"Schriftstudien" Band I

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 20. Februar 2010 13:50

Wie man weis veränderte Rutherford die Struktur der jetzigen Zeugen Jehovas, im Vergleich zur Zeit Russells beträchtlich.
Darüber kann es auch keinen Zweifel geben.
Aber es gab eben auch schon zu Rutherford's Zeiten Opposition dagegen.

Und Reste jener geschichtlichen Opposition gibt es noch heute.
Nun vernimmt man die These.
Band I der als „Schriftstudien" bekannten Bände, offerierte ja noch nicht im Detail Russells Terminkalender. Beginn der Endzeit 1799.
Beginn der „Erntezeit" 1874 und Ende selbiger dann 1914 und anderes mehr.

Nun dürfte meines Erachtens nicht strittig sein. Schon bei Erscheinen von Band I wies Russell darauf hin. Es bleibt nicht bloß bei Band I. Es folgen noch weitere.
Insofern kann der Hinweis, einige Aussagen in Band 2 usw. seien in Band I noch nicht expliziert ausgeführt, nicht wirklich überzeugen.
Auf Seite 320 (Online-Ausgabe; hier und nachfolgend nach der von Herbert Raab transkripierten Ausgabe zitiert) liest man beispielsweise;

„In Band 2 dieses Werkes wird aus dem Zeugnis des Gesetzes und der Propheten des Alten Testamentes, sowie auch aus dem des Herrn Jesu und der apostolischen Propheten des Neuen Testamentes der deutliche und unumstößliche Nachweis erbracht werden, daß dieser Tag der Drangsal chronologisch in den Anfang der glorreichen Millenniums-Herrschaft des Messias zu verlegen ist."

Also Russell selbst verweist da schon auf einen Band II, den er keineswegs als „apokryph" erklärt.

Nun gibt es mittlerweile einige Ausgaben der „Schriftstudien", wenn auch nicht alle leicht erreichbar sind. Sie differieren auch in ihren Seitenzahlen, und manchmal nicht nur bei diesem Aspekt.
Die noch mit am leichtesten erreichbare Ausgabe (auch Online) ist die von der WTG 1926 gedruckte Ausgabe. Selbst der „Tagesanbruch" nutzte für seinen Deutschsprachigen Nachdruck just diese Ausgabe.
Auf Seite 319 (Tagesanbruch-Ausgabe Seite 372) von Band I liest man beispielsweise die Russell-These:

„Um deutlich zu werden, lassen wir dieses zutreffende Bild des Apostels beiseite und sagen: Die Anstrengungen der Massen, sich aus der Herrschaft des Kapitals und der Maschinen zu befreien, wird eine zu VORZEITIGE sein; Pläne und Vorkehrungen werden noch unvollständig und ungenügend sein, wenn sie von Zeit zu Zeit ihren Weg erzwingen und die engen Bande von „Angebot und Nachfrage" sprengen wollen. Jeder erfolglose Versuch wird die Zuversicht des Kapitals auf seine Fähigkeit, die bestehende Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten, stärken, bis endlich die zurückhaltende Macht der Organisationen und Regierungen ihre äußerste Grenze erreicht hat, und die Bande des gesellschaftlichen Organismus zerreißen werden."

Dies ist meines Erachtens ein Kernsatz von Band I.
Weite Teile der übrigen Religionsindustrie suchten den wissenschaftlich-technischen Fortschritt madig zu machen. Verstiegen sich gar dazu, ihn mit dem Turmbau zu Babel zu vergleichen.
Nicht so Russell. Er ging diesbezüglichen Konfrontationen aus dem Wege, deutete gar den technischen Fortschritt als Zeichen der „heraufziehenden Reiches Gottes".
Aber wie gelesen, den Versuch der Massen „die engen Bande von Angebot und Nachfrage" sprengen zu wollen, bezeichnet er als eine „zu vorzeitige".

Namentlich die Aspekte „Kampf zwischen Kapital und Arbeit" breitet er dann insbesondere noch in Band 4 seiner „Schriftstudien" aus. Nach meinem Dafürhalten ist jener Band 4 der allerwichtigste, wenn man denn Russell's Anliegen verstehen will. Seine Endzeitdaten, seine Pyramidenbegeisterung sind dabei dann lediglich „Zutaten", aber nicht unbedingt der existenzielle „Nerv".

