollten, oder sonst etwas? Und erneut war der schlimmste Gedanke, was, wenn solche Fragen wirklich unerwünscht wären? Wir brachten die Angelegenheit im Gebet vor Jehova und warteten ab, was geschehen würde.

Das Ende meiner dreimonatigen Unterbrechung des Pionierdienstes war gekommen. Am 1. Dezember 1988 fing ich wieder mit dem Pionierdienst an, besser gesagt, ich versuchte es. Eben erst hatte ich vom Arzt die Erlaubnis erhalten, wieder selbst Auto zu fahren (ein vorangegangener Autounfall).
Aber ich hatte fürchterliche Schmerzen und war fast nicht in der Lage, im "Felddienst", dem Predigtdienst, meine Büchertasche zu tragen. Einige Male trugen mir die Schwestern, die mit mir im Predigtdienst waren, freundlicherweise die Tasche.

Jetzt erfuhr ich die volle Auswirkung des Vorgehens der Gesellschaft bezüglich dessen, was passierte, wenn jemand ein Dienstvorrecht aufgab, auch wenn dies aus berechtigten Gründen geschah. Meine Schreibtischarbeit hätte es mir sicherlich viel leichter gemacht, meine Verpflichtung von 90 Stunden Dienst als Pionier zu erfüllen. Als ich diesen Gedanken gegenüber dem Bruder der Bethelabteilung andeutete, der uns davon unterrichtet hatte, dass unser Computer abgeholt würde, erhielt ich nur eine vage, ausweichende Antwort. Obwohl ich wusste, dass er nicht darüber entscheiden konnte, ob ich den Computer zurück erhalten sollte oder nicht, hoffte ich, dass er den Gedanken gegenüber dem zuständigen Bruder fallen lassen würde. Da nichts geschah, schlussfolgerten wir, dass "unsere Zeit der Erprobung" durch die Gesellschaft noch nicht vorüber war. ...

Ende Dezember ereignete sich etwas, das auf alle Betroffenen einen erheblichen Einfluss hatte. In letzter Zeit war ich immer unzufriedener mit der "geistigen Speise" gewesen, die uns während der Zusammenkünfte dargereicht wurde. Ich wusste immer noch nicht den wahren Grund dafür oder wollte ihn mir in meinem Herzen nicht eingestehen. Aber eines Tages, nachdem ich von einer Zusammenkunft nach Hause kam, war es unmöglich, es zu ignorieren: Ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass ich während der Zusammenkünfte vollkommen gelangweilt war. Es gab keinen "Austausch von Ermunterung" (Römer 1:12), der für geistige Auferbauung nötig war. Das war besonders schwer zu ertragen, weil ich zu niemandem mit Ausnahme meines Mannes darüber zu sprechen wagte, der aber wenig Zeit hatte und mir schien, dass er nicht wie ich empfand.

An jenem Abend musste (mein Mann) nach der Zusammenkunft im "Königreichssaal" – der Versammlungsstätte der Zeugen - bleiben, um sich um einige Versammlungsangelegenheiten zu kümmern. Ich kam nach Hause von einer unserer angeblich "wundervollen Versammlungen". Ich war gelangweilt, leer, frustriert, ohne jemanden, dem ich mich hätte anvertrauen können, so richtig im Keller, wie man so sagt. Ich kniete nieder und weinte und betete mir das Herz heraus: "Jehova, bitte hilf mir, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Es kostet so viel körperliche Kraft, in die Versammlungen zu gehen, und ich ziehe praktisch nichts daraus. Ich könnte die Zeit so viel besser nutzen, um meine Bibel zu studieren, aber andererseits kann ich auch nicht einfach von den Zusammenkünften wegbleiben. Was soll ich tun? Bitte Jehova, zeige mir, was ich machen soll. Auch brauche ich dringend eine Freundin, jemanden, dem ich mich mitteilen kann. Jehova, ich fühle mich so einsam und verunsichert, bitte, ich flehe Dich an, bitte hilf mir, ich sehe keinen Ausweg." Alles schüttete ich vor Gott in diesem Gebet aus. Ich denke, dass das, was so lange in mir eingeschlossen gewesen war, nicht mehr länger einbehalten werden konnte. Es war zu viel geworden.

Am nächsten Tag sollte ich eine Schwester treffen, um sie zu ihrem Bibelstudium zu begleiten. Ich war zu der Zeit wegen meiner Schmerzen immer froh, wenn mich jemand zu einem Bibelstudium mitnahm. An diesem Abend hätte ich es wirklich vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Im Winter fällt es schwerer, am Abend ein warmes Zuhause zu verlassen, um eine angebliche Pflicht zu erfüllen, die man zudem nicht erfüllen kann, oder die zu erfüllen sinnlos erscheint.

Da Susan früher schon ähnliche Kommentare mir gegenüber gemacht hatte, war ich nicht wirklich überrascht, als sie plötzlich in etwa sagte: "So viele Brüder und Schwestern scheinen wirklich ausgelaugt zu sein. Sie können das neue System kaum erwarten. Wenn Harmagedon nicht bald kommt, ... Ich frage mich manchmal, ob ich selbst es noch lange aushalte. So viele Brüder und Schwestern sind erschöpft. Also muss doch Harmagedon bald kommen, meinst Du nicht?" Ihre Worte schlugen eine Saite in mir an. Ich bemühte mich, sie es nicht merken zu lassen und antwortete ausweichend. Aber sie fasste nach: "Denkst Du nicht auch, dass es jetzt sehr nahe sein muss?"

Ihre Überlegungen stimmten mit denen vieler anderer Zeugen überein. Die meisten arbeiteten wirklich hart, besonders in Anbetracht der Erwartung, dass Harmagedon und damit das Paradies so nahe wären. Sie scheuten weder Zeit, Geld, noch Energie, um Menschen zu Zeugen Jehovas zu machen und, so glaubten sie, deren Leben zu retten. Aber menschliche Energie reicht nur eine Zeitlang aus. Viele meinten, dass Jehova es weder erlauben könne noch würde, dass die Brüder und Schwestern, Sein Volk, zusammenbrechen würden, und Er daher Harmagedon bald kommen lassen müsse, um zu verhindern, dass das geschehen würde.

Nachdem mich Susan festgenagelt hatte, antwortete ich, dass ich nicht glaube, Harmagedon sei so nahe, wie dies allgemein von uns angenommen würde. Als ich versuchte, dass Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, sagte sie zu mir: "Nachdem Du jetzt "gegackert" hast, musst Du auch "legen". So berührte ich einige Dinge, die Markus und ich bei unseren Studien gefunden hatten, sehr vorsichtig auch die Tatsache, dass "die Zeit des Endes" 1914 nicht begonnen haben könne. Gespannt wartete ich auf ihre Reaktion.
Während unserer Diskussion wurde Susan klar, dass viele ihrer eigenen Schlussfolgerungen Sinn ergaben, wohingegen so manche Antwort der Gesellschaft auf ihre Fragen nicht zufriedenstellend gewesen war. Trotz des Schocks, den meine Worte anfänglich hervorgerufen hatten, verbrachten wir eine wunderbare Zeit zusammen. ...

Susan erzählte mir am nächsten Tag, dass sie es kaum hatte erwarten können, nach Hause zu kommen, um ihrem Mann zu berichten, was sie von uns gehört hatte. Ihre Wohnung war voller Brüder und Schwestern und deren Kindern. Ihr Heim war immer ein Zufluchtsort für jeden Zeugen Jehovas, der Nahrung, Kommunikation oder Gesellschaft benötigte. Aber an diesem Abend hätte Susan sie alle am liebsten aus ihrem Heim hinauskomplimentiert. Stattdessen rief sie ihren Mann ins Badezimmer, um ein paar Augenblicke mit ihm alleine reden zu können und sagte zu ihm in etwa Folgendes: "Es ist alles falsch! Wie wir es uns schon gedacht haben, was uns als "die Wahrheit" gelehrt wurde, ist alles falsch!" Sie erzählte ihm rasch etwas von dem, was wir miteinander besprochen hatten. Glücklicherweise reagierte Bill nicht so auf das, was er hörte, wie ich es zunächst getan hatte, als (mein Mann) mir einige "revolutionäre" Dinge enthüllt hatte. Bill war nur allzu bereit, alles näher zu untersuchen. Ich glaube, dass auch Bill für vieles so lange Beiseitegeschobene nun Klarheit wünschte. ..."