Nochmals zu Band I zurückkehrend. Auf Seite 311f. etwa, liest man auch:
„Wir (Handwerker und Arbeiter) sehen, wenn auch die Menschheit im großen und ganzen an den Segnungen unserer Tage teilgenommen hat, so haben doch die, welche vermöge größeren Geschäftstalentes oder durch Erbschaft oder durch Betrug und Unehrlichkeit Besitzer von Hunderttausenden und Millionen von Mark geworden sind, nicht nur diesen Vorteil allen anderen voraus, sondern sind auch mit Hilfe der Erfindungen von Maschinen usw. in der Lage, das Verhältnis der Zunahme ihres Reichtums im Verhältnis zur Abnahme der Gehälter der Lohnarbeiter aufrecht zu erhalten. Wir erkennen, daß das kalte Gesetz des Angebots und der Nachfrage uns vollständig verschlingen würde, wenn nicht Schritte getan werden zum Schutze der wachsenden Zahl der Handwerker gegen die wachsende Macht des Monopols, dem noch dazu die arbeitsparenden Maschinen usw. zur Seite stehen."

Also in andere Worte umformuliert. Russell rekapituliert. Ein ungebremster Manchesterkapitalismus, ohne soziale Komponente, beschwört Gefahren herauf, die nur in einem Ende mit Schrecken ausufern könnten.

Auch auf Seite 298 (Tagesanbruch-Ausgabe Seite 346) liest man:
„Nichtsdestoweniger besteht in unserer Zeit eine wachsende Opposition der Besitzenden und der arbeitenden Klassen gegeneinander -- eine wachsende Bitterkeit auf Seiten der Arbeiter und ein wachsendes Gefühl unter den Besitzenden, daß nur der starke Arm des Gesetzes das, was sie für IHR RECHT halten, beschützen kann. Folglich werden die Reichen mehr auf die Seite der Obrigkeiten gezogen, und die um Lohn arbeitenden Massen fangen an zu denken, daß Gesetze und Obrigkeiten nur zu dem Zwecke da wären, den Begüterten zu helfen und die Armen im Zaume zu halten, und darum werden sie dem Kommunismus und der Anarchie in die Arme getrieben, in der Meinung, daß ihre Interessen dadurch am besten gefördert würden, wobei sie vergessen, daß die schlechteste und teuerste Regierung bei weitem besser ist als gar keine."

Also auch diese Russell-These liegt auf ähnlicher Wellenlänge, und es lassen sich noch ein paar mehr Belegstellen dafür erbringen.

Auf Seite 250 postuliert er:
„Wenn wir die gegenwärtigen Regierungen vom Standpunkte unseres Herrn und des Propheten Daniel betrachten und den wilden, zerstörungslustigen, tierischen und selbstsüchtigen Charakter der Reiche erkennen, müssen da nicht die Herzen aller Heiligen das Ende aller heidnischen Obrigkeiten herbeiwünschen und frohlockend der glückseligen Zeit entgegensehen, da die Überwinder des gegenwärtigen Zeitalters mit ihrem Haupte auf den Thron gesetzt werden sollen, um die seufzende Schöpfung zu regieren, zu segnen und wiederherzustellen? Wahrlich, von ganzem Herzen können sie wie unser Herr beten: -- „DEIN KÖNIGREICH KOMME; dein Wille geschehe, wie im Himmel, ALSO AUCH AUF ERDEN."

Als Russell nahm, durchaus im Sinne der Marx'sche Religionstheorie, den Aspekt des „Seufzers der bedrängten Kreatur" auf. Er wähnt auch auf einen vermeintlichen Ausweg dabei extensiv hinweisen zu können, das vermeintliche „göttliche Eingreifen", zu dem unsereins allerdings noch einen Detailsatz hinzufügen würde:

AM SANKT NIMMERLEINSTAG!

Re: "Schriftstudien"

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 22. Februar 2010 14:27

Nochmals "Schriftstudien" Herausgegeben vom Tagesanbruch.

Sämtliche sechs Bände vom Tagesanbruch, entsprechen inhaltlich, nach meiner Beurteilung weitgehend, wortwörtlich, ohne erkennbare Differenzen, der WTG-Auflage von 1926.
Jedenfalls kann gesagt werden. Herbert Raab hat bei seiner Transkription der sechs Bände Schriftstudien, die Auflage der WTG von 1926 zugrunde gelegt.
Ob die Raab'sche Edition, die ja im Internet Online zugänglich ist, identisch mit jener ist, welche auch der Tagesanbruch und verwandte Kreise Online gestellt haben, will ich nicht unbedingt behaupten.
Mir fehlt auch die Zeit und die Lust dazu, dass minutiös nachzuprüfen.
Grundsätzlich weisen die Ausgaben des Tagesanbruch (deren sechs Bände habe ich vorzuliegen) zum Teil auch Unterschiede auf.

Die WTG-Auflagen sind in Frakturschrift gedruckt. Die des Tagesanbruch teilweise in heutiger Schreibschrift.
Es erfolgte soweit nicht in jedem Falle ein Photomechanischer Nachdruck, sondern der Text wurde neu gesetzt.
Daraus resultieren auch Seitenunterschiede.