Der angedeutete Dissenz zieht seine Kreise. Unter anderem die:
"Das Schlimmste aber war, dass diese alten Freunde von uns, wie wir einige Wochen später erfuhren, ihren Brief an uns geschickt hatten, obwohl sie bereits zuvor mit dem Kreisaufseher, der gerade ihre Versammlung besuchte, über uns gesprochen hatten. Als sie uns daher in dem Brief eine Frist von zwei bis drei Wochen gesetzt hatten, innerhalb derer wir mit einem Ältesten sprechen sollten, bevor sie weitere Schritte unternehmen würden, war das Vorspiegelung falscher Tatsachen. Das war besonders gravierend in Anbetracht der Konsequenzen, die sich hätten ergeben können, wenn irgendein Ältester oder, was noch schlimmer gewesen wäre, ein Repräsentant des Bethels, unsere Überlegungen gekannt hätte. Wir erlebten, wie gefährlich es für jeden Zeugen Jehovas war, selbst zu seinen Freunden über Dinge zu sprechen, die er in seinen persönlichen Bibelstudien lernte, wenn sie nicht vollständig mit den Lehren der Wachtturm- Gesellschaft übereinstimmten.

Im April wurde in den Versammlungen damit begonnen, das OFFENBARUNGSBUCH zu "betrachten". Viele Male wurde mir übel, wenn ich bestimmte Ansprüche darin las, die bezüglich der Zeugen Jehovas oder der Organisation erhoben wurden, was für eine ach so "wunderbare Organisation" wir waren.

So wenig wir zu der Zeit auch wussten, - obwohl es uns viel erschien -, war es doch genug, unsere Augen zu öffnen und zu erkennen, dass diese Prophezeiungen nicht nur falsch waren, sondern auch irreführend. Sie würden einen gewaltigen Einfluss auf das Leben von Millionen von Brüdern und Schwestern und anderen Menschen haben, die mit Zeugen Jehovas assoziiert waren und dem "treuen und verständigen Sklaven" vertrauten.

Ich kannte eine ältere Schwester und ihren ungläubigen Mann, die ihre Rente nicht gesetzlich geregelt hatten, weil sie den Prophezeiungen der Gesellschaft bezüglich der Zeit des Endes glaubten. Nicht nur sie, auch andere dachten, dass das neue System kommen würde, bevor sie irgendeine Rente benötigen würden. Diese und andere Auswirkungen würden auch in Zukunft die Folge vollkommenen und blinden Vertrauens in die Voraussagen der Gesellschaft sein. Es wurde für uns daher immer dringlicher, eine Antwort auf die Frage zu erhalten: "War die Klasse des "treuen und verständigen Sklaven", ja, war die Wachtturm-Gesellschaft tatsächlich verantwortlich für solche Auswirkungen oder nicht? ...

Dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - beschlossen Bill und (mein Mann), ihr Ältestenamt niederzulegen. Das war eine gewaltige Entscheidung, denn ein Ältester - landläufig Bischof - zu sein, bedeutete eigentlich, dies auf Lebenszeit zu sein. Die einzigen Gründe, das Ältestenamt niederzulegen, waren ernste Gesundheitsprobleme des Bruders, oder dass ihm die Arbeit als Ältester zu viel wurde, so dass er meist um der Familie willen auf sein Amt verzichten musste, oder es lag ernsthaftes Versagen als Familienoberhaupt vor. Da der gewöhnlich einzige andere Grund für die Aufgabe des Ältestenamts die Entlassung eines Ältesten durch die Gesellschaft infolge eines schwerwiegenden Vergehens seinerseits war, ist leicht einzusehen, dass ein Bruder solch einen Schritt immer wieder überdenken würde, bevor er sich dazu entschließen würde.

Die Versammlung und vor allem die verantwortlichen Brüder waren, gelinde gesagt, geschockt. Mit den unterschiedlichsten Strategien versuchten sie wieder und wieder herauszufinden, was hinter der Entscheidung dieser beiden Ältesten stand. Aber Bill und (mein Mann) bestanden beharrlich darauf, dass sie ihre Entscheidung aus Gewissensgründen getroffen hatten, über die sie nicht sprechen wollten, aber dass ihr Gewissen vor Jehova vollkommen in Ordnung war. Die sich anschließenden Vermutungen und das Gerede brachte die ganze Versammlung in Aufruhr. Der Kreisaufseher bemühte sich sehr, Bill und (mein Mann) dazu zu bringen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen. Viele Brüder und Schwestern versuchten alles, um dasselbe zu erreichen. Aber es sollte erwähnt werden, dass, zumindest zunächst, alle die Entscheidung zu respektieren schienen.