Am Einzelbeispiel verifiziert.

Band 1
Die Ausgabe 1926 habe ich zwar im Bibliothekswesen auch eingesehen, habe aber als Privatexemplar nur die WTG-Ausgabe von 1919 vorzuliegen.
Das Russell'sche 1916 verfasste Vorwort, gibt es in ihr nicht.
Mein genanntes Exemplar hat einen Umfang von 342 Seiten, zuzüglich Reklame-Anhang
Band I Tagesanbruch, Deutschsprachig laut Vorwort 1950 in den USA gedruckt, enthält auch nicht das 1916er Vorwort und hat einen Umfang von 390 Seiten.
Indes die Edition von Herbert Raab (WTG 1926) enthält sehr wohl jenes 1916er Vorwort

Band 2
Auflage WTG 1926 (vorliegend) 358 Seiten Umfang, zuzüglich nicht numerierter Anhang
Auflage des Tagesanbruch (ohne diesbezügliches Impressum); gleichwohl von selbigem bezogen. 366 Seiten Umfang, + nicht numerierter Anhang.
Offenbar Photomechanischer Nachdruck in Frakturschrift. Zugrunde liegt die WTG-Ausgabe 1916. Das 1916er Vorwort ist in ihr enthalten, im Gegensatz aber zum übrigen Text in heutiger Schreibschrift gesetzt, während in der mir vorliegenden WTG-Ausgabe, auch jenes Vorwort in Frankturschrift gesetzt ist.
Offenbar hatte der Tagesanbruch auch mal eine stark gekürzte Auflage von Band 2 herausgebracht. (Man kann für gekürzt vielleicht nach besser ein anderes Wort einsetzen, und zwar "zensiert").
Jene gekürzte Ausgabe (nur 166 Seiten Umfang), habe ich zwar nicht als Privatexemplar vorzuliegen, sie gleichwohl aus dem Bestand der Zentralbibliothek Zuürich eingesehen.
(Dortige Signatur FB 8644-2).
Sie wurde wohl auch in den USA gedruckt, gab aber im Impressum auch die seinerzeitige Westberliner Abschrift mit an (Berlin-Friedenau, Menzelstr. 2).
Wie ich seinerseits im alten Infolink, jenes wo auch Schreiben noch ohne Anmeldung möglich war, auf jene gekürzte Ausgabe hinwies, handelte ich mir einen Protest ein (offenbar aus Tagesanbruch-Kreisen) die das nicht wahrhaben wollten.
Das kann mich aber nicht beeindrucken, da wie ausgeführt, ich jene etwa 1953 gedruckte gekürzte Ausgabe, selbst eingesehen habe.

Band 3
WTG-Ausgabe.
Da habe ich in der Tat kein Privatexemplar, gleichwohl mehrere Ausgaben davon in Bibliotheksbeständen eingesehen. Deren tatsächliche Seitenzahl lasse ich offen, da ich mir das nicht ausdrücklich notiert habe.
Band 3 Tagesanbruch in Frakturschrift (in den USA gedruckt), ein offenbarer Photomechanischer Nachdruck, 366 Seiten, zuzüglich nicht numerierter Anhang, enthält auch das 1916er Vorwort.

Band 4
WTG-Ausgabe 1923 vorliegend (zuzüglich Einsichtnahme von Bibliotheksexemplaren) 512 Seiten Umfang.
Tagesanbruch-Ausgabe mir 1916er Vorwort in Frakturschrift, 534 Seiten Umfang

Band 5
Privat-Exemplar WTG 1914.
Hier ganz besonders zu beachten das Vorwort zur deutschen Ausgabe; unterschrieben von Ed. Pillichody und Gustav Baumann. Die haben in der Tat diesen Band aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt (auch noch die Bände 2, 3 und 4 der frühen WTG-Ausgaben). In der Auflage von 1908 (auch eingesehen) bezeichnen sie sich auch ausdrücklich als die Übersetzer. Das war dann in der 1914er Auflage schon mal abgeschwächt, indem dort der Hinweis auf ihre Übersetzertätigkeit, nicht mehr ausdrücklich mit angegeben ist.
Ohne deren tatkräftige Unterstützung hätte die Russell-Religion auch nie in Deutschsprachigen Kreisen so Fuß fassen können, wie es der Fall war.
Pillichody und Baumann indes sind dann auch wesentliche Stützen des Kreises um die "Aussicht" (in der Schweiz) gewesen.
Je länger je mehr, wollte indes der "Papst" Russell mit denen nichts mehr zu tun haben.
Das kulminierte schließlich soweit, dass die WTG alle sechs Bände, in eigener Regie, nochmals neu übersetzen lies (ersichtlich dann auch an stilistischen Differenzen, und gleichzeitiger Eliminierung des ursprünglichen Serientitels "Millenium-Tagesanbruch".
Jene mir vorliegende 1914er Ausgabe (nebst Einsichtnahme weiterer Bibliotheksexemplare) hat einen Umfang von 485 Seiten, zuzüglich nicht numerierter Reklameanhang.
Die mir vorliegende Tagesanbruch-Ausgabe (mit 1916er Vorwort, dass es so in der 1914er Ausgabe noch nicht gibt), hat einen Umfang von 476 Seiten.