Natürlich wollen menschliche Herzen Bescheid wissen. Daher versuchten die Brüder und Schwestern alle möglichen mehr oder weniger "unschuldigen" "Tricks", um "hinter die Kulissen" zu schauen. Niemand rückte zunächst damit heraus, was er für den tatsächlichen Grund hielt. Aber schließlich zeigten uns die Andeutungen, die gemacht wurden, und die Art und Weise, in der die Brüder an uns herantraten, dass sie zu dem Schluss gekommen waren, wir seien geistig schwach geworden, zumal wir eine ganze Anzahl von Zusammenkünften versäumten. Andere schlussfolgerten, dass wir Probleme mit dem Materialismus hätten, weil (mein Mann) nun selbständig war und in einem sehr viel versprechenden Wirkungsbereich tätig war. Andere wiederum glaubten, dass das Problem mit Markus' Arbeit selbst zu tun hätte, dass seine Arbeit Priorität vor Jehova bekommen hatte. Aber das stimmte natürlich alles nicht. Ein Ältester hatte sogar überlegt - er gab dies ein paar Monate später zu -, Markus habe irgendwelche unehrliche Geschäftsmethoden angewandt und habe daher die Notwendigkeit gesehen, aus Gewissensgründen zurückzutreten.; und all diese Vermutungen trotz der Tatsache, dass mein Mann) betont hatte, dass sein Gewissen in dieser Angelegenheit vor Jehova vollständig rein war!

Es gab eine Menge Unruhe in der Versammlung. Wir spürten, dass viele Brüder allmählich ihre Haltung uns gegenüber in negativer Hinsicht änderten, umso mehr, je länger sie nicht den wahren Grund für Bills und (meines Mannes) Entscheidung kannten. ...

Die folgenden Wochen erwiesen sich als Spießrutenlauf. Nicht, dass man etwas zu uns gesagt oder etwas gegen uns unternommen hätte: im Gegenteil, es war das, was nicht gesagt oder getan wurde: es "lag etwas in der Luft". Die Ältesten, vor allem der Vorsitzführende Aufseher, wirkten fortwährend unserem angeblichen, schlechten Einfluss auf die Versammlung von der Bühne aus entgegen. Der einzig schlechte Einfluss, den wir verspürten, kam durch die Haltung der Brüder und Schwestern. Einige dachten anscheinend, sie wüssten, was "im Gange" wäre, obwohl nichts "im Gange" war, jedenfalls nicht unsererseits. Andere dachten offensichtlich, dass nun endlich der wahre Grund für (meines Mannes) Ausscheiden als Ältester ans Licht gekommen wäre. ...

Es wurde immer deprimierender, mit den Brüdern zusammen zu sein. Viele fühlten sich in unserer Gegenwart unbehaglich, weshalb wir uns auch unbehaglich fühlten, obwohl wir ihnen gegenüber ein reines Gewissen hatten. Es belastete uns natürlich, dass wir nicht offen mit ihnen reden konnten. Selbst zu der Zeit begriffen wir eigentlich nicht, dass die Regeln der Gesellschaft das eigentliche Problem hinter all dem waren. Würden wir den "Mund aufmachen", würden wir als "Abtrünnige" gelten, da wir aber den "Mund hielten", führte dies zu allerlei Vermutungen seitens unserer geliebten Brüder und Schwestern. Auch fiel es uns ziemlich schwer, unser Gewissen nicht durch die Dinge zu belasten, die der "Sklave" uns lehrte, und sie andere zu lehren. Wir wollten wirklich nicht von den Brüdern verurteilt werden, aber gleichzeitig wollten wir herausfinden, was wahr war, was Jehova wohlgefällig war und was nicht.

Im Laufe der Zeit verspürten wir ein wachsendes Misstrauen uns gegenüber, und zwar so sehr, dass wir schließlich nicht mehr wussten, warum wir eigentlich noch die Zusammenkünfte besuchen sollten: uns wurde nicht gestattet, zum Geist der Versammlung beizutragen, und wohl fühlten wir uns dort auch nicht mehr. Unser Bibelstudium zu Hause war sehr segensreich, wohingegen wir den Besuch der Zusammenkünfte weitgehend als Zeitverschwendung empfanden.

Die "Hexenjagd" hatte begonnen. Wir erhielten Telefonanrufe von Brüdern und Schwestern, die meinten, uns, die angeblich geistig Schwachen, "ermuntern" zu sollen, wieder regelmäßig zu den Zusammenkünften "der einzigen Organisation, die Jehova gebrauchte" und der "wunderbaren Speise" zurückzukommen, die nur der "treue und verständige Sklave" austeilte. Sie redeten und redeten, aber ... wir durften nicht, andernfalls wären wir aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden. Oh, was war das für eine Qual! Liebend gerne hätten wir ihnen die Augen geöffnet, aber wir konnten es nicht, es war nicht uns nicht möglich ohne fatale Konsequenzen.

Der nächste Kongress kam, und wir waren froh, einen guten Grund - unsere Umzugsarbeiten - zu haben, nicht daran teilnehmen und uns "an der wunderbaren geistigen Speise" "erfreuen" zu müssen. Sie interessierte uns einfach nicht mehr. Die Ältesten waren äußerst bemüht herauszufinden, wie wir gegenüber dem "Sklaven" eingestellt waren. Wir waren uns zu dem Zeitpunkt diesbezüglich nicht so sicher, aber wir wussten, dass Jehova für uns an der ersten Stelle stand. Doch ob es so war oder nicht, interessierte niemanden, es war unfassbar; es ging nur um die Organisation und unsere Beziehung zu ihr. Ich war bereit, diese Organisation hinter mir zu lassen, entschloss mich aber, auf meinen Mann Rücksicht zu nehmen Er hatte sich selbständig gemacht und beschäftigte Brüder. Wie würden sie reagieren, wenn wir die Organisation verließen? Eigentlich war das keine Frage. Wir konnten uns inzwischen gut vorstellen, wie sie reagieren würden. Wie könnten wir ihnen also beweisen, dass, ..., tja, was mussten wir eigentlich beweisen? ...


Nun also trat sie doch noch ein, die Nach WTG-Zeit in diesem Fall. Dazu schreibt die Autorin:
"Obwohl unsere "Scheidung" von der Organisation eine Erleichterung war, kam es einem Alleingelassensein im Niemandsland gleich. Die Nachwirkungen dieser Trennung machten sich fortwährend bemerkbar. Obwohl wir die Entscheidung bewusst und ganzherzig getroffen hatten und uns theoretisch auch die Konsequenzen unserer Entscheidung - zumindest seitens der Organisation und der Brüder - bekannt gewesen waren, erwies sich das praktische Ausleben unserer Entscheidung als echte Prüfung. (Mein Mann) und ich gingen getrennte Wege, was die Umsetzung der Entscheidung betraf. Mein Mann beschloss sehr rasch, sich fortan den "handfesteren" Alltagsproblemen zu widmen, von denen er jede Menge hatte. Ich dagegen sah mich plötzlich auch noch von meinem Mann allein gelassen. Nicht dass er es gewollt hätte. Es war lediglich seine Art, mit seiner Situation fertig zu werden.

Die Berichterstatterin meint dann im neuen Durchdenken gewisser Bibelstellen den von ihr gesuchten geistigen Halt gefunden zu haben.
Sie setzt sich dann auch mit den Angeboten der klassischen Konkurrenzreligionen zur WTG auseinander, muss letztendlich aber doch einräumen.
Zuviel der "nicht herunterschluckbaren Kröten" in ihnen.
Ein charakteristischer Satz für diese Phase ihrer Entwicklung:
"Mein Mann war auch nicht unbedingt eine Hilfe. Wenn er ab und zu mitbekam, wie ich im Radio Gottesdienstansprachen oder den Evangeliumsrundfunk anhörte, der mir, Gott sei es gedankt, damals sehr viel geholfen hat, dann meinte er, das sei sowieso alles derselbe Unsinn, und ich könne mir das alles sparen oder auch gleich zu den Zeugen zurückgehen. Das wollte ich natürlich nicht, daran hatte ich nie Zweifel. Es war ja so, dass ich meine Entscheidung nicht nur vor dem Verlassen der Organisation überprüft hatte, sondern auch nachher feststellen musste, dass weder eine Änderung der Organisation noch des Lehrgebäudes zu erwarten war. Seit Jahrzehnten hatte sich ja diesbezüglich nichts geändert oder verbessert, wenngleich Gott mit den einzelnen Menschen darin bestimmt handelte. Da war ich mir sicher, denn sonst wäre ich ja nicht von Ihm von dort hinaus geführt worden."