Band 6
Vorliegendes Privat-Exemplar WTG 1917 (zuzüglich Einsichtnahme von Bibliotheksexemplaren) hat einen Umfang von 688 Seiten, zuzüglich nicht numerierterAnhang.
Tagesanbruch-Ausgabe (mit 1916er Vorwort) Frakturschrift, 733 Seiten Umfang.

Ob man die Aussage anerkennen kann:
"Alle Ausgaben nach 1916 sind logischerweise nicht von ihm (Russell) autorisiert ..." erscheint mir so ausgemacht nicht zu sein. Von Russell als nicht Lebenden wohl nicht mehr. Aber von der WTG. Sollte es dennoch Änderungen gegeben haben, dürften die in Sonderheit die von Süsskind herausgearbeiteten Chronologie-Retuschen betreffen.
Ich unterstelle mal, dass es bei den ab 1916 und nachfolgende Jahre gedruckten WTG-Ausgaben, der sechs Bände (Band 7 ist ein Sonderfall), keine inhaltlichen Veränderungen mehr gab (allenfalls die Seitennumerierung variiert).
Wer das Gegenteil behauptet ist aufgefordert das zu belegen.
Er kann ja die 1926er Ausgabe von Herbert Raab transkripiert, im Internet einsehen.
Und dann müsste er belegen, welche Ausgabe, bezüglich welcher Passage, von der inhaltlich differiert. Ich fürchte, es wird nicht leicht werden, einen solchen Beweis zu erbringen.

Sämtliche sechs Bände vom Tagesanbruch, (den gekürzten Band II ausgeklammert; und auch die Vorwort-Frage) entsprechen meiner Meinung nach, inhaltlich, wortwörtlich ohne erkennbare Differenzen, der WTG-Auflage wie sie auch in der Ausgabe der WTG von 1926 vorliegt.

Re: "Schriftstudien"

geschrieben von:  Drahbeck

Datum: 22. Februar 2010 17:04

Russell und sein eschatologischer Zeitkalender, könne also erst im "Nachhinein" bewertet werden, vernimmt man da.
Tja auch von den heutigen Zeugen Jehovas vernimmt man auch nicht selten.
1975 Schnee von gestern.
Wer soll das gesagt haben, doch nicht etwa die Zeugen selbst.

Es ist schon bemerkenswert, was für akrobatische (Gedankenakrobatische) Kunststückchen da vollbracht werden. Nach Tisch.
Vor Tisch indes las man es anders.
Weshalb hat sich Russell eigentlich mit seinem Schwiegersohn, dem Herrn Henniges (Ehemann von Russells Stieftochter Rose Ball) überworfen.
Der hatte an einigen Thesen von Russell begonnen Kritik zu üben. Meine Meinung zu dieser Kritik von Henniges geht allerdings eher in die Richtung.
Theologisches Hinterhofkellergezänk.
Da wissen höchstens "die Götter" wer da recht hat. Und die wissen es wahrscheinlich heute noch nicht so recht.

Warum - da zu einem Konflikt immer zwei gehören - ließ es Russell zum Schisma kommen? Warum baute er ihm nicht eine "goldene Brücke" und vermied das Schisma. Das wäre sicherlich möglich gewesen, und auch möglich ohne "Gesichtsverlust".
Russell indes meinte es nicht zu können.

Warum meinte er das?
Weil, wird ein Steinchen aus seinem kunstvollen Chronologiebau herausgebrochen, bricht nach seiner eigenen Einsicht, das Gesamt"Kunstwerk" zusammen. Und da nicht sein kann was nicht sein soll, nahm er selbst das Schisma mit Henniges in Kauf. Auch das Schisma mit dem Kreis um die "Aussicht" kann man da benennen. Sehr wohl im Bewusstsein, sich da nicht mit einem zu überwerfen, den er schnell wieder vergessen könne, sondern sogar existenziell in der eigenen Familie davon betroffen zu sein

.Das zur angeblichen "Freiheit" Russell Thesen glauben oder nicht glauben zu können.
Noch nie hat ein Papst solcherlei Freiheit wirklich zugestanden. Auch nicht der Papst C. T. Russell.
Siehe zum Thema auch:

http://forum.mysnip.de/read.php?27094,43959,43959#msg-43959


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