Es steht mir nicht an, diese Individualbiographie weiter zu kommentieren. Der Text wurde meinerseits redaktionell gekürzt im Sinne einer Straffung der wesentlichen Aussagen in ihm.
Ich fürchte, mancher aus dem hiesigen Leserkreis, wird bei seiner Lektüre mit dem Gefühl zu kämpfen haben, da in einen "Spiegel" hineinzuschauen!

Re: Ein weiterer Erlebnisbericht

geschrieben von:  Alphabethus

Datum: 13. März 2010 08:49

"Ich fürchte, mancher aus dem hiesigen Leserkreis, wird bei seiner Lektüre mit dem Gefühl zu kämpfen haben, da in einen "Spiegel" hineinzuschauen!"

Sehr gut erfasst. Zu diesen gehörte ich auch, als ich den gesamten Bericht zu lesen bekam und es ist ein durchaus schmerzliches Schauen.

Re: Ein weiterer Erlebnisbericht

geschrieben von: Frau von x

Datum: 13. März 2010 13:29

Zitat:

Drahbeck
Ich fürchte, mancher aus dem hiesigen Leserkreis, wird bei seiner Lektüre mit dem Gefühl zu kämpfen haben, da in einen "Spiegel" hineinzuschauen!

Leider, aber glücklicherweise tut es mit jedem Mal weniger weh.
Erschreckend ist, daß die WTG nicht nur Jahrzehnt für Jahrzehnt, sondern Jahrhundert für Jahrhundert mit den gleichen Worthülsen Erfolg zu haben scheint.

Zitat:

Die meisten arbeiteten wirklich hart, besonders in Anbetracht der Erwartung, dass Harmagedon und damit das Paradies so nahe wären. Sie scheuten weder Zeit, Geld, noch Energie, um Menschen zu Zeugen Jehovas zu machen und, so glaubten sie, deren Leben zu retten. Aber menschliche Energie reicht nur eine Zeitlang aus. Viele meinten, dass Jehova es weder erlauben könne noch würde, dass die Brüder und Schwestern, Sein Volk, zusammenbrechen würden, und Er daher Harmagedon bald kommen lassen müsse, um zu verhindern, dass das geschehen würde.

UNSER KÖNIGREICHSDIENST für März S.2:
"Warum werden wir immer wieder angespornt, unsere Zeit, Kraft und Mittel im Dienst einzusetzen? Weil es einfach nichts Wichtigeres gibt! Denkt man darüber nach, was für weitreichende Auswirkungen unser Dienst hat, drängt es einen noch viel mehr, bei diesem einmaligen Werk mitzumachen (...).
...
Durch unser Predigen und Lehren retten wir uns selbst und die, die auf uns hören (...). Es ist wirklich eine große Ehre, bei diesem wichtigen Werk mitzumachen.
Bald wird die ungerechte Welt von heute in der großen Drangsal ein abruptes Ende nehmen. ... Zu predigen und Menschen zu Jüngern Jesu zu machen ist also heute wichtiger, dringender und weit mehr wert als alles andere. Setzen wir es in unserem Leben an die erste Stelle! ... "

Zitat:

Der nächste Kongress kam, und wir waren froh, einen guten Grund - unsere Umzugsarbeiten - zu haben, nicht daran teilnehmen und uns "an der wunderbaren geistigen Speise" "erfreuen" zu müssen.

S.3
"Wir freuen uns schon auf das geistige Festessen, das uns beim Bezirkskongress 2010 erwartet. Wir wollen unbedingt an allen drei Tagen anwesend sein. ..."
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